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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

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2)ittmar'5 JKöbelfctbrik. 

BERLIN C, Molkenmarkt 6. 




Gegründet 1836. 




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Monatshefte für Politik und 
Wehrmacht [auch Organ der ... 



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Jahrbücher 

fUr die 

deutsche Armee und Marine. 



Verantwortlich geleitet 
von 

E. Schnackenburg 

Oberstleutnant a. D. 



116. Band. 

Juli bis September 1900. 

*&t> — 

BERLIN W. 8. 
Verlag von A. Bath. 

Mohren-Strasse 19. 
1900. 

r'rint«! in oci ;^ ■ 



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Inhalts-Verzeichnis. 



Nr. ant. Heft 1 . Ju li, 

Seite 



I. Ein neues Buch über dun siebenjährigen Krieg. Von Otto 

Herrinann 1 

II. Der Krieg in Südafrika 18t>9/1900 (Fortsetzung) 8fc 

III. Entwicklung von Infanterie durch Artillerie-Stellungen . , Ql 

IV. La defense navale &a 

V. Der rnHKW.hfl ftmieralstah , , , , , , , , 

IX. Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen ilil 

XI. Umschau in der Militär-Litteratur: 

I. Ausländische Zeitschriften . , 

II. Bücher 

HI Scpw eaen 1 11) 

IV. Verzeichnis der znr Besprechung eingegangenen Bücher 112 

Nr. 847. Heft 2. August. 

VEI. Die Seeoperationen im Kriege 1870/71 im Vergleich mit jetzigen 
Verhältnissen. Von Rüper, Oberleutnant im Inf. -Regiment 

von Wittich (8. Hessisches) No. 83 U7 

IX. Der moderne Festungsangrift' und der Angriffs-Entwurt der 
prenfsischen Kommission von 1870. Von Oberstleutnant a. D. 

Frobenius KU 

X. Das Amselfeld (Kossovo polje). Von F. Banmann, k. bayr. 

Hauptmann IAO. 

XI. Der Krieg in Südafrika 1899/1900 (Fortsetzung) 176 

XII Der Südafrikanische Krieg im Lichte SehlichtingVher strate- 
gischer und taktischer (Grundsätze (Fehlgriffe des englischen 
Kriegsminiaters). Von v. J UÜi 

XIII. Ein Wort über die l'ridericianische schräge Schlachtordnung. 

Von E. Schnac kenhu'rg. Oberstleutnant a D L'U'J 

XIV. Über Verwertung von Entfernnngsmessern bei der Infanterie. 

(Mit 4 Figuren im Text) J>0j> 

XV Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. Von Spoh r, (liierst a. 1> 1ÜÜ 
XVI. Kleine heeros^eschichtliche Mitteilungen '2211 




496813 



IV 

XVII. Umschau in der Mill tkr-Lltteratur : 

I. Ausländische Zeitschriften . 282 

II. Bücher 289 

III. Seewoson 262 



IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher 254 

Nr. 848. Heft & September. 

XVI II. Der moderne Festungsangriff und der Angriffa-Entworf der 
preuf9iachen Kommission von 1870. Von Oheratleutnant a. D. 



Frobenius ( Schiusa i 257 

XIX. Auf dem tesaaliachen Kriegsschauplätze. Von F. Bau mann, 

k. bayr. Hauptmann 274 

XX. Der Krieg in Südafrika 1899/1900 (Fortsetzung) 804 

XXI. Das Offizierkorpa und der Lnxos 328 

XXII. Kleine heeresgeachichtliche Mitteilungen 332 

XXIII. Die Organisation der berittenen Maximgewehr-Kompagnien der 
schweizerischen Armee Mk 

XXIV. lieber Rntternungsinoaser 3:<7 

XXV. Umschan auf militärtechnischem Uebiet. Von Joseph Schott, 

Major a. D 839 

XXVI. Umsc han in dar Mnft&r-T.ittgrfttnr- 

I. Ausländische Zeitschriften , , . . . , , , s , 362 

II. Bücher 369 

III. Seewesen 881 

IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Hüchel 384 



I. 

Ein neues Bach über den siebenjährigen Krieg. 

Von 

Otto Hermann. 



Die Litteratur Uber den siebenjährigen Krieg ist, der Bedeutung 
dieser kriegerischen Glanzperiode Preulsens entsprechend, bereits eine 
recht umfangreiche: von Tempelhoff bis zu Bernhardi zieht sich der 
Strom der Darstellungen, die sich mit ihm beschäftigt haben. Ohne 
auf eine Kritik derselben hier einzugeben, wollen wir nur hervor- 
heben, dafs unter allen die Schilderung Carlyles sich der gröfsten 
Beliebtheit bei uns erfreut; nahm doch sogar ein deutscher Afrika- 
Ii eisender das Werk des geistreichen Schotten in seinem Koffer mit 
sich, als er unter grolsen Gefahren das Gebiet der räuberischen 
Massais durchquerte. Wer das Buch kennt, wird sich diese Beliebt- 
heit leicht erklären: Carlyle ist der erste Schriftsteller, welcher das 
Geniale, das spezifisch Heldenhafte der Persönlichkeit Friedrichs 
erkannte, und mit echter Begeisterung und mit poetischem Schwung 
uns ein lebendiges Bild dieser Persönlichkeit vor die Seele zu 
zaubern wuIste. Dieser grofse Vorzug des Buches wird nach meinem 
Gescbmacke auch nicht dadurch beeinträchtigt, dars der Verfasser 
oft seitenlang Citate aus gleichzeitigen Quellen anführt; diese, bei 
englischen und französischen Schriftstellern häufige Gepflogenheit 
scheint mir im Gegenteil die Anschaulichkeit eher zu fördern. Nur 
einen Fehler besitzt die Carlylesche Darstellung, den man dem Autor 
aber nicht in die Schuhe schieben darf: sie beruht auf einem nicht 
ausreichenden Quellenmaterial. Als Carlyle schrieb, war er im 
wesentlichen auf die Publikationen des fleissigen Sammlers Preufs 
beschränkt. Seitdem ist aber vor allem das grolse Urkundenwerk 
der „Politischen Korrespondenz Friedrichs des Grofsen u 
erschienen, welches bekanntlich für den siebenjährigen Krieg auch 
den militärischen Briefwechsel des Königs umfafst, und im festeren 
oder loseren Anschluls daran sind Einzeluntersuchungen erschienen. 

Jihrbftoher fftr di« d.aWck« Arm«« and Maris«. Bd. 116. 1 1 



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Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



welche unsere Auffassung in verschiedenen Punkten berichtigt oder 
vertieft haben. 

Diesem Mangel des englischen Buches hilft nun die vor kurzem 
veröffentlichte Fortsetzung der Koserschen Biographie 
Friedrichs des Grofsen in glänzender Weise ab. 1 ) Ich will nicht 
sagen, dafs man nach Koser nun Carlyle begraben mülste ; dem 
Fremden, der in seiner Heimat längst durch Macaulays giftiges 
Pamphlet Uber den König verdrängt ist, wird der Enthusiasmus für 
seinen Helden bei uns immer noch Leser werben. Kosers Vorzüge 
liegen auf einem anderen Gebiete. Er ist ein Schüler des Altmeisters 
Kanke und er hat von diesem die strenge Methode der Geschichts- 
forschung übernommen mit ihren Forderungen: nur die besten, mög- 
lichst gleichzeitigen Quellen zu verwerten und im Urteil sich der 
grölsten Vorsicht und Objektivität zu befleUsigen. Koser benutzte 
natürlich vor allem die „Politische Korrespondenz 1 *, daneben aber 
auch Tagebücher, Memoiren, Anekdoten, die wegen ihrer kleinen, 
anschaulichen Züge gar nicht zu entbehren waren, wollte der Ver- 
fasser den „alten Fritz" zu seinem Rechte kommen lassen. Doch 
hat bei der Aufnahme dieser mehr oder weniger „sekundären" 
Quellen die sorgfältigste Kritik gewaltet; ist Koser seiner Sache 
nicht ganz gewils, so sagt er z. B. nicht: Friedrich „hat" dies oder 
jenes geäulsert, sondern nur: er „soll" es geäufsert haben. Genug, 
der Leser darf sich Uberall dem angenehmen Geflihl hingeben, den 
denkbar sichersten Boden unter den Fütsen zu haben. Der Sorgfalt 
in der Auswahl und Kritik der zahlreichen Quellen entspricht eine 
fast diplomatische Vorsicht im Urteil. Bei streitigen Fragen begnügt 
sich Koser bisweilen damit, nur die Gründe pro und contra anzu- 
geben. Wo er aber seine eigene Ansicht ausspricht, geschieht es 
mit einer solchen Besonnenheit, dato man ihm fast immer beipflichten 
muls. Sein Stil, um dies noch zu erwähnen, ist nicht immer leicht 
und flüssig, aber wie bei Ranke, in jedem Satze gedankenreich. 

Versuchen wir nun, die für die Kriegsgeschichte wichtigsten Partien 
dieses trefflichen Buches hervorzuheben. Koser gliedert seinen Stoff 
in zwei Hauptabschnitte: „Drei Offensivfeldzüge 1756—1758" und 
„vier Defensivfeldzüge 1759—1762", und dieser Einteilung wollen 
auch wir uns anschließen. 



*) König Friedrich der Grofse, von Reinhold Koser. Zweiter Band, erste 
Hälfte : Friedrich derGrofse im siebenjährigen Kriege. Stutt- 
gart, Cotta, 1900. 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 3 

Über den preulsischen Kriegsplan von 1756 sind wir 6eit 
dem Erscheinen des betreffenden Bandes der „Politischen Korre- 
spondenz* 1 genau informiert. Koch im Jahre 1881 hatte Theodor 
von Bernbardi die Ansiebt ausgesprochen, Friedrichs des Grolsen 
Absichten wären in diesem ersten Kriegsjahr — ausser der Okku- 
pation von Sachsen und der Entwaffnung der sächsischen Armee — 
auf Niederwerfung der Österreicher in einer grolsen Schlacht und 
Vordringen bis gegen Prag gegangen. Jetzt wissen wir, dafs der 
König, und zwar ohne Schlacht, nur den nördlichsten Teil Böhmens 
bis Melnik (am Zusammenflufs der Elbe und Moldau) zu besetzen 
gedachte. 1 ) Koser stellt fest, dass dieser Plan, an dem Mafsstab 
der eigenen strategischen Anschauungen des Königs gemessen, „sehr 
bescheiden" war und fügt als Erklärung hinzu, dafs der Feldzug 
von 1756 „auf Böhmen" berechnet gewesen sei. „Böhmen aber gilt 
dem König von Preufsen, wie wir wissen, seit der Erfahrung von 
1744 als das verwunschene Land, in welchem sich eine grolle Ent- 
scheidung nicht erzwingen läfst." Nicht das also könne auffallen, 
dafs Friedrich sich „in Böhmen" nicht an grolse Dinge gewagt habe ; 
vielmehr müsse man fragen, weshalb er nicht „nach Mähren" ge- 
gangen sei. denn „in Mähren mulsten seiner strategischen Theorie 
nach die Würfel eines Krieges zwischen Preulsen und Österreich 
lallen." Die Antwort auf diese Frage lautet : weil des Königs Pläne 
auf Mähren „regelmäfsig reich gemessene Frist, die ganze gute 
Jahreszeit" für ihre Ausführung voraussetzen. „Jetzt war der Ent- 
schlufs zum Kriege ihm abgenötigt worden dir einen sehr späten 
Zeitpunkt; schon ging der Sommer zur Küste. So konnte Mähren 
überhaupt nicht mehr in Betracht kommen, sondern nur noch der 
Kriegsschauplatz, der entscheidende Erfolge zwar zu versagen schien, 
aber den grofsen Vorteil bot, dafs die Operationsbasis in der starken 
Centralstellung des Angreifers lag, in Sachsen." 

Koser meint also, dafs des Königs Offensirziel im Jahre 1756, 
wenn der Krieg nur eher angefangen hätte, nicht Böhmen, sondern 
Mähren gewesen wäre. Es ist dies einer der wenigen Punkte, wo 
ich nicht ganz mit ihm übereinstimmen kann. Er stützt sich auf die 
„strategische Theorie" des Königs, womit nur die im Jahre 1748 
erschienenen „Generalprinzipien vom Kriege" gemeint sein können. 
Nun scheint der König nach dieser Schrift allerdings der mährischen 
Offensive den Vorzug vor der böhmischen zu geben, aber damals, 
al6 er diese Schrift verfalste — im Jahre 1748 — dachte er noch 
nicht daran, vorher Sachsen zu besetzen, sondern supponierte 



') Vergl. meinen Aufsatz in diesen Jahrbüchern, Oktoberheft 1896. 

1* 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



nur einen Einfall in Böhmen von Schlesien ans. „Böhmen", 
sagt er, „hat weder haltbare Städte noch schiffbare Ströme, welches 
uns obligiret, alle unsere Convois ans Schlesien kommen zu lassen; 
eine Kette von Bergen, so die Natur zur Cbikane gemacht hat, 
separiret diese beiden Staaten." Mit Sachsen aber, wie Koser 
selbst treffend bemerkt, besafs Friedrich eine starke Centraistellung 
und eine sichere Operationsbasis, von der aus er leicht nach Böhmen 
vorstolsen konnte, da ihm seine Flanke durch den in Schlesien 
stehenden Marschall Schwerin gedeckt war. Koser scheint hier, und 
auch bei dem Feldzugsplan von 1757 (vergL unten S. 6) sich etwas 
zu eng an die Ausführungen Naudes ausgeschlossen zu haben, 1 ) 
welcher geradezu behauptet, die Offensive gegen Mähren sei nach 
1744 die „Lieblingsidee" Friedrichs und sein „einheitlicher Grund- 
gedanke" im siebenjährigen Kriege gewesen, Übertreibungen, 
die ich vielleicht noch an anderer Stelle im einzelnen widerlegen 
werde. 

Weshalb hat Friedrich im Jahre 1756 das verschanzte 
Lager der Sachsen bei Pirna nicht angegriffen? Na- 
poleon 2 ) meint, mit seinen HOOOO Mann hätte er leicht durch 
konzentrische Angriffe auf die drei Seiten des Lagers die 14 CHX) 
Verteidiger unter die Mauern des Königsteins zurückwerfen und zur 
Kapitulation zwingen können, und ähnlich urteilte neuerdings der 
prenfsische Major Boie. 3 ) Der Historiker Max Lehmann*) — nach 
seiner unbewiesenen Theorie, Friedrich habe den Krieg angefangen, 
um Sachsen zu erobern — giebt als Grund der Unterlassung des 
Angriffes an: „Er sah sich an als den Herrn von Sachsen, er wollte 
nicht, dals seine alten und seine neuen Unterthanen einander zer- 
fleischten." Koser kommt zu dem Resultat: „Wir werden sagen, 
dals Friedrich mit dem schlielslichen Verzicht auf den Angriff der 
überwiegenden Mehrheit seiner Umgebung nachgab." Am 16. Sep- 
tember morgens rekognoszierte der König, nur von den Prinzen und 
dem General Winterfeldt begleitet, das sächsische Lager. ,.Man 
könnte mit ebenso leichter Mühe den Himmel stürmen, erzählten 
nachher die Prinzen ; nur dann und wann sei Raum, um sechs Mann 
in Front aufzustellen. Winterfeldt wird das Gegenspiel gehalten 
haben. Der König wollte sich von der Unmöglichkeit heute noch 
nicht überzeugen: ,Der ganze Entwurf ist gemacht', schreibt er tags 

>) Friedrichs des Grofsen Angriflspläne gegen Osterreich im sieben- 
jährigen Kriege. Von Professor Dr. Albert Naude Marburg 189;}. 
2 ) Preois des guerres de Frederic II. 
») Milit. Klassiker, Napoleon. 

*) Friedrich der Grofse und der Ursprung des siebenjährigen Krieges. 



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Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



5 



darauf, ,und ich hoffe ihn mit weit geringerem Verlust als mau 
denken mag auszuführen'. Aber am 18. hat er nach erneuten Er- 
kundungen die Auffassung seiner Brüder sich angeeignet und wieder- 
holt in einem Brief an Schwerin ihren Haupteinwand, das geräu- 
migste Angriffsfeld gestatte eine Front von sechs Mann : „Nachdem 
ich und meine Generale die Beschaffenheit des sächsischen Lagers 
aus nächster Nähe geprüft haben, haben wir alle gefunden, dafs es 
moralisch unmöglich ist, dies verfluchte Lager anzugreifen, ohne 
einige Tausend braver Leute zu opfern, und noch dazu mit 
einem höchst unsicheren Erfolg." 

Die Besorgnis also vor einem Mifserfolge — den der König des 
moralischen Rückschlags wegen gerade zu Anfang des Krieges be- 
sonders vermeiden mufste — liefs ihn von dem ohne blutige Opfer 
unausführbaren Sturme Abstand nehmen. Dazu kam freilich noch 
ein anderer Grund. „Der König 4 ', sagt Koser, „verliefs sich darauf, 
dals der Hunger das übrige thun werde, und zwar schnell/' In 
dieser „sanguinischen Voraussetzung* 1 sollte er sich allerdings ge- 
täuscht sehen; der „Matz*' wie sich Friedrich einmal ausdrückt, 
kapitulierte erst am 15. Oktober, nachdem der österreichische Mar- 
schall Browne bei Lobositz in Böhmen eine „taktische" Niederlage 
erlitten und sein Vorstofs bis gegen Schandau den Belagerten keinen 
Nutzen gebracht hatte. Nun konnte auch nicht mehr daran gedacht 
werden, Winterquartiere in Böhmen zu beziehen, denn dazu, raeinte 
der König, müsse man den Marschall Browne zuvor noch einmal 
geschlagen haben, „was Vorbereitungen erfordert, die uns bis zum 
20. November in die schon zu rauhe und für die Truppen unge- 
sunde Jahreszeit hinziehen würden." „Ein von vornherein in be- 
scheidenen Grenzen gehaltener Feldzugsplan", sagt Koser, „hatte sich 
noch eine starke Einschränkung gefallen lassen müssen, und zwar, 
wie Friedrich eingestand, durch diesen unerwartet zähen Widerstand 
der Sachsen. Am Schlüsse eines in der strategischen Offensive be- 
gonnenen Feldzuges, nach einem unfruchtbaren Siege und nach der 
vollständigen Räumung des kaum besetzten österreichischen Gebietes, 
waren jetzt für die Monate der Winterruhe Schwerin und anfänglich 
auch der König nicht ohne Sorge um die Sicherheit der eigenen Grenzen." 

Man sieht, dafs Koser seinen „sanguinischen" Helden durchaus 
nicht über Gebühr erhebt; sein eher etwas scharfes Urteil ist aber 
genau auf den Quellen basiert. Höher bewertet den Erfolg des 
ersten Feldzuges auf Grund der Sachlage der neueste Biograph 
Winterfeldts, 1 ) obwohl er ebenfalls meint, der König habe das Pirnaer 

M L. MoUwo, Hans Carl von Winterfeldt Ein Generai Friedrichs 
de» Grofsen. S. 176. (Vergl. das Febrnarheft dieser Zeitschrift) 



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Ein nenea Bach Uber den siebenjährigen Krieg. 



Lager erstürmen können: ..An dem Grandgedanke« ihres Feld- 
zugsplanes hatten der König and Winterfeldt festgehalten und ihu 
hatten sie durchgeführt. Wohl hätten sie durch eine Erstürmung 
des Pirnaer Lagers, die an sich möglich war, die Möglichkeit ge- 
wonnen, sich früher und stärker in Böhmen festzusetzen. Aber dies 
war ihnen doch nur ein sekundärer Zweck, ihr Hauptziel, die Ein- 
nahme einer gesicherten Stellung durch die Besetzung Sachsens, 
wurde auch so erreicht So bedeutete der Feldzug dieses Jahres 
schliefslicb einen vollen Erfolg ftlr sie." — 

Der preufsische Feldzugsplan von 1757 ist wohl der am 
häufigsten erörterte; auf ihn gingen namentlich Bernhardi und Del- 
brück bei ihrer Kontroverse Uber die Gleichheit bezw. Verschieden- 
heit der Strategie Friedrichs des Grofscn und Napoleons zurück. 
Koser läfst diese Kontroverse beiseite liegen; er will, nach 
Rankeseber Art, blofs zeigen, wie es eigentlich gewesen. Aber ge- 
rade bei der Feststellung, welches denn nun eigentlich der Plan 
des Königs war, hat er sich meines Eracbtens zu sehr durch den 
Naudeschen Aufsatz (vergl. oben S. 4) beeinflussen lassen. Er sagt: 
„Eröffnen sollte das Stück nach des Königs anfänglicher Meinnng 
ein Vorspiel, für das er den Österreichern die strategische Vorhand 
zu lassen beabsichtigte;" wie 1745 soll ihm dann, sobald die Oster- 
reicher Uber die Grenze gekommen sind, eine Schlacht, und zwar 
eine entscheidende Schlacht, die Überlegenheit verschaffen. „Ist in 
der strategischen Defensive eine erste grofse taktische Entscheidung 
gegen ein österreichisches Heer herbeigeführt, so werden als weitere 
Aufgaben folgen: Abrechnung mit den sonstigen Streitkräften der 
Österreicher und, wenn sie kommen, mit ihren Verbündeten, und 
endlich, als Ziel und Endzweck von alle dem, die Verlegung des 
Kriegsschauplatzes nach Mähren, wo der Krieg, wie Friedrich hofft, 
„mit Gottes Hülfe bei Olmütz sich endigen soll." Mähren „blieb 
also das gelobte Land der preußischen Strategie." Im März 1757 
aber habe der König dann nicht diesen Plan auszuführen beschlossen, 
sondern den von seinem wesentlich verschiedenen, kühnen Plan 
Winterfeldts aeeeptiert, wonach keine strategische Defensivschlacht 
geschlagen, sondern das österreichische Heer sofort in seinen böh- 
mischen Quartieren überfallen und von seinen Magazinen abge- 
schnitten werden sollte. 

Als Winterfeldt am 19. März 1757 seinen Plan dem Könige 
unterbreitet, da leitet er ihn mit den Worten ein, dals er in des 
Königs „Idees, als worüber ich gar zu vielfältig instruirt bin, dals 
mir solche nicht allezeit den besten und sichersten Weg zeigen 
sollten", eingetreten sei. Wäre das eine passende Einleitung, wenn 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



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die „Idees" des Königs nnr die oben erwähnten wären? Sollten 
diese „Id6es" also nicht doch vielleicht noch andere sein, als sie 
Koser im Anschlute an Naud6 hervorhebt? Das ist um so wahr- 
scheinlicher, als der König in seiner Antwort an Winterfeldt dessen 
Projekt sofort „admirabel" findet, obwohl es doch weder mit der 
Absicht einer Defensive noch mit dem Plane eines Einfalls in 
Mähren Ubereinstimmt. Und wie merkwürdig: auch der Marschall 
Schwerin, der mit dem Könige und Winterfeldt Ende Januar in 
Hainau mündlich konferiert hatte und also die Ideen des ersteren 
genau kennen mufste, auch er befürwortet am 24. März ein ähnliches 
Vorgehen wie Winterfeldt. 

Prüft man die Quellen unbefangen, so kommt man zu der Über- 
zeugung, dafs der König während des Winters 1756/57 allerdings 
sich defensiv verhalten wollte. „Den Winter wollen wir nicht 
agiren", schreibt er am 28. November an Winterfeldt; während des 
Winters sollten die Truppen geschont und ergänzt und alle Vor- 
bereitungen für den kommenden Feldzug getroffen werden. Uber 
den Zeitpunkt, wann er mit diesen Vorbereitungen fertig sein würde, 
gehen seine Ansichten auseinander. In jenem Briefe an Winterfeldt 
sagt er : wir können „nicht vor Juni bei ihnen hin", in einem Briefe 
an Schwerin vom 9. Dezember 1756 glaubt er Ende Februar oder 
Anfang März fertig zu seinf Demgemäfs schwankt er nun auch 
zwischen Defensive und Offensive. In seinem innersten Herzen ist 
er offensiv. In dem Brief an Schwerin vom 9. Dezember heifst es: 
II y aurait des entreprises contre lui (nämlich gegen den Feind, die 
Österreicher) ä faire, j'en ai medite moi-merae quelques-unes 
contre lui, mais je ne voudrais pas les exöcuter au moment präsent 
pour ne pas alarmer nos quartiers d'hiver. D'ailleurs, quand 
on veut surprendre des magasins de Tennemi, pour s'en servir dans 
la guerre. il faut attendre prealablement qu'il les ait remplis et 
acheve*, et laisser reposer en attendant les troupes, faire remettre 
les chevaux, les charriages et tout ce qui est necessaire pour tenir 
campagne. Mais, ä la fin de fevrier ou au commencement de mars, 
il faut voir ce qu'il ya ä faire pour tenter des entreprises contre 
ses magasins sur lesquels il comptait; par oü Ton confond 
ses projets et ne lui donne pas le temps de les remettre, puisque 
c'est trop tard alors. Voici, eher marechal, ma faQOn de penser. ki 
Man sieht hier zugleich, wie sich der König die Offensive dachte: 
er wül die feindlichen Magazine Uberfallen. Dafs die Magazine 
in Böhmen gemeint sind, ergiebt der folgende Brief an Schwerin 
(vom 14. Dezember). Die Ideen des Königs sind also genau die- 
selben, wie sie Winterfeldt am 19. März 1757 näher ausführte: um 



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Ein neues Bach Uber den siebenjährigen Krieg. 



des Feindes „gefährlichen Desseins zuvorzukommen, sehe ich kein 
ander Mittel, als dafs wir von bier, aus Schlesien, so bald als 
möglich das Spiel anfangen und dem Feinde auf die Magazine 
von Pardubitz und Königgrätz" zu fallen suchen; der König möge 
von Sachsen aus das Magazin zu Aulsig wegnehmen. 

Wenn Friedrich nach der Hainauer Zusammenkunft im Februar, 
sogar noch im März 1757, als er seinen Offensivplan doch wohl 
schon fest im Kopfe hatte, 1 ) seine Vertrauten gegenüber immer noch 
Defensivabsichten laut werden lälst, so erkläre ich mir diese schein- 
bar befremdende Thatsache dadurch, dafs er sie indirekt reizen 
wollte, ihm zu widersprechen, eine Absicht, die ihm ja denn auch 
gelungen ist. Er, der keinem verantwortlich war, wollte sich wegen 
seiner Kühnheit dadurch vor sich selbst rechtfertigen, dafs andere 
ihn zu kühnem Vorgehen erst auffordern mufsten. Für diese Auf- 
fassung spricht, dals er, obwohl mit Winterfeldts Plan einverstanden, 
darüber an Schwerin schrieb: „Ich mache ihm indefs alle Schwierig- 
keiten, als wenn ich ihm entgegen wäre, damit er genötigt wird, sie 
zu heben." Der grolse König konnte also auch ein grolser Schau- 
spieler sein, aber aus welchen Motiven! 

Was nun die Offensive „in Mähren-' betrifft, so hat Friedrich 
allerdings im November und Dezember 1756, ja sogar noch kurz 
vor der Schlacht bei Prag die Absicht ausgesprochen, den Kriegs- 
schauplatz nach Mähren zu verlegen. Aber nicht blots, weil Mähren 
das „gelobte" Land der preufsischen Strategie war, sondern teils 
deshalb, weil er durch die Besetzung von Böhmen und Mähren die 
Österreicher leichter zum Frieden zu zwingen hoffte, teils — und 
das scheint mir der Hauptgrund zu sein — weil er, wie von Böhmen 
aus den Franzosen, so von Mähren aus den Russen schneller 
entgegentreten konnte. Er hat das zwar nicht 1756 und 1757, 
wohl aber 1758, als er wirklich den Zug nach Mähren unternahm, 
als Ursache desselben angegeben. Am 11. März 1758 schreibt er 
in der eigenhändigen Instruktion für seinen Bruder, den Prinzen 
Heinrich: „Die Österreicher hoffen die Russen zu Uberreden, dals sie 
das Korps Schuwalows ihnen zu Hülfe schicken. Das Korps hat 
bei Grodno Magazine errichtet und kann erst Ende Juni hier sein. 
Dies zwingt mich . . den Krieg nach Mähren zu tragen." Sei erst 



!) Am 5. Februar sehreibt er an seine Soh wester Wilhelmine, die Mark- 
^räfin von Bairentb, er hofle auf Grund der Stärke und Disziplin seines Heeres 
mit allen Feinden fertig zu werden. „11 faut voir a present . . les dispositions 
qn'ils feront en Boheme, le temps qu'üs voudront se mettre en marche, et 
pass£ cela, je vois arriver le moment, oü Ton fera taire le oaquet impertinent 
de toute cette canaille taut francaise qu'autrichienne." 



Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



OlmUtz genommen, so könne er leicht gegen die Russen detachiren. 
Dals der König aber auch schon fllr 1757 den Vormarsch eines, 
rassischen Heeres gegen Mähreu erwartete, geht aus mehreren seiner 
Ordres an den Marschall Lehwaldt hervor. Am 12. November 
1756 schreibt er ihm: dem Ansehen nach dürfte der russische Hof 
vorerst und im nächsten Winter nichts auf Preulsen tentiren, 
„sondern sich borniren, sein Auxüiärcorps der Königin von Ungarn 
nach Mähren zu schicken"; am 14. November: die Russen würden, 
ihr Hülfseorps „nach Mähren und Böhmen sehicken u ; am 
7. Dezember: fttr künftiges Jahr „hätte ich gute Hoffnung und 
schiene es, als, wann viel geschehe, das russische Auxüiärcorps 
nach Mähren marechiren würde, derowegen ich auch die Pommern 1 )- 
nach der Lausenitz gezogen hätte." Es ist gewifs kein Zufall, dafs 
gerade aus dieser Zeit (November und Dezember 1756) die wichtigsten 
Äufserungen des Königs Uber seine Absichten auf Mähren vor- 
liegen. 

Also: zunächst ruhiges Abwarten bis zur Vollendung der 
Rüstungen; sollten die Österreicher vorher über die Grenze kommen,, 
eine möglichst entscheidende Schlacht, die sie zurückwerfen würde, 
und Nachdringen in ihr eigenes Land; sollten sie vorher nicht 
kommen, Überfall ihrer Magazine, sei es in Böhmen, sei es in Mähren, 
je nach der politisch-militärischen Lage, auch, wenn erforderlich, 
eine Schlacht, und demnächst Detachierungen gegen die anderen 
Gegner (Russen und Franzosen) — das scheint mir, mit einiger Ab- 
weichung von Koser, der Plan des Königs fllr 1757 gewesen 
zu sein. — 

Als Friedrich der Grofse vor der Schlacht bei Prag von dem 
linken anf das rechte Moldauufer überging, um sich mit dem etwa 
40000 Mann starken Heere Schwerins zu vereinigen, liefs er von. 
seinen eigenen 50 000 Mann über die Hälfte, 30000, unter dem 
Marschall Keith auf dem linken Ufer stehen. Delbrück vermutet 
im Anschlufs an Clausewitz, der König habe dies gethan, um seine Ver- 
bindung mit Sachsen zu decken, habe also nicht wie ein moderner Feld- 
herr alle Kräfte zur Entscheidungsschlacht zusammengezogen. Dem- 
gegenüber hat Naude als Zweck der Detachierung Keith s aus 
den besten gleichzeitigen Quellen nachgewiesen: Keith sollte erstens 
verhindern, dafs der österreichische Marschall Browne durch Über- 
gang nach dem linken Ufer dem Kampfe auswiche; er sollte 
zweitens, nach der Niederlage, den Österreichern den Rückzug auf 

>) Koser: „Um an der entscheidenden Stelle möglichst stark zu sein nnd 
gleich zu Beginn des Feldzuges eine Kraftprobe ablegen zu können, hatte der 
König die 10 000 Mann ans Pommern herangezogen." 



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Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



dem linken, westlichen Ufer abschneiden ; drittens sollten die beiden 
Untergenerale Keiths, Prinz Moritz von Dessan und General Ryan, 
auch bei etwaigem Rückzug der Österreicher auf dem rechten Ufer 
diesen Rückzug nach Möglichkeit erschweren, Prinz Moritz durch 
das Feuer seiner links der Moldau aufgestellten Geschütze, Kyau 
durch seine Reiterei, die den Strom Uberschreiten sollte. 1 ) Koser 
folgt aach in dieser Frage, aber diesmal jedenfalls mit Recht, der 
Naudeschen Darlegung. Er sagt: ,,Des Königs Hauptsorge in diesen 
Tagen war, dals der Feind ihm auswich: wie durfte er ihm das 
linke Moldauufer und die grofse Heerstralse nach Königsaal wieder 
freigeben? Blieb eine Abteilung des Heeres auf diesem Ufer 
zurück, so erfüllte sie dort die Sperraufgabe, die der König . . am 
29. April dem Marschall Schwerin, der damaligen Scenerie ent- 
sprechend, für das rechte Ufer zugewiesen hatte. Dann stand dem 
Feind nur noch die eine Rückzugslinie nach Tabor offen, wo ihn, 
wenn er ohne Kampf abzog, das nachdrängende Hauptheer empfindlich 
belästigen konnte, und wo man nach einer Schlacht die Fliehenden 
vielleicht aufrieb, wenn vom jenseitigen Ufer übergesetzte Truppen 
sich im rechten Augenblicke ihm in den Weg legten: in der That 
haben zwei Generale vom Keithschen Korps, Kyau und Fürst Moritz 
von Dessau, am Schlachttag einen dahinzielenden Auftrag erhalten. 
Mit mindestens 30000 Mann und in der beherrschenden Stellung auf 
dem Weifsen Berge blieb Keith unter allen Umständen auch für sich 
allein dem österreichischen Heere gewachsen ; nicht diese 30000, 
sondern die etwa 20000, die er selbst mitnahm, bezeichnete der 
König als ,Detachementf." 

Koser sieht also in der „Sperraufgabe" den Hauptzweck der 
ZurUcklassung des Keithschen Korps; der andere Zweck — das 
Übersetzen von Teilen dieses Korps, um dem geschlagenen Feinde 
den Abzug nach Süden zu verlegen — erscheint ihm offenbar mehr 
sekundär. Für die Richtigkeit dieser Auflassung spricht, dafs der 
König, obwohl das Übersetzen am Schlachttage nicht gelang, des- 
wegen keine Unzufriedenheit äufserte; allerdings hätte das Über- 
setzen, auch wenn gelungen, nach dem Gange, den die Schlacht nun 
einmal genommen, nicht allzu entscheidend sein können. Der Ver- 
fasser bemerkt hierüber: „Für die Schiffsbrücke, die Moritz von 
Dessau bei Klein-Kuchel über die Moldau legen sollte, waren die 
Pontons ausgeblieben, da die Schleppwagen in den engen Wegen 
sich festgefahren hatten. Der Versuch, zu Rofs durch den Flufs zu 



l ) Vergl. „Preufsisohe Jahrbücher" und „Forschungen zur brandenb.-preufsi- 
schen Geschichte", Jahrgang 1893. 



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setzen, erwies sich für die kühnen Reiter als aussichtslos; Oberst- 
leutnant Seydlitz geriet so tief in den Triebsand, dafs er ihm schon 
in die Pistolenhalfter eindrang und seine Leute den Verwegenen, 
am ihn noch zu retten, vom Pferde reilsen mufsten. Nachher wollten 
die zahlreichen Gegner des Dessauischen Prinzen diesem die Ver- 
antwortung dafür aufbürden, dafs drüben der abgesprengte Flügel 
des geschlagenen Heeres 1 ) sich un verfolgt vom Schlachtfelde habe 
retten köunen. In Wirklichkeit ist das Entrinnen dieser Flüchtlinge 
ohne allzugrofse Bedeutung ftlr die weiteren Kriegsereignisse ge- 
wesen. Denn von den 13000, die aus der Prager Schlacht nach 
Beneschau entkamen, sind nicht viel mehr als 5000 zu dem Heere 
des Marschalls Daun gestofeen, während die übrigen in Nieder- 
österreich erst ihre Feldausrüstuug neu beschafften. Seine Spione 
gaben dem König von Preufsen die Zahl der noch Dienstfähigen 
sogar nur auf 3000 an, und so erklärt es sich hinreichend, dafs er 
des verunglückten Brückenschlages und der unterbliebenen Ver- 
folgung später mit keinem Worte gedachte, vielmehr den Prinzen 
Moritz wenige Tage nach der Schlacht zum General der Infanterie 
beförderte; bei dem Gang, den die Schlacht genommen hatte, war 
es ungleich wichtiger geworden, dals die Geschlagenen am Austreten 
auf das linke Moldauufer gehindert wurden." 

Die Frage nach den Gründen der Detachierung Keiths scheint 
also nunmehr gelbst zu sein, zumal auch Clausewitz seine Aus- 
einandersetzung, dafs ein moderner Feldherr fUr die bevorstehende 
Schlacht die 30000 Mann Keiths an 6ich gezogen hätte, mit den 
Worten schliefst : „Man vergesse aber nicht, dafs wir in diesem 
Augenblick von der Absiebt der feindlichen Armee, durch Prag den 
Rückzug zu nehmen, ganz abgesehen haben." 

Es sei uns gestattet, im Zusammenhang hiermit zu erwähnen, 
dafs der König auch vor der Schlacht bei Kunersdorf einen General 
(Wunsch), und zwar mit 9 Bataillonen und 5 Schwadronen abzweigte, 
„teils um das an der Oder zurückbleibende Gepäck und die Brücken 
zu decken, teils um während der Schlacht dem Feind den Rückzug 
auf das linke Ufer zu versperren."*) Clausewitz nennt diese Zurück- 
lassung des General Wunsch „einen wahren Fehler Friedrichs des 
Grofsen" und bemerkt: „Wenn es geschah, wie es höchst wahr- 
scheinlich ist, um den Russen den völligen Rückzung abzuschneiden, 
so kann man es wohl einen Übermut nennen. Diese 7000 Mann 
auf dem linken Flügel im Walde, um den russischen rechten zu be- 

l ) Die Hauptmasse des geschlagenen österreichischen Heeres war be- 
kanntlich nach Prag zurückgeworfen worden. 
3) Koser, S. 218. 



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schattigen , hätten ihn wahrscheinlich die Schlacht gewinnen 
machen."') Ahnlich Napoleon: „II laissa neuf bataillons ä la 
garde de son pont et les fit marcher pendant la bataille sur Franc- 
fort; ils ne servirent de rien. De pareils detachements sont proscrits 
par les rögles de la guerre." Koser hat zu dieser ganz analogen 
Frage nicht Stellung genommen. — 

Die Gründe, weshalb Friedrich die Schlacht bei Kolin 
verlor, sieht der Verfasser einmal darin, dafs der König „sich nicht 
persönlich auf seine äufserte Linke begeben hatte, um sich durch 
Augenschein von der Ortlichkeit zu überzeugen". Diesen Vor- 
wurf hat sich der König selbst gemacht; er hoffte, den öster- 
reichischen rechten Flügel leichter umgehen zu können, als dies 
nach der Beschaffenheit des Geländes möglich war. Sodann hat 
nach Koser der Prinz Moritz Schuld, weil er, statt bis an das von 
der Avantgarde unter Hülsen bereits eroberte Dorf Kretschorz vor- 
zurücken und dadurch der Avantgarde Hilfe zu bringen, bereits vor- 
her zur Front einschwenken liefs — „eine Übereilung", fllr die ihn 
der König „offenbar mit Recht" verantwortlich gemacht habe, „so 
verschieden auch in der Folge die Erzählungen von dem erregten 
Wortwechsel gelautet haben, zu dem es hier gekommen sein soll." 
(Nach einigen Quellen, namentlich dem Gaudischen Tagebuch, hat 
umgekehrt der König, zuletzt mit entblöfstem Degen, den Prinzen 
zu dem vorzeitigen Aufmarsch gezwungen.) Drittens treffe die 
Schuld den General Manstein; denn statt nur mit einem Bataillon 
die in dem Dorfe Chotzenitz und in den Getreidefeldern am Fufse 
der österreichischen Höhenstellung eingenisteten, den Flankenmarsch 
der Preulsen belästigenden Kroaten zu vertreiben, sei er „stracks 
auf die starke feindliche Hauptstellung" losgegangen, „wo nun die 
weiter rechts stehenden Bataillone, eines nach dem anderen, wohl 
oder übel zu Hilfe eilen mufsten." „So trat dem strengen Verbot 
zum Trotz allmählich ein grolser Teil der Infanterie vom rechten 
Flügel in den Kampf ein. In der Mitte aber rifs durch diesen 
unglücklichen Vorstofs auf Chotzenitz die Schlachtordnung völlig 
auseinander: der linke Flügel verlor den Zusammenhang mit dem 
Centrum zu einer Zeit, wo er den Anschlufs an die Avantgarde 
noch nicht gewonnen hatte." 

>) Bei seiner Kritik der Prager Schlacht nennt Claasewitz es eine „seltene 
Kühnheit", wenn der König — wie Clansewitz nicht glaubt, wie wir aber jetzt 
wissen — sieh eines Dritteiles seines Heeres beraubt hätte, um dem Feinde 
den Rückzug abzuschneiden; hier bei Kunersdorf, bezeichnet er es als „Über- 
mut", wenn der König ans demselben Grunde etwa ein Achtel seine« Heeres 
detachierte. Das scheint nicht ganz konsequent zu sein, denn „Kühnheit" 
involviert doch ein Lob. „Übermut" einen schweren Tadel. 



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Diese Darstellung beruht genau anf den besten, gleichzeitigen 
Quellen. Anders urteilen Clause witz und Napoleon. Ersterer giebt 
der „schiefen Schlachtordnung" die Schuld, dals die Linie zerrils, 
zumal die Truppen nicht gewöhnt geweseu seien, sich links zu 
richten und zu schliefsen, und bezeichnet es geradezu als „eine 
Thorheit", dieses Zerreifsen der Schlachtlinie „den Fehlern der 
Führer* 4 zuzuschreiben. Napoleon sieht den Grund der Niederlage 
in dem von Friedrich befohlenen Flankenmarsch längs der in Stellung 
befindlichen feindlichen Armee, „einer tollkühnen und mit den Prin- 
zipien des Krieges in Widerspruch stehenden Operation." „Defilieren 
unter dem Kanonen- und Gewehrfeuer einer ganzen Armee, die eine 
beherrschende Stellung inne hat, um einen entgegengesetzten Flügel 
zu umgehen, heilst voraussetzen, dafs diese Armee weder Kanonen 
noch Gewehre bat." Bei dieser Kritik wäre indessen zu prüfen, 
einmal, ob das Linksscblielsen in der damaligen preufsischen Armee 
nicht genügend geübt war, sodann, ob der Flankenmarsch nicht weit 
genug von der Aufstellung des als unentschlossen bekannten Gegners 
vollzogen wurde. Mehr scheint ein von v. Taysen 1 ) angeführter 
Grund zum Mitsglücken des Angriffes beigetragen zu haben, nämlich 
die Unmöglichkeit, „die Kräfte überraschend gegen den Angriffs- 
punkt vorzuführen." 

Über die, von den Zeitgenossen vielfach bestrittene, militärische 
und politische Notwendigkeit der Schlacht bei Kolin. die 
zugleich mit dem Charakter des Königs und dem seiner Truppen 
aufs engste zusammenhängt, führt Koser treffend aus: „Friedrich hat 
wiederholt Veranlassung genommen, seinen Entschiufs zur Schlacht 
eingehend zu begründen. Er macht geltend, dafs er nicht blofs die 
Wege nach Prag zu sperren, sondern auch die Magazine in Brandeis 
und Nim bürg zu decken hatte, und dafs die aus der Cernierungs- 
linie entnommenen Regimenter, sollte die Blockade nicht gefährdet 
werden, dort nur auf kurze Zeit gemilst werden konnten. Da- 
gegen führt der Herzog von Bevern, indem er den König gegen 
die Tadler in Schutz nimmt, lediglich die Rücksicht auf den 
Kriegsschauplatz in Niedersachsen als Rechtfertigungsgrund an. 
Auch Friedrich hat diese mehr politische Rücksicht stark betont; 
in einem Schreiben an Podewils und Finckenstein hat er die Minister 
für die unglückliche Wendung mittelbar verantwortlich gemacht: sie, 
,unter uns gesagt 4 , hätten dazu beigetragen, dafs er ein wenig zu 
überstürzt Daun die Schlacht geliefert habe; denn sie hätten ihn so 
sehr gedrängt, nach Hannover und Hessen zu detachieren. Er 



*) Zur Beurteilung dea siebenjährigen Krieges, Berlin 1882. 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



glaubte Gefahr zu laufen, wenn seine Hilfe zu lange auf sich 
warten liefs, die westdeutschen Verbündeten erliegen oder abfallen 
zu sehen; er malte sich auf der andern Seite die grofsen und 
glänzenden politischen Wirkungen aus, die ein neuer Sieg nach sich 
ziehen würde: seine rolle Überlegenheit Uber die Österreicher, den 
tiefen Eindruck auf die Reichsstände, auf die Franzosen, Russen 
und Schweden. Freilich, das alles wäre ihm auch zugefallen, wenn 
er Daun in vorsichtig abgewarteter Defensivschlacht besiegte, oder 
wenn Prag ohne eine zweite Schlacht Uberging. Aber wie hätte 
die Aussicht, so Grolses mit einem Schlage, an einem Tage, zu 
erreichen, nicht ihren mächtigen Reiz auf einen Feldherrn ausüben 
sollen, der auf die Defensivschlacht seine Truppen taktisch und 
moralisch nicht eingeschult hatte und der in Terrainschwierigkeiten 
schon seit Soor und Kesselsdorf ein Hindernis des Sieges nicht mehr 
sehen wollte? So blieb das Entscheidende, dals Friedrich, wie 
Westphalen es ausdrückte, ,nur noch des Sieges gewohnt, die 
Schlacht zugleich als den sicheren und kürzeren Weg anzusehen 
geneigt war. 4 Der König auf der einen Seite und seine Kritiker 
auf der anderen befanden sich hier in jenem grofsen, durchgehenden 
Gegensatz der strategischen Anschauung, der während dieses Krieges 
noch so oft hervortreten sollte, indem der eine bei den eigentümlichen 
Vorzügen seines Heeres die Schlacht als das allemal am nächsten 
liegende Mittel der Entscheidung ansah, während sie von den anderen 
vielmehr als eine Verlegenheitsauskunft betrachtet wurde." — 

Bald nai"' der Niederlage von Kolin gab der König den Ober- 
befehl Uber das geschlagene Heer, welches Prinz Moritz von 
Dessau nach Jung-Bunzlau zurückgeführt hatte, seinem Bruder, dem 
Thronfolger Prinz August Wilhelm von Preulsen; er selbst 
war mit dem Belagerungsheere von Prag nach Leitmeritz zurück- 
gegangen. Der Prinz erhielt den Auftrag, die Lausitz und Schlesien 
zu decken, und Böhmen, wenn irgend möglich, nicht vor dem 
15. August zu räumen. Er erfüllte seine Aufgabe schlecht. Nach- 
dem er schon am tf. Juli bis Leipa sich zurückgezogen hatte, ver- 
mochte er seine dortige Flankenstellung zu der grofsen Stralse Jung- 
Bunzlau-Niemes-Gabel-Zittau, auf der die österreichische Armee vor- 
rückte, so wenig zu benutzen, dafe die Österreicher nicht blofs die 
preußische Besatzung von Gabel abfingen, sondern auch die Stadt 
Zittau mit dem grofsen preufsischen Magazin in Brand schössen, 
während der Prinz auf dem Umwege über Rumburg nach Zittau 
Tausende durch Desertion und fast seine ganze Bagage verlor. 

Bernhardi hat dem König die Teilung der Armee, die Wahl 
des Befehlshabers des Seitenkorps, und das Unterlassen ausreichender 



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Ein neues Bnch Uber den siebenjährigen Krieg. 



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Malsregeln, um sichere Nachrichten über den Gegner zu erhalten, 
als Fehler angerechnet, v. Taysen, diesen Tadel billigend, fügt noch 
hinzu, dafs es ihm von jeher unverständlich gewesen sei, wie der 
König Uberhaupt die Stellung des Prinzen bei Leipa billigen konnte? 
Diese Flankenstellung zur grofsen Strafse von Jung-Bunzlau nach 
Zittau habe keine guten Kommunikationen geboten, um von hier aus 
einen Offensivstols mit Leichtigkeit auszuführen. 

Koser bespricht von den hier erwähnten Punkten nur einen, 
allerdings den wichtigsten, die Wahl des Oberbefehlshabers. 
„Der Prinz von Preufsen hat nachmals behauptet, sich um diese 
Stellung nicht beworben zu haben; der König dagegen hat es sich 
zum Vorwurf gemacht, den Fürsprechern des Prinzen, denen er oft 
genug reinen Wein eingeschenkt, endlich doch nachgegeben zu 
haben." Bei Ausbruch des Krieges hatte der Prinz kein selbständiges 
Kommando erhalten, sondern zu seinem grolsen Mifs vergnügen unter 
Schwerin dienen müssen. „Schwerin war Weltmann genug gewesen, 
dem Prinzen sagen zu lassen, dals er gern unter ihm als Zweiter 
dienen würde. Nun war der Marschall gefallen. Als nach dem 
Abzug von Prag die Gesamtstreitmacht in Böhmen wieder in zwei 
ungefähr gleich starke Heere zerlegt wurde, war bei allen Be- 
denken, die der König hatte, die Wahl des Bruders nicht wohl zu 
umgeben, um so weniger, als des Prinzen Vordermänner in der 
Rangliste, Feldmarschall Keith und Markgraf Karl von Schwedt, 
bei weitem nicht Ansehen und Ansprüche eines Schwerins be- 
safsen." Wenn also auch die Wahl des Prinzen „niejit wohl zu 
umgehen" war, so meint Koser doch, es sei „vom Übel" gewesen, 
„dals Friedrich den Bruder nicht auf den Rat eines bestimmten 
Generals vorzugsweise oder ausscblielslich angewiesen hat." Damit 
ist olfenbar das Richtige getroffen. Der Prinz hat sich selbst darüber 
beklagt, vier so uneinige Generalleutnants, wie Winterfeldt, Schmettau, 
Fouqu£ und Goltz, zu Untergebenen gehabt zu haben, die aus Eifer- 
sucht und Eitelkeit alles verkehrt und verdreht hätten. Da nun der 
Prinz wegen seines Mangels an Selbstvertrauen und Entschlossenheit 
nicht genug „imponierte", so mulste er auf den Rat eines seiner 
Unterfeldherrn angewiesen werden. Das konnte, möchten wir hinzu- 
fügen, nur Winterfeldt sein. Winterfeldt hat, wie sein neuester 
Biograph 1 ) nachweist, den richtigen Vorschlag gemacht, sich dem 
Feinde bei Gabel vorzulegen. „Kein Zweifel, wäre der Rat Winter- 
feldts befolgt worden, so war der entscheidende Punkt gesichert, 
so konnten die Oesterreicher, die in diesen Tagen ihre Hauptmacht 



») Vergl. Mollwo, Winterfeldt S. -J24. 



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Ein neues Bach Uber den siebenjährigen Krieg. 



langsam auf der grolsen Strafse nach der Lausitz vorschoben, die 
preußische Verbindungslinie nicht unterbrechen, und der ( ^pätere 
verderbliche Rückzug wäre vermieden worden." ( 

Den Tadel, dals der König nicht selbst an der zumeist j gefähr- 
deten Stelle den Befehl übernommen habe, widerlegt Koser mit der 
Bemerkung, dafs, als Friedrich Ende Juni zu dem Hauptheere zurück- 
ging, die Übermacht des Feindes vielmehr dorthin fallen zu wollen 
schien; auch sei die vom Könige übernommene Verteidigung Sachsens- 
mit der Nötigung zu doppelter Frontbildong zugleich gegen die 
Oesterreicher und die Franzosen, an sich die schwerere Aufgabe 
gewesen. 

Die harte Behandlung, welche der Prinz wegen seines 
energielosen Verhaltens erdulden mufste und die ihn zum „ge- 
brochenen Mann" machte, erscheint dem Verfasser wegen ihrer 
schroffen Form zwar beklagenswert, in der Sache aber habe 
Friedrich „nur recht und königlich gehandelt, wenn er, im Gegen- 
satz zu der Schwäche so vieler anderer Herrscher, einen Anspruch 
hoher Geburt auf die Heeresführung nicht gelten liefs. Er war nicht 
zu Gunsten seines Fleisches und Blutes voreingenommen, aber auch 
nicht zu Ungunsten. Denn wenn er jetzt den einen Bruder, bei 
offenkundiger Unzulänglichkeit, schnell wieder unter die Masse 
zurückschob, so hat er nachmals den andern, der echtes Verdienst 
bewährte, willig und dankbar als den hervorragendsten aller seiner 
Truppenfilhrer anerkannt." — 

Die Rede, welche der König vor der Schlacht be- 
Leuthen zu Parchwitz an seine versammelten Generäle und 
Stabsoffiziere hielt, giebt Koser auf Grund eigener Forschungen nicht 
in der allgemein bekannten direkten, sondern in indirekter Form 
wieder. „Jedem ist diese Stunde unvergeßlich geblieben, den Wort- 
laut der Rede hätte niemand festzuhalten vermocht." Direkt an- 
geführt wird nur ein Ausspruch des Majors Billerbeck, der, nachdem 
der König jedem an der preufsischen Sache etwa verzweifelnden 
Offizier einen sofortigen, vorwurfslosen Abschied zugesagt hatte, die 
lautlose Stille mit den Kraftworten unterbrach: „Das mülste ja ein 
infamer Hundsfott sein, jetzt wäre es Zeit!" 

Nach Bernhardi hat Friedrich seinen Angriffspunkt in der 
Schlacht bei Leuthen nicht nach taktischen, sondern nach 
strategischen Gründen gewählt, während Taysen hervorhebt, dafs 
für den König die Sicherstellung des taktischen Erfolges unbedingt 
die Hauptsache war. Koser läfst beide Gründe gleichmälsig gelten. 
„An dieser Stelle (nämlich auf dem linken Flügel der nach Westen 
gerichteten österreichischen Stellung) beschlofs König Friedrich seinen 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



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Angr'T einsetzen zu lassen. Als mehrfach benutztes Manöverfeld 
war Sm die Gegend wohl bekannt Es entging ihm nicht, dafe 
nach jberwältigung der vorgelagerten Höhen bei Sagschütz der 
linke Flügel des Feindes, ohne Anlehnung im Kücken, allen Halt 
verlieren mufste. Überdies stiels der Angriff dort in die natürliche 
Rtickzu^-slinie der Oesterreicher; von hier verdrängt, verloren sie die 
kürzeste Verbindung mit Schweidnitz und konnten die böhmische 
Grenze nur noch auf dem Umwege Uber Breslau erreichen." — 

Was den Feldzugsplan von 1758 betriff*, so haben wir schon 
oben bemerkt, dafs der Einfall in Mähren aus der Absicht des 
Königs hervorging, von hier aus um so leichter gegen die Russen 
zu detachieren. Der Plan umfalste übrigens durchaus nicht blols 
einen Einfall in Mähren (mit Eroberung von Olmtttz), sondern auch 
eine Invasion in Böhmen (mit Eroberung von Prag). Diese zweite 
Aufgabe wurde dem Prinzen Heinrich zugewiesen; er sollte an ihre 
Ausfuhrung gehen, sobald Olmütz gefallen wäre. Der König be- 
zeichnet die Einnahme von Prag geradezu als einen r Keulenschlag u 
(un coup de massue) für den Wiener Hof. 1 ) Koser erwähnt dieses 
Wort auch, zieht aber nicht die Konsequenz daraus, dafs der König 
die Beendigung des Krieges von der Eroberung Prags, und nicht 
von der Einnahme von Olmütz erhofft Diese Konsequenz würde 
freilich zu seiner und der Naudeschen Auffassung, dafs Friedrich es 
nur auf Mähren abgesehen hatte, schlecht stimmen. Richtig hebt 
dagegen Koser hervor, dafs der König einen Angriff durch Mähreu 
auf Wien nicht geplant hat. „Von einem Marsch und Angriff auf 
Wien spricht Friedrich in diesen seinen Entwürfen nirgends/ 4 Nur 
einmal, möchten wir hinzufugen, erwähnt er Uberhaupt die Be- 
lagerung von Wien. Als die Markgrätin von Bayreuth, seine 
Schwester, ihm die Mitteilung machte, ihre „Propheten" versicherten 
ihr, dafs er Wien nehmen werde, da antwortete der König (am 
8. April 1758): „Ich weifs nicht, ob wir Wien belagern werden, 
mir scheint das sehr prophetisch; wenn wir das Übergewicht über 
die Feinde gewinnen, so ist das alles, was man beanspruchen kann 
(pourvu senlement que nous gagnions l'ascendant sur les ennemis, 
ce sera tont ce que Ton pourra prätendre)." — 

Uber die Frage, weshalb Friedrich weder vor noch nach 
der Schlacht bei Zorndorf sich des russischen Trains be- 
mächtigte, heilst es in unserem Buche: „Beim Anmarsch zur 
Schlacht am Morgen des 25. war König Friedrich, entgegen den 

M Napoleon sagt: „La possession de Prague eUe-meme etait importante, 
eile lui assurait la possession de la Boheme; raais ä 
qaoi bon Olmütz?" 

JahrbOo»»r ftr di» dautioh» Arm»» and JUrin». Bd. 116. 1. 2 



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Ein neues Buoh Uber den siebenjährigen Krieg. 



herrschenden strategischen Anschauungen, dem grofsen rassischen 
Fuhrpark mit stolzer Verachtung vorbeigegangen, weil das feindliche 
Heer, das er in seine Hand gegeben glaubte, ihm in jenem Augen- 
blicke als der wichtigste, allein verlohnende Angriffsgegenstand 
erschien. Jetzt, da der Sieg allzu unvollständig geblieben war und 
er mit einer neuen Schlacht zu viel gewagt haben würde, erinnerte 
er sich der methodischen Lehre, dals die Schlacht nur ein Mittel 
unter mehreren sei, und so sollte jetzt der Überfall auf die nunmehr 
nach Landsberg abgefahrene Wagenburg nachgeholt werden. ,Das 
ist ihr rechtes Magazin', so rechnete Friedrich, ,auf die Wageus 
haben sie vier Monat Lebensmittel. Lasse ich die verbrennen, so 
raufs die Armee Hals Uber Kopf zurück laufen und bin ich sie ge- 
wisse los . . das ist besser als eine Bataille.' Nun aber kehrte die 
Gelegenheit von vorhin nicht wieder, die Russen waren auf der Hut, 
der Anschlag konnte nicht ausgeführt werden." 

Also mit anderen Worten: nach der Schlacht bei Zorndorf 
konnte, vor der Schlacht wollte sich der König des Trains 
nicht bemächtigen. Er wollte nicht, obwohl der nur von 4000 
Grenadieren bedeckte, hart an seiner Anmarschlinie befindliche Train 
ihm in die Hand fallen mnfste und er die später geäufserte Ansicht, 
dals nach Wegnahme desselben die feindliche Armee „Hals Uber 
Kopf zurücklaufen " werde, gewils auch schon damals gehabt hat. 
Eine Ansicht, die übrigens auch Napoleon teilt, wenn er sagt: „11 
lui suffisait de s'en emparer pour paralyser tonte l'armee russe. w 
Objektive Gründe gab es demnach für Friedrich nicht; die Aus- 
führungen eines neueren Bearbeiters von Zorndorf, 1 ) dafs es trotz 
Wegnahme des Trains einer Schlacht bedurfte, erscheinen mir 
schon mit Rücksicht auf die Autorität eines Napoleon als hinfällig. 
Weshalb also wollte er nicht? Koser spricht von „stolzer Verachtung* 
und trifft damit jedenfalls das Richtige. Ich möchte hinzufügen, dals 
aulser der Verachtung des Gegners vielleicht noch ein anderer 
Charakterzug des Königs im Spiele gewesen sein mag: der Eigen- 
wille. Allerdings verachtete er die Russen in sehr hohem Grade, 
aber auch wenn er sie nicht so sehr verachtet hätte: er hatte sich 
nun einmal vorgenommen, sie anzugreifen, und deshalb griff er sie 
an, obwohl er es nicht nötig hatte. Das Temperament siegte in ihm 
über die Reflexion. 

Dieselben Eigenschaften, Verachtung des Gegners und Starrsinn, 
waren einige Wochen später die Hauptfaktoren bei der Wahl des 
Lagers von Hochkircb. Clausewitz hat diese Stellung eine 



i) M. Immioh: Die Schlacht bei Zorndorf am 1h. August 1758. Berlin 1898. 



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schlecht gewählte genannt, Napoleon sagt noch schärfer, kein Regi- 
mentsadjutant hätte sie wählen dürfen. Aach Koser giebt zu, dals 
die Stellung an drei Gebrechen litt: sie war nicht zusammenhängend, 
sie konnte aus dem feindlichen Lager eingesehen werden, sie wurde 
auf dem rechten Flügel durch das Hochkircbner Waldgebirge umfalst. 
„So bildeten die Preulsen, wie Feldmarschall Keith warnend be- 
merkte, die Sehne, die Österreicher den Bogen. , Lassen sie uns 
hier in Ruhe, so verdienten sie gehängt zu werden/ soll er zum 
Könige gesagt haben, und die Antwort wäre gewesen: ,Wir müssen 
hoffen, dals sie sich mehr vor uns als vor dem Galgen furchten. 4 
Auch Eichel, der Kabinettssekretär des Königs, war in Sorge. Er 
schrieb, wie Koser citiert: „Man inuls es in der That der göttlichen 
Vorsicht zuschreiben, wenn man siebet, was dergleichen Leute des 
Königs Majestät und Dero Affaires zuweilen vor vieles Böse ohne 
Risque noch sonstige Umstände hätten zufügen können, wenn sie 
nicht ganz geblendet gewesen wären." Unser Verfasser führt nun 
zwar Gründe an, weshalb das Lager bezogen wurde. Der König, 
sagt er, wollte sich durch eine Umgehung zwischen Daun und Görlitz 
schieben, um eine Thür nach Schlesien bezw. nach der vom Öster- 
reichischen General Harsch belagerten Festung Neilse offen zu haben. 
r Aus Verpflegungsrttcksichten wurde der Marsch erst auf den 13., 
dann auf die Nacht zum 15. ausgesetzt." Um die Richtung der 
beabsichtigten Bewegung nicht zu verraten, und nicht aus einer 
„bizarren Laune" habe der König das Heer „derweil" im Lager von 
Hochkirch gelassen. Aber dieser objektive Grund genügt doch nicht 
um zu erklären, weshalb der König das äufseret gefährdete Lager 
von Hochkirch nicht blofs bezog, sondern auch mehrere Tage hielt, 1 ) 
nur Friedrichs Verachtung der „dicken Excellenz'' und seine Ab- 
neigung, dem Rate von Untergebenen zu folgen, nachdem er einmal 
seinen Entschlufs gefalst, scheinen mir eine hinreichende Erklärung 
zu geben. 

Wie alle Schilderungen der Schlachten, so ist übrigens diejenige 
des Überfalls von Hochkirch dem Verfasser besonders gut gelungen, 
da er hier mit Benutzung von guten Tagebüchern nicht blofs die 
dramatisch-spannende Entwickelang des Kampfes, sondern auch 
namentlich das persönliche Eingreifen des Königs sehr anschaulich 
zu machen versteht. Ich habe — und so wird es wohl den meisten 
Lesern gehen — diese Schilderung mit besonderem Genüsse gelesen. 

l ) Vergl. v. Taysen a. a. 0. S. 56. 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



Während der König seine ersten drei Feldzüge durch Offensivstölse 
in das feindliche Gebiet eröffnet, sehen wir, wie er von 1759 an 
sich auf die strategische Defensive beschränkt. Dabei kommt 
es 1759 nnd 1760 noch zn einigen sehr blntigen Schlachten, in 
den beiden letzten Kriegs jähren sieht der König aber selbst von der 
Schlacht ab nnd beschränkt sich auf eine blofse „Ermattungsstrategie 11 . 
Die GrUnde für diesen Ubergang vom Forte zum Piano liegen nicht 
in seinem Temperament, welches ihn im Gegenteil immer zum Angrifl 
drängte, sondern vielmehr darin, dals seine Kampfmittel immer 
weniger zu einer energischen Kriegsführung ausreichten. Als sich 
ihm, 1760 und 1762, Aussicht auf eine beträchtliche Vermehrung der- 
selben (durch türkische Hilfe) bot, da entwirft er auch sogleich wieder 
Offensivpläne, die dann freilich, da sieb jene Vermehrung als ein 
Luftschlofs herausstellte, unausgeführt bleiben mulsten. Diese stra- 
tegischen Anschauungen und Absichten des Königs, einerseits mit all 
ihren verschiedenen, durch den Wechsel der Lage und der Stimmung 
bedingten Schattierungen, mit der plötzlich aufsprudelnden Lust, alles 
auf eine Karte zu setzen, und mit der weisen Beschränkung auf das 
Erreichbare und Erfolgverheilsende, andererseits mit dem unbeug- 
samen Entschlüsse, lieber zu sterben als zu unterliegen, diese 
Strategie, die so aufs engste mit dem im einzelnen variierenden, im 
ganzen eisenfesten Charakter Friedrichs zusammenhängt. Koser Iäfst sie 
uns zum erstenmale auf Grund der „Politischen Korrespondenz" im 
schärfsten Lichte erkennen. 

Wie schwer es dem Könige wurde, zu Anfang des Jahres 
1759, als er Daun gegenüberstand, auf die Offensive zu ver- 
zichten, darüber citiert Koser folgende drastische Aufserungen von 
ihm: „Hier," sagt er einmal, „stehen wir wie die Hammels gegen- 
einander, keiner will beilsen", und ein anderes Mal: „ich hatte mir 
20 Pfund Blei hinterwärts beigesteckt, um den Feind zu deroutieren 
mit einer gegen die Vorjahre ganz veränderten Haltung, aber Daun 
hat 60 Pfund sitzen, denn er fackelt entsetzlich mit mir herum. *) 

Diese Stellen liefsen sich noch leicht vermehren. Am 9. Juni 
1759 schreibt der König: 3 ) „Der Mann mit dem päpstlichen Hute 3 ) 
zaudert entsetzlich mit seinem Kommen; er ftirchtet, sich die Finger 



•) Im Original heilst es: „Je rae suis mis 20 livres de plomb au derriere 
cette annee-ei, pour derouter l ennemi, en prenant une conduite toute differentc 
des annees preoedentes; mais Daun en a pour 60 livres, car il me lanterne 
mrieusement." 

3 ) Das folgende eigenhändig. 

*) Durch die Zeitungen war im März die Notiz gegangen. Daun habe vom 
Papst einen geweihten Hut und Degen erhalten. 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



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zu verbrennen. Indessen wird die Lust, Schlesien zurückzuerobern, 
ihn. wenn es dem Himmel gefällt, eine Dummheit begehen lassen." 
Am 17. Jnni: „Daun rührt sich nicht, bis die Küssen kommen." 
Am 18. Juni: „Mein geweihter Dickkopf Daun rührt sich nicht von 
der Stelle, er wartet auf Fermor, der, ich weils nicht worauf, wartet. 
Das wird eine späte Campagne geben." Am 20. Juni: „Das weifs 
der Teufel, was der Daun vor hat, aber die Zauderei kann leichte 
noch einen ganzen Monat dauren." Endlich am 26. Juni: „Wir 
stehen hier mit gekreuzten Armen, so lange es dieser geweihten 
Kreatur mir gegenüber gefallen wird." — 

In der Schlacht bei Kunersdorf sollen nach der Eroberung 
des Mühlberges verschiedene Generale, wie es in dem Gaudischen 
Tagebuche beifst, dem Könige geraten haben, die Schlacht 
nun abzubrechen, der König aber habe erwidert, man müsse die 
Russen dergestalt in Schrecken setzen, dafs ihnen die Lust vergehe, 
künftig die preufsischen Staaten zu betreten. Koser beruft sich für 
das Unzweckmäfsige jenes Vorschlags auf Tempelhoff, der „treffend" 
gesagt habe, dafs der König in jenem Augenblicke die Wahrschein- 
lichkeit auf seiner Seite hatte, den entscheidendsten Sieg zu erringen. 
Der Verfasser wirft dann die Frage auf, ob der Kampf vielleicht 
in einem späteren Moment, etwa nach der Erschöpfung des preufsi- 
schen rechten Flügels, hätte abgebrochen werden müssen. Er fällt 
hierüber kein eigenes Urteil, führt aber die Ansicht zweier, in hervor- 
ragender Stellung befindlichen Mitkämpfer an. „Der in der Schlacht 
verwundete General Hülsen hat bald darauf erklärt, dafs auch er als 
Feldherr die letzte Stellung des Feindes angegriffen haben würde; 
dafis der König Tadel verdient hätte, wenn er es hätte unterlassen 
wollen. Und schon fünf Tage nach der Schlacht schrieb der Reiter- 
general Platen an den Prinzen Heinrich, er könne den Vorwurf, dals 
der König nach der Wegnahme des Dorfes nicht eingehalten habe, 
nicht als berechtigt anerkennen; nur war Platen der Meinung, dals 
es sich in dem bezeichneten Zeitpunkt empfohlen haben würde, 
nunmehr mit dem linken Flügel die feindliche Stellung in ihrer 
rechten Flanke zu umfassen." 

Ob dieser Vorschlag Platens durchführbar war, d. h. ob es 
überhaupt möglich gewesen wäre, die frischen Bataillone des linken 
Flügels durch die Seenniederung hindurchzuziehen und zu einer Um- 
fassung der feindlichen Stellung von der Südseite her zu verwenden, 
läfst Koser „dahingestellt 44 . Dagegen hebt er hervor, dafs man auf 
preußischer Seite aus Unkenntnis des Geländes den «Erfolg des 
ersten Angriffes überschätzt habe. „Die ihn wegen seiner 
Verwegenheit und Ungenügsamkeit gescholten haben, und Friedrich 



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Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



selbst, haben immer angenommen, dafs das Hindernis, an dem der 
Angriff sich brach, der grolse Spitzberg, bereits das letzte Bollwerk 
des Feindes, d. h. der Juden berg oder gar der ganz nahe an 
Frankfurt gelegene Judenkirchhof gewesen sei, und diese irrige An- 
nahme hat die Tadler in ihrer V orstellung von der Zulänglicbkeit 
des erstrittenen Teilerfolgs, den König aber in seiner Tendenz auf 
völlige Vernichtung des Gegners bestärkt. In Wirklichkeit hätten 
die Verbündeten auch nach Verlust des groDsen Spitzbergs immer 
noch eine Zuflucht hinterwärts gefunden und wurden so den letzten 
Abschnitt des Schlachtfeldes behauptet haben, obgleich die auf dem 
Jadenberge aufgestellte Reserve schließlich, in dem Mafse, als der 
preufsische Angriff Zug um Zug ihre Abberufung erheischte, bis auf 
sechs österreichische Bataillone und drei Husarenregimenter zusammen- 
schrumpfte." 

„Die Tadler'', fährt Koser fort, „denen des Königs zähes Fest- 
halten an dem lockenden Bilde eines Vernichtungsschlages ein 
Ärgernis oder eine Thorheit gewesen ist, waren dieselben, die sein 
kühnes Bataillieren von vornherein verurteilten". Oft mit ihren 
Ausstellungen einverstanden, habe Jomini es als lächerlich bezeichnet, 
einem General vorzuwerfen, dafs er den Sieg habe verfolgen wollen. 
Aulserdem müsse man berücksichtigen, dafs dem Könige nach der 
Niederlage seines rechten Flügels noch 20 unberührte Bataillone und 
die grofse Masse seiner Reiterei zur Verfügung gestanden habe. 

Damit sind jene Tadler genug und übergenug widerlegt. Koser 
kämpft hier ein klein wenig mit Windmühlen, denn von den späteren 
Kritikern — deren einer, Jomini, ja selbst angeführt wird — ist 
es keinem eingefallen, dem Könige aus der Fortsetzung des Angriffs 
einen Vorwurf machen zu wollen. Wichtiger scheint mir die Er- 
örterung der Frage, weshalb der König seinen Hauptangriff 
nicht von vornherein auf den Schlüssel der feindlichen 
Stellung, die Judenberge, gerichtet hat, eine Frage, die, so 
viel ich sehe, zuerst Rambaud 1 ) aufgeworfen hat. Dieser Schrift- 
steller vergleicht die Stellung der Austro-Russen bei Austerlitz mit 
ihrer Stellung bei Kunersdorf. Auch dort, sagt er, bildete die am 
schwersten zugängliche Höhe den Schlüssel der Stellung, das Plateau 
von Pratzen. Auf dieses Plateau richtete Napoleon seinen Angriff, 
allerdings erst nachdem er seine Gegner verleitet hatte, sich dort zu 
schwächen; er verbrauchte seine Kräfte nicht gegen die anderen 
Höhen. Bei Kunersdorf also, meint Rambaud, würde Napoleon 
vielleicht zuerst den Mühlberg angegriffen haben, aber nur um die 



») Russes et Prussiens. Guerre de sept ans. Paris 1895. 



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Ein neues Bach Uber den siebenjährigen Krieg. 



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Feinde vom Spitzberg und Jadenberg heranzulocken und ohne den 
Kubgrund zn überschreiten ; den Haoptangriff aber würde er auf den 
Jadenberg, so stark diese Stellung auch war, gerichtet haben, bevor 
seine Infanterie in nebensächlichen Angriffen dezimiert und demo- 
ralisiert war. Friedrich dagegen verbrauchte grade auf einem neben- 
sächlichen Punkte alle seine Regimenter. Um sich Luft zu machen, 
liefs er dann tollkühn seine Kavallerie gegen die Verschanzungen 
und Batterien des Spitzbergs vorgeben. So verursachte er den Unter- 
gang dieser „prächtigen Reiterei", die nun nicht mehr den Rückzug 
decken konnte, welcher sich daher in wilde Flucht verwandelte. 

Koser hat sehr wohl erkannt, dals die Judenberge — der höchste, 
sich steil aus dem Oderthal erhebende Teil der feindlichen Stellung, 
von wo sich dieselbe zum Spitz- und Mühlberg herabsenkte — ihren 
Schlüssel bildete; „wurde dieser Punkt", sagt er, „bezwuugen, so 
war nicht blofs das ganze Lager dem Feuer des Siegers ausgesetzt, 
den Besiegten war dann auch der Rückzug abgeschnitten." Aber 
auf die Frage, weshalb der Hauptangriff nicht auf diesen Punkt 
gerichtet wurde, geht er nicht näher ein. Er bemerkt nur: „Es hat 
indes wohl von vornherein nicht in der Absicht des Königs gelegen, 
sich wie bei Prag und Kolin, Leuthen und Zorndorf an die ihm am 
weitesten abliegende Flanke des Feindes heranzuschieben, wo über- 
dies im vorliegenden Falle der bis auf 300 Schritt an die Schanzen 
der Judenberge herantretende Wald der Artillerie eine wirksame 
Vorbereitung des Angriffs unmöglich gemacht hätte." Ob letztere 
Erwägung bei dem Entschlüsse des Königs, gegen die Judenberge 
nicht den Haoptangriff zu richten, marsgebend war, wird von Koser 
nicht erörtert. Gegen Rambaud spricht, dafs Napoleon in seiner 
Kritik der Schlacht nicht die Wahl des Angriffspunktes, sondern die 
zu geringe Truppenzahl der Preufsen urgiert; nach ihm hätte der 
König von der Armee des Prinzen Heinrich noch 20000 Mann au 
sich ziehen sollen. — 

Uber die Kapitulation von Maxen sagt Koser: „Mit dem 
Korps, das am 21. November 1759 die Waffen gestreckt hat, verlor 
das preufsische Heer fast 15000 Mann, dazu 70 Geschütze, 9<> 
Fahnen und 24 Standarten. Der unglückliche General hat sich 
darauf berufen, dals er mit seinen Bedenken gegen den Vormarsch 
in die aasgesetzte Stellung bei Maxen nicht zurückgehalten habe, 
vom Könige aber mündlich ungnädig angelassen 1 ) und durch schrift- 
liche Befehle fort und fort vorgedrängt worden sei. Finck hat auch 
der Meinung Ausdruck gegeben, dafs seine Rapporte, von denen 

i) Der König soll zu Finck gesagt haben: „Er weif«, dafs ich keine Difficul- 
täten leiden kann; mache Er, dafs Er fortkömmt." 



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Ein neues Bach über den siebenjährigen Krieg. 



er Abschriften nicht zurück behalten hatte, ihn gewils noch mehr 
rechtfertigen würden: das trifft indes nicht zu. Seine Berichte noch 
ans den letzten Tagen seines Kommandos zeigen, dafs er sehr zuver- 
sichtlich war, dafs er sich eines Angriffs nicht versah. Und auch 
als das Nahen stärkerer Massen ihm gemeldet wurde, hat er weder 
durch einen Rückzug nach Dippoldiswalde sich seine Verbindung mit 
dem Hauptheere oder für den äofs ersten Fall einen Ausweg in süd- 
licher Richtung gesichert, noch auch die vorgeschobene Abteilung des 
General Wunsch aus Dohna wieder an sich gezogen. Schon abge- 
schnitten, zersplittert, hat er dann immer noch geglaubt, nicht ange- 
griffen, sondern nur eingeschlossen und alsbald entsetzt zu werden. 
Er hat unter dieser Voraussetzung nicht einmal daran gedacht, sich 
hinter die Schlucht von Reinbardsgrimma zu setzen, wo er stärkste 
Deckung und allemal eine Rttckzugsstrafce gehabt haben würde. 
Dabei waren alle diese Stätten den preulsischen Truppen und in- 
sonderheit dem General Finck persönlich aus den vorangehenden 
Feldzügen genau bekannt So erlag der bis dahin trefflich bewährte, 
gepriesene General, umstellt und überrascht, dem von Daun selber 
geleiteten Angriff. Und nicht eine Übermacht von 50000, wie Finck 
annahm, hat ihn erdrückt; nur etwa 25000 Gegner waren zur 
Stelle, einschliefslich der im Rücken der Preufsen erschienenen und 
wie immer nicht gerade nachdrücklich vorgebenden Reichstruppen.'' 

Vom Standpunkt der militärischen Ehre aber, fährt Koser fort, 
bleibe die Waffenstreckung der dunkelste Fleck an dem Verhalten 
Fincks. Dals die Kapitulation den Offizieren den Besitz ihres Ge- 
päckes zugestanden habe, lasse den traurigen Vorgang nur um so 
anstoTsiger erscheinen. 

Während so der General schwer belastet wird, ist das Urteil 
über den König ein recht glimpfliches. Das gefährliche Vorschieben 
Fincks nach Maxen, welches nach Clausewitz „kaum zu erklären, 
geschweige denn zu entschuldigen" ist und das auch Napoleon 
scharf tadelt wird von Koser zwar nicht gerühmt, aber der Ge- 
fährlichkeit durch den Hinweis zu entkleiden gesucht, dals der Plan 
dazu von dem vorsichtigen Bruder des Königs ausgegangen sei. 
„Der Plan, den Feind durch einen Flankenmarsch nach Freiburg 
und Dippoldiswalde zu beunruhigen, war bereits durch den Prinzen 

'j L'echec de Maxen est le plus oonsiderable qu'ait essuyä ce grand capi- 
taine, et c'est la faute la moins pardonnable qu'il ait faite. Plus on oonnait 
les looalites, plus on reflechit snr la Situation des deux armees, et plus on sent 
que ce mouvement ne pouvait conduire qu'ä une catastrophe. Le general 
Finck a 6t£ jete avec 18 000 hommes au milieu de toute rannte autrichienne, 
etant separe du gros de eon armte par plusieurs marebes, dans un pays de 
montagnes et de defiles." 



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Ein neues Bach über den siebenjährigen Krieg. 



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Heinrich entworfen und eingeleitet worden. Am 5. November legte 
er seine Absicht dem noch in Glogau weilenden Könige dar und 
fand dessen vollen Beifall/* Dann heifst es allerdings, der König 
babe trotz der Erfahrung von Hochkirch seinem Gegner Daun nicht 
genug Entschlossenheit zugetraut, ein Fehler, in den jedoch nicht er 
allein, sondern auch „sein General" verfallen sei. Die einzige 
Schuld, die den König allein treffe, bestehe darin, dals er — wie 
Finck zu seiner Entlastung „nicht unzutreffend" geltend gemacht 
habe — nicht mit dem Hauptbeere durch eine kräftige Diversion 
auf Dauns Front gewirkt hätte, da dieser die Unternehmung auf die 
in seinem Rücken erschienenen preufsischen Streitkräfte dann schwer- 
lich gewagt haben wurde. Wir bemerken dabei, dals Koser die 
Ausdrucke „Schuld" und „Fehler" nicht in den Mund nimmt. 

Nach der neuesten Untersuchung über Maxen l ) verachtete 
Friedrich nicht den Gegner, sondern er erkannte Uberhaupt nicht 
die drohende Gefahr, er dachte gar nicht daran, dals Finck 
seine Stellung bei Maxen aufgeben sollte, denn er hielt diese Stellung 
für unangreifbar. „Wofern Uberhaupt von einer Schuld die Hede 
sein kann, trifft sie Friedrich den Grofsen." Wenn Kosers Urteil 
Uber den König also vielleicht ein wenig modifiziert werden mufs, 
so ist seine scharfe Rüge der ehrlosen Waffenstreckung vollauf be- 
rechtigt Kein geringerer als Napoleon hat gesagt, dals, wenn ein 
Geneial im Felde die Waffen strecken durfte, es auch jedem Sol- 
daten erlaubt sein mUsse, zu seinem Offizier zu sagen: „Voila raon 
fusil, laissez-moi m' en aller dans mon village", ein solcher Soldat 
aber wttrde nach den Kriegsgesetzen zum Tode verurteilt werden. 
Diese Waflenstreckung ohne Kampf, diese Verletzung der preufsischen 
Ehre erbitterte den König auch ganz besonders gegen seinen General; 
sie wirkte so lange in ihm nach, dals er noch am 21. März 1760, 
al6 das Infanterieregiment Manteuffel sich durch Überlegene feindliche 
Kavallerie bei Neustadt i. Schi, siegreich durchgeschlagen hatte, 
dem Kommandeur des Regiments eigenhändig schrieb: „Mache Kr 
die Offiziers von Manteuffel ein Compliment in meinem Namen. 
Sie haben nach unserer alten Art agiret. wor Ehre bei ist, und nicht 
nach denen modernen infamen Exempels, die ich leider zur Schande 
von der Nation und der Armee habe erleben müssen." — 

In Bezug auf den Feldzug von 1760 hat Clausewitz dem 
Könige zwei Dinge zum Vorwurf gemacht: die unnutze Ver- 
wendung der Armee des Prinzen Heinrich gegen die Russen 
zu einer Zeit, wo diese noch gar nicht in Wirksamkeit treten 

!) L. Moll wo: Die Kapitulation von Maxen. Marburg 1898. 



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Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



konnten, und den „steifen" Befehl an Fouque, die Stellung bei 
Landeshut auf jeden Fall zu behaupten. Koser hebt hervor, 
dals Prinz Heinrich selbst anfang Juni sich erboten hatte, im Verein 
mit Fouque den General Laudon aus Schlesien zu verjagen, der 
König habe aber die Unterstützung des Fouqueschen Korps, des 
„Detachements von seinem Heer", als seine eigene Aufgabe betrachtet 
und es für „dringlicher" gehalten, dafs der Prinz den Russen ent- 
gegenzog. Auch hier sehen wir also, wie bei Hochkirch, dafs der 
König, wenn er einmal einen Plan gefatst, den vernünftigen Gegen- 
vorstellungen eines Untergebenen nicht folgte, auch wenn dieser 
Untergebene sehr von ihm geschätzt wurde. Auch hier, wie dort, 
beobachten wir wieder die Verachtung des Gegners. Der König, sagt 
unser Verfasser mit Recht, „unterschätzte" Laudon, seinen Unter- 
nehmungsgeist, sein Feldherrntalent. Fouque mit seinen 1 1 000 Mann 
ging, als Laudon mit mehr als dreifacher Ubermacht seinen ersten 
Yoretofs machte, in der Richtung auf Breslau zurück. Dem Könige 
galt dieser Abmarsch von Landeshut als „vorzeitig, überstürzt", er 
verlangte „gebieterisch und mit verletzender Schärfe", dafs Fouque 
ihm „seine Berge" wieder verschaffe. Spätere Befehle, die Fouque 
freie Hand liefsen, erreichten ihu nicht mehr. Als am 23. Juni die 
Katastrophe eintrat — 15 Bataillone und 68 Geschütze gingen ver- 
loren — wollte der König zuerst seinen General dafür verantwortlich 
machen ; l ) nach ruhiger Überlegung aber wurde er dem Manne, „der 
in voller Voraussicht seines Schicksals als echter Soldat das Opfer 
eines blinden, buchstäblichen Gehorsams geworden war", gerechter; 
ja er fUhlte sich ihm gegenüber sogar zu Dank verpflichtet, weil er, 
„hochsinniger als Finck bei Maxen", die preufsische Waffenehre ge- 
rettet hatte, denn keine Kapitulation war abgeschlossen, Fouque 
selbst schwer verwundet und die nach achtstündigem Kampfe aus- 
einandergesprengten Karees einzeln Überwältigt worden. 1 ) 

Zur Erklärung, wenn auch nicht zur Rechtfertigung Friedrichs 
dient es vielleicht, dafs er gerade in dieser Zeit bestimmte Zusagen 
auf türkische Hilfe erhielt. Sanguinisch und hoffnungsfroh — 
ganz anders als der mifstrauische und vorsichtige Prinz Heinrich und 
auch als Fouque — traute er den diesbezüglichen Versicherungen 
seines Gesandten Rexin in Konstantinopel und schob den Zug von 

i) „Der König", sagt R. Schmitt (Prinz Heinrich von Preufsen als Feldherr 
im siebenjährigen Kriege, Greifswald 1897) „litt an dem Fehler, von dem wenige 
Menschen frei sind, die Schuld am eigenen Unglück nicht bei sioh, sondern bei 
anderen zu suchen." 

') Napoleon nimmt fälschlich an, dals eine Kapitulation stattgefunden habe; 
sein darauf begründeter Tadel Fouques fäUt mit der falschen Annahme fort. 



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Ein neues Bnch über den siebenjährigen Krieg 



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Sachsen nach Schlesien, den er schon geplant hatte, wieder aof, da 
die Diversion der Türken die Österreicher bald nötigen würde, einen 
grotsen Teil ihrer Truppen nach Ungarn abmarschieren zu lassen; 
hatte er doch sogar ftlr diesen Fall den Plan entworfen, Fouque nach 
Mähren zu enteenden. Schon am 4. Mai 1760 schreibt er ihm: „Wenn 
das Laudonsche Korps wegen einer Diversion von denen Türken, wie 
Ich glaube, weg und nach Ungarn mufs, . . alsdann werde Ich Euch 
notwendig destinieren. den Krieg nach Mähren zu spielen." Am 
18. Mai: Die Österreicher können von der türkischen Diversion erst 
Ende dieses Monats „Wind bekommen"; sie müssen „auf der Stelle 
60000 Mann nach Buda marsch iren lassen. Dann wollen wir das 
Projekt auf Mähren ausführen, um den Türken die Hand zu reichen, 
den Krieg an die Donau zu verlegen, Sachsen zu befreien und in 
Böhmen einzudringen." Am 26. Mai: „Was die türkische Sachen 
betrifft, so sind solche nach Meinen letzteren Briefen von daher und 
wenn Ich solchen völlig trauen darf, positiver als Ihr es glaubet." 
Am 4. Juni: ,.Z wischen hier und dem 10. dieses mufs der Feind 
Nachricht aus der Türkei haben. Wenn die Sache Mir dort reussiret, 
wie Ich noch alle Hoffnung habe, so wird den Feind solches bald 
auf andere Gedanken bringen". Am 11. Juni: „Wenn Laudon ganz 
weggehet, alsdann wird Eure Traite wohl nach Mähren gehen". 
Endlich am 21. Juni, einen Tag vor der Katastrophe: „Ich glaube 
ganz gewils, dafs das Spiel von Laudon in Schlesien sich bald ändern 
und er die Ordre bekommen werde, durch einen andern Weg in die 
österreichische Lande zurückzugehen". Wegen der zu hoffenden 
Diversion der Türken sei der König nicht genötigt, das geringste „zu 
basardieren, bis dais die Umstände anfangen, uns favorable zu 
werden. Alsdann wir das Projekt gegen Mähren wieder vorsuchen 
und zur Execution bringen müssen".') 

So voller Hoffnung auf ein Angriftsbündnis mit der Pforte und 
auf das lebhafteste mit Offensivplänen beschäftigt, werden wir es 
noch erklärlicher, noch weniger unverständlich finden, dais Friedrich 
seinen wackeren General im Stiche liefs. Koser hat diesem Zu- 
sammenhang zwischen Landeshut und Konstantinopel eine, wie mir 
scheint, zu geringe Bedeutung beigemessen. — 

Von der Schlacht bei Liegnitz sagt Koser, sie sei ..das 
entscheidende Ereignis „in der Geschichte des Feldzuges von 1760. 
„Hatten schon vorher die österreichischen Feldherrn, trotz ihrer Über- 
legenheit an Zahl, sich Zug um Zug nach den Bewegungen ihres 
grofsen Gegners gerichtet, so waren Initiative und die Neigung zum 

») Obige Kabinetsordres nach „Polit Korrespondenz Friedrichs d. Gr." 
Bd. 19. 



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Ein neues buch über den siebenjährigen Krieg. 



Schlagen in Daun jetzt vollends erstickt. Daraus zogen aber auch 
die Russen, wie sie es vorher angekündigt hatten, alsbald die Nutz- 
anwendung für ihre eigene Kriegsfilhrung." 

Zu einem Unternehmen, der Eroberung von Berlin, rafiten sich 
die Russen und Österreicher indessen 1760 doch noch auf und auch 
zu einer Schlacht (bei Torgau) gab noch in diesem Jahre die ..ge- 
weihte Kreatur", um mit Friedrich zu reden, Veranlassung. 

Die Eroberung Berlins seheint mir, wenn ich auch als 
Berliner vielleicht zu parteiisch bin, von Koser, der nur eine Druckseite 
auf die Erzählung davon verwendet, etwas stiefmütterlich behandelt 
zu sein. War die Eroberung einer Hauptstadt damals anch nicht 
von so folgenreicher Bedeutung für den Verlauf des Krieges, wie 
sie es später wurde, so hebt doch schon Clausewitz hervor, dals der 
kurze Verlust Berlins dem Könige einige 1000 Mann, der Stadt 
2 Millionen Thaler und dem Staate vielleicht auch 1 Million an 
verlorenen Effekten kostete: „Das war alles nicht ganz leicht zu 
verschmerzen". Koser erwähnt weder den Namen des patriotischen 
Kaufmanns Gotzkowski noch den des holländischen Gesandten Baron 
Vereist, deren Bemühungen und — Präsente die russischen Generale 
doch wohl ebenso zur Aufrechterhaltung der Mannszucbt bewogen 
haben, wie die Besorgnis, für „Barbaren" gehalten zu werden. Auch 
wird nicht gesagt, dafs der Konig hier wieder zunächst seine Gegner 
unterschätzte, indem er nur an eine Demonstration glaubte. Am 
29. September schrieb er an den Kommandanten von Glogau aus 
seinem Lager zu Dittmannsdorf im schlesischen Gebirge: „Mir 
kommt es aber fast so vor, als ob deren (nämlich der Küssen) 
neuerliche Bewegungen dererselben nur Schreckpulver wären und 
dafs sie nur das Ansehen haben wollen, was zu thun, um das Geschrei 
der Österreicher zu eludiren, die immer haben gewollt, sie sollten 
mir mit Glogau eine Diversion machen, dals ich dahin detachieren 
sollte und sie, die Österreicher, alsdann hier impunement den Meister 
spielen könnten." Ebenso an den bei Glogau stehenden General 
v. d. Goltz: „Wenn Ich Euch aber sagen soll, was Ich darüber ge- 
denke, so halte Ich die neuerliche Bewegungen deren Russen vor 
Schreckpulver". Noch am 30. September, als der König die erste, 
allerdings vague Nachricht erhalten hatte, dafs die Russen vielleicht 
„bis gegen Berlin penetrieren" wollten, schrieb er an Goltz: „Noch 
zur Zeit kommt es Mir vor, als ob der Marsch des Tschernischew 
eine von dem Daun gekartete Sache sei, um Mich dadurch zu obli- 
giren, stark dahin zu detachiren oder gar den hiesigen Posten zu 
verlassen". In seiner Auffassung, dafs die Sachlage nicht kritisch 
sei, wurde Friedrich am 1. Oktober durch die (fälschliche) Nachricht 



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Ein nenea Bach über den siebenjährigen Krieg. 



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bestärkt, dafs der General Hülsen die Reichsarmee in Sachsen völlig 
geschlagen nnd bis Meilsen zurückgedrängt habe; als er am 3. Oktober 
zuerst Kunde von der Detachierung Lacys erhielt meinte er an- 
fänglich, dieses Korps sei vielleicht gegen Hülsen bestimmt. 1 ) Immer- 
hin gab er sofort Befehl, dafs aulser Goltz die in Pommern stehenden 
Generale Stutterheim und Prinz Eugen von Württemberg für die 
Sicherheit Berlins sorgen sollten. 

Als nun aber (am 4. Oktober) die Wahrheit Uber Hülsen an 
den Tag kam, dafs er nämlich nicht die Feinde geschlagen habe, 
sondern vor ihrer Übermacht bis Wittenberg zurückgewichen sei, 
da hielt der König die Sachlage nicht nur für „ernsthaft", wie 
Koser nach einem Briefe an Hülsen citiert, sondern er vertraute 
seinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, an, dafs „siegen oder sterben" 
jetzt seine Devise sei. Er traf sofort Anstalten zum Aufbruch und zur 
Vereinigung mit Goltz, doch verzögerte sich der Abmarsch wegen 
einer überflüssigen Rückfrage des Kommandanten von Breslau hin- 
sichtlich der Brotwagen') noch bis zum 7. Oktober. Sein Plan ging 
dahin, nicht blols die Russen aus der Mark und die Reichstruppen 
und Österreicher aus Sachsen herauszuschlagen, sondern auch noch 
in diesem Jahre Dresden zu belagern: am 11. Oktober erhielt der 
Kommandant von Magdeburg Befehl, zu diesem Zwecke „8 vierund- 
zwanzigpfündige Canons nnd 6 Mortiers mit allem dazu gehörigen 
Ladezeug und Attirail nebst 2000 Bombden" parat zu halten, „auch 
die erforderlichen Schiffe zusammenzubringen." 3 ) 

Der König hat also zwar anfänglich die Entschlossenheit der 
Gegner unterschätzt, es aber doch an der nötigen Sorgfalt zum 
Schutze Berlins nicht fehlen lassen, was aus unserem Buche nicht 
ganz deutlich erhellt. — 

>) Vergl. Polit. Korrespondenz Bd. 20, Nr. 12408 und 12404. 

3 ) Kabinetsordre an Tauentzien, d. d. Dittmannsdorf 6. Oktober: „Wenn 
Ihr Hein voriges Sehreiben an Euch (vom 4. Oktober) recht eingesehen und 
die von Mir darin angeführte Umstände erwogen hättet, so würdet Ihr daraus 
selbst ermessen haben, dafs, wenn ich Meinen alten Provinzen noch zu Hülfe 
kommen wül, loh keinen Tag fast mehr zu versäumen habe; da Ihr dann, ohne 
in Eurem Schreiben vom 6. dieses weiter anzufragen, wenn Ihr die mit Biscuit 
und Mehl beladenen Wagens nach Canth unter Escorte schicken sollen, leicht 
erachtet haben würdet, dafs nach Anleitung Meiner Ordre solches gleich und 
sonder einen Tag zu versäumen, geschehen müssen; denn Ich mich 
nicht eher bewegen kann, bis Meine dazu erforderliche Arrange- 
ments in Ordnung sein". 

3 ) Die Absicht des Königs, Dresden zu belagern, geht zwar nicht aus dieser 
Ordre an Reichtuan, Vizekomraandanten von Magdeburg (Polit. Korrespondenz 
No. 12 421), wohl aber aus einem Schreiben an General Hülsen vom 17. Oktober 
(ebenda No. 12427) hervor, worin es heust: „Weil ich denke, dafs, wofern wir 
glücklich sein, wir noch in diesem Jahre Dresden wieder nehmen wollen u. s w." 



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Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



Bei der Schilderung der Schlacht von Torgau ist es interessant 
zu beobachten, wie geschickt Koser die sich zum Teil widersprechen- 
den Angaben dreier Angenzeugen (des Königs, des Majors Gaudi und 
Tempelhoffs) Uber die „Entscheidung" in dieser Schlacht mit einander 
zu kombinieren weils. ') 

Bekanntlich liefe der König, nachdem er mit seiner Armee am 
Nachmittage des 3. November den Ostrand der Domraitzscher Heide 
erreicht hatte, die von den Österreichern stark befestigten Süptitzer 
Höhen im Süden durch Zieten angreifen, während er selbst von 
Norden her die feindliche Stellung zu durchbrechen suchte. Da aber 
mehrere Angriffe auf die Nordfront gescheitert waren, glaubte der 
König, als es dunkel wurde, weitere Versuche aufgeben zu müssen 
und befahl dem General Hülsen, die in Unordnung geratenen Truppen 
hinter einem Graben am Waldrand zu sammeln. Da plötzlich, erzählt 
Gaudi in seinem Journal, hörte man von jenseits Süptitz her Kanonen- 
nnd Gewehrfeuer und bemerkte, wie der Feind sich nach jener Seite 
— also gegen Zieten — verteidigte. Hülsen ritt vor, um diesen neuen 
Angriff zu beobachten. „Er hatte einen Offizier bei sich", der ihm riet, 
zur Unterstützung des Zietenschen Angriffes mit einigen hinter dem 
Graben stehenden frischen Bataillonen vorzurücken, „welches der 
Feind, der uns auf dieser Seite für geschlagen hielt, gewifs nicht 
vermuten würde, und dadurch die Sache entschieden werden könnte". 
Hülsen widersprach lange „aus Unentschlossenheit*' und schützte die 
ausdrückliche Ordre des Königs vor, dafs nämlich die Infanterie 
hinter dem Graben stehen bleiben sollte, schliefslich aber liels er sich 
bewegen, kehrte zu der Infanterie zurück „und liefe 2 Battaillons 
Moritz mit rechts um längs dem Walde vorrücken, wobei sich auch 
einige schwere Kanonen befanden; die übrige Infanterie blieb 
hinter dem Graben, sowie die Kavallerie vor demselben stehen." 
Der Erfolg dieser Bewegung bestand darin, dafs „der Feind nach 
8 Uhr seinen Posten bei Süptitz, sowie das Dorf selbst verliefe, sich 
bei Zinna vorbei gegen Torgau zurückzog und uns das Schlacht- 
feld Uberliefs." 

Nach dieser Schilderung gebührt ohne Zweifel der Löwenanteil 
an dem schliefelichen Gewinn der Schlacht demjenigen Offizier, der 
Hülsen zu dem Angriff mit dem Regiment Moritz von Dessau veran- 
lalste. Dieser Offizier aber war, wie aus einem Briefe des damaligen 
Majors Gaudi d. d. Freiberg 11. Dezember 1760 an den Prinzen 



i) Für das folgende sind einige Partien aus meinem Aufsätze: Gandi über 
die Schlacht bei Torgau (Forschungen zur brandenb. und preufs. Geschiohte 
Bd. 2) verwendet 



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Ein neues Buch fiber den siebenjährigen Krieg. 



31 



Heinrich hervorgeht, kein anderer als — Gaudi selbst „Je parvins, 
Monseignenr", heilst es in dem Briefe, „a faire consentir le general 
Hülsen . . ä ne point s'en tenir lä, mais de faire encore une ten- 
tative etc." 

Während so Gaudi alles Verdienst flir sich in Anspruch nimmt, 
berichtet Friedrich der Grofse in seiner „Geschichte des siebenjährigen 
Krieges", er habe das noch frische Regiment Moritz auf die Stip- 
titzer Höhen beordert, und „ein tapferer, würdiger Offizier, Herr von 
Lestwitz" habe aus verschiedenen, vorher geschlagenen Regimentern, 
ein Korps von 1000 Mann formiert. „Mit diesen Truppen bemächtigten 
sich die Freufsen der Süptitzer Höhen." 

Tempelhoff, der dritte Augenzeuge, läßt, wie der König, den 
Major Gaudi ganz unerwähnt und hebt ebenfalls hervor, dafs einige 
Bataillone unter Anführung „des Majors von Lestwitz und einiger 
anderer Stabsoffiziere" den Feind von den Höhen vertrieben hätten. 

Wie kombiniert nun unser Verfasser diese verschiedenen An- 
gaben? Er schreibt: „Jetzt, da die Dunkelheit hereingebrochen war 
und die Truppe völlig erschöpft schien, glaubte er (Friedrich) von 
weiteren Versuchen absehen zu müssen. Er befahl dem General 
Hülsen, das D6fil6 die Nacht Uber zu halten. Gleich darauf konnte 
der König sich überzeugen, dals die geschlagene Infanterie noch 
lange nicht so verbraucht war, wie es zuerst den Anschein hatte. 
Dem Major Lestwitz vom Regiment Altbraunschweig, dem Obersten 
Nimschewsky und anderen Stabsoffizieren war es gelungen, aus der 
Mannschaft verschiedener Truppenteile drei ansehnliche Bataillone 
zusammenzubringen; Lestwitz erntete aus dem Munde des 
Kriegsherrn reiches Lob. Schon war die eingetretene Stille wieder 
unterbrochen worden. Lebhafter Kanonendonner, ein Beweis, dafs 
Zieten jetzt endlich am Feinde war, gab das Signal zu neuem 
Angriff. Auch Hülsen und sein Adjutant Gaudi verstanden 
die Sprache dieser Geschütze und Helsen die Pommern vom 
Regiment des jüngst verstorbenen Prinzen Moritz zu der von 
Lestwitz gesammelten Schar stofseu." 

Koser lälst also den sehr selbstgefälligen Gaudi nicht ganz in 
der Versenkung verschwinden ; dazu hielt er sich offenbar wegen der 
bestimmten und detaillierten Angaben desselben nicht für berechtigt. 
Dagegen erscheint General Hülsen, anders wie bei Gaudi, ganz 
selbständig, wird vor, nicht hinter Gaudi genannt, und das mit vollem 
Rechte, denn nur Hülsen, nicht sein Adjutant war dem Könige ver- 
antwortlich. Dafs endlich der Major von Lestwitz besonders hervor- 
gehoben werden mufste, ergab sich für Koser wohl namentlich aus 
der Aufsprang des urteilsfähigsten Augenzeugen, des Königs selber; 



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32 



Ein neues Buch über den siebenjährigen Krieg. 



Gaudis Schweigen Uber diesen Offizier konnte dagegen nicht ins 
Gewicht fallen. — 

Die letzten Feldzuge, von 1761 und 1762, zeigen eine 
Abnahme der kriegerischen Energie Friedrichs, die von seinen beiden 
gröfeten Kritikern, Kapoleon ond Clausewitz, nicht ungerttgt geblieben 
ist. Napoleon sagt: „Die letzten Feldztlge Friedrichs haben nicht 
mehr dasselbe Gepräge. Er wird furchtsam und wagt keine Schlacht 
mehr zu liefern. Turenne ist der einzige General, dessen Kühnheit 
mit den Jahren und mit der Erfahrung gewachsen ist". Clausewitz 
findet insbesondere den Feldzug von 1762 „unter dem Mafse, an 
welches der König unsern Blick gewöhnt hat 44 . Doch führen beide 
Männer — Clausewitz macht aufserdem subjektive Motive geltend — 
als Erklärung den schlechten Zustand der preufsischen 
Armee an, der, neben politischen Erwägungen, auch sicher der 
Hauptgrund gewesen ist, weshalb es der König nicht mehr auf eine 
Schlacht ankommen lassen wollte. 

Da jene Kritiker auf diesen Punkt nicht näher eingehen, ist es 
nun sehr belehrend, aus unserem Buche zu ersehen, in wie er- 
schreckender Weise sich die preufsische Armee in der zweiten Hälfte 
des Krieges verringerte und verschlechterte, und wie der König selbst 
hierüber dachte. 

Während Friedrich 1757 und 1758 etwa 1500OÜ Mann trefflicher 
Feldtruppen aufstellen konnte, wareu es von 1759 an nur etwa 
110000 Mann, die zum Teil aus schlechten Freibataillonen bestanden. 
„Unsere Verluste und unsere Siege", klagte der König schon im 
Jahre 1759, „haben die Blüte unserer Infanterie hinweggeralft. die 
diese Waffe ehedem so glänzend machte 4 '. Eine Strafe von „36 mal 
Spiefsrutenlaufen" wurde festgesetzt ftlr den ersten, „so in der 
Bataille Patronen wegschmeifsen wird 44 . Andrerseits wurde den 
Freibataillonen das Plündern in Feindesland ausdrücklich gestattet, 
worunter natürlich die Disziplin nicht wenig litt Im Jahre 1760 
meinte der König, dals ein Teil seiner Truppen dem Feinde nur 
„von weitem 44 gezeigt werden dürfte, doch hat er wohl gerade tür 
dieses Jahr seine Soldaten zu gering taxiert. Schlimmer wurde es 
1761, wo noch etwa 100000 Mann ins Feld gestellt werden konnten. 
Gefangene und Überläufer wurden massenhaft eingereiht, um die vor- 
handenen Lücken zu füllen, die Freitruppen wurden um 8 Batailloue 
und 10 Schwadronen vermehrt. Wie schlecht es aber mit diesen 
Truppen stand, geht daraus hervor, dals ein von einem ehemaligen 
russischen Obersten geworbenes, ganz aus französischen Deserteuren 
bestehendes Freibataillon bald nach seiner Errichtung meuterte und 
auseinanderlief. Für die anderen Truppen befahl der König fleifsiges 



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Ein neues Buch Uber den siebenjährigen Krieg. 



33 



Exerzieren, „damit die Kerls auf das Frühjahr nicht so Baners sind". 
Im Jahre 1762 war besonders das Korps des Prinzen Heinrich in 
Sachsen weit unter der Sollstärke und bestand zum grofsen Teil aus 
schlechten Freitruppen, was Koser indessen nicht besonders erwähnt 1 ) 
Noch mehr Schwierigkeiten als die Rekrutierung der Truppen 
machte die Ergänzung des Offizierkorps. Zu Offizieren der Frei- 
truppen nahm man, was man kriegen konnte, dnnkle Ehrenmänner 

M 

a la Riccaut de la Marliniere, die oft, nach einer Aufserung des 
Königs, „wie die Raben gestohlen" haben. Besser stand es in dieser 
Beziehung mit den Feldregimentern; die Offiziere derselben hielten 
auf Ehre und Tapferkeit vor dem Feinde, das sogenannte „Contenance- 
Halten". „Meine Herren, nehmen Sie eine Prise Contenance," sagte 
der Leutnant von Herzberg bei Hochkirch, die Tabaksdose in der 
Hand, da wurde ihm von einer Kugel der Kopf zerschmettert. Aber 
die Offiziere waren zuweilen noch reine Knaben. Der bekannte 
Archenholtz, der Geschichtsschreiber deB Krieges, trat mit 14 Jahren 
aus dem Berliner Kadettenhause in das Heer. Im Lager von 
Meifsen (1760) fragte der König einen Junker: „Er ist noch sehr 
jung, sind seine Ohren schon trocken?" und als er ebendort be- 
merkte, wie einige seiner Offiziere sich unter den Fenstern seines 
Quartiers mit knabenhaften Spielen belustigten, da sagte er ver- 
ächtlich: „Mit diesem Zeug mufs ich mich behelfen!" 

Auch an guten höheren Führern begann es immer mehr zu mangeln. 
„Meine Generäle," schrieb Friedrich im Jahre 1759, „nehmen den 
Acheron in vollem Galopp, bald wird kein Mensch mehr übrig sein." 
Schon im Jahre 1757 waren die unersetzlichen Generäle Winterfeldt 
und Schwerin gestorben, Männer, deren Kühnheit, Verantwortungs- 
freudigkeit und Feldherrnblick, wenn sie leben geblieben wären, dem 
Kriege in vielen Partien ohne Zweifel ein anderes Aussehen gegeben 
hätte. Bei Hochkirch fiel der Feldmarschall Keith, der allerdings 
einem Schwerin und Winterfeldt nicht gleich kam, aber doch „Auf- 
gaben zweiten Ranges" immer gerecht wurde, wie sein Rückzug von 
Prag und von Olmütz bewies. Bald darauf starb der bei Hochkirch 
verwundete und gefangene Prinz Moritz von Dessau, der „wortkarge, 
stotternde Naturmensch", von dem Könige „als umsichtiger und 



») Vergl. hierüber die oben erwähnte vortreffliche Schrift von H. Schmitt: 
„Prinz Heinrich als Feldherr im siebenjährigen Kriege", welcher den Nachweis 
führt, dafa die Verstimmung zwischen beiden Brüdern ihren Grund darin hatte, 
data der Prinz wiederholt die (wirklich vorhandene) Schwäche seines Korps 
beteuerte, der König ihm aber seine Beteuerungen nicht glaubte, sondern be- 
hauptete, seine Listen wären gefälscht. Koser erwähnt wohl die Verstimmung, 
aber nicht diesen Grund der Verstimmung. 

Jahrb&cher für die deateche Anne« nnd Marine. Bd 110. 1. 8 



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Ein neues Bach über den siebenjährigen Krieg. 



peinlich genauer Gehilfe, als Treffenführer, als der richtige Mann, 
die Karre aus dem Dreck zu ziehen, ausnehmend geschätzt", den 
die Österreicher nur gegen 3000 Mann herausgeben wollten. 1 ) Neue 
militärische Talente, wie bei den Österreichern einen Laudon, Lacy 
und Hadik, brachte bei den Preufsen der Krieg „doch nur wenige' 4 
hervor. „Zieten und vor allem Seydlitz glänzten als ReiterfUhrer, 
kamen aber für den Oberbefehl Uber ein ganzes Heer nicht in 
Betracht." Der einzige, der dem Könige in dieser Beziehung genügte, 
war Prinz Heinrich, obwohl beide Männer ein Gegensatz des Tem- 
peramentes trennte, der auch auf ihre strategischen Anschauungen 
und Handlungen nicht ohne Einfluls blieb. 3 ) 



Wir sind mit unserer Betrachtung über das Kosersche Buch zu 
Ende. Wenn diese Betrachtung nicht in einem Gusse geschrieben 
ist, sondern verschiedene Bruchstücke enthält, so liegt das zum 
Teil an dem Buche selbst, nämlich daran, dals Koser nicht — wie 
etwa Bernhardi, der die Gleichheit der Strategie Friedrichs und 
Napoleons auizuzeigen versuchte — von einer bestimmten Tendenz 
ausging, sondern nach Rankescher Art nur zeigen wollte, „wie es 
eigentlich gewesen." Dafs er dies: „wie es eigentlich gewesen" 
das Th atsächliche, auf die fleifsigste und taktvollste Weise ans 
dem fast unermefslichen Stoffe herausgearbeitet und uns im Gewände 
einer gedankenreichen Darstellung vorgeführt hat, dürfte jedoch selbst 
aus unserer mosaikartigen Betrachtung erhellen. Von jetzt ab wird 
keiner, der sich mit dem siebenjährigen Kriege beschäftigen will, an 
Kosere Buch vorbeigehen dürfen. Der Laie, der eine Geschichte des 

1) Die knappen Charakteristiken der Generäle bei Koser sind kleine 
Kabinettstücke. 

2 ) Koser sagt hierüber im Sehl ufs wort (S. 888): „Wenn Prinz Heinrich in 
seiner Bevorzugung des Manövers und angesicht« seiner meist defensiven 
Aufgaben sich geringerer Fährnifs aussetzte, die Schlappen seines königlichen 
Bruders glücklich vermied und deshalb wohl geneigt war, sich für den treflücheren 
Keldherrn zu halten, so unterschätzte er das ungeheure moralische Über- 
gewicht, welches Friedrichs Wagemut. Schlachtentroheit und Kampfes- 
schrecküchkeit den preufsischen Waflen in einem Grade verschaffte, dafs die 
Gegner naoh den ersten schlimmen Erfahrungen einen politschen Offensivkrieg, 
widersinnig genug, andauernd in der taktischen Defensive führten. Vor dem Urteil 
der Geschichte hat nicht der Prinz recht behalten, der da meinte, dafs das Heer 
die Fehler des Königs wett machen mttfste, sondern vielmehr Napoleon, wenn er 
*>agte, nicht daa Heer habe sieben Jahre hindurch Preufsen gegen die drei 
Kröfsten Mächte Europas verteidigt, aber Friedrich der Grofse." 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



35 



Krieges mit den sichersten Daten lesen und der einen zuverlässigen 
Einblick in das Seelenleben des Königs gewinnen will, der wird hier 
seine Wünsche am besten erfüllt sehen. Aber auch der Geschichts- 
forscher im Waffen- oder Civilrock, den eine Spezialfrage interessiert, 
wird nicht unterlassen dürfen, sich zu belehren, wie Koser über 
dieselbe urteilt Denn das ist — und hierüber wird unsere Be- 
trachtung insbesondere Aufschlufs gegeben haben — das zweite 
grolse Verdienst unseres Autors, seine Besonnenheit im Urteil über 
Dinge und Personen. Nur selten haben wir ihm nicht ganz bei- 
stimmen können, z. B. bei den Feldzugsplänen von 175(J — 58 und bei 
den Motiven für das Ausharren bei Hochkirch. Aber selbst hier 
handelt es sich doch nur um eine Auffassungssache, wobei uns mehr 
daran lag, die Möglichkeit einer anderen Auffassung als das Anfecht- 
bare der Koserschen Auffassung nachzuweisen. Wo der Verfasser 
sich eines Urteils enthalten hat, meist, wie wir bemerkten, in Bezug 
auf Fragen, die von neueren Kritikern aufgeworfen worden sind, da 
wird das seit längerer Zeit in Vorbereitung begriffene Generalstabs- 
werk uns hoffentlich Ersatz bringen. Im allgemeinen wird man von 
Kosers Buch Uber den siebenjährigen Kieg, dessen hier nicht er- 
wähnte politische Partien dieselbe Gründlichkeit und Objektivität 
des Urteits bekunden wie die militärischen, ebenso wie von dem uns 
zur Begeisterung hinreifsenden Buche von Carlyle, dessen wir oben 
gedachten, getrost sagen dürfen, dals sie auf dem Gebiete der 
historischen Litteratur so köstliche und seltene Erscheinungen sind wie 
die Aloeblüten, die nur alle fünfzig Jahre an das Tageslicht treten. 



ii. 

Der Krieg in Südafrika 18991900. 



(Fortsetzung.) 

n. Der Kriegsschauplatz. 

Das südafrikanische Tafelland zerfällt nach Sievers in mehrere, 
in sich abgeschlossene, durch Bodenbeschaffenheit, Klima und Kultur 
verschiedene Teile. Für den Kriegsschauplatz kommen hiervon in 

8» 



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36 



Der Krieg In Südafrika 1899, .'1900. 



Betracht: 1. das eigentliche Kapland, 2. die Hochebenen der Buren- 
Staaten, 3. die Kalahari-Steppe und das Ngami-Seebecken. 

1. Die Oberfläche des Kaplan des steigt auf allen Seiten vom 
Meere her in 3 Steilstufen nach dem Inneren zu an; die Zwischen- 
flächen zwischen den Steilrändern heilsen Karroos, zu deutsch „harte 
Ebenen." 

Die höchsten Erhebungen der Steilränder bilden die Drakenberge 
(im Osten) mit Gipfeln bis zu 3400 m (etwa Dreiherrenspitze) und 
Pafshöhen von 2000 m (höher als der Arlberg-Pals). 

2. Die Buren-Staaten stellen eine im grofsen Ganzen nach 
Nordwesten hin abdachende Hochebene dar — das Hooge Veldt — 
die von einzelnen Bergzügen, wie der Witwatersrand, Magalies-Berge 
(bei Pretoria^ etc. durchsetzt ist und sich in den höchsten Gipfeln bis 
zu 2000 m erhebt. Abgesehen von diesen Kettengebirgen unterbrechen 
die weite, baumlose Graslandschaft nur isolierte Tafelberge, die oft 
mehrere Tagemärsche weit als Landmarken dienen. 

3. Im Westen und Norden schliefst die endlose Kalahari-Steppe 
sich an; vom Süden, Osten und Westen dachen die Hochebenen sich 
hier zu der abflufslosen Wanne des Ngami-Sees ab. 

Der bedeutendste Strom Südafrikas ist der Oranje, mit einer 
Stromentwickelung von 1860 km, sein Hauptnebenflufs ist der Vaa). 
der im Winter fast gänzlich austrocknet. Beide gaben als Grenz- 
flüsse den Buren-Staaten ihre Namen. 

Klimatisch gehört Südafrika in das subtropische Gebiet mit 
einfacher Regenzeit im Hoch- und Spätsommer (Oktober bis März) 
und Trockenzeit im Winter (April bis September). Obwohl während 
der sommerlichen Regenzeit durch anschwellende Wasserläufe und 
bodenlose Wege für Truppenbewegungen bedeutende Schwierigkeiten 
entstehen, ist diese Periode des Jahres militärischen Operationen 
doch noch günstiger als der südafrikanische Winter, wo jede Quelle 
versiegt und die Ströme austrocknen und der letzte Grashalm ver- 
dorrt. 

Während die Küstenländer nnter dem Einfluls des Oceans aus- 
geglichene Temperaturen haben, sind die Wärmeunterschiede im hoch- 
gelegenen Inneren meist sehr bedeutend; z. B. besitzt Aliwal North 
am oberen Oranje ein absolutes Extrem von -}- 41,1° bis — 10,6°. 

Trotz dieser Temperatur-Schwankungen ist das Klima ein sehr 
gesundes; speziell das Hooge Veldt gilt als eine der gesündesten 
Gegenden der Erde. Schwindsucht ist dort unbekannt. 

Militär-geographisch ist das äulserst dürftige Wegenetz, die 
geringe Besiedelung (kaum 2 Menschen auf 1 qkm) und fast durch- 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



37 



weg eine gewisse, die Orientierung erschwerende. Gleichförmigkeit 
des Landschaftebildes hervorzuheben. 

Gefestete Stralsen sind selten ; auf den vorhandenen Wegespuren 
kommt nur das landesübliche Ochsenfahrzeug (12— 20spännig) vor- 
wärts. 

Von umso grösserer Wichtigkeit sind demnach die wenigen vor- 
handenen Bahnlinien; dieselben sind jedoch durchweg eingleisige 
Schmalspurbahnen, Spurweite 1,067 m. Grolse Stationsabstände, 
starke Steigungen und Kurven drucken die militärische Leistungs- 
fähigkeit dieser Bahnlinieu noch weiter herab, so dafs dieselben kaum 
den 5. Teil der Förderkraft einer europäischen eingleisigen Voll bahn 
erreichen. Dazu tritt bei der Unmöglichkeit, die ausgedehnten Linien, 
die oft meilenweit keine menschliche Ansiedelung berühren, wirksam 
zu bewachen, eine erhöhte Empfindlichkeit dieser Transportstrafsen. 

Nach dem Urteil landeserfahrener deutscher Militärs, wie Hart- 
mann, Estorft, Frangois, Leutwein, versagt das europäische Orien- 
tierungsvermögen in der südafrikanischen Landschaft vollkommen: 
es fehlen die markanten Züge der europäischen Gelände-Physiog- 
nomie, ich meine die verschiedenartigen und charakteristischen Merk- 
zeichen, an denen sich unser militärisches Auge zurechtzufinden 
gewohnt ist, wie Kirchtürme, Windmühlen, Kapellen, Feldkreuze, 
Baumgruppen, Kunststraisen (besonders Alleen) und blinkende Wasser- 
läufe, die weithin dem Auge als Wegweiser dienen, schließlich auch, 
der Wechsel im Anbau (Wälder, Wiesen Felder etc.). Dort in Süd- 
afrika, in der meilenweit einfbrm igen, unbebauten, unbewohnten 
wegelosen Ode kann höchstens der Ortssinn eines Hochgebirgrsführers 
oder Steppenkosaken sich üben. 

An diese Schwierigkeiten müssen wir uns billigerweise erinnern, 
wenn wir die Auf k lärmigst hati^keit einer frisch ans Europa impor- 
tierten Reitertrappe bemängeln wollen. Dafs zumal eine Kavallerie, 
welche auch in der Heimat niemals Gelegenheit hatte, den Auf- 
klärungsdienst in unbekanntem Gelände zu üben, und in ihrer ganzeu 
Ausbildung zurückgeblieben ist, dort in Südafrika total versagte, ist 
sicher nicht zu verwundern. 

Die Hauptsiedelungsform ist der Einödhof. Die gröfeeren Wohn- 
orte tragen, von den Goldstädten abgesehen, überall das gleiche 
Gepräge: um perennierende Wasserstellen gruppieren sich Einzelhöfe, 
jeder umgeben von seinen Okonomiegebäuden und Viehkoppeln, wo- 
durch weitgedehnte Ortschaften mit relativ geringer Einwohnerzahl 
und ohne geschlossene Ortsränder sich ergeben. 

Die Buren-Staaten gehören zu den wenigen Staatenbildungen 
(neben den Atlasländern und Abessinien), welchen der afrikanische 



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38 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



Boden einigermafsen feste Grenzen: Randgebirge und Strombarrieren 
— gewährte. 

Flächenraum und Einwohnerzahlen der Buren-Staaten sind nach 
dem Staatsalmanach von Transvaal 1899') die folgenden: 

1. Südafrikanische Republik: 308560 qkm, Einwohnerzahl 1898: 
691252, hierunter 288750 Weilse, hiervon etwa 80000 Buren, hier- 
von ca. 30000 waffenfähige Männer. 

2. Oranje-Freistaat: 131070 qkm, 207 503 Einwohner, hiervon 
77716 Weifse, hiervon 75443 Buren, hiervon ca. 30000 waffenfähige 
Männer. 

Wichtige Orte in Transvaal sind die befestigte Landeshauptstadt 
Pretoria (8000 E.) und die Goldstadt Johannesborg (ca. 150000 E.), 
im Oranje-Freistaat die Hauptstadt Bloemfontein (ca. 12000 E.}. 

Die südafrikanische Republik, 1885 noch ein kaum solventes 
Land, hat seit mehr als einem Jahrzehnt alljährlich bedeutende 
Budgetüberschüsse. Der Fortbetrieb der Goldminen während eines 
Krieges aufser Landes sichert der Republik auch die Mittel, um den 
Krieg zu ernähren. 

Anders der Oranje-Freistaat; zwar sind die Finanzen wohl 
geordnet und zeigt das Budget keine Unterbilanz, aber seit der 
gewaltsamen Lostrennung des Diamantengebietes Griqualand durch 
England (1871) fehlt dem Freistaat die unversiegliche Geldquelle, 
wie sie Transvaal in seinen Goldminen besitzt. Das Regierungs- 
system ist in beiden Buren-Staaten das gleiche: an der Spitze der 
Republik steht ein auf 5 Jahre wählbarer Präsident, dem der „aus-^ 
führende Rat": der Vice-Präsident, der General-Kommandant und 
2 Staats-Sekretäre zur Seite steht. 

Den gesetzgeberischen Körper bildet der Volk sraad (in Trans- 
vaal ist dieser ein Doppelparlament, 1. und 2. Volksraad. wovon 
nur der erste politischen Einfluls hat). 

Zur Vervollständigung dieses kurzen Überblicks mögen noch 
einige Notizen über die Kapkolonie und Natal dienen: die Kap- 
kolonie hat seit 1853 ihre eigene Verfassung und Regierung. Eng- 
land ernennt nur den Gouverneur; das Ministerium und die Mitglieder 
des Doppelparlaments werden von Kapländern gewählt. Aufser der 
Hauptstadt Kapstadt (51251 E.) sind noch Port Elizabeth (23266 E.) 
und East London als Hafenstädte, Kimberley (28718 E.) als Diamanten- 
stadt von Wichtigkeit. Finanziell hat Kapland niemals zu den rentier- 
lichen Kolonien gehört; sein Wert bestand ehedem in seiner Lage 
als Station auf dem Seeweg nach Indien und liegt heute darin, dafs 



») Staata-Almanak voor de Zuid-Afrikaansohe Republiek 1899. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



:-J9 



es mit Natal den Kern bildet für das von allen Jingos erträumte 
grofse britisch-südafrikanische Kolonialreich. 

Einträglicher ist Natal; es ist dies eine der wenigen Kolonien, 
die nicht nur sich selbst erhalten, sondern noch abwerfen. Strategisch 
wichtig ist die aufblühende Kohlenminen-Industrie — ein Punkt, der 
mit dazu beitrug, Natal trotz seiner Gelände-Schwierigkeiten zum 
Kriegstheater zu machen. 

Wichtige Orte sind der Hafenplatz Durban, die Hauptstadt 
Pieter-Maritzburg und das jüngst berühmt gewordene Ladysmith. 
In der Mitte des keilförmig zwischen die Buren-Staaten sich ein- 
schiebenden Nordteils von Natal gelegen, beherrscht Ladysmith die 
Ausgänge der Hauptpässe Uber den Grenzwall der Drakenberge und 
die beiden nach Transvaal um den Freistaat führenden Bahnlinien. 
Als natürlicher Stützpunkt der britischen Landesverteidigung hatte es 
entsprechend starke Friedensgarnison und war zur provisorischen 
Befestigung vorbereitet. Die Rolle, welche Ladysmith im Kriege 
spielte entsprach auch seiner Lage. 

Aulser Ladysmith erwiesen noch folgende Orte des Kriegsschau- 
platzes eine gewisse strategische Bedeutung: Sterkstrom, als Bahn- 
knoten und Schlüssel zum Übergang über die Stormberge, Colesber^ 
als Versammlungspunkt der aufständischen Kapburen, de Aar als 
Kahnknoten, Kimberley wegen seines Diamantenschatzes und der 
Anwesenheit des Cecil Rhodes, Mafeking wegen seiner Pretoria un- 
mittelbar bedrohenden Garnison und ihres besonders thatkräftigen 
Kommandanten (Baden-Powell), schliefslich noch die Punkte Bethulie, 
Norwals-Pont und Oranje-River-Station, wegen der aufserordentlich 
wichtigen Bahnbrücken Uber den Grenzfluls. 

Vorübergehende Wichtigkeit erlangte eine Reihe anderer Ort- 
schaften durch die Anhäufung von Kriegsbedürfhissen. Dafs schliets- 
lich auf einem so dünn besiedelten Kriegsschauplatz alle grosseren 
Wohnorte, auch ohne besondere VorzUge, einen höheren Wert als 
gewöhnlich für die Kriegführung erlangten, liegt in der Natur der 
Sache: unter den Blinden ist der Einäugige König. 

Sollte der gegenwärtige Krieg sich thatsächlich auch noch in 
den subtropischen Winter ausdehnen, so werden sogar einzelne 
Brunnen und Wasserstellen — ähnlich |wie wir es in dem englisch- 
egyptischen Sudanfeldzug gesehen haben 1 ) — zu strategischen Punkten 
werden. 

Mit all diesen, den mitteleuropäischen Kriegstheatern durchaus 
fremden Faktoren bat die militärische Kritik bei der Beurteilung 



») Siehe Jahrbücher Bd 110, Heft 2. 



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40 Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 

der Kriegs- und Gefechtsführung beider Parteien gerechterweise zn 
rechnen. 



m. Die beiderseitigen Streitkräfte. 

a) England. 

Die Schwächen der englischen Landmacht sind dem militärischen 
Europa seit langem durchaus bekannt. 

Die jüngeren englischen Offiziere und auch einige wenige ein- 
sichtsvolle und vorurteilslose englische Generale kennen diese 
Schwächen. Die Mehrzahl der mafsgebenden höheren Offiziere 
in England aber kannte sie nicht oder wollte sie nicht sehen — 
eine Thatsache, die sich im gegenwärtigen Kriege in tragischer 
Weise offenbarte. 

Die Hauptschwächen des englischen Heerwesens liegen 
in der Heeresergänzung durch Anwerbung und in der mangel- 
haften Ausbildung der Führer und Truppen. 

Für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hat England 
den Zeitpunkt wohl auf immer verpafst; es ist zu sehr Industriestaat 
geworden. Nur noch */4 der unteren Volksschichte besteht aus land- 
wirtschaftlichen Arbeitern; auch von diesen verdient jeder täglich 
5 — 7 Mk., Industriearbeiter meist mehr. Diese hohen Löhne erklären 
die tiefe Abneigung, welche gegen eine mehrjährige Dienstpflicht bei 
geringem Sold besteht; sie erklären auch die Schwierigkeiten, das 
jährliche Rekrutenkontingent (33000) aufzubringen; denn zum Heere 
lassen sich meist nur solche Leute anwerben, die entweder in ihrem 
Berufe oder sonst im bürgerlichen Leben Schiff brach gelitten haben. 
Daher auch die geringe Achtung vor dem Soldatenstande in England, 
daher die groben Verfehlungen gegen die Disziplin und die häufigen 
Ausschreitungen aller Art in Krieg und Frieden, daher endlich der 
geringe Wert der moralischen Faktoren im Heere. 

Noch schlimmer steht es mit der Ausbildung. Obwohl modern 
bewaffnet und ausgerüstet und im letzten Jahrzehnt auch mit 
modernen, kontinentalen Reglements versehen, hat das englische 
Landbeer gleichwohl in Bezug auf taktische Ausbildung das 19. Jahr- 
hundert überhaupt nicht miterlebt; es steht noch vollkommen auf der 
Stufe der Koalitionsheere von 1793. 

Während z. B. die deutsche F. 0. in Ziffer 33 den Satz auf- 
stellt, dafs „die Hauptstärke des Heeres in seiner steten Bereit- 
schaft beruht, und daher alle Übungen, die der unmittelbaren kriege- 
rischen Thätigkeit am nächsten stehen, wie Schiefsen und Felddienst 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



41 



bei allen Waffen, ferner die Erhaltung der Pferde in leistungsfähigem 
Zustande, nicht an bestimmte Jahreszeiten gebunden werden 
dürfen" — herrscht in der englischen Armee noch dieselbe metho- 
dische Auffassang Uber Ausbildung, wie vor 1()0 Jahreu. Die Schiels- 
ausbildong wird in einem Kursus von 10 Tagen für das ganze 
Übungsjahr erledigt, der Felddienst in einem besonderen Sommer- 
kursus von 4 Wochen abgethan, sogar der Reitunterricht der 
Kavallerie auf eineu mehrwöchentlichen Kurs zusammengedrängt: 
die Zeit zwischen den einzelnen „conrses" gehört dem Sport — diesem 
Zauberwort für die englische Jugend, das allein imstande ist, hier 
und da auch bessere Elemente unter die Fahnen zu rufen. 

Den Offizieren vollends erscheint der Militärdienst Überhaupt 
nur als Sport. Die mühsame Einzelausbildung bleibt den alten 
Unteroffizieren (Drillmeistern, sergent majore) überlassen; nur mit 
dem Scbiefsen ist ein Offizier befalst, und zwar für das ganze 
Bataillon der Bataillonsadjutant, der demnach auch hier und da bei 
den Schielsttbungen, natürlich in Civil, sich zeigt. 

Wie die Ausbildung der Mannschaften steht auch jene der 
Offiziere, besonders der höheren Führer, auf sehr schwachen 
Ftilsen. Bis vor kurzem waren die Manöver auf die beiden Truppen- 
übungsplätze von Aldershot und am Curragh beschränkt. Erst 1897 
wurde eine unserem Naturalleistungsgesetz ähnliche Bill mit grölster 
Muhe durchgebracht, welche das Betreten nicht fiskalischen Bodens 
zum Zwecke militärischer Übungen gegen Entschädigung gestattet. 
Die praktische Durchführung des Gesetzes verbietet sich jedoch von 
selbst durch eine Klausel, wonach in der Flurabscbätzungskommission 
die vom Flurschaden Betroffenen die Mehrzahl zu bilden haben. 
Der Nutzen grölserer Übungen in unbekanntem Gelände 
blieb daher nach wie vor den englischen Führern vor- 
enthalten. Für diesen Starrsinn, der allein die Ungewobntheit der 
englischen Führer, sich in unbekanntem Gelände zurechtzufinden, 
verschuldet hat, muis nun der englische Steuerzahler durch den 
Verlust ganzer Regimenter hülsen. 

Zu diesen inneren Schwächen der englischen Landmacht tritt 
— relativ gesprochen — die numerische und die organi- 
satorische. 

Grofsbritannien kann bei einer Einwohnerzahl von 40 f /i Mil- 
lionen für einen auswärtigen Krieg im äufsersten Falle eine Armee 
von 200000 Mann mobil machen, also ungefähr die gleiche Streit- 
macht, wie sie Bayern bei ca. 5,8 Millionen Einwohnern ins Feld 
stellt. 



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42 



Der Krieg in Südafrika 1399/1900. 



Die für einen auswärtigen Krieg (service abroad) gesetzmäfsig 
vorgesehene englische Feldarmee setzt sich zusammen wie folgt: 

1. Reguläre Truppen des stehenden Heeres 90000 Mann 

2. Armeereserve 80000 „ 

3. Milizreserve . 30000 r 

200000 Mann 1 ) 

Ein kurzer Uberblick Uber die Gliederung der englischen 
Landmacht scheint hier am Platze; dieselbe zerfällt in die: 

a) reguläre Armee (regulär forces) 

1. das stehende Heer (standing army) 

2. die Anneereserve (army reserve) 

b) Hilfsarmee (auxiliary forces) 

3. Miliz (militia) 

4. Milizreserve (militia reserve) 

5. die Freiwilligen (volunteers und yeomanry). 

Zu 1. Die budgetmäfsige Stärke des stehenden Heeres 



1898/99 betrug 237000 Mann; 

hiervon gehen ab: die indische Armee 73217 r 

in den Übrigen Kolonien 32501 „ 

bleibt ein liest von 121282 Mann. 



Da ferner Irland, dann Plätze wie London und Edinburg nicht 
völlig von regulären Truppen entblöfst werden dürfen, und das ganze 
Jahr über auch noch etwa 10°/ 0 unausgebildete Rekruten 2 ) abzu- 
rechnen sind, so bleiben, wie oben eingesetzt, vom stehenden Heere 
nur ca. 90000 Mann zur Verwendung nach auswärts verfügbar. 

Dazu kommt, dafs der in Grofsbritannien selbst liegende Teil 
des stehenden Heeres (service at home) gegenüber der in Indien 
und den Kolonien dienenden Hälfte hinsichtlich des Menschen- 
materiale8 minderwertig ist. Dies gilt besonders von der Infanterie. 
Hier sind in der Regel 2 Bataillone dem Namen nach zu einem 
Regimente zusammengestellt (linked). Das Infanterie-Regiment ist 
daher nur ein territorialer Begriff; der Regimentsstab entspricht etwa 
unserem Bezirkskommando. Das eine Bataillon, das Feldbataillon, 
meist kriegsstark (ca. 1000 Mann) steht auswärts (abroad), das 
andere, das homebattalion, bildet den Ersatz aus und ist höchstens 
850 Mann stark (einschliefslich einer Anzahl Rekruten). 

Zu 2. Die Armeereserve, budgetmäßige Stärke 83000, that- 

>) Hierzu können in beschränktem Mafse noch Detachierungen der engüsch- 
indischen Armee treten, wie dies in dem gegenwärtigen Kriege auch der 
Fall war. 

2 ) Das jährliche Rekrutenkontingent (33000) wird in 8 Partien angeworben 
and ausgebildet. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



43 



sächlich ca. 80000, entspricht etwa unserer Landwehr I. Aufgebots; 
sie besteht aus jenen ausgedienten Leuten, welche sich gegen Weiter- 
zahlung eines Soldes von täglich 50 Pf. für die Differenz ihrer ab- 
geleisteten Dienstzeit (meist 7 Jahre) bis zur Gesamtdauer von 12 
Jahren verpflichten, im Mobilmachungsfalle sofort wieder einzutreten T 
und auch zu alljährlichen Übungen einzurücken. 

Zu 3. Die Miliz ist keine Volksmiliz wie jene der Schweizer, 
sondern besteht gleich dem stehenden Heere aus angeworbenen 
Leuten, d. i. einer Art von „Söldnern 2. Klasse." Diese Bezeichnung 
allein sagt wohl alles. Der unzutreffende Name „Miliz" kommt da- 
her, dals dieselbe eigentlich aus der Gesamtzahl aller waffen- 
fähigen Bürger zwischen 18—30 Jahren durch das Loos mit Stell- 
vertretungserlaubnis bestimmt werden soll. Diese verfassungsmäßige 
Bestimmung wird jedoch alljährlich durch ein Sondergesetz auf- 
gehoben und würde nur dann zur Anwendung gelangen, wenn die 
vorgeschriebene Zahl auf dem Wege der freiwilligen Anwerbung 
nicht aufgebracht werden sollte. 1 ) Diese Anwerbung erfolgt auf 
6 Jahre mit 20 Mk. Handgeld und 20 Mk. Jahresgeld, wozu bei 
Einberufung: (jährlich 4 Wochen) die Löhnung wie im stehenden 
Heere tritt. 

Die Miliz darf verfassungsmässig nur zur home defence, d. h. 
zur Verteidigung des Inselreiches verwendet werden. Die Mobil- 
machung der Miliz darf immer nur eine partielle sein und unterliegt 
bei tagendem Parlamente der Zustimmung derselben. Ebenso ist die 
Zustimmung des Parlaments nötig, wenn Milizbataillone sich zur 
Verwendung aulserhalb Englands auf europäischen Gebietsteilen, wie 
z. B. auf den Kanalinseln oder im Mittelmeer freiwillig bereit er- 
klären. Eine Verwendung in den Kolonien war bestimmungs- 
mälsig ausgeschlossen; diese Bestimmung wurde erstmals 
am 3. Januar 1900 durchbrochen, wo 7 Milizbataillone sich zur 
Verwendung in Südafrika bereit fanden. 

Die Ausbildung der Miliz, besonders im Schiefsen, ist natur- 
gemäß noch viel mangelhafter als jene der regulären Truppen; ihr 
Wert als Feldtruppen ist daher ein sehr problematischer. Aus guten 
Gründen hütete man sich in Afrika, die Miliz in der Front zu ver- 
wenden; Bewachung der langen Etappenlinien blieb ihre Aufgabe. 

Zu 4. Aus der Miliz ist seit 1867 eine sogenannte Miliz- 
reserve herausgeschält. Der Name ist gleichfalls für das Wesen 
dieser Truppe durchaus nicht bezeichnend; es ist dies keine „Reserve 



>) Mao kann in diesem Gesetz die embryonale Erscheinung der allgemeinen 
Wehrpflicht erblicken; es bleibt jedoch stets beim Embryo. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900 




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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



47 



der Miliz", sondern eine „ans der Miliz entnommene Reserve des 
stehenden Heeres*', bestimmt zur Auffüllung der Verbände im Mobil- 
machungsfalle, wenn hierzu die Armeereserve (siehe unter 2) nicht 
ausreicht. 

Bodgetmäfsige Stärke der Milizreserve 1898/99: 30000 Mann. 
Iststärke 1898: 31005 Mann. 

Die Milizreservisten sind Leute, welche schon zweimal in der 
Miliz geübt haben, zwischen 19 — 34 Jahren alt sind und sich gegen 
eine Zulage von 20 Mk. (aulser dem Hand- und Jahrgeld) ver- 
pflichten, jährlich eine 2., 4 wöchentliche Übung abzuleisten und im 
Mobilmachungsfalle in das stehende Heer einzutreten und 
sich Uberall verwenden zu lassen. 

Zu 5. Die Freiwilligen (volunteers und yeomanry), Budget 
1898/99 254000, Iststärke 230000. Die volunteers dienen gesetz- 
mäfsig nur zur Verteidigung Englands und Schottlands (Irland hat 
keine volunteers). Eintritt und Austritt der Freiwilligen ist jederzeit 
frei; sie sind zu einzelnen Korps vereinigt Bei Einberufung zu 
Übungen oder im Mobilmachungsfalle erhalten sie Löhnung und 
müssen sich selbst uniformieren; Bewaffnung und Ausrüstung wird 
ihnen vom „Korps" gestellt, das hierzu fllr jeden Freiwilligen ein 
Pauschquantum von ca. 35 Mk. erhält. 

Die Kavallerie der volunteers bildet die yeomanry (Iststärke 
1898: 10207); sie bringen ihre eigenen Pferde mit. 

Auch fUr die volunteers und yeomen trat in diesem 
Kriege erstmals der Fall heran, dals sie sich unter Verzicht 
auf ihre gesetzlichen Rechte nach auswärts verwenden Uelsen; 
die yeomanry fand sogar, da Not an Pferden war, in der Front oder 
besser gesagt bei den vordersten Etappentruppen Verwendung. Ihre 
grofse That war bekanntlich die Gefangennahme Villebois. 

Von dem stehenden Heere wird in Friedenszeiten eine kriegs- 
starke Division mit rund 20000 Mann in Aldershot für beschleunigte 
Mobilmachung zusammengehalten, die sogenannte field force; für 
dieselbe steht auch der nötige Schiffspark zum Transport stets bereit. 

Die gesamte, für den Dienst aufserhalb des Landes 
verwendbare Streitmacht wird planmälsig nach Bedarf in 
2 Armeekorps und 1 Kavallerie -Division mobil. Beispiel der 
Kriegsgliederung dieser Mobilmachungsverbände siehe Seite 45, 46. 

Nach diesem Beispiel sind das I. und II. Armeekorps zusammen- 
gesetzt; beim HI. Armeekorps dagegen, das eigentlich nur für 
home defence bestimmt ist, im gegenwärtigen Kriege jedoch auch 
mit herangezogen wurde, bestehen die ungeraden Infanterie- 
Brigaden bereits aus Miliz-Batailionen. Als Kavallerie ftlr dieses 



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48 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



Korps ist nur yeomanry vorgesehen, eine Truppe, deren Verwendung 
in geschlossenen Verbänden so gut wie ausgeschlossen ist. 

Gröfsere Kommandoeinheiten bestehen im Frieden nicht; da 
aufserdem die Truppenteile des stehenden Heeres ihre Standorte 
häufig wechseln, so ist, um Mobilmachungsvorarbeiten Uberhaupt zu 
ermöglichen, der Mobilmachungsplan auf die Zusammenfassung von 
Garnisonsorten zu grösseren Verbänden (Brigaden etc.) aufgebaut. 

Alle höheren Stäbe — Brigaden, Divisionen, Generalkommandos 
— müssen im Mobilmachungsfalle neu aufgestellt werden. Das 
Personal liefern hauptsächlich die Stäbe der 17 Distriktskommandos 
(etwa mit unseren Infanterie-Brigade-Bezirken vergleichbar) und der 67 
Regimentsdistrikte (unseren Landwehr- Bezirken entsprechend); da 
diese Friedensstäbe vor ihrer Auflösung und Umwandlung im Mobil- 
machungsfalle noch eine sehr konzentrierte Thätigkeit (wie sie auch 
unseren Bezirks- und stellvertretenden Brigade-Kommandos während 
der Mobilmachungszeit zufällt) zu entwickeln haben, so sind heftige 
Reibungen unvermeidlich. 

Bei der Artillerie fehlen sogar die Abteilungsverbände; die 
Batterien stehen wie bei den Armeen des 18. Jahrhunderts unmittel- 
bar unter den höchsten Truppenkommandos. Während alle übrigen 
europäischen Armeen schon vor mehr als hundert Jahren von den 
französischen Revolutionsheeren lernten, welche Vorteile für die 
Befehlsgehung die organische Gliederung aller Waffen in gröfsere 
Einheiten bietet, ist die englische Kriegsverwaltung bis heute zu 
dieser Erkenntnis nicht gelangt; nur die Kavallerie ist zu Regimentern 
und Brigaden vereinigt. Ebenso unangenehm mufs bei der Befehls- 
erteilung die Bezeichnung der Infanterietruppen nach langatmigen 
Namen ohne Regimentsnummern empfunden werden. 

Auffällig ist die geringe Dotierung der Armeekorps mit Kavallerie 
und Artillerie; die Einrichtung von Korps-Infanterie-Bataillonen ist 
gleichfalls ein veraltetes Erbstück aus dem 18. Jahrhundert. 

Die Trains sind auf die Brigaden und Divisionen von vorne 
herein fest verteilt; die 2. Staffeln fehlen gänzlich, wahrscheinlich 
weil man bisher nur an einen Krieg in England selbst dachte und 
glaubte, bei den Hilfs- und Verkehrsmitteln des Landes die Erhaltung 
der Schlagfertigkeit auch ohne Trains sicher stellen zu können. 

Die Mobilmachungszeit wird für das I. Armeekorps auf 
14 Tage, für das II. und III. auf je 4 — 5 Wochen angenommen, 
eine bei der geringen Ausdehnung des Landes und dem dichten 
Eisenbahnnetz erstaunlich lange Frist. Die Gründe liegen in den 
schon erwähnten Schwächen der Heeresorganisation und teilweise 
auch in der allgemeinen Gesetzgebung. 



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Der Krieg In Südafrika 1899/19UO. 



49 



Aufserst unpraktisch ist die Einziehung und Einkleidung der 
Ergänzungsmannschaften organisiert: die Reservisten erhalten vom 
Regimentsdistriktskommando zunächst den Einziehungsbefehl, Militär- 
fahrschein und 3 Mk. an Marschgebühren zugesendet, und begeben 
sich hierauf zu dem Depot ihres Truppenteils (das mit dem Standort 
des Truppenteils meistens nicht zusammenfällt) und dann erst zu 
ihrem Truppenteile selbst, wodurch zeitraubende Doppelreisen ent- 
stehen. Eine weitere Verschleppung hat ihren Grund darin, dals die 
sämtlichen zur Einkleidung und Ausrüstung der Reservisten nötigen 
Bestände beim Armeebekleidungsarat in Pimlico centralisiert lagern 
ond erst im Mobilmachungsfalle versendet werden. 

Dazu treten die in der Verfassung gelegenen Erschwernisse für 
die Heeresverwaltung: Verbot jeglicher Naturalleistungen, wie Vor- 
spann, Einquartierung, ausscbliefslicbe Benutzung der Bahnen fUr 
Militärzwecke etc. Erst seit 3 Jahren besteht Uberhaupt ein army 
railway Council, das sich mit der Vorbereitung der Mobilmachungs- 
transporte befalst. Wie weit die Thätigkeit dieser englischen „Eisen- 
bahnabteilung" reicht, ist unbekannt; da jedoch die Grundlagen fUr 
die Vorbereitung der Sammeltransporte, Fahrtlisten etc., nämlich die 
Transportanmeldungen der Truppenteile und Depots, fehlen, so wird 
die Friedensarbeit des Councils Uber die Einlegung von Militärlokal, 
ztigen in den Friedensfahrplan kaum hinausgehen. 

Auch eine Pferdeaushebung in unserem Sinne giebt es nicht. 
Der ganze Bedarf an Mobilmachungspferden (rund 14000 Stück) 
will durch im Frieden niedergelegte Lieferungskontrakte sicher ge- 
stellt werden. Jeder Pferdebesitzer, der sich zur Lieferung von 
Pferden gegen einen jährlich zu vereinbarenden Preis verpflichtet, 
erhält pro Pferd eine Jahresprämie von 10 Mk.; die eingetragenen 
Pferde werden alljährlich von Offizieren besichtigt und neu abgeschätzt 
In den hierzu eingerichteten 50 Pferdebeschaffungsbezirken des Landes 
soll im Mobilmachungsfall je eine Ankaufskommission fungieren und 
ihr Kontingent binnen 12 Tagen an ein schon im Frieden bestehendes 
Zwischendepot abliefern, von wo die Truppen ihren Bedarf selbst 
abzuholen haben. Dieses System kostet alljährlich mehrere 100000 
Mk., verursacht ein immenses Schreibwesen und eine beträchtliche 
Verzögerung des Mobilmachungsabschlusses, ohne — wie es sich bei 
Ausbruch des gegenwärtigen Krieges zeigte — den Pferdebedarf 
thatsächlich sicher zu stellen. 

Wir sehen also, dals England in vielen, nicht gleichgültigen 
militärischen Dingen, wie Organisation, Ausbildung, höhere und 
niedere Truppenfilhrung, Befehls- und Mobilmachungs-Technik seit 
einem Jahrhundert im Rückstand geblieben ist. 

JakrbOcker für die deatiche Arme« und Marine. Bd. litt 1. 4 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



Dafs dies erst heute zo Tage kommen konnte, liegt darin, dafs 
England Zeit seines Bestehens zur Zeit seinen ersten wirklichen 
Krieg zu führen hat; denn Peninsula, Waterloo, Sebastopol waren 
nur Beteiligungen britischer Hilfsheere an fremden Kriegen. 

Die Hauptschuld an der Rückständigkeit des englischen Heer- 
wesens trägt der Hochmut der höheren Offiziere, die es von jeher 
beharrlich ablehnten, aus fremden Kriegen oder auch aus den 
Friedensmanövern des Kontinents zu lernen und dem englischen 
Volke bei jeder Gelegenheit versicherten, dafs es für den englischen 
Offizier und Soldaten auf dem Kontinent nichts zu lernen giebt (vgL 
Jahrbücher, Bd. 110, Heft 2, S. 173 fl.). 

Das Unglaublichste aber ist — und hier trifft auch die Volks- 
vertretung eine Mitschuld — dafs ein in jedweder Technik und 
Industrie so fortgeschrittenes Land wie England erst im Jahre 1888 
Hinterlader-Geschütze einführte, bis heute noch keine Schnellfeuer- 
Feldgeschütze besitzt und sich auch hinsichtlich der Infanterie-Be- 
wafinung von einem südafrikanischen Hirtenvolke übertreffen liels. 

b) Die Transvaal- und Oranje-Buren. 

Die Burenheere waren der ganzen Welt, nicht blols den Eng- 
ländern, eine grofse Überraschung. — Sogar Leute, die sich für 
Kenner der Buren hielten, sahen sich überrascht. — So schrieb kurz 
vor dem Kriege der niederländische Generalleutnant den Beer 
Poortugael: „Die Buren sind höchstens zum kleinen Kriege, etwa in 
Abteilungen von 3—400 Mann, geeignet; wenn sie aber ihre Streit- 
kräfte zu einem Hauptschlage zusammenziehen wollten, dann würde 
es übel ausgehen für sie, denn ihre Fuhrer haben nicht gelernt, 
^röfsere Massen taktisch zu führen, und die Buren selbst eignen sich 
auch nicht für ein regelraälsiges Gefecht. 

Das „stehende Heer" beider Burenstaaten bestand vor dem 
Kriege nur in einigen Cadres „Staatsartillerie" und einer kleinen 
Polizeitruppe, und zwar 

a) in Transvaal: 

Staatsartillerie: 55 moderne Schnellfeuer-Feld-Geschütze in 
den Kalibern 3,7— 12 cm, 4 Belagerungs-Geschütze von 15.5 cm, 
aufserdem 19 Geschütze älterer Systeme, dazu 800 Mann geschulte 
Artilleristen (einschl. der Reservisten) mit einer Feldtelegraphisten- 
Abteilung; die Artillerietruppe ist von österreichischen Instrukteuren 
ausgebildet und österreichisch uniformiert. — Die Polizeitruppe 
zählt 1500 Mann, Sitz: Pretoria; 

b) im Oranje-Freistaat: 

Staats artillerie unter Major Albrecht (früher preufsischer 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



51 



Artillerie-Unteroffizier) mit 20 Geschützen, 3 Maschinen-Gewehren, 
550 Mann (einschl. der Reservisten). — Polizei trappe 250 Mann, 
Sitz: Bloemfontein. 

Die grolse Masse des mobilen Feldheeres bildet die ganze 
wehrfähige Mannschaft der Baren, d. i. der eingesessenen oder 
naturalisierten Transvaaler oder Freistaatler; dieselben treten nur 
dann unter die Waffen, wenn sie infolge einer inneren oder äalseren 
Gefahr hierzu aufgerufen werden. — Übungen, gemeinsame Uni- 
formen etc. kennen sie nicht — Sie sind demnach auch keine Miliz, 
sondern Irreguläre, welche der Staat im Kriegsfalle mit Waffen 
und Munition versieht und aus Staatsmitteln verpflegt. 

Wollte man die einzig dastehende Eigenart der Burensoldaten 
präcisieren, so mtüste man sagen: „Die Buren sind nach dem 
Grandsatz der allgemeinen Wehrpflicht, jedoch nur im 
Mobilmachungsfalle unter die Waffen tretende, irreguläre, 
vom Staate bewaffnete, auf eigenen Pferden berittene 
Scharfschützen." 

Über den Charakter der Buren sagt der Afrika-Reisende 
Lippert: „Die Buren sind mit den Norddeutschen zu vergleichen; 
doch findet man bei jenen mehr Intelligenz. — Im Übrigen haben 
sie wie diese Abscheu vor Abgaben und Schreibereien, sind recht- 
haberisch und prozefssüchtig, aber auch zuthuulich und gastfrei, nur 
den Europäern gegenüber zurückhaltend und abstolsend." — An 
militärisch wertvollen Eigenschaften bringen sie mit: Glühende 
Vaterlandsliebe, eine an religiösen Fanatismus grenzende Glaubens- 
festigkeit und das hierin begründete unerschütterliche Vertrauen, dafs 
ihr Gott ihre gerechte Sache beschützen werde, patriarchalische 
Achtung vor der Obrigkeit und den älteren Männern, den Familien- 
oberhäuptern — lauter Eigenschaften, welche eingedrillte Disziplin 
ersetzen müssen und „englische Disziplin" auch ersetzen können; 
dazu Kaltblütigkeit, zähe Ausdauer, eine weitgehende Bedürfnis- 
losigkeit und vor allem ein durch Jagd, ständigen Aufenthalt im 
Freien und Kämpfe mit den Eingeborenen ausgebildeter Ortssinn, 
staunenswerte Schiefsfähigkeit und Gewandtheit in der Benutzung 
des Geländes zum Schützenkampfe. 

Der Bure ist, was in europäischen Armeen nur ganz vereinzelt 
sich findet, „Fem-Einzelschütze* 4 , d. h. auf Entfernungen, auf welche 
die kontinentale Infanterie nur mehr auf Geländestreifen zielt und 
durch Massenfeuer wirkt, zielt und schielst der Bure noch nach ein- 
zelnen Menschenzielen, die nur er mit seinen auf weites und genaues 
Sehen geschulten Augen entdecken und mit Visier und Korn in eine 
Linie bringen kann. 

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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



Bei dieser ausgeprägten Eigenart des Buren-Kriegers sind alle 
Vergleiche, z. B. mit der Schweizer Miliz, mttfsige Versuche. 

Die Kriegsgliederung der Burenheere entspricht ihrer 
Friedenseinteil ung in Verwaltungsbezirke nach ihren Wohnorten. 

Oberster Kriegsherr ist der Präsident, Ober-Feldherr der 
„Kommandant General", vor dem Kriege in Transvaal Joubert, jetzt 
Botha, im Freistaat Grobler. — Die Persönlichkeiten sind aus den 
Tagesblättern hinreichend bekannt. 

Beide Staaten sind in Distrikte 1 ) unter Distrikts -Vorständen 
= Kommandanten eingeteilt. — Der Kommandant entspricht im 
Frieden etwa unserem Regierungspräsidenten, militärisch zugleich in 
Krieg und Frieden unserem Infanterie-Brigade-Kommandeur. 

Die Wehrpflichtigen (zwischen 16 — 60 Jahren) eines Distrikts 
bilden im Kriege eine Kommandantschaft oder „Kommando" 
= ca. 1 Brigade. 

Die Distrikte sind wieder in 2 — 6 Kreise = Wijken*) eingeteilt, 
an deren Spitze in gleicher Doppeleigenschaft als Verwaltungsbeamte 
und Unterführer im Kriege die Feld kor nets (mit Feldkornet- 
Assistenten-Adjutanten) stehen. — Die Bürger eines Kreises ver- 
einigen sich im Kriege zu eiuer Feldkor netschaft (= Bataillon), 
welche sich ihrerseits noch in „Korporalschaften" oder „Sipp- 
schaften" gliedern, deren Führer {die Korporale) die Familienältesten 
bilden, und welche im Frieden schon ihren inneren Zusammenhang 
durch die Verwandtschaft besitzen. 

Die Kriegsgliederung der Buren läfst sich demnach sche- 
matisch etwa wie folgt darstellen: 

Präsident 

I 

Kommandant-General 



Kommando Kommando Kommando 



Feldkornetsoh. Feldk. Feldk. Feldk. Feldk. Feldk. Feldk. 

XIX XX XI HI H H in 

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») In Transvaal 21 Distrikte. a ) In Transvaal 77 Kreise. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



53 



Kommandos, Feldkometschaften, Korporalschaften sind selbst- 
verständlich unter sich ungleiche Werte. 

Das I. Aufgebot der Burenheere umfalst die waffenfähigen 
Männer zwischen 18 — 34 Jahren, das II. Aufgebot jene zwischen 
M— 50 Jahren; Männer zwischen 16 — 18 und 50— 60 Jahren bilden 
eine Art Landsturm. 

Der Staatsalmanach von Transvaal für 1899 giebt 
das I. Aufgebot auf 15696 Mann 

» U. » » 9050 K 
den Landsturm „ 4533 „ 

in Sa. auf 29279 Mann an. 
Mit der Staatsartillerie und der Polizeitruppe berechnet sich 
also die Wehrkraft Transvaals auf rund 32000 Mann. 

Über die Wehrkraft des Oranje-Freistaats macht der 
Gothaer Hofkalender 1900 folgende Angaben: 

I. Aufgebot 22500 Mann 

II. 8000 „ 
Sa. 30500 Mann. 

Tbatsächlich erreichte das vereinigte Burenheer, teilweise 
durch Zuzttge von Freiwilligen verstärkt, die Gesamtziffer von 
rund 60000 Mann, wozu nach den ersten Siegen vorübergehend 
noch etwa 10000 Aufständische in Kapland und Natal traten. 

Die Mobilmachung der Buren ist die einfachste und 
schnellste der Welt: 

Der Draht benachrichtigt die Feldkornets. Diese senden berittene 
Boten nach den Dörfern und Farmen des Kreises. 

Wie er geht und steht, wirft der Bure Gewehr und Patronengurt 
Über die Schulter, versieht sich mit Proviant (Dörrfleisch) für 1 bis 
2 Wochen und steigt zu Pferde. — Noch am gleichen Tage treffen 
die T Korporalschaften" am Sammelort der „Feldkornetschaft" ein; 
am nächsten Tage vereinigen sich die „Feldkometschaften" zu 
„Kommandos". 

In 3 — 4 Tagen kann — unter teil weiser Ausnutzung der Eisen- 
bahn — das ganze I. Aufgebot an der bedrohten Grenze stehen. 

Leider hat die oberste Heeresleitung der Buren es nicht ver- 
standen, den Vorteil ihrer raschen Mobilmachung und des schnellen 
Aufmarsches auszunutzen. 

Permanente Landesbefestigung besitzt nur Transvaal. — 
Die Hauptstadt Pretoria ist von 12 modernen Gürtelforts mit schwerer 
Armierung umgeben. — Aufserdem deckt das Grenzsperrfort Komati 
Poort den Eintritt der Delagoa-Bahn nach Transvaal. 



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54 



Entwickelung von Infanterie durch Artillerie stellungen. 



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Entwickelung von Infanterie durch Artillerie-Stellungen. 



Die Zunahme des Stärkeverhältnisses der Feldartillerie zur 
Infanterie im Laufe der letzten Jahrzehnte läfst die nicht unberechtigte 
Besorgnis aufkommen, dafs es der Infanterie im Angriffsgefecht an 
dem erforderlichen Entwickelungsraume fehlen werde. Beansprucht 
doch die mit regelrechten Zwischenräumen in einer zusammen- 
hängenden Linie in Stellung gegangene Artillerie mehr als die Hälfte 
der ftlr ein selbständiges Armee-Korps bezw. eine Division zulässigen 
Gefechtsausdehnung. Die staffelweise Verwendung umspannt zwar eine 
noch gröfsere Breite, zeichnet aber durch die zwischen den Gruppen 
bleibenden Zwischenräumen der Infanterie den Weg vor, den diese 
fllr ihre Vorwärtsbewegung einschlagen kann. 

Lange, fast ununterbrochene Artillerie-Linien haben sich im 
Kriege 1870/71 mehrfach gebildet, so in der Schlacht am 18. August 1870 
westlich des Mance-Grundes, nördlich und südlich Gravelotte in einer 
Stärke von 21 Batterien und hart östlich der Chaussee Habonville — 
St. Ail mit anfangs 14 Batterien. Letztere in 2 Gruppen mit etwa 
300 m Zwischenraum, die südliche aus 5 Batterien der Hessischen 
Division, die nördliche aus 9 Batterien der Garde-Artillerie bestehend, 
hatte sich vor der Entwickelung der Garde-Infanterie gebildet in 
einer Frontbreite von rund 1800 m und man darf sich die Frage 
vorlegen, wie sich das Vorgehen der Infanterie vollzogen haben würde, 
wenn es in östlicher Richtung gegen die Chaussee Amanvillers — 
St. Privat angesetzt werden mufste, statt dals es gegen St. Marie und 
St. Privat erfolgte. 

Mit ähnlichen Verhältnissen wird auch für die Zukunft gerechnet 
werden müssen. Das Exerzier-Keglement für die Feld- Artillerie sagt 
in Z. 344: „Der geplante Angriff hat nur dann Aussicht auf Erfolg, 
wenn die Herbeiführung der Feuerüberlegenheit gelingt, und zwar 
zunächst diejenige der Artillerie. Zu dem Zweck sind thunlichst 
sämtliche Batterien unter voller Ausnutzung des vor- 
handenen Kaum es in Stellung zu bringen." Wenn nun auch nach 
Z. 279 des Reglements innerhalb der Brigade ein nahes Zusammen- 
halten der Regimenter nicht immer notwendig oder zweckmäfsig ist. 
so wird zuweilen das Gelände einen zwingenden Einflute auf die 
Entwickelung der gesamten Artillerie in ununterbrochener Linie aus- 
üben. Und selbst wenn eine Teilung in Regimenter stattfindet, so 
beansprucht doch jedes derselben in der Regel 600 m, eine Aus- 
dehnung, welche, in den Entwickelungsraum der Infanterie fallend. 



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Entwickelt! ng von Infanterie durch Artillerie-Stellnngen. 



55 



Anlass zu besonderen Mafsregeln geben kann. Haben die Batterien, 
gesichert durch die Avantgarden-Infanterie, ihre Stelinngen r unter 
voller Ausnutzung des vorhandenen Raumes" besetzt, so wird die 
Infanterie des Gros, wenn sie sich im Vorgelände testsetzen will, 
namentlich dann das Durchschreiten der Artillerielinie nicht umgehen 
können, wenn der Entwickelungsraum der Division durch Nachbar- 
truppen ein scharf begrenzter ist. 

Das Streben, die Infanterie dieser schwierigen, weil voraus- 
sichtlich verlustreichen Handlung zu entheben, hat zu verschiedenen 
Vorschlägen geführt. Derjenige, die Geschütze mit dem im Artillerie- 
kampfe zulässig kleinsten Zwischenräume von 10 Schritt auffahren 
zu lassen, wäre für die Waffe und für den Ausgang des Gefechtes 
verhängnisvoll geworden. Er ist durch den schon erwähnten Zusatz 
des neuen Reglements „unter voller Ausnutzung des vor- 
handenen Raumes" über Bord geworfen. Die Verluste der Batterien 
würden sich unter gleichen Verhältnissen annähernd verdoppelt haben 
gegenüber den bei 20 Schritt Zwischenraum zu erwartenden. Soll 
die Feldartillerie durch ihr Feuer die Bahn zum Siege brechen, so 
mufs sie auch über die dazu erforderlichen Mittel frei verfügen 
können. Dazu gehört im Artillerie-Duell die Ausnutzung des Geländes 
nach den für sie günstigsten Vorbedingungen. — Ein anderer Vor- 
schlag will die Aufstellung zweier Geschtitzlinien hintereinander, 
welche auch das Reglement bei Raummangel (Z. 299) kennt Geht 
es nicht anders, so mufs aber zu diesem Auskunftsmittel gegriffen 
werden, um durch eine grolse Geschützzahl eine Massenwirkung 
entfalten zu können. Wird diese Malsregel durch das Gelände nicht 
anfsergewöhnlich begünstigt, so bildet sie in Anbetracht der er- 
schwerten Feuerleitung, Aufstellung der Protzen, Staffeln und die 
Munitions-Ergänzung für die vordere Linie nnd deren mögliche Ge- 
fährdung durch vorzeitige Frühzerspringer auch nur einen letzten 
Notbehelf. 

Es war schon angedeutet, dals die in gestaffelter Aufstellung 
der Artillerie bleibenden Lücken für das Vorgehen der Infanterie 
nutzbar zu machen seien. Die Artillerie krönt in der Regel die 
Höhen des ausgedehnten Schulsfeldes wegen; die dazwischen tiefer 
liegenden Gelfindeabschnitte werden oft Deckung gegen Sicht gewähren 
und der Infanterie das Durchschreiten unter Annahme geeigneter 
Formen bis dahin gestatten, wo die Gefechtsentwickelung erfolgen 
soll. Mit dieser Wahrscheinlichkeit rechnet auch General-Leutnant 
Rohne in seiner „Taktik der Feldartillerie", 2. Auflage S. 110, und 
die eingangs aufgeworfene Frage, wie die Garde-Infanterie Uber die 
Artillerie-Stellungen östlich der Chaussee Habonvill — St. Ail nach Osten 



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56 Entwickelung von Infanterie durch Artillerie-Stellungen. 



zu hätte vorgehen sollen, wäre dahin zn beantworten, dafs die er- 
wähnte, im Grunde liegende Lücke von 300 m Breite den Weg 
vorzeichnete. 

Ungleich schwieriger ist die Lösung, wie die Infanterie znm 
Angriff vorwärts kommen soll, wenn kein anderer Ausweg bleibt, 
als der, durch die Artillerie hindurchzugehen. Der Ausweg eines 
Stellungswechsels eines Teils der Batterie, um Platz zu schaffen, wird 
sich nicht immer finden lassen. Das Artillerie-Duell braucht noch 
nicht zum Austrag gekommen zu Bein und jeder Stellungswechsel 
unterbricht die Wirkung; auch ist vielleicht die vorgeschobene Infanterie, 
unter deren Schutz die erste Entwickelung der Artillerie vor sich 
ging, weder stark genug, noch genügend weit vorgetrieben, um ein 
näheres Herangehen zu rechtfertigen. Unter dieser Annahme mnfs 
nach Mitteln und Wegen gesucht werden, wie die gestellte Aufgabe 
am zweckmäfsigten zu lösen sei. So einfach, wie sich dies bei den 
Herbstübungen wohl darstellt, dals nämlich die Infanterie sich in 
mehreren Linien dicht hinter den Geschützen ansammelt und dann, 
wenn das Feuer eingestellt ist, im Laufschritt vorstürmt, bis sie eine 
Deckung erreicht oder sich hinwirft, kann sich der Vorgang nicht 
abspielen. 

Das Exerzier-Keglement für die Feldartillerie hält einen Abstand 
der Protzen etc. von 300 m hinter den Geschützen ftlr angemessen, 
um in ebenem Gelände gegen Strichfeuer gesichert zu sein. Bis 
auf diese Entfernung wird im allgemeinen auch die Infanterie heran- 
kommen können, um sich für das Vorbrechen bereit zu stellen. 
Demnächst hat sie die 300 m bis zur Feuerstellung und über diese 
hinaus ebensoweit zurückzulegen, um das auf die betreffende Batterie 
gerichtete Sbrapnelfeuer zu unterlaufen. Hierzu bedarf sie im 
Laufschritt etwa 5 Minuten bezw. bei grölserer Tiefengliederung auch 
einige Minuten mehr. Angenommen, es wird zum Durchziehen die 
Frontbreite einer Batterie von 100 m beansprucht, so würden gegen 
dieselbe in der veranschlagten Zeit und im gewöhnlichen Feuer etwa 
30 Shrapnelschufs fallen. Dadurch wird der zu durchschreitende 
Kaum derart zugedeckt, dafs an ein Gelingen der Bewegung schwerlich 
zu denken ist. 

Man könnte auf den Gedanken verfallen, die Batterie, welche 
für den Durchzug in Betracht kommt, einige Zeit vor Beginn desselben 
schweigen zu lassen. Denn es ist eine auf Feldzugs-Erfahrungen 
begründete Erscheinung, dals von einem Gegner abgelassen wird, 
den man niedergekämpft oder abgezogen wähnt. Thut uns der Feind 
diesen Gefallen, so könnte die Gunst des Augenblickes ausgenutzt 
werden. In einer langen Artillerie-Linie, vor welcher der Qualm 



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Entwiokelung von Infanterie durch Artillerie-Stellungen. 57 

springender Geschosse hüben and drüben lagert, dürfte seit Einführung 
des raochscbwachen Pulvers das Einstellen der Feuerthätigkeit eines 
kleinen Bruchteils derselben aber nicht schnell erfafst werden. 
Deshalb ist auf Erfolg einer solchen Mafsregel nicht zu rechnen, zu- 
mal es sich dabei jedenfalls stets nur um eine kurze Spanne Zeit 
bandelt. 

Wahrscheinlich ist es, dals sich der Gegner nicht auf alle Teile 
der Artillerie-Linie gleichmäßig gut eingeschossen bat. Vornehmlich 
wird dies dort der Fall sein, wo das vorliegende Gelände die Be- 
obachtung erschwert infolge vorhandener Schluchten, Hecken etc. 
Ist hier schon das Durchschreiten der Geschützstellung gefahrloser, 
so würde die Infanterie auch dann leichteres Spiel haben, wenn 
jene Gelände-Gestaltung oder -Bedeckung in dem von Shrapnels 
bestrichenen Räume Deckung gegen Wirkung gewähren sollte. Deshalb 
scheint es angezeigt, den Blick auf solche Möglichkeiten zu lenken. 

Erleichtert wird das Verfahren, wenn der Gegner nicht mehr 
seine volle Feuerkraft auf die Artillerie- Linie richtet. In der Kegel 
beschiefst er dann mehrere Batterien nach einander je mit einigen 
Lagen. Die vorübergehend nicht unter Feuer genommenen könnten 
in solchem Falle zweckmäßig fUr das Durchziehen der Infanterie 
gewählt werden. 

Nach dem Ausgeführten kommt es darauf hinaus, dafs der be- 
treffende Infanterie-Kommandeur sich rechtzeitig mit dem Artillerie- 
Kommandeur in Verbindung setzt, um von diesem die geeignetste 
Durchzugsstelle zu erfahren und nähere Angaben über das voraus- 
sichtlich zu erwartende Feuer, sowie Beschaffenheit des Vorgeländes 
zu erhalten. Erst dann kann die Infanterie in Höhe der Protzen 
bezw. Staffeln zum Vormarsch angesetzt und zwischen beiden 
Kommandeuren der Zeitpunkt des Antretens und Einstellens des 
Feuers vereinbart werden. Während der Infanterist demnächst seine 
Vorwärtsbewegung der Lage anpafst, kann ihm der Artillerist unter 
Umständen eine Erleichterung dadurch verschaffen, dafs er vorüber- 
gehend sein Feuer steigert und auf den Teil der feindlichen Batterien 
vereinigt, welcher der Ausführung des Vorgehens am gefährlichsten 
ist. Jedenfalls ist das Gelingen der Handlung nur im Zu- 
sammenwirken beider beteiligter Waffen und unter sorg- 
fältiger Auswahl und Benutzung sich darbietender Vor- 
teile in der feindlichen Wirkung und des Geländes zu 
erhoffen. 

Dafs die Infanterie die der Lage entsprechend zweckmäßigste 
Form annehmen mufs, ist selbstredend. Stehen ihr gröfsere Zwischen- 
räume zwischen den Gefechtsstaffeln der Artillerie zur Verfügung und 



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58 



La defense navale 



findet sich in ihnen ausreichende Deckung gegen Sicht, so richtet 
sich die Wahl der Bewegungsform lediglich nach dem sonstigen Ge- 
fechtszweck. Fehlt diese Deckung, so dürfte die zugweise aus der 
Linie gebildete Sektions-Kolonne in gleicher Weise das Anschmiegen 
an das Gelände begünstigen als dem Feinde das Einschielsen er- 
schweren. — Zuweilen wird die Bewegung durch die Lücken zwischen 
den Gruppen deshalb ohne erhebliche Schwierigkeiten gelingen, weil 
Aufmerksamkeit und Gefechtskraft der Gegner, so lange der Artillerie- 
kampf noch nicht zu Gunsten einer Partei entschieden ist, auf sich 
selbst gerichtet bleiben. 

MufB das Durchziehen durch eine unter Feuer gehaltene Artillerie- 
Linie ausgeführt werden, so bietet die vorstehend erwähnte Sektions- 
Kolonne den Vorteil, dals durch ihre Zwischenräume ein gut Teil 
der Shrapnelkugeln wirkungslos hindurchfegt. Auch begünstigt sie, 
worauf es hier wesentlich ankommt, die Schnelligkeit der Handlung 
durch ihre geringe Tiefe. 

Die vorstehenden Betrachtungen machen keinen Anspruch 
darauf, den Stoff auch nur annähernd erschöpfend behandelt zu haben. 
Sie bezwecken blols, zum Nachdenken und zur Aussprache über eine 
mögliche Gefechtsthätigkeit anzuregen, welche nicht allein ent- 
schlossenes, sondern noch mehr, reiflich vorbedachtes Handeln fordert 
und bei Friedensübungen nur zu leicht falsche Bilder zeitigt, weil 
der sie am wesentlichsten beeinflussende Umstand, die Geschofs- 
wirkung, fehlt. R. 



IV. 

La defense navale. 1 ) 

Das Werk des unermüdlichen Vorkämpfers für Frankreichs 
Wehrkraft zur See ist ein fortgesetzter Kassandraruf an die leitenden 
Persönlichkeiten seines Vaterlandes, den schreienden Ubelständen im 
Marinewesen ein Ende zu machen. Mit schonungsloser Offenheit 

>) La defense navale par Edouard Lookroy . . . . Berger- 
Levrault et Cie., Paria et Nancy 1900. Preis 6 fr. 



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La detense navale. 



59 



werden die Mängel und alle wunden Punkte in dem Verteidigungs- 
svstem wie der Flotte aufgedeckt und Verbesserungen auf den ver- 
schiedenen Gebieten vorgeschlagen. Das sehr fesselnd geschriebene 
Buch kann nur jedem Seeoffizier angelegentlichst zur Lektüre 
empfohlen werden. 

In der Vorrede beklagt der Verfasser, dals man die französische 
Marine zu sehr sich selbst Uberlassen habe; der moderne Geist ist 
zu wenig in dieselbe eingedrungen, die Traditionen der Segelschiffe 
gelten noch, und auf dem Gebiete der Verteidigung herrsche eine 
traditionelle Apathie vor. Es wäre zwar Wahnsinn von Frankreich 
verlaugen zu wollen, dals es ein Deutschland ebenbürtiges Heer 
und eine England gleich mächtige Flotte unterhalten sollte, dazu reichten 
die Mittel nicht aus, aber man darf die Flotte nicht vernachlässigen 
wie bisher. Er bespricht dann die politischen Verhältnisse in Frank- 
reich und England, die Möglichkeit eines Krieges zwischen den 
beiden Nationen, wobei er zu dem Schlufs kommt, dals Englands 
Weltherrschaft ein Kolols auf thönernen Fülsen ist. Er erläutert dies an 
dem Bestreben der Kolonien zur Autonomie und Dezentralisation. Erweist 
die Insinuation zurück, dals dieDemokratie mit einer starken militärischen 
Organisation nicht vereinbar wäre und plädiert am Schluls der Ein- 
leitung für einen Civilisten als Kriegs- und Marineminister nach dem 
Beispiel Englands. Er führt dafür verschiedene Gründe an: Für 
einen Fachmann, so bedeutend sein Wissen und Können auch sei. 
wäre es sehr schwer unparteiisch zu bleiben, er könnte gegen seinen 
Willen und unbewufst ungünstigen Einflüssen unterliegen. So grofs 
seine Fähigkeiten auch wären, würde er immer heutzutage Spezialist 
auf seinem Gebiet sein, während der Civilminister die Dinge mehr 
von allgemeinen Gesichtspunkten und unbefangener betrachtet. Er 
rauls natürlich die notwendigen Spezialkenntnisse besitzen und tief 
durchgebildet sein. 

Im ersten Abschnitt, welchen der Verfasser „Apres Fashoda" be- 
titelt hat, als Frankreich vor einem Kriege mit dem wohlgerüsteten 
England stand, deckt er mit schonungsloser Offenheit die Lage Frank- 
reichs auf, die Schäden und wunden Punkte der Marine, der Flotte, 
der einzelnen Geschwader, der Verteidigung der Kriegshäfen, der 
Hilfsquellen zur Ergänzung der Lebensmittel, der Waffen und Be- 
mannungen. Er gelangt in diesen Betrachtungen zu einem für 
Frankreich sehr ungünstigen Resultat sowohl im Mutterlande selbst 
wie in dem ungeheuer angewachsenen Kolonialbesitz und kommt 
zwar ungern aber unwillkürlich dazu, Frankreich in seiner geringen 
Kriegsbereitschaft und hilflosen Verteidigungsfähigkeit mit Spanien 
im letzten Kriege gegen Amerika zu vergleichen, dessen furchtbarer 



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60 



La defense navale 



Sturz für Frankreich eine Lehre sein and ihm die Augen öffnen 
sollte. Er warnt vor einer übertriebenen Friedensliebe, Kriege können, 
wie der spanische, aufgezwungen werden. Er beschäftigt sich dann 
im speziellen mit der politischen Lage und den Seestreitkräften 
der einzelnen Großmächte England, Rnfsland, Japan, Amerika und 
des Dreibundes. Einen Konflikt mit England hält er für den viel- 
leicht schwersten. England bat ein grolses Interesse daran, zu- 
erst das französische Geschwader zu vernichten, um eine Ver- 
einigung mit der deutschen Flotte in einem immerhin möglichen und 
wahrscheinlichen Kriege mit Deutschland von vornherein zu ver- 
hindern. Wenn er einen solchen Krieg auch nicht filr bevorstehend 
hält, so rechnet er doch mit der Möglichkeit desselben. Er geht 
dann auf die kolossalen Seestreitkräfte Englands Uber; sein un- 
geheures Übergewicht an Schiffen, sagt aber, dafs diese Flotte 
trotzdem ungenügend ist, um die entfernten Kolonien und den Handel 
zu schützen. Darin liegt der wunde Punkt Englands. England ist 
auf die Einfuhr angewiesen, weil es ein Industriestaat ist, seine Er- 
nährung erfordert allein 5700 Dampfer. Seine Handelsflotte hat sich 
ungeheuer vergrölsert, sie ist achtmal gröfser als die deutsche und 
übertrifft zwölfmal die französische. Daher hat England am meisten 
von einem energisch geführten Kreuzerkriege zu fürchten. England 
hat fast alle unterseeischen Kabel und damit eine unvergleichliche 
Waffe im Falle eines Krieges im Besitz; es ist daher für einen 
Krieg wohl gerüstet Der Ausgang eines Seekrieges mit England 
würde für Frankreich wahrscheinlich ungünstig sein und den Ver- 
lust seiner Kolonien nach sich ziehen. Die Unterstützung Rufslands 
in einem solchen Kriege würde weniger wirksam zur See als zu 
Lande sein. Der Verfasser bespricht alsdann das ausserordentliche 
Emporkommen Japans und sein grolses Ubergewicht im stillen Ocean, 
welches mit England in Europa zu vergleichen sei. Er macht so- 
dann auf das bedrohliche Anwachsen des amerikanischen Imperialis 
mus aufmerksam, dessen Endziel der Besitz aller Antillen ist. Durch 
die leichten Siege Uber Spanien bat sich eine fieberhafte Eroberungs- 
sucht der breiten Massen des amerikanischen Volkes bemächtigt, 
vor der auch die französischen Besitzungen in Westindien nicht 
sicher sind. 

Bei der Besprechung des Dreibundes widmet er seine Aufmerk- 
samkeit am eingehendsten Deutschland. Deutschland besitzt durch 
den Nordostseekanal einen grofsen Vorteil, falls Kulsland mit Frank- 
reich in einem Kriege gemeinsame Sache machen würde, was wohl 
anzunehmen ist. Deutschlands Flotte würde im Kriege die Offen- 
sive ergreifen, wozu sie auch hinreichend stark ist. Frankreichs 



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La defense navale 



61 



Nordgeschwader ist zwar heutzutage besser imstande, Deutschland 
Widerstand zu leisten, aber dessen Streitkräfte znr See vermehren 
sieb mit jedem Jahr bedeutend. Deutschland hat die zweitgröfste 
Handelsmarine in Europa, es will auch die zweite Kriegsflotte werden 
und Frankreich Überflügeln; mit dessen Schwäche, welche sich aus 
seiner Lage zwischen zwei Meeren ergiebt, es wohl rechnet. Ein 
Angriff Deutschlands ist verhältnismäßig leicht. Alle Seestädte 
Frankreichs, welche Fischerei oder Handel treiben, sind bis auf 
Konen feindlichen Angriffen ausgesetzt. Dagegen ist Deutschland 
in Bezug aui die Verteidigung seiner Küsten und Häfen durch die 
Natur sehr begünstigt In den Schiffsbauten Deutschlands herrscht 
das Prinzip der Gleichmäßigkeit in den Typen vor, was für die 
Taktik und Führung einer Flotte von unschätzbarem Wert ist, in 
Frankreich hat man bisher zu wenig Wert hierauf gelegt. Am 
Schlufs dieser sehr interessanten und für Deutschland durchaus an- 
erkennenden Ausführungen sagt der Verfasser, dafs es zwar trotz 
seinen Anstrengungen noch nicht die Kriegsmarine hat, welche seine 
Handelsmarine und die Entwicklung seines Exporthandels erfordern, 
-dals diese Flotte aber dennoch einst vielleicht das Erstaunen und 
der Schrecken Europas sein werde." — Uneingeschränktes Lob wird 
auch der italienischen Flotte gezollt, welche in der letzten Zeit 
einen neuen Aufschwung genommen hat und im Falle eines Krieges 
auch die Offensive ergreifen wird. Die italienischen Schiffbauer bauen 
schneller und billiger als die in Frankreich, daher sie diesen einen 
grolsen Teil der früheren Kundschaft genommen haben. — Am Ende 
dieses Teils beschäftigt sich der Verfasser in geistvoller Weise mit 
den verschiedenen politischen Konstellationen, in welchen die Fiotte 
eine Rolle spielen würde und mttfste und mit der Frage, welcher 
Nation in einem künftigen Kriege der Sieg zufallen wird. 

Der zweite Teil behandelt die maritime Verteidigung im Jahre 
1898. An der Hand von Tabellen zeigt der Verfasser, dals Frank- 
reich im Vergleich zum Dreibund und England arm an Kreuzern ist 
und dafs auch in Bezug auf die Schlachtschiffe Frankreich diesen 
Mächten im Jahre 1902 inferior sein wird. Aufser grofsen Kreuzern 
sind Torpedobootszerstörer, Torpedoboote und unterseeische Boote 
notwendig. Die Neubauten erfordern sehr lange Zeit, was in einer 
fehlerhaften Organisation seinen Grund hat. Was die Neubauten 
selbst betrifft, so sind ihre Fehler genügend bekannt: 1. Enorme 
Überlastung, so dals die Schifte nicht auf ihre richtige Wasserlinie 
kommen. 2. Zu hoher Oberbau. 3. Ungenügende Artillerie. In den 
meisten Fällen wird das offensive Element auf Kosten der Defensive 
verringert. Sehr gute Schiffstypen sind zwar gebaut worden, aber 



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62 



La defense navale. 



es sind zq viele verschiedene vorhanden, und es fehlt die Gleich- 
mäßigkeit derselben. Alle vier Typen der gebauten Panzerschiffe 
Typ Duperrö, Carnot, Jaureguibery, Bonvet leiden an demselben Fehler 
dafs sie nämlich kentern können, wenn Uber dem schwachen Panzer- 
gürtel Breschen geschossen werden, durch welche das Wasser dann 
eindringen würde, gegen welches die Pumpen machtlos wären. Alle 
diese Milsstände sind im Auslande genügend bekannt. Aulserdem 
sind noch viele ganz veraltete Schiffe vorhanden, welche im Gefecht 
das Schicksal der unglücklichen Schiffe der Spanier bei Santiago 
und Cavite haben würden. Alles Holz mufs von den Schiffs- 
neubauten verbannt werden, wie es in Deutschland und England 
geschieht, und wo es noch vorhanden ist, sollte man es auf den 
Schiffen, welche ins Gefecht kommen, möglichst durchgehend be- 
seitigen. Ein weiterer Ubelstand, der Verbesserung bedürftig, sind 
die Munitionsräume, welche oft schlecht angeordnet und ventiliert 
sind, in der Nähe der Schornsteine und zuweilen auch der 
Kessel liegen. 

Die auswärtigen Stutzpunkte Frankreichs sind in keinem Ver- 
teidigungslähigen Zustande. Den Kriegshäfen fehlt das Verteidigungs- 
personal und die Werften sind ungenügend ausgerüstet. In diesem 
unzureichenden Zustande befand sich die Marine 1898, als der Krieg 
mit England auszubrechen drohte. 

Der dritte Abschnitt, Mesures prises pour la defense betitelt, 
behandelt die von dem Verfasser in seiner Amtszeit als Marineminister 
getroffenen Mafsnahmeu zum Schutz Frankreichs. Dieselben be- 
standen in folgenden Vorschlägen an die Kammer: 

1. Armierung der Kriegshäfen, so dafs sie den Angriff einer 
starken Flotte siegreich abwehren können. 

2. Da es unmöglich ist die ganze Küste, zu verteidigen, müssen 
die Hauptpunkte in Verteidigungszustand gesetzt werden: Dünkirchen, 
Boulogne, Calais, Havre, Cette und Marseille, ebenso gewisse Inseln 
wie Ouessant und Belle-Ile. Verbesserung und Befestigung des 
Hafens von Ajaccio und Vergröfserung des Hafens von Bonifacio. 
Vermehrung der Verteidigungstruppen auf Korsika. Konzentrierung 
einer bedeutenden Truppenmacht in Tunis, um dieses selbst und 
besonders das noch nicht fertige Biserta zu verteidigen. Armierung 
der Küste von Algier, welche absolut schutzlos ist Außerhalb des 
Mittelmeeres müssen folgende Punkte in den Kolonien in Ver- 
teidigungszustand gesetzt werden: Saigon und Kap Saint-Jacques 
Gore"edakar, Martinique und Guadeloupe und Diego-Suarez auf 
Madagaskar. Die Werften in den auswärtigen Stützpunkten müssen 
der Marine ebenso unterstellt werden, wie die Kriegshäfen in Frank- 



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La defense navale. 



reich selbst. Diese Stützpunkte müssen armiert werden und dnreh 
Torpedoboote, unterseeische Boote, Minen etc. verteidigt werden. 
Reorganisation der obersten Behörde für die Marine, ein allgemeiner 
Mobilmachungsplan ftlr die Flotte im Falle des Krieges, Umbau der 
Seestreitkräfte auf Grund des Prinzips der Gleichmäfsigkeit der 
SchifTstypeu. Vermehrung und Verbesserung der Ausrüstung der 
Kriegshäfen, Erhöhung der Bestände an Kohlen und Proviant. Be- 
schleunigung der Mobilmachung der Keserven. Dazu Einrichtung von 
Schulen auf Panzerschiffen für die speziellen Dienstbetriebe, Be- 
setzung der Küstenbatterien mit den nicht an Bord kommandierten 
Seeleuten der Inscription maritime, Abkommandierung der Marine- 
bevollmächtigten von den Geschwadern besonders im Falle einer 
kriegerischen Verwickelung. Verstärkung des Kommandostabs auf 
den Panzerschiffen und gro£sen Kreuzern durch einen dritten höheren 
Offizier, bestimmter Offizierrang für die Offiziere, Ingenieure und 
Ärzte auf den Hilfskreuzern, Festsetzung der Anzahl der Reserve- 
offiziere und Mobilmachungsrolle ftlr dieselben, Bildung eines 
Admiralstabes. 

Der vierte Abschnitt des Werkes ist betitelt Mesures a 
prendre ou en cours d'exeeution. Ohne auf Einzelheiten einzu- 
gehen, welche auch zum Teil aus Wiederholungen der im vorigen 
Abschnitt berührten Fragen bestehn, verdient hervorgehoben zu 
werden, was der Verfasser Uber die zukünftige Flotte und das 
Schlachtschiff der Zukunft sagt. Er betont die Notwendigkeit, die 
oberen Teile der Schiffe stark zu panzern, führt dafür die Kämpfe 
des Huaskar, die See-Schlachten von Valu und Santiago an, während 
der Gürtel in und unter der Wasserlinie fast niemals getroffen 
worden ist. Er will daher den Panzer in der Wasserlinie vermindern 
und das dadurch ersparte Gewicht auf den Panzer der oberen Teile 
Ubertragen, dadurch eine grölsere Geschwindigkeit und einen gröfseren 
Aktionsradius erreichen, daneben eine so starke Artillerie, dafs die 
mächtigsten Gegner der Neuzeit bekämpft werden können. Der Ver- 
fasser Ubersieht nur in seinen Überlegungen, dafs die geringere 
Stärke des Panzergürtels der neuen Panzerschiffe gegenüber den 
älteren darin seinen Grund hat, dafs durch das neuere Härtungs- 
verfahren mit weniger starken Panzerplatten trotzdem ein gröfserer 
Schutz erreicht wird. — Es werden dann verschiedene Projekte von 
Panzerschiffstypen mit einander und mit den entsprechenden Schiffen 
der Marinen Englands und des Dreibundes verglichen, ihre Vorteile 
und Nachteile auseinander gesetzt. Der Verfasser beleuchtet dann 
die Notwendigkeit der Umbauten von nicht mehr den neueren An- 
forderungen entsprechenden Schiffen und beschäftigt sich dann ein- 



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64 



La defense navale. 



gehend mit den Aufgaben der Verteidigung. Er stellt England in 
seinem zielbewolsten Vorgehen in Bezog auf die Verteidigung des 
Mutterlandes wie der Kolonien als Muster dar und weist dabei auf 
die vielen Mifsstände in Frankreich hin. Zunächst müssen die in 
Brest und Cherbourg seit langer Zeit für notwendig erachteten und 
unterbrochenen Hafenarbeiten fortgesetzt und beendet werden, in 
Cherbourg sind Ausbaggerungen durchaus notwendig und noch nicht 
angefangen, die von Toulon sind unzureichend. In Cherbourg sind 
zwei grofse Docks notwendig, in Toulon noch ein Ergänzungsdock, 
da nur ein Dock vorhanden ist, um das grofse Panzerschiff vom Typ 
Jeanne d'Arc" aufzunehmen. In Brest sind Munitionsdepots und 
Wasserreservoirs nötig. Ferner aufserhalb Frankreichs sind folgende 
Mafsnahmen notwendig. Der Vorhafen von Biserta mufs durch neue 
Wellenbrecher und Ausbaggerungen vervollkommnet, der grofse 
Binnensee Sidi-Abdallah daselbst durch den Bau von zwei Docks, 
Werkstätten, Magazinen zur Kriegswerft gemacht werden. Die 
Organisation der Verteidigung von Tunis mufs beendet, die Arbeiten 
auf der Werft von Dakar müssen fortgesetzt und beendet werden. 
In Diego Suarez mufs mit Anlage der Werft begonnen werden, 
ebenso mit den beabsichtigten Hafenanlagen von Port Courbet, Fort 
de France und Numea. Der Verfasser geht dann noch im besondern 
auf die verschiedenen Häfen und Stützpunkte aufserhalb Frankreichs 
näher ein, nämlich Biserta, Haiphhong, Port Courbet, Saigon, 
Diego Suarez, Goree Dakar und schliefst mit einem zusammen- 
fassenden Kesume über die Hauptgesichtspunkte für die Landes- 
verteidigung. 

Im letzten Abschnitt — Reformes et Reorganisation betitelt 
— führt der Verfasser noch die wichtigsten während seiner zweiten 
Amtsführung als Minister angeordneten uod vorgeschlagenen Ver- 
besserungen auf. Hierzu gehören die einmaligen Ausgaben des 
Budgets 1899 zur Verbesserung der Ausrüstungsroittel, der Kohlen 
und sonstigen Ausrüstungsgegenstände für die Werften, die Einrichtung 
der technischen Abteilung im Ministerium der Marine und einer ver- 
antwortlichen Behörde ftlr die Schiffsneubauten, die Vermehrung und 
Verjüngung des Offizierkorps, Trennung der verwendungsbereiten 
Flotte von den im Bau befindlichen Teilen derselben und die Kon- 
trolle der Verwaltung. 59. (J). 



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Der russisohe Generalstab. 



65 



V. 

Der russische Generalstab. 

a) Einteilung: und Thätigkeit des Generalstabes 

im Frieden. 

Das soeben in St. Petersburg erschienene Werk des General- 
majors im Generalstabe und ordentlichen Protessors der General- 
stabsakademie, F. Makschejew, „Der Generalstab; vergleichender 
Abrifs der Organisation desselben in der russischen, deutschen, 
französischen und österreichischen Armee", 1 ) verdient in hohem Grade 
unsere Beachtung, einmal weil es eine eingehende Schilderung der 
Organisation und der Thätigkeit des russischen Generalstabes bietet, 
dann aber, weil der Verfasser mit der, allen seinen Schriften eigenen, 
Sachlichkeit und Unparteilichkeit die Organisation des russischen 
Generalstabes mit derjenigen des Generalstabes der westeuropäischen, 
namentlich der deutschen Armee in Vergleich zieht und zu dem 
Schlüsse gelangt, dafs die Organisation des deutschen Generalstabes 
in ihrer Mustergültigkeit von derjenigen des Generalstabes keiner 
anderen Armee erreicht wird, und dafs „der zweckmäfsigen 
Organisation des Generalstabes die preufsische Armee in 
hohem Grade die Siege der Jahre 1866 und 1870, das heutige 
Deutsche Reich seine militärische Machtstellung ver- 
dankt." 

Was zunächst bei einem Vergleiche der Organisation des 
russischen und deutschen Generalstabes in die Augen fällt, ist die 
unverhältnismäßig viel gröfsere Stärke des ersteren. Allerdings 
weist General Makschejew nach, dafs die Stärke des russischen 
Generalstabes absolut geringer als diejenige des französischen, relativ 
geringer als diejenige des österreichischen Generalstabes ist,*) er 
erkennt aber an, dals der am wenigsten zahlreiche Generalstab — 
der deutsche ist, wobei man noch in Rechnung ziehen müsse, dafs 

») F. Makschejew, „Der Generalstab; vergleichender Abrifs der Organisation 
desselben in der russischen, deutschen, französischen und österreichischen Armee", 
St Petersburg, W. A. Beresowski; 1899. 

'*) Verfasser berechnet die .Stärke des französischen Ueneralstabes mit 
660 wirklichen Generalstabsoffizieren, diejenige des österreichischen 
Generalstabes mit 276 wirklichen Generalstabsoffizieren und ISO „zugeteilten" 
Offizieren, im ganzen 466 Offizieren; dem österreichischen Generalstabe die 
„zugeteilten Offiziere" zuzurechnen, erachtet Verfasser für gerechtfertigt, da 
diese den Dienst von Generalstabsoffizieren versehen und besondere Uniform 
trugen; bei einer Stärke der russischen Armee von 1 Million, der öster- 
reichischen von 878 C00 Mann, ergiebt sich eine relativ gröfsere Stärke des 
österreichischen Generalstabes. 

JahrbQelMr fftr di« deutsch« Arme« und Marin». Bd. 11«. 1. 6 



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Dur russische Ueneralstah. 



im deutschen Generalstabe die kommandierten Offiziere nicht, wie in 
anderen Armeen, den Dienst von Generalstabsoffizieren versehen, 
sondern nur „Lehrlinge" seien. 

Die Stärke des russischen Generalstabes beträgt nachdem 
Friedens-Etat : 



Aufserdem aber befinden sich Generalstabsoffiziere thatsächlich 
in Stelinngen, welche nach dem Etat nicht durch Generalstabsoffiziere 
besetzt zu sein brauchen (z. B. Chefs der Stäbe der Militärbezirks- 
Verwaltungen, Chefs der Festungsstäbe. Militär-Agenten u. s. w.), so 
dals General Makschejew die Zahl der thatsächlich vorhandenen 
Generalstabsoffiziere auf 694 — , einschliefslich der 55 Zugeteilten, 
welche sich ja in Generalstabs-Stellungen befinden, — berechnet. 
Die wirkliche Zahl der die Generalstabsuniform tragenden 
Offiziere ist aber eine weit gröfsere; denn zum Tragen der 
Generalstabsuniform sind z. B. ferner berechtigt : Generalstabsoffiziere, 
welche sich in Stellungen von Direktoren der Kriegs- und Junker- 
schulen und Militärlehrern an Militär-Schulen befinden, ehemalige 
Generalstabsoffizierc bei ihrer Beförderung in höhere Kommando- 
und Verwaltungsstellen, vom Divisions-Koramandeur ab aufwärts, so- 
wie in etatsmälsigen Stellen sämtlicher Abteilungen des Kriegs- 
ministeriums befindliche Offiziere, wenn sie sich 3 Jahre lang in 
ctatsmäfsigen Generalstabsstellungen befunden haben ; in den Listen des 
Generalstabes werden aufserdem gefuhrt — in Stellungen von 
Flugel-Adjutanten, persönlichen Adjutanten bei Grofsfllrstcn, dem 
Kriegsminister, Che! des Hauptstabes u. s. w. befindliche ehemalige 
Generalstabsoffiziere. 

Obigen 694 russischen Generalstabsoffizieren gegenüber berechnet 
General Makschejew die Stärke des deutschen Geueralstabes mit 
230 (180 preufsischen -|- 50 nichtpreufsisehen) wirklichen Generalstabs- 
offizieren und 70 zur Dienstleistung kommandierten Offizieren. Letztere 
Zahl ist allerdings nicht ganz zutreffend; die Rangliste der 
l'reulsischen Armee vom Jahre 1899 giebt 1 10 zum Grolsen General- 
stabe zur Dienstleistung kommandierte Offiziere an; 1 ) ferner rechnet 
Makschejew nicht die „dem Grofsen Generalstabe zugeteilten" 
Offiziere (nach Rangliste 1899 — 31 1 und die Eisenbahn-Liuien- 
kommissare, welche Stellungen in Rufsland von Generalstabsoffizieren 
eingenommen werden. — Jedenfalls ist die Zahl der wirklichen 

: ) Ein Teil derselben ist allerdings mit Arbeiten beschäftigt, welche in 
Rnfsland den „Militär-Topographen" zufallen. 



Wirkliche Generalstabsoffiziere 
Zugeteilt 



586 
55 



im ganzen 



641 Offiziere 



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Der russische Generalstab. 



67 



Generalstabsoffiziere in der russischen Armee eine dreimal 
gröfsere als in der deutschen Armee. Die Erklärung; hierfür glaubt 
General Makschejew in den Eigentümlichkeiten der deutschen 
Heeresverwaltung suchen zu müssen; „die Deutsc hen haben 
mit grolser Geschicklichkeit die Arbeit zwischen den ver- 
schiedenen Organen ihrer Heeresverwaltung geteilt; der 
ihrem System eigentümliche a u Iserorde ntliche Vorteil 
besteht darin, dals jedes Verwaltungs- Organ ausschließlich 
mit seiner eigenen Spezialität beschäftigt ist. Infolge 
dessen macht bei ihnen ein jeder nur die Arbeit, in welcher er 
vollkommner Meister ist, die er daher binnen kurzer Zeit vorzüglich 
versteht. So ist auch der Generalstab bei ihnen, mehr als irgendwo 
anders, spezialisiert, weshalb er auch der am wenigsten zahl- 
reiche und gleichzeitig mustergültigste ist. Unser General- 
stab zersplittert sich in seiner Thätigkeit mehr als jeder 
andere, vom deutschen gar nicht zu reden; nirgends z. B. haben 
Offiziere des Generalstabes, wie bei uns. mit ökonomischen An- 
gelegenheiten zu thun; in anderen Armeen bilden Fragen, welche die 
innere Truppenwirtschaft betreffen, das Spezialfach der Intendantur; 
bei uns müssen diese Angelegenheiten die Stäbe bearbeiten. In der 
deutschen Armee bildet das „Inspektionswesen' ; (insspektorsskaja 
tschasstj — , d. h. Personalien, Etats u. s. w.) die Spezialität der 
Adjutantur, bei uns im Divisionsstabe hat dasselbe ein Generalstabs- 
offizier zu bearbeiten .... Der deutsche Generalstab verdankt 
seinen Ruf dem Umstände, dals seine Thätigkeit eine 
streng spezialisierte ist." 

Der grolse Unterschied in der Organisation des russischen und 
deutschen Generalstabes beruht aber weniger in der Zahl der 
Generalstabsoffiziere, als vielmehr in ihrer Verteilung auf die 
Centralstelle des Generalstabes und auf den Truppen-Generalstab. 

a) Die Central- Verwaltung. 

Eine unserem Grofsen Generalstabe genau entsprechende 
Behörde giebt es in der russischen Armee nicht. Der russische 
Hauptstab (glawny schtab) bildet eine der acht Hauptverwaltungen 
des Kriegsministeriums. Der Chef des Hauptstabes, welcher nebenbei 
«Chef des Korps der Offiziere des Generalstabes 4 ' ist, ist 
dem Kriegsminister untergeordnet. Die unserem Grolsen General- 
stabe zufallenden Arbeiten werden vom russischen Hauptstabe 
jedoch nur nebenbei, neben anderen Arbeiten versehen, 
welche bei uns dem Allgemeinen Kriegsdepartement und der Ab- 
teilung für persönliche Angelegenheiten zufallen. In den Haupt- 

6* 



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68 



Der russische Generalstab. 



abteilangen des Hauptetabes werden Gliederung des Heeres, Dis- 
lokation, Ausbildung, Wirtschaftsangelegenheiten der Truppen, Perso- 
nalien der Offiziere, Belohnungen, Stärkeberechnung u. s. w. be- 
arbeitet. Die unserem Grolsen Generalstabe zufallenden Aufgaben 
werden in „dem Hauptstabe zugeteilten" Abteilungen versehen und 
zwar im „m ilitär-wissensch af tlichen Komitee", welches 
Nachrichten Uber die fremden Armeen sammelt und bearbeitet und 
in der „Abteilung für Beförderung von Truppen und 
Militärgutem", unserer — Eisenbahnabteilung. Aufser in diesen 
beiden Abteilungen sind im Hauptstabe Generalstabsoffiziere etats- 
mäfsig nur noch im „asi atisch en Departement" und „für Auf- 
träge" beim Chef des Hauptstabes. Die Gesamtsumme der 
etatsmälsigen General Stabsoffiziere des Hauptstabes beträgt — 
1 General und 22 Stabsoffiziere. 

Aufserdem befinden sich noch aulseretatsmäfsig im Haupt- 
stabe Generalstabsoffiziere a) in der ersten Abteilung, in welcher 
organisatorische Fragen bearbeitet werden; b) in der zweiten 
Abteilung, welche Dislokation, Manöver, Ausbildung bearbeitet und 
c) in der Kanzlei des Mobilmachungs-Komitees, zu dessen 
Obliegenheiten die Vorbereitung der Mobilmachung der Armee gehört. 
Ferner befinden sich Generalstabsoffiziere mit geodätischer Vorbil- 
dung in der militär-topographi sehen Abteilung. Schliefslich 
wird auch, dem Wesen der Sache nach, der Chef des Haupt- 
stabes selbst, stets Generalstabsoffizier sein, obgleich dieses nach 
dem Etat nicht erforderlich ist. Auch andere Stellen noch im 
Hauptstabe, so der gröfste Teil derjenigen der Abteilungschefs, 
können von Generalstabsoffizieren besetzt sein. 

General Makschejew berechnet, dafs aufser obigen 23 etats- 
mäfsigen Stellen, noch 17 Stellen im Hauptstabe stets mit General- 
stabsoffizieren besetzt sein müssen, so dafs die Gesamtzahl der 
im Hauptstabe thätigen Generalstabsoffiziere — 40 beträgt. 

Demgegenüber giebt Makschejew die Zahl der im preufsischen 
Grolsen Generalstabe arbeitenden Generalstabsoffiziere auf 90 
(ausschliefslich der bayerischen Generalstabsoffiziere) an; während 
also die Gesamtzahl der russischen Generalstabsoffiziere diejenige 
der deutschen Generalstabsoffiziere um das dreifache übertrifft, ist 
in Bezug auf die Zahl der Generalstabsoffiziere, welche bei der 
Centraistelle des Generalstabes thätig sind, das Verhältnis 
geradezu ein umgekehrtes; dabei rechnet General Makschejew 
gar nicht die grofse Zahl der beim Grofsen Generalstabe „zur Dienst- 
leistung kommandierten" und „zugeteilten" Offiziere, die doch sämtlich 
mit Generalstabsarbeiten beschäftigt sind. 



Der rassische Generalstab. 



69 



«Diese Zahl" (nämlich die der im Grofsen Generalstabe be- 
schäftigten Generalstabsoffiziere), sagt General Makschejew, „ist an 
und für sich eine angehener grofse; ihre Bedeutung aber 
wird noch klarer, wenn man bedenkt, dafs sie gerade die 
Hälfte aller Offiziere des preufsischen Generalstabes 
bildet; folglich befinden sich bei den PreuXsen im Truppen-General- 
stabe nur insgesamt 90 Offiziere. Nun wissen wir, dafs der 
preutsische Generalstab streng spezialisiert ist, und dals die 
Preufsen jede Arbeit so einrichten, dafs sie nicht vieler 
Menschen bedarf. Die grolse Zahl der Generalstabs- 
offiziere im preulsischen Grolsen Generalstabe erklärt 
sich daher einzig und allein durch den grofsen Umfang 
und die Solidität der speziellen Arbeiten des preulsischen 
Grofsen Generalstabes. u 

.... „Unser Hauptstab trägt einen ganz anderen Charakter; 
die Spezialität des Generalstabes bildet, ebenso wie in unseren 
Militärbezirks-Stäben, nur einen geringen Teil seiner Thätigkeit. 
Diese Spezialität ist aber in heutiger Zeit eine so ausgedehnte und 
weitverzweite, infolge der ungeheuerlich anwachsenden Stärkezahlen 
der Armee und der immer gröber werdenden, auf die Kriegs- 
vorbereitung hin gerichteten, Friedensarbeit, dafs es für den General- 
stab wahrlich an der Zeit ist, sich nur mit seiner Spezialität zu 
befassen." 

Unter den von den verschiedenen Abteilungen des preulsischen 
Grofsen Generalstabes bearbeiteten Angelegenheiten, vermifst General 
M. solche, welche Mobilmachung, Organisation und Operationen be- 
treffen. „Erstere beide Fragen werden im Kriegs-Ministerium 
bearbeitet, und der Chef des Generalstabes nimmt wahrscheinlich 
nur persönlich daran teil; operative Fragen aber werden von dem 
Chef des Generalstabes persönlich bearbeitet. Er hat hierzu die 
volle Möglichkeit, weil er sich nicht zu zersplittern braucht. 
Diese Sachlage schmälert in keiner Weise weder seine Bedeutung, 
noch seine Stellung ; der Chef des preulsischen Generalstabes 
befindet sich in einer derartig hohen Stellung, wie sie 
der Generalstabschef keiner anderen Armee einnimmt" 

Abgesehen vom Hauptstabe befinden sich im Kriegsministerium 
etatsmäfsige Generalstabsoffizier-Stellen in der Hauptverwaltung 
der Kasaken-H eere (3) und der Verwaltung des General- 
Inspekteurs der Kavallerie (4); nicht im Etat vorgesehen, aber 
thatsächlich vorhanden, sind ferner 2 Generalstabsoffiziere in 
der Kanzlei des Kriegsministers. — Dem Generalstabe gehören 
ferner an: Die Eisenbahn-Linien-Kommissare, die Militär- 



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70 



Der russische Generabub. 



Attaches »diese jedoch nicht etatsruäfsig). der Direktor, Ge- 
schäftsführer und 6 aufsichtführende Stabsoffiziere der 
Generalstabs- Akademie, sowie die Geschäftsführer der 
Offizier-Scbiefs- und Kavallerie-Schule. Die Stellungen der 
„Professoren^ der Generalstabs- Akademie können ebenfalls von 
Generalstabsoffizieren besetzt seiu. 

b) Die Militär-Bezirks- Verwaltu ngen. 

Ein Zwischenglied zwischen der Central-Verwaltung, dem Kriegs- 
ministerium, und den Truppen-Stäben bilden die Militärbezirks- 
Verwaltungen, welchen, behufs Decentralisation der Thätigkeit 
des Kriegsrainisteriunis, ein Teil der Befugnisse des letzteren über- 
tragen worden ist; sie bilden die ausführenden Organe des Kriegs- 
miiiisteriums in Bezug auf alle wirtschaftlichen Anordnungen und die 
Verpflegung der Truppen ; aufserdem sind ihnen, abgesehen von den 
Truppen, sämtliche militärischen Anstalten, Behörden und Festungen 
des Bezirks unmittelbar unterstellt Da die Generalkommandos 
keinerlei territoriale Befugnisse besitzen, diese vielmehr durch die 
Militärbezirks- Verwaltungen ausgeübt werden, so wird in letzteren 
ein grolser Teil derjenigen Geschäfte bearbeitet, die bei uns den 
Generalkommandos obliegen. 

Generalstabsoffiziere sind bei den Militärbezirks- Verwaltungen 
vorhanden: 1. für Aufträge beim Oberbefehlshaber der Truppen 
und 2. in den Bezirks- Stäben; 1 ) die Zahl dieser Offiziere ist in 
den Militärbezirken eine verschiedene. 

Der Chef des Bezirks-Stabes braucht nach dem Etat 
kein Generalstabsoffizier zu sein; mit wenigen Ausnahmen jedoch ist 
diese Stelluug stets durch einen General des Generalstabes, welcher 
im Hange eines kommandierenden Generals steht, besetzt. 

In den 4 Grenz-Militärbezirken Warschau, Wilna. 
Kijew und Kaukasus, deren Militärbezirks-Verwaltungen 
völlig kriegsbereite Armee-Ober-Kommandos für die aus 
den Truppen dieser Militärbezirke bei der Mobilmachung 
zu bildenden 4 Armeen darstellen, entspricht die Einrichtung der 
Bezirksstäbe vollständig der Organisation der Armee-Kommandos im 
Kriege. 

Der Bezirks-Stab besteht aus 3 Abteilungen: Der „Verwaltung 
des Bezirks-Generalquartiermeisters-', der „Verwaltung des Bezirks- 

i) Jede Mtl.-Bez.-Verw. besteht aus a) dem Mffltkrbezirks-Rat ; b) dem 
Bezirks-StHbe, c) der Bezirks- Intendantur- Verwaltung; d) der Bezirks- Artillerie- 
Verwaltung ; e) der Bezirks- Ingenieur- Verwaltung; f) der Bezirks-Militar-Medizi- 
nal-Verwaltung. 



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Der russische Geoer aUtah. 



71 



Generals da jour" und der „Verwaltung des Bezirks-Chefs der 
Militär-Kommunikationen 44 . Die Thätigkeit des Generalstabes kon- 
zentriert sich in der ersten und dritten dieser Abteilungen. 

An der Spitze jeder dieser beiden Abteilungen steht ein 
General des Generalstabes, mit der Bezeichnung „Bezirks- 
Generalquartiermeister" und „Bezirks-Chef der Militär-Rommuni- 
kationen." 

Die Verwaltung des Generalquartiermeisters bearbeitet in ihren 
Ii Sektionen (Front-, Mobilmachuugs- und statistische Sektion) aus- 
schliefslich Generalstabs- Angelegenheiten, und zwar , Dislokation der 
Truppen, Manöver, Übungen des Beurlaubtenstandes und Ausbildung, 
Mobilmachung der Truppen des Militärbezirks und der Grenzwache, 
Armierung der Festungen, Sammlung militär-statistischer und topo- 
graphischer Nachrichten Uber das Gebiet des Militärbezirks und der 
Grenzbezirke der Nachbarstaaten, Anordnungen Uber Ausführung 
geodätischer, topographischer und kartographischer Arbeiten, spezielle 
Beschäftigungen aller im Militärbezirk befindlichen Generalstabs- 
Offiziere und Militär-Topographen u, s. w. — Zu den Obliegenheiten 
des Generalquartiermeisters gehört ferner die Leitung der wissen- 
schaftlichen Beschäftigungen sämtlicher Generalstabsoffiziere des Militär- 
Bezirks, Uber welche er auch Qualifikations-Berichte aufstellt. — 
Jede der 3 Sektionen der Abteilung ist einem Stabsoffizier des 
Generalstabes unterstellt, welchem 1 oder 2 Oberoffiziere des General- 
stabes als „Geholfen" beigegeben sind 

Die Verwaltung des Chefs der Militär-Kommunikationen besteht 
aus zwei Sektionen: 1. Eisenbahnen und Wasserstraßen und 
2. Etappenwesen. Jede Sektion ist einem „älteren Adjutanten" nebst 
„Gehülfen" unterstellt; in der ersten Sektion müssen diese 
beiden Offiziere, in der zweiten können sie Generalstabs- 
offiziere sein. 

Die Gesamtzahl der Generalstabsoffiziere im Bezirksstabe und 
für Aufträge in jedem der 4 obengenannten Grenz-Militärbezirke 



beträgt 20— 2 1. 1 ) 

In ähnlicher Weise ist der Stab des Militärbezirks Turke- 
stan organisiert, jedoch besteht er nur aus 2 Abteilungen: der 
Verwaltung des Generalquartiermeisters und der . Verwaltung des 
Generals du jour ; eine Verwaltung des Chefs der Militär-Kommuni- 
kationen giebt es im Militär- Bezirk Turkestan nicht. Dement- 

») Mil.-Bez. Warschau . . 8 Generale 10 Stabsoffiziere 8 Oberoffiziere. 



Wilna .... 8 
Kejew .... 8 
Kaukasus . . 3 



9 
9 
7 



9 
* 
11 



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72 



Der russische Generalstah. 



sprechend beträgt die Zahl der Generalstabsoffiziere auch nnr 11 
(1 General, 5 Stabsoffiziere, 5 Oberoffiziere). 

In den Bezirksstäben der übrigen Militärbezirke (Peters- 
burg, Finnland, Moskau, Kasan, Odessa, Sibirien und Priamur) sind 
Generalstabsoffiziere in folgenden Dienststellen vorhanden: 

Der Stellung des Generalquartiermeisters der Grenzmilitärbezirke 
entspricht diejenige des „Gehülfen des Chefs des Bezirksstabes" 
(Generalmajor oder Oberst des Generalstabes), welcher die Thätigkeit 
sämtlicher Generalstabsoffiziere des Bezirks leitet 

Von den übrigen beim Bezirksstabe befindlichen Generalstabs- 
offizieren hatten früher nur zwei eine genau abgegrenzte Thätigkeit : 
„der ältere Adjutant (Stabsoffizier d. Gen.-St.) der Front- Abteilung 
und sein „Gehülfe." Aulser diesen beiden Offizieren befand sich 
etatsmäfsig beim Bezirksstabe nur eine bestimmte Zahl von General- 
stabsoffizieren „für Aufträge", denen nach Ermessen des Chefs des 
Stabes, gewisse Angelegenheiten zur Bearbeitung überwiesen wurden. 
Nachdem im Jahre 1886 bei den meisten Bezirksstäben eine „Mobil- 
machungs-Abteilung" 1 ) eingerichtet worden, wurde die Verwaltung 
derselben einem Stabsoffizier des Generalstabes übertragen und dem- 
entsprechend die Zahl der Stabsoffiziere des Generalstabes „für Auf- 
träge" um eine Stelle verringert. 

Da die Zahl der Generalstabsoffiziere „tur Aufträge" in den 
einzelnen Militärbezirken eine sehr verschiedene ist, so schwankt die 
Zahl der etatsmäfsig jedem Bezirksstabe zugeteilten Generalstabs- 
offiziere — zwischen 5 und 13') 

Nach der Besetzung von Port Arthur und Talienwan, ist ein 
„Stab des Kw antun g- Gebiets" errichtet worden, der in seinen 
Grundzügen der Organisation der Militärbezirks-Verwaltungen nach- 
gebildet ist. Der Stab besteht aus zwei Abteilungen: für Heer und 
für Marine. Der Chef des Bezirksstabes ist gleichzeitig Gehilfe des 
Oberbefehlshabers der Truppen des Rwantnng-Gebiets ; er hat Rechte 
und Pflichten eines Gehilfen des Chefs eines Bezirksstabes. Da der 
Etat des Stabes des Kwantung-Gebiets nicht veröffentlicht worden, 
so ist die Zahl der darin beschäftigten Generalstabsoffiziere nicht 
bekannt. 

») Der Bezirkestab in obengenannten Miütärbezirken besteht aus: a) der 
Front-Abteilung (Dislokation, Manöver, Ausbildung), b) der Wirtschafts-Ab- 
teilung, c) der Inspektions-Abteilung (Etats und Personalien) und d) der Mobil- 
macbungs-Abteilung. An der Spitze jeder Abteilung steht ein „älterer Ad- 
jutant" (starschi adjutant) [Stabsoffizier], dem als „Gehüifen" 1—2 Oberoffiziere 
beigegeben sind. 

2 > Finnland und Sibirien — je 6, Kasan — 8, Moskau — 10. Odessa und 
Petersburg — je 12, Priamur — 18. 



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Der nissische General stah. 



73 



c) Truppenstäbe. 

Obgleich von den Militärbezirks-Verwaltungen ein Teil der- 
jenigen Angelegenheiten bearbeitet wird, welche bei uns den 
Generalkommandos zufallen, der Geschäftsbereich der letzteren daher 
in Rufsland ein weit eingeschränkterer ist, als bei uns, ist dennoch 
die Zahl der den Generalkommandos, wie Überhaupt den Truppen- 
Stäben, zugeteilten Generalstabsoffiziere in der russischen Armee eine 
weit grössere, als in der deutschen. Es tritt hier gerade das 
umgekehrte Verhältnis, wie bei der Centralstelle, zum 
Vorschein. 

Aulser bei den Generalkommandos und Divisionen befinden sich. 
Generalstabsoffiziere auch bei den Stäben der Schützen-Brigaden, 
Reserve-Brigaden, einiger Linien-Brigaden und der selbständigen 
Kavallerie-Brigaden. 

Der Stab des Generalkommandos 1 ) besteht fast nur aus 
Generalstabsoffizieren und zwar aus dem Chef des Stabes (General' 
oder Oberst), zwei „Offizieren fttr Aufträge'', und einem „älteren. 
Adjutanten"; aulserdem befindet sich beim Stabe nur noch ein 
„älterer Adjutant", der nicht Generalstabsoffizier ist. Wenn man be- 
denkt, dafs das russische Generalkommando keinerlei territoriale 
Befugnisse besitzt, daher mit Ersatz-Angelegenheiten u. dergl. nichts 
zu thun hat, dafs alle anordnenden Massnahmen in Bezug auf Mobil- 
machung und Grenzschutz von den Militärbezirks-Verwaltungen 
getroffen worden, diejenigen Geschäfte daher ganz, oder zum Teil 
fortfallen, welche die Hauptarbeit der Generalstabsoffiziere unserer 
General-Kommandos bilden, so ist es allerdings kaum verständlich, 
wie beim russischen Generalkommando 4 Generalstabsoffiziere eine, 
ihrer Stellung entsprechende, ausreichende Thätigkeit finden können. 
„Die Generalstabsoffiziere beim deutschen Generalkommando", sagt 
General Makschejew, „sind ausschliefslich mit ihrer Spezialität, d. h. 
mit Truppenübungen und Mobilmachung beschäftigt; ein so geringes 
Personal bei einem Korps-Kommando ist nur bei einem änfserst be- 
schränkten Schriftverkehr möglich .... Abgesehen von Deutschland,, 
sind bei uns die wenigsten Generalstabsoftiziere im Korpsstabe; 2 ) 

') Das Generalkommando („Verwaltung des Korps) besteht aus dem 

Korps-Stabe, der Verwaltung des Chefs der Artillerie, der Verwaltung des Chets 

der Ingenieure und der Verwaltung des Korps-Arztes. 

2 ) Verfasser berechnet die Zahl der Generalstabsoffiziere : 

beim französischen General-Kdo. auf 6 — 10 wirk). Generalstabsoffiziere 

und 2, Generalstabsdienst thuende, 

Ordonnanz-Offiziere. 

„ österreichischen „ auf 6—10 ( Generalstabs- Abteilung, 

des Korps). 



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74 Der russische Generalstab. 

doch darf man nicht anfser Acht lassen, dais in den fremden Armeen 
die Korpsstäbe gleichzeitig Militärbezirks-Stäbe sind; um so er- 
staunlicher ist die geringe Zahl von Offizieren beim deut- 
schen General-Kommando." 

Zum Stabe jedes der beiden Kavallerie-Korps gehören 3 
Generalstabsoffiziere und zwar der Chef des Stabes, ein „älterer 
Adjutant" und ein Offizier für Aufträge. 

Der Stab jeder Infanterie- und Kavallerie-Division be- 
steht etatmäfsig aus einem Oberst des Generalstabes, als Chef des 
Divisionsstabes und zwei, dem Generalstabe angehörigen, „älteren 
Adjutanten", im ganzen also 3 Generalstabsoffizieren ; von den 
„älteren Adjutanten" bearbeitet der eine Truppen-Angelegenheiten 
(Ausbildung, Manöver) und Personalien, der andere — wirtschaftliche 
Angelegenheiten der Truppe ; dieser letztere „ältere Adjutant" 
braucht aber nicht Generalstabsoftizier zu sein, und ist bisher diese 
Stelle auch nie von Generalstabsoffizieren sesetzt gewesen, so dafs 
tbatsächlich nur 2 Generalstabsoffiziere zum Divisionsstabe gehören. 
Dais die persönlichen Angelegenheiten durch einen Generalstabs- 
offizier bearbeitet werden, entspricht, nach Ansicht des Generals 
Makschejew, nicht dem Wesen des Generalstabsdienstes. „Im deutschen 
Divisions-Stabe bearbeitet die persönlichen Angelegenheiten kein 
Generalstabsoffizier, sondern ein Adjutant; im französischen Stabe 
liegt die Bearbeitung der Personalien, wie es scheint, einem 
Ordonnanz-Offizier ob, und nur im österreichischen Divisionsstabe ge- 
hören die Personalien zum Geschäftsbereich eines Generalstabsoffiziers, 
weil dort andere Offiziere sich im Stabe nicht befinden. Der ge- 
samte Schriftverkehr aber Uber wirtschaftliche Angelegenheiten wird 
bei den Truppenstäben fremder Armeen durch besondere Spezialisten 
— Intendanten geführt." 

Zum Stabe von 11 SchUtzen-Brigaden (No. 1 — 5, 1. und 
2. ostsibirische, 1. und 2. transkaspische und finuländische) 1 ) gehört 
je 1 Stabsoffizier des Generalstabes, mit Rechten und Pflichten eines 
Chefs des Divisionsstabes. Der Stab der 3. ostsibirischen Schutzen- 
brigade (Port Arthur und Talienwan) ist genau wie ein Divisions- 
stab zusammengesetzt. 

Desgleichen befindet sich im Stabe der 20 Reserve-Brigaden, 
welche sich bei der Mobilmachung zu Divisionen entwickeln, ein 
Stabsoffizier des Generalstabes, mit Rechten und Pflichten eines Chefs 
des Divisionsstabes. 



i) Es haben also nur die Garde- und die beiden kaukasischen Schützen- 
Brigaden — keine Generalstabsoffiziere. 



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Der russische tteneralstab. 



75 



Schliefslich haben noch Generalstabsoffiziere: Die Verwaltungen 
der 3 selbständigen Turkestaner Linien-Brigaden und der 
selbständigen Türk estaner Kasaken-Brigade — je ein Stabs- 
offizier im Range eines Chefs des Divisionsstabes, die Verwaltungen 
der beiden selbständigen Kavallerie-Brigaden — einen 
Oberoffizier, mit Pflichten und Rechten eines „älteren Adjutanten" 
des Divisiousstabes. 

Rechnet man, ihrer Aufgabe entsprechend, die Militärbezirks- 
Stäbe zu den Truppenstäben, so ist die Ausstattung der letzteren 
mit Generalstabsoffizieren in den verschiedenen Armeen, nach 
Makschejew, die folgende: 

Rufs- Deutsch- Frank- Öster- 
land land reich reich 
Gen.St-fOrd.Oftz. 

Im Stabe jedes der 4 
russ. Grenzmilitärbezirke . 20 — 21 — — — 

Im Stabe der übrigen Mi- 
litärbezirke im europ. Ruls- 
land 8—12 

Im Korps-Stabe (in den 
fremden Armeen sind die 
Korps-Kommandos gleichzei- 
tig Militär- Territorial -Kom- 
mandos) 4 3 6— 10 2 5— 10 

Im Divisions-Stabe ... 2 1 213 

Im Stabe der Schützen- 
Reserve- und sonstiger s e 1 b s t - 

ständiger Brigaden ... 1 — — — 

Im Brigade-Stabe . . . — l ) — — 1 1 

„Erstaunlich gering ist das Personal der Stäbe der 
deutschen Armee; im Divisionsstabe giebt es dort überhaupt 
keinen Chef, und der Stab beschränkt sich im ganzen mit einem 
einzigen Offizier des Generalstabes; im Korpsstabe sind nur 3 
Generalstabsoffiziere, von denen der eine Chef des Stabes ist; der 
letztere nimmt innerhalb des ganzen General-Kommandos, welches 



i) Im Gegensatz zu den Übrigen, mit Personal reichlich ausgestatteten, 
russischen Truppenstäben, besitzt die Brigade im Frieden weder Adjutanten, 
noch Bureau; die Brigade ist nur Durchgangs- Instanz, in allen wirtschaftlichen 
Angelegenheiten verkehren die Regimenter direkt mit der Division ; für etwaigen 
Schriftverkeher bedient sich der Brigade-Kommandeur der Kanzlei einer der ihm 
unterstellten Regimenter. 



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76 



Der rassische OeneraUtab. 



gleichzeitig MUitär-Temtorial-Kommando ist, eine ganz ausnahms- 
weise Stellang ein." 1 ) 

Während General Makschejew die, im Verhältnis zur Zahl der 
bei der russischen Centralstelle befindlichen Generalstabsoffiziere, un- 
gemein grolse Zahl von Generalstabsoffizieren im preufsischen Grofsen 
Generalstabe mit „dem Umfange und der Solidität der Arbeiten" 
des letzteren erklärt, sieht er den Grund für die verhältnismäßig 
geringe Ausstattung der deutschen Truppenstäbe mit Generalstabs- 
offizieren darin, dals der preufeische Truppen-Generalstabsoffizier nur 
in seiner „Spezialität" beschäftigt wird, während in der russischen 
und anderen Armeen den Generalstabsoffizieren Aufgaben Ubertragen 
werden, die nichts mit dem Dienste des Generalstabes im Felde zu 
thun haben. Wir möchten hinznfilgen, dafs ein weiterer Grund wohl 
darin liegt, dafs an die Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit des 
Generalstabsoffiziers bei uns gröfsere Anforderungen gestellt werden, 
als in anderen Armeen. 

d) Festungs-Stäbe. 

Sämtliche Festungen 1., 2., und 3. Klasse 2 ) haben General- 
stabsoffiziere, und zwar etatsmäfsig in Festungen 1. und 2. Klasse 
2, in denen 3. Klasse 1 ; thatsächlich aber haben sämtliche Festungen 
2 Generalstabsoffiziere. 

Die Stellung des Chefs des Festungsstabes 3 ) ist in den 
Festungen 1. und 2. Klasse etatsmälsig durch einen General oder 
Oberst des Generalstabes besetzt; in den Festungen 3. Klasse kann 
der Chef des Festungsstabes Generalstabsoffizier sein, ist es aber 
thatsächlich immer. 

Der Festungsstab besteht aus der Kommandantur-, der 
Front- und der Sanitäts-Sektion. Zu dem Geschäftsbereich der 
Front-Sektion gehören Verwaltung der Festung, Bereitschaft derselben, 
Etats und Ergänzung der Kriegsbesatzung. Festungsmanöver u. 8. w. 
Der Chef der Front - Sektion ist in den Festungen 
1., 2. und 3. Klasse ein Generalstabsoffizier; ihm 6ind die 



1) Der Chet des russischen Korpsstabes ist zwar beim Vortrage der Chefs 
der übrigen Verwaltungen (Chef der Artillerie, der Ingenieure, Korpsarzt) zu- 
gegen, doch haben letztere nicht vorher dem Chef Vortrag zu erstatten. 

2 ) Abgesehen vom „Warschauer Festungs-Rayon " sind vorhanden: 4 
Festungen 1. Klasse, 6 Festungen 2. Klasse und 9 Festungen 8. Klasse. 

') Jede Fe8tungs- Verwaltung besteht aus 4 Abteilungen und zwar aus: 
a) dem Festungsstabe ; b) der Artillerie-Verwaltung ; c) der Ingenieur-Verwaltung 
und d) der Intendantur -Verwaltung (letztere im Frieden nur in Festungen 
1. und 2. Klasse); Generalstabsoffiziere sind uur im Festungsstabe. 



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Der russische Generalstab. 



77 



Brieftauben- und Festungs-Telegraphen-Station, wo solche vorhanden, 
unterstellt 

Im Stabe der Verwaltung des „Warschauer befestigten 
Rayons ul ) sind 3 Generalstabsoffiziere etatsmälsig, und zwar: der Chef 
des Stabes, ein Offizier r fÜr Aufträge 4 * und ein „älterer Adjutant". 

Die Gesamtzahl der den Stäben zugeteilten Generalstabsoffiziere 
beträgt demnach 41, also das fünffache der Zahl der bei den 
Kommandeuren deutscher Festungen befindlichen Generalstabsoffiziere. 

e) Sonstige Stellen des Generalstabes. 

Aufser den oben angeführten von Generalstabsoffizieren besetzten 
Stellen, sind Generalstabsoffiziere noch etatsmäfsig in einigen 
asiatischen Gebieten, welche Teile von Militärbezirken bilden; 
solche Gebiete (öblassti) sind: Uralsk, Ssemipalatinsk. Ssemirjetschensk, 
Transbaikal, Primor und Amur, sowie die Bezirke Amu-Darja und 
Süd-Ussuri. In einigen dieser Gebiete sind der Chef des Stabes 
und ein „älterer Adjutant" Generalstabsoffiziere; andere haben nur 
einen Generalstabsoffizier, und zwar entweder in der Stelle des 
„älteren Adjutanten" oder als Offizier „für Aufträge". 

Ferner sind mit Generalstabsoffizieren besetzt die Dienststellen 
des „Stabsoffiziers du jour" in den Verwaltungen der Irkutsker 
und Taschkenter Lokal-Brigaden, sowie des Chefs des Stabes 
beim Terek-, Kuban- und Orenburg-Kas aken- Heere. 

Im selbständigen Korps der Grenzwache sind 8 General- 
Stabsoffiziere etatsmälsig: der Chef des Stabes des Korps (General- 
major) und 7 Stabschefs der Bezirke 3 ) der Grenzwache. 

Im Korps der Gendarmen ist der Chef des Stabes General 
des Generalstabes. 

f) Dem Generalstabe Zugeteilte. 
Zur Ergänzung des jährlichen Abganges im Generalstabe und 
zur Verstärkung seines Bestandes im Kriege dienen die „dem 
Generalstabe zugeteilten" Offiziere, deren Zahl nach dem Etat 
55 beträgt. 3 ) Sie werden als überzählig bei ihren Truppenteilen 

i) Der r Warschauer befestigte Rayon", gebildot durch die Festungen 
Warschau, Nowogeorglewsk und Segrshe, befindet sieb unter der Verwaltung 
-eines besonderen Gehilfen des Oberbefehlshabers der Truppen des Militär- 
bezirks, welchem auch sämtliche Reserve-Truppen des Militärbezirks unterstellt 
sind. 

a ) Die Grenzwache ist in 7 bezirke eingeteilt: 1. Petersburg, 2. Wilna, 
8. Warschau, 4. Berditschew, 5. Odessa, 6. Tiflis, 7. Taschkent; zu jedem Bezirk 
gehören durchschnittlich 5 Brigaden. 

*) In Wirklichkeit ändert sich diese Zahl alljährlich, in Abhängigkeit von 
der zur Ergänzung des Sollstandes des Generalstabes erforderlichen Zahl von 
Offizieren. 



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78 



Der rassische Generalstab. 



geführt, in welchen sie auch bis zu ihrer Versetzung in den General- 
stab avancieren. 

In die Kategorien der „dem Generalstabe Zugeteilten'' 
werden diejenigen Offiziere Ubergeführt, welche mit Erfolg den Er- 
gänzungs-Kureus der Nikolaus-Akademie des Generalstabes beendigt 
haben. Dieselben entsprechen also unseren „zur Dienstleistung 
zum Generalstabe kommandierten" Offiziere, jedoch werden sie nicht, 
wie letztere, zunächst der Centralstelle, zur weiteren Ausbildung im 
Generalstabsdienst, zugeteilt, sondern unmittelbar, je nach Erfordernis, 
auf die verschiedenen Militärbezirke verteilt, um im Truppen-General- 
stabe, sei es zur Aushilfe, sei es als Vertretung von Generalstabs- 
Offizieren, welche zur Kompagnie- (Eskadron- etc.) Führung zur 
Truppe kommandiert sind, Dienst zu thun. 

b) Verwaltung des Korps der Generalstabsoffiziere. 

Wie bereits erwähnt, ist der Chef des Hauptstabes gleichzeitig 
„Chef des Korps der Offiziere des Generalstabes'*; er nimmt die 
gleiche Stellung den Generalstabsoffizieren gegenüber ein, wie der 
preufsische Chef des Generalstabes. 

Die Rechte des Chefs des Hauptstabes in Bezug auf Auswahl 
der Offiziere des Generalstabes für die verschiedenen Dienststellungen 
sind durch eine Verordnung vom August 1801) geregelt; hiernach 
findet die Besetzung der Generalsstellen im Generalstabe durch den 
Chef des Hauptstabes, nach Einvernehmen mit den Oberbefehlshaberu 
der Militärbezirke, die Besetzung der übrigen Dienststellen im 
Generalstabe ebenfalls durch den Chef des Hauptstabes, nach Ein- 
vernehmen mit den Chefs der Bezirksstäbe, statt; den letzteren 
gegenüber hat der Chef des Hauptstabes die ausschlaggebende 
Stimme. 

Zu jedem Militärbezirk gehört, wie ebenfalls bereits erwähnt, 
die Oberaufsicht Uber die Arbeiten sämtlicher Generalstabsoffiziere 
des Bezirks in erster Linie zu den Obliegenheiten des Be zirks 
Generalquartiermeisters (in den Grenzbezirken), hezw. des Gehilfen 
des Chefs des Bezirksstabes, in zweiter Linie zu denen des Chefs 
des Bezirksstabes selbst. 

c) Einteilung und Dienst des Generalstabes im Kriege. 

Beim Ubergange der Armee auf den Kriegsfuls bedarf das 
Personal des Generalstabes einer Vermehrung infolge Bildung neuer 
höherer Kommando- Behörden, Formation neuer Truppenverbände und 
schliefslich Verstärkung der Etats bereits vorhandener Truppenstäbe. 

Da die Zahl der Zusammensetzung der aufzustellenden Armeen 



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Der russische General stak 



79' 



n. s. w. von der Kriegslage abhängt, so nimmt General Makschejew 
au. dafs 4 Armeen formiert werden, von denen 3 auf demselben 
Kriegssc hanplatz, unter einem gemeinsamen Oberbefehlshaber, 
operieren, während die vierte selbständig auf einem besonderen 
Kriegsschauplatz thätig ist; dafs ferner 2 selbständige Armee-Korps 
vorhanden und 33 Keserve-Di Visionen (20 erster, 13 zweiter Ordnung) 
formiert sind. 

a) Der Oberbefehlshaber der Armee. 
( Grolses Hauptquartier. ) 

Zur persönlichen Verfügung des Oberbefehlshabers befinden 
sich 3 Offiziere des Generalstabes ,.fllr Aufträge* 4 . 

Der Stab des Oberbefehlshabers. Der Chef des Stabes 
braucht nach dem Etat kein Generalstabsoffizier zu sein, „dem 
Wesen der Sache nach ist dieses aber unbedingt erforderlich*'. Der 
Stab besteht aus 3 Abteilungen. Der Verwaltung des „General- 
qaartiermeister beim Oberbefehlshaber*, der Verwaltung des „Generals 
dn jour beim Oberbefehlshaber" und der „Eisenbahn-Abteilung des 
Stabes des Oberbefehlshabers**. Die erste und dritte dieser Abtei- 
lungen bearbeiten Angelegenheiten, welche zu den direkten Ob- 
liegenheiten des Generalstabes gehören. 

In der Verwaltung des Generalquartiermeisters werden 
alle Angelegenheiten und Fragen bearbeitet, welche die strategischen 
Operationen, das Nachrichtenwesen, Uberhaupt den Dienst des General- 
stabes betreffen. Der Generalquartiermeister ist der erste Gehilfe 
des Chefs des Stabes in Bezug auf die strategischen Operationen 
und speziellen Generalstabsangelegenheiten, infolgedessen er dem 
Generalstabe angehören mufs, obgleich es durch den Etat nicht 
vorgesehen ist. 

Zur Verfügung des Generalquartiermeisters stehen 9 General- 
stabsoffiziere „für Aufträge", je 3 für jede Armee. 

Die Eisenbahn- Abteilung hat die Oberleitung über den 
Betrieb des gesamten Eisenbahnnetzes des Kriegsschauplatzes. Auch 
der Chef dieser Abteilung wird, obgleich es wiederum durch 
den Etat nicht vorgesehen, dem Generalstabe angehören. Zur 
Geschäftsführung und fltr Aufträge stehen ihm 2 Generalstabsoflfiziere 
und ebensoviel Ingenieur-Offiziere zur Verfügung. 

b) Armee-Kommando. 
Jedes Armee-Kommando wird aus der Verwaltung desjenigen 
Militärbezirks gebildet, in welchem die Armee formiert wird. Wie 
wir sehen, haben die Verwaltungen der 4 Grenzmilitärbezirke bereits 



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80 



Der rassische Generalstab. 



im Frieden eine der Zusammensetzung eines mobilen Armee-Kom- 
mandos entsprechende Organisation. 

Jedes Armee-Kommando (eigentlich „Feldverwaltung der Armee**) 
besteht aus dem Feldstabe der Armee und 5 Hauptverwaltungen; 1 ) 
Generalstabsoffiziere befinden sich nur im Feldstabe. 

Der Chef des Feldstabes der Armee wird naturgemäß ein 
Generalstabsoffizier sein, obgleich dieses wiederum etatsmäfsig nicht 
erforderlich ist 

Der Feldstab besteht aus 3 Abteilungen; 8 ) in zweien derselben, 
und zwar in der Verwaltung des Generalquartiermeisters und des 
Chefs der Militär-Kommunikationen werden Angelegenheiten bearbeitet, 
welche zum Geschäftsbereich des Generalstabes gehören. 

In der Verwaltung des Generalquartiermei6ters werden 
alle Anordnungen und Fragen bearbeitet, 5 ) welche sich auf die 
strategischen Operationen der Armee und auf den Dienst des General- 
stabes beziehen. In dieser Verwaltung sind durch den Etat 14 
Generalstabsoffiziere, in welcher Zahl der Generalquartiermeister 
selbst, vorgesehen. 

In der Verwaltung des Chefs der Militär-Kommuni- 
kationen werden bearbeitet: 1. Bau und Betrieb von Eisenbahnen, 
Post- und Telegraphen-Linien im Operationsgebiet der Armee; 
2. Sicherung der Etappenstrafsen und 3. Verwaltung des besetzten 
Gebiets. — Etatsmäfsig sind in dieser Verwaltung nur 1 oder 2 
Generalstabsoffiziere „für Aufträge" vorgesehen. „Dem Wesen der 
Sache nach ist es aber erforderlich, dafs der Chef der Militär- 
Kommunikationen selbst dem Generalstabe angehört, denn die Leitung 
der Truppenbewegungen auf Kunststraisen, welche eine der Haupt- 
aufgaben des Chefs der Militär-Kommunikationen bildet, ist Sache 
des Generalstabes." 

Aus demselben Grunde mufs an der Spitze der Feld-Wege- 
Verwaltung ein Generalstabsoffizier stehen, denn diese Verwaltung 
ist das ausführende Organ des Chefs der Militär-Kommunikationen 
in Bezug auf Bau von Eisenbahnen und Truppen-Transporte auf Kunst- 
und Wasserstraisen. Nach dem Etat ist die Besetzung dieser Stelle 
mit einem Geoeralstahsoffizier nicht durchaus erforderlich, vielmehr 

l ) a) Verwaltung des Inspekteurs der Art. d. Armee; b) Verwaltung des 
Arinee-lntendanten ; c) Verwaltung des Inspekt. der Ingenieure der Armee 
d) Verwaltung des Haupt-Feld-Zahlmeisters; e) Verwaltung des Haupt-Feld- 
Kontrulleurs. 

3 ) Und zwar den gleichen Abteilungen, aus denen der Bezirksstab der 
Grenzmilitärbezirke im Frieden zusammengesetzt werden. 

» ) Die Verwaltung besteht aus 4 Sektionen : Operationen, Berichterstattung. 
Nachrichten und topographische Sektion. 



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Der russische Geiieralstab. 



Hl 



ist in dieser Verwaltung nur 1 Generalstabsoffizier „für Aufträge" 
vorgesehen. 

c) Miiitärbezirks-Verwaltung des Kriegsschauplatzes. 

Bei der Umwandlung der Kriedens-Militärbezirks -Verwaltungen 
in mobile Armee-Kommandos bleibt ein Teil der ersteren als Stamm 
zur Bildung der steilvertretenden Militärbesirk s -Verwaltung, an deren 
Spitze der bisherige Gehilfe des Oberbefehlshabers des Militärbezirks 
tritt, zurück. Die stellvertretenden Verwaltungen der Grenz-Militär- 
bezirke, bleiben dem bisherigen Oberbefehlshaber des Militärbezirks, 
nunmehrigen Armee-Befehlshaber, dessen ausführende Organe sie 
in Bezug auf Nachschub il s. w. bilden, unterstellt Nach 
Ermessen des Armeebefehlshabers kann ein Teil des Operations- 
Rayons der mobilen Armee, sowie ein Teil der Militär-Kommuni- 
kationen der Armee der stellvertretenden Militärbezirks- Verwaltung 
unterstellt werden. 

In einer Militärbezirks -Verwaltung des Kriegsschauplatzes sind 
etatsmäfsig folgende Stellen mit Generalstabsoffizieren zu besetzen: 
1. ein Offizier für Aufträge beim stellvertretenden Oberbefehlshaber 
des Militärbezirks; 2. im Bezirksstabe: ein älterer Adjutaut, ein 
Gehilfe und zwei Offiziere „ftlr Aufträge" und 3. aufserdem, in der 
Verwaltung des Bezirks-Chefs der Militär-Kommunikationen — ein 
Offizier „ftir Aufträge". 

Aulserdem werden, wenn auch nicht etatsmäfsig, Generalstabs- 
offiziere sein: der Chef des Bezirksstabes, der Bezirks-Chef der 
Militär-Kommunikationen und der diesem unterstellte Chef der 
Wege-Sektion. 

d) Truppen-Stäbe. 

Das General-Kommando eines selbständigen Armee- 
korps ist ein ähnlicher Weise, wie ein Armee-Kommaudo zusammen- 
gesetzt; es gehören zu demselben 6 Generalstabsoffiziere. 

Im General-Kommando eines nicht selbständigen 
Armeekorps befinden sich Generalstabsoffiziere nur im Korps- 
Stabe. 1 ) Im Vergleiche zum Friedens-Etat erhöht sich der Bestand 
an Generalstabsoffizieren um einen Offizier „filr Aufträge", so dals 
etatsmäfsig zum Stabe des General-Kommandos im Kriege 4 General- 
stabsoffiziere gehören, und zwar ein „älterer Adjutant" und 3 Offiziere 

') Ein General-Kommando (eigentlich „Verwaltung des Armeekorps") setzt 
sich im Kriege zusammen aus dem Korpsstabe, sowie aus den Verwaltungen 
des Korps-Ingenieurs, des Korps-Kommandanten (d. h. des Kommandanten des 
Korps-Hanptquartiers), des Kommandeurs der Artillerie, des Korps-Intendanten, 
des Korps-Arztes und des Korps-Kontrolleurs. 

Jakrbbotor für dl« deaUche Ann«« und Murin«. Bd. US. I. 6 



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32 



Der nissische Generalstah. 



„ftlr Aufträge". Aulserdem wird der Chef des Stabes (Generalmajor 
oder Oberst), wenn es auch durch den Etat nicht vorgesehen, stets 
Generalstabsoffizier sein. 

Der Bestand eines Divisions-Stabes an Generalstabsoffizieren 
ist der gleiche wie im Frieden. Für die 20 Reserve-Divisionen 1. Ordnung, 
welche im Frieden bereits einen Generalstabsoffizier haben, erhöht 
sich der Bestand des Stabes um einen Generalstabsoffizier, während 
für die Reserve-Divisionen 2. Ordnung, die keine Stämme im Frieden 
besitzen, 2 neue Generalstabsstellen geschaffen werden müssen. 1 ) 

e) Gesamtzahl der im Kriege, gegenüber dem Friedens- 
stande, mehr erforderlichen Generalstabsoffiziere. 
Neubesetzuugen von Generalstabsstellen sind mithin bei der 

Mobilmachung erforderlich : 

Nach dein Aufserdem Im 
Etat: erforderlich: 



1. Beim Oberbefehlshaber der 
Armee, für Aufträge . . 3 — 3 

2. Im Stabe des Oberbefehls- 
habers (unter der Annahme, 
dafs ihm 3 Armeen unter- 
stellt sind) ll a ) 3 3 ) 14 

3. Bei jedem Armee-Kom- 
mando : 

Chef des Feldstabes — 1 1 

In der Verwaltung des 

Generalquartiermeisters 14 — 14 
In der Verwaltung des 
Chefs der Militär-Kom- 
munikationen ... 2 1*) 3 
In der Feld- Wege- Ver- 
waltung . . . 1 1*) 2 

Im ganzen beim Armee- 
Kommando .... 17 3 20 

1 ) Wie bereits beim Friedenastande des Divisionsstabes erwähnt, gehören, 
nach dem Etat, 8 Generalstabsoffiziere zur Division, der Chef des Stabes und 
2 „ältere Adjutanten"; die Stellung des einen der letzteren ist im Frieden 
jfdoch durchweg durch einen Truppenoffizier besetzt, so dafs dieses auch im 
Kriege wohl der Fall sein wird. 

2 ) 9 Offiziere für Aufträge in der Verwaltung des Generalquartiermeisters 
und 2 in der Eisenbahn- Abteilung. 

3) Chef des Stabes, Generalquartienneister und Chef der Eisenbahn- 
Abteilung. 

4 ) Chef der Militär-Kommunikationen. 
&) Chef der Feld- Wege- Abteilung. 



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Der russische General stab. 



83 



Nach dem Aufserdem Im 

Etat: erforderlich: Ganzen: 

4. In jeder Militär-Bezirksver- 
waltung des Kriegsschau- 
platzes 6 3 9 

5. Beim General-Kommando 
jedes selbständigen Armee- 
Korps 6 l 1 ) 7 

t). Beim Generalkommando 
jedes nicht selbständigen 

Armee-K orps 1 — 1 

7. Beim Stabe der Reserve- 
Divisionen: 

1. Ordnung .... 1 — 1 



2. Ordnung .... 2 



Für Besetzung eines Teiles dieser neu zu bildenden General- 
stabsstellen sind bereits im Frieden Generalstabsoffiziere in anderen 
Dienststellungen vorhanden. So verwandeln sich, wie erwähnt, die Ver- 
waltungen der Grenz-Militärbezirke in mobile Armee- Kommandos und 
in stellvertretende Militärbezirks- Verwaltungen des Kriegsschauplatzes 
Zur Bildung der 4 mobilen Armee Kommandos und der diesen ent- 
sprechenden 4 Militärbezirks- Verwaltungen des Kriegsschauplatzes, 
sind erforderlich 29X4=116 General6tabsoftiziere, von denen in 
den Bezirksstäben der Grenz-Militärbezirke Warschau (21), Wilna 
(21), Kijew (20) und Kaukasus (21), im Frieden bereits 83 General- 
stabsoffiziere vorhanden sind ; es fehlen mithin 33 Offiziere. 

Zur Formierung der General-Kommandos von 2 selbständigen 
Armeekorps sind 14 Generalstabsoffiziere erforderlich; da die beiden 
Korps aber im Frieden bereits 8 Generalstabsoffiziere haben, so 
fehlen noch 6 Offiziere. 

Schliefslich sind zur Bildung von 33 Reserve-Divisionsstäben 
66 Generalstabsoffiziere erforderlich, von denen im Frieden, bei den 
Koromandos der 20 Reserve-Infanterie-Brigaden, 20 vorhanden sind; 
es fehlen demnach 46 Generalstabsoffiziere. 

Es fehlen also im ganzen, bei Aufstellung von 4 Armeen, 
2 selbständigen Korps und 33 Reserve-Divisionen: 
Für den Oberbefehlshaber und dessen 

Stab (Grofses Hauptquartier) ... 17 Generalstabsoffiziere 
Für 4 Aimee-Kommandos und die ent- 
sprechenden 4 Militärbezirks- Verwal- 
tungen des Kriegsschauplatzes. . . 



33 



Übertrag 50 Generalstabsoltiziere 



«) Chef der Militär-Kommunikationen des Armeekorps. ^ 



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Der russische Generalstab 



• * 

Ubertrag 50 Generalstabsoffiziere 
Für die Generalkommandos von 2 selb- 
ständigen Armee-Korps 6 ., 

Fttr 22 nicht selbständige General-Kom- 
mandos 22 „ 

Für den Stab von 33 Reserve-Di visionen 46 „ 

Im ganzen 124 Generalstabsottiziere. 
Hierzu kommen noch einige Generalstabsoffiziere für die bei der 
Mobilmachung aus den beurlaubten Kasaken-Regimentern aufzu- 
stellenden Kasaken-Divisionen. 

Die Ergänzung der fehlenden Offiziere findet statt: a) aus den 
dem Generalstabe „zugeteilten Offizieren' ; , b) aus entbehrlichen 
Offizieren des Hauptstabes; c) aus Truppen-Offizieren, welche ent- 
weder im Generalstabe gedient haben, oder wenigstens in der 
Generalstabs- Akademie für den Generalstabsdieust vorbereitet sind. 1 ) 

d) Ergänzung des Generalstabes. 

Als Pflanzstätte des Generalstabes dient, entsprechend unserer 
Kriegs-Akademie, die Nikolaus-Akademie des Generalstabes 
Bis zum Jahre 1893 beschränkte sich dieselbe ausschliefslich auf 
Vorbereitung für den Dienst des Generalstabes. Seit der in jenem 
Jahre erfolgten Neuorganisation der Akademie, bezweckt dieselbe: 

1. Verbreitung höherer Bildung unter den Offizieren der Armee und 

2. Ergänzung des Korps der Generalstabsoffiziere. Wenn die russische 
Akademie hiermit auch den Zielen unserer Kriegsakademie näher 
gerückt ist, so unterscheidet sich ihre Einrichtung doch noch 
wesentlich vou derjenigen der letzteren. Der Kursus ist allerdings in 
der Nikolaus- Akademie auch ein dreijähriger, (oder vielmehr 2 f / t 
jähriger), jedoch nur für diejenigen Offiziere, welche die Ergänzung 
des Generalstabes bilden sollen. Die Mehrzahl der Offiziere 9 ) ab- 
solviert nur 2 Klassen, mit je einjährigem Kursus, welche ,.zur 
Verbreitung höherer Kenntuisse in der Armee dienen". Nach Been- 
digung des zweijährigen Kursus werden diejenigen Offiziere, welche 
die SchlufsprUfung bestanden haben, nach der Zahl der bei der 

i) Da eine Versetzung ans dem Generalstabe zur Trappe behufs Führung 
einer Kompagnie (Eskadron etc.) und eines Bataillons nioht stattfindet, diese 
Übungen in der Truppenführung vielmehr nur als Kommandos gelten (s. unter e) 
da es ferner dem russischen Generalstabe an der grolsen Zahl kommandierter 
Offiziere fehlt, die nach Ablauf ihres ein- oder mehrjährigen Kommandos zur 
Truppe zurückkehren, so befinden sich in letzterer nur wenig Offiziere, die im 
Generalstabsdienst ausgebildet sind. 

*) Der Etat der Akademie beträgt 814 Schüler, hiervon 14 in der 
geodätisohen Abteilung. 



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Der russische Generahstab. 



85 



Prüfung erhaltenen Points („Bälle"), in zwei Kategorien geteilt. Alle 
der ersten Kategorie zugezählten Offiziere erhalten als Belohnung 
sofort ein volles Jahresgehalt ausgezahlt. 

Von diesen Offizieren, welche der ersten Kategorie zugeteilt 
werden, werden nun so viele in denErgänzungs-Kursus der Akademie 
versetzt, als zur Ergänzung der im Generalstahe frei werdenden 
Stellen erforderlich erscheint; die Zahl dieser Offiziere wird alljährlich 
durch den Kriegsminister bestimmt. 1 ) 

Alle übrigen Offiziere kehren nach Beendigung des zweijährigen 
Kursus zur Truppe zurück; sie erhalten das Akademie* Abzeichen 
und empfangen das Vorrecht, nach dreijähriger Dienstzeit als Kapitän 
(Kittmeister) der Armee-Infanterie (-Kavallerie), znm Oberstleutnant 
befördert zu werden, wenn sie alle übrigen für die Beförderung zum 
ersten Stabsoffizier erforderlichen Bedingungen erfüllt haben, wobei 
sie jedoch nur 10 Jahre Offizier zu sein brauchen. Von den all- 
jährlich in der Armee-Infanterie und -Kavallerie frei werdenden 
Oberstleutnants-Stellen wird etwa ein Zehntel für jene Offiziere 
offen gehalten. 

Die in den V> Jahr dauernden Ergänzungs-Kursus über- 
geführten Offiziere werden speziell für den Dienst im Generalstabe 
vorbereitet. Alle diejenigen, welche den Ergänzungs-Kursus mit 
Erfolg beendigen, erhalten die Berechtigung auf Zuteilung zum 
Generalstabe. Ausserdem werden dieselben in die nächstfolgende 
Kangklasse, bis zum Kapitän (Stabs-Kapitän der Garde) einschl., 
befördert; diejenigen, welche sich bereits in letzterer Charge befinden, 
empfangen, an Stelle der Beförderung, ein volles Jahresgehalt 

Unmittelbar von der Akademie aus werden so viel Offiziere 
dem Generalstabe zugeteilt, als Vakanzen vorhanden sind; 
die etwa überzähligen Offiizere kehren vorläufig zu ihrer Truppe 
zurück, um später, bei frei werdenden Stellen, dem GeneralBtabe 
zugeteilt zu werden. 

Die Zuteilung zum Generalstabe entspricht also unserer 
Kommandierung, mit dem Unterschiede, dals eratere unmittelbar 
von der Akademie aus erfolgt und ein Vorrecht aller Offiziere 
bildet, welche den Ergänzungs-Kursus mit Erfolg durchgemacht 
haben. Ferner werden die „zugeteilten 44 Offiziere des russischen 
Generalstabes nicht, wie im deutschen Generalstabe, zur Central- 
stelle kommandiert, um im Generalstabsdienst ausgebildet und auf 
ihre Befähigung hierin geprüft zn werden, sondern vielmehr un- 
mittelbar auf die Militärbezirke verteilt, um, bis zu ihrer Versetzung 



i) Sie beträft alljährlich etwa 60. 



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1 



86 Der russische Generalstab. 

in den Generalstab, bei den Truppenstäben in Generalstabs-Stellungen 
Verwendung zu finden. 

Die Versetzung der zugeteilten Offiziere in den Ge- 
neralstab findet bei eintretenden Vakanzen statt, nachdem dieselben 
eine Lager- Versammlung in einer Generalstabsstellung mitgemacht 
und hierbei, sowie auf Übungsritten, ihre Befähigung kundgethan 
haben. Allerdings sollen ja nur Offiziere in den Generalstab versetzt 
werden, welche sich hierzu als völlig geeignet erweisen, jedoch wird 
es verhältnismälsig selten vorkommen, dafs ein „zugeteilter" Offizier 
als nicht würdig zur Versetzung in den Generalstab erachtet und 
zur Truppe zurückgeschickt wird. Mit wenigen Ausnahmen werden 
sämtliche Offiziere, die an dem Ergänzungs-Kursus der Akademie 
teilnahmen, dem Generalstabe zugeteilt und sämtliche „Zugeteilte u 
in den Generalstab versetzt werden. Die Beendigung des vollen 
Kursus der Akademie giebt also immer noch ein gewisses Vorrecht 
Mir die Versetzung in den Generalstab, während bei uns nur ein 
Teil derjenigen Offiziere, welche den dreijährigen Kursus der 
Akademie absolviert haben, zum Generalstabe kommandiert wird, 
und wiederum von den kommandierten Offizieren ein nur Verhältnis- 
mäfsig geringer Bruchteil in den Generalstab versetzt wird. Das 
„Durchsieben'' findet daher bei uns weit gründlicher statt. In einem 
kürzlich im „Russischen Invaliden" erschienenen Aufsatze Uber die 
Einrichtung der Militär-Akademien der verschiedenen Armeen stellte 
General Makschejew diejenige der Berliner Kriegsakademie gewisser- 
maßen als Muster für eine Reorganisation der russischen General- 
stabs-Akademie hin. 

e) Die dienstliche Laufbahn im Generalstabe. 

Nach Versetzung in den Generalstab verbleibt der Offizier in 
demselben bis zu seiner Ernennung zum Kommandeur eines selb- 
ständigen Truppenteils (Regiments-Kommandeur). Dann erst legt er 
die Generalstabs-Uniform ab und wird in den Listen des General- 
stabes gestrichen. In den Generalstab zurückkehren kann er dann 
nur bei Versetzung in eine etatsmälsige Generalsstellung des General- 
stabes. 

Für die Ernennung zum Chef des Divisionsstabes ist es er- 
forderlich, dals der betreffende Offizier vorher ein Bataillon gefuhrt, 
bezw. eine bestimmte Zeit zu einem Kavallerie-Regiment kommandiert 
gewesen sei. An die Besetzung der übrigen Stabsoffizier- und Ober- 
offizier-Stellungen im Generalstabe sind keinerlei Bedingungen ge- 
knüpft. Auch ist nicht, wie bei uns, eine gewisse Reibenfolge für 
die Zuteilung zu verschiedenen Stäben u. s. w. festgesetzt 



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Der russische Generalstah 



87 



Während der Dienstzeit im Generalstabe soll, bis zur Er- 
nennung zum Chef des Divisionsstabes, jeder Generalstabsoffizier 
zweimal zur Truppe kommandiert gewesen sein, um sich mit dem 
praktischen Truppendienst vertraut zu machen; und zwar soll jeder 
Generalstabsofnzier zunächst eine Kompagnie oder Eskadron, alsdann 
ein Bataillon fuhren, bezw. bei einem Kavallerie-Regiment sich mit 
dessen innerem und äufserem Dienst bekannt machen. Diese Übung 
im praktischen Truppendienst erfolgt aber nicht, wie bei uns, aut 
Grund einer Versetzung, sondern bildet nur ein Kommando, 
während dessen der betreffende Offizier seine General- 
stabsuniform weiter trägt, um nach einer genau festgesetzten 
Zeit in seine bisherige Generalstabsstellung wieder zurückzukehren. 

Sämtliche Oberoffiziere des Generalstabes müssen vor ihrer 
Beförderung zum Oberstleutnant ein Jahr eine Kompagnie oder 
Eskadron geführt haben, zu welchem Zwecke sie zu Infanterie- 
bezw. Kavallerie-Regimentern kommandiert werden. 

Ein Kommando zu Kavallerie-Regimentern findet nur für die 
jenigen Offiziere statt, welche ihre Dienstzeit bei der Kavallerie oder 
reitenden Artillerie begonnen oder mindestens 5 Jahre sich in 
Kavallerie-Divisionsstäben befanden haben. 

Das Kommando der Generalstabsoffiziere zu Kavallerie- bezw. 
Infanterie-Regimentern erfolgt durch Verfügung des Oberbefehls 
habers der Truppen des Militärbezirks auf Vorschlag des Chefs des 
Bezirksstabes. Die Kommandierung ist dem Chef des Hauptstabes 
zu melden, welcher dieselbe durch Generalstabs-Befehl veröffentlicht. 

Gleichzeitig mit der Kommandierung „älterer Adjutanten" der 
Korps- und Divisionsstäbe zu den Truppen regelt der Chef des 
Bezirksstabes, deren Vertretung durch Offiziere des Generalstabes 
„für Aufträge", oder durch dem Generalstabe „zugeteilte" Offiziere; 
sollte es an solchen Offizieren fehlen, so werden Truppen-Offiziere 
zur Vertretung kommandiert. 

Die zur Infanterie kommandierten Generalstabsoffiziere Uber- 
nehmen die Kompagnien derjenigen Kompagnie-Chefs, welche zur 
Offizier-Schiefsschule kommandiert werden. 1 ) Die Übernahme der 
Kompagnien soll zu Beginn der Ausbildung des Rekruten-Lehr- 
personals, diejenige der Eskadrons zur Zeit des Eintreffens der Re- 
raonten erfolgen. 

Nach Ablauf eines Jahres haben die Regiments-Kommandeure 
die von Generalstabs-Offizieren geführten Kompagnien bezw. Eskadrons 
zu besichtigen, worauf jene Offiziere in ihre bisherige Dienststllung 

i) Es werden alljährlich zur Offizier-Sohiefeschule 100 ältere Kapitäns auf 
die Dauer von 7 Monaten kommandiert. 



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1 



08 l } e r russische Generalstab. 

im Generalstabe zurückkehren. Uber die Leistungen derselben im 
praktischen Truppendienst wird von den Regiments-Kommandeuren 
auf dem Instanzenwege bis an den Chef des Hauptstsbes berichtet 

Um die Berechtigung zur Ernennung zum Chef des Divisions- 
stabes und später zum Regiments-Kommandeur zu erwerben, sind 
die Generalstabsoffiziere, nach Beförderung zum Oberstleutnant, ein 
zweites Mal zur Truppe zu kommandieren und zwar zur 
Infanterie auf 4 Monate, bezw. zur Kavallerie auf 6 Monate 
Diese Stabsoffiziere haben zu Beginn der Sommerttbungen (Anfang 
Mai) bei den Truppen einzutreffen und — bei der Infanterie die 
Führung eines Bataillons zu Übernehmen, während sie — bei der 
Kavallerie, nach Anordnung des Regiments-Kommandeurs, im prakti- 
schen Dienst und in der Wirtschaftsführung des Regiments Ver- 
wendung finden, um sich mit beiden bekannt zu machen. Die An- 
ordnungen bezw. Kommandierung und Vertretung erfolgen wie bei dem 
ersten Kommando. 

Während all dieser Kommandos behalten die Generalstabsoffiziere 
nicht nur ihre Uniform, sondern auch die ihnen in ihrer General- 
stabsBtellung ihnen zustehenden Gebührnisse. 

Beförderungen innerhalb des Generalstabes finden 2 mal 
jährlich (zu Ostern und am 6. Dezember) statt, und zwar: 

1. Bis zum Kapitän einsehliefslich — nach mindestens zwei- 
jährigem Befinden in der vorhergehenden Charge; 

2. vom Kapitän zum Oberstleutnant — nur in Dienststellen, 
welche etatsmälsig durch Stabsoffiziere zu besetzen sind, unter der 
Bedingung: a) einer mindestens dreijährigen Dienstzeit als Kapitän 
und b) der vorausgegangenen einjährigen Fürung einer Kompagnie 
oder Eskadron; 

3. vom Oberstleutnant zum Oberst nach den für die Beförderung 
der Oberstleutnants der Infanterie und Kavallerie gültigen Grund- 
sätzen, d. h. für „Auszeichnung im Dienst", 1 ) unter der Bedingung einer 
mindestens 15jährigen Dienstzeit als Offizier, davon mindestens 
4 Jahre als Oberstleutnant; die „aufserhalb der Regeln" zur Be- 
förderung eingegebenen Oberstleutnants brauchen sich nur 3 Jahre 
in letzterer Charge befunden zu haben. 

v ) Während bei der Beförderung von Kapitäns (Rittmeistern) der Armee- 
Infanterie bezw. -Kavallerie zu Oberstleutnants 6°/ 0 dor vakanten Stellen durch 
Beförderung „für besondere Auszeichnung" („aufserhalb der Regeln"), 
der Rest derselben zur Hälfte nach der Anciennität, zur Hälfte „nach Auswahl" 
besetzt werden, erfolgt die Bcfürdernng zuin Oberst nur „für Auszeiohhung*, 
und zwar nur in etatsniäfsig durch Obersten zu besetzenden Stellungen; ohne 
Designierung für eine derartige ctatsmäfaige Stellung kann die Beförderung nur 
„außerhalb der Regeln - , für besondere Auszeichnung erfolgen. 



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Der russische Generalstab. 



89 



Obersten des Generalstabes, welche ein Bataillon geführt, bezw. 
bei einem Kavallerie-Regiment Dienst gethan haben, werden in die 
Kandidaten-Liste für die Stellungen von Chefs der Divisionsstäbe 
eingetragen und bei eintretenden Vakanzen, der Anciennität nach, 
zn Chefs dieser Stäbe, und zwar gleichviel, ob diese Stäbe von 
Infanterie- oder Kavallerie-Divisionen sind, ernannt. 

Gleichzeitig mit der Notierung in der Kandidaten-Liste der Chefs 
der Divisions-Stäbe, werden die betreffenden Generalstabsoffiziere 
auch in die Kandidaten-Liste der Kegiments-Kommandeure 
eingetragen, in welcher sie auch nach Ernennung zum Chef ver- 
bleiben. Obersten des Generalstabes werden nur zu Kommandeuren 
von Infanterie- und Kavallerie-Regimentern, sowie zu Direktoren von 
Jonkerscbnlen ernannt. Die Ernennung zu Regiments-Kommandeuren 
der Infanterie erfolgt derartig, dafs auf einen Garde-Kandidaten 
zwei Generalstabs-Kandidaten und 3 Armee-Kandidaten 1 ) ernannt 
werden. Bei Ernennung zu Kavallerie-Regiments-Kommandeuren 
kommen auf einen Kandidaten der Garde-Kavallerie ein General- 
stabs-Kandidat und 2 sonstige Kandidaten (aus der Armee-Kavallerie, 
reitenden Artillerie. Kommandeure von Kavallerie- Junkerschulen 

U. 8. W.). 

Die mit Ernennung zum Regiraents-Kommandeur aus dem General- 
stabe ausgeschiedenen Offiziere können in denselben wieder 
zurückkehren bei Versetzung in etatsmäfsige Generalsstellungen 
des Generalstabes (Chef des Korps-Stabes, Chef des Stabes der 
Festungen 1. Klasse, Gehilfe des Chefs des Bezirksstabes u. s. w.). 
Kür Besetzung dieser Dienststellen werden die hierfür als geeignet 
erachteten Obersten des Generalstabes 3 ) bezw. aus dem Generalstabe 
hervorgegangenen Regiments - Kommandeure, in eine besondere 
Kandidaten-Liste eingetragen. Mit der Ernennung in eine jener 
Dienststellen sind die Wiederaufnahme in die Listen des General- 
stabes und die Anlegung der Generalstabsuniform verbunden. 

Generale des Generalstabes behalten bei ihrer Beförderung zu 
Divisions-Kommandeuren, sowie zu höheren bezw. in gleichem Range 
befindlichen Dienststellungen die Generalstabsuniform und werden in 
den Listen des Generalstabes weiter geführt. Werden sie jedoch 
zunächst zu Brigade-Kommandeuren ernannt, so verlieren sie die 

>i Nur 60% aller Regiments-Kommandeure der Infanterie gehen daher 
am* der Front der Armee-Infanterie hervor. 

*) Obersten des Generalstabes werden zu Generalmajors nach den allgemein 
gültigen Grundsätzen ernannt, d. h. bei vakanten GeneraU-8tellungen und naoh 
lOjlarigem Befinden in der Charge des Obersten; ganz ausnahmsweise kann 
die Beförderung früher stattfinden. 



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90 



Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



Generalstabsunitorm, um sie erst bei Ernennung zum Divisions- 
Kommandeur, Chef des Bezirksstabes oder dergl. wieder zu erlangeu. 

Wenn auch der preulsische Generalstab, ebenso wie der 
russische, ein besonderes Offizierkorps bildet, so ist die dienstliche 
Laufbahn in letzterem doch eine wesentlich andere. Allerdings 
findet ja auch, wie bei uns, ein Wechsel zwischen Generalstab und 
Front statt, es fehlt aber dem russischen Generalstabe die innige 
Verbindung mit der Truppe, das völlige Aufgehen in derselben. Die 
Ahsolvierung des Ergänzungskursus der Generalstabs- Akademie giebt 
bereits ein gewisses Vorrecht zum Eintritt in den Generalstab, und 
die einmal erfolgte Versetzung in den letzteren privilegiert zum 
Verbleiben in demselben bis zur Ernennung zum Kegiments-Kom- 
mandeur. Während dieser ganzen Zeit, ob er bei Stäben, ob bei 
der Truppe, und selbst später, als Kommandeur höherer Truppen- 
verbände, behält der Generalstabsoffizier seine Uniform, und wird 
sich daher, namentlich während der Kommandierungen zur Kompagnie- 
und Bataillons-Fuhrung, niemals als ganz zur Truppe gehörig be- 
trachten und auch von dieser nie ganz als der ihre angesehen 
werden. 

Frb. v. T. 



VI. 

Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 

Eine Ordre Friedrieh Wilhelms I. gegen den Aufwand in den 
Offizier korps. — Am 10. Februar 1738 richtete der König an den 
Kegiment8-Chef General Kurt Christoph v. Schwerin (den späteren, 
bei Prag gefallenen Feldmarschall) folgende Kabinettsordre: „Ich will, 
dafs hinftlro, wenn die Offiziers beisammen kommen, sie nicht, wie 
bei einigen Regimentern der Gebrauch ist, viele Gerichte und Wein 
prätendieren, sondern mit einander hauswirthlich vorlieb nehmen sollen, 
und es mufs vor keinen Schimpf gerechnet, noch übel genommen 
werden, wenn ein Offizier dem anderen ein Glas Bier vorsetzet, 
sondern dieses ebenso gut angenommen werden soll, als wenn Wein 
vorgesetzt würde. Ihr habt also nebst dem Kommandeur des Regi- 
ments darauf Acht zu geben, dafs diesem meinem Willen nachgelebt 



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Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



91 



and eine gute Oekouomie unter denen Offiziers geführt werde." 
(Varnhagen v. Ense, Leben d. Gen.-Feldm. Graf v. Schwerin.) 

Scbbg. 

Die Behaudlnng „unverbesserlicher" K. K. Offiziere war Gegen- 
stand einer kriegsministeriellen Verordnung vom Jahre 1862. Als 
solche wurden Offiziere bezeichnet, deren „Gebrechen" es angezeigt 
erscheinen liels, sie, wenn nach vorangegangenen Warnungen und 
Strafen keine Besserung eingetreten war und gerichtliche Unter- 
suchung oder Bestrafung nicht eintreten konnte, einer kommissionellen 
Behandlung und Ahndung zu unterziehen. Als solche Gebrechen 
werden genannt: Anhaltende Lauigkeit oder Saumseligkeit in Er- 
füllung der Dienstpflichten; Hang zur Trunkenheit; liederlicher oder 
unsittlicher Lebenswandel oder sonst den Offizierscharakter herab- 
würdigendes Benehmen, besonders an öffentlichen oder Anständigkeit 
gebietenden Orten; Umgang mit Personen von Ubelem Rufe, gemeiner 
Sinnesart oder von notorisch anstölsiger politischer Gesinnung und 
endlich leichtsinniges, besonders bei Abgang von Zahlungsmitteln 
fortgesetztes oder aber mit Entwürdigung des Offizierscharakters ver- 
bundenes Schuldenmachen. Ein solcher Offizier wurde vor eine im 
Trappenkörper gebildete Kommission, also vor eine Art von Ebren- 
rat, gestellt, welche zunächst zu warnen hatte. Wenn dies frucht- 
los geblieben war, so wurde eine förmliche Untersuchung eingeleitet, 
auf Grund deren der Fall entweder kriegsrechtlich behandelt ward 
oder die Entlassung des Angeschuldigten mit oder ohne Gnaden- 
gehalt aber stets unter Entziehung des Offizierscharakters zu bean- 
tragen war. Der Spruch ging durch das Landes-Generalkommando 
(Korpskommando) an das Kriegsministerium. Hier wurde in jedem 
einzelnen Falle eine aus Generalen, Stabsoffizieren und einem General- 
Auditor bestehende Hauptkommission niedergesetzt, welche die Ent- 
scheidung traf und, wenn diese auf Entlassung lautete, zugleich ein 
Gnadengehalt beantragte, welches in der Regel halb so hoch war 
als die normale Pension; nur wenn der Offizier, bei erheblichen 
körperlichen Gebrechen oder besonderen anderweiten Verdiensten, 
ganz vermögenslos oder erwerbsunfähig war, wurde das Gnaden- 
gehalt auf zwei Drittteile der Pension bemessen. (Vedette, Nr. 201.) 

14. 

Losen um Leben oder Sterben mufsten im Mai des Jahres 1676 
im Lager von Agathenberg vor der belagerten uud von den Schweden 
verteidigten Festung Stade zwei Soldaten, Vater und Sohn, vom 
braunschweig-lüneburgischen Regimente Molesson des Herzogs Georg 
Wilhelm von Celle, welches gemeutert hatte. Der Sohn zog das 
Todeslos und wurde gehängt; der Vater wurde, nachdem ihm die 



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92 



Kleine heeresgeschicbtliche Mitteilungen. 



Obren abgeschnitten waren, ans dem Lager gejagt. (0. Elster, 
Geschichte der stehenden Trappen im Herzogtum Braunschweig. 
Wolfenbüttel von 1600 bis 1714, Leipzig 1899, S. 164.) 14. 

Spini, 64 er . Mit diesen Worten fahrte sich im Winter 1899/1900 
bei einer der za Wien im Hotel Wände stattfindenden kameradschaft- 
lichen Zusammenkünfte der „Neustädter' 4 ein vor fünfunddreifsig 
Jahren ausgeschiedener Zögling der theresianischen Militärakademie 
ein, welcher nicht nur durch seine eigene Person, sondern auch durch 
seine Grofsmutter mit der Anstalt in Verbindung steht. Es war ein 
Enkel von Francesca Scanagatta, die im Jahre 1797 als wohl- 
bestallter Fähnrich aus der Akademie regelrecht ausgemustert worden, 
1799 bei Barba Galata schwer verwundet, 1800 zum Leutnant 
befördert und, nachdem ihr Geschlecht erkannt, auf Betreiben ihrer 
Mutter am 10. Dezember 1801 pensioniert war, 1804 verheiratete 
sie sich mit einem Kavallerieoffizier, dem Leutnant Spini, nach dessen 
Tode sie als „Franz Scanagatta, Leut, Major Spinis Wittwe" unter- 
zeichnete. Sie starb 1868 zu Mailand. Ihr Enkel war 1866 in das 
italienische Heer übergetreten nnd später Ingenieur geworden. Er 
benutzte die Gelegenheit bei einer Reise durch Wien, seine Kameraden 
aufzusuchen, fand aber an jenem Abend in ihrem Kreise nur einen 
Zeitgenossen. (Armeeblatt 1899, Nr. 50.) 14. 

Ein Stallmeister, wie er in der preußischen Kavallerie, unter 
der dienstlichen Bezeichnung als „Bereiter", bei den Kürassier- und 
bei den Dragonerregimentern etatsmäfsig war, wie ihn bei einigen 
Husarenregimentern die Offiziere auf ihre eigenen Kosten hielten 
und wie er bei dem Regiment der Gardes du Corps bis gegen das 
Ende der siebenziger Jahre des 19. Jahrhunderts vom Staate besoldet 
wurde, erscheint zur Zeit der Befreiungskriege auch bei dem aas 
den Bergischen Lanziers hervorgegangenen Westfälischen Husaren- 
regimente Nr. 11, in dessen Geschichte der Verfasser, Premier-Leut- 
nant Freiherr von Ardenne (Berlin 1877) erzählt, dals im Februar 
1815 der neuernaunte Stallmeister Schwaab vom Regiments- 
kommandeur Major Freiherrn von Romberg, einem altpreuisischen 
Offizier, in die auswärtigen Schwadronsgarnisonen entsandt sei, um 
die von letzterem als sehr mangelhaft getadelte Zäumung nachzu- 
sehen und die Offiziere Uber deren richtige Anlegung zu belehren. 
Dann sollte eine jede Eskadron alle zwei Monate einen gut bean- 
lagten Offizier zum Regimentsstabe kommandieren, um dort durch 
den Stallmeister im Reiten unterrichtet zu werden. Von der sonstigen 
Wirksamkeit des Stallmeisters und wie lange diese gedauert hat, ist 
in dem Buche nichts mitgeteilt Die später erschienene, vom Ritt- 
meister von Eck geschriebene Geschichte des nämlichen Regiments 



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Kleine heeresgeachiohtliche Mitteilungen. 



93 



«Mainz 1893) berichtet, dafs bei der im Winter 1813/14 geschehenen 
Neaformation des „Bergischen Husarenregiments" als Stallmeister der 
Premierlentnant Meyer angestellt, aber einstweilen zur Bagage des 
Herzogs von Sachsen-Coburg, des Kommandears des V. deutschen 
Armeekorps, abkommandiert sei; im Verbände des letzteren nahm 
das Regiment au der Blockade von Mainz teil. Premierlentnant 
Meyer, ein Schüler des Universitats-Stallmeisters Ayrer zu Göttingen, 
wird in dem Buehe weiter nicht erwähnt und erscheint auch nicht 
in den Ranglisten; er ward schon am 6. Oktober 1814 als Premier- 
leatnant im Königlich Hannoverschen Husarenregimente Herzog von 
Cumberland angestellt und starb im Jahre 1863 zu Hannover als 
Generalleutnant, Armeebereiter nnd Königlicher Stallmeister. 14. 

Der Trofe eines bayerischen Infanterie -Regiments zur Zeit der 
Tarkenkriege zn Ende des 17. Jahrhunderts wird in einem Aufsatze 
des K. b. Ingenieur-Oberstleutnant z. D. C. Müller, „Wasser-Trans- 
port bayerischer Truppen von Ingolstadt nach Peterwardein im Jahre 
1692'' wie folgt geschildert. — Das zum bayerischen Hilfskorps in 
Ungarn beorderte Infanterie-Regiment Graf Seyboltsdorff, das in 
Winterquartieren in Schwaben lag, wurde in der Stärke von 1200 
Mann (aufser den Stäben nnd der Bagage) in 17 Tagen (vom 7. bis 
24. Mai) auf dem Wasserwege, mittelst 18 Schilfen und 34 Flölsen 
auf den Kriegsschauplatz befördert. 

Jede der 10 Kompagnien des Regiments führte 2 zweispännige 
Proviant- und 3 Packwagen, sowie einen Marketenderwagen mit sich, 
das Regiment aulserdem noch 4 vierspännige Munitionswagen mit 
16000 Kugeln. 6 Centnern Pulver und 4 Centnern Lunten, dann 2 
dreispännige Materialwagen mit zusammen 200 Schaufeln und 100 
Hacken. Hierzu kamen noch 6 Zeltwagen mit je 200 Zelten, 
3 Balkenkarren mit den Balken für die Schweinsfedern und zuletzt 
noch 4 Feldgeschütze, sogenannte Regimentsstucke mit 1 sechs- 
spännigen Kngelwagen. 

Die 37 Offiziere und Beamten (einschlie[slich Auditor, Feld- 
kaplan und Regimentsfeldscherer). welche alle beritten waren, 
führten zudem noch wenigstens 50 Wagen nnd gegen 1 20 Reitpferde 
mit, da jeder Stabsoffizier 4 Wagen- und Chaisen-, dann 4—6 Reit- 
pferde wie auch jeder Hauptmann mindestens 2, jeder Leutnant und 
Fähnrich 1 Wagen mit den hierzu benötigten Pferden beanspruchte. 
Es wird nicht zu hoch gegriffen sein, wenn man annimmt, dafs das 
Regiment an 130 Wagen aller Art, gegen 300 Zug- und an 100 Reit- 
pferde, zusammen etwa 400 Pferde mit sich führte. Der Trofs war 
somit ein ungeheurer. 

Von dem Umfang der Feldausrüstung eines Offiziers erhalten 



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94 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



wir einen Begriff durch die Mitteilung (a. a. 0.), dals ein Fähnrich, 
der in Ungarn am Fieber starb, und dessen Hinterlassenschaft in 
einem im K. b. Kriegsarcbiv aufgefundenen Protokolle verzeichnet 
ist, neben dem Reitpferd noch 1 Wagen mit Pferden, 1 grolses 
weifses Zelt, 1 Bettstatt mit Matratze und Kopfkissen etc., ferner 
1 Flaschenkeller mit 5 Flaschen und 1 Trinkglas hatte. Aufserdem 
war er im Besitze von 5 Röcken und Kamisolen, 4 Hosen und 15 
weitsen Halsbinden, 8 Hemden mit Spitzen, 14 Paar seidenen und 
wollenen Strümpfen, 2 Pudermänteln, 4 weifsgestickten Schlafhaubeu. 
6 rotweilsgestreiften Schnupftüchern etc. gewesen. — Gegenüber 
diesem Besitztum an Kleidungsstücken] wird man die gegenwärtige 
Feldausrüstung des Offiziers als eine spartanisch-einfache bezeichnen 
dürfen. Schbg. 



VII. 

Umschau in der Militär-Litteratur. 

I. Ausländische Zeitschriften. 

Streffleurs Österreichische Militärische Zeitschrift. (Maiheft.) 
Heerwesen- und Felddienst- Tabellen für den Militärarzt im Felde. — 
Die neue russische Anleitung für den Felddienst. — Die Aktion der 
deutschen Feldlazarette im Kriege 1870/71. — Über den Einflufs 
atmosphärischer Verhältnisse auf die Treflfresultate. — Infanterie gegen 
Reiterei (eine Erwiderung). Über die Probe-Mobilisierung des Jaltaer 
Kreises in Verbindung mit der Mobilisierung des 49. Infanterie-Regiments 
und der 1. Division der 13. Artillerie-Brigade. 

Mitteilungen über Gegenstande des Artillerie- und Geniewesens. 
(Jahrgang 1900.) 5. Heft. Die französische Batteriebau -Vorschrift. 
— Minengänge (Höhlen) für Unterkünfte- und Depot-Zwecke. — Die 
Wolozkoischen TrefTerprozente in Theorie und Praxis des Sanitäts- 
Dienstes im Felde. — Das geodätische Universal-Messinstrument von 
M. Hornstein. 

Armeeblatt. (Österreich.) Nr. 18. Die Flüssigmachung der neuen 
(Jagen. — Das Mai-Avancement. — Soldatengräber. — Der Krieg in 
Südafrika (Forts, in Nr. 19, 20. 21). Nr. 19. Kaiser Wilhelm II., k. u. k. 
Feldmarschall. — Der Friedensstand. — Zur Lösung der Rastatter 
Gesandtenmord-Frage. — Stapelläufe 1899. Nr. 20. Das Delegations- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 95 

pensum. — Bericht über den österr. ungar. Offiziers- und Militär- 
beamten-Verein zu Wien. — Zur Lösung der Rastatter Gesandtenmord- 
Frage. — Eiweifspräparate und Fleischextrakte. Nr. 21. Der Kreis- 
lauf der Millionen. — Akademie und Kadettenschule. — Das Scharf- 
schielsen in Jüterbog. 

Milit&r-Zeitung. (Österreich.) Nr. 16. Projektsmunition. — Das 
weifse Kreuz. — Eine edle That. Nr. 17. Unser Kaiser in Berlin. — 
Die Thätigkeit der Kavallerie im Zukunftskriege. — Der Offiziers- und 
Beamtenverein. Nr. 18. Zum Heeresvoranschlage für 1901. — Der 
Krieg in Afrika. Nr. 19. Kriegserfahrungen. — Zum Marine Voran- 
schlag pro 1901. 

Journal des sciences militaires. (Aprilheft.) Die Beförderung 
bei Schlufs des Jahrhunderts (Forts, im Maiheft). — Die Schlachten 
Napoleons (Schlufs). — Annam vom 5. Juli 1885 bis 4. April 1886. — 
Die Invasion in Frankreich 1813 und das Eindringen der Verbündeten 
in den Elsafs. — Die Handfeuerwaffen. - Der österreichische Erb- 
folgekrieg (1740 -1748). Feldzug in Schlesien 1741—1742 (Forts, im 
Maiheft). (Maiheft.) Napoleonische Grundsätze. — Militärisches 
Repertorium (Forts.). — Über die Reserve-Armee von 1800 (Forts.). — 
Über die „Zahl" im Kriege. — Die 38. deutsche Brigade bei Mars la Tour 
(16. Aug. 1870). — Die Schnellfeuer-Feldartillerie der europäischen 
Armeen. — Die Ernährung der Armee (Schlufs). 

Revue militaire universelle. Nr. 98. Bericht über die allgemeine 
Lage von Madagaskar (Forts.). — Die Belagerung von Pfalzburg 1870 
»Ports.). — Untersuchungen über geheuchelte Krankheiten und freiwillige 
Verstümmelungen, beobachtet von 1859 bis 1896 (Forts.). — Studium 
einer taktischen Frage (Forts.). 

Revue du cercle militaire. Nr. 18. Unsere Armee, beurteilt im 
Auslande (Forts, u. Schlufs in Nr. 19, 20).— Aufnahmeprüfungs- Programm 
der Kriegsakademie. — Der Krieg in Transvaal (Forts, in Nr. 19, 20, 21). 
Nr. 19. Deutschland. Die Feldartillerie im Jahre 1900. Nr. 20. 
Die deutsche Armee. Die neue Felddienstordnung (Schlufs in Nr. 21). 
Nr. 21. Der submarine Krieg. 

Revue d' Infanterie. (Maiheft.) Nr. 161. Geschichte der Infanterie 
in Frankreich (Forts.). — Die deutsche Schiefsvorschrift vom 
16. November 1899 (Forts.). — Praktische Folddienst-Aufgabe (Forts.). 
— Geschichtliche Studie über die Kavallerie-Taktik (Forts.). — 
Formationen und Manöver der Infanterie im Felde. 

Revue de Cavalerie. (Aprilheft.) Die neue deutsche Felddienst- 
ordnung, besonders vom kavalleristischen Standpunkte beurteilt. — 
Die Lehren des 16. August. — Die Reglements und taktischen Formen 
der französischen Kavallerie. — Die Auf klärungs- Operationen der 
Armee von Nord-Virginien im amerikanischen Secessionskriege. — 
Die taktische Frage des Examens zur Kriegsakademie, — Ein Besuch 
in Tor die Quinto. 

Revue d'Artillerie. (Maiheft.) Versuch einer paleo-technologiscnen 



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96 Umschau in der Militär-Litteratur. 

Studie des Rades (Forts.). — Feldmäfsige Übungen im Abteilungs- 
Verbande. — Radfahrertum. — Merkwürdigkeiten. — Das „freie* 4 Rad. 

Heyne du Genie militaire. (Aprilheft.) Mathematische Studie 
der Wirkung der Minenöfen, gegründet auf den Einflufs der Kohäsion 
der Erdmassen. — Vereinfachte Formeln angewendet auf den Wider- 
stand des Materials. — Trinkwasser in einem blockierten Fort. 

Le Progres militaire. Nr. 2035. Generale der Reserve. — Die 
Reform des Militärstrafprozesses. — Der südafrikanische Krieg (Forts, 
in Nr. 2036—42). Nr. 2036. Die Geheimnisse der Artillerie. — Innerer 
Dienst im Jahre 1811. Nr. 2037. Landsoldat- Matrose. — Immernoch 
„die Batterie zu 4 Geschützen". Nr. 2038. Besichtigungen und 
körperliche Brauchbarkeit. — Ernennung zum Adjutanten. Nr. 2039. 
Gendarmerie-Schule. — Verwendung der Artillerie. Nr. 2040. Die 
Automobilen in Transvaal. Nr. 2041. Über die Entfestigung von Lille. 

— Das Verwaltungs-Personal. Nr. 2042. Die eingeborenen Reservisten. 

— Folgen des Kolonialarmee-Entwurfes. 

La Belgique miHtaire. Nr. 1609. Der anglo-transvaalsche Kries 
(Forts, in Nr. 1510 und 11). — Altersgrenzen und Beförderung der 
Offiziere in Deutschland (Schlufs). — Die deutsche Felddienstordnung 
(Schlufs in Nr. 1511). Nr. 1510. Für allgemeine Dienstpflicht und 
Verstärkung der Armee (s. auch Nr. 1512). — Kriegsbudget. Nr. 1511. 
Civilgarde und Armee. Nr. 1512. Die Stellvertretung. 

Bulletin de la Presse et de la Bibliographie militaire. Nr. 383 
und 384. Prinz Friedrich der Niederlande und seine Zeit (Forts.). — 
Die Eisenbahnen vom militärischen Gesichtspunkte. — Praktische 
Ausbildung der Truppen und Cadrcs, Manöver, Generalstabsreisen, 
Cadresmanöver, Kriegspiel. 

Revue de P Armee beige. (März — April 1900.) Einige Worte 
über den militärischen Automobilismus. — Versuch einer Bestimmung 
der Schufstabellen des neuen deutschen Feldgeschützes 77 mm C. 96. 

— Studie über die Seitenabweichungen der cylindro-ogivalen Geschosse 
(Schlufs). — Studie über Geheimschrift, ihre Anwendung im Kriege 
und in der Diplomatie. 

Schweizerische Monatsschrift für Offiziere aller Waffen. (April- 
heft.) Unsere berittenen Mitrailleurkompagnien. — Das Gefecht bei 
Frauenfeld am 25. Mai 1799 (Schlufs). — Die Hebung der Schiefs- 
fertigkeit unserer Infanterie durch Reorganisation des obligatorischen 
Schiefsens aufser Dienst (Schlufs). 

Revue militaire suisse. (Maiheft.) Die neuen Methoden der 
Ausbildung im Schiefsen der Infanterie (Schlufs). — Die österreichisch- 
ungarischen Kaisermanöver in Kärnthen (Schlufs). — Automatische 
Pistolen. — Ein Jahrestag: Die Überschreitung des St. Bernhard im 
Jahre 1800. 

Schweizerische Zeitschrift für Artillerie und Genie. (April he ft.) 
Über die Sicherung der Artillerie (Schlufs und Bemerkungen von v. W.h 

— Lyddit. — Das lenkbare Luftschiff des Grafen Zeppelin. — Die 



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Umschau iu der Militär-Litteratur. 



97 



Reorganisation der französischen Feldartillerie. — Die neue deutsche 
Felddienstordnung. 

Allgemeine Schweizerische Militarzeitung. Nr. 17. Die Krieg- 
führung General Jouberts. — Formationsveränderungen in dem 
preufsischen Heereskontingent infolge des Reichshaushaltsetats 1900 
(Schlufs in Nr. 18). Nr. 18. Das Vordringen der Russen gegen Herat. 
Nr. 19. Die Kriegslage in Südafrika. — Der heutige Aufklärungs- 
dienst der deutschen Kavallerie. Nr. 20. Die neue Kriegslage in 
Südafrika. Nr. 2t Der Kriegsschauplatz zwischen Blomfontein und 
dem Vaalflufs und die Kriegslage. 

Army and Navy Gazette. Nr. 2095. Die Besetzung von 
Bloemfontein. — Das Programm des Kriegsministeriums. — Kritische 
Besprechung der beabsichtigten Heeresreformen. — Die Telegramme 
aus Südafrika. Bespricht die Beschuldigungen der Generäle Methuen 
und Gatacre. — Kriegsberichte. Tageweise zusammengestellte Nach- 
richten vom Kriegsschauplatz. Nr. 2096. Die militärische Lage in 
Südafrika. — Die Niederlagen von Magersfontein und Stormberg. — 
Deutsches Urteil über die englische Kriegführung. — Fürsorge für 
invalide Soldaten. Nr. 2097. Der Krieg in Südafrika. — Urteile des 
deutschen Militär- Wochenblattes über die Kriegführung. — Kriegs- 
berichte. — Nachruf an den verstorbenen Feldmarschall Sir Donald 
Martin Stewart. Geboren 1824. Nr. 2098. Der Krieg in Südafrika. 

— Brittische und ausländische Artillerie. Betrachtung über das 
Artillerie-Material. — Offizier-Ersatz für die Armee. — Kriegsberichte. 

— Die Streitkräfte in Natal. — Bei der Artillerie in Natal. Kritische 
Betrachtung über die Leistungen der beiderseitigen Artillorien in 
mehreren Gefechten. — Nachruf an den verstorbenen Verteidiger 
Plewnas Ghazi Osman Pascha. — Die Schiefsausbildung der Infanterie 
im Jahre 1899. — Die Übergabe des General Cronje. Nr. 2099. Der 
Halt bei Bloemfontein. — Ordre de bataille der Truppen in Südafrika. 

— Kriegsberichte. — Offizielle Verlustliste. — Die englischen Gefangenen 
in Transvaal. — Die Organisation der Miliz. — Persönliche Beobachtungen 
über die jetzt in Südafrika befindlichen Truppen und Verwaltungs- 
zweige. — Vortrag des Obersten Sir Howard Vinceut. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 265. 
Sechzig Jahre des Grenzkrieges. Schildert die fast ununterbrochenen 
Kriege an der Afghanischen Grenze von 1838—1897. — Wie ist die 
Feuerüberlegenheit für den Infanterie- Angriff zu erreichen ? Nach dem 
Aufsatz des General Rohne im deutschen Militär- Wochenblatt. — Ver- 
suchsweise Mobilisierung eines Artillerie-Munitions-Trains in Öster- 
reich. — Die bevorstehenden Manöver in Rufsland. 

Army and Navy Journal. (New- York.) Äufsorungen eines 
Geistlichen über unsere Soldaten in Luzon. — Die Lage in Südafrika. 

— Thätigkeit des 38. Infanterie-Regiments auf den Philippinen. — 
Die Feldbefestigungen der Philippiner. Letzte Nachrichten von Manila. 

— Telegraphen-Linien auf den Philippinen. Mit Karte. 

Jahrbücher fQr dt* deutsche Armee und Marine. Bd. HO. 1. 7 



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98 



Umschau in der Militir-Litteratur. 



Rtisski Invalid. Nr. 78. Enthält aus Anlafs der Enthüllung eines 
Denkmals auf dem Schlachtfelde von Tasch-Kepri am Kuschka-Plusse, 
eine Beschreibung des dort im Jahre 1885 über die Afghanen er- 
fochtenen Sieges. Nr. 83. Die zerstreute Ordnung nach dem 
neuen Reglement. Das Erscheinen des neuen Infanterie-Reglements 
wurde im Juni erwartet. Im allgemeinen sind die Grundsätze des 
Entwurfs vom Jahre 1897 beibehalten worden; eine Erweiterung haben 
die Bestimmungen über die zerstreute Ordnung erhalten, für welche 
der Entwurf vom Jahre 97 nur allgemeine Grundsätze aufstellte, die 
Anwendung derselben aber für den einzelnen Fall dem Ermessen der 
Führer anheimstellte. Durch das neue Reglement wird dem sprung- 
weisen Vorgehen, das nach dem Entwurf vom Jahre 97 nur aus- 
nahmsweise Anwendung finden sollte, ein bedeutender Platz eingeräumt: 
das Vo rgehenderSchützenliniewird folgendermafsen charakterisiert : 
bis zum Bereich des wirksamen Infanteriefeuers (1000 — 700 m) — im 
Schritt und alles gleichzeitig; von dieser Entfernung ab in 
offenem Gelände — sprungweise, mit der ganzen Schützenlinie gleich- 
zeitig oder mit Teilen. Besonders stark vom feindlichen Feuer be- 
strichene Abschnitte können auch einzeln durchlaufen und selbst 
kriechend (im Gebüsch, hohem Grase u. s. w.) zurückgelegt werden. — 
Nr. 91 und 92. Einige Worte über die augenblickliche Ver- 
fassung der reitenden Artillerie. Verlasser wiederholt die oft 
vorgebrachton Klagen über das mangelhafte Pferde-Material der reitenden 
Artillerie und wünscht, dafs auch bei Auswahl des Mannschafts-Ersatzes 
die gleichen Anforderungen wie an den Kavallerie-Ersatz gestellt 
werden; überhaupt wird bei Ausbildung der reitenden Artillerio auf 
deren kavalleristische Eigenart gar keine Rücksicht genommen; auch 
zur Offizier-Kavallerie-Schule wurden bisher Offiziere der reitenden 
Batterien nicht kommandiert. 

Raswjedtschik. Nr. 493. Die Adjutanten und Ordonnanzoffiziere 
Napoleons (Schlufs). Die Heiraten der entlassenen Soldaten. — Die 
Ergänzung unserer Artillerie mit Offizieren. - Polens Ende und 
Ssuworow. Nr. 494. Genoralleutnant Pejuzinskij. Militärschriftsteller. 
Nekrolog. — Aufgabe und Bedeutung der Unterhaltungen der Soldaten 
während seiner Mufsestunden. — Die Streitkräfte Englands im 
Jahre 1900. — Nr. 495. Der Schiefsplatz in Enfleld (England). — 
Eine Wolfsjagd. — Die Duelle. — Erläuternde Denkschrift zum 
Infanterieregiment. Nr. 496. Drei Generationen von Soldaten. — 
l»ie Signale in der Fufsartillerie. — Die Heiraten der jungen Kasaken. 
Nr. 497. Ssuworow-Archiv. — Ein Ausländer über General Dragomirow. 

— Die Alexander-Heimstätte für invalide Soldaten (mit drei Illustrationen). 

— Unser Heereshaushalt. — Die Uniform der Offiziere und der 
Beamten. ■— Der Offizier der Artillerie nach Beendigung der General- 
stabsakademie. — Das Schiefsen der Artillerieoffiziere. — Peronne. — 
Nr. 498. Dem Gedächtnis Ssuworows. — Die Begegnung Tolls mit 
bsuworow. — Ssuworow in Muottenthal. — Die Kobriner Ssuworow- 
Kirche. — Bei Turtukai in der Nacht des 9. Mai 1773. 



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Umschau in der Militiir-L itteratur. 



99 



Isbornik Raswjedtschika. (1900. XVI.) Hinter den Walfischen 
her. {Erinnerung eines russischen Offiziers im Süd-Ussuri-Gebiete). — 
Die Russen in Kreta. — Friedenstage im Kriegsleben, Erinnerungen 
aus dem Jahre 1878. — - Den Oxus abwärts.— Lord Methuen bei Kimberley. 

Wjestowoj. Nr. 56 und Nr. 57. Eine Regiments-Buchhandlung. 

- Das Feuer in der Bibliothek des Generalstabes, 

Wajennüj Ssbornik (Mai 1900.) Ssuworow als gemeiner 
Soldat 1752 — 1754 (mit einem Bild und Autographie des Feldmarschalls). 

— Zur Biographie des Fürsten Golenitscheff-Kutusow-Smolenskij 
(Schlufs). — Ueber den Entwurf der Felddienstordnung III. — Die 
augenblickliche Organisation des kavalleristischen Sports. — Die 
reitende Artillerie im Frieden und im Kriege. Ssuworow in der 
russischen Litteratur V. — Die neue Organisation des Genercilstabes 
des österreichisch-ungarischen Heeres. 

Rivista Militare Italiana. (16. April.) Die grofsen Manöver 1899. 
Eindrücke vom französischen Heere (Panizzardi). — Der Krieg in 
Südafrika (Forts.). 

Esercito Italiano. Nr. 53. Sollen wir das Volk in Waffen durch- 
führen? Nr. 54 und 55. Der Krieg im Oranje-Freistaat (Forts.). 
Nr. 56. Das neue deutsche Flottenbauprogramm. Die Remontierung 
der Armee. Nr. 57. Gesetz, betreffend die Staatsverwaltung. Nr. 58. 
Die Unterstützung hilfsbedürftiger Familien der Einbeorderten. Nr. 59. 
Ausbrüche des Sozialismus. — Das Reglement für die Kriegsschule. 

Memorial de Ingenieros del I^ercito. Nr. 3. Montalembert. — 
Die Verbindung der Küstenbatterien. 

Revista Militär. (Portugal.) Nr. 8. Die Schlacht von Touro 
(Forts. ». — Der Gesetzvorschlag, betreffend Beförderung. Nr. 9. Die 
Pferde-Ernährung im Kriege. Der Gesetzvorschlag, betreffend Be- 
förderung (Forts.). 

Krigsvetenskaps Akademiens-Haiidlingar. (Schweden.) (April- 
heft.) Eins und Anderes über die französische Armee. — Was bei einer 
neuen Wehrordnung zu beachten wäre. 

Militaert Tidsskrift. (Dänemark.) 1. und 2. Heft. Cadreübungen 
und Ubungsreisen in fremden Heeren. 

Norsk Militaert Tidsskrift. (Norwegen.) 3. Heft. Kriegsmärsche 
«Forts.). — Der Transvaalkrieg. 

Militaire Spectator. (Holland.) Nr. 5. Die Cadres der Festungs- 
artillerie. — Einleitung zum Studium der Kriegsgeschichte. 

Militaire Gids. (Holland.) 3. Lieferung. Der Shrapnelschufs der 
niederländischen Feld-Artillerie. — Die Stärke der britischen Armee. 
— Plaudereien über Manöver. 

II. Bücher. 

Otto von Bismarck. Sein Leben und sein Werk. Von Johannes 
Kreutzer. Zwei Bände mit zwei Bildnissen von J. V. Cissarz- 
Leipzig. R. Voigtländers Verlag. 



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100 



Umschau iu der Militär-Litteratur. 



„Wer aufmerksamen Auges der neuern Bismarck-Litteratur gefolgt 
ist", beginnt der Verfasser sein Vorwort „wird sich weniger darüber 
wundern, dafs dieses Buch noch, als dafs es schon erscheint." 

Ja, solche weltbewegenden Heroen, wie Deutschlands gröfster 
Staatsmann, können erst in der Entfernung ganz erschaut und ihrer 
vollen Bedeutung nach gewürdigt werden, wenn nicht mehr, von der 
Parteien Hafs und Gunst verwirrt, ihr Charakterbild in der Geschichte 
schwankt. Wer von der Rheinbrücke auf das hunderttürmige Köln 
blickt, dem fällt wohl der herrliche Dom mit seinen mächtigen 
Türmen ins Auge; aber in seiner überwältigenden Gröfse erscheint er 
erst vonjfern, wenn das Häusermeer verschwimmt und die andern Kirchen 
und Türme vor den riesigen Dimensionen des stolzen Baues zusammen- 
schrumpfen. 

Neben den „Gedanken und Erinnerungen" haben wir eine so un- 
übersehbare Bismarck-Litteratur, Memoiren, Korrespondenzen, Einzel- 
darstellungen, Berichte Berufener und Unberufener, dafs ein 
orientierendes, möglichst objektives Gesamtbild hochwillkommen ist. 

Freilich ist es für eine grundlegende Biographie Bismarcks noch 
zu früh. Das weis niemand besser, als der Verfassor des vorliegenden 
Buches. Wohl aber läfst sich bei sorgfältiger Durchforschung des 
vorliegenden reichen Materials ein anschauliches und wahrheitgetreues 
Bild von dem Leben und Wirken des grofsen Mannes geben, um dem 
deutschen Volke zuzurufen: „So war er und so wirkte er. u Kommt 
nun, bei voller Begeisterung für den einzigen Mann das Streben hinzu, 
aller Mythenbildung entgegenzutreten, den Gegnern gerecht zu werden, 
die Flecken in der Sonne nicht zu übersehen, so kann man eine 
solche Arbeit nur willkommen heifsen. Das alles trifft bei dem 
Kreutzerschen Buche zu. Der Verfasser wahrt sich überall die volle 
Unbefangenheit, hält sich fern von allem historischen und unhistorischen 
Klatsch, berichtet und urteilt in vornehmer und würdiger Art, nimmt 
durch die in gutem Sinne akademische Form der Darstellung für 
sich ein. 

Wenn sich der Verfasser im ersten Buch — „Die Zeit der Vor- 
bereitung** (bis zur Übernahme des Ministerpräsidiums) verhältnis- 
mäfsig kurz fafst, so ist das zu billigen, weil gerade über diese Periode 
das gebildete Publikum hinreichend unterrichtet ist. Andrerseits ist 
dieses „erste Buch" in der knappen Darstellung, die überall das 
Wesentliche und Charakteristische betont und dazwischen orientierende 
Übersichten der jeweiligen politischen Gesamtlage giebt, allseitiger 
Zustimmung sicher. 

Das „zweite Buch" umfafst Bismarcks Wirken als preufsischer 
Ministerpräsident 1862 bis 1866. Was er in diesen vier Jahren 
erwogen, gearbeitet, durchgeführt und geleistet hat. scheint für die 
angestrengte Thätigkeit eines ganzen Menschenlebens fast zuviel. 
Wie der Verfasser die Konfliktsperiode und das Werden und Reifen 
der Behandlung der deutschen Frage schildert, darauf kann diese 



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I 



Umschau in der Militär-Litteratur. 101 

kurze Besprechung nicht eingehen: es ist eine ganz vortreffliche 
Darstellung. Der Verfasser verteidigt u. a. Bismarck gegen den oft 
erhobenen Vorwurf, er habe von Hause aus den Konflikt mit der 
Volksvertretung gesucht, ihn womöglich heraufbeschworen. Nein, es 
war ihm völlig ernst, sobald als möglich zu einer Verständigung mit 
dem Abgeordnetenhause zu gelangen. Erst als kein Ausweg zum 
Frieden mehr offen war. wurde der starke Bismarck vom germanischen 
Kainpfeszorn übermannt und schlug drein mit jenem grimmigen 
Frohmut, den seine Gegner so fürchteten. 

Die Xichtbeteiligung am Frankfurter Fürstentage (1863) schildert 
Kreutzer im allgemeinen nach den „Gedanken und Erinnerungen", 
doch auch hier manche Schroffheit mildernd und dem Kaiser gebend, 
was des Kaisers ist. 

Bismarcks weitblickende Initiative beim Auftauchen der schleswig- 
holsteinschen Frage würdigt der Verfasser folgen dermafsen: „Bismarck 
war entschlossen, diese Frage im nationalen Sinne, also, wie er die 
Sache verstand, zu Preufsens Vorteil zu lösen. Das zu ermöglichen, 
galt es zunächst, die Einmischung anderer Mächte zurückzuhalten und 
hierzu war ihm das Zusammengehen mit Österreich erwünscht. Mit 
aller Umsicht, jede Möglichkeit ins Auge fassend, beschritt er so den 
Weg, dessen Ausgang niemand ahnte, als er allein. Dafs er 
sich bewufst war, mit dem ersten Schritte, den Österreich hier an 
seiner Seite that, nicht nur die Lösung der schleswig-holsteinschen, 
sondern auch der deutschen Frage, die Zukunft seines Volkes in 
seiner Hand zu halten, darüber besteht kein Zweifel, vielmehr erhöht 
es die gewaltige und erschütternde Tragik jener Jahre, wenn wir uns 
vor die Seele rufen, dafs er damals in der Erkenntnis des Kommenden 
die an schwindelnden Abgründen vorbei führen de Bahn betreten mufste, 
ohne den Männern, von deren Zustimmung und Beistand das Gelingen 
abhing, gleich am Anfange seines Weges das letzte Ziel seiner Politik 
zeigen zu dürfen. Wie er in dem jetzt beginnenden Kampfe Preufsens 
Gegner niederringt und dem Gang der Ereignisse seinen Willen auf- 
legt, wie er den widerstrebenden König von Entschlufs zu Entschlufs 
in harten Entscheidungen weiterführt und seinem Volke, das ihn be- 
kämpft und verwünscht, den Einheitsbau aufrichtet, das ist ein 
Schauspiel, wie es gröfser und erhebender keines Dichters Phantasie 
erdenken kann.** 

In helles Licht stellt der Verfasser Bismarcks meisterhafte 
Diplomatie auf der Londoner Konferenz, die nach dem Düppelsiege 
stattfand, als man Preufsen gar zu gern um die Früchte seines Sieges 
gebracht hätte. 

Mit dramatischer Anschaulichkeit werden die Erwägungen. Züge 
und Gegenzüge vorgeführt, die zum Bruch mit Österreich und xnm 
Kriege führten, dann die Verhandlungen in Nikolsburg und das Ver- 
halten gegenüber der französischen Vermittelung. Im „dritten Buch - 
wird Bismarck als Begründer und Kanzler des norddeutsch e ? 



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102 Umschau in der Miiitär-Litteratur. 

Bundes gewürdigt. „Die Wirklichkeit war seine Lehrerin, und indem 
er seine Politik unter allen Umstünden den realen Verhältnissen und 
Bedürfnissen anzupassen trachtete, wurde er davor bewahrt, der 
Sklave einer eigenen oder fremden Doktrin zu werden. 4 * 

Hier führt uns der Verfasser durch den Interimsbau des nord- 
deutschen Bundes, durch die ungemein geschickte Behandlung der 
Luxemburger Frage, durch die in richtige Beleuchtung gerückte Emser 
Depesche bis zum Beginn des französischen Krieges. 

Der zweite Band behandelt in vier „Büchern" die Vollendung 
der auswärtigen Politik bis zum Abschlufs des Dreibundes, des 
Reichskanzlers innere Politik, die letzten Jahre im Amte und 
den Altreichskanzler. 

Mit Recht weist der Verfasser die von Bismarck in den „Gedanken 
und Erinnerungen" erhobene Beschuldigung zurück, dafs die Ver- 
zögerung des Bombardements von Paris nicht aus sachlichen Gründen, 
sondern unter Einwirkung anderer Einflüsse erfolgt sei. Kreutzer hat, 
wie Referent hinzufügen möchte, dabei einen trefflichen Gewährsmann : 
Moltke. 

Der Kulturkampf, der in den „Gedanken und Erinnerungen" 
sehr wenig eingehend, behandelt wird, findet bei Kreutzer gebührende 
Berücksichtigung. In der Schlufsbetrachtung hierüber sagt der Ver- 
fasser mit Recht: „In der politischen Durchführung des Kulturkampfes 
war die Kurie dem Staate überlegen. Und wer heute, von einem 
entfernten Standpunkte auf jene Zeiten zurückblickt, wird sich kaum 
der Erkenntnis verschliefsen können, dafs die durch den Kampf er- 
reichte Verschiebung in der rechtlichen Position der beiden Gewalten 
billiger herbeigeführt werden konnte, und dafs, alles in allem, der 
Staat die Kosten des Streites zu zahlen hatte und heute noch zahlt. 
Dafs Bismarck für diesen Ausgang mit verantwortlich ist, insofern er 
die verschärfenden Kampfgesetze nicht allein zugelassen, sondern 
ausdrücklich gewollt hat, ist nicht minder gewifs als die andere That- 
sache, dafs er den Frieden unter dem Zwange einer unerträglich ge- 
wordenen parlamentarischen Lage gesucht hat." 

Die verhältnismäfsig scharfe Kritik, die in den „Gedanken und 
Erinnerungen" mitunter an dem Verhalten der höchstgestellten 
Persönlichkeiten geübt wird, hebt der Verfasser nicht minder hervor, 
wie die Liebe und Verehrung Bismarcks für seinen kaiserlichen 
Herrn. Ebenso wird das Verhältnis des Reichskanzlers zum Kron- 
prinzen in durchaus sachgemäfser und taktvoller Art klargestellt und 
allen Mifsdeutungen entgegengetreten. 

Eine der schwierigsten Aufgaben für den Verfasser war die Be- 
richterstattung über die Meinungsverschiedenheiten und Ereignisse, 
die zum Rücktritt Bismarcks führten, des Mannes, den Prinz 
Wilhelm von Jugend auf so verehrt und bewundert hatte. Wenn auch 
die Akten über diese Vorgänge noch nicht geschlossen sind, noch 
nicht geschlossen sein können, so dürfen wir auch hier wieder dem 



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Umschau in der Mffltär-Litturatur 



103 



Verfasser nachrühmen, dafs er sine ira et studio gerecht und billig zu 
urteilen sich bemüht. 

Angesichts der grofsen Menge von „Legenden", die mit „er- 
findungsreicher Geschäftigkeit 4 * diese denkwürdige Krisis umwoben 
haben, stellt der Verfasser seinem Bericht die begründete Versicherung 
voran, „dafs der von Bismarck selbst ausgesprochene und noch in den 
Gedanken und Erinnerungen wiederholte Verdacht, er sei als Opfer 
einer von langer Hand gesponnenen Intrigue gefallen, durch einwand- 
freie und zwingende Zeugnisse, soweit solche bis jetzt vorliegen, 
nicht bestätigt wird." 

Bei der Charakteristik Bismarcks wird Kreutzer auch in warmer 
und verständnisvoller Art dem „überzeugten Christen" Bismarck 
gerecht. Sein inneres Glaubensleben, zur Reife gebracht durch den 
Herzensbund mit seiner Gemahlin und die innige Berührung mit 
ernst christlichen Kreisen, hat sich mehr und mehr vertieft, wenn es 
auch nicht Bismarcks Art war, viel Redens und Rühmens davon 
zu machen. 

Kreutzers Bismarckbuch, das reife Werk eines für seinen Helden 
begeisterten und doch vorurteilsfreien Mannes, sei den Lesern der 
Jahrbücher aus voller Überzeugung aufrichtig empfohlen! P. v. S. 

Kunz (Major a. D.) Kriegsgeschichtliche Beispiele aus dem deutsch 
französischen Kriege von 1870/71 Zwölftes Heft. Beispiele 
für das Gefecht und den Sicherheitsdienst der 
Infanterie. Berlin 1900. E. S. Mittler & S. Preis 3,50 Mk. 
iRchtig gewählte Beispiele sind zweifellos ein wichtiges Hilfsmittel 
für den Dienstunterricht und sie sind es besonders mit Bezug auf 
den Dienst im Felde. Dies erkennend, hat Major Kunz sich der 
Aufgabe unterzogen, für den Truppenoffizier, Linien- wie Reserve- 
offizier wie für die Einjährig-Freiwilligen und die Infanterie- Unter- 
offiziere Beispiele aus der Geschichte des grofsen Krieges zusammen- 
zustellen. Der zuletzt genannten Kategorie möchten wir diese Bei- 
spiele mehr als Lernmittel, denn als Lehrstoff zuweisen. Es bedarf 
eines gewissen Grades militärischer Vorbildung um Beispiele dieser 
Art richtig anzuwenden, einer besonderen Gabe, sie wiederzugeben. 
Schade, dafs das Buch so teuer ist! Vielleicht liefse sich mit der 
Zeit ein für den praktischen Gebrauch verwertbarer Auszug herstellen. 
Die über 1400 Beispiele sind fast allzu zahlreich und ihre Rubrizierung 
in 123 verschiedene Arten liefse für den gewünschten Zweck wohl 
füglich eine Verminderung zu. Sehr richtig ist es, dafs Verfasser nur 
solche Beispiele gewählt hat, welche bei dem Stande der heutigen 
Bewaffnung noch brauchbar sind. Auch halten wir es für richtig, den 
Stoff zu teilen und sprechen die Hoffnung aus. dafs die Beispiele aus 
dem Gebiet des Etappenkrieges demnächst noch folgen werden. Ebenso 
können wir es nicht genug rühmen, dafs die moralische und physisch« 
Verfassung der beiderseitigen Truppen, die Umsicht. Energie, Geistes- 



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104 



Umschau in der MUitär-Ütteratur. 



gegenwart und Gewandtheit der Führer ebenso berücksichtigt wurden 
wie die nationalen Eigentümlichkeiten unserer Gegner. 

Sehr sympathisch hat es uns berührt, wenn Verfasser in seinem 
Vorwort betont, wie die Ursachen unserer Niederlagen 1806 keines- 
wegs in der Unfähigkeit unserer Offiziere, wir möchten hinzufügen 
„allein** beruhten. Wir waren, wie Major Kunz richtig sagt: „aul den 
Lorbeeren Friedrichs des Grofsen eingeschlafen, die Armee hatte sich 
nicht zeitgemäfs fortentwickelt." Möchte sich dies die Armee in der 
langen Friedenszeit recht zu Herzen nehmen! 

Was kann wohl besser dazu beitragen, ein Rosten zu verhindern 
als stete Arbeit unter dem Gesichtspunkte, dafs jedes Rasten bereits 
Rosten bedeutet! Möchten doch Männer wie Major Kunz mit ihrer 
segenbringenden rastlosen Arbeit mehr und mehr Eingang in weite 
Kreise finden! Zweifellos wird mit diesem Heft eine Lücke in unserer 
militärwissenschaftlichen Litteratur ausgefüllt, da etwas Ähnliches 
bisher noch nicht veröffentlicht worden ist. 63. 

„Krieg und Arbeit" von Michael Anitchkow. Berlin 1900. 
Puttkammer und Mühlbrecht. 

Die natürliche Berechtigung des Krieges zur Behauptung streitiger 
Rechte und Ansprüche der Nationen wird wohl niemals aufhören, 
weil es an einem mit hinreichender Exekutivgewalt ausgestatteten 
Gerichtshofe zur endgültigen Entscheidung fehlt. Wegen der Aus- 
dehnungspolitik der modernen Völker ist die Kriegsgefahr jetzt noch 
gröfser als zuvor. Die bisherige Kontinentalpolitik scheint zur Welt- 
politik überzugehen, überall bedrängen sich die Mächte politisch und 
wirtschaftlich, streben nach Kolonialbesitz und suchen denselben zu 
vergröfsern, wobei Grenzen und Interessen einer steten Regelung be- 
dürfen. Ob die internationalen Lebensbedingungen und gegenseitigen 
Verkehrsberührungen der Völker den Krieg, ebenso wie früher die 
Sklaverei, vom Erdenrunde verschwinden lassen und einen Weltfrieden 
schaffen werden, bleibt eine offene Frage, deren kaum denkbare 
Lösung der Zukunft vorbehalten bleibt. Zur Klärung dieser Frage 
beizutragen, hat sich der Verfasser des vorliegenden Werkes, welcher 
des festen Glaubens, dafs ein Aufhören der Kriege möglich ist, zur 
Aufgabe gemacht. 

Die sehr gründliche Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile. Im 
ersten derselben thut der Leser einen kurzen Einblick in die Kriegs- 
geschichte mit dem freilich fragwürdigen Resultate, dafs das Bild 
künftiger Schlachten nicht durch Einführung vervollkommneter Feuer- 
waffen eine Änderung erfahren wird, sondern lediglich durch erhöhete 
Truppenausbildung. Dafs ferner nur dem der Sieg zu teil werde, der 
es verstehe, eine harmonische Vereinigung von sittlichen und physischen 
Kräften zu erreichen, ist selbstverständlich und hätte thesisch wohl 
keiner Andeutung bedurft. Die grofsen Geschehnisse auf dem Welt- 
theater im Jahre 1848 so wie die seitherige kulturelle Entwickelung 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



105 



mit ihrem Einflüsse auf Krieg und Frieden sind eingehend und sach- 
pemäfs geschildert. Besonderer Erwähnung geschieht des Schieds- 
gerichtes in der bekannten Alabamafrage, welches den Streit zweier 
mächtiger Staaten geschlichtet und so den Projekten für internationale 
Hechtsinstitutionen erheblich vorgearbeitet hat. Der zweite Teil der 
Abhandlung beschäftigt sich zunächst mit den Ursachen der Kriege 
früher und jetzt, die Zeit der Kabinetts- oder Zufallkriege ist vorbei, 
heute handelt es sich um bewu/ste Aktionen der Völkerkriege. Nationale 
Bestrebungen, Grenzfragen und die Besorgnis um Aufrechterhaltung 
der Handelsbeziehungen, können in erster Hand zu kriegerischen 
l'nternehmungen führen. Die Streitfragen der neuesten Geschichte 
werden klar und anschaulich dargelegt, aber nicht immer dem Grund- 
satze entsprechend „Niemand zu Liebe, Niemand zu Leide! 14 beurteilt. 
Allem Anscheine nach hat der russische Verfasser sich von seinen 
französischen Sympathien beeinflussen lassen, wenn er unter Hinweis 
auf die Schrecken eines Revanchekrieges sagt, dafs die an Elsafs- 
Lothringen verübte Gewaltthat eine drohende Mahnung für Deutschland 
erbringe, von weiteren aggressiven Anschlägen Abstand zu nehmen. 
Da ist ihm doch nur entgegenzuhalten, dafs lediglich altdeutsches 
Gebiet dem Mutterlande wiedererworben sei und französische Revanche- 
gelüste in Deutschland keinerlei Beklemmungen verursachen können. 
Es folgen recht bemerkenswerte handelspolitische Erwägungen ver- 
schiedenster Art. welche den Beweis liefern, dafs Handel und Wandel 
fortan unlösbar mit dem Netz der Weltwirtschaft verflochten sind. Im 
dritten Teile werden unter Würdigung der wichtigsten auf dem 
Handelsgebiete sich geltend machenden Momente, finanzielle, politische 
und aligemein soziale Fragen, bisweilen wohl mit seltsamen, wenn 
nicht gar irrigen Schlüssen erörtert. Den Anschauungen über die 
Lage des Weltmarktes wie den Maximen über das unausgesetzte 
Kriegen um die Vorherrschaft auf demselben, kann man ohne weiteres 
Anerkennung zollen. Es werden alsdann die Hauptgesichtspunkte des 
Zollwesens in ihrer völkerrechtlichen Bedeutung hervorgehoben. Bei 
diesen Erwägungen hat der Verfasser als Russe nicht umhin gekonnt, 
die Orientfrage mit in Rechnung zu ziehen und zwar unter an- 
knüpfenden Aspirationen an eine Teilung der Türkei zwischen England 
und Rufsland — vielleicht nur zum Besten des europäischen Friedens?! 
Schliefslich wird einer denn doch zu sanguinisch gedachten Konstellation, 
nähmlich der Möglichkeit Raum gegeben, dafs das Kriegsschwert im 
20. Jahrhundert an den Thoren Jerusalems, also anscheinend in einem 
grofsen Glaubenskriege, zum letztenmale gezogen werden könnte!!! 

Wenn es auch schwerlich jemals zu einem Weltfrieden kommen 
wird, so dürfte die Welt doch jenem, dem Verfasser vorschwebenden 
Ziele mit der Zeit näher kommen. Jedenfalls wird dies Buch unter 
den Neuerscheinungen eine hervorragende Steile behaupten dürfen, 
bietet es doch wertvolles Material zur Geschichte der Gegenwart und 
behandelt in erschöpfender Weise eine brennende Zeit- und Streitfrage. 



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106 



Umschau in der Militür-Litteratur. 



Mag es daher allen denen empfohlen sein, die sich hierüber unter- 
richten wollen! F. Hdt. 

Die Meeresbeherrschung in ihrer Rückwirkung auf die Land- 
operationen des grofsen Krieges von A. Margutti. Hauptmann 
im K. und K. Generalstabs-Korps. Wien und Leipzig 1900. 
W. Braumüller. Preis 4 Mk. 

Die vorliegende ganz zeitgemäfse Studie erbringt eine richtige 
Vorstellung von dem thatsächlichen Werte der Meeresbeherrschung 
durch eine starke Flotte und veranschaulicht in treffend gezeichneten 
Kriegsbildern die strategischen Grundsätze für ein zweckmäfsiges Zu- 
sammenwirken von Land- und Seestreitkräften. Bei der heutigen 
Konstellation der Weltlage, der immer mehr hervortretenden Welt- 
machtspolitik und gesteigerten Bedeutung der Seeinteressen, erscheint 
diese Arbeit um so beachtenswerter. 

In einer Einleitung streift der Verfasser zunächst die maritimen 
Unternehmungen früherer Zeiten, um dann auf die moderne Seestrategie 
einzugehen, deren grundlegende Bedingungen geschildert und an 
kriegsgeschichtlichen Beispielen oinwandlos verdeutlicht werden. Nur 
zu einem Bedenken findet sich Anlafs: Sollte (S. 4) wirklich die britische 
Beherrschung zur See irgendwie die Bahn zum Siege von Waterloo 
freigelegt haben, zumal die siegreiche Entscheidung durch das 
preufsische Heer herbeigeführt wurde? Doch wohl nicht! 

Als Kern der Bearbeitung schliefsen sich in erschöpfender und 
übersichtlicher Darstellung kritische Erörterungen über die verschiedenen 
oceanen Kriegsthaten an, wobei die materiellen und moralischen Folgen 
der Machtüberlegenheit zur See in den Vordergrund der Abhandlung 
treten. Die grofsen allgemeinen Gesichtspunkte werden logisch dar- 
gelegt und an der Hand der Kriegsgeschichte sachgemäfs erläutert. 
Über Einzelheiten der Behauptungen liefse sich rechten! Ob z. B. 
<S. 43) nach der Schlacht an der Alma, 20. Septbr. 1854, eine Über- 
rumpelung Sebastopols bei den verhältnismässig schwachen Streit- 
kräften der Verbündeten gegenüber der natürlichen Verteidigungs- 
fähigkeit des Platzes und seiner immerhin zureichenden Besatzung, 
insbesondere nachdem die Russen durch Versenkung ihrer Flotte den 
Eintritt in den Hafen gesperrt „aller Voraussicht nach von Erfolg ge- 
wesen - , mag dahingestellt bleiben. S. 81 war das Aufgeben der 
französischen Landungsexpedition nach den verlorenen Schlachten im 
August 1870, wegen näher liegender Anforderungen an diese Truppen, 
freilich notwendig geworden, aber eine „wesentliche Kürzung der 
französischen Operationsarmee" hatten jene 8—9000 Mann nicht ver- 
ursacht (S. 89). Die Potomackarmee des Generals Mac Clellan blieb 
1862 an der virginischen Küste, so viel bekannt, in ungestörter Ver- 
bindung mit der Unionsflotte, d. h. mit ihrer Operationsbasis. 

Schliefslich werden die aus den geschichtlichen Vorgängen her- 
geleiteten Lehren als Ergebnis des Dargelegten dahin zusammen - 



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Umschau in der Militür-Litteratur. 



107 



gefafst, dafs nur solche Staaten ihre Machtentfaltung zur See verwerten 
können, welche neben einer kriegstüchtigen Piotte ein starkes Land- 
heer zur Verfügung haben, um beide gemeinsam auftreten zu lassen. 

Das durchdachte und lehrreiche Werk ist in hohem Mafse an- 
regend, auch wo man nicht zuzustimmen vermag; bei der Mannig- 
faltigkeit seines Inhalts verdient es in weitesten Kreisen bekannt zu 
werden. Jeder Leser wird die Arbeit mit Interesse lesen und mit Be- 
friedigung aus der Hand legen! F. H<it. 

(reschichte des 2. Rheinischen Husaren-Regiments Nr. 9. Im Auf- 
trage dargestellt von v. Bredow, z. Z. Oberstleutnant. 1815—1871. 
Portgesetzt von Böhmer, Leutnant. 1871—1899. Dritte Auf- 
lage. Mit Bildnissen, Abbildungen und Karten. Berlin 1899. 
E. S. Mittler & S. Preis 10 Mk. 
Die erste Auflage dieser Regimentsgeschichte, die ich den besten 
ihrer Art beizähle, erschien im Jahre 1880 und hat in den „Jahr- 
büchern 4 * bereits gebührende Würdigung erfahren. Jetzt nun liegt sie 
in dritter Auflage vor, die von Oberstleutnant v. Bredow auf Grund 
neuer Quellen, besonders mehrerer Tagebücher, in bemerkenswerter 
Weise vervollständigt worden ist: es betrifft dies besonders den 
2. und 18. August, wie den 27. November 1870 — Saarbrücken, 
Gravelotte, Amiens. Die Fortsetzung bis zum Jahre 1899 behandelt 
die 28 Friedensjahre, vom Wiedereinrücken in die alte Garnison Trier 
bis zum Februar 1899. Seit dem 27. September 1897, dem Jahrestage 
der Kapitulation von Strafsburg, steht das Regiment in letzterer Stadt, 
seiner neuen Garnison. 

Die Geschichte dieses Regiments hat u. a. insofern ein besonderes 
patriotisches Interesse, als sie eine genaue und zuverlässige Darstellung 
des Gefechtes von Wiesen thal, 20. Juni 1849. bietet. Hier erwarb 
sich bekanntlich Prinz Friedrich Karl von Preufsen, damals Major im 
Garde-Husaren-Regiment, persönliche blutige Lorbeeren bei der Ver- 
folgung badischer Freischärler, an der Spitze der 1. Eskadron des 
Regiments. Der Prinz wurde schwer im Schultergelenk verwundet, 
sein Adjutant Leutnant v. d. Busche zum Tode getroffen. Bei „Wiesen- 
thal", sagt der Herr Verfasser, „feierte der alles wagende Reitergeist 
seine Wiedergeburt, bei Nachod, Königgrätz, Mars la Tour bestand er 
das Examen. 4 * — Die Schilderung der kriegerischen Erlebnisse des 
Regiments — Feldzuge 1815, 1849, 1866. 1870/71 zeichnet sich durch 
Gründlichkeit der Forschung ebenso wohl wie durch die fesselnde, 
warmherzige Art der Darstellung aus. Wir stehen nicht an, diese 
Regimentsgeschichte als ein mustergültiges Lehr- und Lesebuch für 
den Kavalleristen, sowohl für Offiziere als Mannschaften, zu bezeichnen 
und möchten nur den Wunsch aussprechen, dafs (wenn es noch nicht 
geschah) sie auch in einer billigen für den Mannschaftsgebrauch be- 
stimmten Ausgabe erscheinen möge. Sie verdient es. Über den hohen 
erzieherischen und patriotischen Wert solcher gut geschriebenen 



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JUS 



Umschau in der Militär- Litteratur. 



Regimentsgeschichten kann kein Zweifel bestehen. — Mit Anlagen (22). 
Karten (4) und Bildnissen (6) ist das Buch reichlich und gut aus- 
gestattet. Zwar enthält Anlage 20 eine genaue „Zu- und Abgangs- 
Nachweisung der Offiziere des Regiments 1815—1899", aber leider 
keine vollständige Stammliste derselben, da Anlage 1 nur eine solche 
der Kommandeure und Stabsoffiziere bietet. Es mag dies seine 
Schwierigkeiten haben, liefse sich aber doch vielleicht, in Zukunft bei 
einer etwaigen Neu- Auf läge noch nachholen. — Den beiden Herren 
Verfassern gebührt wärmster Dank für diese tüchtige Arbeit, namentlich 
von Seiten der kavalleristischen Kameraden. 1. 

Beschreibung der Garnison Frankfurt a. 0. vom Standpunkte der 
Gesundheitspflege aus aufgestellt. Herausgegeben von der 
Medizinal-Abteilung des Königlich Preufsischen Kriegsministcriums. 
Mit 1 Abbildung im Text, 8 Anlagen, 2 Kartenbeilagen und 
64 Tafeln. Berlin 1899. E. S. Mittler & S. Preis 9 Mk. 
Vorliegendes Werk ist der 5. Band der „Garnisonbeschreibungen 
vom Standpunkte der Gesundheitspflege aus aufgestellt" und gleicht 
seinen Vorgängern (Cassel, Stettin, Liegnitz, Hannover) vollkommen 
in Einteilung des Stoffes und Gediegenheit der Bearbeitung. Der 
1. Teil behandelt „Die Stadt", deren geographische, geologische und 
klimatische Verhältnisse, Geschichte und Beschreibung der Stadt, 
Wasserversorgung, Beseitigung der AbfallstofTe, wichtige Privat- und 
gemeinnützige Anlagen. Der 2. Teil behandelt die Garnisonanstalten, 
der 3. Teil Statistisches (Civilbevölkerung und Militärbovölkerung) nach 
Zahl, Nationalität, Rasse, Religion, Hauptbeschäftigung, Krankheits- 
und Sterblichkeitsverhältnisse u. v. a. Hierzu 8 erläuternde Anlagen. 
— Es ist klar, dafs diese sorgfältige Arbeit ein reges Interesse weit 
über die militärischen Kreise hinaus verdient. Ärzte sowohl wie 
Statistiker, Geographen und Historiker werden in dieser Schrift eine 
befriedigende Ausbeute finden, ihnen aber sei sie bestens empfohlen. 
Besondere Anerkennung verdienen die vorzüglich ausgeführten Karten 
(Plan von Prankfurt a. 0., 1 : 10000 und der Plan der Umgegend 1 : 25000). 
nicht minder die 64 Tafeln. 4. 

Taktisches Hilfsbuch im Gelände und bei taktischen Arbeiten. 

Auf Grund der Felddienst-Ordnung vom 1. Januar 1900 bearbeitet 
von Hoppenstedt, Hauptmann. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 1,25 Mk. 

Diese Schrift verfolgt den Zweck, den Inhalt der neuen Felddienst- 
Ordnung in angewandter und anschaulicher Form übersichtlich und be- 
lehrend vorzuführen, sie will nicht allein als Nachschlagebuch dienen 
und bei taktischen Arbeiten, insbesondere bei Manöver, Felddienst- 
übungen, Kriegsspiel, Übungsritten sowie zur Vorbereitung für die 
Offiziersprüfung und das Examen zur Kriegsakademie eine leicht 
fafsliche Anleitung zur Befehlserteilung geben, sondern vor allem 



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Unischau in der Mititär-Litteratur. 



109 



auch im Gelände jedem Offizier ein praktischer Ratgeber sein, ins- 
besondere im Melde-, Marsch-, Vorposten- und Unterkunftsdienst. 
Dieser letzteren Verwendung entsprechend gelangt die Schrift als 
handliches Notizbuch zur Ausgabe; ein Kalendarium und ein Tages- 
bedarf an Meldekarten ist demselben beigegeben. Wir empfehlen 
sie gern. 2. 

Feld- und Manöverbegleiter für Unteroffiziere aller Waffen. Aus- 
zug aus der Felddienstordnung vom 1. 1. 1900. Oldenburg i.Gr. 1900. 
G. Stalling. Preis geb. 85 Pf., broch. 65 Pf. 

Dieses kleine handliche Büchelchen wird seinem Zwecke, dem 
Unteroffizier ein praktischer Ratgeber zu sein in Feld und Manöver, 
durchaus entsprechen, zumal das angehängte Alphabetische Sachregister 
den Handgebrauch sehr erleichtert. Die Beschaffung einiger Exemplare 
für jede Kompagnie, Eskadron, Batterie würde sich empfehlen, namentlich 
für den Dienstunterricht der Unteroffiziere. 3. 



Fuhrkolonne, Motorfahrzeug und Feldbahn. Von Bauer, Hauptmann. 
Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. Preis 50 Pf. 

In Anbetracht der Thatsache, dafs in einem heutigen Kriege, dt-r 
die Bewegung von Millionenheeren erfordert, zur Versorgung der 
Truppen mit Lebensmitteln und allen Kriegsbedürfnissen die bisherigen 
Verkehrsmittel Eisenbahn, Wasserstrafsen und Pferdetransport kaum 
mehr genügen werden, erscheint das Bestreben, den Wert unserer 
neuesten Verkehrsmittel, nämlich der Motorfahrzeuge, für militärische 
Zwecke zu beleuchten, zeitgemäfs. Dieser Aufgabe hat sich Verfasser 
unterzogen, er bespricht eingehend die Leistungsfähigkeit der Zugkraft 
des Pferdes und läfst erkennen, wie schon der Bedarf an Pferden und 
Wagen allein für den Verpflegungsnachschub einer gröfseren Armee- 
abteilung, ganz abgesehen von jedem Kriegsmaterialtransport, besonders 
mit der zunehmenden Entfernung von dem Etappen hauptort Zahlen- 
werte annimmt, die schliefslich kaum mehr zu decken sind. Die 
Verpflegung einer Armeeabteilung von 4 Armeekorps und 2 Kavallerie- 
Divisionen bei einer Etappenlänge von 135 km würde bei forcierten 
Leistungen z. B. ertordern: 4900 Mann, 8100 Pferde und 4050 Wagen. 
Unter Berücksichtigung der Leistungen auf Wasserstrafsen und Feld- 
bahnen wird des Weiteren dargethan, dafs der Wirkungskreis 
maschinellen Betriebes möglichst weit bis in die Nähe des Operations- 
gebietes ausgedehnt werden raufs und dafs in dieser Beziehung die 
.Automobilen- als ein Bindeglied zwischen Eisenbahn und Wasser- 
strafse einerseits und der Zone des Fuhrwerkbetriebes andererseits 
von Wert sein werden. Die letzten Ausläufer der Etappen werden 
aber immer der Muskelkraft der Pferde gehören. Die Ausführungen 
des Verfassers verdienen höchste Beachtung. Auch die „Jahrbucher 
haben über dieses Thema sich bereits geäufsert. 4 



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110 



Umschau in der Militiir-Iitteratur. 



Uni formen künde. Lose Blätter zur Geschichte der Entwickelung der 
militärischen Tracht. Herausgegeben, gezeichnet und mit kurzem 
Texte versehen von R. Knötel. Band X. Heft 5, 6. Rathenow 1890. 
M. Babenzien. Preis jeden Heftes 1.50 Mk. 
Heft 6: Preufsen: v. Xatzmer-Uianen 1740 — 1742. — England: 
Die Holländische Brigade (Dutch-Brigade) 1. und 2. Regiment, Jäger 1800. 

Batavische Republik: 1. und 2. Kavallerie-Regiment 1801. — 
Polen: Elite-Kompagnie des 5. Kavallerie-Regiments (Jäger zu Pferde) 
1812. — Österreich- Ungarn: Sereschancr v. Ottochaner Grenz-Inf. 
Regt. Nr. 1 und v. Gradiskaner Grenz-Inf. -Regt. Nr. 8. 1848. — Heft 6: 
Österreich-Ungarn: Savoyen-Dragoner 1682 und 1690. — Polen: 
Herzogl. Warschauische Infanterie, 4. und 7. Regt. 1806—1814. — 
Frank reich: Ehrengarde von Amsterdam. Infanterie und Kavallerie 
1811. — Preufsen: 1. Ulanen-Regt. .1845. 20. Inf.-Regt. 1836. 

Dictionnaire militaire. Encyclopedie des^sciences militaires redigee par 
un comite d'officiers de toutes armes. 15e livraison: Magasins- 
Montagne. Paris - Nancy 1899. Librairie militaire Berger- 
Levrault et Cie. Preis 3 fr. 
Die vorliegende Lieferung dieses ausgezeichneten Militär-Wörter- 
buches, das an dieser Stelle mehrfach rühmend erwähnt wurde, ist 
mit demselben Pleifse und gründlichem Wissen bearbeitet worden, wie 
ihre Vorgänger. W r ir nehmen gern Gelegenheit, die Aufmerksamkeit 
von neuem auf dieses hervorragende, rüstig fortschreitende Werk zu 
lenken. 4. 

III. Seewesen. 

Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie. Heft 5. 

Meteorologische Beobachtungen in Ostasien an Bord S. M. S. „Deutsch- 
land 44 während des Sommers 1899. — Bemerkungen über Port of Spain, 
Trinidad. Aus den Reiseberichten S. M. S. „Nixe" Kommandant. Freg.- 
Kapt. von Basse, Oktober und November 1899. — Die Durchfahrt an 
der Südküste der Insel Margarita, Venezuela. Aus den Reiseberichten 
S. M. S. „Nixe 4 *. Oktober 1899 und S. M. S. „Moltke" Komdt. Kapt. z 
See Schröder, November 1899. — Autofagasta. Nach dem Frage- 
bogen über Autofagasta von Kapt. W. Gerlitzky. Vollschiff „Susanna 44 
und dem Bericht von Kapt. Höckelmann, Bark „Antigone 44 . — Be- 
merkungen über Puerto Cabello. Aus dem Reisebericht S. M. S. „Nixe 44 . 
Komdt. Freg.-Kapt. v. Basse. November 1899. — Para. Nord-Brasilien. 
Auszug aus einem Bericht des deutschen Konsuls zu Para an die 
Seewarte vom September 1898. — Long Island-Sund, nach Bericht 
von Kapt. A. Schumacher, Vollschiflf „Ebenezer 44 Oktober 1899. — 
Lothungen auf der Rockall-Bank. — Von Hamburg nach Hongkong und 
Kiautschou und zurück. Oktober 1898 bis November 1899. Reise der 
Bremer Viermastbark „Albert Rickmers 44 , Kapt. G. Warneke. — Von 
New- York nach Hiago und von Robe über Singapore und zurück nach 



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Umschau in der Militür-Litteratur. 



III 



Bremerhaven. Dezember 1898 bis Januar 1899. Reise des Viermast- 
schiffes „Peter Rickmers". Kapt. J. H. Wostermeyer. — Die Witterung 
zu Tsintau im Oktober, November, Dezember 1899. Nach den Auf- 
zeichnungen der Kaiserlichen Vermessung im Kiautschou-Gebiet. — 
Eine Revision der Proviantdepots für Schiffbrüchige auf Kerguelen, 
Si Paul und Neu- Amsterdam, von Dr. G. Schott, Hamburg, Seewarte. — 
Zur Theorie des Deflektors von Dr. H. Meldau, Oberlehrer an der 
Seefahrtschule in Bremen. — Prüfung eines neuen Anemometers von 
R. Gradenwitz und Theorie dieses Instruments, von Dr. Hans Maurer. 

— Die Witterung an der deutschen Küste im März 1900. 

Marine -Rundschau. Mai 1900. Das französische Linienschiff 
.Jaureguiberry". — Das Wassergas und seine Verwendung, von 
Torpedo -Stabsingenieur Diegel (mit 10 Skizzen). Portsetzung. — 
Nordeibisch-Dänisches, Westsee-Fahrten, von Vizeadmiral Batsch i\ — 
Entgegnung auf Herrn Marine-Oberbaurat Schwarz, „Beurteilung des 
Beitrages zur Theorie des Wasserwiderstandes der Schiffe. 14 — Der 
neue Typ des Schlachtschiffes, von V. E. Cunibeni, Chefingenieur in 
der italienischen Marine (autorisierte Übersetzung von Korvettenkapitän 
Wentzel. Marineattachee in Rom). — Die deutsche Südpolarexpedition 
von Marine-Oberbaurat Kretschmer. — Das Royal Naval House in 
Sydney von Martini, Marinestabsarzt und Schiffsarzt S. M. S. „Falke". 

— Die Murman-Küste und der Hafen von Alexandrowsk (Jekaterinen- 
hafen) mit 1 Kartenskizze. — Thätigkeit des Fischereikreuzers S. M. S. 
„Pfeü** im Monat März 1900. — Zum Gebete vom Strandsegen. — 
Bund deutscher Frauen zur Unterstützung von Offiziers-Witwen und 
-Waisen. — Wetterbericht aus den Häfen Merael, Kiel und Wilhelms- 
haven über die Zeit vom 15. März bis 14. April 1900. Nach Depeschen- 
material der Deutschen Seewarte bearbeitet. 

Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens. Nr. 6. Rfmmtiefen- 
Beobachtungen. — Astronomische Ortsbestimmungen zur See. — Über 
den Gebrauch der Maschinenkomplexe auf modernen Kriegsschiffen. 

— Das englische Marine-Budget für das Verwaltungsjahr 1900/01. — 
L»as deutsche Panzerlinien- und Flottenflaggschiff „Kaiser Wilhelm II" 
mit Abbildung. 

Army and Navy Gazette. Nr. 2100. Die britische Marine. — 
Die russische Marine. — Über die Teilnahme des Kanal-Geschwaders 
beim Besuch der Königin in Irland. Nr. 2101 Australiens See-Ver- 
teidigung. — Frankreich und der Seekrieg. — Ankunft der bei der 
Verteidigung von Ladysmith beteiligten Seeleute vom „Powerful" in 
Portsmouth. Nr. 2102. Der französische Marine-Stab. — Versuche 
mit unverbrennbarem Holz in Portsmouth. — Die Marine-Brigade in 
Windsor. — Über den Kreuzer „Prinz Heinrich". — Die Ausdehnung 
der amerikanischen Marine. — Über den Untergang des türkischen 
Torpedobootes „Siamjavelot". Nr. 2103. Die Marine in London. — 
Die Vereinigten Staaten und der Krieg. — Die Ladysmith-Brigade. — 
Wechsel im französischen Marineministerium. — Das Unterseeboot 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



„Morse". Nr. 2104. Versenkbare Boote. — Gerüchte über die dies- 
jährigen Marine- Manöver. — Die Affaire „Philipp 4 *. — Die neuen 
deutschen Linienschiffe. 

Journal of the Royal United Service Institution. April 1900. 
Das Viekers- Maxim neue 12 zöllige Geschütz und die Laffetierung 
desselben für Marinezweeke. — Mit der goldenen Medaille gekrönte 
Arbeit: Welches sind in Anbetracht der in den letzten zwanzig 
Jahren in der Konstruktion von Kriegsschiffen vorgenommenen 
Änderungen und im Hinblick auf den japanisch-chinesischen wie 
spanisch-amerikanischen Krieg die besten Typen von Kriegsfahrzeugen 
für die englische Marine, einschliefslich Panzer. Bewaffnung und Aus- 
rüstung für Schiffe aller Typen. Die Matrosen der russischen 
Kaiserlichen Garde während der Invasion 1812. 

Army and Navy Journal. Nr. 1912. Der gegenwärtige Stand 
des Philippinen-Krieges. - Die Dry Tortugas. — Endgültige Probe- 
fahrten des „Kearsarge 4 *. — Kapitän Coglilan über Admiral Dewey. — 
Kanononschufs- Wunden im spanischen Kriege. Nr. 1913. Offiziere der 
Armee und Marino. — Beschädigung zur Pariser Ausstellung gesandter 
Kriegsschiffsmodelle. — Die Marine-Akademie. — Das Neueste von 
Manila. Nr. 1914. Bewilligungen für die Marine. — Die Sampson- 
Schley Kontroverse wiederum. — Die japanische Marine. Nr. 1915. 
Ein Wort für die Artillerie. Postdienst auf Kuba. Grant und die 
Monroe-Doktrin. — Wer soll Armee-Transporte überwachen. — Der 
Dienst der Signalkorps auf Luzon. — Die Konstitution und die Flagge. 

— Spanische Kritiken über unsere Marine. Nr. 1916. Der Erfinder 
des prismatischen Pulvers. — Weichspitzige Panzer-Durchbohrung- 
Granaten. — Die Wiederanstellung inaktiver Seeoffiziere. — Wie 
mehr Offiziere zu erlangen sind. — Das Neuesto von Manila. — Die 
Frage der Torpedo-Boote. — Hydrographischer Dienst. 

Revue maritime et coloniale. März 1900. Unsere Kriegsschiffe 
und ihre Vorgänger. — Bizerta, die Erinnerungen an das Vergangene. 

— Die englischen Marinomanöver 1899. — Die Meteorologie des 
extremen Orients. — Das Anhalten von Lichteindrücken und die 
rapiden optischen Signale. — Neue Methode des forcierten Feuerns. 

Gesetzeskonflikte im Seerecht. — Organisation eines technischen 
Dienstes für die Seefischerei. — Der Hafen von Geestemünde und 
die deutsche Fischerei. — Die schottische Fischerei im Jahre 1898. — 
Internationale Kongresse in Paris 1900. 

Rivista marittima. Mai 1900. Über industrielle Gründungen und 
deren Zusammenhang mit Seetransport. — Betrachtungen über den 
spanisch-amerikanischen Krieg. — Über die Auxiliarschiffe in der 
modernen Marine. — Die Geschwindigkeit in der Seetaktik. — Die 
monatliche Produktion an Heizkohle. Die Zollbehörde in Venedig. 

— Sportregeln. — Die internationalen Regatten in Neapel. — Schiffs- 
pendelversuche in schwerer See. 

Nautisch •Technisches Wörterbuch. Herausgegeben von der 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



113 



Redaktion der „Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens". Be- 
arbeitet von Julius Heinz, k. und k. Linienschiffs -Kapitän d. R. 
Pola 1900. 

Es ist das erste nautisch-technische Wörterbuch, welches in den 
Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch abgefafst ist 
und bildet einen wesentlichen Portschritt den bisher erschienenen 
Wörterbüchern gegenüber, die immer nur zwei Sprachen enthielten. 
Aus dem Grunde ist der Wert dieses neuen Buches erheblich höher 
anzuschlagen, da man bei den bisherigen Werken dieser Art häufig 
in die Verlegenheit kam, Marine- Ausdrücke in einer fremden Sprache 
nachschlagen zu müssen, welche in dem gerade vorhandenen Buch 
nicht bearbeitet war. Das neue Wörterbuch ist mit grofsem Pleifs 
zusammengestellt und berufen, eine wesentliche Lücke auszufüllen. 

IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher. 

(Di« »ingejransenen Bocber erfahren »ine Besprechung nach Maftgabe ihm Bedeutung und dea ver- 
f Bgbsren Raum«». Eine Verpflichtung, jedes eingehende Buch in besprechen, übernimmt die 
Leitung der .Jahrbücher" nicht, doch werden die Titel sämtlicher Bücher nebst Angabe dea Preises 
— sofern dieser mitgeteilt wurde — hier vermerkt. Eine Rücksendung von Buchern findet nicht statt.) 

1. Kriegsgeschichtliche Einzel Schriften. Herausgegeben vom 
Grofsen Generalstabe, Abteilung für Kriegsgeschichte II. Heft 28/30. 
Die taktische Schulung der Preufsischen Armee durch 
König Friedrich den Grofsen während der Friedenszeit 
1745 bis 1756. Mit 66 Textskizzen, 1 Übersichtsskizzen und 44 Plan- 
skizzen. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. Preis 5,50 Mk. 

2. Das Feldhaubitz -Material 96. Zugleich als Nachtrag zu 
Batsch' Leitfaden für den Unterricht der Kanoniere und Fahrer der 
Feldartillerie bearbeitet von Zwenger, Hauptmann. Mit 14 Abbildungen. 
Berlin 1900. Liebeische Buchh. Preis 50 Pf. 

3. Anleitung für die allgemeine Anweisung und die besondere 
Unterweisung der Doppelposten. Von v. Klafs, Major. Zweite 
Auflage. Berlin 1900. Liebeische Buchh. Preis 25 Pf. 

4. Anleitungzur Ausbildung der Patrouillenführer der Infanterie. 

Von v. Klafs, Major. Vierte Auflage. Berlin 1900. Liebeische Buchh. 
Preis 30 Pf. 

5. Kleine Schiefsvorschrift für Offiziere, Unteroffiziere und 
Mannschaften. Auf Grund der Schiefsvorschrifl 1899 und des Exerzier- 
Reglements für die Infanterie 1899. Neunte Auflage 1900. Liebeische 
Buchh, Preis 25 Pf. 

6. Taschenbuch für den Schiefslehrer (Offizier, Unteroffizier, 
Einj.-Freiw., Gefreiter etc.) bei den Zielübungen, im Entfernungsschätzen 
und in der Verwendung der Waffe auf Grund der Schiefsvorschrift 1899. 
Von v. Brunn, Generalmajor z. D. 6. Auflage. Mit 10 Abbildungen 
im Text Berlin 1900. Liebeische Buchh. 

7. Feld- und Manöverbegleiter für Unteroffiziere aller Waffen 

Jahrbbcher ftr die deutsche Anne» and Manne. Bd. 118 1 b 



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114 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Auszug aus der Felddienstordnung vom 1.1. 1900. Oldenburg i. Gr. 1900. 
Preis geb. 85 Pf. broch. 65 Pf. 

8. Fuhrkolonne. Motorfahrzeug und Feldbahn. Von Bauer. 
Hauptmann. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. Preis 50 Pf. 

9. Taktisches Ililfsbuch im Gelände und bei taktischen Arbeiten. 
Auf Grund der Felddienst-Ordnung vom 1. Januar 1900 bearbeitet von 
Hoppenstedt. Hauptmann. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis geb. 1.25 Mk. 

10. Armee und Volk im Jahre 1806. Mit einem Blick auf die 
Gegenwart von A. v. Boguslawski. Generalleutnant z. D. Mit 1 Skizze 
und 2 Plänen. Berlin 1900. R. Eisenschmidt. Preis 3 Mk. 

11. Kaiserin- Augusta -Verein für Deutsche Töchter und 
Kaiserin - Augusta -Stiftung. Dargestellt von H. Meyer, Geh.- 
Rochnungs-Rat. Herausgegeben vom Kaiserin- Augusta -Verein für 
Deutsche Tochter. Mit vier Abbildungen. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 1 Mk. 

12. Feldmarsehall Moltke. Zweiter Teil: Meisterjahre. Von 
Max Jahns. Berlin 1900. E. Hofmann & Co. 

13. Die Modernen KriegswaflTen. Ihre Entwicklung und ihr 
gegenwärtiger Stand, ihre Wirkung auf das tote und lebende Ziel. 
Ein Lehrbuch der allgemeinen Kriegschirurgie von Dr. R. Köhler. 
General-Oberarzt. Teil II. Enthaltend die Wirkung der kleinkalibrigen 
Gewehre auf den lebenden Menschen. Mit 52 Figuren im Text. 
Berlin 1900. 0. Enslin. 

14. Aus dein Lehen des Königs Albert von Sachsen. Von 
Dr. Paul Hassel. Zweiter Teil: König Albert als Kronprinz. 
Mit einem Bildnis. Berlin, E. S. Mittler & Sohn, Leipzig J. E.Hinrichs 1900. 
Preis 8 Mk. 

15. Henry lioole. Das Trainieren zum Sport. Handbuch für 

Sportsleute jeder Art. Für deutsche Verhältnisse bearbeitet von 
Dr. phil. ('. A. NeuTeld in München. Wiesbaden 1900. J. F. Bergmann. 
Preis 2 Mk. 

1«. Der Unterführer. Leitfaden für die theoretische und praktische 
Ausbildung der Unteroffiziere und des Unteroffizier- Ersatzes der 
Infanterie. Zugleich als Handbuch für den Lehrer auf dienstliche 
Veranlassung bearbeitet von K. v. Kietzell, Leutnant. Berlin 1900. 
E. S. Mittler fc Sohn. Preis 1.40 Mk. 

17. Der Felddienst des Kavalleristen. Als Vorausgehe des 
3. Teiles der 2;>. Autlage von v. Mints" Leitfaden neu bearbeit von 
G. v. Pelet- Xarbonnc, Generalleutnant z. D. Mit M) Abbildungen. 
Berlin 1900. K. S. Mittler k Sohn. Preis 30 Pf. 

18. 225 Taktische Aufgaben für Übungen aller Art und Kriegs- 
spiel im Rahmen gemischter Abteilungen, selbständiger Kavallerie. 
Brigaden, Divisionen auf Grund der Felddienstordnung vom 1. Januar 1900. 
Von Immanuel. Hauptmann. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 8.60 Mk. 



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Umschau in der MilitUr-Litteratur. 



115 



19. Militärärztlicher Dienstunterricht für einjährig- freiwillige 
Arzte und Unterärzte sowie für Sanitätsoffiziere des Beurlaubten- 
Standes. Bearbeitet von Dr. Kowalk, Oberstabsarzt 1. Kl. Fünfte 
vennehrte Auflage. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. Preis t> Mk. 

20. Sammlung militärwissenschaftlicher Einzelschriften. Heft 6: 
Befestigte Stellungen im Lichte der kriegerischen Ereignisse in 
den Jahren 1898 und 1899. Von Frobenius, Oberstleutnant a. D. 
Berlin 1900. R. Schröder. Preis 1 Mk. 

21. A. Frensh-English Military Technical Dictionary. Part II 
(Espace-Palan) by Cornelis de Witt Willcox. Washington 1900. 
Governement printing offlce. 

22. Deutsches Flaggenbuch. Flaggenrecht und Flaggenceremoniell 
nach den deutschen und internationalen Bestimmungen von Franz 
Rein ecke (Hannover). Hannover und Leipzig 1900. Hahnsche Buchh 
Preis 2 Mk. 

23. 1815. Von Henri Uoussaye. Waterloo. Übersetzt von 
Ostermeyer, Oberst z. D, Hannover und Leipzig. 1900. Hahnsche 
Buchh. Preis 6.50 Mk. 

24. Einführung in die Felddienst-Ordnung vom 1. Januar 1900. 
Von Immanuel. Hauptmann. Mit 7 Skizzen im Text. Berlin 1900 
R. Schröder. Preis 1,50 Mk. 

25. Die russischen Offiziere des Beurlaubtenstandes. Eine 
Parallele. Vortrag gehalten am 9. März 1900 im Kasino der Offiziere 
der Landwehrinspektion Berlin von A. v. Drygalski, Rittmeister a. D. 
Berlin 1900. R. Schröder. Preis 1 Mk. 

26. Das Königliche Zeughaus — Führer durch die Ruhmes- 
halle und die Sammlungen. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 50 Pf. 

27. Rang- und Quartierliste der Kaiserlich Deutschen Marine 
für das Jahr 1900. Nach dem Stande vom 8. Mai 1900. Berlin. 
E. S. Mittler & Sohn. Preis 2,50 Mk., geb. 3,50 Mk. 

28. Rang- und Quartier-Liste der Königl. Preufsischen Armee 
und des XIII. (Königl. Württemberg.) Armeekorps für 1900. Mit 
den Dienstalters-Listen der Generalität und der Stabsoffiziere und 
einem Anhange, enthaltend die kaiserlichen Schutztruppen. Nach dem 
Stande vom 7. Mai 1900. 

29. Deutsche Kabellinien. Von Dr. Thomas Lenschau. 
Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. Preis 1,20 Mk. 

90. Der Bueru krieg in Südafrika. Kurz dargestellt von Ludwig 
v. Estorff, Major im Generalstabe. Zweite Lieferung. Mit 6 Text- 
skizzen und 6 Karten in Steindruck. Berlin 1900. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 2,25 Mk. 

31. Leutnants Lieb' und Leben. 12 Postkarten von \V. StoffanL 
Verlag von W. Schultz-Engelhard. Preis 1 Mk. 





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VIII. 

Die See-Operation im Kriege 1870|71 im Vergleich mit 

jetzigen Verhältnissen." 

Von 

Röper, Oberleutnant im Infanterie-Regiment von Wittich 

(3. Hessischen) Nr. 83. 



Die grofeen Erfolge unseres Landheeres im Feldzuge 1870 
drängen naturgemäfs die Ereignisse zur See in den Hintergrund; 
Deutschland hatte damals kaum eine Flotte, die Franzosen ander- 
seits gebrauchten ihre Seestreitkräfte nicht in der Weise, wie mau 
es wohl hätte erwarten dürfen. Und doch zeigt das Studium der 
damaligen See-Operationen auch für den Landoffizier manche be- 
achtenswerte Punkte, besonders deshalb, weil in kommender Zeit in 
Europa kaum ein Krieg geführt werden dürfte, der nicht in irgend 
einer Weise auch maritim wird. Die Flotte ist jetzt bei allen Grofs- 
mächten der andere Faktor der Landesverteidigung geworden. 

Die dem Feldzuge 1870 vorangehende Zeit war, da alles zu 
einer endlichen Entscheidung zwischen Preufsen und Frankreich hin- 
drängte, auch von dem französischen Marineminister zur Aufstellung 
eines Operationsplanes gegen Preufsen benutzt worden. Danach 
wollte man zunächst die deutsche Schlachtflotte vernichten, dann in 
Dänemark ein Truppenkorps von 30 — 40000 Mann landen und von 
Jütland als Operationsbasis im Verein mit dem dänischen Heer in 
Schleswig-Holstein eindringen. Die deutschen Küsten sollten blockiert 
werden. 

Um diesen Plan aber verwirklichen zu können, war nichts ge- 
schehen. Die französische Flotte wies zwar eine stattliche Auzahl 
von Schiffen aller Gattungen auf; verwendungsbereit waren aber nur 
wenige. Der Krieg drohte schon im ersten Drittel des Juli aus- 
zubrechen, trotzdem tbat man nichts, um die Mobilmachung der 
Schiffe sicher zu stellen. 

Der Marineminister selbst erklärte in dem entscheidenden 

Jahrbücher für dit deutich« Ann»« and Marin«. Bd. 110. 2 9 



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118 



„Die See-Operation im Kriege 1870/71- eto. 



Ministerräte, dals die Marine für einen grofsen Krieg nicht vor- 
bereitet sei. Und in der That, es fehlte an allem ! Die Marine- 
Arsenale waren leer, die Schiffe selbst in keiner Weise seeklar, die 
znr Bemannung notwendigen Mannschaften znm gröfsten Teil zur 
Ausübung der Fischerei auf den Neufundlandbänken beurlaubt. Da- 
zu kam, dafs der Kaiser zahllose Intriguen in Bezug auf Besetzung 
de ss Ober-Kommandos zu Uberwinden hatte. Jetzt, wo alles auf 
Schnelligkeit ankam, verlor man 6 kostbare Tage mit Erledigung 
dieser Frage. Statt des festgesetzten Planes wurden von Personen 
in nicht offizieller Stellung, wie es der Prinz Napoleon war, neue 
Vorschläge gemacht, und, was das Schlimmste war, auch ernstlich 
erörtert. Dieser wollte den Oberbefehl Uber die gesamten See- 
und Landstreitkräfte der Ostsee-Expedition, schliefslich begnügte er 
sich mit demjenigen Uber das Landungskorps ; die Flotte sollte, un- 
abhängig von ihm, einem Vize-Admiral unterstellt werden. Am 
22. Juli endlich wurde der Vize-Admiral Graf Bouet-Willaumez zum 
Höchstkommandierenden der Seestreitkräfte des Nordens ernannt. 
Die zum Kampf gegen Deutschland bestimmte Flotte sollte 14 
Schlachtschiffe und die nötige Anzahl von Avisos enthalten, eine 
zweite Flotte aus Kanonenbooten, schwimmenden Batterien und 
Transportschiffen bestehend, sollte das Landungskorps aufnehmen. 
Statt dieser gewollten Zahl gelang es aber nur nach grofsen An- 
strengungen, dem Admiral 7 Schiffe zur Verfügung zu stellen, mit 
denen er am 24. Juli nachmittags in See ging. Aber auch diese 
waren noch nicht seeklar: Scharen von Werftarbeitern wurden mit 
an Bord genommen und erst in Höhe der Themse durch einen Aviso 
zurückgeschickt. 

An einen Angriff von sehen der deutschen Schiffe dachten die 
Franzosen nicht, denn sonst hätte die Kaiserin Eugenie das Ge- 
schwader wohl nicht in See begleitet Dagegen glaubte man an 
ein Eingreifen Spaniens in den Krieg, deshalb liels man das starke 
Mittelmeergeschwader zunächst zum Schutze der Truppentransporte 
aus Afrika im Mittelmeer und dann bis zum 7. August in Brest, 
um es so nach beiden Seiten verwenden zu können. 

Betrachten wir jetzt die maritimen Vorbereitungen des nord- 
deutschen Bundes, so finden wir hier den Schwerpunkt naturgemäfs 
auf die Verteidigung gelegt Die erst im Werden begriffene Flotte 
konnte der mächtigen französischen nicht auf hoher See entgegen- 
treten. In seiner Denkschrift vom Winter 68/69 sieht daher der 
General von Moltke eine rein defensive Kttstenverteidigung durch 
Befestigungen und Sperren vor, sowie das Zurückwerfen etwaiger 
Landungstruppen durch 4 an den wichtigsten Punkten aufgestellte 



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„Die See-Operation im Kriege 1870/71" etc. 



119 



Divisionen. Bei Ausbruch des Krieges gestaltete sich die Verteilung 
dieser Truppen nun folgendermafsen : 

Die 17. Inf.-Div. traf bis zum 28. Juli bei Hamburg ein und 
schob stärkere Beobachtungs-Detachements nach Lübeck und Neu- 
münster vor. 

Die 2. Landwehr-Division versammelte sich bis zum 1. August 
um Bremen, mit Detachements in Oldenburg und Bremerhafen; die 
1. Landwehr-Division konzentrierte sich vom 8. bis 12. August bei 
Wismar und Lübeck, während als allgemeine Reserve die Garde- 
Landwehr-Division längs der Bahn Celle-Ulzen disloziert wurde. 

Außerdem standen dem General-Gouverneur Vogel von Falcken- 
stein noch eine grofee Zahl von Besatzungs- und Ersatztruppenteilen 
zur Verfügung, sodals die Summe der Kombattanten etwa 90000 
Mann betrug. 

Die passive Küsteuverteidigung bestand darin, dafs man vor 
allen Dingen die Befestigung der beiden Kriegshäfen Kiel und 
Wilhelmshaven durch provisorische Werke ergänzte, und diese mit 
schweren Geschützen armierte. Aufserdem sperrte man die Ein- 
fahrten durch Minen, Torpedos und sonstige Hindernisse, entfernte 
die Seezeichen und richtete einen ausgedehnten Beobachtungsdienst, 
sowohl zu Lande wie auch zu Wasser ein. In ähnlicher Weise 
wurden die andern wichtigen Küstenpnnkte, besonders die Mündungen 
der Ems, Weser und Elbe geschützt. Bei einem Angriff auf diese 
hoffte man auf eine Mitwirkung der 3 Panzerfregatten, die sich in 
die Jade zurückgezogen hatten und hier einem Vordringen gegen 
die Flußmündungen in der Flanke lagen. Die anderen Schiffe, mit 
Ausnahme der Monitors Arminias und Prinz Adalbert hatten den 
Panzern der Franzosen gegenüber so gut wie gar keinen Ge- 
fechtswert. 

Trotz dieser geringen Seestreitkräfte hoffte man, unterstützt 
durch die Beschaffenheit der Küsten, die Franzosen auch hier vom 
deutschen Boden fern zu halten. 

Dals dies gelang, ist aber wohl hauptsächlich einem andern 
Umstand zuzuschreiben, und das war die Planlosigkeit und Unent- 
schlossenheit der Franzosen, mehr der Regierung in Paris, die alles 
selbst anordnen wollte, als die des kommandierenden Admirals, der 
in früheren Kriegen Beweise seiner Tüchtigkeit gegeben hatte. 

Der vom Marineroinister erlassene Befehl bestimmte, dals der 
Admiral sich zunächst mit seinem Geschwader nach dem Sund be- 
geben sollte. Nachdem er ein Schiff nach Kopenhagen entsandt 
hatte, sollte er Nachts zur Blockade der Jade zurückkehren. Hier- 
hin sollten die fehlenden Schiffe baldigst von Cherbourg nachfolgen. 

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120 



„Die See-Operation im Kriege 1870/71" etc. 



Nach Kompletierung des Geschwaders sollte eine Division zur 
Blockade der Jade zurückbleiben, mit dem andern sollte sich der 
Admiral in die Ostsee begeben. 

Der Admiral Bouet hoffte das prenfsische Geschwader, das anf 
einer Übungsfahrt im Kanal begriffen, wegen Maschinenhavarie zweier 
Schiffe einen englischen Hafen hatte anlaufen müssen, noch zur 
Schlacht aui hoher See zu zwingen. Dafs dieses aber wegen der 
drohenden Kriegsgefahr die Heimreise angetreten und seit dem 
16. Juli bereits in der Jade lag, das wufste er nicht. Die deutschen 
Behörden dagegen erfuhren von dem Auslaufen der französischen 
Flotte sofort durch die deutsche Botschaft in London. 

Als der Admiral Bouet nun am 28. Juli Skagen erreichte, er- 
schien ein Bevollmächtigter des französischen Gesandten in Kopen- 
hagen an Bord, um ihn zum sofortigen Einlaufen in die Ostsee zu 
veranlassen und hierdurch die Erhebung Dänemarks, das angeblich 
nur auf das Erscheinen der französischen Flotte wartete, herbei- 
zuführen. 

Der Admiral fühlte sich aber anfangs um so mehr an seinen 
Befehl gebunden, als er die deutsche Flotte zunächst als Haupt- 
kampfobjekt ansah. Andererseits glaubte er, dafs die diplomatischen 
Verhandlungen soweit gediehen seien, dals es dieses äufseren An- 
lasses nicht mehr bedürfe. Dem war aber nicht so, denn der 
französische Unterhändler traf erst am 1. August in Kopenhagen ein. 

Trotzdem falste der Admiral in diesem Widerstreit keine selb- 
ständigen Entschlüsse, er bat vielmehr in Paris um Instruktionen. 
Kaum hatte er diese Anfrage abgeschickt, als eine Depesche aus 
Paris eintraf, welche die Situation nur noch mehr verwirrte. Jetzt 
sollte er die dänische Neutralität nicht verletzen, er sollte seine Vor- 
räte ergänzen und mit der Flotte selbst einen Punkt zur Beobachtung 
der sämtlichen deutschen Küsten wählen. Wie der Admiral mit 
seinen 7 Schiffen diese Aufgabe lösen sollte, darüber war man sich 
in Paris wohl selbst am wenigsten klar. Der Admiral führte auch 
diesen Auftrag nicht aus, er erwartete vielmehr noch eine Antwort 
auf seine Anfrage. Da aber andererseits der französische Vertreter 
in Kopenhagen immer energischer zum Einlaufen in den Sund drängte, 
so beschlols der Admiral, um beiden Möglichkeiten gerecht werden 
zu können, noch 48 Stunden zu warten, dann wollte er sich gegen 
die Jade wenden. Da traf am 2. August der Befehl ein, in die 
Ostsee einzulaufen, die Nordsee blieb vorläufig frei. 

Die Operationen des Ostseegeschwadere bieten an und für sich 
nicht viel Bemerkenswertes. 

Nach einigen Rekognoszierungsfahrten längs der Küste sah man 



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„Die See-Operation im Kriege 1870,7 1" etc. 



121 



ein. dafs ein Angriff auf irgend einen Kostenpunkt nur Zweck haben 
würde, wenn Landungstruppen sofort den Erfolg aasbeuteten. 

Eine vom 7. August datierte Depesche, welche die ersten Nieder- 
lagen mitteilte, erwähnte aber die versprochenen Truppen schon 
gar nicht mehr; und in der That konnte man das Landungskorps 
von 40000 Mann jetzt nicht mehr der Feldarmee entziehen. Aber 
auch die Marine-Infanterie-Division, die dann zur Einschiffung be- 
stimmt wurde, war nicht mehr zu entbehren. 

Das Hauptkampfobjekt mulste, da eine feindliche Flotte in der 
Ostsee nicht vorhanden war, der Kriegshafen Kiel sein. Der Admiral 
schätzte aber seine Verteidigung und Sperrung so hoch ein, dafs er 
einen Angriff auf eigene Verantwortung nicht Übernehmen wollte. 
Er legte diese Frage daher einem Kriegsrat von höheren Offizieren 
vor, der sich für die Unterlassung des Angriffes entschied. So 
unterblieb jede offensive Thätigkeit, man beschränkte sich darauf, 
die Blokade möglichst durchzuführen. Zu diesem Zwecke wurde 
die deutsche Ostseekuste in zwei Abschnitte eingeteilt, von denen 
jeder von einer Anzahl von Schiffen bewacht wurde. Da von diesen 
aber stets ein Teil zur Ergänzung der Kohlen und Vorräte auf die 
Depotplätze in der Kjöge-Bucbt zurückkehren mulste, so konnte die 
Blokade nie vollständig durchgeführt werden, besonders als stürmi- 
sches Wetter eintrat. Ferner fehlten dem Admiral vor allen Dingen 
flacbgehende Kanonen- und Torpedoboote, welche die vielen Schlupf- 
winkel der Küste hätten absuchen können. Andererseits kann aber 
nicht geleugnet werden, dafs die französische Flotte die Möglichkeit 
hatte, offene Küstenstädte, wie Colberg und Danzig, zu bombardieren. 
Dals dies unterblieb, ist wohl hauptsächlich dem Umstand zuzu- 
schreiben, dals man Repressalien der deutschen Armeen in Frank- 
reich fürchtete. Die Ereignisse auf dem Landkriegsschauplatz übten 
Uberhaupt einen grofsen Einfluls auf die Operationen der Flotte aus. 
Dies zeigte sich hauptsächlich in den sich häufig widersprechenden 
Anordnungen der Regierung in Paris. So trafen z. B. nach der 
Schlacht von Sedan zur selben Zeit zwei völlig entgegengesetzte 
Befehle ein: Der eine verlangte die sofortige Rückkehr der Flotte 
nach Frankreich, während der einen Tag später erlassene ein 
energisches Auftreten in der Ostsee forderte. Der Admiral blieb 
daher zunächst, ohne aber Ernstliches zu unternehmen. Da man 
aber schliefslich einsah, dals hier Erfolge nicht zu erreichen seien, 
so wurde die französische Flotte am 26. September aus der Ostsee 
abberufen, wo sich in der Folgezeit kein feindliches Schiff mehr 
zeigte. 

Die Ereignisse in der Nordsee gestalteten sich kurz folgender- 



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„Die See-Operation im Kriege 1870/71» etc. 



mafoen : Die Franzosen erkannten sehr bald, dals sie die norddeutschen 
Seestreitkräfte in der Flanke ihrer Verbindungen mit der Ostseeflotte 
nicht unbeobachtet lassen konnten. Sie rüsteten daher in den ersten 
Augusttagen eine Schlachtflotte von 14 Panzerschiffen unter dem 
Kommando des Admiral Fourichon aus, welcher am 12. August bei 
Helgoland vor Anker ging. Da sich aber die deutschen Schiffe 
wegen ihrer Unterlegenheit und wegen der oben geschilderten Be- 
schädigungen, dem Gegner nicht zur taktischen Entscheidung 
stellen konnten, so blieb den Franzosen nichts weiter 
als die Beobachtung und Absperrung der Nordseeküsten 
übrig. Da ferner Helgoland in englischem Besitz war, so konnte 
die Flotte hier sich keine Kohlendepots anlegen, sie war vielmehr 
gezwungen, zum Bunkern in die französischen Häfen zurückzulaufen. 
Man versuchte zwar, auf hoher See Kohlen überzunehmen, doch 
gelang dies, wegen der fehlenden Übung, nur bei ganz ruhigem 
Wetter. Als dann die Herbststürme sehr frühzeitig mit grolser Ge- 
walt einsetzten, war das Geschwader bald ohne Kohlen, so dals es 
am 12. September nach Cherbourg zurückkehren mulste. In der 
Folgezeit lösten sich dann zwei kleinere Geschwader in der Blokade 
der Nordsee ab. Ende Dezember blieben auch diese aus. so dals 
hiermit der Schluls der französischen Seeoperationen eintrat. Auf 
die kleinen taktischen Zusammenstöfse einzelner Schiffe einzugehen, 
bei welcher die junge deutsche Marine ihre ersten Lorbeeren erntete, 
liegt aufserfaalb des Rahmens dieses Aufsatzes. 

Betrachten wir nun den Plan der Franzosen, so mufs man zu- 
geben, dals eine Landung stärkerer Truppenabteilungen einen ge- 
wissen Einflufs gehabt hätte. Sie hätte beträchtliche Streitkräfte 
dem eigentlichen Kriegsschauplatz entzogen und sicher einen grofsen 
moralischen Eindruck ausgeübt. Die Frage war nur, wo und wann 
sie ausgeführt werden sollte. Wenn den Franzosen auch das Meer 
offen stand, so war der Weg von den nordfranzösischen Häfen zur 
Ostsee doch zu weit, der gegebene Angriffspunkt war daher die 
NordseekUste mit ihren Flufsmündungen, an denen die reichen 
Handelsstädte zur Eroberung aufforderten. Wollten die Franzosen 
aber nicht ihre Schiffe gegen die deutschen Küstenbefestigungen 
aufs Spiel setzen, so bot sich ihnen für eine Landung ein weit 
gröfserer Vorteil durch ein Zusammengehen mit Dänemark, wie es 
auch in der ersten Absicht der französischen Marineleitung gelegen 
hatte. Um hierauf aber einen Plan gründen zu können, mufste das 
Bündnis abgeschlossen, oder zum mindesten zum Abschlufs vor- 
bereitet sein. 

Über den Beginn der Feindseligkeiten zur See kann wohl kein 



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„Die See-Operation im Kriege 1870/71" etc. 



123 



Zweifel sein. Die Schiffe mußten in den ersten Tagen des Krieges 
Tor den deutschen Nordseeküsten erscheinen; so günstig wie sie, 
die keinen Feind auf hoher See zu bekämpfen hatten, wird es wohl 
nie wieder die Flotte einer Grofsmacht haben. Sonst wäre die 
feindliche Flotte selbstverständlich zunächst das Hauptkampfobjekt 
gewesen. Nur im Anfang des Krieges, solange die Abwehrmals- 
regeln der Deutschen noch nicht vollendet waren — und dies war 
thatsächlicb erst ziemlich spät der Fall — hätten Landungen Aus- 
sicht auf Erfolg gehabt. Wie wollte mau aber bei dem geschilderten 
Zustand der französischen Flotte überhaupt etwas erreichen? Es 
soll hier nicht untersucht werden, woher die Unordnung in der 
Marineverwaltung stammte — sie war jedenfalls derjenigen beim 
Landheer ebenbürtig — , die Persönlichkeiten aber, die hierfür ver- 
antwortlich waren, hätten mit allen Kräften für die Abstellung dieser 
Schäden sorgen müssen, und sie hätten es vermocht, weil sie sie 
kannten, und weil der Ausbruch des Krieges in Frankreich nicht 
unerwartet kam. Über das Auftaueben neuer Operationspläne, das 
Erörtern derselben, die langen Verhandlungen über die Besetzung 
des Ober-K ommando8 braucht man wohl kein Wort zu verlieren, 
sie tragen ihr Urteil selbst in sich. Der Souverain ist im Kriegs- 
falle der Höchstkommandierende der Streitkräfte zu Lande und zu 
Wasser. Bei uns ist letzteres durch die im vorigen Jahre erfolgte 
Abschaffung des Oberkommandos der Marine schon im Frieden zum 
Ausdruck gebracht. Im Kriege wird sich der Chef des Admiral- 
Stabes wohl im grolsen Hauptquartier befinden, durch ihn gehen die 
Direktiven der obersten Leitung an die Führer der einzelnen See- 
streitkräfte. Wahrscheinlich ist es, dals die gesamten Schiffe unserer 
Schlachtflotte einem Führer unterstellt werden, der schon im Frieden 
hierzu bestimmt ist und der des Öfteren Gelegenheit gehabt hat, 
sich in der Leitung gröberer Massen zu üben. Denn gerade bei 
der Marine kommt es darauf an, dals einerseits der Fuhrer das ihm 
unterstellte Schiffsmaterial genau kennt und dals andererseits Führer 
und Untergebene sich gegenseitig so eingespielt haben, dals Müs- 
Verständnisse ausgeschlossen sind, die bei den kurzen Momenten 
des modernen Seekampfes die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen 
könnten. 

Was nun die weiteren Operationen der französischen Flotte 
betrifft, so konnten sie bei der Unzulänglichkeit der Mittel kaum 
Erfolg haben. 

Trotzdem mufs man es in diesem Falle als richtig bezeichnen, 
dafs der Admiral Bouet auslief, ohne die Zahl der für ihn bestimmten 
Schiffe vollständig zur Stelle zu haben. Er wollte wenigstens in 



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124 See-Operation im Kriege 1870/71" eto. 

etwas die versäumte Zeit einholen, er konnte dies auch wagen, da 
er auf hoher See keinen ernstlichen Feind zu furchten hatte. Den 
Vorwurf kann man ihm aber nicht ersparen, dals er Uber den Ver- 
bleib der deutschen Panzerschiffe so wenig unterrichtet war. Gerade 
das Nachrichtenwesen wird in einem zukünftigen Seekriege eine 
grofse Rolle spielen, da die Kenntnis von der Stärke und dem Auf- 
enthalt des Gegners einen bedeutenden Einflufs auf die Ent- 
schliefsuogen des Führers ausüben muls. 

Im Landkriege wird man häufig gezwungen sein, auch ohne 
genauere Meldungen über den Feind Entschlüsse zu fassen, im See- 
kriege wird das Fehlen von Nachrichten u. U. die ganzen Ope- 
rationen lahm legen können. Gute Meldungen können dagegen selbst 
den Schwächeren in Situationen bringen, deren Ausnutzung ihm den 
Erfolg sichert Sonst wird der an Zahl und Material bedeutend Unter- 
legene wohl meistens den Kürzeren ziehen müssen, während die» 
im Landkriege nicht ohne weiteres der Fall zu sein braucht. 

Die Franzosen hätten ferner, trotz der geringen Stärke des 
Gegners sich beeilen müssen, ihrem Admiral die fehlenden Schiffe 
nachzuschicken. War seine Flotte zur Blokade der Ostsee bestimmt, 
so mufste die Nordsee zur selben Zeit abgesperrt werden, um der 
Transportflotte freie Bahn zu schaffen. Diese selbst mutete aber 
zum Auslaufen bereit liegen, oder besser noch mit kurzem Abstände 
folgen. Eine moderne Flotte bedarf, noch mehr denn früher, eines 
grolsen Trosses an Kohlen-, Munitions-, Verpflegungs-, Lazarett- 
und Werkzeugschiffen, vergleichbar den Trains und Kolonnen der 
Landarmee. Ihr Schutz wird auf dem überall zugänglichen Meere 
häufig grolse Schwierigkeiten verursachen, jedenfalls muls er mehr 
oder minder starke Kräfte absorbieren, während dies bei den 
Operationen der Landarmee in der Regel nicht der Fall sein wird. 
Ist außerdem noch eine Landung beabsichtigt, die, wenn sie Uberhaupt 
Erfolg haben soll, im grolsen Stil ausgeführt werden muls, so bedarf 
man hierzu einer stattlichen Flotte von HandelBdampfern, da deren 
Fassungsvermögen immerhin ein beschränktes ist. So kann unser 
gröfster Lloyddampfer „Kaiser Wilhelm der Grofse" nur etwa 
2200 Mann, also 2 Bataillone, die Durchschnittsdampfer nur 
1200—1300 Mann fassen. Handelt es sich dagegen nur um eine kürzere 
Überfahrt, bei welcher die Truppen gleichsam biwakieren können, so 
steigt die Zahl der Aufzunehmenden natürlich um ein Bedeutendes. 

Eine immerhin grolsartige Leistung zeigt der jetzige Transport 
der englischen Truppen nach Südafrika. 

Und trotzdem sehen wir, selbst bei der gröfsten Seemacht der 
Welt, bedeutende Schwierigkeiten entstehen, um die notwendigen 



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„Die See-Operation im Kriege 1870/7 1" etc. 



125-. 



Transportschiffe zusammen zu bekommen. Mögen die Handelsschiffe 
in den Mobilmachungsvorarbeiten des Admiralstabes noch so sorg- 
fältig für ihre einzelnen Verwendungen bestimmt sein, in Wirklichkeit 
wird man häufig mit der unangeuehraen Tbatsache rechnen müssen, 
dafs dieselben, aufserhalb der heimischen Gewässer befindlich, sich 
nicht der Kriegsbebörde zur Verfügung stellen können. 

Wenden wir uns jetzt zu der Besprechung der französischen 
Operationen zurück, so mufs man die Verquickung einer diplomati- 
schen Mission mit den Kriegshandlungen als fehlerhaft bezeichnen. 
Der Seemann kommt ja, im Gegensatz zum Landoffizier, öfter in die 
Lage, sich diplomatisch bethätigen zu müssen, im Kriege mit einer 
Groismacht darf diese Aufgabe ihm aber nicht zugemutet werden. 
Hier erhält er seinen Operationsplan, nach welchem er sinngemäls 
aber selbständig zu handeln hat. Er kann auch gar nicht in steter 
Verbindung mit der obersten Leitung bleiben, und, würde er Befehle 
abwarten, so würde dies nur lähmend auf seine Thätigkeit ein- 
wirken. So war es denn auch mit dem Admiral Bouet. Die 
Folgen seines Zauderns waren die schwerwiegendsten; in diesem 
Falle lagen sie nicht auf militärischem Gebiet, denn die 4 Tage des 
Wartens bei Skagen hatten dem zur See ohnmächtigen Deutschland 
gegenüber wenig zu sagen, sondern auf diplomatischem: Der Anschluß 
Dänemarks war endgültig verpafst. Die Gründe der Unthätigkeit 
des Admirals Bouet sind 6chon auseinandergesetzt, die Verant- 
wortung für seine Handlungen mufste er aber selbst tragen, er 
durfte sich nicht hinter den Beschlufs eines Kriegsrates verschanzen. 
Dafs der Admiral ferner die Blokade der ausgedehnten Ostseeküsten 
mit seinen wenigen Schiffen nicht durchführen konnte, war von 
vornherein einzusehen, besonders da ihm schnelle Kreuzer fehlten. 
Diese sind das eigentliche Instrument der Blokade, denn wohl in 
den seltensten Fällen wird ein Staat soviel Schiffe besitzen, um die 
feindlichen Küsten hermetisch abschliefsen zu können. Vorausgesetzt 
ist hierbei natürlich, dafs die feindliche Kriegsflotte entweder ver- 
nichtet ist oder durch weit überlegene Kräfte in Schach gehalten wird. 

Als ebenso unrichtig wie die Wahl der Ostsee zu den Haupt- 
operationen, mufs man die späte Entsendung der französischen Nord- 
seeflotte bezeichnen. Das starke Mittelmeergeschwader durfte nicht 
so lange unthätig in Brest liegen, zur Beobachtung Spaniens hätten 
einige Schiffe genügt. Auf See gilt der Grundsatz, dafs man am 
Punkte der Hauptentscheidung nicht stark genug sein kann, wohl 
noch mehr, als im Landkriege, da mit der Entscheidungsschlacht 
auch die Entscheidung Uber die Seeberrscbaft während des ganzen 
Krieges fällt. 



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126 



„Die See-Operation im Kriege 1870/71" etc. 



DafB auch in der Nordsee die Operationen so wenig positive 
Erfolge hatten, lag an den schwierigen Strom- und Gezeitenverhält- 
nissen, der Unkenntnis des Fahrwassers, dem völligen Mangel an 
Seekarten nnd Lootsen. and schliefslich an dem Fehlen eines Land- 
stützpunktes. Ebenso wie in der Ostsee behinderte auch hier Kohlen- 
mangel die Schiffe in ihrer Bewegungsfäbigkeit. Dieser Punkt hat 
in jetziger Zeit nur noch an Bedeutung gewonnen, er wirkt in 
gewisser Weise bestimmend auf die Konstruktion der modernen 
Schiffe, da ebenso wie beim Landheer, sich die Marschleistung und 
Geschwindigkeit nach dem langsamsten Gliede der ganzen Abteilung 
richten mufs. 

Schwierigkeiten, hervorgerufen durch das geringe Kohlen- 
fassungsvermögen der Kriegsschiffe, haben sich schon des Öfteren 
während der Friedensraanöver gezeigt, wieviel mehr werden sie 
dann erst im Kriege eintreten. Dann wird eine zu grofsen Ope- 
rationen auslaufende Flotte sich der Begleitung zahlreicher Kohlen- 
dampfer nicht entraten können. Aber auch diese müssen ihre 
Vorräte ergänzen können und zwar in eigenen Koblendepots. Einer 
der neuesten Marineschriftsteller, der amerikanische Kapitän Mahan 
bezeichnet die Erwerbung solcher Punkte bereits im Frieden als 
-eine Hauptaufgabe der Seestrategie. 

Das Vorgehen Englands in dieser Beziehung kann man nur 
als mustergültig bezeichnen. 

Bei der Beurteilung der deutschen Mafsregeln des Feldzuges 
1870 kann ich mich kurz fassen. Die geringe Zahl der brauch- 
baren Schiffe verwies uns auf die Defensive. Und trotzdem wurde 
ein Vorstols der 3 Panzerfregatten ins Auge gefafst, vergleichbar 
einem Ausfall aus einer belagerten Festung. 

Dals aber eine rein defensive Verteidigung der Küsten diese 
nicht vor einer Invasion schützen kann, liegt auf der Hand, denn 
man kann nicht alle Punkte befestigen oder mit Sperren versehen. 
Diese selbst sind aber nur dann von gewissem Wert, wenn sie den 
«Gegner im Bereiche schnellfeuernder schwerer Artillerie aufzuhalten 
vermögen. Als unüberwindliches Hindernis haben Sperren sich ent- 
schlossenen Seeoffizieren gegenüber noch nie erwiesen. Auch 1870 
hätten die Franzosen bei etwas gröberer Energie sicher den Kieler 
Hafen forzieren können, denn es waren in den Befestigungen nur 
2wei weittragende Geschütze vorhanden und die damaligen Minen 
bildeten kein grofses Hindernis. Als sie nach Beendigung des 
Krieges zur Explosion gebracht werden sollten, versagten sie sämt- 
lich. Wenn auch in dieser Beziehung seitdem grofse Fortschritte 



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„Die See-Operation im Kriege 1870/7 !<• etc. 



127 



gemacht sind, so ist das Vertrauen der Seeoffiziere auf derartige 
Kriegsmittel im Laufe der Zeit nicht gewachsen. 

Betrachten wir jetzt das Resultat der Thätigkeit der franzö- 
sischen Flotte im Kriege 1870, so sind ihre direkten Erfolge, wie 
erwähnt, gering, unschätzbar aber sind die Vorteile, die Frankreich 
indirekt aus seiner Seeherrschaft zog. Zunächst brauchten für die 
Küstenverteidigung kaum Truppen zurückgelassen werden, die 
Marine-Arsenale und Werkstätten konnten nach Eintritt der Kata- 
strophen auf dem Landkriegsschauplatz dem Landheer ihre Hilfs- 
kräfte zuführen. Weit gröfser aber war der Nutzen, den die 
Franzosen durch Einflute englischer und amerikanischer Waffen und 
Kriegsmaterialien hatten; ohne diese hätten die zahlreichen Neu- 
fonnationen gar nicht ausgerüstet werden können. Wäre dagegen 
der Krieg für uns ungünstig verlaufen, so hätten wir nach Verlust 
unseres Kriegsmaterials dieses kaum ersetzen können, da uns der 
Zugang zur See verschlossen war, wenn man auch annehmen kann, 
dafs unsere angelsächsischen Vettern wenigstens versucht hätten, 
auch mit uns Geschäfte zu machen. 

Aber auch in Bezug auf die Ernährung waren wir auf die 
Einfuhr angewiesen und sind es, bei der grolsen Zunahme der Be- 
völkerung, auch jetzt noch. Beim Kriege nach zwei Fronten ist 
dann der einzigste Zufahrtsweg die durch eine starke Schlachtflotte 
offen gehaltene See. 

Ferner wurden durch die ßlokade unsere Handelsinteressen 
auf das Empfindlichste geschädigt. Französische Quellen geben unsern 
täglichen Verlust auf 5 Millionen Francs an. Aber nicht allein für 
den Augenblick wurde der Handel lahm gelegt, sondern er wurde 
auch dadurch benachteiligt, dafs andere Staaten die von uns be- 
herrschten Absatzgebiete ohne Mühe für sich gewannen. 

Erwähnen möchte ich noch, dals die französischen Kolonien in 
stetem Verkehr mit dem Mutterlande bleiben konnten. 

Fragen wir uns nun, welche Lehren sich aus den See-Operationen 
für uns ergeben, so springt zunächst die unbedingte Notwendigkeit 
des Zusammenwirkens unseres Heeres mit einer starken Flotte ins 
Auge. Eine minderwertige Flotte hat so gut wie keine Bedeutung, 
das bat gerade der Krieg 1870 gezeigt. Der Grundsatz, dafs der 
Angriff die beste Verteidigung ist, gilt auf See erst recht. Eine 
taktische Verteidigung giebt es bei einem Kampf der Schiffe gegen 
einander nicht, da jedes nur im Angriff seine Waffen ausnutzen 
kann; wohl aber eine strategische Defensive, die das Herankommen 
des Feindes abwartet, und sich von ihm das Gesetz des Handelns 
vorschreiben lälst. 



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128 



„Die See-Operation im Kriege 1870/71" etc. 



Dafs der numerisch Stärkere auch am unabhängigsten ist, liegt 
auf der Hand, die Überlegenheit giebt ihm zweifellos stets eine 
gewisse Energie des Handelns. Bei den heutigen Schiffen, die durch 
die Dampfkraft unabhängig von Wind und Wetter sind, wird der 
Führer sofort seinen Entschluls in die That umsetzen können und 
in weit kürzerer Zeit als auf dem Lande das Resultat seiner Ent- 
scbliefsungen vor Augen haben. 

Der Krieg 1870 hat uns ferner noch gezeigt, dafe die Schlacht- 
flotte selbst eine gleichgeartete Reserve haben mufs, um vorhandene 
Lücken sofort auszufüllen. 1870 kehrten, wie schon erwähnt, zwei 
unserer Panzerfregatten mit Maschinenschäden zurück, die ihre Ver- 
wendungsfähigkeit bedeutend beeinträchtigten. 

Die Havarie, welche unser Linienschiff „Wörth" im Anfang dieses 
Jahres erlitt, schwächte unser erstes Geschwader um eine Gefechtseinheit, 
für die augenblicklich kein Ersatz vorhanden wäre. Wie leicht mehr 
oder minder starke Beschädigungen bei den modernen Kriegsschiffen 
mit ihren vielen, zum Teil sehr komplizierten Maschinen vorkommen 
können, wird jeder verstehen, der einmal einen solchen Kolofs bei 
forzierter Fahrt hat die Meere durchfurchen sehen. 

Da bei ausgesprochener Mobilmachung alles auf Schnelligkeit 
ankommt, so mufs ein Teil der Schlachtflotte zum sofortigen Aus- 
laufen bereit sein, also stets sich im Dienst befinden. Überflügeln 
wir unsern Gegner in der Mobilmachung" so können wir, bei un- 
gefähr gleichen Kräften den Feind in seinen Gewässern aufsuchen 
und ihm dort die Schlacht anbieten. Wenn dies auch nicht den 
reellen Wert hat, wie das Hereintragen des Krieges in das feindliche 
Land, so ist der moralische Eindruck doch sicher ein grofser; die 
Konsequenzen eines Sieges können dann sofort durch den Angriff 
und die Absperrung der feindlichen Küsten gezogen werden. Der 
auf diese Weise erreichte Erfolg ist ein doppelter: denn einmal ist 
hierdurch die Blokade der feindlichen Küsten eingeleitet, und anderer- 
seits diejenige unserer Häfen verhindert. Dafs wir aber jetzt noch auf 
die Zufuhr zur See angewiesen sind, wenn wir unsere Heere in 
Kriegszeiten ernähren wolleu, ist schon erwähnt. Dafs ferner unser 
Nationalwohlstand am frühesten und am empfindlichsten auf der See 
geschädigt werden kann, ist klar. Unser Seehandel ist von 1870 
von etwas über einer Milliarde Mark auf fast 8 Milliarden gestiegen, 
unsere Handelsflotte stellt allein ein Kapital von Uber '/» Milliarde Mark 
dar. Diese Zahlen reden eine so deutliche Sprache, dafs es als 
unbedingt notwendig erscheint, unsere Kriegsflotte in ein richtiges 
Verhältnis mit der Zahl der zu schützenden Handelsschiffe zu bringen. 

Ein demnächstiger Krieg zwischen Grofsmächten wird zweifellos 



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„Die See-Operation im Kriege 1870/71" eto. 



129 



in seinen Folgen auch in handelspolitischer Beziehung die grölsten 
Umwälzungen hervorbringen, zeigen doch die neuesten Ereignisse, 
dals Handelsvorteile sogar bestimmend auf den Ausbruch eiues 
Krieges sein können. Der Schade, den wir auf materiellem Gebiet 
bei einer Niederlage erleiden würden, durfte den Aufschwung, den 
Deutschland seit Gründung des Reiches genommen hat, vollständig 
illusorisch machen. Und dafs unsere Freunde und Nachbarn im 
Innersten ihres Herzens diesen Wunsch hegen, darüber braucht man 
sich wohl keinem Zweifel hinzugeben. 

Ferner bedürfen wir jetzt zum Schutz unserer Kolonien einer 
Flotte, das ist ein wesentlicher Unterschied gegen 1870. Damals 
besalsen wir keine Kolonien, jetzt führt uns das Bedürfnis nach 
Ausbreitung, das „grölsere Deutschland" aufs Weltmeer hinaus. Da- 
mals standen wir in der Gründungsperiode unseres Reiches, jetzt 
verlangt das mächtig aufstrebende Deutschland seinen Platz auch 
an den fernsten Küsten, und will es dort sich Ellenbogenfreiheit 
verschaffen, so kann es dies nur durch eine starke Flotte erreichen. 
Gegen wen wir einmal „Klar Schiff 1 ' zu machen gezwungen sein 
werden, das entzieht sich natürlich jeder Berechnung, gerüstet müssen 
wir gegen alle sein. 

Seit dem Kriege 1870 hat sich ferner unsere Lage wesentlich 
durch den Erwerb von Helgoland verbessert. Wenn diese Insel 
auch keineswegs die Elbe und Wesermündung beherrscht, so ver- 
hindert sie doch einen Feind, sich in unmittelbarer Nähe der Küste 
festzusetzen. Sie ist mit starken Befestigungen versehen, deren weit- 
tragende Geschütze einer feindlichen Flotte den Aufenthalt in i Ii rein 
Bereiche verwehren. Durch die hohe Lage der Batterien auf dem 
Oberland ist es den feindlichen Schiffen sehr erschwert, sie zu be- 
schielsen, da den Geschützen an Bord selten die nötige Elevation 
gegeben werden kann. 

Für die deutsche Flotte ist die Insel aber als Kohlenstation und vor 
allen Dingen als Signalposten von dem gröfeten Wert; aulserdem 
bietet sie Torpedobooten Unterschlupf und kann, für kürzere Zeit, 
auch der Schlachtflotte als Ankerplatz dienen. Seit Eröffnung des 
Kaiser-Wilhelms-Kanals hat die Insel für uns nur an Bedeutung 
gewonnen. Dieses grolsartige Bauwerk bat zweifellos seinen hohen 
militärischen Wert, denn es stellt eine, von andern Mächten unab- 
hängige Verbindung unserer beiden Meere dar, wir befinden uns 
dadurch gewissermafsen auf der innern Linie; eine Verdoppelung 
unserer Flotte, wie viele glauben, bewirkt es aber keineswegs. 
Niemand anders als der Feldmarschall Moltke zählte zu seinen 
energischsten Gegnern. Er wollte lieber die zum Bau nötige Summe 



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130 



„Die See-Operation im Kriege 1870/71" etc. 



zunächst flir die Verstärkung unserer Schlachtflotte verwandt sehen. 
Wären wir damals seinen Ratschlägen gefolgt, so ständen wir jetzt 
mächtiger zur See da. Ein Hauptgrund seiner Gegnerschaft war 
auch der, dals man zum Schutze des Kanals unbedingt starke Ab- 
teilungen zurücklassen müsse, die auf den Hauptkriegssebauplätzen 
fehlen würden. Fürst Bismarck entkräftete schliefslich diesen Ein- 
wand damit, dals Hamburg in jedem Falle gegen feindliche Unter- 
nehmungen zu Lande geschützt werden müsse. 

Wenn auch, wie gesagt, das Hauptbestreben der leitenden 
Marinekreise ist, die Verteidigung der Küsten durch eine starke 
Angriffsflotte zu bewirken, so darf die rein defensive Küstenverteidi- 
gung doch nicht ganz vernachlässigt werden. 

Zum Schutz der wichtigsten Punkte mufsten daher starke Befesti- 
gungen in Eisen und Beton mit schweren Geschützen angelegt 
werden, um den Feind weit abzuhalten, denn das seichte Fahrwasser 
in unmittelbarer Nähe unserer Küsten sichert diese nicht mehr vor 
Beschiefsung, seitdem Entfernungen bis zu 30 km von den neuesten 
Geschützen erreicht werden. 

Ferner sind die Eisenbahnverbindungen längs der Küste, so- 
wie radial ins Innere ausgebaut, Telegraphen- und Telephonleitungen 
verbinden die wichtigsten Punkte mit einander, Signal-, Brieftauben- 
und Ballonstationen sind an der ganzen Küste verteilt Die Häfen 
sind zur eventuellen Sperrung eingerichtet, Minendepots angelegt, 
die Seezeichen zum Abfahren vorbereitet. Ersetzt werden letztere 
durch Schiffe, welche stets unter Dampf sich befinden, um bei An- 
näherung des Feindes sofort den Platz verlassen zu können. 

So sehen wir, dafs in richtiger Erkenntnis der Bedeutung der 
Marine alles gethan ist, um ihr im Ernstfall die ihr gebührende 
Rolle bei der Landesverteidigung zuzuweisen. Die Ansichten über 
ihren Wert haben sich zum Glück seit den letzten 50 Jahren von 
Grund aus geändert, sowohl im Inlande als bei den fremden Mächten. 
Damals durfte der englische Premierminister Lord Palmerston noch 
sagen, dafs er die Flagge des deutschen Bundes als Piratenflagge 
betrachten werde, jetzt weht sie geachtet auf allen Weltmeeren. 

Was die Marine jetzt ist, das ist sie einzig und allein durch 
die Initiative Sr. Majestät des Kaisers geworden, der uns mit weit- 
ausschauendem Blick den Weg aufs Weltmeer gewiesen hat. Es 
steht zu hoffen, dafs der Weiterausbau der Marine stetig fortschreitet,, 
damit ihre Gröfse gleichen Schritt hält mit dem Anwachsen der 
Interessen, die sie im Krieg und Frieden zu schützen hat. 



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Der moderne FestunKsangriff etc. 



131 



IX. 

Der moderne Festungsangriff und der Angriffs-Entwurf 
der preufsischen Kommission von 1870. 

Von 

Oberstleutnant a. D. Frobenins. 



In der zweiten Auflage (1892) seiner „ Geschichte des Festungs- 
krieges* 4 erwähnt Generalleutnant v. Muller (S. 315) den Angriffs- 
entwurf, welchen eine aas preufsischen Artillerie- und Ingenieur- 
Offizieren zusammengesetzte Kommission kurz vor dem Ausbruch des 
deutsch-französischen Krieges 1870 bearbeitete und fugt in aner- 
kennender Weise hinzu: „Der mit grofser Gründlichkeit und Schärfe 
durchgeführte Angriff stellte die Gesichtspunkte und Grundzuge für 
den in Zukunft vorzunehmenden Festungsangriff mit bemerkenswerter 
Voraussicht der kommenden Entwickelung fest.* Bei dieser dem 
Entwurf zuerkannten hervorragenden Bedeutung vermilst der Leser 
in Müllers ausführlichem Buche mit Bedauern einige weitere An- 
deutungen Uber die in jenem vorgeschlagenen Maisnahmen, aus 
denen man die Neuerungen und Fortschritte entnehmen und durch 
Vergleich mit der späteren thatsächlichen Entwickelung des Festungs- 
krieges und der Ideen Uber seine Fuhrung in ihrer Bedeutung 
würdigen könnte. Auch bat es der General nicht für angezeigt 
gehalten, bei der Darstellung dieser weiteren Entwickelung etwa 
diejenigen Punkte durch kurze Bemerkungen hervorzuheben, welche 
den Vorschlägen der Kommission von 1870 entsprechen mögen und 
das Urteil der „bemerkenswerten Voraussicht" begründen können. 
Dieses Urteil schwebt also völlig in der Luft, und der als so be- 
sonders wichtig erkannte Kommissions-Entwurf bleibt in undurch- 
dringliches Dunkel gehüllt, er wird nie wieder erwähnt. 

Jedoch giebt Generalleutnant v. Müller noch eine Andeutung, 
dals der Entwurf bei all seiner Wichtigkeit doch praktisch ohne 
allen Wert geblieben sei, indem er unmittelbar hinter den oben 
angeführten Worten fortfährt: „Die Arbeit wurde leider erst un- 
mittelbar vor Ausbruch des Krieges 1870 beendet, so dafs sie den 
weiteren Kreisen der Festungs-Artillerie und der Ingenieure für die 
Belagerungen jenes Krieges keine Hilfe bieten konnte." Liest man 
nun weiter (S. 318) mit Bezug auf den Krieg von 1870/71: „Die 
Ansichten Uber die Fuhrung dieses Kampfes (im Festungskriege) 
konnten im allgemeinen nur veraltete sein. Auch beim Angriffe 
war das Handeln nach neuen zeitgemälsen Lehren kaum zu erwarten; 
auch hier mufste man sich in alten Formen bewegen, welchen durch 



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132 



Der moderne Festungsangrift ete. 



die Verhältnisse oder durch die Not diejenigen Änderungen aufge- 
zwungen wurden, welche die neuen Waffen verlangten", so wird die 
Ansicht nur gefestigt, dafs thatsächlich jener Kommissions-Entwurf 
ruhig im Aktenschrank geschlafen habe, dals seine mit bemerkens- 
werter Voraussicht aufgestellten Gesichtspunkte und Mafsnahmen 
nicht zur Geltung und Anwendung kamen, dafs der Angreifer also 
durchaus zu veralteten Formen griff, und dafs sich die Änderungen 
nur unter dem Druck der neuen Verhältnisse entwickelten, dals sie 
also auch da, wo sie sich etwa mit den Vorschlägen der Kommission 
deckten, nicht auf deren Rechnung zu stellen, sondern der Waffe zu 
gute zu rechnen seien, welche sie auf dem Rampifelde aus den 
Verhältnissen heraus geschaffen hatte. 

Damit wäre ja allerdings der so bedeutungsvolle Angriffs- 
entwurf als praktisch ganz wertlos erkannt, und es war nicht not- 
wendig, bei der Besprechung der thatsächlich aus der Praxis heraus 
entwickelten Neuerungen ihn zu erwähnen, da ja die Ubereinstimmung 
mit seinen Vorschlägen nicht sein Verdienst, sondern ein Zufall war; 
und mit der Anerkennung der „Voraussicht" des thatsächlich später 
eingeschlagenen Weges war ihm hinreichende Ehre angethan. 

Nun ist ja allerdings dem General unbedingt zuzustimmen in 
seinem Urteil, dafs die Ansichten über die Führung des Festungs- 
angriffs nicht nur bei der Armee und Armeeleitung, sondern auch 
im allgemeinen bei den sogenannten Spezial-Waffen, der Artillerie 
und den Ingenieur-Pionieren, durchaus veraltete waren, dafs im 
allgemeinen ein Handeln nach neuen, zeitgemälsen Lehren kaum zu 
erwarten war, und dals der allgemeine Standpunkt demnach ein 
Abweichen von den alten Formen nicht gestattete. Soweit sich 
Neuerungen im Laufe des Feldzuges aus den Erfahrungen heraus 
entwickelten, würden sie — einen Einfluß* des Kommissions-Entwurfs 
ganz ausgeschlossen — allerdings ein Verdienst der entsprechenden 
Waffe bilden, und da sich auf ihnen des weiteren die Ideen über 
den modernen Festuugsangriff entwickelten, so wäre nachgewiesen, 
dafs sie lediglich aus dem Schofse der entsprechenden Waffe hervor- 
gingen. Das ist aber die Festungsartillerie in erster Linie, denn 
auf dem Gebiete des Artillerie-Kampfes bewegte sich lange Zeit die 
Ausgestaltung des Festungskrieges, und erst in neuester Zeit ge- 
winnen wesentlich andere taktische Grundsätze wieder die Oberhand, 
als die lange Zeit im Festungskriege allein mafsgebenden des 
Artilleristen. 

Es bleibt hierbei nur ein dunkler Punkt. Die vom General- 
leutnant v. Müller gepriesenen neuen Ideen waren doch nicht lediglich 
in einem Aktenstück, sondern auch in den Köpfen mindestens der- 



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Der moderne FestungsangriiT etc. 



133 



jenigen Offiziere vorbanden, welche in der Kommission gesessen 
hatten. Waren denn diese während des Krieges zn Hanse gelassen, 
oder konnten sie an den Stellen ihrer Verwendung nichts thun, um 
den Ideen Geltung zu verschaffen? Es waren ihrer vier Mitglieder: 
Oberstleutnant Himpe nnd Hauptmann Reinsdorf von der Artillerie, 
Major Peters und Hauptmann Wagner vom Ingenieur-Korps. Aller- 
dings waren sie nicht alle in gleicher Weise mit dem ganzen 
Entwurf bekannt, denn die Kommission war aufgelöst worden, bevor 
er seinen Abschlufs erreichte, und dem Hauptmann Wagner war es 
vorbehalten geblieben, den hauptsächlichsten dritten Teil, „die 
Durchführung des förmlichen Angriffs" gegen eine Fortfestung, 
grösstenteils allein zu bearbeiten und — am 29. Juli 1870 — zu 
beendigen. Trotzdem waren doch die neuen Gesichtspunkte, auf 
denen sich dieser Teil aufbaute, notwendigerweise durch alle 4 Mit- 
glieder festgestellt worden und demnach allen bekannt. 

Wo befanden sich diese vier Offiziere während des Krieges? 

Oberstleutnant Himpe war als erster Adjutant zum Kommandeur 
der Belagerungs-Artillerie vor Strafsburg kommandiert und traf 
dort am 25. 8. ein; Hauptmann Reinsdorf war dritter Adjutant bei 
demselben Kommandeur und gelangte nach Mundolsheim am 1. Sep- 
tember ; Major Peters befand sich als erster Adjutant der General- 
inspektion des Ingenieur-Korps beim grofsen Hauptquartier, also 
seiner Zeit vor Paris; Hauptmann Wagner traf, zum ersten Adjutanten 
beim Ingenieur en Chef vor Strafsburg ernannt, am 18. August 
abends im Hauptquartier Mundolsheim ein und ward später ebenfalls 
zur Armee vor Paris herangezogen, während Hauptmann Reinsdorf 
später bei Schlettstadt und Neu-Breisach thätig war. 

Es waren demnach drei Offiziere der Kommission bei der ersten 
Belagerung des Krieges thätig und alle in Stellungen, welche es 
nahe legten und ermöglichten, die in dem Angriffsentwurf nieder- 
gelegten Ansichten zur Geltung und dessen Mafsnahmen wenigstens 
zum Teil zur Anwendung zu bringen. Sollte hierzu kein Versuch 
gemacht worden sein? 

Die beiden Artilleristen trafen allerdings — ursächlich der ver- 
späteten Kommandierung — erst beim Belagerungskorps ein, 
nachdem der Angriffsplan bereits entworfen und (am 22. August) 
vom Kommandierenden des Belagerungskorps, General von Werder, 
genehmigt worden war; sie konnten demnach am Entwurf sich nicht 
mehr beteiligen und neue Ideen in ihm niederlegen, aber sie konnten 
denjenigen, welche etwa bereits darin enthalten waren, ihre Dienste 
leihen, um sie zum Verständnis bei ihrer Waffe zu bringen und ihre 
Durchführung zu ermöglichen. Auf das eine Mitglied, das am 

Jährlicher fBr die deutsche Armee and Marine. Bd. litt 2. 10 



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134 Der moderne Festungsangriff eto. 

ehesten zur Stelle gewesen war, auf den Ingenieur Wagner, hatte 
sich die Aufgabe konzentriert, die neuen Ideen des Kommissions- 
Entwurfs auf den Angriffs-Entwurf gegen Stralsburg zu Ubertragen; 
und glücklicherweise war er dasjenige Mitglied, welches jenem 
Entwürfe sich bis zu seiner Fertigstellung hatte widmen müssen — 
oder widmen dürfen, und welches deshalb — auch abgesehen von 
dem hervorragenden Anteil, den Wagner an den Ideen selbst hatte 
— am genauesten damit bekannt und durch die schematische 
Durcharbeitung bis ins einzelne auch allein imstande war, innerhalb 
einer erschreckend kurzen Zeit, in der Nacht vom 20. zum 21. August 
den ganzen Angriffsentwarf gegen Stralsburg auszuarbeiten. Er war 
der einzige Offizier der Armee, der dies zu ermöglichen vermochte 
und, wie sich von selbst ergiebt, der einzige neben den anderen 
Kommissionsmitgliedern, welcher in diesem Falle für alle ein- 
schlägigen Fragen kompetent war. 1 ) 

Seine Hauptarbeit war damit gethan, während Oberstleutnant 
üimpes Tbätigkeit damit begann, bei seinen Waffengenossen das 
Verständnis für das einzuschlagende Angriffs verfahren zu wecken. 
Er arbeitete in der Folge durchaus mit Wagner Hand in Hand, und 
es war kein wichtiger Punkt, den er nicht auf Grund der bei den 
Kommissionsberatungen gewonnenen Übereinstimmung mit ihm 
überlegt und erörtert hätte. So waren diese beiden Offiziere 
gewissermaßen die Seele, das Agens des Angriffs, uqfl sie mufsten 
es sein als Träger der neuen Ideen. Von dem einen, seinem 
Waffengefährten Himpe, räumt dieses Generalleutnant von Müller 
auch ein, indem er von ihm („die Tbätigkeit der deutschen Festungs- 
artillerie etc. Band I. S. 112) rühmt: „Dieser Offizier wurde von 
jetzt an die Seele des Artillerieangriffs". 

Aus diesen geschichtlichen Notizen ergiebt sich das eine mit 
voller Bestimmtheit: „Wenn bei dem Angriff auf Strafsburg und den 
folgenden, mit den hier gemachten Erfahrungen rechnenden Belagerungen 
Abweichungen von den alten Formen stattfanden, wenn sich hier 
neue Ideen bezüglich Verwendung der Angriffsmittel und der 
Angriffskräfte dokumentierten, so ist dieses in erster Linie den 
beteiligten Offizieren der Kommission zum Verdienste zu rechnen, 
und wenn sich herausstellt, dafs diese neuen Ideen denen des 
Kommissions-Entwuries entsprechen, so wird nicht zu verkennen 
sein, dafs die im Jahre 1870 bei den Belagerungen hervorgetretenen 

( ) Man ersieht hieraus, wie unrichtig die Bemerkung ist, welohe General- 
leutnant v. Müller in seinem Buche „Thätigk. d. D. Fest.-A." 1. S. 40 macht: 
„Für die Bearbeitung der artilleristischen Verhältnisse fehlte anfangs dabei (bei 
Aufstellung des Angriffs-Entwurfs) ein kompetenter Artillerieoffizier. 4 ' 



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Der moderne Festun^sangriff etc. 



135 



neuen Ideen nicht durch die Verhältnisse und durch die Not hervor- 
gebracht worden, nicht ein Verdienst der Truppe sind, sondern ein 
Beweis für die Richtigkeit der von der Kommission in ihrem Entwurf 
niedergelegten und bei Stralsburg in die Wirklichkeit übertragenen 
Ideen. Das volle Verdienst für die weitere Entwickelung gebührt 
dann lediglich den Mitgliedern dieser Kommission, und es ist nichts 
als ein Tribut an die geschichtliche Wahrheit, wenn wir gegenüber 
der bisherigen Verdunkelung dieser Thatsache diesen Kommissions- 
Entwurf der Vergessenheit entreifsen und ihn darauf hin betrachten, 
welche Keime für die neueste Entwickelung der Ideen über den 
Festungskrieg in ihm enthalten sind. 

L 

In wie weit sind die neuen Ideen des Kommissions- 
Entwurfs bei dem Angriffsverfahren von 1870 

wiederzufinden ? 

Es würde natürlich zu weit fuhren und auch des allgemeinen 
Interesses entbehren, wenn ich den Entwurf der Kommission — auch 
nur auszugsweise — hier mitteilen wollte. Es kann sich nur darum 
handeln, die in ihm niedergelegten Ideen zu kennzeichnen und zwar 
kommen hier namentlich taktische, nicht technische Ideen zur Sprache. 

Was der Kommissions-Entwurf 1 ) Uber Berenuung und Ein- 
schlielsung der Festung sagt, mufs später erörtert werden; tHr 
Stralsburg kam es nicht mehr zur Geltung, weil ja Wagner erst 
am 18. August vor der Festung anlangte, während die badische 
Division bereits am 11. August eine sogenannte Einschließung voll- 
zogen hatte. 

Seinen Stralsburger Angriffs- Entwurf hat Wagner als Beilage 26 
seiner „Geschichte der Belagerung von Strafsburg im Jahre 1870 u 
vollständig beigefügt, während von Müller in dem oben erwähnten 
Werke Band 1, S. 49 —51 ihn — leider nicht ohne wesentliche Irrtümer 
— auszugsweise mitteilt. Wagner hat wahrscheinlich den Kommis- 
sions-Entwurf nicht nur im Kopfe, sondern auch in seinem kurz vorher 
abgeschlossenen Exemplar zur Hand gehabt, denn es stimmen viele 
Stellen beider Entwürfe, wenngleich der Angriffs- Entwurf nur das 
Nötigste wiedergiebt, beinahe wörtlich Uberein. Inhaltlich ist 
absolut kein Unterschied, sondern die Maisnahmen des Angriffs- 
Entwurfes entsprechen durchaus denen des Kommissions-Entwurfes. 

») Um beide Entwürfe klar auseinander zu halten, bezeichne ich den 
Angrifls-Entwurf der Kommission stets mit „Kommissions-Entwurf", dagegen 
den Wagnerschen Entwurf für den Angrifl auf Strafcburg mit „AngnnV 
Entwurf.- ^ 



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136 Der moderne Festungsangriff etc. 

Um die Neuerungen beider Entwürfe zu würdigen, muls man 
sich den Standpunkt vergegenwärtigen, welchen der Festungsangriff 
zu jener Zeit einnahm. Gegen Sebastopol waren die Verbündeten 
1854/55 vollständig in der Vaubanschen Weise vorgegangen, hatten 
den Angriff am 9. 10. mit der Herstellung einer ersten Parallele 
auf 840 bis 1250 m von den Werken begonnen und unter deren 
Schutz Batterien gebaut, welche am 17. 10. ihr Feuer eröffneten, 
aber unter der Macht der Festungsgeschütze bald verstummen 
mufsten. Es begann dann eine monatelange mühsame Sappenarbeit, 
um im Vaubanschen Geiste die Geschützstellungen näher an die 
Festung heranzubringen, bekämpft durch die Kontreapprochen des 
Verteidigers, welcher mit dem Spaten offensiv dem Angreifer ent- 
gegenging. Erst am 8. April 1855 konnten die neuen Batterie- 
Stellungen eröffnet werden, aber die artilleristische tibermacht der 
Russen und das unermüdliche Vordringen ihrer Arbeiten Uber und 
unter der Erde machten alle Berechnungen des Angreifers zu 
Schanden. Mit diesem gigantischen Festuugskrieg erlitt der 
Vaubauscbe Angriff den Todesstofs, aber man zog nur die Lehre 
daraus, dals mau von Anbeginn mit einer überwältigenden Artillerie- 
masse auftreten müsse. Man räumte der Artillerie die gröfsere 
Bedeutung gegenüber dem Sappeur ein, aber wufste aus dem mit 
dessen Deckungen geführten Kampf der Infanterie keine Lehre 
abzuleiten. Daher sehen wir 1864 bei Düppel den Angriff noch 
vollständig in den Händen der beiden Spezialwaffeu, nur dals der 
Artillerist sich von dem Sappeur strenger geschieden hat. Die 
örtlichen Verhältnisse gestatteten die Anlage von 4 Batterien bei 
Gammelmark, wo sie eines Schutzes gegen brüske Angriffe nicht 
bedurften, geraume Zeit vor Beginn des Ingenieur- Angriffs ; gleich- 
zeitig mit der Eröffnung der ersten Parallele wurden dann .die 
Batterien erbaut, welche den angegriffenen Werken frontal entgegen- 
traten, dagegen wurden mit den ihnen sich nähernden Sappeur- 
arbeiten nur Mörser und leichte Kanonen vorgeschoben. Die Ein- 
führung der gezogenen Geschütze hatte die Loslösung vom Sappeur- 
angriff und die Aufsteilung der Batterien auf gröfsere Entfernung 
(frontal 1200, ennlierend bis zu 3000 in i begünstigt und ermöglicht. 
Der Sappearangriff war genau in den Formen Vaubans geblieben, 
er hatte aber im wesentlichen nicht mehr den Zweck, die Geschütze, 
sondern die Infanterie soweit an die Werke heranzuführen, dafs sie 
aus gedeckter Aufstellung zum Sturm vorgehen konnte. 

Aus diesen Vorgängen zog die Kommission zwei wichtige 
Schlüsse. In Rücksicht auf die auch der Verteidigung zu Gebote 
stehenden gezogenen Geschütze und verbesserten HandfeuervvaÖeu 



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Der moderne Festungsangriff etc. 



137 



mofs der Angriff derart vorbereitet werden, dafe einerseits die 
Artillerie sofort mit Überlegenheit den Kampf eröffnen kann, und 
dals andererseits die Deckungen, deren die Infanterie bedarf, um 
das Vorgelände bis zur Sturmstellung zu Ubersehreiten, nicht durch- 
aas im gezielten Feuer des Verteidigers hergestellt werden müssen, 
sondern nach Möglichkeit soweit bereits vorbereitet sind, dars es nur 
ihrer Vervollständigung bedarf. 

Das hierzu vorgeschlagene Mittel besteht bezüglich der Ar- 
tillerie aus der Gliederung des Batteriebaues für die schweren 
Geschütze in zwei Gruppen, deren erste bereits vor Herstellung der 
ersten Parallele und deren zweite mit dieser gleichzeitig erfolgt. 
Es wird hierbei so verfahren, dafs zunächst die Zahl und Gattung 
der bei der Feuereröffnung für erforderlich erachteten Geschütze 
festgestellt, hierauf erwogen wird, welche Anzahl durch die ver- 
fügbaren Artillerie-Kompagnien innerhalb einer Nacht in Batterie 
gebracht werden kann (auf die Hälfte der vorhandenen Kompagnien 
je 4 Geschütze gerechnet i, und dals der Rest der notwendigen 
Geschütze schon vor der Eröffnung der ersten Parallele in Auf- 
stellung kommt. Es ist selbstverständlich, dals dieses die schwersten, 
weitest tragenden Kaliber sein werden, da der Batteriebau sich auf 
gröfsere Entfernung halten mufs und auf Punkte beschränkt ist, 
welche der Beobachtung des Feindes entzogen sind. Denn — und 
hierin liegt der springende Punkt, welchen Generalleutnant von 
Müller leider übersehen hat — diese Batterien dürfen keinesfalls 
ihr Feuer eher eröffnen, als gleichzeitig mit der zweiten 
Batterie-Gruppe. Hauptmann Wagner sagt in seinem Angriffs- 
Entwnrf: r Ihr Feuer dürfen sie erst an dem Morgen nach Eröffnung 
des förmlichen Angriffs in Gemeinschaft mit denjenigen Batterien 
eröffnen, welche in der 1. Angriffsnacht erbaut worden''. Und der 
Kommissions-Entwurf drückt sich noch bestimmter aus: „Sie dürfen 
unter keinen Umständen eher, als am Morgen nach Eröffnung u. s. w. 
in Thätigkeit treten." Dahingegen hat v. Müller die von Wagner 
speziell für Strafsburgs Verhältnisse hinzugefügte Bemerkung: „Die 
Herstellung schwerer Bombardementsbatterien noch vor Eröffnung 
der Trancheen erscheint nur bedingungsweise ratsam, falls nämlich 
die Situation Gelegenheit dazu bieten sollte, sie unbemerkt vom 
Verteidiger, zu erbauen und seiner Wahrnehmung doch bis zum 
Morgen nach Eröffnung des förmlichen Angriffs zu entziehen" 
geglaubt in die Worte umändern zu dürfen: „das Feuer der 
schweren Bombardements-Batterien vor Eröffnung der Trancheen 
wurde nur bedingungsweise tür ratsam gehalten". Es ist ein 
schwerwiegendes Mißverständnis, welches in dem Ersatz des Wortes 



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138 Der moderne Featungsangriff etc. 

„Herstellung" durch „Feuer" sich ausspricht, denn es legt diesen 
„ schweren Bombardementsbatterien" eine wesentlich andere Be- 
deutung bei, als sie nach dem Kommissions-Entwurf haben sollten. 
Dieser unselige und doch wohl nicht ganz bezeichnende Name, 
dessen Autorschaft, nebenbei bemerkt, Generalleutnant von Müller für 
sich in Anspruch nimmt, hat sicher mit dazu beigetragen, um die 
Idee des Bombardements von Strafsburg zu fördern. Wagner hatte 
nämlich in seinem Angriffs-Entwurf berechnet, dafs für die Er- 
öffnung des Artilleriekampfes 76 schwere Geschütze erforderlich 
seien; die erwarteten 30 Artillerie-Kompagnien konnten in einer 
Nacht deren 60 in Batterie bringen, 16 sollten also in „schweren 
Bombardements-Batterien", wenn es unbemerkt vom Verteidiger 
möglich wäre, bereits vorher Aufstellung finden, und aufserdem konnte 
mit 54 Feldgeschützen gerechnet werden. Thatsächlich brachte 
man nun sogar 13 Batterien mit 54 Geschützen zur Ausführung, 
aber als wirkliche Bombardementsbatterien, mit dem Zweck, 
Strafsburg durch Beschießung der Stadt zur Übergabe zu veranlassen; 
Wagners Programm ward dadurch völlig umgestofsen, seine Idee 
kam nicht zur Ausfuhrung. Freilich hat die Verteidigung keinen 
Nachteil davon gehabt, denn die Festung leistete nicht das, was 
Wagner hatte voraussetzen müssen und womit man meist wird 
rechnen müssen; die Geschütze, welche von Rechts und Vorschrift 
wegen gefechtsbereit anf den Wällen stehen sollten, waren noch 
gar nicht in Batterie, als der Angriff begann. 

Die ganz offenbar mifsverstandene — auch noch vou General- 
leutnant von Müller, wie wir sehen, in seinem neuesten Werke 
mifsverstandene — Idee der sozusagen im Vorrat gebauten Kampf- 
Batterien hatte sich aus den Gammelmark-Batterien bei Düppel 
entwickelt; die Kommission hatte aber die Bemerkung beherzigt, 
welche der Artillerie-Oberst Neumann bereits im Jahre 1865 daran 
geknüpft hatte, dafs eine Feuereröffnung gleichzeitig mit den 
Frontal-Batterien wahrscheinlich viel wirksamer gewesen wäre. Aber 
die Auffassung der Kommission hatte bei Strafsburg entschieden 
noch nicht das hinreichende Verständnis der Artilleristen gefunden, 
denn bei Schlettstadt nahm die Idee der Bombardementsbatterie eine 
noch andere, neue Gestalt an. Es ward eine einzige, mit 4 12-cm Kanonen 
armierte Batterie auf 2 Kilometer Entfernung erbaut und drei Tage 
lang ohne Unterstützung gelassen im Kampfe mit den Festungs- 
geschützen. Die Folge war, dafs sie mehr als einmal gezwungen 
war, das Feuer einzustellen, und es ist sehr wahrscheinlich, dafs 
sie vernichtet worden wäre, ivenn der Verteidiger nicht immer im 
Glauben, sie demontiert zu haben, rücksichtsvoll auch den Kampf 



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Der moderne Festlingsangriff eto. 



139 



abgebrochen und der Batterie Zeit und Rahe gegeben hätte, sich 
wieder kampffähig zu machen. 

Daf8 diese mit außerordentlicher Ausdauer kämpfende Batterie 
dem Gegner manchen Schaden getban, seine Aufmerksamkeit von 
der Angriffsrichtung abgelenkt und durch Rückenfeuer gegen die 
Angriffsfront wesentliche Hilfe geleistet hat, ist unbestreitbar; trotz- 
dem kann man unmöglich dieser Verwendung der Geschütze und 
dieser Auffassung des Gedankens von der „schweren Bombardements- 
batterie - zustimmen; denn ein weniger leichtgläubiger und rücksichts- 
voller Gegner würde die vereinzelte Batterie unzweifelhaft mit seiner 
Übermacht erdrückt haben; den Vorteil der Überraschung und 
Zersplitterung des feindlichen Feuers konnte die Batterie aber 
ebenso gewähren, wenn mit ihrer Fenereröffnung gewartet wurde, 
bis auch die anderen Batterien — gleichzeitig mit der ersten 
Parallele — erbaut und kampfbereit waren. Das Rückenfeuer kam 
überhaupt erst dann zur Geltung. Es müssen schon gewichtigere 
Gründe vorhanden sein, als sie bei Schlettstadt vorlagen, um eine 
Mafsregel zu rechtfertigen, welche mit einer Aufopferung — einem 
gleichwertigen Gegner gegenüber — ziemlich gleichbedeutend war. 
Ob man diese Batterie nun auch nicht als „Kampfbatterie" be- 
zeichnen und dadurch den berechtigten Vorwurf abweisen will, das 
macht keinen Unterschied. Wurde sie vom Gegner zum Kampfe 
gezwungen, so gab ihr der Name gar keine Rettung vom Verderben. 

Generalleutnant von Müller zollt zwar dieser Malsregel seinen 
Beifall (Thätigkeit der d. Fest-Art. II, S. 43); sie ward aber doch 
nicht in diesem Kriege wiederholt. Bei Neu-Breisach ward zwar 
die Idee des Batteriebaues in zwei zeitlich getrennten Gruppen auch 
wieder aufgenommen und in derselben Weise durchgeführt, dafs man 
die erste Gruppe — auch hier unter Vermeidung der Bezeichnung 
als „schwere Bombardementsbatterien" — sofort das Feuer eröffnen 
liefe, aber es war hier nicht eine vereinzelte Batterie, sondern deren 
3 mit 12 Geschützen in den Kampf gesteilt, welche in der Folge 
auf 18 vermehrt wurden und hinreichten, um die Übergabe — 
allerdings durch eine anhaltende 8tägige Beschielsung — zu er- 
zwingen. 

Diese selbe Idee, welche vor den kleinen und schwächlich ver- 
teidigten Festungen des Elsafe ohne allzuviel Wagnis hatte angewandt 
werden können, sollte nun, nachdem sie so gute Resultate hatte 
erzielen lassen, auch vor Beifort wieder zum Ziele führen. Sie war 
außerordentlich geeignet dazu, aus der Verlegenheit zu helfen. Das 
Belagerungskorps hatte, nachdem es 3 Wochen vor der Festung 
stand, erst ein Dutzend schwere Geschütze erhalten, und es stand 



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Der moderne Festungsangriff etc. 



die Vermehrung auf höchstens 50 Belagerungsgeschütze in Aussicht, 
mit welchen in den förmlichen Angriff einzutreten der starken Aus- 
rüstung des Verteidigers gegenüber nicht möglich erschien. Da 
konnte man ja vor der Hand das, was man hatte, aufbauen, es 
waren dies ja noch keine Kampf-, sondern Bombardements- oder 
Einleitungsbatterien. Auf die üblichen grotsen Abstände erbaut, 
erschienen sie nicht allzusehr gefährdet, und man glaubte sogar, auf 
die Erfahrungen von Schlettstadt und Neu-Breisach gestützt, hoffen zu 
dürfen, durch eine 8 bis 14 Tage fortgesetzte Beschiefsung die Über- 
gabe der Festung herbeizuführen. So erbaute man denn auch nicht vor 
den als richtige Angriffsfront erkannten Forts der Perches, sondern im 
Südwesten der Festung 7 Batterien, armierte sie mit 24 gezogenen Ka- 
nonen (darunter aber 10 12- cm) und 4 Mörsern und begann am 3. De- 
zember die Beschiefsung. Hier machte man nun allerdings mit 
dieser Malsregel vollständig Fiasko. Der Ingenieur en Chef verlangte 
bereits nach wenigen Tagen (am 8. Dez.), dals man diesen unnützen 
Versuch aufgeben und zum Angriff auf dem anderen Savoureuse-Ufer 
schreiten solle, aber der leitende Artillerie-Offizier ward erst am 
14. Dezember, nachdem die Vergeudung der Munition sich recht 
fühlbar gemacht hatte, davon Uberzeugt, dafs dieses Angriffs verfahren 
zu gar keinem Ergebnis führen könne, und baute seine Batterien 
wieder ab. 

Ans diesen Vorgängen ist zu entnehmen, dafs die von der 
Kommission geplante durchaus neue Malsregel, die Eröffnung des 
Artilleriekampfes durch vorzeitige Herstellung der auf gröbere 
Entfernung verwendbaren Batterien derartig vorzubereiten, dals eine 
Feuerüberlegenheit baldigst zu erreichen sei, durch den Hauptmann 
Wagner durchaus sinngemäls in Vorschlag gebracht worden war, 
dals sie aber in gänzlich mifsverstandener Weise aufgefafst und der 
Absicht widersprechend — bei Strafsburg in den Bombardements- 
Batterien, bei Schlettstadt mit einer vereinzelten Batterie, bei Neu- 
Breisach mit einer Vorbereitungsstaffel und bei Beifort mit einem 
schwächlichen Angriff auf falscher Stelle — zur Ausführung gebracht 
wurde. Die Kommissionsmitglieder trifft demnach kein Vorwurf; es 
mufs anerkannt werden, dals sie das ihnen Mögliche gethan haben, 
um ihre Ideen ins Leben zu rufen. Wie man die Schuld an dem 
Mifslingen nun mit Generalleutnant von Müller dem Umstände 
zuschieben mufs, dafs der Kommissions-Entwurf erst unmittelbar 
vor der Eröffnung des Feldzuges fertig geworden und seine Ideen 
den Offizieren der Festungs-Artillerie noch unbekannt geblieben 
waren, so mufs man andererseits doch betonen, dals die Hilfe für 
die Belagerungen ihnen in dem Angriffs- Entwurf Wagners allerdings 



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Der moderne Festnngsangriff etc. 



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dargeboten war, dafs aber hei ihnen das Verständnis fehlte, um es 
richtig zu ergreifen und anzuwenden. In der Malsregel, welche 
sich ans der Truppe heraus entwickelte, ist kein lebensfähiger 
Fortschritt zu erblicken, sondern das Verdienst an solchem gebührt 
lediglich der Kommission. 

Und es sollte auch in dem Kriege 1870/71 die von ihr ge- 
plante Maferegel noch zur umfangreichsten Anwendung kommen, 
nämlich vor Paris. Hier war bereits seit dem 19. September das 
Gelände im Süden der Festung so weit in Händen des Angreifers* 
als er es brauchte zur Anlage der „schweren Bombardementsbatterien 4 *, 
und er begann, sobald die nütigen artilleristischen Kräfte dazu ein- 
getroffen waren, mit ihrer Ausführung. Durch die lange Verzögerung 
des Munitionstransports ward die Zeit und Möglichkeit gegeben, 
nicht nur für die disponiblen 6 21 cm Mörser und 50 langen 15 cm 
Kanonen, sondern auch noch für 40 12 cm Kanonen Batterien zu 
erbauen; die taktische Sicherung ward durch die Lage und die 
Stellung der Einschliefsungstruppen gewährleistet. Während somit 
96 Geschütze bereit gestellt wurden, behielt man noch die Zahl von 
44 12 cm und 15 kurzen 15 cm Kanonen in Reserve, um sie auf 
nähere Entfernung aufzustellen, sobald der Artillerie - Angriff be- 
ginnen könnte (hierzu kamen dann noch weitere 20 15 cm und 20 
12 cm Kanonen). Man eröffnete aber mit jenen 96 Geschützen nicht 
voreilig das Feuer, sondern liefs sogar die Geschütze im Park, um 
erst kurz vor Beginn des Angriffs sie in die fertigen Emplacements 
einzufahren. Allerdings bestand die Vervollständigung dieser Ge- 
schützstellung kurz vor Eröffnung des Kampfes nur aus 12 12 cm 
Kanonen; aber man konnte die weiter vorgeschobenen Batterien 
nicht eher erbauen, als bis man sich eine weitere Infanteriestellung 
in der Höhe von le Val-Chätillon gewonnen habe, und dies glaubte 
man ohne Mitwirkung: der schweren Geschütze nicht ausführen zu 
können, da man nicht einmal hinreichende Kräfte verfügbar machen 
konnte, um diese Infanteriestellung innerhalb einer Nacht besetzen 
und verstärken zu können. 

Es erscheint trotzdem diese Feuereröffnung der in Batterie 
stehenden 108 Geschütze nicht allzu gewagt bei ihrer imposanten 
Masse und bei der gewissen Aussicht, binnen kürzester Zeit eine 
Verstärkung durch weitere Batterien ausführen zu können. Und 
thatsächlich konnte eine solche nach dem Beginne des Kampfes am 
5. Januar bereits in den nächsten Tagen allmählich ausgeführt 
werden, indem teils neue Geschütze aufgestellt, teils bereits in Batterie 
befindliche weiter vorgeschoben wurden. 

Es ist nicht zu verkennen, dals hier der Gedanke, mit dem 



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Der moderne Festnngsangriff etc. 



Artillerie-Aulmarsch nicht, wie bisher, bis zur Eröffnung der ersten 
Parallele zu warten, sondern ihn. soweit irgend möglich, bereits vor- 
her allmählich und mit Maskierung der Batterien auszuführen, zum 
erstenmale mit dem Bewufstsein durchgeführt wurde, dafs die Eigen- 
schaften des gezogenen Geschützes hierzu die Möglichkeit gäben, 
anderseits aber deren Wirkung von den Festungswerken aus auch 
dazu nötigte. Und der Kommissions-Entwurf ist es, welcher hierauf 
hingewiesen und in der Mafsregel der „schweren Borabardements- 
batterien" den Weg gezeigt hatte, welchen die Artillerie in Zukunft 
einzuschlagen hätte. 

Es genügt, die Bemerkung hinzuzufügen, dals auch vor der 
Nordfront von Paris der Artillerie- Aufmarsch sich in gleicher Weise, 
wenn auch in viel kürzerer Zeit und in Ermangelung der noch nicht 
eingetroffenen Festungsartillerie sogar mit Hilfe von Feldartillerie 
und Pionieren vollzog. Als die Geschütze und ihre Bedienung ein- 
trafen, fanden sie ihre Stellung bereits fertig vor. 

In zweiter Linie hatte die Kommission die Notwendigkeit er- 
kannt, den Infanterie-Angriff, das Sichherangraben an die Festung 
in gleicher Weise, wie den Artillerieangriff durch zweckmäfsige 
Vorbereitung zu erleichtern oder vielmehr der von dem Ver- 
teidiger zu erwartenden Ausnutzung der neuen Feuerwaffen gegen- 
über zu ermöglichen. Und hier sind es zwei Malsregeln, welche 
Beachtung verdienen: die „leichten Bombardementsbatterien'' und 
die Vorbereitung von Infanterie-Deckungen im Vorfelde. 

Die Herstellung leichter Bombardementsbatterien, sagt der 
Kommissions-Entwurf, „wird selbst da, wo sie infolge günstiger 
Terrainverhältnisse nicht durchaus nötig sein sollte, doch nützlich 
sein, insofern sie ein Mittel darbietet, die Ungewüsheit des Ver- 
teidigers über die Angriffsfront zu erhalten oder zu steigern. Zu 
diesem Zweck werden die fraglichen Anlagen, wenn nicht rings um 
die Festung, so doch jedenfalls vor mehreren Fronten derselben 
zur Ausführung zu bringen und die (aulserdem zu verwendenden) 
mobilen Geschütze bald vor dieser, bald vor jener Front aufzufahren 
und in Thätigkeit zu setzen sein." 

„Hauptsächlich werden hierzu natürlich Feldbatterien des Be- 
lagerungskorps zu verwenden sein. Daneben aber wird anch 
auf die 12 cm Kanonen des Belagernngstrains reflek- 
tiert werden können." 

Hier haben wir eine durchaus neue Idee. Die Artillerie soll 
nicht nur defensiv in der Cernierungsstellung Verwendung finden, 
um deren Verteidigung gegen Ausfälle zu unterstützen, sondern sie 
soll aktiv auftreten, um dem Verteidiger das Festhalten des Vor- 



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Der moderne Festun^sun^rift etc. 



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blandes sowie die Vervollständigung seiner Hauptverteidigungs- 
stellung zu erschweren. Sie soll nicht nur wie die schweren Bom- 
hardementsbatterien, die einen Teil der Kampf-Artillerie bilden, vor 
der anzugreifenden Front, sondern möglichst allseitig auftreten, und 
es geschieht zu dem Zweck, um ihr dies zu ermöglichen, dafs der 
Kommissions- Entwurf vom Angreifer verlangt, dafs er dort, wo ihm 
günstige Artilleriestellungen im Gelände dargeboten werden, beim 
ersten Anlauf und der Einrichtung der Einschliefsungsstellung so 
weit als möglich vorgebt und diese Örtlicbkeiten in Besitz nimmt. 
Es spricht sich also in dieser Malsregel der starke Offensivgeist aus, 
welchen der Entwurf in einer „kräftigen Aktion, die den Verteidiger 
nicht zur Besinnung kommen läfst", auch im Festungskrieg dokumen- 
tiert wissen will. 

Dieses Verlangen einer steten Offensive vom ersten Tage der 
Belagerung an, dieses Fordern des Naheherangehens und der aktiven 
Thatigkeit schon der Feldartillerie, wie es doch nicht nur die 
Ingenieure sondern auch die Artilleristen der Kommission für aus- 
fuhrbar und allein zweckentsprechend hielten, steht in auffallendem Gegen- 
satz zu dem Mangel an Initiative, zu dem Lahralegen aller Kräfte, 
das thatsächlich bei allen Festungsangriffen des Jahres 1870 statt- 
fand, und das ich in meinen „Kriegsgeschichtlichen Beispielen des 
Festungskriege6 u für Beifort, Strafsburg, Metz und Paris darzustellen 
gesucht habe. Wagner aber hatte jenes in seinem Angriffs-Entwurf 
voll aufrecht erhalten. Beinahe mit den Worten des Kommissions- 
Entwurfs verlangt er, „den Verteidiger auf keiner Seite der Festung 
zur Kühe kommen zu lassen", und in gleichem Sinne die „leichteu 
Bombardementsbatterien" zur „Beunruhigung der Besatzung, zur 
Störung der Armierung und zur Anbahnung des Gleichgewichts mit 
der Verteidigungsartillerie schon im Moment der Eröffnung des 
Angriffs." 

Mit jenen auf eine Erzwingung der Kapitulation hinzielenden 
ergebnislosen Beschiefsungen der Festungen durch Feldartillerie, 
welche im Kriege nur allzuhäufig von der unbegründeten Gering- 
schätzung der Festungen Zeugnis ablegten, hat diese Malsregel nichts 
zu thun, wie die Worte beweisen, mit denen Wagner ihren Zweck 
bezeichnet ; sie dienen der Vorbereitung des Angriffs und nicht seiner 
Durchführung. 

Dafis diese Zwecke leichter erreicht werden würden, wenn die 
Feldartillerie eine kräftige Unterstützung durch schwerere Geschütze 
erhielte, entging der Kommission durchaus nicht, und es ist aulser- 
ordentlicb bemerkenswert, dafs sie die Heranziehung von Belage- 
rungsgeschützen für diese Aufgabe in Vorschlag brachte. Meines 



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Der moderne Festungsangriff etc. 



Wissens ist dieses die erste Anregung, welche bezüglich be- 
schleunigter Heranziehung von schweren Geschützen, um schon in 
dem Vorbereitungsstadium des Festungsangriffs mitsprechen zu 
können, überhaupt erfolgt ist. Generalleutnant v. Müller hat diesen 
Punkt in dem ihm gutbekannten Kommissious-Entwurf wohl Uber- 
sehen; wegen der ungemeinen Wichtigkeit, welchen er in der Folge 
für die Schaffung der mobilen Festungs-Artillerie gehabt hat, würde 
er ihn sonst zweifelsohne in seinen verschiedenen Schriften erwähnt 
haben. 

Hauptmann Wagner konnte die von der Kommission für die 
Verwendung in leichten Bombardementsbatterien vorgeschlagenen 
12 cm Kanonen (die kurze 15 cm Kanone war noch kaum geboren 
und in wenigen Exemplaren vorhanden, die lange 15 cm Kanone 
erschien für den Zweck zu ungefüge) in seinem Angriffs-Entwurf 
nicht mit aufnehmen, weil eine solche Verwendung immerhin eine 
Friedensvorbereitung, zum mindesten eine andere Gruppierung des 
Artillerie-Belagerungs-Materials zur Vorbedingung hatte. 

Gewisse Offensivunternehmungen hatten bei Strafsburg schon 
vor Wagners Ankunft stattgefunden, einzelne Batterien hatten kurz- 
atmige Beschiefsungen an diesem und jenem Punkte ausgeführt, 
kleine Infanterie-Abteilungen waren an die Festungswerke heran- 
gegangen, um sie mit Gewehrfeuer zu Uberschütten. Während die 
Artilleriegeschosse in der Stadt Schrecken und Verwirrung hervor- 
riefen, hatten die Unternehmungen der Infanterie nur gar nicht un- 
bedeutende Verluste auf Seiten des Angreifers zur Folge. Den 
Aktionen der Artillerie fehlte Stetigkeit und Plan, denen der In- 
fanterie jedes Ziel. Als Wagners Angriffs-Entwurf festgestellt und 

— am 22. August — genehmigt war, hatte bereits der Gedanke 
eines Bombardements Platz gegriffen und anstatt den Vorschlag der 
„leichten Bombardementsbatterien 44 in Ausführung zu bringen, ward 
die Feldartillerie benutzt, um in der Nacht, in welcher die wirk- 
lichen Bombardementsbatterien erbaut wurden-— vom 23. zum 24. August 

— die Stadt zu beschiefsen und auch in den folgenden Bombarde- 
mentsnächten an der Beschielsung beteiligt. 

Dieser Vorschlag kam also nicht vor Stralsburg und kam auch 
vor keiner anderen Festung zur Ausführung ; scheute man sich doch 
bei allen grösseren Belagerungen sogar die Feldartillerie auch nur 
ins Feuer zu bringen, um dem mit dem Spaten das Vorgelände 
erobernden Verteidiger entgegenzutreten, da man sich des Offensiv- 
geistes ganz entschlagen hatte und jeden Schritt zu vermeiden 
suchte, welcher Kampf und Verluste nach sich ziehen konnte. Erst 
nach dem Kriege ward der Gedanke wieder aufgegriffen, die Feld- 



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Der moderne FestungsangritT etc. 



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artillerie und Festungsgeschütze zur Vorbereitung des Angriffs aus- 
zunutzen. 

Für die Vorbereitung des Ingenieur- bezw. Infanterie-Angriffs 
brachte der Kommissions-Entwurf in Vorschlag, die Vorpostenstellung 
zu benutzen, um die später notwendig werdenden Infanteriedeckungen 
(Parallelen) vorzubereiten. „Die unter normalen Verbältnissen auf 
etwa 800 Schritt von den Werken stehenden Doppelposten werden sich 
auf dieser, der Lage einer 1. Parallele entsprechenden Entfernung 
allmählich neue Schützenlöcher herzustellen haben, so dafs im Laufe 
der Zeit streckenweise Schützengräben entstehen, welche später vor 
der wirklichen Angriffsfront als Ansätze zur ersten Parallele dienen. 
In ähnlicher Weise werden für die unter normalen Verhältnissen 
etwa 400 Schritt hinter den Vorposten stehenden Feldwachen wiederholt 
neue Deckungen an solchen Terrainpunkten herzustellen sein, an 
welchen eventuell die ersten Batterien bei Eröffnung des förmlichen 
Angriffs zu erbauen wären. Weiter rückwärts erfolgt die Her- 
stellung von Epauleroents für die Keplipikets der Feldwachen an 
solchen Punkten, an denen auf etwa 1H0O — 2000Schritt von den Werken, 
bei Eröffnung des förmlichen Angriffs die Reserven der Bedeckungs- 
truppen zu plazieren sein würden, falls nicht das Terrain an und 
für sich eine gedeckte Aufstellung derselben erlaubt. . . . Zur Ver- 
richtung dieser Arbeiten werden den Feldwachen und Replipikets 
Arbeiter-Abteilungen zuzuteilen sein, im allgemeinen aber wird von 
allen genannten Gruppen der Vorposten selbst Hand anzulegen und 
überhaupt ein rühriger Gebrauch des Spatens viel mehr als 
früher zu verlangen sein. u 

Diese Mafsregel hatte Hauptmann Wagner, dem Gelände an- 
gepafst — vollständig in seinen Angriffs-Entwurf aufgenommen und aus- 
drücklich darauf hingewiesen, dals sie im vorliegenden Falle um so not- 
wendiger sei, ,,als das Angriffsfeld fast gar keine natürlichen 
Deckungen bietet" Er erweiterte sie sogar im Sinne des Kommis- 
sionsentwurfs, indem er hinzufügte: „von der hiernach gewonnenen 
Aufstellung aus sind dann die Vorposten allmählich — abwechselnd 
vor verschiedenen Fronten — weiter vorzuschieben bis auf 400 — 500 
Schritt von den Werken — d. h. bis auf die Höhe der zukünftigen 
2. Parallele, wo sie sich eingraben. Vor Tagesanbruch auf 800 
Schritt zurückgenommen, werden sie in der nächsten Nacht wieder 
vorpoussiert und stellen neue Schützenlöcher her — Ansätze zur 2. 
Parallele." 

Generalleutnant von Müller hat dieser Mafsregel, wie es scheint, 
eine besondere Wichtigkeit nicht zuerkannt, denn er führt bei der 
Besprechung des Wagnerschen Entwurfs nur unter „Mafsnahmen, die 



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Der moderne Festungsan^rifF etc. 



der Eröffnung des förmlichen Angriffs vorausgehen", ohne weitere 
Angabe des Zweckes an : „Vorschieben und Eingraben der Vorposten". 
Und doch kommt ihr eine ganz besondere Bedeutung zu, denn mit 
richtiger Erkenntnis nahm Wagner mit der Kommission an, dals 
gegenüber dem neuen Geschütz und Gewehr die Ausführung des 
Sappenangriffs in der Vaubanschen Manier mit grolsen Schwierig- 
keiten und enormen Verlusten würde rechnen müssen und deshalb 
eine Vorbereitung durchzuführen sei, welche einerseits der Aufmerk- 
samkeit und Einwirkung des Gegners bei weitem leichter zu ent- 
ziehen sei, als die regelmäfsig vorschreitende Sappenarbeit, und 
anderseits doch es ermöglichte, eine organisch richtige Gliederung 
und zweckentsprechende Lage des Laufgraben-Systems im Gelände 
durchzuführen. Thatsächlich ist das Problem der Annäherungs- 
arbeiten, durch Infanterie anstatt durch den Sappeur ausgeführt, 
aber unter der Leitung der Ingenieurofißziere von den Vortruppen 
gewissermafsen ins Gelände skizziert, auf eine andere Weise kaum 
zu lösen. Der Kommissionfl-Eutwurf — in diesem Stück zweifellos 
die eigenste Arbeit des Hauptmann Wagner, hat hier zu einer Zeit, 
als noch niemand an eine Abänderung des Vaubanschen Sappen- 
angriffs dachte, (vgl. Düppel) und als man noch den Wälzkorb als 
unentbehrlichen Bestandteil des Ingenieurparkes mit nach Stras- 
burg sandte, wirklich mit bemerkenswerter Voraussicht der kommen- 
den Entwicklung — oder wohl richtiger! mit Uberraschend klarem 
Verständnis für die Einflüsse der wirksameren modernen Feuerwaffen 
den Weg gewiesen, welchen der Angriff in Zukunft wird gehen 
müssen. 

Und diese Vorschläge Wagners kamen auch — vor Strafsburg 
— zur Ausführung. Die ins Dunkel der Nacht gehüllte Tbätigkeit 
der Ingenieur-Offiziere, welche allabendlich Feldwachen und Vor- 
posten ins Vorfeld begleiteten und Uber die richtige Lage der aus- 
zuführenden Deckungen unterrichteten, ist nicht Anerkennung 
heischend lant geworden, wie die Arbeiten der Artillerie, welche mit 
dem lauten Donner der Geschütze es andern Tages zu Gehör bringen, 
was in der Nacht geschaffen wurde ; es ist auch bei der Neuheit 
der Aufgabe den Offizieren selbst nicht immer ganz klar gewesen, 
welchem Zwecke sie dienen sollten, und deshalb wird dabei mancher 
Fehler begangen und manche Arbeit vergebens gemacht worden 
sein; es ist wohl zu berücksichtigen, dafs die Sache so ganz leicht 
und einfach nicht ist, wie sie bei Tage, mit dem Plan in der Hand, 
aussieht, denn sehen kann man eben (und konnte man zumal bei 
den dunklen Nächten vor Strafsburg) herzlich wenig und, mit dem 
Plan sich zu orientieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man 



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Der moderne Festung« an griff etc. 



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auf wenige hundert Meter von den feindlichen Stellungen die Rich- 
tung verloren hat and im Unsicheren herumtappt. Es ist aber doch 
manche dieser wichtigen Arbeiten zur Geltung gekommen, um die 
Ansiührbarkeit und Richtigkeit des Prinzips zu erweisen; und es 
Wörde noch viel mehr davon Gebrauch gemacht worden sein, wenn 
der Verteidiger seine Waffen zu gebrauchen verstanden hätte. 
Einem Gegner gegenüber, der des Nachts Uber die Köpfe der auf 
seinem Glacis Arbeitenden grundsätzlich hinwegschiefst und selbst bei 
Tage flüchtiges Arbeiten gestattet, bedarf es keiner besonderen 
Mafsregeln. 

Dafs mit demselben Vorteil, wie für die Infanterie- auch für 
die Geschützdeckungen die Arbeiten der Vorposten angeordnet und 
aasgenutzt werden können, liegt auf der Hand. Meines Wissens ist 
dies mit bewufster Absicht nicht vorgekommen: ich möchte aber 
daran erinnern, dals Feldmarschallleutnant von Brunuer in seinem 
,,Festungskrieg" in Vorschlag bringt: ,.Für Batterie-Gruppen, welche 
man der Sicht auch durch Masken nicht entziehen kann, geraume 
Zeit vor dem Batteriebau lange, weiter nichts verratende Laufgraben- 
strecken auszuführen, in welche erst, wenn der Gegner sich bereits 
gewöhnt hat, sie lediglich als Infanterie-Deckungen aufzufassen und 
nicht viel zu beachten, die Batterien successive oder gleichzeitig vor 
der Eröffnung des Feuers eingebaut werden" (S. 25/26». Das 
stimmt im Grunde mit dem Vorschlage der Kommission Uberein. 

Wie wir sehen, sind die Neuerungen des Kommissions-Entwurfs, 
so weit angängig, ohne irgend eine Abschwächung durch Wagner in 
den Angriffs-Entwurf für Strafsburg übernommen, sind sie auch in 
wichtigen Teilen im Verlaufe dieser und anderer Belagerungen des 
Krieges 1870/71 zur \ erwendung gekommen, zumal die Herstellung 
der Batterien, soweit es irgend durchfuhrbar ist, bereits geraume 
Zeit vor der Eröffnung des Angriffs, um diesen mit einer für die 
Gewinnung der Feuerüberlegenheit hinreichenden Geschützzahl be- 
ginnen zu können, und die vorbereitende Ausführung der An- 
näherungsarbeiten durch kleinere, von einer Stellung zur anderen 
nächtlich vorzuschiebende Infanterie-Abteilungen. Auch die ferneren, 
für die Verwendung der Artillerie gemachten Vorschläge : die 
gänzliche Loslösung von dem Sappenangriff, die grundsätzliche Her- 
stellung und Armierung der, nach dem Bau der ,, schweren Bom- 
bardementsbatterien'', für den Geschützkampf noch erforderlichen 
Hatterien in einer einzigen, der Nacht vor Eröffnung des Artillerie- 
Angriffs, ihre Sicherung durch eine in dieser selben Nacht zu er- 
bauende Schutzstellung (erste Parallele), die Beschränkung der mit 
dem Angriff weiter vorgehenden Batterien auf Mörser und leichte 



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148 



Das Amselfeld (Kossovo pol je). 



Rohr-Kaliber, alle diese Vorschläge, die zwar nicht durchweg neu, 
aber doch, systematisch verarbeitet und zusammengestellt, von dem 
Kommissions-Entwurf auf den Wagnerseben Angriffs-Entwurf tiber- 
gingen, sind tbatsächlich im Laufe des Krieges immer mehr als 
richtig erkannt und beobachtet worden, so dafs man die Behauptung 
wohl nicht aufrecht erhalten kann, dals sie den weiteren Kreisen 
der Festungs-Artillerie und der Ingenieure für die Belagerungen 
jenes Krieges keine Hilfe geboten hätten, und dals alle Neuerungen also 
aus dem Schofse der Truppe hervorgegangen seien. Es ist also 
vorauszusetzen, dafs diese Vorschläge und die Ideen, auf denen sie 
basierten, auch fUr die weitere Entwicklung des Festungs-Angriffs 
nicht ohne Einfluls gewesen sind, so dals wir wohl die zweite Frage 
aufzuwerfen berechtigt sind. 

(Schlaf» folgt.) 



X. 

Das Amselfeld (Kossovo pol je). 1 ' 

Von 

.1. Banmann, k. bayer. Hauptmann. 

Es giebt Schlachtfelder, deren Name durch eine grofse oder 
wichtige Schlacht für alle Zeiten bekannt gworden ist, und Schlacht- 
felder, die infolge ihrer Lage von jeher und immer wieder den 
Kampfplatz für streitende Völker bildeten. Nach beiden Gesichts- 
punkten hin ist das Amselfeld (serb. Kossovo polje, ungarisch Kigo- 
mazeu) ein hochbedeutsamer Fleck Erde, der trotz seiner Abgelegen- 
heit und schweren Zugänglichkeit mir wichtig genug erschien, ihn 
einmal aufzusuchen. Ich hatte den Besuch schon früher einmal von 
Norden her, von Plevlje aus, ins Auge gefafst. Durch den Sandschak 
Novibazar ist aber schwer durchzukommen. Diesmal kam ich von 

l ) Verfasser hat auf dem Wege zum theisalischen Kriegsschauplatze erst 
das Amselfeld besucht. Da er diese wichtige und selten besuchte Kampfebene 
einer Schilderung wert erachtete, der Inhalt dieses Aufsatzes sich aber nicht in 
dem Rahmen des „Thessalisohen Kriegsschauplatzes 1 ' einfügen liefs, so folgen 
„Amselfeld" und „Thessalischer Kriegsschauplatz" als zwei getrennte Aufsätze. 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



149 



Süden, von Üsküb her. Von hier ans ist der Ausflug weit bequemer. 
Bevor ich nun meine Eindrücke und Erlebnisse schildere, glaube ich 
vorausschicken zu sollen, was ich in Bezug auf Geographie, Be- 
wohner und Geschichte dieses kleinen abgelegenen Landstriches in 
Erfahrung bringen konnte. 

Zur Geographie und Ethnographie des Amselfeldes. 

Zwischen Serbien, Bosnien, Montenegro, Albanien und Make- 
donien liegt ein schmaler, langgestreckter Streifen Landes, welchen 
man gewöhnlich „Alt-Serbien", ttlrk. „Kossova", am richtigsten aber 
mit einer alten Bezeichnung „Rascieu" nennt. Von diesem Kascien 
ist der weitaus gröfsere, nördliche Teil, welcher südwärts bis Mitro- 
vitza reicht, ein rauhes, hohes, in viele Abschnitte geteiltes Bergland, 
das südliche Drittel ein ebenes, rings von zusammenhängenden 
Bergen umschlossenes, ziemlich hoch (5—600 m) gelegenes Becken- 
land. Diese ebene Landschaft ist das Kossovo polje oder das Amsel- 
feld im allgemeinen Sinne. Im Norden des Amselfeldes bildet der 
Ibar, im Süden der Lepenac tiefe Einschnitte, lauge Defileen, welche 
als Zugänge dienen. Die Berge, welche die Längsebene begleiten, 
könnte man zusammenfassend im Westen die albanesischen, im Osten 
die serbischen nennen. Will man aber ihre Namen genau anfuhren, 
so sind es, wenn man im Norden, auf der westlichen Seite des 
Ibar-Detilees beginnt und nach Westen und Süden fortfährt, folgende: 
Im Westen: Mokragora, Djevic und Drenica planina, Crnoljeva 
planina und Kodza Balkan ; im Süden : Schar Dag mit dem Ljubotrn 
und der Kara Dag; im Osten: Zegovac planina, Horma pl., Kosnitza pl., 
Goljak pl. und Mrdar pl.; im Norden: Kopaonik pl. und Rogozno pL 
In die albanesischen Berge im Westen haben noch wenige Reisende 
ihren Fufs gesetzt, jedenfalls ward diese Gegend noch nie eingehender 
erforscht und beschrieben. Bone 1 ) und Grisebach 2 ) haben etwas ge- 
bracht und v. Hahn 5 ) die dürftigen Notizen um geringes erweitert; 
6ehr schätzenswerte und hier reichlich verwertete Anhaltspunkte 
lieferte eine anonyme Studie.*) 

Das ganze, durch die aufgezählten Bergzüge umschlossene Ge- 
biet ist nicht eine Uberall flache und zusammenhängende Ebene, sie 
wird jedoch von der Bevölkerung unter der Gesamtbezeichnung 
„Kossovo" zusammengefalst. Das Kossovo polje im engeren Sinne 

*) Bone, la Turquie d'Europe; 1840. 

?) Grisebacb, Reise duroh Rumelien und nach Brussa i. J. 1889; 1841. 
3 ) v. Hahn, Reise von Belgrad nach Salonik; 1861. 
*) Novibazar und Kossovo (das alte Rascien), eine Studie; Wien 1892, 
bei Alfred Hölder. 

J»brbüchtr für di« dauUch« Am«« and Marin». Bd. 116. 2. 11 



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150 



Das Amselfeld (Kossovo polje). 



ist der nördliche Teil der Ebene mit Pristina im Mittelpunkte. Dort 
ist auch das eigentliche Kampfield, welches westlich von der Sitnitza 
und nördlich vom Lab-Flttlscben begrenzt wird. Der Nord- und 
Südeingang liegen 85 km auseinander; die Breite wechselt von 
5—25 km. Die Hänge der Randgebirge verlaufen ziemlich flach, 
so dafs die Ebene eigentlich weiter erscheint. Diese Ebene wird 
zum gröfseren Teile der Länge nach von der Sitnitza und zwar von 
Süden nach Norden, zum weitaus kleineren Teile vom Lepenac, 
aber in entgegengesetzter Richtung durchflössen. Zwischen beiden 
Flüfschen ist keine eigentliche Wasserscheide. Man kann den Sumpf 
von Sazli als gemeinsamen Ursprung nennen, denn dessen nördlicher 
Abflufs flielst in die Sitnitza, der südliche in den Lepenac. Von den 
serbischen Bergen kommt der Lab, welcher dann in die Sitnitza 
mündet und mit dieser bei Mitrovitza vom Ibar aufgenommen wird. 
Die anderen, von den Randgebirgen herabflielsenden und meist in 
die Sitnitza sich ergielsenden, unbedeutenden Flulsläufe will ich'nicht 
benennen. Man sieht, das Kossovo polje ist reichlich bewässert. 
Alle diese Bäche haben einen ruhigen Lauf und sind, einschliefslich 
der gröfseren Sitnitza, überall durchwatbar. 

Der nördliche Zugang kommt aus dem Sandschak Novibazar, 
und zwar von Plevlje, Uber Prje polje, Novibazar und die Rogozno 
planina (Palshöhe 1464 m) nach Mitrovitza. Diese Stralse hat aus 
militärischen und ökonomischen Gründen für die Pforte eine grofse 
Bedeutung, ist aber an den schwierigen Stellen, d. i. im Gebirge, 
noch nie fertig geworden und wird dort nur in einem leidlichen Znstande 
erhalten. Der Übergang galt auch von jeher für recht unsicher. 
Aufserdem ist er im Winter wegen der vielen Scbneemassen sehr 
gefürchtet. Unmittelbar bei Mitrovitza beginnt auch das lange Defilee 
durch welches der Ibar, von dem Rogozno- und Kopaouik-Gebirge 
eingeengt, der serbischen Grenze zuflielst, die er bei Raska erreicht 
Ein schlechter Saumweg geht durch den Engpals nach diesem 
Grenzposten. 

Im Süden führt von Kazanik, zwischen Schar Dag und Kara 
Dag, ein 4 Stunden lauges Bergdefilee mit ziemlich starkem Gefalle 
hinunter nach Nord-Makedonien und zwar zunächst nach Üsküb im 
Wardar-Thale. Unter Kara Dag (d. i. schwarzer Berg, serb. Crna 
gora=Monte negro) bezeichnet der Türke jedes zerrissene, felsige und 
daher unfruchtbare Bergland. Die höchste Erhebung weitum ist der 
Gipfel des Schar Dag: der Ljubotrn, das Wahrzeichen der 
Landschaft. Er ist Uberall mit 3050 m eingezeichnet. Er hat jedoch 
nur eine Höhe von 2500 m. Mein Begleiter Sekt.-Ingenieur Finazzer 
in Üsküb hat, eine gerade Bahnstrecke benutzend, seine Höhe wieder- 
holt trigonometrisch bestimmt. 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



151 



Von Kazanik führt ein Weg, das Amselfeld der Länge nach 
durchziehend, Uber Verisovic, Lipljan, Pristina, Vucitrn nach Mitrovitza. 
Andere wichtige, das Amselfeld durchqnerende Wege wären: der 
Weg von Mitrovitza nach Ipek; der von Pristina nach Djakova und 
die Strafse von Pristina über Lipljan nach Prizren. Von Pristina 
geht auch ein Weg nach Giljan. Heute durchzieht das Amselfeld, 
heinahe immer der erstgenannten Längsstrafse folgend, ein von 
Üsküb komnienderSchienenweg, welcher, nach der ursprünglichen Eisen- 
bahnkonvention vom Jahre 1869, bis Sarajevo und der österreichischen 
Grenze fortgeführt werden sollte, aber schon in Mitrovitza sein Ende 
erreichte. Es verkehren dreimal in der Woche Personenzüge hin 
and zurück. 

mm • 

Uber die politische Zugehörigkeit gilt Folgendes: Als die 
territorialen Veränderungen, welche der Berliner Vertrag 1878 der 
Pforte auferlegte, durchgeführt wurden, bildete man aus den Kesten 
der in diesem Landesteile übrig gebliebenen Vilajets das neue Vilajet 
(Provinz) I^ossova mit der Hauptstadt Üsküb (serb. Skoplje). Dazu 
gehört nun auch das einstige Kascien, die heutigen Sandschaks 
(Kreise) Novibazar und Pristina. Im Sandshak Pristina ist das 
Kossovo polje. Von den Kazas (Bezirken) dieses Sandschaks liegen 
Drenica und Pristina ganz, Mitrovitza, Vucitrn nnd Giljan zum Teil 
auf dem Amselfelde, Presevo aber ganz ausserhalb der Ebene in den 
Bergen des Kara Dag. Hier könnte zum weiteren Verständnis ein- 
geschaltet werden, dafs eine Provinz von einem Vali (Statthalter) — 
eigentlich von einem moham. Vali und einem (christl.) Vize -Vali — 
verwaltet wird. Diesem unterstehen die Mutesarrifs der Kreise, 
diesen die Kaimakams der Bezirke, diesen die Mudirs und Muchtars 
(Gemeinde- und Örtsvorsteher). In militärischer Beziehung gehört 
die Provinz Kossova zum III. Ordu- (Korps-) Kommando mit dem 
Sitze in Üsküb, früher in Monastir. 

Über die Bewohner, namentlich deren Anzahl, lassen sich richtige 
Angaben nicht leicht machen, denn eine Volkszählung hat hier wohl 
nie stattgefunden. Die von den Verwaltungsbehörden zu Kekrutierungs- 
und Steuerzwecken angelegten Listen sind ungenau, da sich die 
Bevölkerung nach Möglichkeit sowohl der Militärpflicht als auch der 
Steuerleistung zu entziehen sucht. Die Dorf- Vorstände verschweigen 
daher in ihren Angaben eine Anzahl ihrer Freunde in den Listen, so 
dals diese Freunde weder bei Steuern noch Militärleistungen in 
Betracht kommen. Von den 4 Kreisen Mitrovitza, Vucitrn, Pristina 
und Gilan nennt mein Gewährsmann 1 ) 138000 Köpfe. Auf dem 



i) Studie S. 11 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



Amselfelde Uberwiegen die Albanesen, die sich selber Schkipetaren, 
d. i. Felsbewohner nennen, von den Türken aber Amanten genannt 
werden. Es sind die illyrischen Ureinwohner und meist Mohammedaner. 
In den Bezirken Drenica, Kazanik und am Lab machen die Albanesen 
vielleicht zwei Dritteile aus. Aufserdem sind Slaven vorhanden, 
einige Osmanen, Spaniolen (Juden), Zigeuner, die teils ansässig sind, 
teils mit schlechten Zelten aus Ziegenhaardecken herumstreifen, und 
Tscherkessen. Letztere sind in den 50er Jahren aus dem Kaukasus 
eingewandert und bewohnen bei Pristina etwa 100 Häuser. Aufoer 
den Mohammedanern giebt es auch griechische Christen und einige 
Katholiken, welch letztere in diesem Gebiete meist Krypto-Katholiken 
sind, offiziell als Mohammedaner gelten und von der Bevölkerung 
Lasaman genannt werden. 

Die Dorfbewohner beschäftigen sich alle mit Landwirtschaft. 
Die Nachkommen der alten Familien, die Begs oder Beys, leben 
ebenfalls vom Grundbesitze, lassen den Boden aber meist von 
christlichen Zinsbauern bewirtschaften, denn sie betrachten sich als 
Adelige und blicken hochmütig auf den Bauern und Handwerker 
herab. Die Bewirtschaftung der Felder ist eine ungenügende. Man 
sieht Uberall den einfachsten Holzpflug, an dem nur die Schar eisern 
ist. 8 Büffeln oder Ochsen ziehen ihn mühsam durch den harten 
Boden; 4 Personen sind hierbei beschäftigt. Die Egge ist ein mit 
Steinen beschwertes Flechtwerk. Das Getreide drischt man wie 
überall hier zu Lande aus, indem man auf der runden Tenne Pferde 
herumtreibt. Von jeher wurde auf dem Amselfeld die Pferdezucht 
sehr erfolgreich betrieben ; jetzt haben sich die Tscherkessen derselben 
bemächtigt. Auf den Abhängen der nahen Berge weiden vorzügliche 
Schafe, welche zum Beiram-Feste in Konstantinopel die beliebtesten 
Opfertiere liefern. In den Städten pflegt man auch Handel und 
Handwerk, und wären an Erzeugnissen zu nennen: starke Schaf- 
wollstoffe, Teppiche und die Silberarbeiten der eingewanderten 
Tscherkessen. 

Zwischen den beiden Konfessionen besteht eine starre Scheidung. 
Die Moslims hängen zäh an allem Hergebrachten und dulden keine 
Neuerungen. Als mau die Bahn baute, wollten die Bewohner von 
Pristina das moderne Teufelswerk möglichst weit vom Leibe haben, 
und mufste die Station 7 km entternt bleiben. Die Christen siud 
den fortschrittlichen Reformen mehr zugänglich, weil sie davon 
Besserung erwarten. 

Die Bevölkerung ist sehr kriegerisch und jederzeit bereit, zu 
den Waffen zu greifen. Namentlich die Bergbewohner sind von un- 
gezügelter Kraft, die gleich iu das Rohe ausartet. Dabei ist der 



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Das Amselfeltl (Kossovo polje). 



153 



Bildungszustand ein «heraus niedriger. Aach Zusammengehörigkeit 
ist wenig vorhanden. Fortwährende Stammes- Feh den und die 
konfessionellen schroffen Gegensätze liefsen eine solche nur dann 
aufkommen, wenn der Druck des türkischen Despotismus zu grausam 
würde. Faustrecht, Fehde, namentlich auch die Blutrache herrschten 
bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts und teilweise heute noch, denn 
der Pforte ist es durchaus noch nicht gelungen, Ordnung zu schaffen. 
Selbstsucht, Not und eine Art von patriotischer Anhänglichkeit an 
alte Sitte und Unsitte erzeugen fortwährend Auflehnung gegen die 
türkische Oberherrschaft. Der Organismus der türkischen Verwaltung 
ist eigentlich ein ganz guter, dennoch funktioniert derselbe in der 
Provinz Kossova entweder gar nicht oder nur in einer ungenügenden 
Weise. Die Regierung besitzt in einer Reihe von Bezirken, so 
namentlich in Drenica, wenig Autorität Die Behörden und deren 
Organe kommen nur so weit zur Geltung, als es ihnen die Bevölkerung 
erlaubt. Eine Maßregel, welche aus irgend einem Grunde mifsliebig 
ist. kann nicht durchgesetzt werden, wenn sie auch der Padischah 
dekretiert hat. Man zahlt Steuern und stellt Rekruten in beliebiger 
Weise, nur dafs der Schein gewahrt wird. Die Behörden begnügen 
sich meist damit, zufrieden, wenn die Widersetzlichkeit keine offene 
wird. Gewisse Abgaben, wie auch das Tabaks-Monopol, konnten 
Uberhaupt nicht eingeführt werden. So erwies sich auch die öfters 
angeordnete Entwaffnung als einfach undurchführbar. Die Justiz ist 
den Verbrechern gegenüber ebenfalls machtlos; diese fliehen in die 
Berge, und die Behörden haben nicht oder nur selten die Macht, 
ihrer habhaft zu werden. Am schlimmsten sind die Zustände in dem 
nördlich sich anschließenden Novibazar. Mit Gewalt Wandel zu 
schaffen, scheut man sich. Man will sich die Bevölkerung, deren 
Anschlufs die Nachbarstaaten anstreben, auch nicht entfremden und 
sich flir einen Krieg deren wilde Kraft erhalten. Freilich, ihre 
Tapferkeit wird leicht von der Disziplinlosigkeit Ubertroffen. Sie 
kommen auch nur als Hilfstruppen, dies will das amtlich türkische 
Wort Mouavene sagen, in Betracht. Namentlich in den Gebirgen, 
in welchen Stralsen und Eisenbahnen fehlen, haben die begüterten 
Beys noch das Ansehen von Feudal-Herren, und deren Hörige bilden 
eine kriegerische Gefolgschaft. Diese gliedern sich, den Stämmen 
entsprechend, in Bairaks (Fahnen), welche annähernd gleiche 
Stärke besitzen. 

Diese kriegerischen Albanesen haben sich beim Ausbruche des 
letzten Krieges sofort der Pforte angeboten, aber auch ihre Be- 
dingungen gestellt. Die Hauptforderung war, dafs sie sich nur in 
der Offensive den türkischen Generälen unterzuordnen hätten, beim 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



Rückzüge aber nur ihren eigenen Chefs gehorchen wollten. Sicherlich 
wurde dieser Vorbehalt gemacht, um im Notfalle selber die heimischen 
Berge verteidigen zu können, in welche seit der Eroberung Albaniens 
durch Skanderbeg (1443) kein Feind mehr gedrungen ist. 1 ) Von 
den 32000 Mann des Angebots kamen nur 11500 Mann auf den 
Kriegsschauplatz; gegen Schlufs des Krieges aber hatte man bereits 
begonnen, dieselben wegen Unbotmäfsigkeit und Raublust wieder 
zurückzutransportieren. Schon auf dem Hinwege hatten sie eine 
Reihe der gröbsten Exzesse verübt, die größtenteils gegen den ver- 
hafsten Vali von Üsküb gerichtet waren. Man erinnert sich, dals 
im Februar und März dieses Jahres (1900) neuerdings von grolsen 
Unruhen auf dem Amsellelde gemeldet wurde. Uber 3000 Albanesen 
scharten sich in den Bezirken von Pristina. Lipljan, Verisovic, 
Prizren u. a. 0. zusammen. Sie verlangten die Absetzung des un- 
beliebten Vali von Üsküb, Hafuz-Pascha, Ersatz einer grofsen Anzahl 
von Mutesarrifs durch Arnautenfreunde , Abschaffung des Tabak- 
monopols und der Zehentsteuer. Diese Unruhen waren durchaus 
nichts Außergewöhnliches und mir eine Bestätigung der oben au- 
geführten Behauptungen, die schon vor Ausbruch der Unruhen nieder- 
geschrieben waren. Unterm 24. März meldeten die Zeitungen das 
Ende der albanesischen Unruhen: „Gestern würde in Üsküb die 
Abberufung des Vali üafuz Pascha, sowie die Amnestie öffentlich 
verkündigt. Infolgedessen trat vollständige Beruhigung ein." Man 
hat den Albanesen, wie immer, nachgegeben. Ich habe in Üsküb 
dem Vali Hafuz Pascha meine Aufwartung gemacht. Es fiel mir 
sein ungemein strenger Blick auf. Der christliche Vize- Vali Danisch 
Effendi Excellenz, dem ich diesbezüglich eine Bemerkung machte, 
erwiderte mir: „Der Vali ist auch strenge, aber sehr gerecht" — 
Die Verwendung dieser wilden Stämme ist unter allen Umständen 
ein zweischneidiges Schwert. Man weifs dies in der Türkei, kann 
aber das Übel nicht aus der Welt schaffen. Dafs bei der Ohnmacht 
der Behörden hier zu Lande alle Verhältnisse leiden: die Sicherheit, 
der Handel u. s. w., liegt auf der Hand; es ist aber wirklich schwer, 
Wandel zu schaffen. 

Von den Albanesen-Stämmen des Amselfeldes können folgende 
genannt werden ; im Gebiete des Lab : die Klementi und in geringerer 
Anzahl die Bitusch; in Vucitrn: die Schalja; um Pristina: die 
Krasnitschi und Gaschi; im Goljak-Gebirge : die Klementi und 
Krasnitscbi; in Giljan: die Berisch; v. Hahn nennt auch noch die 
Stämme der Emire und Sab. Die Klementi, welche teilweise am 

*) Vergl. Uber die albanesischen Hilfsvülker im letzten Kriege auch : v. der 
Goltz, der Theas. Krieg S. 22 und v. LübelU Jahresberichte 1897. 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



155 



Amselfelde wohnen, hauptsächlich aber in den Gebirgen westwärts 
desselben bis beinahe zum See von Skutari, bilden den grölsten 
ond kampflustigsten aller nordalbanesischen Gebirgsstämme. Die 
Hauptstämme zerfallen wieder in Unterabteilungen. So haben z. B. 
die Beri8ch sieben Zweige. Die Zweige aber spalten sich wieder 
in kleinere Haufen. 

Das albanesische Element auf dem Kossovo polje hat noch 
dadurch eine Verstärkung erhalten, dafs in den Bezirken, welche an 
Serbien abgetreten werden mufsten, die dortigen Albanesen infolge 
schlechter Behandlung ihre Wohnsitze verliefsen und sich dem Kossovo 
polje zuwendeten. Hingegen ist eine Auswanderung der serbisch- 
christlichen Elemente nach Serbien bemerkbar, so dals sich das 
Kossovo polje immer mehr albanisiert. 

Die albanesischen Trachten sind ungemein malerisch und ver- 
schieden nach den Stämmen. In der Regel sieht man: die enge, 
weilse Lodenhose (Tschakschir), weilse Weste (Djamadan), schwarze 
(auch rote) Jacke (Fermen auch Gunj), den breiten Gürtel aus Wolle 
oder Seidenshawls, worin die Waffen u. s. w. untergebracht werden, 
und eine weilse Filzmütze (Tschulah). An allen Kleidungsstücken, 
namentlich auch an den Beinkleidern, sind reiche, gewöhnlich schwarze 
Wolle- oder Seidenverzierungen. Die Frauen tragen weifse, bunte 
Frauenhosen (Dimilija). Die slavische Bevölkerung hat auf dem 
ganzen Amselfelde an äufseren Lebensverhältnissen und in Bezug 
auf die Tracht viel von den an Zahl überlegenen Albanesen an- 
genommen, doch herrscht bei den christlichen Bewohnern vielfach in 
den Kleidungsstücken die braune Farbe vor. 

Zur Geschichte des Amselfeldes. 1 ) 

Die klassischen Geographen bezeugen, dafs in den ältesten 
Zeiten in Rascien das unruhige Hirtenvolk der lllyrier ansässig war, 
und dals sich deren Wohnsitze bis zur Küste des adriatischen Meeres 
erstreckten. Wir wissen, dafs die lllyrier die Überlegenheit 
Makedoniens unter dessen grofeen Königen anerkannten. Im 4. Jahr- 
hundert v. Chr. erschienen die Kelten, und vom 3. Jahrhundert 
v. Chr. bis etwa Christi Geburt waren die Römer Herren des Landes. 
Zwei römische Strafsen liefen eine Stunde von Pristina in Vicianum 
(Cagliavitza) zusammen. Bei der Teilung des römischen Reiches 
(395 n. Chr.) fiel die Landschaft an Byzanz. Während sich in 
diesen Jahrhunderten das illyrische Element vielfach romanisierte, 



i) Auch für diesen Abschnitt enthält die „Studie" sehr verwendbare 
Angaben. 



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156 



Das Amselfeld (Kossovo polje). 



behielten die Binnengebiete von Rascien nnd die Berghirten ihr 
illyrisches Volkstain bei. Diese Illyrier waren die Vorfahren der 
heutigen Albanesen. 

Im 7. Jahrhuadert wanderten die Serben ein und bewohnten 
hauptsächlich die Ebene von Kossovo, die in der Folge der Mittel- 
punkt, das Herz des serbischen Lebens werden sollte. Bald suchten 
sie sich auszudehnen und begannen nun, ihre Macht zu entfalten. 
Beinahe alle Bewegungen dieser unruhigen Jahrhunderte spielten sich 
auf dem Amselfelde ab, das ein zu blutigen Kämpfen bestimmter 
Boden zu sein schien. Hier besiegten sie im 9. Jahrhundert die 
Bulgaren, hier boten sie im 11. und 12. Jahrhundert Venedig und 
Byzanz kühn die Spitze. 

Vom Flüfscben Raschka, welches von Novibazar kommend in 
den von Mitrovitza aus nordwärts fließenden Ibar mündet, nannnten 
die Serben das Land Rascien. Wir wissen bereits, dals der Ibar 
bei Mitrovitza auch die Sitnitza aufnimmt, nachdem diese vorher den 
Lab aufgenommen hat. Der Lab soll die südliche Grenze des 
serbischen Territoriums gebildet haben. 

Die Geschiebte berichtet nun von fortwährenden Kämpfen and 
Scharmützeln mit Byzanz. Der Archizupan (Grofsfürst) Neman 
schlug griechische und wal achische Truppen, welche von seinen ihm 
feindlich gesinnten Brüdern geführt wurden, aui dem Amselfelde, 
nahm dann die auswärtige Fehde auf und eroberte im Bündnisse 
mit Ungarn alle wichtigen, festen Plätze, die das Kossovo polje 
umgeben. Darunter war das beutige Sofia, Üsküb, Prizren nnd 
Niscb. „Und er hat sein Vaterland, welchem die Griechen (Byzanz) 
Zwang antbaten, hervorgehoben, erneut und befestigt;" so berichten 
die serbischen Chroniken. 

„Das Reich, welches Neman im 13. Jahrhundert errichtet hatte, 
blühte 200 Jahre. Kossovo polje sah während dieser Epoche keine 
Krieger; Wohlstand und Arbeit gediehen reich in dem gesegneten 
Teile, diesem volkreichen Gosen Serbiens." 1 ) Dafs die Amsel-Ebene 
6ehr volkreich war, beweist der Umstand, dafs drei nahe beieinander 
liegende Metropolien errichtet wurden: Vucitrn, Lipljan und 
Novo-Brdo. 

König Miljutin (1277 — 1321) sah sich gezwungen, die Grenze 
gegen Osten und Süden zu erweitern, und errichtete auch auf dem 
Amselfelde zwei grolsartige Klöster, von denen eines mit Gold über- 
zogene Mauern hatte. 

Der in den Serbenliedern am meisten besungene Fürst ist Stephan 



•) Studie S. 28. 



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Das AmseltWd (Kossovo polje). 



157 



Dosan (1330—55), der nichts weniger als den griechischen Kaiser- 
thron anstrebte. Er vollbrachte glänzende Waftentbaten: r Aber mit 
seinem Tode zerfiel das Gebäude, das kein Fundament hatte." Die 
einzelnen Bojaren und Machthaber wollten keine Einheit mehr und 
herrschten in ihren Teilftirstentttmern. In diesem Zustande fanden 
die immer weiter vordringenden Osmanen das Serbenland. Die ein- 
heitlich geführte, türkische Macht kam immer näher heran und 
zertrümmerte dann mit geringer Mühe die Kleinreiche; den Serben 
verblieb nur mehr die einstige Wiege ihrer Macht: das rascische 
Land mit dem Amselfelde. An der Spitze dieses Stammlandes stand 
der Knez (Fürst) Lazar, den man mit Unrecht auch Czar nannte). 
Mit allen zu Gebote stehenden Mitteln focht Lazar um seine Un- 
abhängigkeit. Das hatte die grolse Schlacht auf dem Amselfelde 
zur Folge. 

Die groise Serbenschlacht am 15. Juni 1389. 1 ) Als die 
Türken unter Sultan Murad I. von Adrianopel her in Anzug waren, 
liels Kral (Fürst) Lazarus seinen Verbündeten mitteilen, dals Alles 
auf dem Spiele stehe. Gelänge es dem Sultan Murad, sein Heer 
zu vernichten und sich seines Landes zu bemächtigen, so würden 
auch ihre Länder einem gleichen Schicksale nicht entgehen. Mit 
vereinten Kräften aber werde man den gewaltigen Feind leicht zu 
Boden werfen können und sich so Ruhe und Friede auf immer 
erkämpfen. Die Mahnung verfehlte ihre Wirkung nicht. König 
Thwarko von Bosnien, die Fürsten von der Walachei, von Albanien 
und Herzegovina und der Ban der Kroaten erschienen im Frühjahr 1389 
mit ihren Heerscharen im Lager des Krals anf der Ebene von 
Kossovo, wo sich auch ungarische und bulgarische Hilfstruppen ein- 
gefunden hatten. Die Stärke dieses verbündeten Heeres wird auf 
200000 Mann angegeben, und Lazar hielt sich damit stark genug, 
Murad eine Herausforderung zum Kampfe schicken zu können. 

Sultan Murad hatte sein Heer in der Gegend von Philippopel 
zusammengezogen. An der Spitze seiner Truppen, welche durch die 
Hilfsvölker der asiatischen Fürsten Ssaruchan, Mentesche, Aidin 
und Hamid verstärkt worden waren, standen seine beiden Söhne 
Bajesid und Jakub. Von den christlichen Vasallen schlössen sich 
nur wenige Burgherren: die Fürsten von Seradscb und Constantin 



] ) Hauptsächlich nach Zinkeisen, Gesch. d. oeman. Reiches in Europa, 
1. Bd., und v. Hammer, Gesch. d. osman. Reiches I. Bd. — Zinkeisen 
folgt für die Schlacht auf dem Amselfelde zumeist Seadeddin (Tadschet— 
tewarich, d. i. Krone der Geschichte, von Bratutti ins Ital. übersetzt), unter 
Selim III. Prinzenlehrer und Mufti; v. Hammer dem ttirk. Gelehrten 
Neschri (Dschihannuma, d. i. die Weltschau) aus der Zeit Bajesids II. (f 1612). 



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158 



Das Amselfeld (Kossovo polje). 



and der Herr vou Gllstendil notgedrungen an das Heer der Osmanen 
an. Ein mächtiger Hilfsgeuosse war allein schon der Name des 
Ewrenosbegs, des ergrauten Waffengefährten seines Vorfahren ond 
Vaters, des Sultan Urchan. der eben von seiner Pilgerfahrt nach 
Mekka zum Heere zurückgekehrt war. Während nun kleinere Ab- 
teilungen mehrere Gebirgspässe öffneten, war Murad mit der Haupt- 
macht von Süden her in Serbien eingedrungen, hatte die Maritza 
und den westlichsten Gebirgspals des Hämus, den Succi-Pafs (beute 
Ssulu Derbend, d. i. der wasserreiche Pafs) überschrittten und Ichtiman 
erreicht. Von hier aus marschierte er über die Ebene von Alanddin, 
über Köstendill, das Thal Ulu Owa und Karatova. Hier erschien 
ein Gesandter Lazars mit einer herausfordernden Botschaft zum 
Kampfe, eigentlich aber in der Absicht, des Feindes Heer aus- 
zukundschaften. Von da weg Ubernahmen Ewreuosbeg und Jigit Pascha 
die Leitung des vorgeschobenen Vortrabs. Das Heer zog durch die 
Schluchten des Orbelos und erreichte Gümisch hissar (Silberschlols) 
am Ufer der Morava, wo das letzte Lager vor der Schlacht geschlagen 
wurde. 1 ) Noch während der Nacht überschritt sein Heer in sechs 
Abteilungen mit klingendem Spiele den Flufs. An der Spitze dieser 
sechs Heersäulen standen: der Grofsvezier Ali Pascha, Prinz Bajesid, 
Subascbi Ainebeg, Prinz Jakub, Saridsche Pascha und Murad 1. in 
eigener Person. Als es Tag wurde, sah man den Feind in Schlacht- 
stellung vor sich. 

Der Anblick der an Zahl weit geringeren Osmanen hob die 
Kampflust der Christen bis zum Übermute und bis zum unbegreiflichen 
Leichtsinn. Sie hielten sich des Sieges für sicher. Um jedoch den 
Mut des Heeres noch mehr anzufeuern, setzte Lazar die Hand seiner 
Tochter und 10 der bevölkertsten und reichsten Städte seines Landes 
als Preis für denjenigen fest, welcher ihm Murad gefangen vorführen 
würde. Fünf andere Städte bestimmte in gleicher Weise der König 
von Bosnien als Preis der Tapferkeit, auch die kleineren Fürsten 
versprachen, je nach Kräften die Thaten der Ihrigen belohnen 
zu wollen. 

Sultan Murad ging nicht ohne lebhafte Besorgnis in den Kampf, 
zumal als er die unermefslichen Scharen gepanzerter Krieger erblickt 
hatte, welche, wie Seadeddin sich ausdrückte, „die ganze Ebene 
gleichsam in ein Meer von Eisen verwandelten." Er rief seine 
Feldherrn zu einer Beratung zusammen, und diese stimmten für eine 
Schlacht. Einige meinten, man solle im vorderen Treffen die Kamele 
aufstellen, damit die an ihren Anblick nicht gewöhnten Pferde des 



i) Nach v. Hammer S. 176. 



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Das Araselfeld (Kossovo polje). 



159 



Gegners scheaen und Verwirrung hervorrufen möchten. Der Beglerbeg 
Timurtasch sprach gegen diesen Vorschlag, da die Kamele vor der 
schwergepanzerten Reiterei leicht erschrecken und die eigenen Reihen 
in Unordnung bringen konnten. Murads ungestümer Sohn Bajesid 
machte aller Beratung ein Ende, indem er einen offenen Angriff, 
Mann gegen Mann, Brost gegen Brust, verlangte. Der Himmel habe 
bisher so aufserordentlich die Waffen des osmanischen Hauses be- 
günstigt, dafs es dieser Kunstgriffe zum Siege nicht bedürfe. Solche 
Kriegslist würde auch dem Vertrauen auf Gott Abbruch thun. Der 
Grolswesir bestätigte des Prinzen Meinung, denn bei einer in der 
Nacht gepflogenen Koransberatung habe er die Stelle aufgestochen: 
„O Prophet! bekämpfe die Ungläubigen und Gleilsner! und ftlrwabr! 
oft wird eine grolse Schar besiegt durch eine kleine." Den Osraanen 
war ein starker Wind sehr lästig, welcher ihnen unaufhörlich den 
Staub der Ebene in die Augen trieb. Murad war darüber trostlos 
und verbrachte darum die ganze Nacht im Gebete um Hilfe von 
oben. Im serbischen Kriegsrate war der Vorschlag, den Feind 
während der Nacht anzugreifen, von Georg Kastriota, aus dem 
übermütigen Grunde verworfen worden, dals die Nacht, die Flucht 
der Feinde begünstigend, diese ihrer gänzlichen Niederlage entziehen 
könnte. 

Mit Tagesanbruch fiel ein starker Regen, welcher deu für die 
Osmanen so lästigen Staub löschte, und gleich darauf wurde es 
heiterer, klarer Tag, welcher die beiden, schon zum Kampfe ge- 
ordneten Schlachtlinien in ihrer ganzen Ausdehnung und im vollen 
Glänze zeigte. Die Sitnitza (nach anderen der Lab) trennte die 
beiden Heerlinien. Die Serben standen mit dem Rücken gegen 
Norden. Kral Lazarus befehligte die Mitteltruppen, sein Neffe und 
Schwiegersohn Wuk Brankovich den rechten und der König von 
Bosnien den linken Flügel; die Ungarn, Bulgaren, ein Teil der 
Albanesen und die Truppen der Herzegowina bildeten das Hinter- 
treffen. Bei den Osmanen stand Sultan Murad mit den Janitscbaren 
uud 2 000 auserlesenen Bogenschützen wie gewöhnlich im Centrum; 
den rechten Flügel mit den asiatischen Truppen befehligte sein 
älterer Sohn Bajesid, den linken mit den europäischen Truppen 
Jakub. Dem Prinzen Bajesid war Ewrenosbeg und Kurd, der Aga 
der Asaben, dem Prinzen Jakub der Subaschi Ainebeg und der 
General der Pioniere Saridsche Pascha beigegeben. Haider, der 
Meister des Geschützes, stand an der Stirnseite mit dem Geschütze 
zwischen den Janitscbaren, im Rücken der Trofs des Heeres. Leichte 
osmanische Bogenschützen waren auf die beiden Flügel verteilt. 
Diese begannen das Treffen. Das schwer bewaffnete Fulsvolk der 



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1 fiO 



Das Amselteld (Kossovo polje). 



Serben stand aber wie eine Mauer. Auf beiden Seiten waren dann 
die Verluste an Toten und Verwundeten gleich grofs, und lange 
ward ohne ersichtlichen Erfolg gekämpft. Da ruckte der rechte 
Flügel der Serben im Sturmschritt vor, durchstiels die Schlachtlinie 
der Osmanen und brachte deren linken Flügel in Verwirrung. Als 
Bajesid diesen Erfolg der Feinde erkannte, stürzte er sich wie ein 
Blitz mit einer eisernen Keule mitten in das Getümmel und schmetterte 
mit eigener Hand eine Menge der in ihren Rüstungen unbehilflichen, 
serbischen Kitter nieder. Seinem Beispiele folgten die übrigen 
Heerführer der Osmanen mit gleichem Heldenmute. Das Blut der 
Gläubigen und Ungläubigen fiofs nun in Strömen. 

Während der Schlacht gingen die Albanesen unter Wuk zu den 
Türken Uber. Dadurch gerieten die daneben kämpfenden Bosnier 
in Verwirrung und Lazarus selber in eine recht bedrängte Lage, so 
dals er sogar in Gefangenschaft fiel. Die Osmanen waren dann 
unbestritten Sieger. Aber mitten im Siegesrausch wurde Sultan 
Murad durch den serbischen Edlen Milosch Kobilowitsch (Obilitsch), 
der sich unter den Verwundeten verborgen haben soll, tödlich ver- 
wundet. Unter dem Vorwande, dals er dem Sultan ein Geheimnis 
anzuvertrauen habe, bückte er sich, als ob er die Fülse Murads 
küssen wollte, und stiefs ihm den Dolch in den Leib. Mit gewaltigen 
Sprüngen eilte er weg, um sein Pferd zu erreichen; dreimal rettete 
er sich aus dem Gemenge der Verfolgenden, erlag aber dann der 
Übermacht und wurde von den Leibwachen und Janitscharen nieder- 
gehauen. Im Zeughause des alten Serais in Konstantinopel soll 
seine und seines Pferdes Rüstung aufbewahrt sein. Das heute bei 
den Audienzen des Sultans beobachtete Cereraoniell waffenloser Ein- 
führung durch Kämmerer, welche dem Eingeführten die Arme halten, 
schreibt sich als Vorsichtsmafsregel von Murads Todesart her. 1 ) Noch 
ehe Murad starb, übergab er die Herrschaft seinem Sohne Bajesid, 
welcher auf dem Schlachtfelde die Huldigung der Vasallen 
durch den Fulskuls erhielt. Fürst Lazarus wurde mit anderen Edlen 
neben Murads Leiche hingerichtet. 

Der grölste Teil der Verbündeten, welche nicht durch die 
Schwerter und Keulen der Osmanen umgekommen waren, fiel in 
Gefangenschaft, wurde in Fesseln geschlagen und in die Sklaverei 
abgeführt. Des Lazarus Sohn Stefan unterwarf sich dem jungen 
Sultan Bajesid, indem er ihm Heeresfolge und Tribut versprach. 
Nur Georg Kastriota, den die Türken Skanderbeg nennen, rettete 



') v. Hammer 1. S 180 (1884) nach d. türk. Geschichtsschreiber Ii Ssolaksade 

(f 1649). 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



161 



sich vom Schlachtfelde und erhielt sich mit einem beispiellosen 
Heldenmnte, so lange er lebte, den Osmanen gegenüber seine Un- 
abhängigkeit. Das Serbenreich war zertrümmert, und nur kleinere 
Fürstentümer behaupteten sich noch eine Zeit lang (bis 1459) als 
tribntäre Lehensgebiete des Sultans. Ein Teil der versprengten 
Serben flüchtete in die nahen, beinahe unzugänglichen Berge und 
hielt sich daselbst unter ständigen Kämpfen gegen die Türken un- 
abhängig bis auf den heutigen Tag. Dies sind die Montenegriner. 

Sultan Murad I. starb im 60. Jahre seines Alters. Auf dem 
Schlachtfelde ward an der Stelle, wo er den Todesstofs empfangen, 
ein Kuppelgrab errichtet, in dem seine Eingeweide beigesetzt wurden ; 
den einbalsamierten Leichnam aber nahmen sie mit nach der türkischen 
Hauptstadt Brussa. Seinem Sohne Bajesid gaben sie den Beinamen 
„Jilderim- 4 d. i. „der Blitz oder Wetterstrahl u , von der vernichtenden 
Kraft seiner Schläge. Bajesid befleckte seinen Sieg durch eine 
Greueltbat, indem er noch auf dem Schlachtfelde seinen tapferen 
Bruder und Mitkämpfer Jakub erdrosseln liefe. Seitdem blieb im 
Hause der Osmanen der Brudermord ein gesetzliches Mittel, welches 
den Thron stützen sollte. — 

Die Schlacht auf dem Amselfelde ist die erste bedeutende offene 
Feldschlacht, welche die Osmanen in Europa gekämpft haben. Sie 
offenbarte die entschiedene Überlegenheit des leichten osmanischen 
Fulsvolkes über die schwergepanzerten Heeresmassen der Abend- 
länder. Die europäische Kriegskunst zog aber die Lehre, welche 
ihr auf der Ebene von Kossovo gegeben wurde, noch lange nicht. 
Die Türken blieben seit dieser wichtigen Schlacht auf dem Amsel- 
felde die unbestrittenen Herren des südöstlichen Europas. Alle 
Länder der grofsen Balkan-Halbinsel fielen nun der Reihe nach in 
ihre Hände, ja bald zitterten selbst die grofsen Reiche des Abendlandes 
vor den asiatischen Eroberern. 

Die serbische Überlieferung erzählt Uber den Tod Sultan Murads 
Folgendes: Milos Obilic soll die That aus gekränktem Ehrgeize be- 
gangen haben. Wukaschava und Mara, die Töchter Lazars, die 
erste mit Milos, die andere mit Wuk Brankovic vermählt, stritten 
Uber den Wert ihrer Gatten, wobei sich zutrug, dafs Wukaschava 
ihrer Schwester einen Schlag ins Gesicht gab. Die Folge war eiu 
Zweikampf der beiden Gatten, der damit endigte, dafs Milos seinen 
Gegner aus dem Sattel warf. Darob ergrimmt, verleumdete Wuk 
seinen Rivalen beim Könige und verdächtigte ihn des Einverständnisses 
mit den Türken. Als nun am Vorabende der Schlacht Lazar mit 
seinen Edlen zechte, trank er dem Obilic zu. Darauf erwiderte 
dieser: „Dank dir! Der morgige Tag wird meine Treue bewähren/ 



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102 



Da» Amselfeld (Kossovo polje). 



Man erzählt auf dem Amselfelde auch noch Folgendes: Wuk 
Brankovic, der Schwiegersohn Lazars, welcher während der Schlacht 
zu den Türken überging, lagerte vor der Schlacht auf dem Berge 
Golesch. Infolge dieser Untreue wächst auf dem Golesch kein Gras 
mehr, und man nennt ihn darum „Kahlenberg". Die Treulosigkeit 
Wuks ist aber nicht verbürgt. 

Die kriegerischen Ereignisse seit der grofsen Schlacht. 
In der nächsten Zeit griff das albanesische Element auf dem Kossovo 
polje immer weiter um sich. 1403 erschienen die Türken neuerdings, 
wurden aber diesmal vom Nachfolger des Knez Lazar, Stefan Lazarevic, 
auf dem Amselfelde auf das Haupt geschlagen. 

Bis zur endgültigen Unterwerfung Serbiens and Bosniens unter 
den Halbmond war Rascien noch wiederholt der Schauplatz von 
Kämpfen zwischen den Türken und Serben, Bosniern und Ungarn. 

1448 zog Johann Hunyady mit dem schönsten Heere, das Ungarn 
je gestellt hatte, gegen Murad II. auf das Amselfeld. Es waren 
mehr als 24000 Mann, daronter 8000 Walachen unter ihrem 
Woiwoden und 2000 deutsche und böhmische Büchsen. Mitte Oktober 
verschanzte er sieb mit seinem Heere auf dem Kossovo polje. 
Murads Heer, 150000 Mann stark, brauchte 3 Tage zum Übergange 
Uber die Sitnitza. Hunyady verschmähte es, die albanesischen 
Hilfstruppen abzuwarten, und ging den Osmanen entgegen. Am 
Vorabende von St. Lukas (17. Oktober) ordneten sich beide Heere 
zur Schlacht. Die Schiachtordnung der Türken war die gewöhnliche: 
rechts die europäischen, links die asiatischen Truppen, in der Mitte 
die Janitscharen, vor denen erst ein Graben, dann die Kamele und 
dann die in die Erde gesteckten Schilde eine dreifache Verteidigungs- 
linie bildeten. Auf dem rechten Flügel des ungarischen Heeres 
standen die Ungarn und Szekler, auf dem linken die walachischen 
Hilfstruppen, in der Mitte die deutschen und böhmischen Büchsen 
mit den Siebenbürgern. Es kam jedoch in diesem Tage nur zu 
Zweikämpfen und Scharmützeln der leichten Truppen und erst am 
Lukastage gegen Mittagszeit zur Hauptschlacht. Hunyady ordnete 
sein Heer in 38 Geschwader, während Murad in grofsen Massen 
heranzog. Bis in die sinkende Nacht wurde mit gleicher Tapferkeit, 
aber mit unentschiedenem Erfolge gekämpft. Hunyady hoffte nun, 
dals sich das türkische Heer, das noch keinen Erfolg errungen, aber 
sich viele Verluste zugezogen hatte, während der Nacht zerstreuen 
würde. Man beschlofs auch im Kriegsrat einen nächtlichen Angriff, 
erzielte aber damit keinen Erfolg. Als der Tag anbrach, wurde die 
Schlacht auf beiden Seiten erneut. Den Ausschlag gab diesmal der 
Verrat der Walachen, die während der Schlacht zu den Türken 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



163 



übergingen. Gegen abend schickte Hunyady die Deutschen nnd 
die Geschütze an die Stelle, wo der Hauptwiderstand war, und er- 
griff mit seinen Vertrauten die Flucht. Am folgenden Tage fielen 
die Türken Uber die Geschütze und Wagen her, welche von den 
Deutschen und Böhmen mit Heldenmut verteidigt wurden, aber die 
Türken wurden nun mit leichter Mühe die Herren des Schlachtfeldes. 
Was sich retten konnte, flüchtete nach Belgrad zurück. 17000 waren 
von Hunyadys Heer gefallen, darunter die Blüte des ungarischen 
Adels; von Murad die doppelte Zahl. Drei Tage hatte der Kampf 
gewährt, welcher das Amselfeld mit Gebeinen bedeckte und die 
Fluten der Sitnitza mit Leichnamen schwellte. Diese Niederlage 
verdunkelte den Feldherrnruhm Hunyadys, welcher diese Schlacht 
wohl nicht verloren hätte, wenn er die von Skanderbeg versprochene 
Hilfe der Albanesen abgewartet hätte. 1 ) 

Alsbald wurde das Amselfeld eine türkische Provinz. Serbien 
folgte 1454, die Walachei 1462, Herzegovina 14(55, Albanien 1467 
und Bosnien 1526. Aus Kascien machte man ein Paschalik, welches 
dem Beglerbeg von Rumelien unterstand. Aber auch um diese Zeit 
wurde das Kossovo polje öfters Kriegsschauplatz. 

Österreichische Truppen kamen wiederholt nach Kascien. 1689 
war ein kaiserliches Heer in Serbien einmarschiert und hatte Nisch 
erobert. Von hier aus drang Graf Piccolomini auf das Kossovo 
polje vor, besetzte Pristina, das Defilee von Kazanik und liels bis 
CskUb streifen. Graf Piccolomini starb in Pristina und wurde in 
der katholischen Gemeinde zu Prizren beigesetzt; seine Grabstätte 
ist aber heute unbekannt. Sein Nachfolger im Kommando, der 
Herzog von Holstein und dessen Untergebene verstanden es nicht, 
sich die Sympathien der das Amselfeld und dessen Umgebung be- 
wohnenden Albanesen, welche sich den Kaiserlichen angeschlossen 
hatten, zu erhalten. Als die Türken das Defilee von Kazanik an- 
griffen, gingen die Albanesen. deren Ratschläge man mit Beschimpfungen 
abgewiesen hatte, während der Sehlacht zu den Türken Uber, und 
letztere trugen damit den Sieg davon. Der Führer, Oberst v. Strasser, 
fiel samt seinen Offizieren: dem Prinzen von Hannover, den Grafen 
Styrum, Gronsfeld und Auersperg im Kampfe. Einige Truppen 
konnten sich nach Pristina retten, von wo aus sie General Herzog 
von Holstein nach Nisch zurückführte. Um diese Scharte auszuwetzen, 
besetzte General Veterani abermals das Kossovo polje mit Pristina, 
allein bereits im September 1690 übergaben die Kaiserlichen den 
Türken Nisch und zogen sich zurück. Das Kossovo polje war somit 
ein ganzes Jahr von kaiserlichen Truppen besetzt gewesen. 

*> v. Hannaer, I. Bd. 11. Buch. 



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164 



Das Amselfeld i Kossovo polje). 



1737 eroberte eine kaiserliche Armee unter Feldmarechall 
Graf v. Seckendorf wieder Nisch. Neuerdings hatten sich die 
Albanesen des Kossovo polje und seiner Umgebung, darunter besonders 
der katholische Stamm der Klementi, den Kaiserlichen angeschlossen, 
v. Seckendorf mufste sich aber doch wieder an die Donau zurück- 
ziehen. Einige 100 Familien der Klementi gingen damals mit und 
liefsen sich fortan in Syrmien (Slavonien) nieder. 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machten sich in türkischen 
Provinzen verschiedene Selbstherrlichkeitsbestrebungen geltend. 
Mächtige Feudalherren suchten, ein möglichst grolses Macht- 
gebiet zu erlangen und sich von der Cenlralgewalt in Konstantinopel 
bis auf eine scheinbare Botmälsigkeit unabhängig zu machen. Im 
südlichen Teile von Rascien herrschten damals die Feudalherren von 
Pristiua. Im Jahre 1786 sandte der Serasker von Kumeli im Auf- 
trage der Hohen Pforte ein Heer gegen den uubotmäfsigen Vezier 
von Skodra (Skutari) Mahmud Pascha Busatli. Letzterer trat auf 
dem Kossovo polje der grofsberrlichen Armee entgegen und 
zersprengte sie. 

Im Laufe des serbischen Freiheitskrieges drangen die Führer 
der Serben zweimal gegen Rascien vor, gelangten aber nur bis 
Novibazar und wurden dort von einheimischen Mohammedanern 
zurückgeworfen. 

1831 erschienen auf dem Kossovo polje die Heere des Erb- 
statthalters von Skodra, des Mustafa Pascha Busatli und des Kapetans 
Hussejn Beys Gradascevic. letzterer mit bosnischen Malkontenten. 
Gegenüber stand der Grolsvezier Mehmed Reschid Pascha. Mustafa, 
welcher gegen Monastir vorgegangen war, wurde geschlagen und 
zog sich darauf wieder nach Skodra zurück; Kapetan Hussejn, 
welcher nicht Uber das Amselfeld hinausgekommen war, ging, da 
er bei den rascischen Feudalherren und der Bevölkerung nicht die 
erwartete Unterstützung gefunden hatte, nach Bosnien zurück. 

Als nach der Okkupation Bosniens und der Herzegovina durch 
Osterreich- Ungarn nach dem Berliner Vertrage Teile Rasciens ab- 
getreten werden sollten, kam es zu Unruhen, indem sich einige 
Notabein widersetzten. Indem aber der S ali von Pristina energisch 
eingriff unu* einige der Widerspenstigen gefangen setzte, wurde der 
Widerstand aufgegeben. 

Immerfort geben Klagen uud Unzufriedenheit den Grund zu 
neuen Unruhen. Die Ansammlung mehrerer Tausende von un- 
zufriedenen Aibanesen im Frühjahr liKX) wurde bereits im vorher- 
gehenden Kapitel angeführt. 



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Das Amselfetd (Kossovo polje). 



165 



Mein Besuch des Amselfeldes. 1 ) 

Zibeftsche ist die türkische Grenzstation auf der Bahnlinie 
Belgrad — Saloniki. Schon hier erfuhr ich von der türkischen Zoll- 
behörde grofse Aufmerksamkeit und viel Entgegenkommen. 86 km 
südwärts liegt dann UskUb (slav. Skoplje, im Altert. Skopia), ein 
grofser Ort mit etwa 30000 Einwohnern, in einer weiten, rings von 
Bergen umschlossenen Ebene. Auf einem steinigen Plateau bemerkt 
man Kasernen, ein altes Kastell und die gut erhaltenen Bogen einer 
grofsen, römischen Wasserleitung. Sehr liebenswürdig zeigten sich 
die deutschen Sektions-Ingenieure Finazzer und Wiegand, denen ich 
empfohlen war. Ich machte alsbald meine Aufwartung beim Vali 
Hafuz Mehmed Pascha, der im März 1900 wegen der Gärung in 
der albanesischen Bevölkerung abberufen worden ist, und beim 
Garnisons-Altesten Mendouch Pascha, Brigadegeneral. Den Vize- Vali 
Danisch Effendi, Excellenz, einen sehr gefälligen alten Herrn, hatte 
ich schon vorher kennen gelernt. Herr Wiegand war so aufmerksam, 
mit mir den noch recht jugendlichen Oberst Hamdy Bey und den 
Major Saly Bey, zwei Schüler des Generals von der Goltz, in seinem 
schönen Heim zu Gaste zu bitten. Hamdy Bey, im letzten Kriege 
General Stabsoffizier, hat seinem Lehrer grolse Ehre gemacht. 3 ) Er 
erzählte mir eine Reihe von Details, welche die starre Form der 
alten Schule beleuchteten. 

Dreimal wöchentlich fährt die Bahn auf der 120 km langen 
Strecke von Üsküb nach Mitrovitza. Als ich morgens 7 Uhr weg- 
fuhr, begleitete mich Herr Finazzer, dem diese Strecke unterstellt 
ist. Er wollte mir durch seine Begleitung gefällig sein; aufserdem 
sollte er einen Vorfall untersuchen, denn es war in der Nacht vorher 
anf einen seiner Bahnwärter geschossen worden. Letzteres ist in 
diesen Gegenden durchaus kein Ereignis, wie ich durch andere 
Beispiele noch erläutern werde. Für den geringen Verkehr siud 
nur wenige Waggons benötigt. 

Bald hatten wir die Wardar- Ebene hinter uns und sahen uns 
dann in einem engen, malerischen Feisthaie, das sich der Lepenac 
zwischen den Wänden des Schar- und Kara-Dags durchgewühlt bat. 
Geht dann das mehrere Stunden lange Lepenac-Defilee zu Ende, so 
liegt am Ausgange malerisch der grolse Ort Kazanik (Orhanie) 
mit einer grolsen Moschee und vielen weifsen, im Grün beinahe 
verborgenen Häusern. Auf einem Felsen steht die Ruine eines 
Kastells, das seit alter Zeit den Pafseingang völlig absperrte, da 
man es nicht leicht umgehen konnte, v. Hahn erzählt, dafs die 

i) Im September 1899. 

3 ) Vergl. v. der Goltz; der Teaa. Krieg S. 85 und 111, Anmerkg. 

Jahrb&cher fttr dl» d«uUch» Arme« und M»rin«. Bd. 116. 3. 12 



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166 



Das Amselfeld (Kossovo polje). 



Barg in alten serbischen Liedern erwähnt wird nnd bis zum Anfange 
dieses Jahrhunderts der Sitz von Wegelagerern geblieben ist. Erst 
im Jahre 1807 gelang es Raschid Pascha von Kalkandele, die 
Gegend von den Räubern zu säubern, nachdem er den Wald, in 
dem sie sich in der Kegel aufhielten, niedergebrannt hatte. Die 
ganze Landschaft Überhöht der zur Linken liegende Ljubotm. 

Längere Zeit hält der Zug auf der Station, so dals man 
Gelegenheit hat, die zahlreiche Bevölkerung, die sich zur Ankunft 
des Zuges einzufinden pflegt, zu beobachten. Aufser einigen Spaniolen, 
Zigeunern und Osmanen bemerkt man vornehmlich die bis an die 
Zähne bewaffneten Albanesen in ihren eigenartigen, malerischen 
KostUmen. An einigen sieht man Revolver mit schönen, in Silber 
getriebenen Griffen und silberne Peitschen -Stöcke (tscherkessische 
Arbeiten). Es sind in der Regel Beys, welche eine Schar von reich 
bewaffneten Knechten und Kawassen umdrängt. Dafs dies sehr 
schwierige Unterthanen sind, welche die Obrigkeit nur so weit 
respektieren, als es ihnen gut dünkt, wurde bereits bemerkt Ein 
Zollbeamter untersuchte mit einem eisernen Stocke einen Ballen 
nach Tabak. Es sei nur zum Schein, sagte man mir, denn wehe 
ihm, wenn er den Versuch machen wollte, einen Albanesen zu 
malsregeln. Einige der oben auf den Bergen liegenden Ortschaften 
sind so unfriedsam, dals sie jedem Fremden — hierzu zählen sie 
in erster Linie alle Regierungs-Beamten — den Eintritt verwehren. 
Aber auch unter sich genügt ihnen der geringste Anlafs, um zu den 
Waffen zu greifen. Man zeigte mir auf der Weiterfahrt zwei Berg- 
dörfer, die sich vor wenigen Tagen wegen einer Viehweide ein 
mehrtägiges, regelrechtes Gefecht geliefert uud hierbei im Boden 
tadellose Deckungen eingerichtet hatten. Ein gröfseres Truppen- 
aufgebot von Pristina machte dem Unfug ein Ende. Ein Teil der 
Kampflustigen entzog sich der Gewalt und flüchtete in die Berge, 
andere wurden mitgenommen. 

In Verisovic war der Verkehr noch lebhafter als an den anderen 
Stationen. Es wird rings herum viel Kukuruz gebaut, auch geht 
von hier ein Weg ab nach Prizren, einem der wichtigsten Orte 
Albaniens. Was an den Stationen an Lebensmitteln angeboten wird, 
ist sehr bülig: 1 Ei = 1 Pf., 1 Pfd. Rindfleisch = 15 Pf., 1 Oka 
(2*/i Pfd.) Trauben = 5 Pf. — Beinahe unmerklich kommt man 
vom Gebiete des Lepenac in das der Sitnitza, welche in entgegen- 
gesetzter inördl.) Richtung flielst. Langsam senkt sich die Landschaft 
zur nördlichen Hälfte des Kossovo polje, dem eigentlichen Amsel- 
felde, einer ausgesprochenen Ebene mit mancherlei kleineren Un- 
ebenheiten. An dieser Stelle etwa ist das Dorf Babusch. Es wird, 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



IGT 



wie v. Barth anführt, nur von einer einzigen, anf 10 Häuser ver- 
teilten Familie bewohnt Diese datiert ihren Ursprang bis zur Schlacht 
von Kossovo polje 1389 zurück. Damals erhielt ihr Anführer für 
wichtige Kundschaftsdienste, welche er dem Sultan Murad I. geleistet, 
dieses, mit den Gründen mehrere Stunden im Umfange haltende 
Dorf als steuerfreien Besitz. Erst durch die Keforraen im Steuer- 
wesen sollen die Nachkommen dieses Privileg verloren haben. Die 
Berge zu beiden Seiten der Ebene zeigen meist eine gelbrote 
Färbnng mit dunklen Flecken, die von gröfseren Komplexen Gestrüpp 
herrühren. Auf der Ebene standen ehedem, zur Zeit des serbischen 
Reiches, anmutige Dörfer; jetzt sieht man, die angeführten Orte ab- 
gerechnet, nur Viehweiden und da und dort einen wilden Birnbaum. 
Mitunter gewahrt mau auch auf der Heide einen Friedhof ohne 
Einfriedigung. Gewöhnliche, unbehauene Feldsteine, wirr durch ein- 
ander liegend, bezeichnen die Gräber; Schafe und Pferde weiden 
zwischen den Steinen. 

Auf einer anderen Station, es wird Lipljan gewesen sein, 
zeigte man mir einen besouders reich gekleideten Albanesen, einen 
Bey, den eine gröfsere Schar von bewaffneten Kawassen umdrängte. 
Gleichzeitig erzählte man mir folgende Geschichte: Vor einem 
Monat ungefähr, als sich der Bey ebenfalls zur Ankunft des Bahn- 
zuges eingefunden hatte, schols auf ihn aus nächster Nähe ein junger, 
etwa 14jähriger Bursche, dessen Vater der Bey hatte töten lassen 
also Blutrache. Obwohl dein jugendlichen Rächer Dutzende von 
Kugeln nachgejagt wurden, entkam derselbe doch, indem er über 
die Hürden hinweg ins Freie floh. Dort lief er einigen Zaptiehs in 
die Hände, welche ihm das Gewehr abforderten, aber Sicherheit 
versprachen und ihn dann mitnahmen. Die Mannen des Beys aber 
drangen in die Behausung der Gendarmen ein und hieben dort den 
Jungen buchstäblich in Stücke. Heute, nur wenige Wocbeu nach 
der Blutthat, kommt der Bey mit den Seinen beinahe täglich un- 
angefochten auf den Bahnhof." — Die Blutrache dezimiert die 
Stämme und fordert unendlich viele Opfer. Sie setzt sich im Wechsel 
oft solange fort, bis von einer Familie keine männlichen Angehörigen 
mehr am Leben sind. Die Blutrache ist nicht Stammes- sondern 
Familiensache, und zwar obliegt sie dem nächsten Verwandten des 
Getöteten. — Ein Bahnwärter fiel mir auf, der nicht nur sein Gewehr 
auf dem Kücken trug, sondern auch noch einen schönen Revolver 
mit silbernem Griffe im Gürtel stecken hatte. Dafür gab man mir 
folgende Erklärung: „Der Albanese war behilflich gewesen, ein 
serbisches Mädchen, das ein Türke in seinen Harem gesteckt hatte, 
wieder ausfindig zu machen und zu befreien. Dafür erhielt er vom 

12* 

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168 



Das Auiselfeld (Kossovo polje). 



serbischen Konsul den schönen Revolver als ein Zeichen der An- 
erkennung." 

Ein gutes Stück seitwärts in den Bergen liegt Gilan und 
einige Stunden davon nordwärts der alte Flecken Novo brdo. 
Daselbst hat sich die Ruine eines festen Schlosses aus der vor- 
türkischen Zeit erhalten. Es scheint eine wichtige und Achtung ge- 
bietende Festung gewesen zu sein, denn, wie berichtet wird, wagte 
Sultan Murad I., als er gegen Kral Lazar heranzog, nicht, das 
Kastell im Rücken zu lassen, sondern scheute nicht Aufenthalt und 
Mühe einer Belagerung, um sich desselben zu bemächtigen und es 
dann zum Stützpunkte seiner eigenen Operationen gegen das 
Kossovo polje zu machen. Lipljan ist meist von serbischen Christen 
bewohnt. 

Die Stadt Pristina mit 21000 Einwohnern, Hauptstadt des 
gleichnamigen Sandschaks und damit Sitz eines Mutesarrifs und 
eines Paschas, liegt zwei Stunden von der Station entfernt, am 
Ostende der Ebene und am Fufse der Berge. Der Grund für die 
weite Entfernung der Bahnstation wurde bereits angegeben. In- 
zwischen haben die Pristiner den Vorteil einer Bahn erkannt und 
sich eines Besseren besonnen. Nuu forderten sie mit gleichem 
Ungestüm einen Bahnhof, so nahe als möglich an ihrer Stadt Als 
man ihnen nicht gleich willfahrte, drohten sie, auf weite Entfernung 
alle Bahngebäude niederzubrennen. Es bleibt wohl nichts anderes 
übrig, sagte mir der Ingenieur, als dals man ihnen eine Zweigbahn 
hinüber baut. 

Vucitrn ist eine kleine Bezirksstadt, die von einer besonders 
fanatischen und ungezügelten albanesischeu Bevölkerung moham- 
medanischen Bekenntnisses bewohnt wird. Hier zeigten sie 
mir einen hochgewachsenen Mann, der sich gezwungen sah, in 
kurzer Zeit vier Albanesen niederzuschiefsen. Nun ist Ruhe, denn 
die feindliche Familie hat Niemanden mehr, der die Rache aus- 
üben könnte. 

Auf der Endstation Mitrovitza war ein grofses Gedränge. 
Man sah viele Albanesen, müfsige Soldaten, Offiziere, Beamte und 
Kawassen. Zu meiner Überraschung erfuhr ich einige Momente 
später, dafs raeine Wenigkeit den Gegenstand des Interesses bildete. 
Meine bevorstehende Ankunft war von Üsküb aus von amtswegen 
hierher telegraphiert worden. Mehrere Polizei-Offiziere traten aut 
mich zu und beehrten mich mit einer Ansprache. Daun bedeuteten 
sie mich, in einem Wagen, der eben heranfuhr, Platz zu nehmen. 
Mit Verlegenheit blickte ich auf das Fahrzeug: wie sollte ich da 
würdevoll hineinkommen! Es war eine Taleka, ein langer Wagen, 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



1G9 



der statt mit der üblichen Leinwandblahe mit einem Weidengeflechte 
Uberspannt war. Sitze gab es nicht, dagegen war anf dem Boden 
frisches Stroh aulgeschüttet. Ich kletterte in den Wagen; der 
Ingenieur und 2 Offiziere folgten. Drei Reiter mit auf der Hüfte 
aufgestemmten Karabinern ritten an der Spitze, und dann setzte sich 
der seltsame Zug in Bewegung. Die Stadt liegt ein halbes Stündchen 
von der Station entfernt. Auf den Hügeln an der Stralse standen 
in dichter Menge viele Neugierige, namentlich Soldaten, die hier 
oben ein Lager haben. Als dann das Pflaster begann, gingen die 
Heiter in eine höhere Gangart Uber; bei jedem Schritt warf es uns 
nun fulshocb in die Höbe. Ich hielt mich fest und bifs die Zähne 
zusammen, in der Absicht, dieses Ungemach mit der Ehrung in 
Kauf zu nehmen. Es war aber wirklieb nicht länger zu ertragen; 
ich liels halten, und dann setzten wir den Weg zu Fufs zwischen 
Heiter und Wagen bis zum Konak fort. Es war Freitag, türkischer 
Feiertag, au dem die Kanzleien geschlossen sind. Gleichwohl 
wartete der Kaimakam in tadellosem, schwarzen Anzüge auf den 
Besuch. Während der üblichen Bewirtung liefs er merken, dals 
auch der Pascha auf einen Besuch rechne. Alsbald brachen wir 
auf. wobei uns der Kaimakam das Geleite gab. Am Thore der 
Firka (Kommandantur) erwiesen 4 Posten stramme Ehrenbezeugung. 
Ob dieser Aufwand immer gemacht wird, oder die Posten wegen 
des deutschen Fremdlings verstärkt worden waren, weifs ich nicht, 
die Türken pflegen mit Ehrenposten nicht zu kargen. Der Brigade- 
Kommandeur Nouri Pascha erwartete ebenfalls sichtlich den Besuch. 
Diesmal hatte ich mir eine wirkungsvolle Ansprache zurecht gelegt. 
Mit ernster Aufmerksamkeit hörte der Pascha auf meine wohlgesetzte 
Rede und nickte wiederholt zustimmend. Als ich dann die Konversation 
fortsetzen wollte, merkte ich, dafs er nicht französisch verstand; der 
Ingenieur mufste als Dolmetsch dienen. Soldaten und Unteroffiziere 
mit blofsen Füfsen brachten den unvermeidlichen schwarzen Kaffee. 
Auch andere Offiziere und Beamte fanden sich ein. Man erwartet 
bei allen diesen V isiten, dafs man möglichst kurz möglichst viel 
Uber Heimat, Ziel und Zweck der Reise mitteilt. Als wir uns hier 
verabschiedet hatten, stiegen wir, von einem Offiziere geleitet, an 
Kasernen, einem Spital und Friedhof vorUber, auf die nahe Höhe. 
Oben waren mehrere Schuppen und im Freien die Geschütze von 
zwei Kruppschen Batterien. Man hatte über jedes Geschütz, um es 
vor den Witterungseinflüssen zu schützen, ein Zelt gestülpt. Hunderte 
von Pferden standen auf mehreren Terrassen des Abhanges in luftigen 
Laubgängen, die mit Eichen gestrtlpp gegen die Sonne eingedeckt 
waren. Die Pferde hatten keine Streu unter sieh, sondern befanden 



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170 



Das Amselfeld (Kossovo polje). 



sich, wie ich es schon anderswo (in Plevlje) gesehen hatte, in 
flachen Mulden von weicher, schwarzer Erde. Eine lange Kolonne 
wurde eben ungesattelt zur Tränke geritten. Es waren Pferde der 
verschiedensten Grölse und Abstammung und durchwegs in schlechtem 
Zustande. Ein Offizier mufste den Inhalt meiner Bemerkungen er- 
raten haben, denn er trat heran und äufserte meinem Begleiter 
gegenüber, dals es Pferde von Tragtierkolonnen wären, welche die 
anstrengendste Zeit hinter sich hätten. Als später eine andere 
Kolonne zum Tränken abrückte, sah ich durchwegs grolse und gute 
Pferde, die sich alle in entsprechendem Futterzustande befanden und 
während der letzten Monate wohl nicht sonderlich angestrengt worden 
sind. Es waren die Pferde fltr die beiden Batterien. 

Von der Höhe bietet sich ein prächtiger Blick auf Mitrovitza 
und die Landschaft im Norden. Den Hintergrund bilden die gezackten 
Kämme des Rogozno-Gebirges. Obwohl die Abhänge gegen Mitrovitza 
mit Felsen und Geröllhalden bedeckt sind, sollen auf dem aus- 
gedehnten Gebirge doch viele Nadelwälder, auch Felder und saftige 
Viehweiden vorhanden sein. Mau sieht wie der lbar aus den 
albanischen Bergen tritt, bei Mitrovitza die Sitnitza aufnimmt und 
dann von den Bergen eingeengt gegen das nahe Serbien weiter 
nieist. Er ergiefst sich später in die Morava. Auf einem auffallenden 
Felskegel sieht man auch die Ruinen der serbischen Königsburg 
Zvacan, die lange Zeit Wächterin und Schlüssel des Amselfeldes 
gewesen ist. Schaut man nach Süden, so überblickt man das lang- 
gestreckte, rings von Bergen abgeschlossene Kossovo polje, das am 
Südende bei Kazauik das Wahrzeichen der Landschaft, der Ljubotrn 
Uberragt. 

Wir hatten heute noch den Ritt auf das alte Schlachtfeld 
unternehmen wollen, da aber der Tag schon zu weit vorgerückt 
war, verschoben wir den Ausflug auf den kommenden Morgen. Auf 
der Station bestiegen wir eine bereit stehende Draisine, welche 
stämmige, mit Gewehren bewaffnete Albanesen bewegten, und führen 
etwa 25 km in südlicher Richtung zurück, um in der Nähe der An- 
siedluug Plebetin, im Hause eines Bahnmeisters, die Nacht zu ver- 
bringen. Unterwegs besuchten wir den Bahnwärter, auf den in der 
vergangenen Nacht, während er auf seinem Lager sich befand, durch 
das Fenster geschossen worden war. Die beiden Kugeln waren 
neben seinem Kopfe in die Wand gedrungen. Er machte es uns 
vor, wie er jede Nacht sein Fenster mit Bohlen verbarrikadierte, 
nur obeu war eine Spanne breit frei. Den Vorschlag einer Ver- 
setzung nahm er nicht an. „Allah giebt das Leben und nimmt es;* 
sagte er, „wenn sie auch mich erschiefsen, meinen Brüdern kommen 



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Daa Amsclfeld (Kosaovo polje). 



171 



sie nicht aus." Inschallah! — Ein benachbarter Bahnwärter, dem 
Ahnliches passiert war, hatte es folgendermafeen gemacht Er liefs 
innen in der Stube ein Licht brennen und setzte sich mehrere Tage 
mit dem Gewehr in der Hand in der Nähe auf die Lauer. Als 
dann eines Tages die Gegner an das Fenster geschlichen kamen, 
knallte er sie nieder. 

Das Haus des Bahnmeisters ist ein einzeln stehendes, festes 
Gebäude und mit Mauern umgeben. Man muls sich hier zu Lande 
gnt verwahren, weil die zügellosen und unruhigen Alhanesen un- 
berechenbar sind. Wir verbrachten einen angenehmen Abend, wobei 
ich noch manche wertvolle Mitteilung Uber Land und Leute erhielt. 
Eben wollten wir uns zu Bette begeben, als heftig an das starke 
Thor gepocht wurde. Der Bahnmeister begab sich hinunter, um 
nach der Ursache zu sehen, und kehrte dann mit ziemlich verstörter 
Miene zurück. Zwei Souvari (Reiter) wären vor dem Thore und 
hielten ein schneeweifses Pferd an der Hand. Der Fremde müsse 
ihnen sofort nach Pristina folgen; sie hätten für denselben ein Pferd 
mitgebracht. Ich frag: „wie ^eit ist es nach Pristina?" „2 1 /» Stunden 
braucht man am Tage." Es war aber bereits 10 Uhr, und die 
Türken gehen beizeiten, etwa um 8 Uhr, zur Ruhe. Ich schickte 
den Bahnmeister zu den Reitern und liefs fragen, warum ich mit 
sollte? Das wufsten sie aber nicht; hier wäre das weifse Pferd, uud 
ich solle mich daraufsetzen. Ich liefe sie nun aufmerksam machen, 
dafe ich doch heute mit allen Ehren vom Kaimakam und Pascha 
empfangen worden wäre; warum jetzt diese Gewaltthat? — Das sei 
ihnen gleich; sie hätten den Auftrag, mich so oder so nach Pristina 
zu bringen, und sie wollten ihren Auftrag ausführen; darum sollte 
ich mich freiwillig auf das Pferd setzen. Ich sagte ihnen nun, dafe 
es mir für heute zu spät sei; ich wäre müde und wollte schlafen; 
morgen bei Tagesgrauen wäre ich bereit, mit ihnen nach Pristina 
zu reiten. „Dann müssen wir noch mehr von den unsrigen holen," 
sagten sie und ritten ab. Die im Gehöft wohnenden, an der Bahn an- 
gestellten Albanesen trugen Holzscheite an die Mauer, um ein Bankett 
zu errichten, und holten ihre Gewehre. „Unsinn!" sagte ich, „es 
kann ja nur ein Mifsverständnis sein. Gewalt ist nicht am Platze. 
Wenn ich auch nicht gerne mit nach Pristina gehe, der Gewalt muls 
ich mich wohl fugen." Der Bahnmeister war recht kleinlaut geworden; 
er kannte seine Albanesen und wufete, wie oft sie hier zu Lande, 
wenn auch aus Mifsverständnis, ein Unheil anrichten. Ich nahm es 
sorgloser. So hielten wir Kriegsrat an einer dunklen, hochgelegenen 
Stelle des Hauses. Es mochten drei Viertel-Stunden vergangen sein, 
nichts rührte sich auf der weiten Heide. Schon hoffte ich, dafe sich 



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Das Amselfeld (Kobsovo polje). 



die Türken bei ihren Genossen eines Besseren besonnen hätten, da 
schlug in einer fernen Ortschaft ein Hnnd an, nnd dann fiel die 
ganze Dorfmeute ein, ein Zeichen, dafs sieb dort was regte. Wir 
horchten gespannt in die Nacht hinaus, und richtig! man hörte das 
Klappern von Hufen und das Anschlagen der Säbel, und dann sah 
man auf dem vom Monde beschienenen Amselfelde eine dunkle Gruppe 
von Reitern auftauchen, in deren Mitte sich ein blendend weilser 
Gegenstand bewegte, mein Schimmel. Rasch waren sie bis zur 
Mauer herangekommen, wo sie in Schritt parierten. Wir konnten 
sie nun abzählen: 1, 2, 3—7. Gleich darauf schlugen die Kolben 
wieder an das Hofthor. Ich folgte den Männern in den Hofraum 
und fand den Bahnmeister bereits in Unterhandlung mit einem jungen, 
hübschen Tscherkessen-Offizier , der eine Lammfellmütze auf dem 
Kopfe trug. Nun kam Klarheit in den Vorgang. Der Pascha von 
Mitrovitza hatte dem Pascha von Pristina meine bevorstehende An- 
kunft und meine Absicht, Sultan Murads Grab auf dem Amselfelde 
zu besuchen, telegraphiert. Sofort wurde eine Kavallerie-Eskorte 
unter Führung eines Mttlasim (Leutnants) abgestellt. Die Reiter 
ritten dann zom Grabmal, um mich hier zu erwarten und während 
der Dauer meines Aufenthalts überallhin zu begleiten. Sie hatten 
an dem einsamen Grabe vergebens gewartet. Als es aber dunkelte, 
und ich nicht erschienen war, wurde der Führer ängstlich und 
fürchtete, dals er seinen Auftrag nicht ausfahren könnte, und schickte 
nun seine Reiter paarweise aus, in den Gehöften und Ortschaften 
nach dem Fremdling zu suchen. Gegen 10 Uhr nachts entdeckten 
mich die beiden Souvari, welche das Reitpferd an der Hand führten. 
Nun wäre die Sache in Ordnung gewesen, wenn es nicht inzwischen 
Bpäte Nacht geworden wäre. Ich bedeutete dem Offizier — Nafuz 
hiefs er — dafs ich mit Tagesanbruch bereit sein würde. Nachdem 
wir ihn noch bewirtet hatten, empfahl er sich, um mit seinen 
Leuten in der Nähe zu biwakieren. Die Reiter pflockten ihre 
Pferde an, zündeten ein Feuer an und deckten sich mit ihren 
Mänteln zu. 

Eben graute der Tag im Osten Uber den serbischen Grenzbergen, 
als ich mit meinen Begleitern ins Freie trat. Die Souvari warteten 
bereits aufgesessen. Ich bestieg den Schimmel und grtilste die 
Soldaten mit einem lauten: „Mire mendjes (alban. guten Morgen!) 
askarijani Padischah!" Dann ritten wir ab. Wir hatten noch die 
berittenen und nach Landessitte überreich bewaffneten Bahn-Kawassen 
mitgenommen, denn der Ingenieur und Bahnmeister waren ebenfalls 
mitgeritten. Die Soldaten gaben sich Mühe, hinter mir möglichst 
korrekt in einem Gliede zu reiten. Ich sagte aber dem Leutnant* 



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Das Amselfeld i.Komovo polje). 



173. 



der etwas französisch verstand, dals dies durchaus nicht nötig wäre, 
sie möchten 6ich nur zerstreuen. Es lag Nebel auf der Heide, und 
es war nicht leicht, die Richtung einzuhalten ; wir kamen auch etwas 
zu weit ab in der Richtung gegen Norden. Der Boden ist hier 
wenig angebaut; einmal wurde er sumpfig. Später ging der Nebel 
langsam in die Höhe und es kamen von Pristina weitere Reiter 
herangesprengt: 1 Offizier und 3 Mann, sichtlich mit Sorgfalt ge- 
kleidet. Diese hatte der Mutesarrif von Pristina als Ehrengeleite 
geschickt Und als wir dann das Grabmal erreichten, warteten noch 
3 Zaptiehs (Gendarmen) mit zur Beehrung auf der Hüfte aufgesetzten 
Karabinern. Nun hatte ich, die Offiziere und Beamten abgerechnet, 
das stattliche Geleite von 15 Reitern. Mit diesen zog ich durch das 
Thor der Grabanlage. 

Diese besteht aus zwei Höfen, die von einer Mauer umgeben, 
sind. In dem einen befindet sich eine kleine Kuppel-Moschee, in 
deren Mitte die reich geschmückte Turbe steht, in dem anderen die 
geräumige, reinliche Wohnung des Turbedars oder Grabhüters. An 
der Grabkapelle Murads zog ich nach fränkischer Sitte den Hut und 
6chaute gedankenvoll auf das Grabmal des osmanischen Eroberers, 
den seine Völker wegen seiner glänzenden Thaten, seiner Frömmigkeit, 
Gerechtigkeit und Liebe zur Bildung „Chudawendkiar', d. i. „Herrn" 
und „Ghasi u , d. i. den ,, Siegreichen nannten. Hinter mir standen 
die abgesessenen Reiter des Padischah. Der Boden der Kapelle ist 
mit kostbaren Smyrnateppichen, die der regierende Sultan geschenkt 
hat, belegt. An den Wänden hängen Inschrifttafeln, welche die 
Namen der Chalifen, Koransprüche und den Stammbaum des Bestatteten 
in kaligraphischer Ausführung enthalten. In der Mitte steht der 
Katafalk, bedeckt mit Brokattüchern aus Brussa, in welche Koran- 
verse eingewebt sind. Am Kopfende hat man wie bei allen Beherrschern 
der früheren Zeiten einen gewaltigen Turban angebracht In diesem 
Mausoleum sind nur Herz und Eingeweide des Sultans bestattet, denn, 
der einbalsamierte Leichnam wurde damals in die Residenzstadt 
Brussa überführt. Ich dachte daran, wie ich vor Jahren schon in 
Brussa, am Fufse des Olymps, an diesem anderen Grabmale ge- 
standen war. Murads 1. Überreste liegen dort nicht in der von 
ihm in Tschekirge (bei den warmen Wassern) erbauten Moschee 
Gbazi Hunkiar, auch nicht in der von ihm begonnenen Ulu Dschami 
(grofsen Moschee) und nicht in der heute halbzerfallenen, von seinem 
Sohne und Nachfolger Bajesid Jilderim errichteten Dschami, sondern 
neben der Moschee Murads II. in den sogenannten „ Sultansgräbern u . 
In einem Rosengarten, den Mauern einfassen und Riesen-Platanen 
beschatten, sind 11 mit Kuppeln überdeckte Grabmäler, in denen 



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Das AmaeReld (Kossovo polje). 



aufser Marad I. dessen Frauen, Kinder und die teilweise erdrosselten 
Söhne von verschiedenen Nachfolgern beigesetzt sind. Einem 
marmornen Wasserbassin gegenüber erhebt sich die Turbe Murads I., 
dessen Thüre durch ein sehr reich geschnitztes Holzdach geschirmt 
ist. In dem Innenrauro, der von einer durch Pfeiler getragenen 
Kuppel Uberwölbt wird, siebt man in der Mitte ein einfaches, recht- 
winkeliges Grab aus Erde, welches von Marmorplatten, die auf der 
hohen Kante stehen, eingefafct ist. Murad I. hatte gewünscht, dafs 
sein Grab vom Tau des Himmels benetzt werde. Um diesem Wunsche 
gerecht zu werden, hat man in der Mitte der Kuppel eine Öffnung 
angebracht, durch welche der Regen auf das Grab fallen kann. In 
einem kleinen Nebenraum stehen 4 Katafalke von Söhnen Murads. 
Das Grabmal ist im Innern ohne jede Ausschmückung und der 
Kuppelraum mit einem einfachen Kalkbewurf bekleidet. Weit schöner 
sind einige der daneben stehenden Turben, die zum Teil prachtvolle, 
persische Fayencen besitzen. 

Neben dem Mausoleum auf dem Amselfelde im Freien steht noch 
ein schöner Grabstein, welcher die Ruhestätte des Muschirs Rifat 
Pascha bedeckt, welcher 1853, auf dem Zuge nach Sofia und die 
Donau gegen die Russen, in Pristina plötzlich verschieden ist. Auf 
diesem Grabsteine schrieb ich auf meine Visitenkarte einige Worte 
des Dankes und bat Leutnant Nafuz, selbe mit respektvoller 
Empfehlung Adhem Pascha in Pristina zu Uberbringen. An Nouri 
Pascha von Mitrovitza schickte ich in ähnlicher Absicht am folgenden 
Tage von Üsküb aus ein Telegramm. Es erübrigte nun noch, dem 
Scheich, der das Grab behütet, einen Besuch zu machen und dort, auf 
dem Teppich sitzend, einen schwarzen Kaffee zu nehmen. Der 
Reisende v. Hahn, der 1858 das Grab besucht hat, sagte, dals ihm 
der Scheich erzählte, er habe auf Befehl des Sultans das Grabmal 
neu aufgebaut, weil der kleine Bau, welcher früher die historische 
Stelle bezeichnete, dem Einstürze nahe gewesen sei. An den Stellen, 
an welchen Milos Obilitsch, nachdem er den Sultan tödlich verwundet 
hatte, dreimal seinen Verfolgern entsprungen war, hatte man drei 
Steinraale errichtet. Frühere Besucher haben sie, je 50 Ellen von 
einander, noch gesehen. Ich glaube, dals sie heute nicht mehr vor- 
handen sind. 

Dann safsen wir auf und ritten ins Freie. Der Nebel hatte 
sich verzogen, die Gebirge leuchteten im Frtthrot, im Hintergrund 
erhob sich der mächtige Gipfel des Schar Dags: der Ljubotrn, die 
höchste Erhebung weitum; hell glänzten die weifsen Mauern des 
Grabmals, und auf dem vergoldeten Halbmonde, der die Kuppel 
krönte, safs ein Falke. Diese heute so menschenleere, nur von zwei 



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Das Amselfeld (Kossovo polje). 



175 



tscherkessischen Ansiedelungen belebte Heide ist also das eigentliche 
Kossovo polje, das wichtige Kampffeld, anf dem die Osmanen zu 
Herren des südöstlichen Europas wurden. Hier bei dem Grabmal 
stand das Centrum der osmanischen Truppen, die sich nach links 
beinahe bis zur Sitnitza ausdehnten. Gegenuber, weiter gegen Norden 
hatten sich die Serben mit ihren Verbündeten aufgestellt, den Lab 
im Kücken. 

Des grofsen Zeitverlustes wegen verzichtete ich auf den Besuch 
des eine Stunde entlegenen und unbedeutenden Pristina und ritt mit 
meinen Reitern der Bahnlinie zu. Eine Viertelstunde vom Sultans- 
grab und vielleicht drei Viertel von Pristina entfernt bemerkt man 
in der Nähe des Weges nach Mitrovitza auf einem Abhänge der 
auslaufenden Berge ein anderes einsames Bauwerk. Es ist eine 
kleine, schmucklose Moschee mit dem Grabe des Ghazi Mestan Beys, 
welcher als Fahnenträger Sultan Murads I. gleich seinem Herrn in der 
Kossovo- Schlacht das Leben verloren hat 

Am Bahndamme wartete auf uns eine Draisine, welche vier 
Albanesen bewegen sollten. Diese hatten wieder ihre Gewehre 
über den Kücken hängen. Ich verabschiedete mich mit dem in der 
osmanischen Armee üblichen r Padischahim tschok jascbah!" i Lange 
lebe der Padiscbah!) von den Soldaten und dankte nochmals den 
Offizieren. Dann begannen wir die Thalfahrt nach dem etwa 90 km 
entfernten Üsküb. Unterwegs sahen wir auf den Telegraphenstangen 
mitunter Falken und schön gefiederte Mantelkrähen, von denen die 
stets schulsbereiten Albanesen von der rollenden Draisine aus einige 
herunter holten. Auch die Signalscheiben der Bahn dienen, wie man 
an den vielen Kugellöchern sehen kann, den Albanesen als passende 
Scheiben für ihre Schielsübungen. Einmal ritt an uns ein gröberer 
Trupp Tseberkessen vorüber. Unterwegs machten wir mehrere Halte; 
einmal, um in Verisovic beim Möns. Fantella ein einfaches Mittags- 
mahl zu nehmen. Es ist dies ein katholischer Geistlicher, der hier 
ein weit auf den Bergen zerstreutes Häuflein von Christen, meist 
Krypto-Katholiken, hütet, eine mühevolle, an Opfern und Entbehrungen 
reiche Aufgabe. Nie habe ich eine solche Armut gesehen: neben 
seinem Lager steht der ditrftige Altar. In der Heimat ist es mir 
leicht geworden, ihm einige Gönner zu verschaffen. Auch in Stari 
Kazanik hielten wir bei einem wohlhabenden Albanesen, der hier 
ein grolses Bauerngut besitzt und nebenbei noch einen Bahnwärter 
macht, denn hierfür hat er beinahe nichts zu leisten, kann aber 
einen sicheren Verdienst einstecken. Er fühlte sich bei unserem 
Besuche nicht wenig geehrt und liefs von seiner Hausfrau rasch 
duftenden Mokka bereiten. Die Weiblichkeit selber blieb natürlich 



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176 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



für unsere Augen verborgen, da wir nur das Männergemach betreten 
durften. 

In sausender Geschwindigkeit durchfuhren wir das Defilee 
zwischen Schar- und Kara-Dag und erreichten mit Anbruch der 
Dunkelheit die Wardar-Ebene und Üskub. Das war mein an Ein- 
drucken und kleinen Erlebnissen reicher Besuch des Kossovo polje. 



XI. 

Der Krieg in Südafrika 189911900. 



(Fortsetzung.) 

IV. Die Feldzugseröfinung in Natal durch die Buren. 1 ) 

Durch den Wortlaut des Ultimatums war der Beginn des Kriegs- 
znstandes auf 11. Oktober nachmittags 5 Uhr festgesetzt; zugleich 
war England, wenn es das Ultimatum nicht beantwortete, formell 
das Odium der Kriegserklärung zugeschoben, — ein geschickter 
Schachzug, den das foreign office zu parieren Ubersah. 

Indem England den Transvaal -Staat einer Kriegserklärung — 
wenn auch in verdeckter Form — würdigte, that es gerade das, 
was es vorher ausdrücklich verweigert hatte: es erhob Transvaal 
aus der Suzeränetät zur Suveränetät Parlaments- und Bankettreden, 
Leitartikel und völkerrechtliche Dissertationen konnten an dieser 
Thatsache nichts mehr ändern. 

Bei Beginn des Kriegszustandes hatte England, laut offizieller 
Dislokationstibersicht — stations of the British army — vom 7. Ok- 
tober 1899, auf dem Kriegsschauplatz operationsbereit: 

») Bei dem reichhaltigen und billigen Kartenmaterial, das seit Oktober 1899 
in den Buchhandel gebracht wurde, durfte von der Beigabe von Skizzen ab- 
gesehen werden. Für Detailstudien empfehlen sich am meisten die englischen 
Generalstabskarten (War office, intelligence division, 1 : 250000, Preis pro 
Blatt Mk. 1,70), wenigstens für den Kriegsschauplatz in Natal und am Oranje. 
Die Blätter dagegen, welohe die Burenstaaten umfassen, enthalten nur einige 
fragwürdige Wegelinien und Höhenkurven und eine Anzahl Ortsnamen ohne 
zugehörige Signatur, so dafs die wirkliche Lage der Örtlichkeiten eine ofleoe 
Frage bleibt. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



177 



1. die Natal-force, im September von 3. 8. 4. auf 10,20. 9. = 
rund 12000 Mann verstärkt; Führer: Generalmajor White; 

2. die Cape force, 6.0.2. (Festungs- Artillerie) = rund 5000 
Mann; Führer: Generalmajor Sir Forestier— Walker ; 

3. die aus Polizei-Truppen und Freiwilligen bestehenden Be- 
satzungen von Kimberley und Mafeking unter Oberst Kekevioh 
und Baden-Powell. 

Summen 1 — 3 höchstens 20000 Mann. Verstärkungen waren 
teilweise schon unterwegs; eine erhebliche Erhöhung der Gesamt- 
stärke war jedoch vor 4 — 5 Wochen nicht zu erwarten. 

Den Buren war daher auf einen Zeitraum von meh- 
reren Wochen die mehr als doppelte Überlegenheit ge- 
sichert. 

Die Feldzugseröffnuug seitens der Buren schien diesen Vorteil 
ausnutzen zu wollen; die Anlage der Operationen bestätigte das 
Wort Moltkes, wonach die „Hauptlehrsätze der Strategie über die 
ersten Vordersätze des gesunden Menschenverstandes nicht hinaus- 
gehen." Der gesunde Menschenverstand des Kleeblattes Krüger— 
Joubert — Steijn lälst hinsichtlich der ersten Maisnahmen für die 
Kritik nichts übrig. 

Der Aufmarsch der getrennten Heeresgruppen richtet sich gegen 
Natal; denn dort ist die nächste und zugleich stärkste Gruppe des 
Feindes. Gegen Natal ist der Aufmarsch auch am schnellsten zu 
vollziehen, denn zwei Bahnlinien (Kronstadt— Harrysmith und Pre- 
toria — Volksrust) führen nach dieser Richtung. Endlich ist das 
Gelände in Natal der Kriegs- und Gefechtsführung der Buren am 
günstigsten. 

Vielfach wurde die Ähnlichkeit der Feldzugseröffnung mit der 
preulsischen von 1866 hervorgehoben. Ich glaube nicht, dals Joubert 
an eine Nachahmung Moltkes dachte; er that nur in einer ähnlichen 
Kriegslage genau dasselbe wie Moltke, nämlich „das Einfache, 
Natürliche und Verständige." Wie Moltke gegen Hannoveraner und 
Süddeutsche nur geringe Kräfte zurtickläfst um den Hauptgegner 
Österreich mit Übermacht angreifen zu können, so scheidet auch 
Joubert nur schwache Kommandos gegen Mafeking, Kimberley und 
die Cape force aus; und vereinigt die Hauptmacht gegen White. 

Wie die Kriegslage, war auch die geographische Gestaltung des 
Kriegstheaters jener von 1866 ähnlich; das von Randgebirgen umzogene, 
vorspringende Gebiet Nord-Natals wies auf eine Vereinigung der 
Transvaal- und Oranje-Buren nach vorwärts im Feindesland hin; 
Jicin war hier Ladysmith. 

Überdies machte, wie Benedek, so auch White, den dem An- 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



greifer willkommenen Fehler, dafs er statt mit vereinten Kräften den 
Vorteil der inneren Linie auszunützen, seine Streitmacht in zwei 
Gruppen trennte, in die Gruppe bei Ladysmith und die vorgeschobene 
(stärkere) Gruppe bei Dundee. Wir wissen freilich heute, dafs White 
diese Anordnung nur ungern und auf dringende Vorstellungen des 
Gouverneurs von Natal traf; entschuldigt ist White hierdurch nicht, 
denn der verantwortliche Feldherr darf im Kriege für seine Mafs- 
nahmen nur militärische Rücksichten gelten lassen. 

Die Buren hatten ihren Aufmarsch an der Grenze schon in der 
ersten Oktoberwoche nahezu vollendet; die Transvaaler standen in 
drei Hauptgruppen, den Nordzipfel Natals umspannend, am Botha- 
pals (Viljoen), bei Volksrust (Joubert) und bei Vryheid (Lukas 
Meyer). Die Freistaatler standen mit der Hauptmasse bei Harry- 
smith (Grobler). 

Sämtliche nach Natal führenden Pässe und die Furten durch 
den Bußalo waren bei Kriegsbeginn in den Händen der Buren. 

Am 12. Oktober begannen die Transvaaler den konzentrischen 
Einmarsch in 3 Kolonnen und zwar Viljoen über den Bothapals, 
Kichtung Elandslaagte, Joubert über Laingsnek — Newcastle auf 
Glencoe, Lukas Meyer über De Jagersdrift auf Dundee. 

Die Freistaatler rückten in zwei Kolonnen Uber den van Reenens- 
und Tintwa-Pals, Richtung Ladysmith vor, marschierten jedoch zu- 
nächst an den östlichen Palsausgängen auf, um das Herankommen 
der Transvaaler abzuwarten. Ein Erkundungsvorstofs White« am 
13. Oktober in Richtung Acton Homes vermochte nicht, sie aus ihrer 
verständigen Zurückhaltung herauszulocken; andererseits hatte White 
infolge der unglücklichen Teilung in zwei Gruppen zu wenig Kräfte 
um sich, um die Freistaatler in die Berge zurückzuwerfen. 

Die Transvaaler gingen sehr vorsichtig, für die strategische 
Lage eigentlich zu vorsichtig, vor. Eine ganze Woche verstrich, 
bis sie am 19. mit den Vortruppen der Gruppe Glencoe, welche 
General Symons 1 ) übernommen hatte, in Fühlung traten. Nur 
Viljoen ging frischer voran; er stand am 19. Oktober bereits an der 
Bahnlinie Ladysmith— Glencoe, also zwischen den beiden eng- 
lischen Kräftegruppen. Einige Tage vorher hatte White noch mit 
Bahntransport einen Teil der Kräfte von Glencoe zu sich heran- 
gezogen; diese „halbe Malsregel" rächte sich schwer, da durch diese 
Schwächung die Gefahr für die vorgeschobene Gruppe gewachsen 
war, ohne dadurch die Gruppe Ladysmith in einer Weise zu ver- 
stärken, dafs White gegenüber den Oranje-Buren das Übergewicht 
erlangt hätte. 

i) Siehe Jahrbücher Maiheft 1898, Seite 172. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



119 



Gefecht bei Dnudee, 20. Oktober 1899. 

Sofort nach Aufnahme der Fühlung kam es am 20. Oktober zu 
einem scharfen Zusammenstofse. Bei Dundee warf die zuerst ein- 
getroffene Kolonne Lukas Meyer die Posten Symons östlich Dundee 
zurück und beschofs vom Talanahügel aus das englische Lager. 
Symons, der inzwischen erkannt hatte, dafs ihm nur eine Kolonne 
der Buren gegenüber stand, führte seine Truppen zum Gegenangriff 
Tor. Obwohl die englische Artillerie die vier Burengeschütze bald 
zum Schweigen brachte, kam die Infanterie nur schwer vorwärts. 
Es ging den Engländern, wie 1866 den Österreichern bei den ersten 
Begegnungen mit der Zündnadel; das Präzisions-Fernfeuer der Buren 
brachte den in massierten Kolonnen angreifenden Engländern un- 
verhältnismäßig schwere Verluste bei (nahezu 20 Prozent). Bata- 
illon um Bataillon wurde eingesetzt, um den Angriff über das treie 
Gelände vorwärts zu bringen. General Symons fiel tütlich ver- 
wandet; General Yule übernahm das Kommando. Erst als gegen 
Wittag die englische Artillerie auf 1400 Yards an die Burenstellung 
beranging, gelang es, die feindlichen Schützen niederzukämpfen 
Die stürmende Infanterie fand die Stellung geräumt. 

Der offizielle Bericht YVhites schätzt die Stärke der Buren auf 
4000 Mann; thatsächlich zählte die Kolonne Lukas Meyer nur 1500. 
Die plangemäfs zur Mitwirkung bestimmte Kolonne Schalk Burghers 
war durch schlechte Wege aufgehalten worden und kam nicht mehr 
zum Eingreifen; dagegen gelang es ihrer Vorhut, ein englisches 
Verfolgungsdetachement (eine Eskadron Husaren und eine Scbtitzen- 
kompagnie) abzuschneiden und geschlossen gefangen zu nehmen. 
Die Hauptkolonne Jouberts stand an diesem Tage noch weiter zu- 
rück bei Dannhauser. 

Gefecht bei Elandslaagte. 21. Oktober 1899. 

In der Nacht zum 21. hatte White von der Unterbrechung seiner 
Verbindung mit Glencoe Kenntnis erhalten. Am 21. früh 4° ent- 
sandte er zunächst ein Erkundungsdetachement von Kavallerie und 
Artillerie unter General French in der Richtung der Bahnlinie nach 
Glencoe. Um 6 Uhr iiefs er einen Bahntransport Infanterie und 
Eisenbahntruppen nachfolgen. French traf den Feind bei der Station 
Elandslaagte zu stark und in so guter Stellung an, dafs er tele- 
phonisch um Verstärkung bat, worauf White weitere zwei Eska- 
dronen, zwei Batterien auf dem Landwege und zwei Bataillone mit 
der Bahn nachsandte, und selbst sich nach Elandslaagte begab. 
Nach Eintreffen dieser Nachschübe, 3 30 nachmittags, wurden zunächst 
von den drei Batterien die zwei Burengeschütze zum Schweigen 



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ISO 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



gebracht, and sodann der allgemeine Infanterie-Angriff gegen Front 
and linke Flanke der hufeisenförmigen Stellung der Baren angesetzt 
Da jedoch die Artillerie- Vorbereitung fehlte, so müslangen abermals 
die ersten Infanterie- Angriffe trotz dreifacher Uberzahl anter schweren 
Verlosten. Erst nach längerer Beschiefsung der feindlichen Stellang 
durch die Artillerie wurde der Angriff um 7 Uhr abends erneuert 
und erfolgreich durchgeführt. Die Buren verloren ein Drittel ihrer 
Stärke, nahezu 400 Mann, darunter ihren Führer Jan Kock und den 
Kommandanten des deutschen Freikorps, Oberst Schiel. 

Dieser glückliche Vorstols Whites, der die Verbindung mit 
Glencoe wieder eröffnete, war ja notwendig, aber sehr gewagt. In 
Ladysmith waren am 21. kaum noch 3000 Mann. Wenn die Frei- 
staatler die Lage ausgenützt and angegriffen hätten, und wenn ferner 
Viljoen, statt mit dem Gros auf Glencoe abzumarschieren, seiner 
Avantgarde nach Elandslaagte gefolgt wäre, so wäre die Natalforce 
am 22. oder 23. in drei getrennten Gruppen einzeln geschlagen und 
zweifellos aufgerieben worden. Es zeigte sich schon hier der 
Mangel an Zusammengreifen, an einem festen inneren Ge- 
füge und einer geordneten Befehls- und Nachrichtenver- 
bindung innerhalb der Burenheere. 

Rückzog Yules, 22. bis 25. Oktober 1809. 

So gelang es White, seine Kräfte am 22. früh in Ladysmith 
zusammenziehen. Um so schlimmer dagegen stand es mit der Gruppe 
Glencoe. Im Laufe des 21. hatte Vule das Anrücken stärkerer 
Kolonnen von Norden (Joubert) und Nord- Westen (Viljoen) erfahren. 
Bald darauf zwang ihn starkes Artillerie-Feoer vom Impati-Berge 
her zom Wechseln des Lagerplatzes. Am 22. früh wollte er sich 
Uber den Glencoe-Pafs auf Ladysmith zurückziehen, stiefis aber 
hier schon auf Viljoen, der den Pals in seinem Rücken besetzt hatte. 
In der Nacht zum 23. gelang es ihm jedoch — dank der Unthätig- 
keit und geringen Wachsamkeit der Buren — durch ein verzweifeltes 
Unternehmen zu entkommen: er liefs Verwundete und Trols zurück 
und zog nachts im Flankenmarsch an Jouberts und L. Meyers Front 
vorbei Uber Helpmakaar auf Beith und in einem zweiten Nacht- 
marsch auf Waschbank Spruit ah, wo er am 24. früh eintraf. 
White machte an diesem Tage einen schwächlichen und vergeblichen 
Versuch, Vule Uber Rietfontein die Hand zu reichen. Erst am 25. 
rückten die Truppen Yules, aufs äufserste ermattet und demoralisiert 1 ) 

') „Fit and well' 4 sagt White in seinem orftzieüen Bericht, in weichem er 
sogar behauptet, die Truppen Yules seien nur „begierig 44 (anxious), den Feind 
wieder zu treffen. „Anxious 4 * heifst auch „ängstlich" — jedenfalls ein ge- 
schicktes Wortspiel. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



181 



in Ladysmith ein. Ihre Erschöpfung war eine derartige, dafs White, 
wenn er diese 4000 Mann nicht preisgeben wollte, sich wider 
bessere militärische Einsicht gezwungen sah, in Ladysmith zu ver- 
bleiben, auf die Gefahr hin, von der See und den von Durban 
kommenden Verstärkungen abgeschnitten und in Ladysmith ein- 
geschlossen zu werden. 

Einschliefsung von Ladysmith und erster Durch- 
brachs-Versuch, 30. Oktober 1899. 

Und so kam es denn auch. Ein nach viertägiger Hube am 
30. Oktober mit allen Kräften unternommener Durchbruchsversnch 
mifslang. Schon am 27. hatten die Transvaaler und Freistaatler 
sich nördlich Ladysmith die Hände gereicht, und bis zum 29. abends 
die Abschliefsung von Ladysmith im Westen, Norden und Osten 
vollzogen. Im Süden hatte ein kleines Burendetachement den Tugela- 
Cbergang bei Colenso besetzt. Die nach Colenso führende Strafse 
selbst war noch frei; sie bildete die naturliche Ausfallsrichtung für 
die Engländer. Diese Stralse führt jedoch 10 km weit ganz nahe 
längs des tiefeingerissenen Klipflus3es und ist zugleich von den sie 
im Osten begleitenden Höhen, dem Lombardskop, Isimbulwanaberg 
etc. durchaus eingesehen und beherrscht Auf diesen Höhen waren 
schon am 29. burische Postieruogen, auch Artillerie, erkundet worden ; 
White mufste daher, bevor er an einen Abmarsch auf der genannten 
Stralse denken konnte, die gefahrlichen Höhen durch einen Angriff 
säubern. In der Nacht zum 30. brach er, in Ladysmith nnr die 
planmäfsige Besatzung der provisorischen Werke zurücklassend, in 
drei ungleichen Kolonnen, mit den Zielpunkten Isimbulwanaberg, 
Lombardskop und Farquars House auf. Bei der linken Flügel- 
kolonne, der keine Kavallerie zugeteilt war und welche daher sehr 
bald die Fühlung mit den beiden andern verlor, brach nachts die 
bekannte „Maultierpanik" aus. Am frühen Morgen wurde die ganze 
Kolonne (ans 10'/2 Kompagnien und 1 Gebirgs-Batterie bestehend) 
von den Buren bei Nicholsons Neck gefangen genommen. Die 
rechte und die mittlere Kolonne fanden die Höhen so stark, be- 
sonders auch mit schwerer Artillerie, besetzt, dafs White auf die 
weitere Durchführung des Angriffs verzichtete und sich in die Stadt 
zurückzog. 

In den nächsten Tagen schoben die Buren ihre Vorposten näher 
an die Stadt heran und krönten mit ihren Belagerungsgeschützen 1 ) 
den Höhenkranz, der die Stadt in einer Entfernung von 4 bis 7 km 

i) Die Buren hatten hierzu Geschütze mitgeftthrt, welche zur Armierung 
der Forte von Pretoria gehörten. 

JahrbQehar fttr dl« deutsche Armee und Mimst. Bd. 1 10. 2. 18 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



umschliefst. Befremdend war auch hier die Schwerfälligkeit 
und Gleichgiltigkeit der Buren. Die Bahnlinie nach 
Durban war immer noch offen. Mehrere Transporte, darunter 
schwere Marinegeschütze, erreichten unangefochten Ladysmith. Noch 
am 2. November konnte ein Bahnzug, in welchem sich der nachmals 
viel genannte General French befand, durch ihre Linien nach Durban 
entkommen. Bis 2 30 nachmittags am gleichen Tage spielte auch noch 
der Telegraph ; dann erst, d. i. volle 4 Tage nach dem abgewiesenen 
Ausfall, war die völlige Abscbliefsung des Platzes durchgeführt; White 
blieb jedoch durch eine wohlorganisierte Tauben- und Ballonpost, 
späterhin auch durch den Heliographen, stets mit der Aulsenwelt in 
Verbindung. 

Zweiter Durchbruchsversuch, 3. November 1899. 

Bei einem zweiten Durchbruchsversuch in gleicher Richtung am 
3. November gelang es einem Teil der Besatzung unter Oberst 
Murray, die dünnen Burenlinien zu durchstofsen, über den Modder- 
fluls hinweg in rein östlicher Richtung die Strafse nach Weenen zu 
gewinnen und auf dieser südwärts zu entkommen. 

Von diesem Tage an blieb der Ring um Ladysraith 
4 Monate lang (bis 28. Februar 1900) geschlossen. 

Ob White sich seitdem zu schwach fühlte, um einen Durchbrucb 
abermals zu versuchen, oder ob er sich nicht entschliefsen konnte, 
die grofsen Vorräte des provisorischen Waffenplatzes preiszugeben, 
darüber muls ihm selbst das Wort Uberlassen bleiben. Jedenfalls 
wurde anch hier die geschichtliche Thatsache von der magnetischen 
Anziehungskraft, welche deckende Wälle auf moralisch entwertete 
Truppen und Führer von jeher ausübten, bestätigt. 

Mafeking und Kimberley. 

Schon vor der Einschliefsung Whites in Ladysmith waren auch 
die kleinen englischen Garnisonen von Mafeking (seit 13. Oktober) 
und Kimberley (seit 15. Oktober) von überlegenen Burenkommandos 
eingeschlossen worden. 

Afrikaander-Bewegung. 

Die ersten Waffenerfolge der Buren riefen allerorten in Süd- 
afrika, wo immer das holländische Element vertreten war, eine auf- 
ständische Bewegung hervor. — Trotz des bestehenden, ausge- 
breiteten Agitatorenvereins, des Afrikaander- Bonds und der burenfreund- 
lichen Gesinnung der Majorität des Kapministeriums und -Parlaments 
kam es jedoch nicht zu einer einheitlichen Organisation des 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



183 



Aufstandes. — Zum Glück für die Engländer versäumten die 
Kapbaren in ihrer angeborenen holländischen Dickblütigkeit die 
geeigneten Zeitpunkte für die Erhebung; nur vereinzelt und räumlich 
weit getrennt sehlugen die offenen Flammen durch. 

V. Der englische Feldzugsplan und Aufmarsch. 

Schon Mitte September war der Mobilmachnngs-Befehl an das 
L Armeekorps ergangen und Sir Redvers Buller zum „Komman- 
dierenden General" bestimmt worden. — Am 20. Oktober erst be- 
gannen die Seetransporte des mobilen A. K's., am 9. November 
erreichte das erste Transportschiff Kapstadt — Boiler war schon 
am 31. Oktober in der Kolonie angekommen. 

Der englische Feldzugsplan war ursprünglich ebenso klar 
als verständig: die Truppen sollten divisionsweise in den Häfen von 
Kapstadt, Port Elizabeth und East London, den Anfangspunkten der 
3 kapländischen Bahnen, landen, diese Transport- Strafsen benützen, 
um südlich des Oranje aufzumarschieren, und dann in 3 Kolonnen, 
unter sich verbunden, in den Freistaat einrücken. — Waren aof 
diese Art die schwierigen Randstufen der Karroos schon im Eisen- 
bahn-Aufmarsch überwunden, so bot das offene Gelände des Frei- 
staates keine weiteren Hindernisse; in wenigen Tagen mufste Bloem- 
fontein erreicht und entweder das Bündnis der Burenstaaten ge- 
sprengt oder der Rückzug beider Burenheere aus Natal hinter den 
Vaal oder mindestens die Verlegung des Kriegstheaters aus den fllr 
die Kampfweise der Buren günstigen Gebirgen Natals in das ihnen 
ebenso ungünstige Flachland zwischen Oranje und Vaal durch ein 
einfaches strategisches Manöver erzwungen sein. 

Leider war Buller nicht der Mann, der, änfseren Einflüssen zum 
Trotz, „das einmal als richtig Erkannte mit festem Willen durch- 
führte." 

Die Einschliefsung Wbites in Ladysmitb, dann ebensosehr jene 
des Diamantenkönigs Cecil Rhodes in Kimberley und die Unruhen 
im Norden der Kapkolonien genügten für Buller, um sofort den 
ganzen Feldzugsplan umzustürzen. 

Bei klarer und ruhiger Abwägung der Sachlage hätte es ihm 
sogar als ein besonderer Vorteil erscheinen müssen, dals durch 
White ein grolser Teil der Burenstreitkräfte in Natal gebunden war, 
und dals er selbst demnach fllr die Durchführung des Aufmarsches 
am Oranje und des Einmarsches in den Freistaat um so freiere 
Hand hatte. 

Buller verfiel in den Fehler der altösterreichischen Schule, 
alles gleichzeitig decken, mit geteilten Kräften mehrere Aufgaben 

18* 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



gleichzeitig lösen zu wollen. — Die Befreiung Whites und Khodes, 
die Deckung der kapländischen Bahnen und die Niederschlagung 
der Afrikaander-Erhebung — alles erschien ihm gleich dringlich 
und wichtig! 

Anfangs, als er zunächst selbst nach Durban eilte und auch 
die vordersten Transporte dorthin weiterleitete, konnte man wenigstens 
noch zu seinen Gunsten annehmen, dafs er. nachdem die feindliche 
Hauptmacht nun einmal in Natal war, eben dort, trotz der Nachteile 
des Geländes, die Entscheidung suchen wolle. — War dies der Fall, 
dann mufste er aber daran denken, dals man zur Entscheidung 
niemals stark genug sein könne, und hätte deshalb alle Kräfte 
nach Natal heranziehen mUssen. — Statt dessen vereinigte er 
nicht viel mehr als ein Drittel seines Korps in Natal; den Rest 
verzettelte er gegen Kimberley und die Stormberge. 

In planloser Hast, in buntem Durcheinander, wie die Schiffe 
eben ankamen, wurden die Truppen auf die drei weitgetrennten 
Kriegsschauplätze verteilt. — Die erst bei der Mobilmachung des 
I. A.-K. mühsam hergestellten Divisions- und Brigade-Ver- 
bände wurden bei Ankunft auf afrikanischem Boden sofort wieder 
zerrissen. 1 ) Hierzu trat noch ein schwerwiegender Fehler in der 
Aufstellung der Fahrtdispositionen: die Kavallerie und Ar- 
tillerie wurde zuletzt abtransportiert! — Abgesehen von den 
taktischen Nachteilen (der mangelnden Aufklärung etc.) lag der Haupt- 
schaden dieses Übersehens darin, dafs die Pferde keine Zeit hatten, 
sich von der Überfahrt zu erholen und sich zu akklimatisieren; ein 
grofser Teil der Tiere war daher schon nach den ersten An- 
strengungen kriegsunbrauchbar. — Einer in Kolonialkriegen so er- 
fahrenen Militärverwaltung wie der englischen hätte dieser Umstand 
nicht entgehen dürfen. 

Alles in allem bestätigten die nächsten Kriegs-Ereignisse die 
Wahrheit des Moltkeschen Wortes: „Fehler im ersten Aufmarsch 
des Heeres lassen sich oft im Verlaufe eines ganzen Feldzuges nicht 
wieder gut machen." 

Im übrigen vollzog sich die Landung und der Bahntransport 
der Truppen nach den 3 Aufmarsch-Gebieten in der zweiten 
Novemberhälfte mit bemerkenswerter Schnelligkeit. — Wenn man 
in Betracht zieht, dals auf den eingleisigen Schmalspurbahnen in 
24 Stunden höchstens 5—7 Züge von durchschnittlich 30—50 
Achsen verkehren konnten, dafs zwischen die Truppenzüge Ver- 
pflegs- und Kohlenzüge eingelegt werden mulsten, dals die Ent- 

i) Es wäre daher ein mufsiges Unternehmen, die Kriegsgliedening des 
mobilen I. A.-K. hier wiederzugeben. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



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fernlingen teilweise sehr grofse waren (z. B. Kapstadt-Oranje-River- 
Station = 920 km) und dafs endlich der Transport wegen der 
Dnrnhigen Bevölkerung und der Nähe des Feindes grolse Vorsicht 
erheischte, so kann man den leitenden Organen die vollste An- 
erkennung nicht versagen. Auch die Leistungen der Intendantur 
(Armee-Intendant Oberst Hichardson) bewiesen grofse Thatkraft und 
Voraussicht ; dafs hier und da Klagen laut wurden, war wohl un- 
vermeidlich und bei der Uberhastung und vielfachen Umänderung 
sehr erklärlich. Es bleibt vielmehr zu verwundern, dals die vielen 
contreordres nicht zu einem des ordre führten. 

£twa vom 20. November ab standen operationsbereit : 

1. General Clery mit ca. 16 000 Mann, längs der Bahnlinie 
Durban-Pietermaritzburg-E8tcourt gestaffelt ; 

2. General Gatacre mit ca. 4000 Mann zum Bahnschutz und 
zur Unterdrückung der Unruhen bei Quenstown ; 

3. General French mit ca. 5000 Mann zum Bahnschutz 
zwischen den Knotenpunkten Naauwpoort und de Aar; 

4. General Lord Methuen mit ca 10 000 Mann bei Oranje- 
Kiver-Station und südlich ; 

5. längs der Bahnlinie Capstadt-De Aar ca. 4000 Mann Etappen - 
truppen und Freiwillige. 

Der Oberkommandierende, General Buller, hatte sein Haupt- 
quartier in Pietermaritzburg aufgeschlagen. 

Nach dieser Kräfteverteilung standen sich auf den einzelnen 
Kriegsschauplätzen gegenüber: 

In Natal: 16 000 Engländer gegenüber ca. 25 000 Buren, 
wovon etwa 10 000 durch die Einschliefsung von Ladysmith (ca. 
8000 Mann Besatzung) gebunden erscheinen durften ; 

im Norden der Capkolonie: 9000 Engländer gegen 7000 
Buren und eine unkontrollierbare Zahl von Aufständischen; 

südlich Kimberley: 10000 Engländer gegen 6000 Buren, 
von welchen noch ein Teil zur Abschliefsung von Kimberley abzu- 
rechnen ist. 

Eine absolute Ubermacht wurde also nur bei der Gruppe 
Kimberley erzielt, ein Beweis, dafs der englischen Heeresleitung sich 
der Entsatz von Kimberley immer mehr und mehr als das nächste 
und wichtigste Ziel aufdrängte; — das Gleiche wird auch dadurch 
bewiesen, dafs gerade hier die besten Truppen, die Garden und die 
Hochländer eingesetzt wurden. Es bleibt für England und für alle 
Zeiten eine Schmach, dals ein englischer Heerführer alle militärische 
Einsicht, die er möglicherweise doch besals, den Wünschen einer 
Börsenclique unterordnete. 



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186 Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 

Kriegsgliederung der kombinierten Division Methuen. (13. 4. 5.) 



9. Inf -Brig. 

G. M. Featberstonehaugh, später 
Pole-Carew. 

Northuiub Fus. R. N. Lancashire 



n 

Northamptoaah. 



in 

Yorkshire 



1. Inf.-Brig. (Gardei 
G. M. Colvüe. 



ao 
"Ö 


i 


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t-, 

§ 




Scots Gaards 














J 


ii 


in 






Greil. Guards 


a 







Marine-D etachement. 



8. Int. -Brig. (Hochländer) 
G. M. Waachope, später Maodonald. 

I I 

Highl Light Inf. Argyll nnd Suther- 

land Highl 



II II 
R. Highl. (Blackwatch) Seaforth Highl. 



Vi Batl. beritt. Infanterie 

r 



9. Laneers 



Haubitz-Batt 



Reit. G. Feld-Batterien 
7 & «2 8 

f T T 'I' 



Pionier-Kompagnien 



VI Der Feldzug gegen Kimberley. 

Lord Methuen war mit den ersten Transporten am 12. No- 
vember in Oranje-River-Station eingetroffen. In seiner Begleitung 
befand sich ein Bruder des in Kimberley eingeschlossenen Cecil 
Rhode8; dies erklärt die Hast, mit welcher Methuen den Entsatz- 
versuch betrieb. 

Am 21. November, als noch kaum zwei Drittel der fechtenden 
Truppen seiner Division (Kriegsgliederung siehe obenstehend) zur 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



187 



Stelle waren, als sogar zum Teil die Bespannung der Geschütze 
und sämtliche Trains noch fehlten, begann er bereits den Vormarsch 
über den Oranje, um den schon seit dem 11. November in einer 
Stellung bei Belmont (ca. 25 km nördlich des Oranje) gemeldeten 
Feind anzugreifen, und womöglich im Falle eines Sieges in 4 Eil- 
märschen Kimberley zu erreichen. Die Leitung der Belagerung von 
Kimberley und die Deckung des Belagerungskorps gegen Entsatz- 
versuche hatte indessen der bisher vor Mafeking gestandene Trans- 
vaaler Kommandant Cronje übernommen; in ihm fand Methuen einen 
überlegenen Gegner. 

Nach zwei Märschen war Methuen vor der südlich Belmont ge- 
legenen Hügelreihe angelangt, deren höchste Erhebung die Kaffern- 
kopje bildet, und auf welcher der Feind sich scheinbar in 
3 Etagen verschanzt hatte. Nach den eingegangenen Nachrichten 
glaubte Methuen die Hauptreserve Cronjes (ca. 2500 Mann) vor sich 
zu haben, 1 ) thatsächlich standen hier nur 500 Buren mit 2 Ge- 
Gefecht bei Belmont am 23. November 1899. 
Am frühen Morgen des 23. entwickelte Methuen seine sämt- 
lichen Truppen zum Angriff, d. h. er „entwickelte" sie nicht. In 
geschlossenen Massen, wie bei Belle AUiance, ohne Schützen von 
der Front, ohne jede Feuervorbereitung rückten die Garden vor, die 
9. Brigade folgte links 1 ) gestaffelt, die Ulanen und die berittene 
Infanterie sollten beide Flügel des Feindes umgreifen und sich 
in dessen Rücken werfen. 

Um 4 30 vormittags eröffneten die Buren aus der untersten 
Etage das Feuer gegen die Massenziele der Garden und zwangen 
diese, endlich Schützen vorzunehmen und sich zunächst niederzu- 
werfen. Inzwischen hatte die 9. Brigade bereits Schützenlinien ent- 
wickelt und nach kurzem Feuergefecht die schwach besetzte feind- 
liche Stellung genommen ; die Garden folgten, nach Verstärkung aus 
der 2. Gefechtslinie der 9. Brigade in einem zweiten Anlaufe nach. 
Die Buren hatten, rascb zurückgaloppierend, die 2. Etage besetzt 
und leisteten hier erneuten Widerstand ; durch einen beiderseits um- 
fassenden Schützenanlauf, besonders aber durch das überlegene 
englische Artillerie-Feuer auch aus dieser Stellung vertrieben, hielten 
sie nur noch kurz die Höhenlinie der Kaffernkopje und zogen unter 
Mitnahme ihrer Verwundeten rasch ab. Fast jeder Bure hatte einen 

») Siehe Official Deapatohes, Part I., Seite 6. 
schützen. 

') Laut Gefechtsbericht der 9. Brigade; aus dem verworrenen Berichte 
Methuens wäre eher zu entnehmen, dafs die Brigade rechts gestaffelt war. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



Engländer aufser Gefecht gesetzt (ca. 300 Mann tot nnd verwundet). 
Das war noch eine herbere Lehre als jene von Glencoe. 

Eine Verfolgung unterblieb, obwohl man von der erstürmten 
Höhe aus den Trofs der Buren in einer Entfernung von 3000 yards 
abziehen sah. Methuen schreibt in seinem Bericht: r Die berittenen 
Truppen seien unfähig gewesen, seine Befehle auszuführen, teils 
weil einige Kopjes vorlagen, teils weil es zu weit war und weil die 
Artillerie todmüde war." Er entschlofs sich zunächst, sein altes 
Lager südlich des Oranje wieder aufzusuchen und dort den Rest 
seiner Division (die Hochländer Brigade) und die Trains abzu- 
warten. 

Gefecht bei Grass Pan (oder Enslin) am 25. No- 
vember 1899. 

Aber schon in der Nacht vom 24-/25. November brach Methuen 
neuerdings auf und rückte in 2 Marschstaffeln : 9. Brigade und 
Artillerie voraus, die Garden mit der Bagage auf einige km Ab- 
stand, vor. Die Kavallerie und berittene Infanterie war wieder auf 
beiden Flügeln vorgetrieben, in der Front erkundete ein Panzerzug. 
Die Kaffernkuppe bei Belmont wurde östlich umgangen und gegen 
diese Stellung das Bataillon Scots Guards zurückgelassen, weil dort 
„angeblich" 1 ) wieder die 500 Buren im Hinterhalt lagen. Bei Grass 
Pan Station, zunächst Enslin waren durch den Panzerzug 400 Buren 
mit 2 Geschützen in Stellung gemeldet worden 2 ) ; gegen diese wurde 
die vordere Marschstaffel zum Angriff angesetzt, und zwar wurde 
diesmal, wie Methuen eigens hervorhebt, der Angriff ausgiebig durch 
Artillerie vorbereitet und dann mit vorgenommenen Schützen erfolg- 
reich durchgeführt; nur die Marine-Infanterie wiederholte den Fehler 
der dichten Kolonnen und erlitt dementsprechend schwere Verluste 
(50 •/•)• Die Garden entwickelten sich zur Verlängerung des linken 
Flügels, kamen jedoch nicht mehr zum Eingreifen. 

Nach den bisherigen Veröffentlichungen wären die Garden vor- 
her mit den 500 Buren auf der Kaffernkuppe, die dort wirklich sich 
versteckt hielten, ins Gefecht getreten. Der Gefechtsbericht der 
Gardebrigade*) läfst über die Unrichtigkeit dieser Darstellung keinen 
Zweifel. Die Brigade verfeuerte an diesem Tage keine Patrone und 



') „So it was said «, schreibt Methuen. Die Aufklärung der 6 Eskadrons 
und des Panzerauges reichte offenbar zu einer thatsachlichen Feststellung 
nicht aus. 

3 ) Thatsächlioh befanden sich ca. 2000 Buren mit 6 Geschützen (letztere 
unter Major Albrecht) dort in Stellung. 
3) Oft. Desp. I. 8. 9/10. 



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verlor keinen Mann. Die Baren haben also ihre offenbare Absicht, 
über die Trains Methuens herzufallen, wahrscheinlich wegen der 
starken Bedeckung derselben, nicht ausgeführt. 

Eine Verfolgung unterblieb abermals, weil diesmal die Ulanen 
„dead beat, powerless" waren. Dieses Versagen der Kavallerie und 
Artillerie ist mit der Erschöpfung der nicht akklimatisierten Pferde 
nod mit der ausserordentlichen Hitze zu erklären. 

Gefecht am Modderflufs, am 28. November 1899. 

Am 26. und 27. ruckte Methuen, obwohl von der Hochländer 
Brigade erst 1 Bataillon zu ihm gestolsen war, neuerdings, jedoch 
äofserst vorsichtig und in kleinen Märschen gegen den Querabschnitt 
des Riet-Moddertlusses vor; diese Vorsicht that not, nicht allein 
wegen der Taktik der Buren, sondern auch weil Methuen allen 
Grund hatte, den Meldungen seiner Aufklärungsorgane zu mifstrauen. 
Der nächste Zusammenstols am 28. November lieferte hierfür einen 
neuen Beweis. Nach den Erkundungsergebnissen des 27. nahm 
Methuen die Hauptkräfte des Gegners in einer Bereitstellung bei 
Spytfontein (ca. 15 km nördlich der Modder) an und glaubte daher, 
den Flufs ohne wesentlichen Widerstand Uberschreiten zu können, 
zumal ihm Modder- und Rietflufs als Uberall durchwatbar 1 ) ge- 
meldet waren. 

Erst am Morgen des 28. erfuhr er, dafs das Dorf Modderriver 
südlich des Bahnubergangs Uber den Flufs, stark besetzt sei. Er 
begab sich mit den berittenen Truppen zur Erkundung vor, konnte 
aber den Feind nur östlich des Dorfes entdecken und liels die 
Batterien aus einer Stellung ca. 2 km östlich der Bahnlinie sofort 
das Feuer eröffnen (5° vormittags), Ulanen und berittene Infanterie 
deckten die rechte Flanke. Methuen glaubte noch immer, nur Vor- 
truppen gegenüber zu haben, welche sich nach kurzem Gefecht auf 
die Hauptstellung, die er bei Spytfontein annahm, zurückziehen 
würden. In Wirklichkeit hatte aber Cronje mit etwa 6—7000 
Mann (teils Oranje-, teils Vaalburen) die Fufslinie besetzt. Die Bahn- 
brücke war gesprengt, die beiden, sonst unbedeutenden, Flüsse führten 
Hochwasser und waren blofs an den Furten, und selbst da nur 
schwierig, zu überschreiten. Die Stellung der Buren war mit grofser 
Geschicklichkeit ausgewählt; sie hatten bereits erkannt, dals nur die 
englische Artillerie ihnen Verluste beibringe, die Infanterie da- 
gegen mit ihrem schlecht gezielten Salvenfeuer ungefährlich sei. 
Sie legten daher ihre Schützengräben derart an, dals sie den voraus- 
sichtlichen englischen Artilleriestellungen gegenüber im toten WinkeL 

») „Fordable anywhere", Off. Desp. I. S. 14, Fufsnote *. 



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Der Krieg in Südafrika 1899,1900. 



la^en, oder wenigstens schwer erkennbar waren; aus diesem Gründe 
nahmen sie keinen Anstand, sich teilweise sogar vorwärts 1 ) des 
Hindernisses einzunisten. Die Buren-Artillerie stand nördlich der 
beiden Flüsse. 

Methuen hatte 1 Bataillon, die Pioniere und die Trümmer des 
Marine-Detacbements, sowie 1 Batterie zum Bahn- und Lagerschutz 
zurückgelassen, dafür das Hochländer-Bataillon der 9. Brigade zu- 
geteilt und beiden Brigaden „sichtbare Marschziele" fllr den Vor- 
marsch in 2 Kolonnen gegeben. 

Wie er selbst offen zugesteht, entglitt die weitere Durchführung 
des Gefechts seinen Händen vollständig; er giebt zu, dals er sich 
meist an Punkten befunden habe, wo er nicht hingehörtej(in der 
vordersten Linie); aber wenn einzelne Unterführer es beklagten, 
dats sie keine Befehle erhalten hätten, so müsse entgegengehalten 
werden, dals innerhalb 2000 yards jede Befehlsübermittelung durch 
berittene Ordonnanzen bei dem Präzisionsfeuer der Buren unmöglich 
war. — Die Gardebrigade ging östlich der Bahnlinie gegen den 
Abschnitt des Rietflusses, die 9. Brigade rittlings der Bahn gegen 
den Modderfluls und das Dorf am linken Ufer vor; ein halbes 
Bataillon griff zn eiuer Umgehung weiter links aus. Um 8 10 vor- 
mittags eröffneten die Buren auf 700 yards das Feuer; ihre Schützen- 
gräben waren so vorzüglich maskiert, dafs die Engländer nicht 
wufsten, wohin sie ihr Feuer richten sollten, und daher in begreiflicher 
Erregung wieder in den Fehler des blinden Draufgehens verfielen. 
Den Garden gegenüber waren die Oranjeburen auf dem rechten 
Ufer des nur etliche 20 m breiten Rietflusses eingegraben; obwohl 
die Schützengräben der Freistaatler an diesem Tage nur schwach 
besetzt waren, 1 ) gelang es den Garden trotz aller Bravour Einzelner 
nicht, an den Flufs heranzukommen, geschweige denselben zu über- 
schreiten. Dagegen konnte die 9. Brigade das Dorf Modderriver 
nach hartem Kampfe wegnehmen; die kleine Umgehungskolonne 
hatte weiter westlich bei einer Mühle den Flufs überschritten, konnte 
aber auf dem rechten Ufer nicht weiter vordringen. So kam auch 
hier der Kampf zum Stehen. Angesichts der großen Verluste (über 
1000 Mann) und der Erschöpfung der Truppen nach lOstündigem 
Kampfe bei abnormer Hitze konnte an ein Forcieren der Übergänge 



*) Die einschlägigen Skizzen der Lieferungswerke von Estorffs und von 
Mllllers bedürfen hiernach der Richtigstellung. 

?) Eine grofse Zahl der Oranjeburen war an diesem Tage nicht zu be- 
wegen, am Gefechte teilzunehmen; es kam hierwegen zu einem ernsten Schritt- 
weobael der beiden Präsidenten und zu einem scharf mahnenden Tagesbefehl 
des Präsidenten Steyn. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



191 



nicht mehr gedacht werden. Überhaupt war die Fortsetzung des 
Entsatzversuches vor dem Eintreffen der Hochländer -Brigade aus- 
geschlossen. Die Loslösung aus dem Gefecht vollzog sich, Dank der 
Unthätigkeit der Buren, ohne Mühe und Verluste. Methuen bezog 
zunächst ein befestigtes Lager südlich der Modder; er nennt den 
Kampf am Modderflufs eines der schwersten und anstrengendsten 
Gefechte in den Annalen der britischen Armee. 

Cronje hatte in der Nacht seine Truppen wieder in die Bereit- 
stellung auf den Höhen zwischen Spytfontein und Magerefontein 
zurückgezogen; wohl wissend, dals die Engländer sich von dem 
einzigen Schienenstrang, an dem die Erhaltung ihrer Schlagfertigkeit 
hing, nicht weit entfernen durften, hatte er hier eine sorgfältig aus- 
gedacbte Befestigungsanlage geschaffen, in welcher er alle Angriffe 
der Entsatzarmee erwarten und wirksam abweisen wollte. 

Dagegen dachte Cronje, wie alle Burenführer, entschieden zu 
spät daran, den Engländern ihre Lebensader durch ausgiebige 
Zerstörung der Bahnlinie zu unterbinden. Als endlich am 2. Dezember 
die Eisenbahnbrücke bei Grass Pan gesprengt wurde, war es zu 
spät; Tags zuvor waren die letzten Transporte der Hochländer Brigade, 
ferner ausreichender Ersatz an Proviant und Munition bei Methuen 
eingetroffen. 

Gefecht bei Magersfontein, am 11. Dezember 1899. 

Am 10. Dezember entschlofs sich Methuen, der nun seine Division 
vollzählig (siehe Seite 186) beisammen hatte zum erneuten Angriff 
auf Cronje; er leitete die Aktion mit einer Kanonade (von 4*° bis 
6** abends) ein, von welcher er sich „eine demoralisierende Wirkung 
auf die Nerven des Feindes" versprach. Die Buren erwiderten das 
wirkungslose Feuer mit keinem Schufs, um ihre Stellung nicht zu 
verraten. Thatsächlich war Methuen noch am Abend des 10. völlig 
im Unklaren über die Lage und Ausdehnung der burischen Be- 
festigungen; nicht einmal die Flügelpunkte waren erkundet, trotz 
Kavallerie und Fesselballon. Gleichwohl entschlols er sich zu einem 
nächtlichen Angriff! Nach den Schätzungen eines Artillerie-Majors 
Benson, glaubte man, 2'/, Meilen von dem beabsichtigten Einbruch- 
punkt (dem vermuteten linken Flügel, der aber in Wirklichkeit 
das Centrum war) entfernt zu lagern. Es war geplant, „gerade mit 
Tagesanbruch" zu entwickeln; bis dabin wollte man massiert 
marschieren. Da der Tagesanbruch auf 3 M vormittags „fällig" war, 
so wurde der Aufbruch auf 12" vormittags angesetzt Die Hochländer- 
Brigade marschierte an der Tete und zwar in Doppelkolonnen hinter- 
einander, die Flügelleute durch Stricke verbunden. Die Garden 



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192 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



und die Artillerie folgten; die ganze 9. Brigade blieb zum Schutze 
des Lagers zurück — wieder ein Stück Taktik aus dem vorigen 
Jahrhundert ! 

Gleich nach dem Abmarsch brach ein heftiges Gewitter los. 
Major Benson fungierte als Führer, in jeder Hand einen Kompais; 
trotzdem wurde die Richtung verfehlt, was Methuen auf die Be- 
einflussung des Kompasses durch das Gewitter und die Gewehre 
schiebt. Um so besser waren die Buren über die Anmarschrichtung 
der Engländer im klaren; losgehende Gewehre und die „pretty clear 
flashes u einer Laterne 1 ) sorgten dafür. Kurz, die ganze mühsame 
Berechnung des englischen Generalstabs stimmte nicht. Zu allem 
Überflufs begann es, des Gewitters wegen, erst um 4° zu tagen, 
statt „befehlsgemäfs" um 3". Major Benson hatte schon einmal den 
Kommandeur der Hochländer-Brigade, General-Major Wauchope be- 
scheiden gefragt, ob es nicht Zeit wäre, zu entwickeln; doch dieser 
hielt sich strikte an den Befehl, „to extend just before day-break. u 
Auch konnte man die Konturen der Kuppen, auf welchen — wieder 
„befehlsgemäß — die Buren sich befinden sollten, noch in einiger 
Entfernung vom Nachthimmel sich abheben sehen; es war also 
scheinbar noch Zeit. Keine Plänklerkette, keine Patrouille, nicht 
einmal eine Spitze war vor der Front 

Da plötzlich prasselte ein mörderisches Schnellfeuer auf 200 m 
in die vorderste Bataillonsmasse, des Bataillons Black Watch (Royal 
Highlanders). 

Eine Panik war die natürliche Folge. Niemand, der die Kriegs- 
geschichte kennt, wird einen Stein auf eine Truppe werfen, welche 
unter solchen Umständen einer Panik anheimfällt. Es ist im 
Gegenteil die Kaltblütigkeit und Energie der englischen Offiziere 
geradezu bewundernswert; nur ihnen war es zu danken, dafs die 
Panik auf das vorderste Bataillon beschränkt blieb und dals es auch 
bei diesem in Bälde gelang, die Ordnung wieder herzustellen. Als 
der Tag anbrach, sah man erst, dafs die Buren ihre vordersten 
Schützengräben nicht auf den Höhen oder Abhängen, sondern einige 
100 m vorwärts des Fulses der Anhöhen in der Ebene angelegt 
hatten, wieder mit der Absicht der englischen Artillerie das Einschiefsen 
zu erschweren. 

Auf diese vorgeschobenen Linien waren die Hochländer un- 
vermutet aufgeprallt. Trotz schwerer Verluste 2 ) hatten die 4 schottischen 
Bataillone nach beiden Seiten auf der Grundlinie entwickelt, sich, 

J ) Siehe Off. Desp. II. Seite 19, Zifl. 16. 

2 ) General Wauchope, der gröfate Teil der Offiziere und 760 Mann waren 
gefallen. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 193 

wo sie eben standen, niedergeworfen and führten nun ein mehr- 
stündiges hinhaltendes Feuergefecht anf etwa 800 m Entfernung; der 
rücksichtslosen Schneid der Offiziere gelang es sogar noch, mehrmals 
ihre Leute aus der Deckung emporzureifsen und zu vergeblichen, 
verlustreichen Angriffen vorzuführen. 

Da sich bei der zunehmenden Tageshelle die Burenstellung 
viel weiter nach Osten hin ausgedehnt erwies, als angenommen 
worden war, so mulste die Garde-Brigade und später auch noch ein 
herangeholtes Bataillon der 9. Brigade zur Verlängerung des rechten 
Flügels entwickelt werden. Trotz möglichster Frontausdehnung (die 
Garde-Brigade nahm mit ihren decimierten 4 Bataillons allein einen 
Kaum von l s / 4 Meilen = 2800 m ein) gelang es nicht, den Buren 
die Flanke abzugewinnen; möglicherweise wäre es aber ge- 
lungen, wenn Methuen, einem der elementarsten Sätze der Taktik 
entsprechend, sich auch die 9. Brigade zur üand gehalten hätte. 
Besonders kritisch war diese Unterlassungssünde, als um 1° nach- 
mittags der rechte Flügel der Buren — ganz gegen ihre bisherige 
Gepflogenheit — aus der reinen Abwehr heraustrat und einen Vor- 
stofs machte. Schon war der linke Flügel der Engländer zurück- 
gewichen, — da kam die Vorwärtsbewegung der Buren wieder zum 
Stehen. Hätte sich die ganze Linie dem Vorstofs angeschlossen, so 
wäre eine Katastrophe für die Engländer unvermeidlich gewesen. 
So aber verlief das Gefecht allmählich in den Sand und löschte um 
7 U abends völlig aus. Die Engländer sammelten und zogen ab. 

Wenn man sich vor Augen hält, dafs die Buren mit ca. 6000 Mann 
eine Frontausdehnung von 5 — 6 km einnahmen, so wird ohne weiteres 
klar, wie es möglich war, dafs sie so geringe Verluste erlitten; sie 
lagen nämlich mit so weiten Zwischenräumen und so gut verdeckt 
und maskiert und so unregelmäfsig im Gelände verstreut, dals sie 
eigentlich nur von Zufallstreffern erreicht wurden. Dals aber trotz 
dieser dünnen Aufstellung gleichwohl jeder Durchbruchsversuch der 
Engländer scheiterte, hat seinen Grund darin, dals der einzelne 
Burenscbtltze im Feuer, kraft seiner vorzüglichen Waffe und Schiefs- 
fertigkeit, sich verdoppelte und verdreifachte. 

Das Gefecht von Magersfontein hatte Metbuen abermals über 
1000 Mann gekostet. Noch schlimmer waren die moralischen Verluste. 
Das Vertrauen auf die Führung war unwiderbringlich verloren, der 
letzte Rest von Disziplin dahin. Damit war das Schicksal des 
Entsatzversuches endgültig besiegelt. Methuen zog sich in sein altes 
Lager südlich des Modderflusses zurück und verblieb hier, teilweise 
unter grofsen Entbehrungen und jedenfalls unter den unerquicklichsten 



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194 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



Verhältnissen bis zum Erscheinen Lord Roberts (vom 12. Dezember 1899 
bis 10. Februar 1900). 

General Baller begleitet die Gefechtsberichte Methnens mit 
folgenden Worten: „Ich nehme an, unsere Offiziere werden den 
Wert der Erkundung in Bälde kennen lernen; aber trotz allem kann 
man bis heute (28. Dezember 1899) sagen, dafs unsere Leute sich geradezu 
blindlings auf den Feind zu stürzen scheinen und dementsprechende 
Verluste erleiden." l ) 

Warum aber, fragen wir, haben die englischen Offiziere, die 
doch auch zu den Gebildeten des Jahrhunderts zählen, den Wert 
der Erkundung nicht schon vor diesem Kriege kennen gelernt? 
Warum ist ihnen das Schützengefecht etwas Fremdes und Neues? 
Warum werden die einfachsten Grundregeln der Sicherung aulser 
Acht gelassen? — Antwort: Weil die englischen Offiziere sich nicht 
einmal um ihr eigenes Reglement, geschweige denn um neuere 
Kriegsgeschichte und moderne Gefechtsführung kümmerten. 

Nach dem englischen Infanterie - Reglement (infantry drill) 
Sektion 47, Ziffer 3 soll den Rekruten als Hauptregel eingeprägt 
werden: „Vollste Entfaltung der Feuerkraft, geringste Darbietung vod 
Zielen für das Feuer des Feindes und genug Leute, um zuerst das 
feindliche Feuer zum Schweigen zu bringen und dann ihn aus 
seiner Stellung zu vertreiben." (Unser Infanterie-Reglement drückt 
das Gleiche allerdings noch deutlicher aus in II, 82: Der Angriff 
hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn ihm die Herbeiführung der 
Feuerüberlegenheit gelingt ... es bleibt daher vor Führung des 
letzten Stofses die Feuerwirkung abzuwarten.) 

Sektion 110 sagt: „Jeder Truppenführer wird seinen Angriffs- 
plan auf die durch genaue Erkundung gewonnene Kenntnis der 
gegnerischen Stellung und des Anmarscbgeländes zu dieser gründen; 
bietet dieses keine Deckung für die angreifenden Truppen, so muls 
er lieber suchen, eine Flanke anzugreifen oder des Gegners Rücken 
zu bedrohen, da ein direkter Frontalangriff Uber freies Ge- 
lände verlustreich und schwierig ist." 

Endlich Sektion 124, Ziffer 5: „Geschlossene Formationen sind 
sehr verwundbar, wenn man sie gegenüber Truppen anwendet, die 
mit modernen Waffen versehen sind. 4 * 

Diese goldenen Lehren des eigenen Reglements waren offen- 
bar keinem der maßgebenden englischen Offiziere bekannt. Was 
ihnen allen geläufig war, waren die Methoden des „Savage warfare", 
des Kampfes gegen Wilde, wo ein paar Salven aus dem Karree 



i) Siehe Off. Desp. I. Seite 16. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



195 



□nd geschlossenes Draufgeben mit gefälltem Bajonett jedesmal einen 
billigen Erfolg verbürgten. Die grofsen Verluste der Engländer in 
diesem Kriege sind daher zumeist auf die Unkenntnis der eigenen 
Dienstesvorschriften nnd anf eigensinniges Festhalten an sogenannten 
Kriegserfahrnngen zurückzuführen. 

Übrigens: Peccatur intra mnros et extra! 

Am Modderriver und bei Magersfonteiu haben die Buren erst- 
mals jeden militärischen Zuschauer in Europa schwer enttäuscht: 
eine Truppe, ausgestattet mit einer weittragenden Präzisionswaffe, 
einer meisterhaften Schiefsfertigkeit und zugleich mit einer wunder- 
baren Beweglichkeit und Findigkeit im Gelände läfst einen durch 
10 stündigen vergeblichen Feuerkampf zermürbten Gegner ruhig das 
Gefecht abbrechen und abziehen und rührt keinen Finger, um durch 
einen Vorstofs oder wenigstens durch ein mörderisches Verfolgungs- 
feuer den Sieg bis zur Vernichtung des Feindes auszunützen. Und 
warum? Auch aus eigensinnigem Festhalten an den Erfahrungen 
aus einem Savage warfare, wo der Kern aller Kriegskunst war 
„eigenes Blut und die kostbare Munition zu sparen." In diesem 
allen Ratschlägen europäischer Offiziere unzugänglichen Eigensinn 
lag der Keim zu den späteren Niederlagen der Buren; was 
sie zu unrechter Zeit an Einsatz von Gut und Blut einsparten, 
mufsten sie später dem durch ihre Schuld wieder erstarkten Gegner 
doppelt und dreifach bezahlen. 

Noch unheilverheifsender, als der unvernünftige Eigensinn der 
Burenführer waren die ersten Anzeichen der Unbotmäfsigkeit im 
Lager der Oranjeburen und der Zwietracht unter den Verbündeten, 
dieses Grundübels aller Koalitionen. Wenn es sich schon in den 
Zeiten des vollen und — Dank den Fehlern der Engländer — 
mühelosen Erfolges ereignen konnte, dals Tausende von Buren 
während eines Gefechtes einfach streikten, welch' schlimme Dinge 
waren da erst für Tage des Unglücks vorauszusehen? 

(Fortsetzung folgt.) 



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196 Der südafrikanische Krieg im Lichte Schlichting'scher Grundsätze. 



XII. 

Der südafrikanische Krieg im Lichte Schlichting'scher 
strategischer und taktischer Grundsätze. Fehlgriffe des 

englischen Kriegsministers. 1 ) 

Das im vorigen Jahre mit dem III. Bande abgeschlossene epoche- 
machende Werk des Generals von Schlichting hat in allen darin 
aufgestellten Grandsätzen, durch die Ereignisse des südafrikanischen 
Krieges, eine so umfassende Bestätigung gefunden, dals es geboten 
erscheint, an der Hand der Thatsachen auf einige dieser Grundsätze 
zurückzukommen. 

Hatte der Feldzug 1870/71 schon gezeigt, welche unverhältnis- 
mäßig grofsen Opfer der Angriff der Infanterie Uber die deckungs- 
lose Ebene fordert und wie selten es gelingt, so geht Verfasser noch 
Uber diese Erfahrungen hinaus, indem er behauptet, dals gegenüber 
der gesteigerten Wirkung unserer heutigen PräcisionswafTen, die in 
Bezug auf Feuergeschwindigkeit, Rasanz, Tragweite und Gescbofs- 
wirkung C hasse pot und ZUndnadel noch erbeblich übertreffen, ein 
solcher Angriff ohne vorherige gründliche Vorbereitung durch über- 
legene Artillerie oder die Einwirkung von Nebenabteilungen völlig 
aussichtslos ist. An einer in starker Stellung, in Schützengräben 
postierten, ausharrenden, gut schielsenden Infanterie, wird selbst ein 
Schlachtenangriff grofsen Stils, der den vorgehenden Schützenlinien, 
weit überlegene Massen folgen läfst, welche ihre gelichteten Reihen 
immer wieder ergänzen und sie fortgesetzt in Glut halten, machtlos 
zerschellen. Der die volle Mannshöhe preisgebende Angreifer wird 
heut zu Tage eine sichere Beute des bis auf 600 m rasanten und 
darüber hinaus noch weit wirksameren Infanteriefeuers, selbst wenn 
es nicht aus deckenden Schützengräben, sondern nur liegend abge- 
geben wird. Bei den meilenweiten Ausdehnungen des heutigen 
Schlachtfeldes muls sich allerdings jede grössere Kampfeinheit mit 
dem Gelände abfinden, den ihr ihr Anmarsch auf das Schlachtfeld 
zuweist, aber gerade in dessen richtiger Behandlung liegt die Kunst 
der Unterführungen und des Ziels der Ausbildung. Die deckungs- 
lose Ebene ist einem Fronthindernis gleich zu achten, hier ist Zurück- 
haltung geboten, zumindest mufs es der Nachbar machen und erst 
mit dessen Fortschritten ist das Angriffsverfahren in Übereinstimmung 

») Leider sind wir erst jetzt in der Lage, den uns Mitte Mai zugegangenen, 
teilweise durch die Ereignisse Überholten Aufsatz zu bringen. 

D. Leitung. 



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Der südafrikanische Krieg im Lichte Schlichting'soher Grundsätze. 197 

zd bringen. Möchte es ans im nächsten Feldzage erspart bleiben, 
an unserem eigenen Leibe dieses a and a> der Scblichtingschen 
Lehre durch schwere Verlaste erst erkennen za lernen, and möchten 
grofse lineare Angriffe, mit treffenähnlichem Aufbau, and dem geringen 
Entwickelungsraum entsprechend nur verhältnismässig geringe Feuer- 
kraft zur Wirkung bringend, wie man sie leider bei den grölseren 
Truppenübungen bisweilen noch sieht, der Kumpelkammer einer ver- 
alteten Taktik überwiesen werden. — Aus der Unangreifbarkeit von 
Gefechtsfronten mit deckungslosem rasanten Schnfsfeld folgert der 
General, dafs die Entscheidung in der Front mit erheblich schwächeren 
Kräften auskommen kann, als früher, und dafür in der Lage ist, 
ihre Reserven hinter den Flügeln, oder richtiger seitwärts rückwärts 
derselben, um so reichlicher zu energischer Offensive auszustatten, 
wobei es wieder die gröfsere Widerstandskraft der Front gestattet, 
mit diesen aufgesparten Kräften grölsere Seiten- und Tiefenabstände 
zu nehmen, also mit Anmärschen bis aus halber Tagemarsch -Ent- 
fernung auf dem Schlachtfelde zu erscheinen, und so bei einfacher 
Gefechtsentwickelung geradeaus eine wirksame Umfassung des 
Feindes zu bewirken. Die Gefahr, im Sinne napoleonischer Durch- 
bruchs-Taktik im Centrum durchbrochen zu werden, ehe von den 
Flügeln Hilfe kommt, hat sich bei der wachsend ungünstigen Lage, 
in welche der in die Front nur partiell eingedrungene Angriff, durch 
das Kreuzfeuer, in das er bei seinen räumlichen Fortschritten immer mehr 
gerät, wesentlich verringert, ja die Verteidigung kann in solchen 
Lagen unbeschadet schließlich solchem Angriffe nachgeben, um den- 
selben später um so wirksamer sozusagen in die Schere zu nehmen. 
Aber ohne Ausnutzung der durch die erhöhte Widerstandskraft in 
der Front ersparten Offensivkraft auf den Flügeln, bleibt wie die 
Kämpfe am Tugela bewiesen haben, die wirksamste Abwehr auf 
partiellen Erfolg beschränkt, und wird zu einer Vernichtung des 
Feindes niemals gelangen können. 

In diesem Mangel rechtzeitiger Offensive und Fehlen jeder Ver- 
folgung, viel mehr als in der numerischen Minderheit, liegt das schliefs- 
liche Unterliegen der beiden südafrikanischen Republiken besiegelt, 
denn der rechtzeitige Einsatz von Kräften im Angriffsveriahren einem 
erschütterten Gegner gegenüber und die Verfolgung eines geschlagenen 
kostet endgiltig weniger Blut, als die immer sich wiederholende 
Abwehr eines Feindes, der seine Niederlage niemals auf dem Rück- 
züge voll hülst und stets Gelegenheit findet, seine Verluste an leben- 
dem und totem Material wieder zu ergänzen. Zu solchen offensiven 
Unternehmungen gehören allerdings organisch gegliederte Truppen, 
nicht lose an einander gereihte niedere Einheiten wie sie die Buren- 

Jihrb&char für di» dautioh« Arme« und Marina. Bd. 110. 2 14 



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198 Der südafrikanische Krieg im Lichte SchUchting'scher Grundsätze. 

kommandos darstellen. Ihr lockerer Zusammenhang zeigt sich vollends 
nach Milserfolgen, wenn gleich ihr dadurch begünstigter excentrischer 
Rückzug, welcher auch eine der Hauptlehren Scblichtings bildet, auf 
der anderen Seite auch wieder eine wirksame Verfolgung durch die 
Engländer verhindert und gleichzeitig wie bei Bloemfontain erneute 
konzentrische Operationen erfolgreich gegen dieselben einleitet. General 
von Schlichting ist ein abgesagter Feind der Stellungsreiterei, die 
auf die Vorteile der im Feldkriege so entscheidenden Bewegungs- 
freiheit verzichtet, die Gesetze für ihr Handeln vom Gegner erhält 
und schliefslich in centrale Lagen gerät, die hoffnungslos sind, wenn 
ihnen nicht von aulsen Entsatz zu Teil wird. Was Verfasser von 
der den heutigen Feuerwaffen gegenüber nicht mehr anwendbaren 
napoleonischen Durchbrucbstaktik dargethan hat, beweist er hier noch 
viel schlagender an dem grofsen Ausfall Trochns bei Champigny, 
der bei anfänglichem taktischen Erfolge in eine ungünstigere Lage 
geriet und mit höchst verlustreichem Rückzüge endete. Selbst ver- 
hältnismäfsig schwache Cernierungstruppen, wie diejenigen der Buren 
bei Ladysmith, Kimberley, Mafeking und Wepener sind imstande, 
den von ihnen eingeschlossenen Truppen ein zeitweises „Halt" zu 
gebieten, bis äufsere Einwirkungen selbige zum Abzüge zwingen. 
Zu einem raschen vollen Erfolge vermag allerdings der Einschliefsende 
nur dann zu gelangen, wenn er seinen Kreis so eng schliefst, dafs 
die konzentrischen Geschoßwirkungen den Bewegungsunfähigen bis 
ins Herz seiner Stellung treffen, und dies wird sich, ohne demselben 
seine Vorstellungen entrissen zu haben, selten ohne eigene Opfer 
erreichen lassen. Ohne Kampf kein Sieg; selbst dem im engen 
Flufebett der angeschwollenen Modder eingeschlossenen Cronje gegen- 
über, dessen Streiter sich nach Art der Uferschwalben Höhlen an 
den Steilabfallen zum Flufs geschaffen hatten, bedurfte es schliefslich 
zur Überwältigung energischen Angriffes, da selbst flankierendes 
Geschützfeuer auf nächste Entfernung nicht ausreichte, um ihn zur 
Kapitulation zu zwingen, ehe ihm Hilfe von aulsen wurde. 

Auf die Betrachtungen, welche Schlichting einem Stromübergang 
an der Hand des Donauüberganges Napoleons bei der Lobaue und 
die daraus sich ergebenden Schlachten von Aspern und Wagram 
widmet, treffen die Mafsnahmen der Engländer am Tugela geradezu 
verblüffend. Er zeigt, dafs ein Stromuferwechsel, wenn er alle, seine 
Kraft auf eine Karte, d. h. auf einen Übergang setzt, schon 1809 
die denkbar gröfsten Gefahren in sich schlofs und eine Heeres- 
versammlung vor StromUbergang angesichts des Feindes falsch ist. 
Trotzdem die österreichische Armee erst aus Tagesmarsch-Entfernung 
herbeieilte, trotzdem Masseiia durch Wegnahme der Dörfer Aspern 

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Der südafrikanische Krieg im Liebte Schlichting'scher Grandsätze. 199 



und Eslingen wertvolle Stutzpunkte auf dem jenseitigen Ufer ge- 
wonnen hat, gelingt eret der Ubergang Napoleon nach mehr als 
Wochen und nur durch das Nichteintreffen des Erzherzogs Johann 
wird er am Tage von Wagram vor erneuter Niederlage bewahrt. 

Wer wird durch diese Betrachtungen nicht an den ersten ver- 
geblichen Versuch Bullers, am 13. Dezember den Tugela zum Ent- 
sätze von Ladysmith bei Colenso zu Uberschreiten, erinnert. Trotz- 
dem es hier nicht einmal eines Brückenschlages bedurfte, sondern 
eine Furt zum Übergange verwendbar war, wird der Versuch unter 
einem Verluste von 2000 Mann und mehreren Geschützen blutig 
zurückgewiesen. 

Der 2. und 3. vergebliche Uebergangsversuch Bullers und der 
planlose Angriff der Engländer auf die von den Buren mit grofsem 
Geschick angelegten Versehanzungen, beweist die Richtigkeit der von 
Schlichting gelehrten Grundsätze Uber den „Angriff auf vorbereitete 
Stellungen," denen er auch in unserem Infanterie-Exerzier-Reglement 
schon Eingang verschafft bat. Planiuäfsiger Aufmarsch, sorgfältige 
Rekognoszierung der feindlichen Stellung, möglichst gedecktes Heran- 
treten an dieselbe, erforderlichen Falls unter dem Schleier der Nacht, 
in ihren Zielen vereinigte, concentrische Artilleriewirkung, Festsetzung 
im Vorgelände nicht nach linearer Anordnung, sondern nach Mals- 
gabe der sich darbietenden Stutzpunkte, zweckentsprechende Gliede- 
rung der Truppen nach ihrer Bestimmung als Schützen, Arbeiter- 
und Sturmkolonnen, sorgfältige Regelung der Abmarschzeiten nach 
Raum und Zeit, genaue bis ins einzelne gehende Instruktion Uber 
Weg und Ziel der einzelnen Kolouuen, Bereitstellung von Reserven, 
Sicherung der, wenn auch nur gewonnenen partiellen Erfolge, durch 
Geländeverstärkung und Nachschieben von Truppen, planmäfsiges 
Entreifsen eines Abschnittes nach dem anderen, das sind die tak- 
tischen Mittel, die Verfasser dem Angriff auf eine vorbereitete Stellung, 
wenn die Aufgabe nicht auf operativem Wege zu lösen ist, zu ihrer 
Bewältigung empfiehlt und die er an der Hand einer höchst lehr- 
reichen Studie, die sich auf den Angriff einer künstlich verstärkten 
Stellung bei Donaueschingen während eines Korpsmanövers 1894 
gründet, applikatorisch darthut. Man halte hiergegen die teilweise 
im Begegnungsverfahren geführten Kämpfe der Engländer bei Dundee- 
Glencoe und ihr Sturmlaufen gegen die Vorberge des Spionskop 
und den Valkrans ohne vorherige Rekognoszierung und in völliger 
Unkenntnis Über Lage und Ausdehnung der feindlichen Hauptstellung, 
erinnern sich ihrer, mit Heldenmut erfochtenen Teilerfolge an der 
Porgeiters-Furt, die sie wegen mangelhafter Unterstützung nicht zu 
behaupten vermögen und deren Rückzug auf das südliche Ufer des 

14* 

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200 Der südafrikanische Krieg im Lichte Schlichting'scher Grundsätze. 

Tugela nur noch infolge der abermals unterlassenen Verfolgung 
seitens der Buren ausführbar wird. Zu einer Fechtweise, wie sie 
Schlichting mit Recht als unentbehrlich fordert und wie sie durch 
seine zielbewufste Unterweisung Eigentum des von ihm befehligten 
XIV. Armeekorps wurde, liefern weder die Kämpfe gegen schlecht 
bewaffnete halb barbarische Völkerschaften noch die schematischeu 
Exerzitien in den Truppenlägern eine brauchbare Vorübung. Die 
von den Engländern gegen die Buren angewandte Fechtweise zeigt 
nicht nur eine sträfliche Unterschätzung ihres Gegners, sondern bis 
in die höchsten Fuhrerstellen eine völlige Verkennung der durch die 
heutigen Waffen gebotenen Anforderungen die sich in den Worten 
„mehr Schutze, als Scheibe zu sein" zusammenfassen lassen. 

Einzelne ihrer tapferen Führer für den Mifserfolg allein ver- 
antwortlich machen zu wollen und sie zu SUndeuböcken zu stempeln, 
ist nicht nur dazu angethan die öffentliche Meinung Uber die wirk- 
liehen Schäden in der Armee irre zu führen, sondern niufs auch das 
Vertrauen der im Felde stehenden Truppen zu ihren Führern unter- 
graben. Es kann wohl geboten erscheinen, wenn der Oberbefehls- 
haber einen Unterführer wegen sträflicher Unterlassungen und nicht 
zu entschuldigender Sorglosigkeit zur Rechenschaft zieht und ihn, wie 
dies Lord Roberts mit Gatacre für seine Niederlage bei Bethulie 
geschah, aus einer Stellung entfernt, der er sich nicht gewachsen 
gezeigt hat, aber es ist höchst verderblich, wenn, wie es der Kriegs- 
minister Lord Landsdowne gethan, dienstliche Berichte, die doch nur 
für ihn und die Organe der Armee geschrieben sind, der Öffentlich- 
keit preisgiebt, weil er, „der dringenden Neugierde der öffentlichen 
Meinung gegenüber, weiter nicht zu schweigen wagt." Wie bekannt, 
hatte Generalleutnant Sir Warreu am 24. Januar den Spion-Kop 
mit grölster Tapferkeit genommen, und ihn Tags darauf aus eigener 
Initiative wieder geräumt, weil ihm General Buller nicht die er- 
warteten Verstärkungen nachgesandt hatte, und diese rückgängige 
Bewegung gab Buller in seinem Bericht an Lord Roberts als den 
Grund seines gescheiterten Übergangs über den Tugela und den 
mifsglückten Versuch, Ladysmith zu entsetzen, au. Den Original- 
bericht Warrens mit eigenem Handschreiben Bullers legte nun der 
Oberkoramandiereude Lord Roberts mit seiner Kritik dem Kriegs- 
minister vor, welcher den Inhalt dieser Depeschen aber in abge- 
schwächter Form der Öffentlichkeit Ubergeben wollte. So tele- 
graphierte dann Lord Landsdowne am 28. März an Lord Roberts, 
er könne und wolle die Gesamtdokumente seiner Depesche vom 
13. Februar nicht veröffentlichen und schlug vor. das nur mit 5 
derselben zu thun, wozu er dessen Zustimmung erbat. Sollte Lord 



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Der südafrikanische Krieg im Lichte Schliehting'sctaer Grundsätze. »201 

Koberts damit nicht einverstanden sein, so sei der Kriegsminister 
bereit, alle diese Papiere als vertrauliche zu behandeln und es 
General Buller zu überlassen, die Geschichte vom Spion-Kop noch 
einmal zu schreiben, welche Lord Roberts seinerseits dann abermals 
einsenden könne, verbrämt mit einigen fUr die Öffentlichkeit be- 
stimmten, Buller in immer günstigeren Lichte zeigenden Bemerkungen. 
Jedenfalls ist nichts imstande gewesen, General Buller in einem 
günstigeren Lichte zu zeigen, als dals er sich hartnäckig weigerte, 
anstatt seines als wahrheitsliebender, pflichttreuer Soldat geschriebenen 
Berichts „bestellte Arbeit u zu liefern. Der Kriegsminister sah, wie 
er feierlich am 4. Mai im Oberhause erklärte, keinen Ausweg mehr, 
zog sofort seinen Vertuschungs- Vorschlag zurück and gelangte mit 
Lord Roberts zu dem Schluls, dafs die Veröffentlichung nunmehr 
unvermeidlich gewesen sei. 

Solche Verhältnisse, insbesondere das doch sehr eigentümliche 
Verhalten des Kriegsministers, erscheinen uns völlig unverständlich. 
Unser militärisches Empfinden lälst uns unwillkürlich sowohl für 
Warren als für Buller Partei ergreifen. Wir sagen uns, dals General- 
leutnant Warren ganz gewifs ebenso gewichtige Gründe zu dem 
verantwortungsvollen Entschlufe gehabt hatte, den Spion-Kop am 
25. Janaar wieder aufzugeben, wie General Buller, ihm nicht Abends 
V erstärkungen nachgesandt zu haben. Beide sind verdiente Generäle, 
deren Tapferkeit Uber jeden Zweifel erhabeu ist, und es ist durch- 
aus verfehlt, die öffentliche Meinung zum Richter Uber ihre Maß- 
nahmen herauszufordern. Hat man etwa je davon gehört, dafs Skobelef 
vor Plewna dafür getadelt, oder der öffentlichen Kritik preisgegeben 
wurde, weil er eigenmächtig die beiden Lowtscha-Redouten räumte, 
oder dafs Imeretinski dafür zur Verantwortung gezogen wurde, weil 
er Skobelef nicht die nötigen Verstärkungen folgen liefs? Die beiden 
englischen Führer befanden sich in ähnlicher Lage. 

Ob die von einer englischen Zeitung, ich glaube, es war die 
Morning-Post, aufgestellte Behauptung, die Buren hätten die Schlich- 
tingscben Schriften sorgfältig studiert und verdankteu diesem Studium 
teilweise ihre Erfolge, richtig ist, ist zweifelhaft, unzweifelhaft aber 
ist, dafs sie die Engländer, wenn auch gelesen, nicht verstanden 
haben. v. J. 



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202 



Ein Wort über die friderioianisohe schräge Schlachtordnung. 



XIII. 

Ein Wort über die tridericianische schräge Schlachtordnung. 

Von 

E. Schnackenburg, Oberstleutnant a. D. 



Im 28./ 30. Hefte der „Kriegsgeschichtlichen Einzelschriften", 
herausgegeben vom Grofsen Generalstabe, „Die taktische Schulung 
der Preußischen Armee durch König Friedrich den Grofsen während 
der Friedenszeit 1745 bis 1756," (das in der „Umschau in der 
Militär-Litteratur" vorliegenden Heftes der „Jahrbücher" eine Be- 
sprechung findet), behandelt das VIII. Kapitel die „Entwickelung der 
schrägen Schlachtordnung". Es finden sich dort Ansichten Uber die 
letztere, denen wir zum Teil widersprechen mtllsen. Die Einzelschritt sagt: 
„Nur die schräge Front der ganzen Infanterielinie allein 
kann die schräge Schlachtordnung als solche kenntlich 
machen." Wir behaupten: Nein, dies ist nicht das Wesen, 
sondern nur eine Form der schrägen Schlachtordnung. 

Erinnere man sich zuvörderst der Entstehung der schrägen 
Schlachtordnung durch Epaminondas, der sich ihrer bei Leuctra 
(371 v. Chr.) zum erstenmale mit Erfolg bediente. Er verstärkte 
den linken Flügel seines Fufsvolkes durch seine besten Truppen, die 
er in einer Angriffskolonne von 47 bis 50 Mann Tiefe ordnete. 
Reiterei und leichte Infanterie begleitete schützend die Kolonne, 
während der schwächere rechte Flügel zurückgehalten wurde und, 
um mit der gerade vorgehenden Angriffskolonne in Verbindung 
zu bleiben, eine Achtelschwenkung rechts machte. — Die Taktik, 
mit welcher Alexander die Perser schlägt, ist die des Epaminondas, 
nur mit anderen Mitteln. Er formiert aus seinen besten Truppen, 
der schweren Reiterei und den Hypaspisten, unterstützt durch leichte 
Reiterei, Bogen- und Speerschützen, seinen Angriffs flügel, hält 
den anderen zurück und rückt in der Diagonale gegen die feind- 
liche Schlachtlinie vor, so bei Issus, Arbela und am Granikus. 
Vegetius, (dem Friedrich d. Gr. wahrscheinlich seine Kenntnis der 
schrägen Schlachtordnung verdankt) 1 ) erklärt dieselbe wie folgt: 

„In dem Augenblicke wo die beiden Heere aufeinanderetofsen, zieht 
man seinen linken Flügel von dem feindlichen rechten außerhalb des 

*) Friedrich studierte aohon als Kronprinz sehr eifrig Kriegsgeschichte. — 
Der 1786 gestiftete „Bayard-Orden" verpflichtete u. a. seine MitgUeder zum 
Studium derselben. — Der Prinzessin Wilhelmine v. Bayreuth schreibt er am 
12. November 1787: „J'ai expedtä les guerres puniques, les guerres des Perses 
contre les Orecs et une infinit^ d'autres, toutefois sans qu'il y eüt de sang 
repandu dans toutes nies campagnes." (Oeuvres XXVII., p. 52.) 



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Ein Wort Uber die fridericianische schräge Schlachtordnung. 203 



Bereiches aller Wurf- and Scbiefewaffen zurück. Unser rechter 
Fitigel, der aus unseren besten Truppen, sowohl an Fufsvolk als 
an Reiterei bestehen muls, dringt hierauf gegen den linken Flügel 
des Feindes vor, wird mit ihm handgemein und durchbricht oder 
umzingelt ihn, um ihn im Rücken angreifen zu können. Oder aber 
man führt mit dem linken Fügel aus, was durch den rechten geschah." 
Das Charakteristische ist also in allen diesen Fällen: Versagen 
des einen, Verstärken des anderen, angreifenden Flügels. 
Von einer kunstgerechten Staffelung der Infanterie ist keine Rede. 

So auch erklärt Friedrich das Wesen seiner „Ordre de 
bataille oblique." Während nämlich die „Einzelschrift" (S. 564) 
sagt: „Auch das Zurückhalten eines Flügels kennzeichnet 
an sich noch nicht die „Ordre oblique", ebenso wenig die 
Verstärkung eines Flügels dadurch, dals eine Attacke 
davor gebildet wird" — sagt der König in seinen 1748 (!) er- 
schienenen „Principes gäneraux de la guerre," Kapitel „Comment on 
peut battre 1'ennemi ä forces inegales" (Oeuvres XXVIII, 76), über 
die Disposition zur Schlacht: „C'est dans ces occasions, que mon 
ordre de bataille oblique peut etre employe tres utilement 
On refuse une aile ä 1'ennemi et Ton fortifie Celle qui 
doit attaquer." — Dies ist also in klaren Worten das Wesen 
seiner schrägen Schlachtordnung, deren Formen äufserst verschiedene 
waren. Da ist von einer „schrägen Front der ganzen Infanterie- 
lienie" nicht die Rede, ebenso wenig davon, dafs die „Ordre oblique" 
eine „durch Einschwenken oder Deployiren gebildete, schräg 
zur feindlichen Front angesetzte, zusammenhängende 
Linie von zwei Treffen sein müsse. 

In der „Instruktion für die Generalmajors von der Infanterie", 
vom 12. Februar 1759 (Oeuvres XXX. 266) sagt der König kurzweg: 
„Es ist einmal festgesetzet, dafis ein Flügel nur attaquiret und dafs 
der andere Flügel en echelons abfället." 

Acht verschiedene Formen der Bildung der schrägen Linie 
werden in der „Einzelschrift" dargestellt, deren eine, vom Könige 
besonders begünstigte (nach den Ermittelungen des KgL General- 
stabes erst 1751 bei einem Exerxieren der Potsdamer Garnison 
zum erstenmale angewendete) der durch Abbrechen in Bataillons- 
staffeln gebildete Echelonangriff ist; desselben bediente sich 
Friedrich bekanntlich bei Leuthen. Dieser wurde deshalb für seine, 
leider nur an der Form klebenden Epigonen das Arkanum des Sieges. 

Kutzen („Friedrich d. Gr. und sein Heer in den Tagen der 
Schlacht bei Leuthen u ) äulsert sich sehr scharf in diesem Sinne. Er 
sagt (a. a. 0. 86): r Dieses bei ruhigem Heldenmute auch später 



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204 



Ein Wort über die fridericianische schräge Schlachtordnung. 



wahrhaft kunstmäfsige Ineinandergreifen der einzelnen Truppenteile 
and die selbst bis zur gröfsten Zufriedenheit des strengen Meisters 
gelungene Ausführung seiner Schlachtenidee, deren grofs artige 
Einfachheit wohl für jeden einleuchtend ist, kurz die Unter- 
stützung des Feldherrn durch die Armee ebenso, wie der Armee 
durch den Feldherrn, war es auch, welche nicht am wenigsten dazu 
beitrug, der früher schon von Friedrich und zuletzt noch 
bei Kolsbach mit grofsem Glücke angewendeten schiefen 
oder schrägen Schlachtordnung seit der Schlacht von Leuthen 
einen so allgemeinen und langdauernden Ruf zu verschaffen, der 
dann, gleich wie bei so manchem Kunstwerke des Friedens, 
eine Menge geistloser Nachahmer und seltsame militärische 
Fehlgeburten veranlagte." 

Dafs die Bildung einer schräg zur feindlichen Front 
angesetzten zusammenhängenden Linie keineswegs das 
Wesen der schrägen Schlachtordnung ausmache, betont auch 
Napoleon in seinen „Precis de la guerre de Fr^deric". Nicht im 
Echelonangriff erkennt er dieselbe, sondern im Parallelmarsch längs 
der feindlichen Front bis zur Gewinnung der feindlichen Flanke. 
(Hohenfriedberg, Kolin?) Ahnlich äufsert sich der geistvolle Beren- 
horst in seinen „Betrachtungen über die Kriegskunst" (II, 260 j: 
„Recht betrachtet ist es keineswegs die schiefe Schlachtordnung an 
sich, welche mehr Kraft als die gerade in sich schlösse, der Vorteil 
liegt in dem vorgängigen Überflügeln; wer erst beim eigent- 
lichen Anrücken durch Ziehen zu überflügeln denkt, kann sich selbst 
sehr leicht in Unordnung bringen und Schwächen geben, indem er 
Schwächen sucht." 

Hören wir, wie ein anderer fridericianischer Offizier, v. Lossow, 
„Denkwürdigkeiten zur Charakteristik der preufsischen 
Armee unter dem grofsen König Friedrich den Zweiten" 
(S. 336 ff.) sich Uber dessen Taktik äulsert: 

„ Friedrichs Schlachten unterscheiden sich beinahe von allen 
älteren und neueren dadurch, dafs der König nicht nur den Feind an- 
griff, wo er ihn fand, sondern, dafs er ihn entweder zur Verlassung 
seiner Stellung und Terrainvorteile nötigte, oder, dals er ihn um- 
kreisete und ihn alsdann an der empfindlichsten Stelle in der Flanke 
angriff. Alle Bataillen des Königs, bis auf Lowositz, wo er nicht 
anders konnte, Hochkircb, wo er unerwartet selbst angegriffen und 
überfallen wurde und Liegnitz, wo ihm der Zufall den Feind in die 
Hände führte, sind in diesem Geiste und in diesem Stil geliefert 
worden. Bei Lowositz hielt der König den rechten Flügel zurück, 
bei Prag griff der linke Flügel zuerst an; desgleichen bei Kolin, 



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Ein Wort Uber die fridericianiscbe schräge Schlachtordnung. 205 

aber das ZnrUckhalten des rechten ward durch Zwischenamstände 
vereitelt. Bei Rofsbach, Zorndorf und Liegnitz gab der linke Flügel, 
bei Leothen und Kunersdorf der rechte den ersten Stöfs, während 
der entgegengesetzte Flügel zurückgebalten wurde und die Angriffe 
unterstützte. Im Verfolg des Gefechts sehen zwar die meisten 
Schlachten einander ähnlich, aber man rauls hauptsächlich auf die 
Anlage, auf den Entwurf sehen." 

„Das Charakteristische der schiefen Schlachtordnung 
besteht also nic'ht blofs in solchen Angriffen, wie sie nach 
der Meinung Napoleons von den Fotsdanischen Paraden 
ausgeführt wurden, noch in Preisgebung der eigenen 
Flanke, sondern in der Umgehung der feindlichen Ver- 
teidignngs - Vorteile, den schwächsten Angriffspunkt 
zu wählen und alsdann erst mit Zurückhaltung des einen 
Flügels mehr Truppen als der Feind in das Gefecht zu 
bringen . . . Das eigentlich Auszeichnende liegt in 
höheren Konzeptionen , und darin nur ist die Charakteristik 
der schiefen oder schrägen Schlachtordnung zu suchen . . . 
Die schiefe Schlachtordnung ist ein zweischneidiges Schwert, mit 
welchem man sich leicht verletzen kann. Nur von einem genialen 
Feldherrn und von einem ebenso tapferen als gewandten Heere 
läfst sich durch die Anwendung derselben ein grofser Erfolg erwarten." 

„Wenn Napoleon die einzelnen Vorbereitungen bei den Manövern 
von Potsdam citiert und aus ihnen die Theorie des Königs ab- 
strahieren oder wohl gar sie als seltsam oder kleinlich schildern will, 
so irrt er deshalb, weil er die Grundstriche für die Schrift und das 
Gerippe für den Körper ansieht. Solche Übungen stellte Friedrich 
wegen der Maschinerie, nicht aber wegen der Konzeptionen an, in- 
dem er nur verlangte, dals die erstere den lezteren gemäfs brauchbar 
sein sollte. Die Attacke in Echelons war also nichts als 
ein Mechanismus; die Anwendung aber in dem oben aus- 
einandergesetzten Sinne fast jedesmal eine Erfindung. 
Rezepte zu Schlachtordnungen giebt es bekanntlich nicht, also muls 
auch die schiefe Schlachtordnung für keines gelten. Aber in den 
höheren Beziehungen, die ihr der König beilegte, war sie sein 
Eigentum." 

Das Wesen der schiefen Schlachtordnung kann m. E. kaum 
besser gekennzeichnet werden als es hier geschieht! 

In ähnlichem Sinne äulsert sich ferner Gansauge („Das 
bran denburgisch-p reufsische Kriegswesen um die Jahre 
1440, 1640 und 1740"): „Das grölste Übergewicht wulste der 
König in seine, bei ihm fast herkömmlich gewordene Methode zu 



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•206 Ein Wort über die fridericiaoisohe schräge Schlachtordnung. 

legen, den schwächsten Pnnkt in der feindlichen Stellang zu erkennen 
und gegen diesen überlegene Streitkräfte zu führen. Entweder umfafste 
er den Feind wie bei Torgau und auch bei Kunersdorf, oder er wendete 
die sogenannte schiefe Schlachtordnung an, was bei Leuthen mit 
vollendeter Meisterschaft geschah. In diesen letzteren Fällen wulste 
er mit gröfster Geschicklichkeit das Hauptgewicht in den angreifenden 
Flügel zu legen, während der zurückgehaltene stets drohete, nie 
schlug (?), und dem Hauptangriffe doch als Stütze diente." 

Übrigens ist die schräge Schlachtordnung in der Neuzeit sowohl 
vor wie nach Friedrich d. Gr. gebraucht worden. Dem Könige 
wird zu Unrecht die erste Neuanwendung derselben zugeschrieben. 
Nachweislich hat der schwedische Feldmarschall Banner, einer der 
würdigsten Schüler Gustav Adolfs, von derselben in der Schlacht 
bei Wittstock 1636 mit Erfolg Gebrauch gemacht. Er konnte den 
30 000 Mann starken vereinten Sachsen und Kaiserlichen nur 
20000 Mann entgegenstellen, hielt deshalb seinen linken Flügel zu- 
rück und zog sich rechts, so dafs er mit seinem rechteu Flügel 
unter Torstenson den Sachsen in die linke Flanke kam und sie zur 
Frontveränderung zwang; mittlerweile hatte er die Generale Kingen 
und Stahlbantsch vom linken Flügel durch einen Umweg dem Feinde 
in den Rücken geschickt und ihn in Unordnung gebracht. — Die 
Kaiserlichen und Sachsen räumten unter dem Schutze der Dunkel- 
heit das Schlachtfeld. — Bei Peterwardein 1691 versuchte 
Ludwig v. Baden mit wenig Glück die Türken mittelst einer 
schrägen Schlachtordnung zn schlagen; er hielt seinen rechten Flügel 
zurück. Aber gerade dieser Flügel rückte zu rasch vor, der linke 
hingegen, der eigentliche Angriffsflügel, zu langsam, so dafs der rechte 
Flügel eher an den Feind kam nnd die vor ihm aufgefahrenen 
80 Kanonen unthätig wurden. Nur die Tapferkeit der Truppen and 
die Ungeschicklichkeit der türkischen Führung machten den Fehler 
wieder gut und verhüteten eine Niederlage. — In der Schlacht bei 
Grochow 1831 wurde die schräge Schlachtordnung von Diebitsch, 
bei Novara 1849 von Radetzki. dann bei Temeswar durch 
Hayn au wirklich und mit Erfolg gebraucht. — Taysen weist in 
seinem Werke „Friedrich d. Gr. Lehren vom Kriege", S. 40, 41 
darauf hin, dals man jetzt nicht mehr vom „reftisierten", sondern 
vom Demonstrativflügel spreche, „der auch mit anpacken müsse. 1 * 

Die Überschätzung einer bestimmten Form des schrägen 
Angriffs geifselt mit scharfen Worten Clausewitz im Kapitel 
„Methodismus" seines Werkes „Vom Kriege". Er sagt: „Als im 
Jahre 1806 die preufsischen Generale sämtlich mit der schrägen 
Schlachtordnung Friedrich d. Gr. sich in den offenen Schlund des 



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Ein Wort über die friderioianhche schräge Schlachtordnung. 



207 



Verderbens warfen, war es nicht blols eine Manier, die sich Uber- 
lebt hatte, sondern die entschiedenste Geistesarmut, zu der je der 
Methodismus geführt hatte." — Wie weit war doch Friedrich mit 
seiner „Ordre oblique" in ihrer mannigfaltigsten Verwendung von 
solchem Methodismus entfernt! 

Nuu einige Worte zu der Behauptung der „Einzelschrift" (S. 564) 
der König habe in den beiden schlesischen Kriegen ,.das, 
was er in den Generalprinzipien seine Ordre oblique 
nennt, nicht angewendet" — Allerdings läfst sich ein Echelon- 
angriff mit Bataillonsstaffeln wie bei Leuthen in den Schlachten der 
beiden schlesischen Kriege nicht nachweisen. Für die Anwendung 
der Ordre oblique zeugt dennoch — abgesehen davon, dafs Friedrich 
schon 1748, bei Niederschrift der „Generalprinzipien" von „mon 
ordre de bataille oblique" spricht — ein Brief des Prinzen 
Wilhelm v. Oranien an Friedrich („Briefwechsel Friedrich d. Gr. 
mit dem Prinzen Wilhelm IV. von Oranien von L. v. Kanke," Nr. 56, 
S. 67), datiert aus Leuwarden, 25. April 1741, 14 Tage nach der 
Schlacht von Mollwitz. Daselbst heilst es: „Votre Majeste peut dire 
avec verite que par son coup d'essai eile en a fait un de maitre, 
et l'ordre oblique dans lequel eile a combattu et le melange 
de Tinfanterie par la cavalerie, l'une et l'autre hors de la routine 
ordinaire, . . . . ne lui attireront pas raoins d'eloges" etc. — Der 
König stand mit diesem Prinzen in regen brieflichem Verkehr, dieser 
Brief ist wahrscheinlich die Antwort auf ein Schreiben des König- 
lichen Feldherrn nach der Schlacht. Der Prinz konnte doch un- 
möglich Uber taktische Einzelheiten derselben urteilen, ohne genauere 
Nachrichten zu haben. — Tbatsächlich ist der preulsische 
linke Flügel in der Schlacht bei Mollwitz zurückge- 
halten worden; manche Bataillone desselben sollen nur 5 Patronen 
verfeuert haben, während diejenigen des rechten sich völlig ver- 
scholsen hatten. Erst in dem Augenblicke, da Schwerin bemerkte, 
dafs der Feind seinen bedrohten linken Flügel verstärkte und den 
rechten entblölste, machte er mit dem eigenen (zurückgehaltenen) 
Unken Flügel eine Schwenkung und umfafste die feindliche rechte 
Flanke. Diese Bewegung entschied die Schlacht. — Das General- 
stabswerk (Der Erste Schlesische Krieg I, 399) sagt, es sei durch 
verschiedene Umstände, namentlich das beengte Gelände, die Ver- 
zögerung im Vorrücken des linken Flügels entstanden, so dafs der 
rechte Flügel dem Gegner bedeutend näher gekommen und die 
Front der Preulsischen Armee, ohne dafs man dies beabsichtigt 
hatte, schräg geworden war. — Anders lautet die Darstellung in 
der „Histoire de raon temps" (Oeuvres II, 75). Der König sagt 



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20S Ein Wort über die fridericianische schräge Schlachtordnung. 



bezüglich des linken Flügels: „cette aile, qu'on avait refusee 
ä rennemi, 6tait appuyee an ruisseau de Laugwitz." Daraus er- 
giebt sich nicht, dals dieses Versagen „unbeabsichtigt" war, eher 
das Gegenteil. — Dem Fürsten Leopold v. Anhalt schreibt der 
König am 25. April 1741: „Mein linker Flügel ist bestendig 
zurückgeblieben, und ist das Treffen nuhr eigentlich auf 
dein Rechten Flügel gewesen." (Orlich, Gesch. d. Schles. Kriege 
I, :i28). Auch diese Aulserung des Königs gestattet m. E. nicht 
den Ktickschluls, das Versagen des Flügels sei unbeabsichtigt 
gewesen. 

Cogniazzo („Geständnisse eines österreichischen 
Veteranen") sagt (A. a. 0. II, 45) Uber die österreichische 
Schlachtordnung bei Mollwitz: ..Die Kavallerie blieb ohne allen 
Soutien, weil keine Brigade sich bewegen durfte, ehe die ganze 
Linie formiert, um nach Herkommens Grundsätzen den gewöhnlichen 
Parallelangriff zu machen, anstatt dafs man den rechten Flügel der 
Armee hätte refüsieren, mit dem linken aber vorrücken und des 
Feindes rechte Flanke gewinnen sollen. Bei der Preufsischen geschah 
in der Folge etwas ähnliches, indem der Feldmarschall Schwerin 
den rechten Flügel gegen unseren linken, der nunmehr von seiner 
Kavallerie entblutet war, anführte, sich rechts zog und uns in die 
Flanke nahm. Durch dieses glückliche Manöver und das 
den Österreichern damals etwas ungewöhnliche geschwinde preufsische 
Musketenfeuer ward endlich die Armee größtenteils aus ihrer Fassung 
gebracht und verliefs das Schlachtfeld.' 4 

Droyseu äufsert in seinem Werke, „Friedrich der Grofse" 
(I, 237), der König habe „den linken Flügel an den sumpfigen 
Bach gelehnt, der an Pambitz vorUber zwischen Laugwitz und 
Mollwitz hinab fliefst, während der rechte stärkere zum Angriff vor- 
gehen sollte.... ein Manöver, dem der Gedanke der 
schrägen Schlachtordnung von Leuctra zu Grunde lag." 

Jedenfalls wird man, namentlich auf Grund des oben erwähnten 
Briefes, und der Aulserung des Königs in der „Histoire de mon 
temps" die Möglichkeit zulassen müssen, dafs die Anwendung der 
schrägen Schlachtordnung eine vom Könige geplante, nicht eine 
Zufälligkeit gewesen sei. 

Dals der König das Versagen eines Flügels schon zur Zeit des 
]. Schlesischen Krieges als Hegel betrachtet, lehrt seine „Disposition 
für die sämtlichen Regimenter Infanterie, wie sie sich bei dem vor- 
fallenden Marsche gegen den Feind und bei der darauf folgenden 
Bataille zu verhalten haben" (Oeuvres XXX, 75. 76). Hier spricht 
er kurzweg von den Bataillonen, so an dem Flügel sind, wo 



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Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infantrie. 209 

attaquieret wird." — Diese Disposition datiert vom 25. März 1742, 
also wenige Wochen vor der Schlacht von Czaslan. In dieser 
Schlacht sparte der König die Gefechtskraft seines rechten Infanterie- 
flögeis bis zur letzten Entscheidung auf; das Vorgehen der 21 un- 
berührten und gefechtsbereiten Bataillone dieses Flügels, der dann 
eine Linksschwenkung machte, um den feindlicheu linken zu um- 
fassen, entschied die Schlacht. Bei Soor versagte er den linken 
nnd die Mitte, als Rückhalt für den rechten Angriffsflügel, falls 
dieser geworfen worden wäre. — Bei Hohenfriedberg sollte, dem 
Angriffs befehl des Königs zufolge, der Angriff brigadeweise vom 
rechten Flügel erfolgen. Der König wollte die feindliche linke 
Flanke mit seinem verstärkten rechten Flügel umfassend angreifen, 
während der linke absichtlich zurückgehalten wurde. Gegen 
5'/, Uhr begann der Kampf auf dem preufsischen rechten Flügel, 
um 7 Uhr war der feindliche linke geschlageu, dann erst trat der 
preulsische linke Flügel in den Kampf. Also: Angriff mit dem 
einen verstärkten, Versagen des anderen Flügels, ganz im 
Sinne der „ordre de bataille oblique" wie sie der König später in 
den „Principes göneraux" erläutert hat. 



XIV. 

Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infanterie. 

(Mit 4 Figuren im Text.) 



Ein kriegsbrauchbarer Entfernungsmesser für die Infanterie soll 
klein nnd leicht tragbar, unempfindlich gegen derbe Handhabung, 
nicht schwierig in seiner Anwendung sein, soll von einem Manne 
in der Schützenlinie in jeder Körperhaltung etwa wie ein Fernglas 
bedient werden können, die Entfernung schnell, ohne eine Rechnung 
oder ein Nachsuchen auf einer Tabelle nötig zu machen, und so 
sicher angeben, dals die richtige Visierstellung dadurch gewähr- 
leistet ist. 

Trotz jahrelanger Bemühungen von Fachmännern und Laien 
wnrde ein allen diesen Anforderungen entsprechendes Instrument noch 



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210 Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infsntrie. 

nicht erfunden nnd sehr zweifelhaft ist es, ob die nahe Zukunft ein 
solches bringen wird. 

Infolge davon betrachtet man die vorhandenen Entfernungsmesser 
in der Regel nur als zweckmäfsige Hilfsmittel zur Ausbildung im 
Entfernungsschätzen und zur Einrichtung von Gefechtsscbiefsplätzen. 
Zur Visierbestimmung im Gefecht aber glaubt man fast ausschließlich 
auf das Schätzen angewiesen zu sein. 

Es unterliegt zwar keinem Zweifel, dafs die grofse Sorgfalt, 
welche seit einigen Jahren auf den Schiefsschulen und bei der Truppe 
dem Entfernungsschätzen zugewendet wurde, eine Steigerung der 
Schätzungsergebnisse zur Folge hatte. Aber die Fähigkeit des 
menschlichen Auges setzt diesen Bestrebungen eine Grenze, die 
schwer wird Uberschritten werden können. Jedenfalls genügt das im 
Schätzen bisher Erreichte nicht, die Leistungsfähigkeit unserer Gewehre 
und unserer Schützen im Gefechte völlig zu verwerten. 

Aufser dem eben gesagten fordert auch die durch die neue 
Schiefsvorschrift in Nr. 159 eröffnete Thatsache, dafs die Tiefen- 
ausdehnung des wirksamen Teiles der Gescholsgarbe mit wachsender 
Schufsweite abnimmt zu weiteren Versuchen auf, die richtige Visier- 
stellung im Gefecht ermitteln zu können. 

Dies dürfte meines Erachtens zu erreichen sein, wenn wir die 
Mängel der nun einmal vorhandenen Werkzeuge durch eine 
gesteigerte Übung mit denselben auszugleichen suchen. 
Ich meine, wir sollten jene paar Leute der Kompagnie, welche den 
Entfernungsmesser bedienen, so sorgfältig ausbilden und so häufig 
Üben lassen, dafs in Hinsicht auf schnelles und zugleich zuverlässiges 
Messen das Möglichste erreicht wird and ferner darnach streben, dafs 
sich dabei ein kriegsgemälses Verhalten herausbilde. Unser Exerzier- 
reglement weist in Teil I Nr. 133 Abs. 2 ausdrücklich auf die Ver- 
wendung geeigneter Mefsinstrumente zur Ermittelung der Entfernungen 
hin. Dieses Hilfsmittel wird aber in diesem Sinne nicht eher nutzbar 
werden, bevor wir nicht seiner Verwendung unter den Verhältnissen 
des Ernstfalles näher treten. 

Seit einigen Jahren habe ich in dieser Absicht Versuche an- 
gestellt und kam zu dem Ergebnis, dafs auf die sorgfältige Aus- 
bildung der paar erwähnten Leute aufserordentlich viel ankommt 
und dafs es sich erreichen läfst, in den weitaus meisten Fällen in 
kürzester Zeit das richtige Visier durch Messen zu ermitteln. 

Die Rücksichten auf den zum Messen nötigen Raum und darauf, 
dafs das Messen nicht im heftigen feindlichen Feuer stattfinde, machen 
es allerdings nötig, dals jene Bethätigung häufig 150 — 500 m rück- 
wärts der Schützenlinie vorgenommen werde. 



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Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infanterie. 211 



Es ist mir wohl bekannt, dals gegen sogenannte „Mefspatrouillen" 
eine grolse Abneigung besteht. Doch ist das Verfahren, das Mels- 
ergebnis durch einfachste und nicht mifszuverstebende Zeichen zur 
Kenntnis der schielsenden Abteilung zu bringen, so zuverlässig, dafs 
ich glaube, das Haupt bedenken dagegen einigermafsen Tennindern 
zu können. 

Bevor ich jedoch auf das ganze Verfahren, welches lediglich 
auf praktischer Grundlage beruht, näher eingehe, erübrigt es mir, 
des technischen Hilfsmittels, des Entfernungsmessers, Erwähnung zu 
than, mit welchem meine Versuche ausschliefslich gemacht wurden 
and auf welchen sich im Folgenden Alles aufbaut. 

Dieser Entfernungsmesser, zu dessen Bedienung 1 Messer und 
1 oder 2 Meisgehilfen erforderlich sind, beruht wie die meisten 
anderen auf der Konstruktion eines rechtwinkeligen 
Dreiecks. Charakteristisch für denselben ist, dafs die 
Basis A B (Fig. 1) durch eine straff gespannte 20 m 
bezw. 40 m lange Stahldrahtlitze gebildet wird, welche <fy-i 
zogleich die Länge der Basis und einen Schenkel der 
Winkel bei A und B bildet. Die Drahtlitze wird bei 
A an einem Banm oder Pfahl festgebunden oder 
durch einen Mann (Mefsgehilfen Nr. 2) festgehalten, 
bei B durch einen Mann (Mefsgehilfen Nr. 1) ange- * 
spannt und auf Wink vor- oder zurtickbewegt. Auf 
die Drahtlitze wird bei A ein Lineal a b (Fig. 2) aufgesetzt, welches 
mit einer zu ihm senkrechten Visiereinrichtung c d bestehend aus 
Diopter und Nadelspitze versehen ist. Durch diese Visiereinrichtung 
zielt der Messer, dabei dem Mefsgehilfen bei B vor- oder zurtick- 
winkend, bis die Visierlinie genau auf das Ziel zeigt. Dann hebt er 
das ebenbezeichnete Instrument ab, läuft oder kriecht, während die 
Drahtlitze festgehalten wird, nach B hinüber, setzt dort das Instrument 
auf und zielt wieder. Die Visierlinie zeigt jetzt mit erstaunlicher 
Genauigkeit auf einen Punkt Z 1, welcher 20 m links von Z liegt 
(s. Fig. 1). Nun bewegt er einen Hebel e d (Fig. 3) hinten nach 
links, bis die vorne auf demselben befestigte Nadelspitze soweit nach 
rechts gerückt ist, dals die Visierlinie wieder auf Z zeigt. Daraufhin 
kann er die Entfernung auf einem Gradbogen c g in Metern ablesen. 
Die Einteilung auf dem Gradbogen reicht bis 1500 m. Weitere 
Entfernungen milst man mit der doppelten Basis von 40 m, wobei 
man die Zahl, welche der Gradbogen angiebt, ebenfalls verdoppelt. 
Mit dieser doppelten Basis kann man also bis 3000 m messen. 

Geübte Leute brauchen erfahrungsgemäls zu einer Messung 



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212 Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infanterie. 



nicht Uber r/> Minuten und machen dabei keinen grölseren Fehler 
wie von 3°/ 0 . Die 2 bezw. 3 Leute können in jeder Körperhaltung 
arbeiten. 

Als Zielpunkt eignet sich jeder Punkt, der eben noch deutlich 
genug ist. um auch mit dem Gewehr anvisiert werden zu können. 

Es liegt auf der Hand, dals für viele der vorhandenen Entfernungs- 
messer die folgenden Ausführungen in ähnlicher Weise in Auwendung 
gebracht werden können. In wie weit der neu in der Armee zur 
Einführung kommende Entfernungsmesser 99 zu besseren Ergebnissen 
fuhrt, konnte noch nicht erprobt werden. Dies thut jedoch nichts 
zur Sache, liegt es ja gerade in meiner Absicht, der Verwertuug 
unvollkommener Instrumente durch um so bessere Handhabung das 
Wort zu sprechen. 

Damit bin ich an der Ausbildung des Messers und 
seiner Gehilfen angelaugt. Ich halte es für zweckmälsig. bei 





einer Kompagnie etwa die doppelte Zahl der benötigten Leute, also 
im gegenwärtigen Beispiel 4 Mann auszubilden, um immer gleich 
einen Ersatz zu haben. (Der Melsgehilie Nr. 2, an dessen Stelle 
besser ein Baum, Pfahl etc. verwendet wird, bedarf keiner be- 
sonderen Ausbildung, weshalb er hier nicht mitgerechnet wird.) 

Am besten wählt man Leute, welche sich freiwillig dazu melden; 
denn auf das Interesse zur Sache kommt viel an. Der Messer soll 
ein hervorragend scharfes Auge haben. 

Der Unterricht beginnt mit einer Erklärung des Instrumentes» 
Belehrung Uber Handhabung und über Instandhaltung desselben. 

Dadurch, dals einerseits immer die gleichen Leute den Entfernungs- 
messer bedienen, andererseits diese die empfindlichsten Teile desselben 
kennen, kann man einen vielbesprochenen Hauptnachteil fast aller 
Entfernungsmesser: die Empfindlichkeit gegen derbe Behandlung 
beinahe ganz aufhebeu. In der Regel wird ein solches Instrument 
gleich das erstemal schwer beschädigt, wenn man es ohne weiteres 
einem Manne Uberläfst. 

Ist nun beim Messer und beim Mefsgehilfen das nötige Ver- 
stäudnis vorhanden, danu beginnen die Übungen, welche die 
Genauigkeit der Mefsergebuisse steigern sollen. Wird mehrere Male 



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Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infanterie. 213 



auf das gleiche Ziel gemessen, so müssen die Ergebnisse bei fort- 
schreitender Übung immer genauer zusammentreffen. 

Das Mefsergebnis ist auf 100 oder 50 m der Visierstellung 
entsprechend abzurunden. Dies mufs mit Verständnis geschehen und 
gleichfalls geübt werden. 

Und endlich zielt die Übung auf genaues und zugleich schnelles 
Messen ab. 

Von nun ab wird der Entfernungsmesser zweckmälsig bei allen 
Übuogen der Kompagnie im Entfernungsschätzen verwendet. Ge- 
legentlich jeder Gelände-Übung kann ohne jede Vorbereitung und 
ohne zeitlichen Aufenthalt geschätzt werden: während die vor- 
genommenen Schätzer oder die ganze Kompagnie auf ein Ziel schätzt, 
wird gleichzeitig gemessen. Dabei lernen die Messer ihr Instrument 
in verschiedenem Gelände und gegen verschiedene Ziele verwerten. 
Manche Schwierigkeiten werden sich ftlr dieselben jetzt ergeben, 
welche sie durch Findigkeit zu Uberwinden lernen müssen. Einmal 
behindern Bodenbedeckungen das Ausspannen der Basis, dann ver- 
deckt ein Busch oder ein anderer Gegenstand am linken Ende der 
Basis das Ziel, das sich vom rechten Ende derselben aus unbehindert 
anvisieren liefs ; ein andermal verschiebt sich der Zielpunkt, während 
sich der Messer vom rechten Ende des Basis zum linken begiebt, derart 
mit näher oder in weiter Ferne liegenden Blickzielen, dals er ihn 
schwer wieder erkennt. Auch wechselnde Beleuchtung, das plötzliche 
Verschwinden eines von der Sonne hell beschienenen Fleckes infolge 
von Wolkenverschiebungen u. s. w. werden ungeahnte Schwierigkeiten 
bereiten oder aber Täuschungen und grobe Messungsfehler ver- 
ursachen. Solche Schwierigkeiten verleiten den Neuling nur zu leicht 
zu der Anschauung, auf einen Entfernungsmesser könne man sich 
überhaupt nicht verlassen. Es geht da wie beim Schiefsen: welcher 
Jungschütze hätte nicht schon an der Treffgenauigkeit seines Gewehres 
gezweifelt! Die Übung thut hier Wunder. Der Messer ist mit 
einem guten Fernglas ausgerüstet, mit dem er seinen Zielpunkt vor 
dem Messen einer genauen Prüfung unterzieht. Dies ist namentlich 
auch ftlr die später folgenden Übungen im Messen auf gefechts- 
mälsige Ziele unerlälslich, wo er z. B. auf eine Telegraphenstange 
milst, welche vor der Strafse steht, hinter welcher Schützen liegen. 

Am leichtesten ist das Messen auf feldmälsige Ziele, wenn das 
Gelände beim Ziel zur Visierlinie ansteigt, also gerade da, wo die 
Verkürzung der Tiefenstreuung der Garbe es besonders wünschens- 
wert macht, das genau zutreffende Visier zu wissen. Wenn eine das 
Vorfeld Uberhöhende Feuerstellung besetzt wird, tritt dieser Fall 
zumeist ein. 

Jafcj-bbekar für dl« dtaUch« Arm«« und Marin«. Bd. US. 2. 15 



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214 Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infanterie. 

Nun zum „angewandten" Messen! So möchte ich das Messen 
bezeichnen, das die Ermittelung des richtigen Visiers im Gefecht zum 
Zweck hat. Es bedarf keines Beweises, dafs unter Verhältnissen, in 
denen der Feind noch nicht auf Schulsweite heran ist, Uberhaupt 
jeder Entfernungsmesser verwertet werden kann. Dies ist der Fall, 
wenn Stellungen zur Verteidigung vorzubereiten sind. 

Ein Entfernungsmesser, welcher von Leuten in jeder Körper- 
haltung, also auch hinter Deckungen und ohne auffallende und weit- 
hin sichtbare Handhabung bedient wird, kann jedenfalls dann noch 
mit Aussicht auf sicheren Erfolg angewandt werden, wenn der Gegner 
uns noch nicht wahrgenommen hat und noch nicht auf uns schiefst 
und wenn auch die Lage nicht zu unverzüglicher Feuereröffnung 
drängt. Dies wird um so häufiger vorkommen, je bedeckter und 
unebener das Gelände ist Z. B. seitwärts geschobene Abteilungen 
entdecken eine feindliche Marschkolonne, Infanterie kommt auf Gewehr- 
scbulsweite an feindliche Artillerie heran. 

Bei einem Zusammenstofs mit dem Gegner auf nahe Entfernungen 
und überall da, wo die bedrohliche Nähe desselben zu einem so- 
fortigen Eintreten in das Gefecht zwingt, ist man natürlich allein 
aufs Schätzen angewiesen. In diesen Fällen ist aber auch das 
Schätzen leicht und zur vollen Verwertung der Feuerkraft ausreichend, 
zumal die Gescholsbahn da noch gestreckt ist. Erblickt man dagegen 
den Gregner auf weite Entfernung, dann erlaubt auch die Lage eine 
Verzögerung um 1 bis 2 Minuten und gerade in diesen das Messen 
ermöglichenden Lagen ist das Schätzen so schwierig, dafe es einen 
Trefferfolg keineswegs verbürgt. Wie grols sind oft die Fehler beim 
Schätzen Uber Thäler hinüber, von Thalrändern hinunter auf eine 
Thalstrafse oder bergauf! 

Dadurch aber, dals man den Entfernungsmesser von vornherein 
lediglich als Friedensinstrument und Hilfsmittel zum Erlernen des 
Schätzens betrachtet, verzichtet man auf manchen grolsen Vorteil, 
den er in solchen Lagen zu bieten vermag. Man kann ihn Uberhaupt 
nicht kriegsgemäfs verwerten, weil man es eben nicht geübt hat 
Oder man verpalst den grofse Vorteile bietenden Augenblick, weil 
man an das stiefmütterlich behandelte Werkzeug gar nicht denkt. 

Nun zur Verwertung des Entfernungsmessers bei der Verteidigung 
unter gewöhnlichen Verhältnissen! 

Inmitten einer schiefsenden und beschossenen Schützenlinie wird 
das Messen mit Instrumenten, die eine längere Basis haben, aller- 
dings Schwierigkeiten bereiten. Ob im heifsentbrannten Infanterie- 
kampf und wenn das Feuer schon längere Zeit währt und der An- 
greifer näher herangerückt ist, es überhaupt möglich erscheint, 



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Über Verwertung von Entfernungsmessern bei der Infanterie. 215 



Entfernungen zo messen, diese Frage zo beantworten, halte ich für 
tiberflüssig, weil eben dann das Messen auch nicht mehr nötig ist. 
Wohl aber dürfte es den Messern gelingen, auf den seine ersten 
Feuerhalte machenden Angreifer zu messen, wenn sie sich etwa 
200 m rückwärts der Schützenlinie womöglich auf einem höheren die 
Beobachtung begünstigenden Punkt befinden. 

Da, wo die Mefspatrouille keinen die eigene schiefsende Abteilung 
Bberhöhenden Punkt findet, bietet sich ihr vielleicht seitlich ihrer 
Kompagnie eine Lücke, durch welche hindurch sie nach dem Feinde 
zu unbehinderte Aussicht hat. Es dürften sich auch in der grofsen 
Schlacht zu Beginn zwischen den zuerst entwickelten Schützen der 
einzelnen Ko pagnien Lücken zeigen, welche einem findigen Messer 
das Messen ermöglichen. Wesentlich leichter hat es die Mefspatrouille 
in kleineren Verhältnissen, wenn Bataillone ge- 
trennt fechten, und an den Flügeln. .-w^^. 

Sie ermittelt grundsätzlich die Entfernung , 
zu der den eigenen Schützen gerade gegen- '\ 
Uberliegeuden feindlichen Schützenlinie. Zu 
diesem Zwecke milst sie die Entfernung von j; 
sich zur feindlichen Linie und zieht die schon 
vorher gemessene Entfernung von sich zur 
eigenen ab. Aus nebenstehender Figur ersieht 
man, wie geringder Fehler ist, der durch die f . r ^';p£; 
Seitwärts- Verschiebung entsteht. Übrigens wird 
ein verständiger Messer dies bei der Ab- 
rundung des Mefsergebnisses auf die Visier- 
zahl berücksichtigen. 

Die ermittelte Entfernung wird nun vom Messer augenblicklich 
auf folgende einfache Weise zur Kenntnis der schiefsenden Abteilung 
gebracht: Einer der beiden beim Zugführer sich befindlichen Schätzer 
ist angewiesen, den Messer im Auge zu behalten. Dieser stöfst für 
jedes Hundert seinen Helm aufwärts, fiir Fünfzig seitwärts. Dies 
kann sehr rasch geschehen. Damit der beobachtende Schätzer keinen 
Zweifel darüber haben kann, ob er nicht etwa das erste Aufwärts- 
stofsen übersehen habe, schlägt der Messer zuerst einen Kreis, der 
sagen soll: „Jetzt beginnt es!" Der Schätzer teilt das Messungs- 
ergebnis seinem Zugführer mit 

Fast noch einfacher wie bei der Verteidigung ist das Verfahren 
beim Angriff. Gleich bei der ersten Entwicklung zum Gefecht tritt 
die Mefspatrouille auf Befehl des Kompagnieftihrers aus und sucht 
sich einen geeigneten Platz, von welchem sie nun mit aller Sorgfalt 
womöglich wiederholt die allerdings weite Entfernung zur feindlichen 

16* 



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216 



Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



Stellang milst. Sobald die eigenen Schützen halten, wird rasch die 
Entfernung zu diesen gemessen. Die Differenz wird dann durch 
Zeichen wie eben geschildert der schielsenden Abteilung übermittelt 
Um das Messen zur eigenen Schützenlinie zu erleichtern, wird von 
vorne herein ein Tambour angewiesen, seine Trommel als deutlich 
sichtbaren und unbeweglichen Zielpunkt bei derselben niederzulegen. 

Auf diese Weise gelang es meinen Messern bei vielen und 
mannigfaltigen Übungen mit verschwindend wenig Ausnahmen die 
Schützenlinie von der richtigen Entfernung in Kenntnis zu setzen. 
Unüberwindliche Schwierigkeiten ergaben sich niemals. 

Wohl bin ich mir bewulst, dafs von vielen Seiten entgegen- 
gehalten werden wird, solche Thätigkeiten seien bei Friedensübuugen. 
nicht aber im Ernstfalle im aufregenden Infanterie-Kampfe möglich, 

Gewifs aber wäre zu hoffen, dals sich ein in allen Punkten 
zweckmäßiges und den Verhältnissen des Ernstfalles entsprechendes 
Verfahren herausbilden würde, wenn weitere Kreise in der Armee 
der Verwertung der vorhandenen Entfernungsinesser im Gefecht er- 
höhte Aufmerksamkeit zuwenden wollten. 

Würde ferner die in Frage stehende Betätigung im Frieden 
bei allen Gefechtsübungen vorgenommen, dann käme auch ihr. wie 
es bei so vielen anderen Handlungen des Soldaten der Fall ist, der 
Umstand zu gute, dafs sehr häufig Geübtes schließlich gewohnheits- 
mäfsig richtig ausgeführt wird, auch wenn seelische Einflüsse das 
unbeeinträchtigte Denken unmöglich machen. 

Frh. von Pechraann, 
Hauptmann und Komp.-Chef im k. b. Infauterie-Leib-Kegt. 



XV. 

Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 

Von 

Spohr, Oberst a. D. 

Motto: Difficile est, satyram non soribere. 
Wir leben in einer Zeit der Illusionen. Und doch giebt es 
nichts, was allem wahren Fortschritt so hemmend in den Weg tritt, 
wie die Illusion. Nicht nur, dafs sie unsern Blick von dem wirklich 



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Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



217 



Goten und Notwendigen ablenkt, sondern weit mehr noch, dafs sie 
dos kostbare Zeit und Kräfte in Verfolgung trügerischer, unfrucht- 
barer Ziele vergeuden läfst, ist es, wodurch sie so schädlich, ja oft 
geradezu verderblich wirkt. 

Lnd was gäbe es im Kriege wohl Verderblicheres, als die 
Illusion V Wie viele Illusionen hat — auf englischer, wie auf 
hurischer Seite — wohl der Transvaalkrieg zerstört? Wieviele 
werden die chinesischen „Wirren" — vom chinesischen ,.Kriege' 4 
spricht man ja bis jetzt noch nicht — zerstören, aber immer und 
immer wieder tritt die Illusion mutig in die Welt 

Da schreibt mir ein alter Freund, ein Mann voll von merk- 
würdigen, oft wie mit Röntgen-Strahlen die Dinge durchdringenden, 
oft wie eine Fata Morgana irrlichterierenden, Ideen: „In China ist 
der Teufel los; und wir können weder Kavallerie dorthin trans- 
portieren, noch haben wir Radlerbataillone!" 

Gott sei Dank, sagte ich bei mir, dals wir d i e nicht haben 
und also auch nicht hintransportieren können. Was sollten sie wohl 
dort? Den Peiho hinaufradeln oder sich in den Uber viele Hunderte 
von Quadratmeilen ausgedehnten Sümpfen Petschilis festfahren? 
Sollten sie die zerstörten Eisenbahnen ersetzen und den Boxern auf 
diese Art neue Konkurrenz in ihrem Lebensberufe machen oder sollen 
sie den fanatisierten Chinesen durch ihre Wehrlosigkeit imponieren? 

Zufall oder Fügung — da bringt das Militär- Wochenblatt von 
heute, den 27. Juni, einen Aulsatz unter dem Titel „Erfahrungen 
als Führer eines Radfahrerdetacheraents in den beiden 
letzten Manövern", der in der That sehr geeignet ist, neues Licht 
Uber den militärischen Wert oder Unwert des Fahrrades zu verbreiten. 

Der Verfasser dieses Aufsatzes schreibt aus voller Überzeugung, 
jede Zeile atmet die naiveste Begeisterung fllr die Thätigkeit eines 
„Fahrraddetachements 11 ! Das mufs aber jeder einigermafsen kritisch 
veranlagte Leser sich immer wieder vorsagen und in sich befestigen, 
sonst gewinnt er fast den Eindruck, es solle der militärischen Zu- 
kunft des Fahrrades mit unwiderstehlicher Grausamkeit das Lebens- 
licht ausgeblasen werden. Denn die meisten, der wirklichen Er- 
fahrung entnommenen Angaben sind für die militärische Wertschätzung 
des Fahrrades geradezu vernichtend. 

Geleiten wir einmal die Manövererfahrungen des Verfassers von 
Station zu Station und legen dann den Mafsstab eines wirklichen 
Krieges an dieselben. 

Zunächst gesteht der „Führer des Radfahrerdetacheraents" ein, dals 
er von der Verwendung desselben während zweier Manöver „wenig 
befriedigt" ist. Da er aber noch immer der Überzeugung ist, dals 



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21S 



Das Fahrrad im Manöver und im Kriege 



selbst ein „in aller Eile zusammengestelltes Radfabrerdetachement 
namentlich im Aufkläruugsdien ste M — er bat offenbar meine 
Ausführungen im Junihefte 1899 der , Jahrbücher für Armee und 
Marine" Uber eine „Fechtende Radfahrertruppe" nicht gelesen 
— „immerhin noch recht Bedeutendes zu leisten imstande ist 44 , 
auch die hervorgetretenen Mängel für „leicht abstellbar 44 hält, so 
will er uns seine Erfahrungen nicht vorenthalten. 

Daran thut er Recht. Es geht nichts über wirklich gemachte 
Erfahrungen. Wenn es dem Verfasser auch nicht gelingen sollte, wie 
er hofft, „den Radfahrerdetachements den Schein der Schlachten- 
bummler abzustreifen", so wird es ihm doch vielleicht gelingen, 
denen, welche ein mafsgebendes Urteil Uber die Sache haben, die 
Überzeugung beizubringen, dafs eben der Kern und das Wesen 
der Sache durchaus unkriegerisch sind und es sich daher noch 
nicht lohnt, dieselbe fernerhin im Hinblick auf und für den Krieg 
ausbilden zu wollen. 

Da erfahren wir nun zunächst, dafs die zur Verfügung stehenden 
Fahrräder zu «/ 4 aus Rädern mit Vollgummireifen bestanden, 
die ohne Verpackung 50 Pfd. wogen und sich daher — wenigstens 
zum Zusammenwirken mit den leichtern Rädern mit Luftgumraireifen 
nicht eigneten. Die mit jenen schweren Rädern ausgerüsteten Leute 
„waren durchaus nicht in der Lage, zu folgeu," sagt der Autor des 
M. W.-Blatts, „so dafs ich sie nachkommen lassen mufste, wobei sie 
mir manchmal völlig verloren gingen, da sich der einzu- 
schlagende Weg nicht immer genau vorher bestimmen liels." Die 
Leute gingen also „verloren" und das im eignen Lande, wo sich 
wohl Uberall dienstwillige Leute fanden, die sie wieder zurechtwiesen, 
ihnen Auskunft über die vorangefahrenen leichten Radler erteilen 
konnten und gerne erteilten. 

Was wäre wohl aus diesen „schweren Fahrradlern" im Kriege 
und gar in den „chinesischen Wirren" geworden? Doch der Autor 
hilft uns da spielend leicht aus der Verlegenheit. Sein Urteil lautet: 
Fort mit den schweren Fahrrädern! 

Sehr wohl, aber wie sah es denn mit den leichten aus? Die 
„hatten sehr unter unsachgemäfser Behandlung zu leiden". Die Leute 
waren zwar „Uber die Behandlung und die am häufigsten vorkom- 
menden Reparaturen genügend unterrichtet, besafsen aber keine 
Übung in der Ausführung der letztern und verdarben oft mehr, wenn 
sie eine schadhafte Stelle ausbessern wollten, als sie nutzten, zumal 
da es häufig an den nötigsten Reparaturmitteln, z. B. an Flick - 
material fUr den Schlauch, ja sogar an Schmieröl fehlte/' 

Nun klagt der Verfasser weiter, dals die bei einer „aus so 



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Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



219 



empfindlichen Teilen bestehenden Maschine" die „eine grofee 
Rolle spielende Reinhaltung" so sehr erschwert gewesen, indem die 
Leute, nachdem sie am Tage „auf schlechten Wegen bis zu 70 km 
zurückgelegt hatten, bis spät in die Nacht hinein noch zur Über- 
bringung von Befehlen bei den Truppenteilen etc. verwendet wurden," 
so dals „zum Reinigen der Maschinen beim besten Willen keine Zeit 
übrig blieb". 

Das alles deutet doch auf, für den Krieg recht bedenkliche, 
Eigenschaften der leichten Fahrräder. Bedurften jetzt schon in den 
wenigen Tagen eines kurzen Manövers im Frieden die Luftgummi- 
reifen des „Flickmaterials', wie würde es da im Kriege bei mit 
Flaschenscherben vom Feinde oder feindlich gesinnten Einwohnern 
bestreuten, notwendig zu passierenden Engwegen, auf in bester Ab- 
sicht zu ihrer eigenen Unterhaltung frisch beschotterten Chausseen 
u. s. w. mit ihrer Reparaturbedürftigkeit ausgesehen haben. Da 
möchten wohl gar ganz neue Luftgummireifen einzuziehen gewesen 
sein und die Phantasie eines französischen Fahrradschwärmers von 
einer „fahrenden Werkstätte" für die Fahrraddetachements wäre nicht 
ganz von der Hand zu weisen. 

Aber die Sache deutet doch auch auf einen tiefer begründeten 
Gegensatz zwischen den 50 Pfd. schweren und den leichten Fahr- 
rädern, den der „Herr DetachementsfÜhrer während zweier Manöver" 
so kurz durch Verwerfung der ersteren erledigt, weil sie nicht schnell 
genug waren, er ihre Fahrer zurücklassen zu müssen glaubte und 
sie „dadurch verloren gingen". 

Offenbar waren diese um 15 — 18 Pfd. schwerereu Räder nicht 
nur infolge des Vollgummireifens so viel schwerer, sondern infolge 
ihrer ganzen weit solidem Konstruktion. Das würde uns vor die 
Frage stellen, ob der DetachementsfÜhrer nicht zweckmäßiger ge- 
handelt hätte, sich mit den schnellern Radlern mehr an die lang- 
samem zu binden und sein Detachement dadurch zusammenzuhalten, 
was ja nicht ausschlofs, die schnellern und schnellsten zu besondern 
Aufträgen zu verwenden, wie eine Panzerschlachtschiff-Flotte ihre 
Kreuzer und Avisos. 

Allerdings ist die hohe See Uberall wegsam, das Manövergelände 
aber für Fahrraddetachements nur auf besondern, im ganzen recht 
beschränkten Wegen. 

Immer aber würde man sich im militärischen Sinne wohl für 
schwerere und solidere, nicht so leicht in Reparaturbedürftigkeit ge- 
ratende Fahrräder zu entscheiden haben, just wie die Marine sich 
zu Gunsten der langsamem, aber schwerem Panzerschlachtschiffe 
entschieden hat. 



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220 



Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



Denn, was die Reparatu/bedtirftigkeit eines leichten Fahrrades 
schon im Manöver filr eine unglückliche Zugabe ist, haben wir oben 
von dem Herrn DetachementsfUhrer gehört. Wir wollen daher nur 
kurz skizzieren, wieviel schwerer dieselben im wirklichen Kriege ins 
Gewicht fallen würde und ganz besonders im Aufklärungs- 
d ienst. 

Wir dürfen da auch schon vorgreifend unsern Lesern verraten, 
dals der Autor des M. W.-Blatts sich ein kriegsmäfsig vorbereitetes 
und geübtes Fahrraddetachement sogar als zur Aufklärung fllr eine 
Kavalleriedivision, „dieser weit vorauseilend", befähigt denkt. 
Jedem, der den Krieg aus eigner Erfahrung kennt, verrät er dadurch 
freilich nur seine eigne absolute Kriegsunerfahrenheit. 

Glaubt er, dals der Feind oder die Einwohner des feindlichen 
Landes diesem Detachement gestatten werden, sich aus Rücksicht 
auf die Wegeverhältnisse auf Umwegen an ihn (den Feind) heranzu- 
machen? Ich habe die gänzliche Unfähigkeit einer „fechtenden 
Radfahrertruppe", sich auch nur die allernotwendigste Marschsiche- 
rung selbst zu leisten, im Juniheft der „Jahrbücher für Armee und 
Marine" 1899 so eingehend und unwidersprechlich dargelegt, dals 
ich hier nur darauf zu verweisen brauche. 

Gesetzt aber den Fall, durch viel Glück, Gewandtheit, Gunst 
des Geländes, Unaufmerksamkeit des Feindes, lämmerhaftes Ver- 
halten der feindlichen Einwohnerschaft — die doch, nebenbei bemerkt, 
wohl kaum kriegsgesetzlich für das Instandhalten der Wege für 
feindliche Radfahrerdetachements verantwortlich gemacht werden 
kann — wäre es dem Detachement gelungen, sagen wir ganze 
30 km, vor die Kavalleriedivision „spät am Abend" zu gelangen. 
Was nun? Das Klügste und Sicherste wäre offenbar, noch „spät 
am Abend" und „in der Nacht" eine schleunige Rückfahrt zur 
Kavalleriedivision anzutreten und über das auf den 30 km vor- 
wärts Gefundene und nicht Gefundene zu berichten. Ob freilich 
dieser Rückfahrt nicht ganz neue und unvorgesehene Hindernisse in 
den Weg treten würden, wie der Hinfahrt, wer möchte dafür Sicher- 
heit leisten? 

Wieviel schlimmer aber stellt sich die Sache, wenn das Fahr- 
raddetachement es unternähme, den vor der Kavalleriedivision ge- 
wonnenen Vorsprung zu behaupten. 

Sich in einer feindlichen Stadt, einem Städtchen oder gröfseren 
Dorf bei feindlichen Wirten einzuquartieren, wird wohl selbst der 
kriegsfremde jugendliche Detacbementsfilhrer nicht im Sinne haben. 
Da würde telegraphische, telephonische oder Botenbenachrichtigung 
des Feindes garnicht auszuschliefsen sein, und die erste Nacht in 



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Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



221 



feindlichen Betten dürfte auch das Ende der Detaehementsthätigkeit 
bedenten. 

Eher wäre noch die Besetzung, Absperrung und Instandsetzung 
zor Verteidigung eines einzelnen Gehöftes durchzuführen, obzwar 
auch hier die Gefahr, verraten zu werden, offenbar sehr grols ist. 
So wäre man denn auf eine Beiwacht an irgend einer versteckten 
Stelle, einem Waldzipfel, einer Sandgrube, einer Mulde oder dergl. 
angewiesen. Natürlich ohne Feuer und Licht, die sicher zum 
Verräter werden würden. An kaltem Mundvorrat würde es ja wohl 
nicht fehlen, aber die Reparaturen und das Reinigen der Räder 
müiste man doch auf den folgenden Morgen verschieben und dazu 
recht früh aufstehen. Hoffentlich regnet oder schneit es dann nicht 
so, dafs die am Tage vorher passierten Wege noch erheblich in die 
Brüche gehen. 

Ob das Radfahre rdetachement durch eine solche Beiwacht ohne 
Feoer und Licht genügend gestärkt sein würde, um sein Tagewerk 
wieder frisch und froh weiter zu führen, Uberlasse ich der Beurteilung 
des Lesers. Sicherlich wird er mir aber beistimmen, dals die Er- 
bolung jedenfalls geringer sein wird, als die im Manöverquartier, 
selbst nachdem man vorher „bis tief in die Nacht zum Uberbringen 
von Befehlen" verwendet worden. 

Nun dürfte die Frage, ob nicht schwerere und solidere Räder 
den Vorzug vor leichtern besälsen, doch ein anderes Gesicht ge- 
winnen. 

Ich halte indessen diese ganze Frage fUr nicht nur nebensäch- 
lich, sondern solange für absolut gleichgültig, als nicht Uberhaupt die 
Kriegsbrauchbarkeit einer „bewaffneten Radlertruppe* 4 dargethan ist. 
Erst, wenn das der Fall sein sollte, würde auch jene Nebenfrage 
eine wirkliche Bedeutung gewinnen und in dieselbe Phase treten, wie 
bei jeder andern Kriegsausrüstung, wo immer das Dilemma 
solider und schwerer" oder „leichter und unsolider' 4 durch 
ein Komprom ifs gelöst werden muls. 

Ich denke aber, mein obiges Bild einer Kriegsaufklärung durch 
ein Radlerdetacbement vorwärts einer Kavalleriedivision im feind- 
lichen Lande und ähnliche Bilder (s. unten) werden die Frage so 
endgültig erledigen, dafs in dieser Beziehung das kriegsmäßigste 
Fahrrad nichts mehr in die Wagschale zu werfen hat. 

Den Einwand, dals das Bild sich doch durchaus anders gestalte, 
wenn das Radlerdetacbement und die Kavalleriedivision sich im 
eignen Lande befinde, erwarte ich kaum, will ihm aber doch einige 
Worte widmen. 

Im eignen Lande würde die Kavalleriedivision weder beim 



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222 



Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



Vormärsche, noch auf dem Rückzüge eines Radlerdetachements be- 
dürfen. Die nötigen oder nützlichen Nachrichten würden ihr von 
der Bevölkerung durch Telegraph, Telephon oder durch Radlerboten 
— denn an Radlern und des Weges kundigen Radlern ist doch jetzt 
in der Bevölkerung nirgends Mangel — ganz von selbst zufliefsen. 

Zur schnellen Besetzung eines wichtigen Punktes aber verfügt 
die Kavalleriedivision Uber mehr Gewehre, als ihr ein Radler- 
detachement, welches zu allen sonstigen Zwecken, wie wir noch 
sehen werden, ziemlich unbrauchbar ist, zufuhren könnte. Es wäre 
für sie auch im eignen Lande mehr oder weniger nur Ballast, weil 
eben seine Hauptstärke, das Rad, es zum Gebrauch gegen den Feind 
nicht wehrhafter, sondern nur wehrloser macht. 

Das beleuchtet zunächst wieder unser „Radfahrerdetachements- 
führer" selbst auf Spalte 1414 (a. a. 0) recht drastisch. 

Er klagt dort, dafs die Räder wohl am meisten gelitten hätten, 
wenn sie „an Tagen, wo das Radfahrerdetachemeut nicht zusammen- 
gestellt war, hinter den Truppenteilen hergeschoben wurden". „Auf 
Strafsen, auch wenn sie nicht ganz fest sind," so meint er, „geht 
dieses ja wunderschön. Wenn aber der Radfahrer sein Rad 
einige Kilometer Uber Sturzacker oder durch Kartoffel- 
felder, Uber Gräben und steile Geländeabschnitte hat 
führen bezw. tragen müssen" .... „so wird er allmählich 
an der nötigen Sorgfalt beim Führen es fehlen lassen, zu- 
mal das Schieben eines Rades über Felder, Gräben und 
Anhöhen schon an und für sich eine recht anstrengende 
Arbeit ist." 

Wodurch glaubt denn der DetachementsfÜhrer vor dem 
Feinde sich dieser Arbeit entheben zu können? 

Im Frieden und beim Manöver würde ja ein ein, für allemal zu- 
sammengestelltes, Radfahrerdetachement sich wohl an die Strafsen 
und Chausseen binden können, obwohl dieses doch oft genug auch 
zu recht unkriegsmäfsigen Bildern führen wird. 

Aber im Kriege würde doch eine solche fortgesetzte Krieg- 
führung in und auf Engwegen ein baldiges Ende finden. Dats 
die Radfahrertruppe sich eben an die Engwege gebunden fühlt, ist 
ja ihre Hauptschwäche, schon dann, wenn diese Engwege im 
besten Znstande sind, wieviel mehr erst, wenn auch sie durch Regen, 
Schnee, Glatteis, durch den Marsch von Kavalleriedivisionen — auch 
feindlichen — von Fuhrenparks u. s. w. gelitten haben! Die Wege 
von Lagny nach Paris 1870 haben dem Herrn Autor offenbar nicht 
vorgeschwebt. 

Auf alle Fälle mUfste für eine solche au die Engwege der 



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Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



223 



Stralsen gebundene Truppe im Kriege das Abgeschnittenwerden 
sich in so drohende Aussicht stellen, dals es sich zu dem verzweifelten 
Mittel, sich seitwärts Uber Gräben, Sturzäcker, Kartoffel- nnd Ge- 
treidefelder zu schlagen, recht bald wird entschlietsen müssen. Da- 
bei dürfte aber dann sehr bald nicht blols die ,, Sorgfalt für das 
Fahrrad 44 , wie oben geschildert, in die Brüche geben, sondern alles 
und jedes Vertrauen in den Nutzen desselben, und Gräben und 
Starzäcker dürften dann mit den Fahrrädern besäet werden. 

Ob ein solches Radfahrerdetaehement dann den, von dem Autor 
so bitter empfundenen, ernsten nnd humoristischen Bemerkungen der 
Kameraden über „unnütze Schlacbtenbummelei" entgehen wurde, 
möchte stark zo bezweifeln sein. Wenn in dem Ausdrucke „Schlachten- 
bummler" immer noch etwas, die Beziehungen zum Kriege wenigstens, 
Anerkennendes liegt, so möchte im Kriege selbst vielleicht die Klage 
über die sich nun ganz unnütz erweisende „Manöverbummelei" viel 
empfindlicher treffen. 

Die Klagen des Autors Uber die mangelhafte Ausbildung der 
Leute sind gewifs in mancher Beziehung berechtigt, aber die Vor- 
schläge, ihnen abzuhelfen, haben wiederum nur Friedens-, gar 
keinen Kriegs wert. 

Die Leute sollen nur auf Chausseen eingeübt, zwar des Fahrens 
kundig, aber nicht trainiert gewesen sein. Nun, dem wäre ja durch 
„Training" abzuhelfen, wiewohl zu befürchten steht, dafs gerade 
durch die Eigentümlichkeiten der Verwendung eines Radfahrer- 
detacheinents. wie zum Teil schon Eingangs geschildert, im Kriege 
das Übertrainiert- resp. Unbrauchbarwerden sich sehr bald 
einstellen wurde. 

Der Autor klagt, dafs er vor geringen Anhöhen absitzen lassen 
mufste, dafs beim Bergabfahren die Leute sich gegenseitig umfuhren, 
weil sie keine Übung im Fahren in der Kolonne hatten. „Es kamen 
häufig Unfälle vor, die stets neuen Aufenthalt der ganzen Kolonne 
zur Folge hatten". Zugegeben, dafs sich das durch viele Übung 
von auch im Frieden stets zusammengestellten und lediglich zu 
diesem Zwecke gedrillten Fahrradtruppen vermeiden Heise, werden 
dann nicht die bei der Mobilmachung eingestellten Reserven diesen 
ganzen Status wieder recht ungünstig verändern? 

Aber gesetzt den Fall, man griffe selbst zu dem Mittel, nur 
Linien -Radfahrertruppen stets komplett zu erhalten, und deren 
Übung liefse nichts zu wünschen übrig, wird das auch den Feind 
abhalten, in die nur auf den Defilee-Krieg angewiesene Kolonne 
Unordnung durch leicht anzubringende Wegehindernisse und endlich 
durch sein Feuer aus Büschen, Getreidefeldern, Geländeeinschnitten 



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224 Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 

aller Art hineinzutragen? Und dann male man sich die Unordnung 
in solcher Kolonne, das Ubereinanderkollern n. s. w. einmal ans. 

Eine Radfahr-Truppe ist, weil sie sich eben nicht sichern kann 
— wie im Juniheft der „Jahrbücher 4 ' von 1899 nachgewiesen — so 
sehr unerwarteten Angriffen aus Hinterhalten u. s.w. ausgesetzt, wie keine 
andre Truppe, und keine Truppe ist gerade diesen Angriffen gegen- 
über wehrloser und unglücklicher daran, wie sie. Und eine solche 
Truppe soll, wie unser Autor meint, „wenn sie richtige Verwendung 
findet, weit vor der Kavallerie das Gelände durchstreifen, 
weit um die Flu gel herumgreifen müssen und daher dringend 
mehrere Ferngläser gebrauchen". 

Ja, wenn die letztern mal so weit vervollkommnet sein werden, 
um durch Büsche, Getreidefelder, Eisenbahn- und Chausseedämme 
hindurchzusehen, dann wäre der Radfahrertruppe schon einiger- 
maßen geholfen. Aber auch dann klingt es für die Führung recht 
eigentümlich, wenn wir hören : „Der Führer, der für die unmittelbare 
Sicherheit des Detacheraents verantwortlich ist, der die Meldungen 
schreiben und auf der Karte die einzuschlagenden Wege aufsuchen 
und auf ihre Fahrbarkeit 1 ) hin prüfen mufs, ist nicht imstande, 
fortwährend sein Fernglas zu handhaben". Das sollen dann 
seine Leute ftir ihn besorgen, d. h. der Führer wird gewissermafsen 
von seinen Leuten geführt. 

Aber auch die mit Ferngläsern ausgerüsteten Leute, so klagt 
der Autor, hatten oft „ihre Meldungen nicht abgeben können, weil sie 
sich verirrt hatten". 

Das dürfte doch wohl eher ihrer Unkenntnis im Kartenlesen, 
als im Gebrauch des Fernglases zuzuschreiben sein. 

Die Anforderungen, welche der RadfahrerdetachementsftLhrer 
nunmehr (vgl. 1416 und 1417) an die Truppen stellt, teils in Bezug 
auf die den Radfahrern einzuräumende Wegefreiheit, teils in Be- 
ziehung auf die thätige Unterstützung bei Abgabe von Meldungen, 
würden, soweit sie überhaupt gerechtfertigt sind, sich doch nur dann 
Berücksichtigung zu schaffen vermögen, wenn die Uberzeugung, dals 
solche Radfahrertruppen einen vollen Nutzen gewährten, in der 
Armee immer mehr Boden gewänne. 

Die Schilderung S. 14 IG Uber das geringe Entgegenkommen 
der Truppen in Bezug auf Wegefreiheit für die Radfahrer lälst aller- 
dings stark auf das Gegenteil schliefsen. 

Wenn aber eine marschierende Infanterietruppe von der Chaussee 
nur den „Sommerweg" frei läfst, so wird jeder, der von der Wichtig- 



') Oh diese „Prüfung auf Fahrbarkeit- nach der Karte grofsen Wert hat? 



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Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



keit seines Dienstes durchdrungen ist, sei er Reiter oder Radfahrer, 
diesen Sommerweg in solchen Ausnahmefallen ohne weiteres be- 
natzen, dazu ist er sogar gegenüber der Strafsenpolizei dann be- 
rechtigt. 

Die Klagen aber Uber die beim Abgeben von Meldungen ein- 
getretenen Schwierigkeiten lassen die ganze Hilflosigkeit des Rad- 
fahrers in vielen, im Kriege ganz gewöhnlichen, Fällen, in fast 
komischer Weise hervortreten. 

So brauchten die meldenden Radfahrer „oft, um zu dem abseits 
vom festen Wege auf einer Höhe oder kilometerweit von einem 
Landwege sich befindenden Führer heranzukommen, eben so viel Zeit, 
als sie zu dem Zurücklegen des ganzen übrigen Weges gebraucht 
hatten." 

Da wird dann der einzige Vorzag des Fahrrades, gute Wege 
schneller als Fulsgänger zurückzulegen, manchmal ganz verloren 
gegangen sein. 

Das Auskunftsmittel, welches der Detachementsführer ergriff, 
nämlich die Leute anzuweisen, sich zur „Weiterbeförderung ihrer 
Meldung an den ersten ihnen begegnenden berittenen Offizier 
oder Kavalleristen zu wenden" erscheint mir denn doch Uber 
alle Malsen problematisch und geeignet, eine Verwirrung ohue Gleichen 
in der ganzen Truppe zu erzeugen. 

Dieser „erste berittene Offizier" oder „Kavallerist" kann weit 
^richtigere Dinge, selbst beim Manöver, geschweige denn im Kriege, 
zu thun haben, als die Meldung eines Radfahrers weiter zu befördern. 
Kein Wonder, wenn die Radfahrer oft abgewiesen wurden. 

Die vorgeschlagene Mafsregel, sämtliche Kavalleristen (!) 
anzuweisen, „bei derartigen Gelegenheiten das Überbringen von Mel- 
dungen zu erleichtern" erscheint mir daher auch sehr bedenklich. 
Denn es hielse doch die Weiterbeförderung von vielleicht wichtigen 
Meldungen von der Einsicht der betr. Kavalleristen abhängig machen 
und andererseits diese schweren Konflikten in Bezug auf ihre Pflicht- 
erfüllung aussetzen. Ich meine, wenn man eben weifs, dafs Rad- 
fahrer mit Meldungen nur auf Chaussen ankommen können, so sind 
sie auch nur zwischen auf grofsen Strafsen befindlichen Truppen- 
teilen verwendbar. Da aber auch das nicht einmal immer der Fall 
ist, sondern vom Zustande der Chausseen, vom Wetter u. s. w. ab- 
hängt, so wirft das auf die Kriegsbrauchbarkeit des Fahrrades als 
Beförderungsmittel für wichtige Botschaften ein recht ungünstiges 
Licht. 

Was soll man nun dazu sagen, wenn der Autor des M. W.-Blattes 
nun noch von „Relaislegen" spricht, um Meldungen rascher zu 



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226 



Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



befördern? Überall, wo dergl. mit annähernder Sicherheit möglich er- 
scheint, dürften doch Feldtelegraphen oder Feld-Telegphonstationen 
weit sicherer und vorteilhafter erscheinen. Nun sah aber der Führer 
des Fahrraddetachements selbst beim Manöver vom Relaislegen ab, 
weil er „die Leute in Bezug auf Zuverlässigkeit und Findigkeit 
nicht genügend kannte. Dieser Übelstand wäre nun allerdings durch 
Übung einer ständigen Fahrrad trappe leicht zu heben und dann 
würde sie — wenigstens beim Manöver — gute Dienste leisten 
können, wenn — das Fahrrad eben da Uberhaupt brauchbar wäre, wo 
die Anlegung von Feldtelegraphen- oder Telephonstationen Schwierig- 
keiten macht nämlich im durchschnittenen, hindernisreichen und 
unebenen Gelände. Aber da ist das Fahrrad ja eben gänzlich 
unbrauchbar. 

Wenn nun der Autor des M. W.-Bl. Sp. 1447 seines Aufsatzes 
darauf hinweist, dafs auch die Verwendung seines Detachements 
durch „die höheren Führer" noch „keine ideale* 4 gewesen sei, weil 
dazu vorläufig noch „die vielseitige Erfahrung fehle", so kann man 
dem wohl beipflichten, jedoch mit der Mafsgabe, dafs eben jene noch 
vermif8te „vielseitige Erfahrung- 4 die höhern Führer immer mehr 
darauf hinweisen wird, von der Verwendung von FabrradtruppeQ 
Uberhaupt Abstand zu nehmen. 

Dazu wird der Wunsch bezw. die Lehre des gewifs recht jugend- 
lichen Fahrraddetachementsfuhrers, dafs „der Führende immer gut 
thun werde, dem Führer des Radfahrerdetachements rechtzeitig mit 
der allgemeinen Lage, mit seinen Vermutungen und Er- 
wartungen bezüglich der Maisnahmen des Feindes u. s. w. 
bekannt zu machen, damit dieser (sc. der Detachementsftibrer) in der 
Lage ist, das in Betracht kommende Stralsennetz vorher 
genau zu studieren u. s. w. u. s. w." gewifs noch Einiges bei- 
tragen. 

Wenn der jugendliche Herr Autor einmal so weit in der mili- 
tärischen Hierarchie vorgerückt sein wird, dals er das, was der 
höhere Führer alles zu erwägen, zu instruieren und zu befehlen hat. 
einigermalsen zu übersehen imstande ist, wird er sicher selbst mit 
einem wehmütigen Lächeln auf seine Jugendvorschläge zurückblicke u. 

Denn sicher ist ein Radfahrerdetachement am allerwenigsten 
geeignet, quasi als ein fliegendes Feldjäger- oder Adjutantenkorps 
verwendet zu werden — schon weil es das für seinen Motor allen- 
falls brauchbare Stralsennetz immer erst ,,vorher genau studieren" 
müfste, was aber trotzdem einen oft kläglichen Hereinfall nicht ver- 
hindern dürfte. 

Adjutanten müssen, ohne sieh zu besinnen, fliegen. 



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Das Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



227 



Sollte uns aber noch irgend ein Zweifel bleiben, wie es um die 
Kriegsbrauchbarkeit eines Radfahrerdetachements bestellt ist, so werden 
diese durch nachstehende Äußerungen des Autors Sp. 1417 a. a. 0. 
unten sicher gelöst 

Dort beifst es, indem gegen die Unterstellung des Radfahrer- 
Detachements unter die Kavallerie gesprochen wird: „Auf der festen 
Strafse kann die Kavallerie dem Radfahrerdetachement und auf dem 
Landwege dieses der Kavallerie nicht folgen; ich bin, auch wenn 
mir der Kavallerieführer die weitgehendste Freiheit gestattete, immer 
dorch mein Zugehörigkeitsverhältnis zur Kavallerie in 
meiner Bewegungsfreiheit behindert worden, und mutste oft 
Strafsen benutzen, die ich für ganz ungeeignet hielt und bei voller 
Selbständigkeit nie betreten hätte. 44 

Also mit der Kavallerie geht es nicht und was eine Truppe 
mit voller Selbständigkeit anfangen soll, die sich nicht eine 
halbe Stunde Wegs selbst zu sichern imstande ist, darüber 
wird wohl Niemend imstande sein, genügende Auskunft zu geben. 

Jedenfalls würde diese „volle Selbständigkeit 4 * alsbald mit Vernich- 
tung oder Gefangenschaft enden, wenn, wie der Verfasser meint, dasRad- 
fab rerdeta ehernen t „alle ihm eigentümlichen Vorteile" — welche?, 
wir vernahmen doch bis jetzt von solchen absolut nichts! — noch 
verlieren soll, falls es, wie die Kavallerie auf den Feind direkt los- 
gehen wollte, da es „häufig aus Rücksicht auf die Wegeverhältnisse 
sich auf Umwegen an diesen heranmachen mufs!** 

Ich denke, es wird diesem Aufsatze in Nr. 58 der M. W.-Bl., 
wie es sein Verfasser wünscht, vollauf gelungen sein, die „Auf- 
merksamkeit auf die geschilderten sich in der Praxis ergebenden 
Mängel zu lenken'*. 

Hoffentlich wird dies in Verbindung mit den auf die Natur des 
Fahrrads als Beförderungsmittel begründeten unwiderleglichen Bedenken, 
dann nicht, wie der Herr Autor zu wünschen scheint, zur Aufstellung 
„selbständiger Radfahrertruppen**, „wie bei andern Nationen", son- 
dern dazu führen, diese unpraktische Idee ein für allemal fallen zu 
lassen. 

Nur der allzubreite Raum, den das Radfahrwesen überhaupt im 
Leben unseres Volkes gewonnen hat, dank der ungeheuren Reklame 1 ) 
der Fahrradfabriken, dürften demselben auch in der Armee bisher 

') Wie unverfroren diese Reklame gehandhabt wild, zeugen ganz besonders 
die am Anfange des Buren-Krieges durch öffentliche Blätter gezogenen — 
natürlich rein erfundenen — Berichte Uber Erfolge, welche burische oder 
fn^lische Radfahrertruppen in Natal erfochten haben soüten, während notorisch 
and natürlich dort kein einziges Fahrrad jemals Verwendung gefunden hat. 



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228 



Da» Fahrrad im Manöver und im Kriege. 



eine Rolle beschert haben, die in diesem Umfange nicht ohne 
schwere Nachteile ferner aufrecht erhalten werden kann. 

Bei der zweijährigen Dienstzeit haben alle Gemeinen der Fafs- 
truppen so viel Nötigeres, Wichtigeres und Nützlicheres zu lernen, 
dafs jede Stunde, die sie auf dem Fahrrade zubringen, als eine 
schwere Schädigung dieses Wichtigern empfunden werden muls. Für 
die Unteroffiziere mag die Übung auf dem Fahrrade immerhin als 
Sport und Abwechselung in ihrem anstrengenden Dienst auch eine 
nützliche Erholung darstellen und dem Offizier selbstverständlich als 
solche anheinigestellt werden. 

Wenn andere „Nationen" „selbständige Fahrradtruppen" auf- 
stellen, so können wir das nur umso mehr mit Freuden begrtifsen, 
wenn das unsere voraussichtlichen Feinde sind. Wir könnten nur 
wünschen, dafs diese, mögen sie im Osten oder im Westen sich be- 
finden, ihre gesamte Infanterie aufs Fahrrad setzten. Das würde uns 
deren Bekämpfung sicher so ungemein erleichtern, dafs wir nichts 
dagegen hätten, wenn ihnen unsere Fahrradfabriken ihre besten 
„Marken" lieferten und so auch ihr industrielles Schäfchen schören. 

Ich meine, es wäre Zeit, dafs wir wieder mehr auf eine gereifte 
militärische Erfahrung, als auf jugendliche Sportleidenschaften hörten 
und der Anglomanie des, durch keine theoretischen Erwägungen ge- 
zügelten, Probierens entsagten. Dieselbe hat sich in Transvaal, 
mochte es sich nun um Automobilen für schwere Lasten, um Dampf- 
pflüge zum Ausheben von Schützengräben oder um Lydditgranaten 
und Flachbahnschnellfeuerge8chütze handeln, gleich schlecht bewährt 
Darüber ein andermal! 

Sollte es aber, nachdem alle Friedens- und Manövererfahrungen, 
die von kriegserfahrenen Soldaten gegen Fabrradtruppen geltend ge- 
machten Bedenken ohne Ausnahme bestätigt haben, unter Offizieren 
noch Schwärmer ftlr eine solche Truppe im Kriege geben, nun, so 
glaube ich nachfolgenden Vorschlag zur Güte machen zu dürfen. 

Man gebe solchen Schwärmern im nächsten Kriege die Erlaub- 
nis, aus den in Deutschland jetzt so zahlreich vorhandenen geübten 
und passionierten Radfahrern im Landwehrverhältnis ein Freikorps 
zu werben und mit diesem ganz und gar in der von dem Autor des 
M. W.-Blatts gewünschten „vollen Selbständigkeit" gegen den Feind 
zu ziehen. Es w T ird sich dann bald zeigen, ob ein solches Radfahrer- 
Freikorps die Thaten eines Helwig und Colomb zu erneuern im- 
stande ist, oder ob es, wie jede Illusion, an der rauhen Wirklichkeit 
zerschellt. 



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Kleine heeresgeschichtliohe Mitteilungen. 



229 



XVI. 

Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 

Ein Brief Friedrich Wilhelms I. an General v. d. Marwitz. 

Mit jedem Regimentskommandeur und noch vielen anderen 
Offizieren stand der König in dienstlichem Schriftwechsel. An oben 
genannten General schreibt der König, Potsdam, deu 17. Dezember 
1729: „Übrigens sollet Ihr denen sämmtlichen Staats- nnd anderen 
Offiziers des Regiments befehlen, fleifsig im Reglement zu 
lesen, denn wenn sie sich solches recht bekannt gemacht, so 
werden sie nicht im Dienst manqnieren, sondern alles thon, so wie 
ich es haben will. Dahero sollen auch die Stabs-Offiziere fleilsig 
die jungen Offiziere aus dem Reglement examinieren, was darinnen 
steht; e. g. was im Felde und beim Marsch der Armee zu thun ist, 
was ein Offizier auf Kommando zu observieren habe, was im Lager 
zu observieren ist u. s. w. Weifs ein junger Offizier das nicht, so 
sollet ihr ihn reprimandieren ond ihn das Reglement in presence 
eines Staabs-Offiziers in drei oder vier Tagen laut durch- 
lesen lassen." (Förster. Friedrich Wilhelm I. III. Bd. S. 315.) 

Scbbg. 

Ein Drekret Napoleons für die Festungs-Kommandanten, vom 

24. Dezember 1811, verdient, da es für alle Zeiten und Völker volle 
Geltung hat, der Erwähnung an dieser Stelle: 

„Jeder Gouverneur oder Kommandant, dem Wir einen Unserer 
Kriegsplätze anvertraut haben, soll sich stets erinnern, dafs er eines 
der Bollwerke Unseres Reiches oder einen Stutzpunkt Unserer 
Armeen in seinen Händen habe, und dafs dessen auch nur uro einen 
Tag beschleunigte Uebergabe für die Verteidigung des Staates oder 
für das Heil der Armee von den grölsten Folgen sein könne. Dem- 
gemäfs soll er taub sein gegen alle vom Feinde verbreiteten Ge- 
rüchte, sowie gegen alle unmittelbar oder mittelbar von demselben 
ihm zukommenden Nachrichten, selbst dann, wenn man ihn überreden 
wollte, Unsere Armeen seien geschlagen oder Frankreich Uberfallen« 
Er soll den Eingebungen, sowie den Angriffen des Feindes wider- 
stehen; er soll so wenig seinen Mut als den Mut seiner Besatzung 
erschüttern lassen" u. s. w. Schbg. 

Die Zugehörigkeit des Fürsten Josef Poniatowski, nachmals Mar- 
schall von Frankreich, znm österreichischen Heere und sein Scheiden 
aus letzterem, sind durch den Regierungsrat 0. Teuber an das Licht 
gebracht, welcher unternommen hat, eine Geschichte des 6. Ulanen- 
Regiments zu schreiben. Diesem Regimente, welches im Jahre 1786 

Jahrbücher fbr di« d«uUcbe Arm«« und Marin«. Bd. 116. 2. 16 



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230 



Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



das Chevaulegers-Regimeut Kaiser Josef Nr. 1 war, wurde damals, 
als ihm die Ulaneneskadron des aufgelösten Chevaulegers-Regiments 
Levenehr zugeteilt ward, Fürst Josef Poniatowski als 1. Oberst- 
leutnant überwiesen. Er war eins der wenigen Mitglieder des 
polnischen hohen Adels, welche in K. und K. Dienste getreten waren, 
und Gegenstand besonderer Rücksichtnahme seitens seines Kriegs- 
herrn. Sie sprach sich auch darin aus, dals dem Fürsten auf sein 
Gesuch am 19. Mai 1789 gestattet wurde, am Türkenkriege teil- 
zunehmen. Es sollte als 2. Oberst bei Modenä geschehen. Aber 
schon im Juli des nämlichen Jahres reichte er sein Quittierungsgesnch 
ein, daneben bat er um Rückgabe des Reverses, durch welchen er 
sich verpflichtet hatte, niemals gegen das Haus Osterreich zu fechten. 
Das Quittierungsgesnch wurde bewilligt, nicht aber die Bitte um 
Rückgabe des Reverses. Der Kaiser befahl vielmehr: „und ist der 
von ihm ausgestellte Revers beizubehalten." Ob diese Verpflichtung 
später aufgehoben worden ist, konnte nicht festgestellt werden. 
Dafs sie keine Beachtung gefunden hat, zeigt Poniatowskis ferneres 
Leben, namentlich auch sein am 19. Oktober 1813 erfolgter Tod 
in den Fluten der Elster. — Das Schicksal fügte es, dals der Ober- 
befehlshaber der Heere, gegen welche er damals kämpfte, Feld- 
marschall Fürst Karl Schwarzenberg, im Jahre 1789 sein Kriegs- 
kamerad und mit ihm nahe befreundet gewesen war. (Armeeblatt, 
Wien 1900, Nr. 13. ) 14. 

Der Zustand der K. K. Armee in Italien, deren Kommando im 
Februar 1797 der Erzherzog Carl Ubernahm, war ein so trauriger, 
dafs der Feldherr nicht darauf rechnete, mit ihr etwas Tüchtiges 
zu leisten. „Man müsse mit der Truppe überall davon laufen," 
schrieb er seinem Bruder, dem Kaiser Franz, „er könne nur wünschen, 
totgeschossen zu werden, damit er die Schande nicht Uberlebe; die 
Armee verunehre den Namen des österreichischen Soldaten. Die 
Regimenter waren auf 200 bis 300 Mann zusammengeschmolzen, in 
demselben Verhältnisse hatte die Zahl der Offiziere sich vermindert. 
Zwischen den kaiserlichen Truppen und den Landesschützen hatten 
Mifstrauen, Eifersucht und gegenseitige Beschuldigungen unüber- 
brückbare Gegensätze geschaffen. Bekleidung, Verpflegung und die 
Beschaffenheit der Waffen liefsen alles zu wünschen übrig. „Die 
Truppen," schrieb der Chef des Generalstabes, Oberst Mayer von 
Heldensfeld, „waren teils ohne Kleider, teils mit äulserst elenden 
versehen. Von Gleichheit war keine Spur zu finden. Einer hatte 
einen Hut, ein anderer ein Casquet, der Nebenmann trug eine Mütze, 
der vierte einen runden Hut. Einige hatten Mäntel von allen 
Farben, andere gar keine. Jede Truppe war wenigstens zweimal 



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Kleine beeresgeschichtliche Mitteilungen. 



231 



schon gefangen. Die Gewehre erlangten infolge schleuderischer 
Herstellung vielfach ein Gewicht von 7,84 kg und darüber. Mitte 
April erhielt das Generalkommando den Befehl für die aufgebotenen 
Grenzer 6000 Piken, nach Art der für die Scharfschützen her- 
gestellten, anfertigen zu lassen, da es an Feuergewehren vollständig 
mangelte. Unter solchen Umständen war der Abschluls des Waffen- 
stillstandes von Leoben eine Notwendigkeit, bedeutete der Friede 
von Campo- Formio eine Erlösung, eine Rettung vor dem Unter- 
gange." (Organ der militärwissenschaftlichen Vereine, LX. Band, 
2. Heft, S. 40, Wien 1900.) 14. 

Ungleiche Handschuhe bei einem nnd demselben Paare kommen 
im Mittelalter nicht selten vor und zwar nicht nur bei Turnier- 
bandschuhen, sondern auch bei solchen, welche zu eigentlichen 
Feldharnischen gehörten. Es ist nämlich oft der fUr die rechte Hand 
bestimmte feiner gegliedert und daher beweglicher als der linke, 
uod zwar ist der letztere eine sogenannte „Hentze u (miton), nämlich 
ein Handschuh ohne Fingergliederung im Innern, welche dann auf 
der Aufsenseite meist angedeutet ist. In Italien bediente man sich 
für die linke, die ZUgelhand, eines geschobenen, für die rechte eines 
ans Panzergeflechte und 14 kleinen Stahlplatten gebildeten Panzer- 
bandschubes. Zu dem in der kaiserlichen Waffensammlung zu Wien 
befindlichen niederländischen Feldharnische des Feldhauptmannes 
Lazarus Schwendi gehören geschobene Handschuhe, von denen am 
linken jedoch, um das Erfassen des Schwertgriffes leichter zu machen, 
der rechte Zeige- und Mittelfinger mit Panzerzeug gedeckt sind. 
Die Kürassiere schützten vielfach nur die linke Hand, um die rechte, 
welche das Schwert und die Pistole gebrauchen sollte, beweglicher 
zu erhalten. Auch war diese oft durch den Griff des Schwertes 
geschützt. Die orientalischen Reiter, und nach ihrem Vorbilde die 
Husaren, bedienten sich bis in das 18. Jahrhundert häufig einer von 
der rechten Handwurzel bis zum Ellenbogen hinauf reichenden Arm- 
schiene und eines Panzerhandschuhes. (Zeitschrift fUr historische 
Waffenkunde I. Band, 12. Heft, Dresden 1899.) 14. 



16* 



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232 



Umschau in der Militär-Literatur. 



XVII. 

Umschau in der Militär- Litteratur. 

I. Ausländische Zeitschriften. 

Streffleurs Österreichische Militärische Zeitschrift. (Juniheft.) 
Ems Sanitätswesen' während des spanisch-amerikanischen Krieges im 
Jahre 1898. — Über die Streitmittel Grofsbritanniens. 

Organ der militarwissenschaftlichen Vereine. LX. Band. 4. Heft. 
Die Feldgeschützfrage in ihrer gegenwärtigen Entwickelung. — Zur 
Reorganisation unserer Feldartillerie. 

Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens. 
(Jahrgang 1900.) 6. Heft. Gesetz der zufalligen Abweichungen. 
Beiträge zur Wahrscheinlichkeitsrechnung mit Anwendung auf die 
Theorie des Schiefsens. — Mitteilungen über neue chemische Elemente. 

Armeeblatt. (Österreich.) Nr. 22. Die Offiziers- Vorbildung bei 
uns und in Deutschland. — Der Krieg in Südafrika (Forts, in Nr. 23, 
24, 25). — „Zur Lösung der Rastatter Gesandtenmordsfrage. u Nr. 23. 
Landwirtschaftliche Vorträge für die Truppe. — Ein neues Schnell- 
feuergeschütz. — Automobilismus. Nr. 24. Österreich-Ungarns See- 
macht und die Weltereignisse. — Die englische Artillerie. — Zur 
deutschen Kreuzer-Frage. Nr. 25. Admiral Frh. von Spann. — Die 
deutsche Flottenvorlage. — Die Wirren in China. 

Militär-Zeitung. (Österreich.) Nr. 20. Zu den Delegations- 
verhandlungon. Nr. 21. Die Gefechtsausbildung der Infanterie. — Zur 
Berittcnmachung der Hauptleute. Nr. 22. Unsere Kriegsmarine in 
China. — Fleischtransport von den Vereinigten Staaten nach Manila. 

Journal des sciences militaires. (Juniheft) Beförderung zu 
Schlufs des Jahrhunderts (Schlufs). — Die Schleifung der Festung 
Bayonne. — Der 100jährige Gedenktag von Marengo. Die Thätigkeit 
der Kavallerie. — Die Feld-Schnellfeuerartillerie der europäischen Heere 
(Schlufs). — Die Haager Konferenz und das neue Kriegsrecht. Beob- 
achtungen über die englisch-indische Armee, im Gefolge der 1897 an 
der afghanischen Grenze 1897 thätig gewesenen Kolonnen. — Über die 
Zahl im Kriege (Forts.). — Aufklärer der Artillerie. — Der öster- 
reichische Erbfolgekrieg 1740-1748. Foldzug in Schlesien 1741—1742 
(Forts.). 

Revue militaire universelle. (Juni.) Nr. 99. Vollständiger Be- 
richt über die allgemeine Lage in Südafrika (Forts.). — Die Belagerung 
von Pfalzburg 1870 (Forts.). — Untersuchungen über vorgeschützte 
Krankheiten und freiwillige Verstümmelungen, beobachtet von 1859 
bis 1896 (Forts.). — Studium einer taktischen Frage (Forts.). 

Revue du cercle militaire. Nr. 22. Taktische Aufgabe. — Die 
französische Artillerie im Gefecht. — Der Krieg in Transvaal (Forts, 
in Nr. 23, 24, 25). — Der unterseeische Krieg (Forts, in Nr. 23, 24, 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



233 



25l. — Unsere Armee, nach dem Urteil des Auslandes. Nr. 23. Die 
deutschen Kaiserraanöver 1899 (Ports, in Nr. 24, 25). Unsere Alpen- 
truppen, beurteilt von den Spaniern. — Buren und Engländer. Nr. 24. 
Taktische Aufgaben. Nr. 26. Portugiesische Kolonialtruppen. 

Revue d'Infanterie. (Juni.) Nr. 162. Geschichte der Infanterie 
in Prankreich (Ports.). — Die Vorschrift vom 16. November 1899 über 
dasSchiefsen der deutschen Infanterie (Ports.). — Praktische Felddienst- 
Frage (Forts.). — GeschichÜiche Studie über die Taktik der Kavallerie 
(Ports.). — Formationen und Manöver der Infanterie im Felde (Forts.). 

Revue de Ca Valerie. (Maiheft.) Die Aufklärer der Kavallerie. 
— Die Erkundungs-Mafsregeln der nordvirginischen Armee im amerika- 
nischen Sezessionskriege. — Briefe eines Kavalleristen. Schulon und 
Beförderung: Saumur und die Kriegsschule (Schlufs). — Von Bautzen 
bis Pläswitz. Mai-Juni 1813 (Forts.). 

Revue d' Artillerie. (Juniheft.) Versuch einer paleo-technologi- 
schen Studie über das Rad (Forts.). — Feldmäfsige Übungen im Ab- 
teilungsverbande (Forts.). — Das russische Niveau Mod. 1899. — Die 
Artillerie geraäfs der neuen deutschen Felddienstordnung. - Rad- 
fahrerische Merkwürdigkeiten : Zweisitzer und Tandems mit Petroleum- 
betrieb. 

Revue du Genie militaire. (Maiheft.) Mathematische Studie 
über die Wirkung der Minenöfen, begründet auf den Einflufs des Zu- 
sammenhanges des Erdreiches (Schlufs). — Über einige Neuanwen- 
dungen von Dächern aus Holzpappe. — Auseinanderzunehmende Ko- 
lonial-Brücke. 

La France militaire. Nr. 4836. Die Verpflichtung zum Schiefs- 
dienst. Nr. 4837. Das Prvtaneum. VI. Nr. 4838. Kritiken. Bezieht 
sieht sich auf die Buren im südafrikanischen Krieg. Nr. 4839. Das 
Prvtaneum. VII (Forts, in Nr. 4865—67, 68, 72). Nr. 4840. Die 
Kolonial-Armee. III (Ports, in Nr. 4855, 59, 60, 62). Nr. 4841. Dienst in 
fremden Heeren. Dom bei den Buren gefallenen Oberst de Villobois- 
Mareuil gewidmet. Nr. 4844/5. Die Frage der Schiefsausbildung 
(Fortsetzung in Nr. 4848—57, 59—63, 73, 77). — Folgerungen aus 
dem Burenkrieg. I. II. Nr. 4846. Die Pontonniere. Redet der Wieder- 
herstellung der Pontonnier - Regimenter das Wort. Nr. 4849. Im 
Genie-Korps. — Berittenmachen der Offiziere. Nr. 4850. Frage der 
Taktik, die vorgeschobene Feuerlinie (aus dem Burenkrieg). — Be- 
lagerungs-Schiefsübungen. Nr. 4851. Der zweijährige Dienst in der 
Armee-Kommission (Forts, in Nr. 4857). Nr. 4852. Die Batterie von 
4 Geschützen. Urteil von General Tricoche, im allgemeinen der 
Neuerung nicht günstig. Nr. 4855. Der Soldat im Felde. II. Die 
l'nterkuna. II. Nr. 4858. Unsere Artillerie. Der Dienst im Felde. 
- MUitär-Telegraphie. Nr. 4859 u. 61. Das Kriegsspiel. Nr. 4861. 
r>ie Kriegsschule. Nr. 4864. Ein gutes Rundschreiben; bezieht sich 
auf die Cadre-Manöver der Artillerie-Truppen. — Aufklärer zu Pferde. 
Nr. 4865. Praktische Schiefsübungen. — Aufklärer der Kavallerie. 



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234 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Nr. 4866. Das Wiederauftauchen der Mitrailleusen. General Luzeux 
sieht den Grund in der Unwirksamkeit der Infanterie-Salven gegenüber 
den Schnellfeuergeschützen. Nr. 4869. Die Artillerie. Ausbildung 
der Cadres. General Tricoche spricht sich gegen eine Trennung der 
Offizierkorps nach Feld- und Festungs-Artillerie aus. Nr. 4870. Nach- 
ruf an den sehr thätigen Mitarbeiter, General Tricoche. welcher am 
27. Mai in der* Nähe von Genf das Zeitliche gesegnet hat. Nr. 4871. 
Militärische Lehren aus dem Transvaal-Krieg: Die Belagerung von 
Mafeking. Nr. 4872. Rücktritt des Kriegsministers de Gallifet. Er- 
nennung des Divisions-Generals Andre, Kommandant der 10. Infanterie- 
Division. Andre ist geboren in Nuits 29. März 1838, entstammt der 
Artillerie, Herbst 1859 in Dienst getreten, 1870 bei der Rhein-Armee 
in Metz. Nr. 4874. Dass. XVIII. — Die Lanze. Nr. 4875. Die 
Grenze Frankreichs gegen Marokko. — Ein Jahrgang von St. Cyr. 
Betrachtungen über die Beförderung der Offiziere. I. Nr. 4876. Das- 
selbe II. — Rückblick anläfslich des beendeten Transvaalkriegs. 
Nr. 4877. Die Artillerie in der Schlacht (Forts, in Nr. 4882). Nr. 4878. 
Ein Jahrgang von St. Cyr. Betrachtungen III. — Aufklärung und 
Sicherung in Deutschland und Frankreich. Nr. 4879. Die Verkehrs- 
Truppen. Nr. 4880. Initiative und Persönlichkeit. Nr. 4882. Der 
Aufstand der Boxer. 

Le Progres militaire. Nr. 2043. Der Dienst aufserhalb Frank- 
reichs (bezieht sich auf die Dienstverpflichtungen junger Männer, 
namentlich des Kaufmannsstandes, die nach Algier und den Kolonien 
auswandern). — Der südafrikanische Krieg (Forts, in Nr. 2044). 
Nr. 2044. Das Verwaltungs-Korps. — Die neuen Formationen (bezieht 
sich auf einen Aufsatz des M.-W.-Blattes (Forts, in Nr. 2045). — Die 
Rekrutierung der Militärärzte. Nr. 2045. Die Kolonialtruppen im Senat. 
Nr. 2046. Der Gesundheitsdienst in Südafrika. Nr. 2047. Die Sap- 
peure in der Kolonialarmee. Nr. 2048. Alte Soldaten. Nr. 2049. 
Die Artillerie der Flotte. — Die nationale Verteidigung in den Kolonien. 

La Belgique militaire. Nr. 1513. Der anglo-transvaaische Krieg 
(Forts, in Nr. 1515). — Die allgemeine Wehrpflicht und die Verstärkung 
der Armee. Nr. 1614. Civilgarde und Vaterlandsliebe. — Für die 
allgemeine Wehrpflicht und die Verstärkung der Armee. Nr. 1515. 
Die holländisch-belgischen Truppen während des Feldzuges 1815 in 
Belgien. 

Bulletin de la Presse et de la Bibliographie militaire. Nr. 385. 

Praktischer Schiefskursus (Schlufs in Nr. 386). — Praktische Ausbildung 
der Truppen und Cadres. Generalstabsreisen, Manöver, Cadres-Übungen , 
Kriegsspiel (Forts, in Nr. 386). Nr. 386: S. oben. 

Schweizerische Monatsschrift für Offiziere aller Waffen. (M a i - 

heft.) Die drei Kriegerstatuen Berns, Berchtold V. v. Zähringen, Ru- 
dolf v. Erlach, Adrian v. Bubenberg. — Die Führung der Infanterie 
in den letztjährigen Manövern des I. Armeekorps und unsere Ausbildung 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



235 



der Truppenführer. — Zur aufserdienstlichen Schiefsausbildung. — Der 
Krieg Englands gegen die südafrikanischen Republiken (Forts.). 

Revue militaire suisse. (Juniheft.) Der Übergang über den 
Sankt Bernhard im Jahre 1800. — Automatische Pistolen (Schlufs). — 
Ein Schiefsen auf 2500 m mit dem Gewehr Mod. 89. — Das Ver- 
pflegungs-Detachement bei den Manövern des I. Armeekorps im Jahre 
1899. 

Schweizerische Zeitschrift für Artillerie und Genie. (Maiheft.) 
Das Tagebuch des Fortiflkations-Direktors Hans Caspar Fries über die 
im Frühjahr 1799 auf dem Zürich- und Käferberg ausgeführten Be- 
festigungsarbeiten. — Neuere automatische Schnellfeuerwaffen. — Ein 
raucherzeugendes Shrapnel. — Die neue deutsche Felddienstordnung 
(Schlufs). — Die neue deutsche Militärstrafgerichtsordnung. 

Allgemeine Schweizerische Militärzeitong. Nr. 22. Neues aus 
der italienischen Armee (Schlufs in Nr. 23). — Die Remontierung der 
österreichisch - ungarischen Armee. Nr. 22. Eine Feldübung der 
deutschen Fufsartillerie. Nr. 24. Das neue deutsche Landesbefesti- 
gungssystera. — Der neue französische Kriegsminister. Nr. 25. Die 
Kriegslage in Südafrika. — Neue Untersuchungen über die Geschosse 
und Wirkung der kleinen Kaliber und die Dumdum-Geschosse. 

Armjr and Navy Gazette. Nr. 2100. Die Kriegslage in Süd- 
afrika. — Die Spion-Kops-Depeschen. Behandelt die Beschuldigungen 
der Generale Gatacre und Buller seitens Lord Roberts. — Lord Roberts 
im Oranje-Freistaat. — Lehren aus dem südafrikanischen Kriege. Be- 
spricht das Artillerie-Material. — Kriegsbericht. Tageweise geordnete 
Nachrichten. Nr. 2101. Der Einbruch in den Oranje-Freistaat. Stra- 
tegische Betrachtung. — Die Reorganisation des Verpflegungswesens. 
Kriegsberichte (Forts.). — Organisation der Miliztruppen. — Bei der 
Artillerie in Natal. Betrachtung über die den Buren gegenüber anzu- 
wendende Taktik. Nr. 2102. Die Kriegslage im Oranje - Freistaat 
Strategische Erörterungen. — Die Rekrutierung des Heeres im Jahre 
1899. Statistische Mitteilungen. — Das Kriegsministerium. Bespricht 
dessen fehlerhafte Organisation. — Kriegsberichte (Forts.). — Die 
Imperial- Yeomanry und die City-Imperial-Volunteers. Geschichte und 
Organisation beider Korps. — Bei der Artillerie in Natal (Forts.). — 
Die Handels-Route nach dem Kap. Nr. 2103. Der Vormarsch von 
Bloemfontein. — Die chinesischen Unruhen. — Über Aufklärungsdienst 
im Felde. — Die russischen Garnisonen in Transkaspien. — Der Chef 
des Heeres - Sanitätswesens. Enthält Verbessern ngs -Vorschlage. — 
Kriegsberichte (Forts.). — Kavallerie-Patrouillen. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 266. 

Das 12 zöllige Vickers-Maxim-Geschütz und seine Lafette. — Die Or- 
ganisation der Volunteer - Streitkräfte. Enthält Vorschläge zu deren 
Reorganisation. — Die Sommer- und Herbstübungen der italienischen 
Armee. Aus dem Deutschen von Hptm. v. Graevenitz. — Die Seeleute 



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236 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



in der Kaiserlich russischen Garde im Kriege 1812. Aus dem Russi- 
schen übersetzt. 

Journal of the United Service Institution of India. Nr. 139. 

Bericht über die Belgische Generalstabs - Übung unter Leitung des 
Brigade-General Hart. — Betrachtungen über die Indischen Volunteers. 

— Neue Methoden des militärischen Signalwesens. Bespricht die Ver- 
wendung der deutschen Telegraphie. — Telephotographie im modernen 
Kriegswesen. — Das Wiederaufleben der Kasaken - Taktik. Enthält 
die im vergangenen Jahre erlassenen Vorschriften für den Angriff 
der Kasaken. — Rufsland und England auf dem asiatischen Kon- 
tinent. 

Army and Navy Journal. (New- York.) Nr. 1912. Die Fehler 
des englischen Kriegsministeriums. Gegenwärtige Kriegslage auf den 
Philippinen. - Die Kämpfe im Süden von Luzon. — Letzte Nachrichten 
aus Manila. — Schufswunden im Spanischen Kriege. Nr. 1913. Das 
Armee-Transportwesen. — Das 16 zöllige Geschütz. — Die Kriegslage 
in Südafrika. — Die Schlacht von Putol in der Provinz Cavite vom 
7. Januar dieses Jahres. Nr. 1914. Wie die Philippinos sich selbst 
beurteilen. — Die Aussichten für die Heeres - Reorganisation. — Die 
Kriegslage auf den Philippinen. — Die Veterinärordnung in fremden 
Armeen. Nr. 1915. Der Postdienst auf Kuba. — Heeres-Signalwesen 
in Luzon. — Der Krieg in Südafrika. Nr. 1916. Das Gesetz für die 
Reorganisation des Heeres. — Letzte Nachrichten von den Philippinen 

— Gefechtsbericht des 16. Infanterie-Regiments. 

Wajennüj Ssbornik. (Juni 1900.) Geschichtliche Mitteilungen 
über die im Jahre 1900 das Pest ihres zweihundertjährigen Bestehens 
feiernden Regimenter. (Es sind dies 5 Grenadier-, 18 Infanterie- Re- 
gimenter und ein Dragoner-Regiment ) — Das 34. Infanterie-Regiment 
(Sjewskij) im Gefecht bei Elena am 4. Dezember 1878. — Die heutige 
Organisation des kavalleristischen Sports (Schlufs). — Die Verwendung 
der Feldartillerie im Gefecht. — Die Unteroffizier-Kapitulanten. — Das 
Photographien aus dem Luftballon. — Die reitende Artillerie im 
Frieden und im Kriege (II). — Ssuworow in der russischen Litteratur 
(VI). Skizzen aus Dhagestan» — Die neue „Verordnung über den An- 
kauf der Pferde zur Remontierung der Kavallerie" (Schlufs). — Das 
neueste Anwachsen der Landmacht Englands. — Beilage: „Vom Kriege 44 
von General Woide, nach Clausewitz. 

Raswjedtschik. Nr. 499. Der Dsjan-Dsün (Zusammenkunft der 
Russen mit dem chinesischen ersten Beamten in Girin, Mandschurei). 
Der englische Offizier zur Friedenszeit. — Eine Löwenjagd. — Der 
siamesische Thronfolger in der russischen Offizier-Kavallerieschule. — 
Das Tragen des Säbels an dem Schulterriemen beim Reiten. Nr. 500. 
Die Anleitung zum Gefecht. — Die Offiziere nach Beendigung des 
Kursus auf der Ingenieur-Akademie. — Das neue Infanterie-Exerzier- 
reglement. — Die Vorsitzenden der Kreis-Aushebungs-Kommissionen. 
Nr. 601. Die neue Vorschrift für die Beförderung der Offiziere. — 



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Umschau in der Miütär-Litteratur. 



2:57 



Der „Concours hippique - des 44. Nishegorodskischen Dragonerregiments. 

— Die kirchliche Erinnerungsfeier an den Feldmarschall Ssuworow in 
Borowitschi. — Die Werke des Generals Rediger. Die Niederlage der 
Engländer bei Stormberg. Nr. 502. Die Uniformierung der Offiziere 
und Beamten. — Der Waffen-Unteroffizier. — Die Nachtquartiere der 
russischen Offiziere bei ihren Dienstreisen. — Die Bekleidung der 
kaukasischen Kasaken. 

Beilage zum Raswjedtschik. „Der Untergang Englands. Der 
Englisch- Französisch-Russische Zukunftskrieg im Jahre 
1900*. Übersetzung des in der „Monde Illustre'* veröffentlichten 
Fantasiegemäldes eines französischen Schriftstellers, in welchem dem 
Leser das Bild eines Krieges vorgeführt wird, wie ihn sich der Ver- 
fasser in seinem Gange vorstellt und der mit der völligen Besiegung 
Englands endet, das auf seine europäische Hauptinsel beschränkt wird. 
Irland wird selbständig, die Kolonien ebenso, bezw. unter die anderen 
Mächte verteilt. — Die russischen Alliierten werden — so glauben 
wir — nicht ganz mit der ihnen zugemessenen „Gloire" und Erfolg 
zufrieden sein. Die kleine Schrift liest sich trotz einiger „militärischer 
Unnatürlichkeiten" gut. 

Kussisches Artillerie-Journal. Nr. 3. Erkundungs- und Ordon- 
nanz-Dienst bei der Feldartillerie. — Vom Übungs - Plan beim An- 
schiefsen der Feuerwaffen. — Stahlshrapnel mit Zünder doppelter Wir- 
kung (Doppelzünder) zum Schiefsen aus reitenden Geschützen. — Von 
der Geb irgs- Artillerie. — Zu den Angaben über das Projekt eines Regle- 
ments des Dienstes der Fufsartillerie. — Zum Thema der Kriegs- 
vorbereitung der Feldartillerie. 

Journal der Vereinigten Staaten-Artillerie. (März-April 1900.) 
Feldartillerie - Übungsmärsche und Lagerdienst. — Eindrücke von dor 
Beschiefsung von Portoriko. — Skizze vom Belagerungs-Artillerie-Train 
im Lager von Rodgers (Tampa, Florida). — Kabel der Verein. Staaten- 
Regierung im Stillen Ocean. — Kriegsschiffe und Küstenbatterien. 
(Mai-Juni 1900.) Der 2. Burenkrieg. — Tragewalzen für Artillerie. 

— Studium der See-Geltung (nach Marine-Rundschau). — Das Gesetz 
der Spannung in Feuerrohren. — Formel über Durchschlagswirkung 
der Geschosse. — Der Drachen-Ballon. 

L'Italia railitare e marin a. Nr. 88. Die Ausgehobenen bei den 
Bezirken. Nr. 89. Das stehende Heer und die bewaffnete Macht bei 
der Landes -Verteidigung. Politische Obliegenheiten Italiens. — Das 
Gesetz über den Stand der Unteroffiziere. Nr. 90. Die inneren Be- 
festigungen. — Das stehende Heer etc. Prüfung der politischen 
Grenzen Italiens. — Ergänzung der Offiziere. Nr. 91. Die Befesti- 
gungen von Rom. — L>as stehende Heer etc. Organische Vorbereitung 
des Heeres und der bewaffneten Macht. Nr. 92. Dasselbe. Die er- 
gänzende Thätigkeit der bewaffneten Macht und des Heeres. Nr. 94. 
Dasselbe (Schlufs). Nr. 95/96. Die bewaffnete Nation. Nr. 98. Die 
Zuteilung und Einkleidung der Ausgehobenen bei den Bezirken. — 



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238 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Unsere Fahne. Nr. 99. Unteroffiziere mit Aussicht auf Anstellung. 
Nr. 100. Die bewaffnete Nation (Schlufs). Nr. 103/4. Ergänzung. 
Laufbahn und Stellung der Unteroffiziere. Nr. 105. Die Offiziere des 
Beurlaubtenstandes im Jahrbuch der Armee für 1900. Nr. 106. Italien 
im Dreibund. Die Wichtigkeit Italiens für die Verbündeten wird nach- 
gewiesen. Nr. 107. Die Flotten - Parade vor Neapel. Nr. 109. Die 
Selbstmorde im Heere. — Technische Artillerie und Militär-Ingenieure. 
Nr. 111. Die Beförderungen zum Sergeanten. Nr. 112. Unsere Streit- 
kräfte zu Lande und zu Wasser. Nr. 113. Die Ausbildung der Terri- 
torialmiliz und ihre Verwendung im Kriegsfalle. Nr. Uö/7. Gedanken 
über den Offizier der Gegenwart. Nr. 120. Dass. (Schlufs). Nr. 121. 
Die Gymnastik im Heere. Nr. 122. In Frankreich und in Italien. — 
Die Ausrüstung der Truppen. Nr. 123. Die Ausbildung der Territorial- 
miliz. Nr. 124. Über die körperliche Erziehung der Jugend. Nr. 126. 
Der 4. Juni 1859, Tag der Schlacht von Magenta. Nr. 127. Das mo- 
ralische Element bei der Infanterie. Nr. 128. Die Anstellungen für 
die Unteroffiziere. — Das Heer in Italien und in Frankreich. Nr. 129. 
Der Wachtdienst. — Die berittene Infanterie. Nr. 130. Wer angreift, 
hat nicht immer Unrecht. — Ergänzung der Offiziere der Infanterie 
und Kavallerie und deren Verbesserung (Forts, in Nr. 133). Nr. 132. 
Die Beförderungsverhältnisse bei den Unteroffizieren. — Die Franzosen 
in Marokko. — Zur Verteidigung von Rom. Nr. 133. Unser militäri- 
sches Problem: Heer und Flotte. 

Bivista di artiglieria e genio. (April.) Die Schnellfeuer-Feld- 
kanonen M. 99 von Fried. Krupp, nach Willes Schrift. — Geodätische 
Beschränkungen für das Feuer der Artillerie. — Remontepferde für 
die Artillerie. — Eine italienische Artillerie-Brigade bei der helvetischen 
Armee 1799. — Über die neuen Vorschriften für die Feldartillerie und 
die Art, sie zur Kenntnis zu bringen. — Die beschleunigte Wasser- 
versorgung der Zug-Lokomotiven nach dem System des Ingenieurs 
Coda. — Technische Artillerie und Militär-Ingenieure. — Studie über 
die bestfindige Befestigung. — Statistik der Schiefsresultate bei der 
deutschen Feldartillerie-Schiefsschule. — (Mai.) Die Gebirgs- Artillerie 
unter den Grenztruppen. — Francesco di Giorgio Martini. Civil- und 
Militär-Baumeister. — Der Kompagnie - Kommandant des Genies. — 
Beobachtung des Schusses der Belagerungs - Artillerie. — Schiefs- 
vorschrift der deutschen Feldartillerie (Schlufs). 

Rivista Militair Italiano. Nr. 16. Die Schneeschuhe im Winter- 
krieg in den Alpen. — Das militärische Genie Napoleons. — Der 
englische Offizier in den Kolonien. 

Escercito Italiano. Nr. 62. Regierungsprogramm und Wahlen. 
St. 63. Der Krieg in Transvaal (Forts.). Nr. 64. Die neuen Regle- 
ments für die Feld-Artillerie. Nr. 65. Die neuen Reglements für die 
Feld-Artillerie. Der Krieg in Transvaal (Forts.). Nr. 67. Der Krieg 
in Transvaal (Forts ). Alte und neue Kavallerie. Nr. 68. Die Thron- 



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Umschau in dor Miiitär-Litteratur. 



239 



rede. Der Krieg in Transvaal (Forts.). Nr. 70. Der Aufschwung der 
Offiziere des Ruhestandes. 

Revista cientifico - militar. (Spanien). Nr. 7. Die Wieder- 
aufrichtung (Forts.). Nr. 8. Die Wiederaufrichtung (Forts.). — England 
und Transvaal (Forts, nach Milit.-W.-Bl. in Nr. 9 u. 10). — Saragossa. 
Nr. 9. — Saragossa (Schlufs). Nr. 10. Einige geschichtliche Angaben 
über die unüberwindliche Flotte. 

Memorial de Ingenieros del Ejercito. (Spanien.) Nr. 4. Panzer 
in den Küstenbatterien. 

Revista Militar. (Portugal.) Nr. 10. Offizier-Heiraten. — Die 
Schlacht von Toro (Forts.). Nr. 11. Normaler Hufbeschlag. — Die 
Schlacht von Toro (Forts.). Gesetzentwürfe im Parlament. 

Krigsvetenskaps Akademiens-Uandlingar. (Schweden.) 9. u. 
10 Heft. Studien über Verpflegungs- und Sanitätsdienst im Felde 
(Forts.). Kavallerie- Felddienstübungen. 

Norsk Militaert Tidsskrift. (Norwegen.) 4. Heft. Krieg Englands 
gegen Transvaal (Forts.). — Marschbefehle und Märsche im Kriege. 

Militaire Speetator. (Holland.) Nr. 6. Die Entsendung eines 
Militär-Attachees auf den Kriegsschauplatz in Südafrika. 

II. Bücher. 

Kriegsgeschichtliche Einzelschriften. Herausgegeben vom Grofsen 
Generalstabe, Abteilung für Kriegsgeschichte II. Heft 28/30: Die 
taktische Schulung der Preufsischen Armee durch 
König Friedrich den Grofsen während der Friedenszeit 
1745 bis 1756. Mit 66 Textskizzen, 1 Übersichtsskizze und 44 
Planskizzen. Berlin 1900. E. S. Mittler & S. Preis 5.50 Mk. 
Das zu Anfang d. J. erschienene Heft 27 der „Einzelschriften 4 *, 
„Friedrich d. Gr. Anschauungen vom Kriege in ihrer Ent- 
wickelung von 1745 bis 1756" hatte an dieser Stelle eingehende 
Würdigung gefunden. Eine notwendige und erwünschte Ergänzung 
dieses Heftes ist das vorliegende, „Die taktische Schulung der 
Preufsischen Armee durch König Friedrich den Grofsen 
während der Friedenszeit 1745 bis 1756." Es mag als Ein- 
leitung gelten und unentbehrlich für das volle Verständnis des vom 
Kgl. Generalstabe in Arbeit genommenen Werkes über den sieben- 
jährigen Krieg. 

Trotz des ungeheuren Umfanges der fridericianischen Litteratur 
fehlte es bislang an einer die Taktik des Grofsen Königs in wirklich 
gründlicher und sachkundiger Weise behandelnden Schrift. Auch 
das in den zwanziger Jahren erschienene ältere Generalstabswerk be- 
friedigt in dieser Hinsicht nicht, ebenso wenig die fleifsige, aber nicht 
durchweg zuverlässige Arbeit Heilmanns, „Kriegskunst der Preufsen 
unter Friedrich dem Grofsen 14 . Diesem Mangel ist nun in der aus- 
giebigsten Weise abgeholfen; nur der Kgl. Generalstab vermochte dies. 



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240 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



da nur er im Besitze des wichtigen urkundlichen Materials ist, das die 
Grundlage dieser Arbeit bildet, nämlich die im Kriegs-Archive befind- 
liche Sammlung von Berichten und Tagebüchern über die Truppen- 
übungen während der Zeit zwischen dem Dresdener Frieden und dem 
Beginn des 7jährigen Krieges. 

Es waren 10 Jahre rastlosen Schaffens auf dem Gebiete der tak- 
tischen Schulung, durch die der Grofse König sein Heer auf eine Stufe 
der Vollkommenheit erhob, die seiner Zeit von keinem anderen Heere 
erreicht wurde. Friedrich war nicht nur der Feldherr, sondern auch 
der unübertroffene taktische Lehrmeister seines Heeres, bis hinein in 
die geringsten Einzelheiten. Das läfst der durch diese Schriit uns ge- 
stattete Einblick in die Werkstatt des Königlichen Heeresbild ners klar 
erkennen. 

Von den erwähnten Tagebüchern sind besonders wichtig diejenigen 
einiger Offiziere des 1. Bataillons Garde — Raoul, v. Miltitz und vor 
allen v. Scheelen, letzterer wird „ein Sammelgenie ersten Ranges 44 
genannt. Diese enthalten Einzelheiten des täglichen Dienstes, die nir- 
gends anderswo zu finden sind. — Neben diesen urkundlichen 
Schätzen des Generalstabes werden dann noch die Akten des Kriegs- 
ministerial-Archives und des Zerbster Archives, dann die einschlägige 
Litteratur (Oeuvres de Frederic le Grand, Warnery, Lossow, Thaysen 
u. a.) als benutzte Quellen genannt. 

Das reichhaltige Material ist in 10 Kapiteln behandelt worden. 
Das I., „Einleitung", bringt Allgemeines über das Ausbildungsjahr, 
die Anlage und Leitung der Manöver, Selbsttätigkeit und Streben im 
Offlzierkorps, Ausbildung der Offiziere, Einstellung der Rekruten, Exer- 
zierzeit, Revuen u. v. a. 

Kapitel II „Infanterie 44 umfafst das Reglement vom Jahre 1743, 
die Änderungen im Etat, die Bewaffnung, dann Veränderungen und 
Neuerungen in der formalen Taktik dieser Waffe, schliefslich in einem 
besonders wichtigen Abschnitt „Feuertaktik und Bajonettangriff^ 4 . Es 
wird betont, dafs die meisten Schriftsteller die leichtfertigsten Angaben 
über die Feuergeschwindigkeit der fridericianischen Infanterie 
machen. Angeblich soll die einzelne Abteilung imstande gewesen 
sein, 5 6 mal in der Minute zu laden und zu feuern. Die physische 
Unmöglichkeit dieser Angaben wird, in Hinblick auf den schwierigen 
Lademechanismus überzeugend bewiesen und dargelegt, dafs beim 
Bataillon während des Vormarsches nicht mehr als 6 Peleton- 
salven auf die Minute kamen. Es ist unbegreiflich, dafs diese irr- 
tümliche Ansicht sich so lange erhalten konnte, denn schon Beren- 
horst, ein Zeitgenosse Friedrichs, sagt in seinen „Betrachtungen über 
die Kriegskunst 44 (II, 185): „5 mal konnte das Bataillon feuern, einige 
schmeichelten sich, sie kämen bis sechseinhalb 44 . — Eine folgenschwere 
taktische Neuerung dieser Zeit ist die Einführung des Angriffs ohne 
Feuer, den der König, in der Absicht, den Angriff rascher an den Feind 
zu tragen, schon im Reglement von 1743 verlangte. Man begann, das 



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l'machau in der Militär-Litteratur. 



•241 



Feuer beim Angriff überhaupt für fehlerhaft zu halten, da es nur unnütz 
aufhalte. Die furchtbaren Verluste bei Prag und Kollin waren die 
Folgen des neuen Verfahrens, aber schon bei Leuthen neigt sich der 
König wieder völlig der alten Feuertaktik zu, die erauch in diesen Friedens- 
jahren weiter entwickelte; 1753 wurde sogar eine neue, gröfsere Feuer- 
geschwindigkeit bezweckende Chargierung im Avancieren eingeführt. — 
Von taktischen Neuerungen seien noch der in anderen Armeen unbe- 
bekannte Aufmarsch und das Deployieren genannt. 

Das Hl. Kapitel „Kavallerie" gewährt einen Überblick über die 
gewaltigen Fortschritte dieser in ihrer taktischen Ausbildung sehr zurück- 
gebliebenen Waffe. Noch bei Mollwitz war sie „nicht wehrt, dafs sie 
der Theufel holet". Schon im 2. schlesischen Kriege leistete sie Be- 
deutendes; die Reglements von 1743 und die Ordres von 1744 hatten 
sich glänzend bewährt. Es galt also nur, in den folgenden Friedens- 
jahren auf der erworbenen Grundlage weiter zu bauen. Staunen er- 
regend sind die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Pferde. 
Der König wollte, sie sollten bei den Revuen nicht geschont, sondern 
wie im Felde am Tage der Aktion gebraucht werden. Er verlangte 
Attacken von 1200 bis 1500 Schritt Länge, 1754 werden sogar solche 
von 1600 und 1800 (dabei Karriere 600 Schritt) erwähnt. Friedrich 
übte auch seine Generale im Gebrauche grofser Kavallerie-Massen, bis 
zu 75 Eskadrons versammelte er bei den Herbst-Übungen. Rasch- 
heit des Entschlusses, Selbständigkeit der Unterführer, höchst ge- 
steigerte Reiterausbildung und Manöverierfähigkeit machten die Preu- 
fsische Kavallerie bald zur ersten ihrer Zeit, vielleicht aller Zeiten. 

Im IV. Kapitel, „Artillerie - wird gesagt, dafs die Nachrichten 
über diese in jeder Hinsicht spärlich' seien. Gleichwohl erkennen wir, 
dafs der König auch dieser Waffe vollstes Verständnis entgegenbrachte. 
Ein gedrucktes Reglement für die Artillerie gab es vor dem 7jährigen 
Kriege nicht, dennoch gewinnen wir hier ein vollkommenes Bild der 
mafsgebenden taktischen Bestimmungen, wie es selbst das treffliche 
Werk „Geschichte der Brandenburgisch-Preufsischen Artillerie" (von v. 
Malinowski und v. Bonin) nicht bietet. Der König legte grofsen Wert 
auf die vorbereitende Wirkung der Artillerie, den Kartätschschufs will 
er überall baldmöglichst angewendet wissen, während er die Geschütz- 
wirkung auf gröfsere Entfernung gering veranschlagt. Nach den Er- 
fahrungen der ersten beiden Jahre des 7jährigen Krieges trat der Ge- 
danke der Massenverwendung von Artillerie auf dem Angriffsflügel 
hervor, so in der „Disposition pour les colonels d'artillerie Dieskau 
et Möller". — Keine technische und taktische Neuerung entging dem 
scharfen Auge des Königs, der 1758 der Schöpfer der reitenden Ar- 
tillerie wurde. 

Kapitel V. „Fei d dien st", zeigt, dafs die Preufsische Armee auch 
im Punkte der Marschsicherung und der Vorposten trefflich geschult 
war. Hier gaben die Reglements der verschiedenen Waffen und Fried- 
richs „General-Prinzipien vom Kriege** den Anhalt. Allerdings sind die. 



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242 



Umschau in der Militär-Utteratur. 



im Vergleich zu heute, engen Verhältnisse auffallend, ein weiteres 
Hinausfühlen, wie es die jetzige Kriegführung fordert, gab es nicht; 
aber das bestehende System genügte für die damalige Zeit. Der 
Aufklärungsdienst hingegen war rege und ausgedehnt. — Das VI. Ka- 
pitel, „Kleiner Krieg", hebt hervor, dafs Unternehmungen des kleinen 
Krieges zu Friedrichs Zeiten eine grofse Rolle spielten. Der König 
hatte in den beiden schlesischen Kriegen gegenüber den zahlreichen 
leichten Truppen der Österreicher sehr unter dem Mangel solcher ge- 
litten; auch seine Kavallerie konnte sich auf diesem Gebiete mit dem 
Feinde nicht messen. Das änderte sich in diesen Friedensjahren. 
Der König übte, wie die hier mitgeteilten Beispiele lehren, sein Heer 
auf das Gründlichste in allen hier einschlägigen Unternehmungen; er 
hielt dies für so nötiger, da er schon in den „General-Prinzipien" 
(„Pensees et regles") der Überzeugung Ausdruck giebt, man werde in 
Zukunft noch mohr mit solchen zu rechnen haben. 

Kapitel VII, „Übungen und gefechtsmäfsiges Exerzieren*', 
enthält nur solche Übungen, die ohne Gegner, meist auf Exerzier- 
plätzen oder ohne Berücksichtigung des Geländes stattfanden, bei 
denen also in erster Linie die Formen geübt wurden. Bei der hier 
erkenntlichen grofsen Mannigfaltigkeit dieser Übungen war eine „Scha- 
blonierung" ausgeschlossen. Meistens fanden sie bei Gelegenheit der 
„General-Revuen" statt, auch in Gemeinschaft mit Infanterie und Ka- 
vallerie, nicht selten als ein „Exerzieren nach Kanonenschüssen' 4 , d. h.: 
In einer zuvor ausgegebenen Disposition war genau bestimmt, welche 
Bewegungen auf die einzelnen als Signale abgegebenen Kanonenschüsse 
ausgeführt werden sollten. 

Kapitel VIII, „Die Entwickelung der schrägen Schlacht- 
ordnung" hat bereits im Hauptteile dieses Heftes (s. den Aufsatz 
„Ein Wort über die fridericianische schräge Schlachtordnung) einge- 
hende Besprengung gefunden. 

Das IX. Kapitel, „Manöver", behandelt die Übungen, die im Ge- 
lände und entweder von zwei Parteien gegeneinander oder gegen einen 
markierten Feind ausgeführt wurden. — Sonderbar berührt es, dafs 
aus Sparsamkeitsgründen für die Artillerie im Frieden damals keine 
Pferde vorhanden waren. Der König gab die nötigen Gespanne für 
die Manöver aus seinem Marstall her oder sie wurden für Berlin aus 
dem „Depot der Strafsen- oder Gassen pferde" gestellt, zuweilen auch 
gemietet. Die schweren Batterien wurden durch leichte Bataillons- 
geschütze markiert; thatsächliche Verwendung fanden schwere Ge- 
schützo nur bei den Spandauer Manövern 1753 bis 1755. — Das erste 
dieser grofson Manöver fand am 16. August 1747 bei Potsdam statt, 
das zweite ebenda am 19. August 1748, in zwei Parteien unter Füh- 
rung des Prinzen v. Preufsen und des Prinzen Heinrich, in der Stärke 
bis zu 11 Bat , 4 Eskadr., 15 Geschützen, ein drittes am 6. September 
1749. Es handelte sich bei diesen Manövern um Übungen im Gefecht 
um Örtlichkeiten (Wald, Höhen, Brückenschlag). Das vierte Manöver 



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243 



war bei Berlin am 24. August 1750 (Angriff; Verwendung des zweiten 
Treffens zur Umfassung des Feindes etc.), das fünfte bei Potsdam am 
3. Oktober 1750 (Veränderung der Angriffsfront angesichts des Feindes), 
das sechste am 26. Mai 1751 gelegentlich der Berliner General-Revue ; 
es nahmen teil 30 Batt., 26 Eskadrons. Das siebente am 7. Septem- 
ber 1751 bei der General-Revue der schlesischen Regimenter, westlich 
Ohlau. Das achte bei Potsdam am 18. August 1752 (Lager mit Vor- 
posten, Angriff und Verteidigung von Höhen u. dergl.), das neunte am 
14. September 1752 bei Stettin (ebenso und Rückzugsgefecht), das zehnte 
bei Deutsch-Lissa am 6. Mai 1753. 

In letzterem Jahre waren die in der Geschichte jener Zeit viel ge- 
nannten und von den Zeitgenossen angestaunten grofsen Herbst- 
manöver bei Spandau, in der Zeit vom 1. — 13. September 1753. 
Die beteiligten Truppen hatten die Stärke von 49 Bat., 61 Eskadrons 
und 585 Mann Feldartillerie mit 51 Geschützen, in Summa 44000 Mann. 
Zahlreiche Generale und Offiziere aller Grade, zusammen 127 Offiziere, 
waren zu diesem Zwecke als Zuschauer aus ihren Standorten heran- 
gezogen worden. Das Übungsgelände erstreckte sich zwischen Spandau, 
Potsdam und Nauen und wurde, um unberufene Zuschauer lern zu 
halten, streng abgesperrt. Es waren Übungen in allen Vorkommnissen 
des Grofsen und Kleinen Krieges, namentlich aber in der Führung von 
gröfseren Truppenmassen, Armee-Manöver. Von namhaften anwesenden 
Heerführern seien genannt: Prinz Heinrich, Schwerin, Keith, Zieten, 
Winterfeld, Gefsler, Driesen, Markgraf Karl u. a. 

Die Berliner Zeitungen jenes Jahres enthalten sehr spärliche Nach- 
richten über diese Manöver. Um die Welt zu täuschen, so berichtet 
Nicolai in seinen „Anekdoten - (5. Heft), mufste bald nach diesen 
Übungen der Ingenieur-Oberstleutnant v. Balby eine „Erklärung und 
genaue Beschreibung der Manöver nebst einem grofsen Plane" (Berl. 
Voss. Buchh. 1753. 22. S.) anfertigen, sie enthält nur Phantasie-Ma- 
növer, z. B.: „Der bei den Römern und Karthaginiensern in grofser 
Reputation gestandene sogenannte tele de porc. auf deutsch Schweins- 
kopf, so aus den Phalangen bestanden." — Nicolai ineint, dies sei 
betsimmt gewesen, um „diejenigen irre zu leiten oder zu verspotten, 
die da glauben könnten, dafs dies wirkliche Beschäftigungen im Lager 
gewesen seien". 

Im Jahre 1754 (27.-29. August) fanden bei Spandau abermals 
Herbstmanöver statt. 1755 am 24. August ein solches im „Angriff und 
Verteidigung eines Retranchements" unter Leitung Fouques. im Herbst 
dieses Jahres 8tägige Übungen bei Spandau mit 36 Bat. 23 Esk. 37 
Geschützen. Diese Manöver waren in jeder Beziehung kriegsmäfsig 
veranlagt, auch bezüglich der Lagerung und Verpflegung. Wie an- 
strengend sie gewesen sein müssen, erhellt aus Forneys „Souvenirs 
d un citoyen" (1, 343), der da versichert, ihm habe der F. M. v. 
Schwerin gesagt, diese Manöver hätten ihn mehr angegriffen als irgend 
ein Schlachttag. 



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Im „Sc hl uf s worte" wird gesagt: „Wir sehen Friedrich die 
Fragen, die ihn theoretisch beschäftigen, bei seinen Revuen und Ma- 
növern praktisch erproben; das, was er in seinen Lehrschriften der 
Führern empfiehlt, veranschaulicht er ihnen bei diesen Übungen durch 
Beispiele. So erreichte die Armee in der zehnjährigen Friedenspause 
einen Grad von Kriegstüchtigkeit, den kein zweites Heer jener Zeit 
aufzuweisen hatte, so wurde sie geschult für das bevorstehende ge- 
waltige Ringen, für den Kampf mit den Streitkräften von halb Europa." 

Wir begrüfsen diese „Einzelschrift" mit aufrichtiger Freude. Es 
ist mit derselben den Manen Friedrichs und seiner Kampfgenossen ein 
neues würdiges Denkmal gesetzt werden. Schbg. 

Armee und Volk im Jahre 1806. Mit einem Blick auf die Gegenwart 
von A. von Boguslawski, Generalleutnant z. D. Mit 1 Skizze 
und 2 Plänen. Berlin 1900. R. Eisenschmidt. 

Das Motto „Suum cuique", das der vielbewährte Verfasser dieser 
zeitgomäfsen Brochüro auf das Titelblatt setzt, hat seine besondere 
Bedeutung. Denn es wird der Nachweis geführt, dafs der Zusammen- 
bruch von 1806 keineswegs der Armee allein zur Last zu legen ist, 
den veralteten und verrotteten Zuständen im Heere, dem auf Abwege 
geratenen Offizierkorps, sondern dafs in gleichem Mafse Beamtenstand. 
Bürgertum und Volk verantwortlich zu machen sind. 

Suum cuique! Staatsverwaltung, gesellschaftliches Leben. Ver- 
welschung der Sitten, Humanitätsdusel, das alles und noch viel mehr 
hat damals Preufsen und Deutschland ins Unglück gestürzt. Hierbei 
sei gleich hervorgehoben, dafs auch ein vom Verfasser weniger be- 
tontes Moment mit erdrückendem Gewicht in die Wagschale fiel, die 
Gottlosigkeit, die in den gebildeten und schöngeistigen Kreisen ä la 
francaise geflissentlich zur Schau getragen wurde und die naturgemäfs 
auch auf das Volk zurückwirkte. Als dann die Not am gröfsten war. 
da war uns Gott wieder am nächsten und als das Volk auf den Pro- 
phetenruf von Männern, wie Arndt, Schleiermacher, Schenkendorfl* und 
vieler anderer, sich wieder auf seinen Schöpfer besann, da lernte es 
beten und arbeiten, arbeiten mit voller Hingebung und allem Segen, 
den solche Arbeit in sich trägt. 

Der Verfasser sagt im Vorwort mit Recht, dafs die tieler blicken- 
den Geschichtsschreiber, die über 1806 berichtet haben, mit gröfseretu 
oder geringerem Nachdruck aussprechen, wie keineswegs nur das 
Heer, sondern alle Kreise des Volkes an dem Elend schuld waren. 
Trotzdem hören die Gedankenlosen im grofsen Publikum, die sich mit 
geschichtlichen Forschungen nicht abgeben, immer noch auf die ein- 
seitigen und vielfach übelwollenden Wortführer, die. gestützt auf die 
vom ersten Unwillen diktierten Berichte und Herzensergiefsungen von 
1807, alle Schuld dem Heere, dem Offlzierkorps und den höheren 
Führern in die Schuhe schieben, um daraus Kapital zu schlagen gegen 
Autorität, Heerwesen und Offlziertum. 



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245 



Deshalb hat General von Boguslawski zur Feder gegriffen, um in 
kurzer, übersichtlicher und schlagkräftiger Darstellung die Katastrophe 
von 1806 und ihre tiefer liegenden Ursachen zu schildern. 

Der Reihe nach werden besprochen: die politische Lage von 1806, 
der Zustand der französischen Armee (dieser sehr kurz), die preufsische 
Heeresverfassung, die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere, Reform- 
bestrebungen vor 1806, geistige Bewegung, Beurteilung des französi- 
schen Heeres in Preufsen, Reformvorschlägo, halbe Mafsregeln. Zu- 
stände im Offizierkorps, Verhalten der preufsisch - sächsischen Armee 
im Kriege 1806, insbesondere bei Jena und Auerstedt (mit Schlacht- 
plänen), Verhalten der Civilbehörden und des Volkes, Gebahren der 
Presse, Urteile über die Armee. 

Wir müssen es uns versagen, auf den Inhalt der hier angeführten 
Kapitel einzugehen, möchten aber besonders auf die beherzigenswerten 
Nutzanwendungen hinweisen, die der Verfasser in „Ein Blick auf 
die Gegenwart" giebt. 

„Wir sollen verstehen lernen in dem Buche von 1806 zu lesen! 4 * 
„Wir sollen immer wieder an die Selbstprüfung gehen und uns die 
Frage vorlegen: Was wird die Geschichte einst von uns sagen? Kann 
sie nicht vielleicht sagen, dafs wir in dem und jenem Punkt ebonso 
blind gewesen seien, wie unsere Ahnen von 1806, auf die wir von 
Turmhöhe herabzusehen gewöhnt sind 's" 

Verfasser stellt die schiefen Anschauungen und Urteile über den 
preufsischen Adel zurecht, erinnert an die Verdienste der vielberufenen 
„Ostelbier", ruft aber auch dem Adel ernste Mahnungen zu. 

Auch was vom Luxus und von den Sitten im Offizierkorps gesagt 
wird, kann man nur unterschreiben. Noch viel schärler mufs unserer 
Meinung nach gegen das Spiel eingeschritten werden. Nichts 
ist so verderblich für den Geist des Offizierkorps, wie dieses entsetz- 
liche Laster, zumal wenn sonst ehrenhafte Offiziere dadurch mit einem 
Gelichter von Leuten in Berührung kommen, denen sie auf der Strafse 
weit aus dem Wege gehen würden. Kein Messer ist scharf genug, 
um diese immer noch üppig wuchernde Giftpflanze mit der Wurzel 
auszurotten. 

Nachdem General von Boguslawski noch über Verabschiedungen 
„Äufserlichkeiten", kriegerische Gesinnung manches beachtenswerte 
Wort gesagt hat, kommt er schliefslich auch auf die brennende Frage 
der Verstärkung unserer Seemacht. 

„Ewiger Philistergeist Deutschlands", ruft er aus, „mufst du denn 
stets deine Auferstehung feiern? Und wirst du unseren Reichstag 
nächstens zu einem Regensburger machen? 

„Alles das erinnert ganz verzweifelt an die öffentliche Meinung 
von 1796 bis 1806, wo man nichts höher schätzte, als die Weisheit 
der Diplomatie, die uns Hannover ohne Schwertstreich eroberte, uns 
schliefslich aber in die Lage von 1806 hineinführte. 

„Das Preufsen von 1806 hatte nur eine Armee, keine Flotte. Das 

Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine. Bd. 116. 2. IT 



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Deutschland von 1900 mufs zwei gewappnete Arme, nicht nur einen 
haben, und Kaiser Wilhelm II. wird sich einen Ruhm, gleich dem des 
grofsen Kaisers zur Zeit der Armeeorganisation, erwerben, wenn er, ohne 

sich beirren zu lassen, auf das Ziol lossteuert. Ein Parlament, das in 

so grofser Schicksalswende, ungleich den englischen und französischen, 
die höchste politische Klugheit nur in dem Satz „Haltet die Taschen 

zu!" erblickte, treibt eine Politik wie 1806. Machen wir 1806 

nicht zum Zeichen der Zwietracht, sondern denken wir daran, dafs es 
unsere Ahnen einig machte." 

Wir empfehlen die gehalt- und gedankenreiche Schrift des Generals 
von Boguslawski allen Lesern dieser Zeitschrift als erfrischende, an- 
regende und fördersame Lektüre. P. v. S. 

Geschichte des 4. Magdeburgischen Infanterie-Regiments Nr. 67. 

Ergänzte und bis 1899 fortgeführte Auflage „Die ersten 25 Jahre 
des 4. Magdeb. Inf.-Regts. Nr. 67", dargestellt von Heinrich, 
s. Z. Hauptmann vom N. E. d. gr. Generalstabes. Auf Befehl 
des Königl. Regiments bearbeitet von Weberstedt, Leutnant. 
Mit Abbildungen, Karten und Plänen. Berlin 1899. E. S. MitÜer 
u. S. Preis 12,50 Mk. 
Diese treffliche Regiments-Geschichte hat bei ihrem ersten Er- 
scheinen im Jahre 1885 bereits gebührende Würdigung in den „Jahr- 
büchern" erfahren. 14 Jahre sind seitdem vergangen. Es galt bei 
der Neuauflage lediglich, die Erlebnisse des Regiments in diesem Zeit- 
räume der ersten Auflage anzufügen. Nachdem das Regiment am 
5. Juli 1885 noch in seiner früheren Garnison Braunschweig das Pest 
seines 25jährigon Bestehens gefeiert hatte, erfolgte im Frühjahr 1887 
seine Versetzung nach Metz in den Verband des XV. Armeekorps. 
Seinem Leben „Auf der Grenzwacht" ist das letzte Kapitel des Werkes, 
die Jahre 1887 bis 1899, gewidmet. Den jetzigen und vormaligen An- 
gehörigen des Regiments wird diese Geschichte desselben, die erfreu- 
licherweise auch in abgekürzter Form für die Mannschaften bearbeitet 
worden ist, eine willkommene Gabe sein. 1. 

Geschichte des Feldartillerie - Regiments General - Feldzeugmeister 
(1. Brandenburgisches) Nr. 3. Auf Befehl des Königlichen Re- 
giments bearbeitet von v. Stumpf, Hauptmann. Mit Skizzen, 
Karten und Planen. Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 
13,50 Mk. 

Im Vorwort sagt der Verfasser, diese Geschichte sei eine Fort- 
setzung dos Werkes „Zur Geschichte der 3. Artillerie-Brigade bis zum 
Jahre 1829", von v. Strotha, indem sie die Batterien der ehemaligen 
Brigade bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Regiment in Krieg und 
Frieden begleitet. Ich bin aber der Ansicht, dafs diese Geschichte, 
deren erster Abschnitt („Vorgeschichte") auch die Geschichte der 
Staramtruppenteile bietet, als eine durchaus selbständige und m. E. 



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Umschau in der Militär-Litteratnr. 



247 



trefflich gelungene Arbeit zu betrachten sei. — Das jetzige Regiment 
ist hervorgegangen aus der am 29. Februar 1816 zusammengestellten 
„Sächsischen Artillerie - Brigade - (2 reitende, 12 Fufs- und 1 Hand- 
werker-Kompagnie), die 1824 die Bezeichnung „3. Artillerie-Regiment 44 , 
1860 „Brandenburgische Artillerie-Brigade Nr. 3* erhielt. — 1864 fand 
die erste Teilung der Brigade statt durch Ausscheidung von 8 Festungs- 
Kompagnien und Auflösung der Handwerker - Kompagnie. Der ver- 
bleibende Stamm hiefs von da ab „Brandenburgisches Feld- 
artillerie-Regiment Nr. 3 U und erhielt im selben Jahre, gemeinsam 
mit dem Festungs-Regiment, zum Andenken an die ruhmvollen Dienste 
im Feldzuge gegen Dänemark den ehrenden Beinamen „General-Feld- 
zeugmeister", der seitdem allen aus der alten Brigade hervorgegangenen 
Regimentern geblieben ist. — Es ist nicht möglich, im Rahmen einer 
kurzen Besprechung von allen Formationsveränderungen und jeweiligen 
Bezeichnungen bis auf den heutigen Tag Kenntnis zu geben und 
müssen wir uns auf kurze Inhaltsangabe der wichtigsten Erlebnisse 
in dem Zeiträume von 1771 (Stiftung der Kolberger Garnisonartillerie- 
Kompagnien) bis 1899 (Abgabe von 5 Batterien zum Regiment Nr. 39 
und 1 Batterie zum Regiment Nr. 39) beschränken. — Der 1. Abschnitt 
(Vorgeschichte) bringt interessante Beiträge zur Geschichte des Krieges 
1806/7, Verteidigung von Kolberg, und der Befreiungskriege, an denen 
die Stammtruppenteile mit hohen Ehren teilnahmen. Der 2. Ab- 
schnitt bietet die Geschichte von 1816 bis 1864, der 3. den deutsch- 
dänischen Krieg 1864, der 4. die Zeit von 1864 bis 1866, der 5. den 
Feldzug 1866 in Böhmen, der 6. die Zeit von 1866 bis 1870, der 7. den 
Feldzug 1870/71, der 8. „Die Reserve-Batterien des Regiments im Feld- 
zuge 1870/71, der 9. die Zeit von 1871 bis 1899. — Missunde, Düppel, 
Alsen, Königgrätz, Spicheren, Mars la Tour, Vionville, Metz, Orleans, 
Vendome, le Mans sind die Hauptetappen der kriegerischen Thaten 
dieses an Ruhm und Ehren reichen Regiments. Hauptehrentag des 
des Regiments ist Mars la Tour; es verlor an diesem Tage 25 Offiziere 
13 tot 22 verw.) und 363 Mann (54 tot 309 verw.), ferner 576 Pferde 
und verschofs 12731 Granaten. 32 Kartätschen. 

369 eiserne Kreuze 1. und 2. Klasse belohnten die unvergleich- 
lichen Leistungen des Regiments in diesem Kriege. Seine Standorte 
(Anlage 4) hatte das Regiment seit 1816 teils im Bereiche des IV. Teils 
des III. Armeekorps, seit 1890 in Brandenburg a. H. und Perleberg. 
Seit der letzten Neuformation der Feldartillerie hat das Regiment eine 
Stärke von 2 fahrenden Abteilungen (zu je 3 Batterien) und eine 
reitende zu 2 Batterien, sein Standort ist Brandenburg. Anlage Nr. 5 
enthält die biographischen Skizzen der 25 Kommandeure des Regiments 
bezw. der Brigade, leider aber keine eigentliche Stammliste und Ab- 
gangsliste des Offlzierkorps. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten 
einer Herstellung solcher, müssen das Fehlen derselben aber im heeres- 
geschichtlichen Interesse bedauern. Auch die Beigabe sämtlicher 
Ranglisten, von 1864 bis 1899 kann diesen Mangel nicht ersetzen. Mit 

17* 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



Geländeskizzen (63) ist das Werk zur Genüge versehen, es ist dies für 
die Ausbeutung des hier gebotenen reichen kriegsgeschichtlichen Ma- 
terials von hohem Werte. Man wird diese mit grofsem Fleifs. gröfeter 
Gründlichkeit und in fesselnder Weise bearbeitete Regimentsgeschichte 
den besten ihrer Art zur Seite stellen können. 2. 

Immanuel, Hauptmann. 225 taktische Aufgaben für Übungen aller 
Art und Kriegsspiel im Rahmen gemischter Abteilungen, selbst- 
ständiger Kavallerie, Brigaden, Divisionen auf Grund der Feld- 
dienstordnung vom 1. Januar 1900. Mit 4 Karten 1 : 100000 u. 
drei Übersichtsskizzen. Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 
8,60 Mk. 

Das vorliegende Buch enthält stofflich eine reiche Auswahl von 
Aufgaben aus dem Bereich des gesamten Dienstes im Felde. Diese 
Aufgaben sind ungemein anregend, weil sie uns bei einfachen Situa- 
tionen in kriegsmäfsiger Weise vor Entschlüsse stellen, wie solche der 
Ernstfall von uns fordert. Man arbeitet sich schnell in die Eigenart 
des Verfassers, Aufgaben zu stellen, hinein, und wir meinen, dafs dies 
allein schon für die Klarheit der Ausdrucksweise Zeugnis ablegt. 

Die Anlehnung an Nachbarabteilungen oder solche gröfsorer Ver- 
bände ist in geschickter Weise so gelungen, dal's die Führer vor selbst- 
ständige Entschliefsungen gestellt werden. Es ist dabei besonderer 
Wert darauf gelegt, das Eingreifen und Zusammenwirken zu gemein- 
samem Gefechtszwecke zur Darstellung zu bringen. 

In Bezug auf die Truppenstärken stimmen wir dem Verfasser da- 
rin zu, dafs gerade die Aufgaben kleinerer gemischter Abteilungen im 
Felde die lehrreichsten sind; darum haben wir uns gefreut, dafs auch 
dem „Kleinen Kriege" und dem „Grenzschutz" sein Recht wird. 

„Die Aufgaben bewegen sich auf den gebräuchlichsten Kriegs- 
spielplänen Metz. Chateau Salins, Gumbinnen, Schweidnitz und es ist 
anzuerkennen, mit welcher Umsicht das jedem einzelnen dieser Pläne 
eigenartige Gelände für Anlage der Aufgaben nutzbar gemacht 
worden ist. 

Einer kleinen Zahl von Aufgaben folgt die Lösung des Verfassers 
und stimmen wir ihm zu, dafs er dieselbe nicht nur in Form eines 
Befehles, sondern aufserdem mit einer Beurteilung der Lage versehen 
hat. Die Aufgaben für zwei Parteien sind gewifs sehr lehrreich; fast 
möchten wir aber glauben, dafs es noch anregender sein möchte, 
wenn der Leser sich die Gegenaufgabe selbst zu stellen hat. 

Wer sich mit Ruhe in die „Taktischen Aufgaben" vertieft, der wird 
aus ihnen viel lernen können. Man schrecke nicht vor der etwas 
reichlich bemessenen Zahl der Aufgaben zurück; sie haben mehr oder 
weniger ihre Berechtigung allein schon in den verschiedenen Stärke- 
verhältnissen und vor allem in dem abwechselungsreichen Gelände 
von vier Karten wie in dem immer wieder verschiedenen Verhalten 
des Gegners. 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



249 



Das Buch ist in erster Linie für den Truppenoffizier geschrieben. 
„Er kann sich", wie Verfasser richtig sagt, „an einer zwanglosen 
Folge von Aufgaben taktisch weiter bilden und sich selbst in Stellung 
und Beurteilung von Aufgaben üben. — Wir können die „Taktischen 
Aufgaben" nur auf das Wärmste empfehlen. 63. 

v. Pelet - Narbonne (Generalleutnant z. D.), „Der Felddienst des 
Kavalleristen. Sonderausgabe des dritten Teils von v. Minis' 
Leitfaden auf Grund der neuen Felddienst-Ordnung vom 1. Januar 
1900. Neu bearbeitet als Vorausgabe von dessen 25. Auflage. 
Mit 50 Abbildungen. Berlin 1900. E. S. Mittler u. Sohn. Preis 
50 Pf. 

Die Änderungen in der neuen Felddienst-Ordnung besonders für 
die Kavallerie sind so zahlreich, dafs die bisher benutzten Unterrichts- 
bücher auf jenem Gebiete plötzlich veraltet sind. Der Vertasser hat 
daher bald nach dem Erscheinen der Felddienst-Ordnung eine Neu- 
bearbeitung des Abschnittes „über den Felddienst" vorgenommen, der 
nunmehr unter dem Titel „Der Felddienst des Kavalleristen", hier vor- 
liegt Der Stoff ist so gegliedert, dafs nach Art der Felddienst-Ord- 
nung in einzelnen Absätzen deren Stichworte durch gesperrten Druck 
hervorgehoben wurden, so dem Lernenden das Verständnis, dem Lehren- 
den die Unterweisung erleichternd. Der wichtige Abschnitt hat eine 
nicht unerhebliche Vermehrung erfahren, das Kapitel über das Ver- 
halten auf Märschen ist aus dem ersten Teil des Buches in diesen 
Teil übertragen und durch einige Erläuterungen über das Benehmen 
bei gröfseren Übungen vermehrt worden. Auch des gelegentlichen 
Zusammenwirkens von Land- und Seemacht wurde in Kürze gedacht. 
Da« Büchelchen ist praktisch und entspricht einem Bedürfnis. 

4. 

Taktisches Handbuch von Wirth, Hauptmann. Dritte vollständig 
umgearbeitete und vermehrte Auflage (nach der „Felddienst- 
Ordnung von 1900" etc.). Mit Tabellen, Zeichnungen, 1 Skizze 
und Sachregister. 288 Seiten in Leinwandband. Berlin. Liebel- 
sche Buchh. Preis 2,50 Mk. 
Verfasser hat versucht, den schon in der 1 Auflage ausgesproche- 
nen Zweck des Buches zu vervollkommnen und die bei der Truppen- 
führung im Felddienst und Gefecht zu beobachtenden Gesichtspunkte 
so zur Darstellung zu bringen, wie sie an die Führer höheren und 
niederen Grades beim Abfassen und Geben der Befehle zur Verwendung 
der Truppe in mannigfaltigster Art herantreten. Im V. Abschnitt (Ver- 
wendung der Truppe im Gefecht) sind in detaillierter Weise, nach 
Waffengattungen getrennt, die Anordnungen der Kompagnie-, Eskadron- 
und Batterie- Führer ausgearbeitet, denen sich die der Führer höheren 
Grades anreihen. — Die Befehle zur Verwendung der Truppe zum 
Gefecht bei Eintritt in dasselbe (IV. Abschnitt) und im Felddienst (II. 
und III. Abschnitt) sind gegliedert in Anordnungen, wie sie zu treffen 



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250 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



sind, bei der Verfügung über Armeekorps (einschl. Kavallerie-Divisionen) 
mit beigegebener schwerer Artillerie des Feldheeres bis herunter zu 
den kleinsten Gefechtseinheiten sowie den kleinsten Aufklärungs- und 
Sicherungsgliedern. Wir empfehlen dieses praktische Werk sehr gern. 

2. 

Rang- und Quartier - Liste der Königlich Preußischen Armee und 
des XIII. (Kgl. Württemberg.) Armeekorps für 1900. Berlin. 
E. S. Mittler u. S. 
Die diesjährige Rangliste, welche mit dem Stande vom 7. Mai 
1900 abschliefst, enthält nunmehr vollständig die sämtlichen Neu- 
formationen der Artillerie und Verkehrstruppen, die in der vorigen 
noch keine Aufnahme fanden, sondern in den im Herbst v. Js. er- 
schienenen „Nachtrag** verwiesen werden mufsten. In der „Armee- 
Einteilung ist bemerkenswert die Zuteilung des neu errichteten III. 
K. Bayerischen Armeekorps zur 4. Armee-Inspektion (München. Gen. 
Oberst d. Kav. Prinz Leopold von Bayern), unter den Kommandanturen 
ist neu aufgeführt die „Feste Kaiser Wilhelms II. 4 * bei Mutzig (Strafs- 
burg i. E.). Bemerkenswert ist ferner die Umbenennung der Gren.- 
Kegimenter Nr. 1 und 11. die geplante Errichtung von 3 Eskadrons 
Jäger zu Pferde (beim 7. und 11. Armeekorps), die Vermehrung der 
Feldartillerieschiefsschulen um eine 3. Abteilung und Vereinigung der 
drei zu einem „Lehr - Regiment". In Naumburg a. S. ist ein neues 
Kadettenhaus eröffnet worden, das Generalauditoriat wurde infolge 
Errichtung des Reichs - Militärgerichts aufgelöst. — Zahlreiche Ver- 
änderungen haben infolge von Tod und Verabschiedung in den höheren 
Stellen stattgefunden. Verabschiedet wurden 43 Generale, von den 
Regimentschefs und Offizieren in sonstigen Ehrenstellen starben 15. 
ernannt bezw. eine Charaktererhöhung erhielten 1 Feldmarschall (Graf 
Waldersee), 9 Generale, 19 Generalleutnants. 79 Generalmajore, 115 
Oberste u. s. w. 

Ein deutliches Merkmal der „Verjüngung" des Heeres in seinem 
Offizierkorps ist das schnell fortschreitende Verschwinden des Eisernen 
Kreuzes. Hauptleute bezw. Rittmeister des aktiven Standes mit solchem 
giebt es nicht mehr, unter den Stabsoffizieren zählten wir bei der 
Infanterie nur 342 (davon 20 beim Garde-, 14 beim württembergischen 
Armeekorps), bei der Kavallerie 55. — Die Rangliste bildet nunmehr 
einen Band von 1367 Seiten, gegen 1308 des Vorjahres. 2. 

Rang- und Quartierliste der Kaiserlich Deutschen Marine für das 
Jahr 1900. Nach dem Stande vom 8. Mai 1900. Berlin. E. S. 
Mitüer u. S. Preis 2,50 Mk.. geb. 3,25 Mk. 
Nach Mitteilung der Verlagsbuchhandlung von E. S. Mittler u. S. 
wird diese Rangliste fortab mit erweitertem Inhalte alljährlich im Früh- 
jahr erscheinen und insbesondere auch die Herbstübungstlotte ent- 
halten, ein Nachtrag wird alljährlich im Herbst zur Ausgabe gelangen. 
Die Übungsflotte wird zwei Geschwader bilden. Das I. (Vizeadmiral 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



251 



Hofl'mann) zählt in 2 Divisionen 8 Linienschiffe, 2 kl. Kreuzer, das II. 
(K. Admiral v. Arnim) 6 Küstenpanzerschiffe, 4 Aufklärungsschiffe. 
Ferner Torpedobootsflotillen (zu je 2 Torpedobootsdivisionen) mit in 
Summa 3 Torpedodivisionsbarken und 23 Torpedobooten, dann eine 
Panzerkanonenbootsdivision mit 4 Panzerkanonenbooten. Das „Kreuzer- 
geschwader* 4 in Ostasien zählt 4 grofse, 2 kleine Kreuzer, auf aus- 
wärtigen Stationen befinden sich: Amerika 1 gr., 1 kl. Kreuzer, 1 Ka- 
nonenboot, Australien 2 kl. Kreuzer und 1 Spezialschiff, Mittelmeer 
1 Spezialschiff. Ostafrika 3 kl. Kreuzer, Ostasien 3 Kanonenboote, 
Westafrika 1 Kanonenboot, 1 Spezialschiff. 

Die Schiflsliste nennt 12 Linienschiffe, 8 Küstenpanzerschiffe. 
3 Panzer - Kanonenboote, 10 grofse Kreuzer, 25 kleine Kreuzer, 5 Ka- 
nonenboote, 16 Schulschiffe. 8 Spezialschiffe, 5 Hafenschifle, in Summa 
102 Fahrzeuge. 

Das Seeoffizierkorps zählt 2 Admirale (v. Koester, Thomsen), 
6 Vize - Admirale, 12 Kontre - Admirale, 51 Kapitäns zur See, 16 Fre- 
gatten-Kapitäns, 79 Korvetten- Kapitäns, 196 Kapitänleutnants etc. 

2. 

Rangliste von Beamten der Kaiserlich Deutschen Marine für das 
Jahr 1900. Nach dem Stande vom 1. Juni 1900. Redigiert im 
Reichs-Marine-Amt. Berlin. E. S. Mittler u. S. Preis 1,50 Mk. f 
geb. 2 Mk. 

Dieselbe enthält, anschliefsend an die Marine-Rangliste, und als 
Ergänzung derselben, die Etatsverhältnisse, Stellenbesetzung und Dienst- 
alter aller oberen Marinebeamten und ist für jeden, der dienstlich mit 
der Marine und den Behörden verkehren mute, unentbehrlich. 

2. 

Statistik der Sanitätsverhältnisse der Mannschaft des K. u. K. 
Heeres im Jahre 1898. Über Anordnung des K. u. K. Reichs- 
Kriegs-Ministeriums bearbeitet und herausgegeben von der III. 
Sektion des K. u. K. technischen Militär-Komitees. 
Dieser alljährlich erscheinende Bericht über die San itäts Verhältnisse 
des K. u. K. Heeres giebt ein vollständiges und in seinen Einzelheiten 
in hohem Grade belehrendes Bild dieser Verhältnisse, sowohl nach 
Korps, Truppengattungen, Garnisonen, Truppenkörpern und Garnisouen, 
als auch der gesamten Kranken bewegung, der physischen Beschaffenheit 
der zum Präsenzdienste Eingerückten, der einzelnen Krankheitsgruppen 
und Krankheitsformen. — Das Studium dieser mit äufserster Genauigkeit 
angestellten statistischen Ermittelungen wird unseren Militärärzten eine 
reiche Ausbeute gewähren, namentlich im Vorgleich zu den diesseitigen 
Verhältnissen. Interessant, auch für weitere Kreise, u. a. ist die Mit- 
teilung (S. 16), dafs zwar die Deutschen die kürzeste Dauer der Er- 
krankungen hatten, hingegen Czechen, Mähren und Slovaken den ge- 
ringsten Krankenstand, die Ruthenen die ungünstigsten Verhältnisse, 
die Rumänen die gröfste Sterblichkeit, Magyaren mittlere Verhältnisse. 

4. 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



III. Seewesen. 

Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie. Heft 6. 

Puerto de la Luz (Gran Canaria) — hierzu Tafel 7; — aus dem Reise- 
bericht S. M. S. „Nixe 44 , Komdt. Preg.-Kapt. v. Basse. November 1899 
und aus dem Reisebericht S. M. S. „Charlotte", Komdt., Kapt. z. S. 
Vüllers, Januar 1900. — Bemerkungen über San Sebastian (Kanarische 
Inseln) aus dem Reisebericht S. M. S. „Charlotte". — Mogador: be- 
arbeitet nach dem Reisebericht S. M. S. „Charlotte" und den Frage- 
bogen über Magador vom Kaiserlichen Vize - Konsul v. Maur 1899, 
Kapt. P. Martens, D. „Anna Woermann", März 1898 und Kapt. R. 
Henneberg, D. „Ella Woermann", Februar 1898, ergänzt nach englischen 
Quellen (hierzu Tafel 8). — Casablanca; bearbeitet nach dem Reise- 
bericht S. M. S. „Charlotte und den Fragebogen des deutschen Konsuls 
in Casablanca 1899, der Kapitäne R. Henneberg, D. „Ella Woermann* 
und F. Martens, D. „Anna Woermann". März 1898 (hierzu Tafel 9). — 
Montevideo, Bericht des Kapt. H. Niemann, Barke „Emma Bauer". 
April - Mai 1899. — Segelanweisung für Kamerun von Suelaba bis 
Campo-Huk. — Zur Küstenkunde Südwest-Afrikas zwischen Kamerun 
und Kapstadt; aus dem Reisebericht S. M. S. „Habicht", Komdt., Korv.- 
Kapt. Kutter, Januar 1900. — Beziehung zwischen Tornados und 
den Gezeiten im Busen von Guinea; aus dem Reisebericht S. M. S. 
„Habicht", Komdt. Korv.-Kapt. Graf v. Oriola, 1898/99. — Dampterroute 
von Genua nach Gibraltar, von Kapt. Chs. Lübeke, Hülfsarbeiter der 
deutschen Seewarte. — Berichte über schwere Stürme nach den in 
letzter Zeit bei der Seewarte eingegangenen meteorologischen Schiffs- 
journalen; von L. E. Dinklage. — Bericht über die dreiundzwanzigste 
auf der deutschen Seewarto abgehaltene Konkurrenzprüfung von Ma- 
rine-Chronometern (Winter 1899/1900). — Zur Bestimmung des Schnitt- 
punktes zweier Marcg St. Hilaireschen Standlinien; von Dr. Ernst 
Wendt, Navigationslehrer. — Die Wetterprognose auf Grund der täg- 
lichen Wetterkarten; von Dr. Grofsmann, Hamburg. — Vergleichung 
der Falbschen Prognosen mit dem in Deutschland thatsäehlich ein- 
getretenen Wetter im meteorologischen Jahre 1898/99 von Kapt. Rei- 
nicke, Civil-Mitglied des Küstenbezirksamts I. Die Witterung an der 
deutschen Küste im April 1900. 

Marine -Rundschau. Heft 6. Titelbild: Seine Kaiserliche und 
Königliche Hoheit Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von 
Preufsen. — Der neue Typ des Schlachtschiffes; von V. E. Cuniberti, 
Chefingenieur in der italienischen Marine (Fortsetzung und Schlufs). 
— Die deutsche Südpolarexpedition ; von Marine-Oberbaurat Kretschmer 
(Schlufs). — Welchen Einflufs hätte die Seeherrschaft auf den öster- 
reichisch-italienischen Krieg ausüben können und welche Bedeutung 
hat sie im chinesisch -japanischen Krieg gehabt? Von Oberleutnant 
z. See Vollerthun. — Die Seeschlacht bei Salamis am 27. oder 28. Sep- 
tember 480 v. Chr.: von v. Uslar, Kapitänleutnant. — Mitteilungen aus 
fremden Marinen. - Die Anwendung des Beilplaniraeters zur Berech- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



25^ 



nung unregelmäfsiger ebener Flächen und seine praktische Bedeutung 
für den Gebrauch an Bord S. M. Schiffe zur Berechnung der Ma- 
schinenleistungen; von M. Chrapkowski, Marine-Ingenieur (mit 11 Fi- 
guren). — Thätigkeitsbericht des Fischereikreuzers S. M. S. „Pfeil* 4 
für den Monat April 1900. Die Eisverhältnisse an den deutschen 
Küsten im Winter 1899/1900. — Über die ehemalige kurländische 
Kolonie in Afrika. — Umgestaltung der bisherigen Navigationsschulen 
in Rufsland. — Nautische Untersuchung der Sehären Finnlands. 

Army and Navy Gazette. Nr. 2105. Keine Ehrungen für die 
Marine. — Amerika und die Mächte. — Beförderungen der in Süd- 
afrika beteiligten Seeoffiziere. Nr. 2106. Die Invasion Englands. — 
Das „Belleisle a -Experiment. — Die Routen der unterseeischen Kabel. 

— Ein neues Schwimmdock für Bermuda. — Der Boxer-Aufstand und 
was die Marine dabei thun kann. Nr. 2107. Das „Belleisle M -Experi- 
ment. — Das Marine-Jahr. — Stapellauf der „Pobieda" und „Aurora". 

— Französische Versuche mit drahtloser Telegraphie. Nr. 2108. Die 
submarinen Bestrebungen. — Das deutsche Flottengesetz. — Strandung 
der Hebe bei einem nächtlichen Manöver im Mittelmeer. — Versuche 
mit drahtloser Telegraphie in Toulon. — Anwachsen des französischen 
Marine-Budgets. — Der spanische Kreuzer „Estremadura". — Über den 
Aktionsradius der französischen Untersee-Boote. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 267. Der 

französische Kreuzer II. Klasse d'Assas. — Mit dem zweiten Preise 
gekrönte Arbeit: Welches sind in Anbetracht der in den letzten 
zwanzig Jahren vorgenommenen Veränderungen im Schiffbau und auf 
Grund der Erfahrungen des japanisch - chinesischen, wie spanisch- 
amerikanischen Krieges die besten Typen für Kriegsschiffe für die 
britische Marine einschliefslich Panzer. Armierung und Bemannung für 
Schiffe aller Typen. 

Army and Navy Journal. Nr. 1917. Wie mit den Orientalen 
umzugehen ist. Die Kontrolle von Transporten durch die Marine. — 
Die modernen Marine-Ingenieure. — Will Frankreich in England ein- 
fallen ? — Hissung der Flagge auf Tutuila. — Die Frage der Panzer- 
platten. — Neue Nachrichten von den Philippinen. — Vorzügliche Mit- 
wirkung der Marine bei der Expedition auf dem Zapote-River. — Die Gath- 
mann-Granate. Nr. 1918. Spanische Gefangene auf Luzon. — Das Neueste 
von Manila. — Die wahre Lage auf den Philippinen. — Kapitän Mahan 
über die Boeren-Mission. — Fragen der Marine-Reorganisation. — Das 
Maxim-Nordenfeldt-75 mm-Geschütz. Nr. 1919. Die Marine-Akademie. — 
Das Bureau-System. — Die in Aussicht genommene Fabrik für Panzer- 
platten. — Spanien und die Vereinigten Staaten. — Das Feuerbeständig- 
machen von Holz. Nr. 1920. Eine französische Ansicht über die 
„Kearsarge". — Miliz, als National-Reserve. — Die Unruhen in China. 

— Die Arbeit eines Jahres auf Luzon. — Unsere Lage im Orient. — 
Amerikanische Herrschaft auf den Philippinen. — Die Zustände in den 



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254 



Umschau in der Miütär-Litteratur. 



chinesischen Gewässern. — Eröffnung der Marine - Kriegsschule. — 
Probefahrt des russischen Kreuzers „Variag\ 

Revue maritime et coloniale. April 1900. Brueys bei Aboukir. 

— Die neuen Studien über oceanische Chemie. — Bizerta: Erinnerungen 
an die Vergangenheit. — Die Ordre de bataille des Admirals Sampson. 

— Die Schlacht bei Santiago. — Fortschritte der Artillerie in der Ma- 
rine. — Jahresbericht des Instituts der „Naval architects 4 *. — Das 
Seekriegsspiel. — Die Dampfturbine Parsons. — Neue Dampferlinien. 

— Der interoceanische Kanal zwischen Atlantic und dem Grofsen 
Ocean. — Fortschritte der deutschen Handelsmarine. — Dover. 

Rivista marittima. (Juni 1900.) Die Navigation unter Wasser 
vom Standpunkte des Krieges betrachtet. — Über Ausführung des 
Schiefsens auf See. — Studie über die Handhabung von Maschinen 
mit wenig Cylindern. — Betrachtungen über den spanisch - amerika- 
nischen Krieg. — Der Norddeutsche Lloyd und sein neuester Dienst 
nach dem fernsten Orient und dem Stillen Ocean. — Die Koalition 
deutscher Konstrukteure gegen Krupp. — Der Kanal von Korinth. — 
Die SchifTahrtsgesellschaft „La Veloce" und die Umänderung der 
„Nord- Amerika* 4 . 

IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher. 

Die eingegangenen Bücher erfahren eine Besprechung nach Mafogabe ihrer Bedeutung and de« ver- 
fugbaren Kauniee. Eine Verpflichtung, jede* eingehende Buch xu besprechen, abernimmt die 
Leitung der „.Jahrbücher" nicht, doch werden die Titel flüintlicher Bücher nebet Angabe des Preieea 

— eofern dieser mitgeteilt wurde — hier termerkt. Kine Rücksendung von Bachem findet nicht statt) 

1. Auxerre-ChAtillon. Die Kriegsereignisse und Operationen in der 
Lücke zwischen der II. deutschen Armee und dem XIV. Armeekorps bis 
zum 20. Januar 1871. Nach archivalischen und anderen Quellen dargestellt 
von Hans Fabricius. Oberstleutnant a. D. 2 Teile. Mit einer Über- 
sichtskarte und 9 Skizzen im Text. Berlin 1900. R. Eisenschmidt. 
Preis 7 Mk. 

2. Zur Geschichte der Taktik und Strategie von Karl Bleibtreu. 
Mit 11 Karten. Berlin. A. Schall. 

3. Strategische Taktik der Schlachten. Mit Berücksichtigung 
des Burenkriegos von Karl Bleibtreu. Zürich u. Leipzig 1900. Th. 
Schröters Verlag. Preis 1,20 Mk. 

4. Der Unteroffizierschüler und seine Verwendung bei der 
Truppe. Bearbeitet von Boysen, Oberleutnant. Oldenburg. G. Stalling. 
Preis 35 Pf. 

5. Jahrbuch für Fähnriche und Fahnenjunker. Herausgegeben 
von Schaarschmidt, Major a. D. Erster Jahrgang 1900. Oldenburg 
i. Gr. 1900. G. Stalling. Preis 1,75 Mk. 

6. Uomini di guerra de tempi nostri. IV. Skobeleff. Saggio 
storico di Severino Zanelli. Roma 1900. Enrico Voghera, editore. 

7. Rede, gehalten in der Kapelle des Königlichen Schlosses zu 
Berlin bei dem Gottesdienste aus Anlafs der Grofejährigkeitserklärung 



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255 



Seiner Kaiserliehen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reiches 
und von Preufsen am 6. Mai 1900 vom Oberhofprediger D. Dryander. 
Für die Armen der Dom-Gemeinde. Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. 
Preis 40 Pf. 

8. Taktisches Handbuch von Wirth, Hauptmann. Mit Tabellen. 
Zeichnungen, 1 Skizze und Sachregister. Dritte vollständig umge- 
arbeitete und vermehrte Auflage. Berlin 1900. Liebeische Buch- 
handlung. 

9. Die Deutschen Ostsee-BUder. Herausgegeben vom Verbände 
Deutscher Ostseebäder. 176 S. Berlin. Geschäftsstelle des Verbandes. 
N.W. Neustädtische Kirchstrafse 9. Preis 15 Pf. 

10. Uniformenkunde. Lose Blätter zur Geschichte der Entwicke- 
lung der militärischen Tracht. Herausgegeben, gezeichnet und mit 
kurzem Texte versehen von R. Knötel. Band X. Heft 7. Rathenow 
1899. M. Babenzien. Preis 1,50 Mk. 

11. Leitfaden für die Unterweisung der Maschinistenapplikanten 
der Kaiserlichen Marine. Auf Veranlassung des Reichs-Marine- Amts 
herausgegeben. Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 1,80 Mk. 

12. Leitfaden Tür die Unterweisung der Heizer und Oberheizer 
der Kaiserlichen Marine. Auf Veranlassung des Reichs-Marine- Amts 
herausgegeben. Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 1,20 Mk. 

13. Evangelisches Marine - Gesang - und Gebetbuch. Berlin. 
E. S. Mittler u. S. Preis 50 Pf. 

14. Der Reservist. Mahnworte für die Zukunft! Erinnerungen 
an die aktive Dienstzeit. Herausgegeben von Boysen. Oberleutnant. 
3. Auflage. Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 30 Pf. Bei Ent- 
nahme von 60 bezw. 100 Exempl. 25 bezw. 20 Pf. 

15. Rangliste von Beamten der Kaiserlich Deutschen Marine 
für das Jahr 1900. Nach dem Stande vom 1. Juni 1900. Redigiert 
im Reichs-Marine- Amt. Berlin. E. S. Mittler u. S. Preis 1,50 Mk. 

16. Lösungen taktischer Aufgaben aus den Aufnahmeprüfungen 
zur Kriegsakademie 1886 bis 1900 mit Berücksichtigung der Felddienst- 
ordnung vom 1. Januar 1900 von L. Hauschild, Oberstleutnant. 
Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 1,60 Mk. 

17. Massen- oder Teilführung der Kavallerie. Von Prh. von 
Bissing, Generalleutnant. Mit einer Übersichtskarte in Steindruck. 
Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 1 Mk. 

18. Die Deutsche Südpolarexpedition. Von Kretschmer, Marine- 
Oberbaurat. Mit einer Abbildung im Text und 7 Tafeln in Steindruck. 
Berlin 1900. E. S. Mittler u. S. Preis 1 Mk. 




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XVIII. 

Der moderne Festungsangriff und der Angriffs-Entwurf 
der preulsischen Kommission von 1870. 

Von 

Oberstleutnant a. D. Frobenius. 



(Schlafs.) 

IL 

Welche Keime für die neueste Entwickelung der Ideen 
über den Pestungskrieg finden sich in dem Kommissions- 
Entwurf von 1870? 

Man mufs sich den langen, viel gewundenen Weg, welchen die 
Lehre vom Festlingsangriff auf ihrem Entwickelungsgang in den 
letzten 30 Jahren zurücklegte, ins Gedächtnis zurückrufen, um den 
scharfen Blick der Kommission, ihre „bemerkenswerte Voraussicht 
der kommenden Entwickelung" in ihrer ganzen Bedeutung zu ver- 
stehen. 

Zunächst hiefs es nach Beendigung des Krieges von 1870/71 
allgemein: „Es muls alles anders werden ! u Als man aber an das 
„Wie?" herantrat, da zeigte sich deutlich, wie gering im allgemeinen 
das Verständnis für das Wesen des Festungskrieges und seine Auf- 
gaben war. Die Armee, welche im Feldkriege so aufserordentliches 
zu leisten imstande war, vor der Festung hatte ihr Können versagt, 
sie hatte den Spezialwaffen die ganze schwere Aufgabe zugeschoben, 
weil sie noch tief in der Auffassung versunken war, dafs der 
Festungsangriff in derselben Weise, wie ihn Vau b an gegen schema- 
tische Festungen und gegen schematische Verteidigung gleichfalls 
schematisch entworfen hatte, lediglich deren Sache war. Sobald 
man sich neuen, über den Vaubanschen engen Festungsrabmen hin- 
ausgehenden Verhältnissen der Festung und anderen, von Vauban 
nicht vorgesehenen Maßnahmen des Verteidigers gegenüber sah, 
wo die Spezialwaffen zurück- und die Infanterie handelnd in den 
Vordergrund treten mutete, stand man ratlos und legte die Hände 
in den Schofs, rührte sich möglichst nicht von der Stelle, um 

Jahrbacher für die deutsche Armee und Marina. Bd. 110. 3 18 



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258 



Der moderne Festnngsangrift eto. 



ernsteren Zusammenstößen ans dem Wege zu gehen. Der Angreifer 
zeigte genau so wenig den unerwarteten neuen Aufgaben sich ge- 
wachsen, wie die Kommandanten der kleinen französischen Festungen 
sich in das von der alten Schablone abweichende Verfahren der 
deutschen Artillerie finden konnten und ein solches in naiver Weise 
ganz unerlaubt fanden. Man war eben gewohnt gewesen, mit be- 
stimmten Maisnahmen des Gegners zu rechnen; hierauf beruhte das 
ganze alte Schema, und wo jene diesen Erwartungen widersprachen, 
wufste man sich — beiderseits — keinen Rat. Es ist zu betonen, 
dafs die Spezialwaffen immer noch am ehesten der ihnen zu- 
geschobenen Aufgabe gerecht zu werden wufsten und ihren nicht 
immer richtigen, aber stets mit Aufbietung aller Energie und aller 
Kräfte durchgeführten Mafsnahmen sind die Erfolge im Festungs- 
kriege allein zuzuschreiben; die Truppenleitung hat — soweit es 
nicht auf mehr oder weniger feldmälsige Kämpfe ankam — durch- 
weg versagt und es nicht verstanden, die sonst als so leicht er- 
achtete Übertragung der Prinzipien des Feldkrieges auf den Festungs- 
krieg zur Ausführung zu bringen; obne Verständnis für letzteren hat 
sie der durch die Fortfestung veranlafsten Veränderung aller Ver- 
hältnisse nicht gerecht zu werden und die Angriffsmittel nicht in der 
Weise zu verwerten verstanden, wie der Kommissions-Entwurf hätte 
Veranlassung geben können. 

Des tiefwurzelnden Fehlers, an welchem die Leitung des 
Festungskrieges 1870 krankte, war man sich aber auch nach Be- 
endigung des Krieges nicht bewufst Man erkannte nicht, dafs in- 
folge der Loslösung des Verteidigers in der Fortfestung von allem 
Schema auch der Angreifer gezwungen sei, anf ein solches für seine 
Mafsnahmen zu verzichten. Denn ein solches mufs immer mit be- 
stimmt vorauszusetzenden Maisregeln des Gegners rechnen, es wird 
hinfällig, sobald anf der anderen Seite unvorhergesehene Maisnahmen 
Platz greifen. Im Festungskriege mufs deshalb das Streben durch- 
aus darauf gerichtet sein, nicht von den Handinngen des Gegners 
sich abhängig zu machen, sondern ihm zuvorzukommen mit Mais- 
nahmen, welche jenen zu bestimmten Gegenmafsregeln zwingen, also 
in derselben Weise, wie es im Feldkriege als erste Aufgabe be- 
trachtet wird, die Initiative zu ergreifen und dem Gegner die Gesetze 
für sein Handeln vorzuschreiben. Hierin hatte man 1870 gesündigt, 
da man, als die Schablone versagte, in untbätiger Ratlosigkeit ver- ( 
harrte und dadurch dem Verteidiger Zeit und Raum gab, seiner- 
seits die Initiative zu ergreifen und den Angreifer in Abhängigkeit ; 
von seinen Mafsnahmen zu versetzen. \ 

Diesen Fehler erkannte man nicht, suchte nicht nach dem /' 



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Der moderne Festangsangriff etc. 



259 



Kriege für die Truppenführung mafsgebende Gesichtspunkte und 
Direktiven aufzustellen, sondern schob die Aufgabe wieder den 
Spezialwaffen zu, damit sie an Stelle des als unbrauchbar erkannten 
ein neues Schema aufstellten. Und mit dem Entwurf und immer 
neuen Umarbeiten solcher Schemata hat man sich geplagt, hat man 
sieb begnügt bis in die neueste Zeit hinein. Und zwar auffallender 
Weise nicht nur für den Angriff, sondern auch für die Verteidigung, 
welche doch 1870 bereits die Schablone durchbrochen hatte. 

Durch die in der Praxis durchgeführte Loslösnng des Artillerie- 
angriffs von dem der Pioniere und Infanteristen und durch das bei 
den kleinen Festungen beinahe selbständige Auftreten der Festungs- 
artillerie war der Weg vorgeschrieben, welchen diese Waffe be- 
schreiten wurde, wenn die Trappenführung die Entwickelang der 
Lehre vom Festungskriege ihren Händen entgleiten und ihr Uber- 
lassen würde. Neben der in den Vordergrund geschobenen Leistungs- 
fähigkeit der schweren Geschütze versäumte man vollständig, aus 
den Erfahrungen von 1870 andere Lehren zu ziehen, als welche die 
Artillerie betrafen, um Anhaltepnnkte für die weitere Ausgestaltung 
des Festungskrieges zu gewinnen. Für alle Mafsnahmen war es nur 
die Wirkung, die Schufsweite, die Bedürfnisse der Artillerie, welche 
in Rechnung gezogen worden, und alle anderen Faktoren wurden 
als nebensächlich beiseite geschoben. 

So sehen wir bei der Verteidigung die Bewegungsfreiheit, welche 
die Fortfestung bietet, zu Gunsten der Artillerie eingeengt, welche 
das Gelände für ihre Batterien und deren Verbindungen beansprucht 
und vorbereitet wissen will, während die Infanterie nur dazu da ist, 
um für ihre taktische Sicherung zu sorgen. Damit war die Schablone 
der Intervallstellungen glücklich fertig, und der Verteidiger hatte 
sich zu Gunsten der langen Artillerie- Kurtinen zwischen den flan- 
kierenden Bastions-Forts der Bewegungsfreiheit gründlich beraubt. 
Der Angreifer konnte damit rechnen und nun auch einen schönen 
Schema-Angriff entwerfen. 

Für ihn gab es nur eine Rücksicht, nämlich die auf die 
Festungs-Artillerie. Der schrecklichen Waffe mulste er aus dem 
Wege gehen so lange und so weit wie möglich. Man vergafs also 
vollständig, wie man Monate lang im Bereiche des kräftigen fran- 
zösischen GescbUtzfeuers vor einzelnen Fronten von Paris ausgehalten, 
wie man vor Bellort mit den schwächlichsten Kräften sich in Ort- 
schaften einquartiert hatte, welche der Verteidigungs- Artillerist jeden 
Tag vernichten konnte, wenn er es für eine den Munitionsverbrauch 
lohnende Aufgabe gehalten hätte ( Chevremont, Vezelois, später Essert 
and Bavilliers), und man zog die ganze Cernierungs- Stellung grund- 

lb* 



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260 



Der moderne Featun^aangriff etc. 



sätzlich aus dem Bereich des Geschützfeuers, erst auf 2000, dann 
3000 and endlich 5000 Meter zartick. Damit begab man sich der 
Möglichkeit, Geschütze in Position za bringen, mit denen man der 
feindlichen Fortlinie irgend einen Schaden zufügen konnte. Man 
mafete also erst das Gelände erobern, auf welchem die ersten wirk- 
samen Geschütze ihren Platz finden konnten, and dieses glaubte mau 
wiederum nicht anders als mit Hilfe schwerer Geschütze durchführen 
zu können. Also blieb nichts anderes übrig, als in der so weit 
gespannten Einschliefsnngssteilung, welche desto länger war und 
desto mehr Truppen erforderte, so lange auszuharren und die In- 
fanterie zur völligen Thatlosigkeit zu verurteilen, bis die gewaltige 
Arbeit geschehen war, welche zur Vorbereitung des Artillerie-An- 
griffs notwendig ist Man erinnert sich, dafs dies bei Paris 3 1 /* 
Monat dauerte, und wenn man nun auch hoffen darf, dafs es im 
allgemeinen schneller gehen wird, so sind doch die Bedürfnisse seit- 
dem derart angewachsen, dafs man auf sehr günstige Verhältnisse 
rechnen mufs, wenn man mit einigen Wochen auskommen will. 
Jedenfalls gewinnt der Verteidiger hinlänglich Zeit, um den vom 
Angreifer ihm so bereitwillig Uberlassenen Raum vor der Fortlinie 
zweckentsprechend auszunutzen; er kann ihn ausfouragieren, was 
unter Umständen bei einer Fläche von etwa 300 Quadratkilometern 
flachen Landes (der Ringfläche zwischen Einschlielsungs- und Fort- 
Linie) durchaus nicht belanglos ist, er kann Verteidigungsstellungen 
einrichten und sich in dem Gelände, das der Angreifer durchaus 
für seine Batterien braucht, so fest einnisten, dals es einen recht 
blutigen Kampf kostet, um es zu erobern. Der Burenkrieg zeigt 
uns Beispiele zur Genüge, welche beweiseu, dals auch ein kleines 
Häuflein Verteidiger mit dem modernen Gewehr imstande ist, eine 
gut vorbereitete Stellung ohne viel eigene Verluste sehr teuer zu 
verkaufen. Aber für den Artilleristen steht die Wirkung des 
FestungsgeschUtzes so stark im Vordergrunde, und er wufste in der 
Armee den Glauben an seine vernichtende Wirkung derart zu ver- 
breiten, dals man lieber die blutigsten und verlustreichsten Kämpfe 
um das unentbehrliche Gelände in Kauf nehmen will, um nur während 
der ersten Periode der Belagerung außerhalb des Wirkungsbereiches 
des Festungsgeschützes zu bleiben. 

Die ungemein grolsen Schwierigkeiten, welche mit dem Artillerie- 
Aufmarsch unter solchen Verhältnissen verbunden sind, veranlafsten 
natürlich langjährige Erwägungen, wie viele Artillerie-Stellungen 
man bedürfe, wie stark und mit welchen Kalibern auszustatten jede 
sei und auf welche Entfernungen sie etabliert werden müfsten. Um 
diese Fragen allein drehte sich der Streit bezüglich des neuen An- 



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Der moderne Festungsangriff etc. 



261 



griffs-Schemas ; lediglich in diesem Sichheranschiefsen der Artillerie 
äalserte sich die Offensivkraft des Angriffs, der Infanterie blieb keine 
andere Rolle, als die Artilleriestelinngen zn verteidigen, nnd es 
ward ihr keine andere offensive Leistung zngetrant, als nnter dem 
Schatze der schweren Geschütze die von diesen mit Geschossen Uber- 
schutteten und vom Verteidiger rein gefegten Örtlich keiten, im Vor- 
feld vorschreitend, in Besitz zu nehmen. Hatte man sich derart bis 
auf eine Entfernung herangeschossen, auf welche die Verteidige ngs- 
artillerie niedergeschmettert werden konnte, so war. wie man meinte, 
die Hauptsache gethan und der Rest von Infanterie und Pionieren 
ohne viel Mühe zu leisten. Und zu diesem Zweck, um der Artillerie 
za ermöglichen, eigentlich allein mit ihrer Kraft die Festung zu 
überwältigen, mufsten mindestens 100000 Mann Infanterie festgelegt, 
auf Wochen zu einer lähmenden Unthätigkeit verurteilt und dann im 
Dienste der Artillerie in aufreibenden Vorpostengefechten abgehetzt 
werden. 

Dagegen lehnte sich sozusagen der natürliche gesunde Instinkt 
in der Armee auf, v. Scherff wies die Prätensionen der Festungs- 
artillerie zurück und beanspruchte die Stellung der entscheidenden 
Waffe, wie im Feld- so auch im Festungskriege für die Infanterie, 
ohne aber eine anderweitige Lösung der Aufgaben des Angriffs zu 
geben. Energischer noch versuchte Scheibert die schwere Waffe 
ganz bei Seite zu schieben und schofs mit seinem ungestümen In- 
tanterie-Angriff Uber das Ziel hinaus. Aber sein Verdienst bleibt es, 
die Forderung des Festhaltens an der Offensive auch im Festungs- 
kriege in den Vordergrund gestellt und darauf aufmerksam gemacht 
zu haben, da£s die aktive Kratt einer gewaltigen Infanteriemasse 
nicht auf Wochen und Monate vor einer Festung lahm gelegt werden 
darf. Ein dieses bedingendes Angriffsverfahren konnte nicht richtig 
sein. Dagegen wollte v. Sauer die Mitwirkung der schweren Ar- 
tillerie wohl ausnutzen und stellte durchaus richtige Prinzipien für 
das anzustrebende Angriffsverfahren auf; aber er überstürzte sich in 
ihrer Anwendung und überschätzte die Leistungsfähigkeit des An- 
greifers bei gleichzeitiger Überschätzung des Verteidigers. All diese 
und andere später vorgeschlagene „abgekürzte Angriffsarten' 4 , 
welche nach einer allzu kurz anberaumten nnd schwach bemessenen 
(weil in der kurzen Zeit nicht stärker zu dotierenden) Vorbereitung 
durch Geschützfeuer die Infanterie im ersten Ansturm bis vor die 
Fort-Stellung fuhren und sie die Werke umfassend nehmen, die 
Intervalle durchbrechen lassen wollten, rechneten mit ganz be- 
stimmten Mafsnahmen des seiner Aufgabe nicht gewachsenen Ver- 
teidigers. Wenn dieser seine Artillerie, anstatt in den Kampf sich 



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262 



Der moderne Festlingsangriff etc. 



einzulassen, der doch ein eigentlicher GescbUtzkampf nicht zu nennen 
ist, und dadurch ihre Stellungen zu verraten, schweigen liels und 
erst gegen die auf Kilometer Weges zu beschiefsenden Infanterie- 
Massen verwendete, wenn er diese in einer gut vorbereiteten Stellung 
empfing, so bereitete er kraft der modernen Feuerwaffen dem An- 
greifer eine blutige Niederlage. Den Beweis für diese Behauptung 
haben die neuesten Kämpfe in Südafrika in einem Dutzend Bei- 
spielen erbracht. Da der Angriff aber lediglich auf diesen brüsken 
Durchbruch hinausging und in keiner Weise fest basiert war, niufste 
er mit diesem Mifserfolg scheitern. 

Nachdem in der neuesten Zeit die ungeheure Kraft, welche der 
Verteidigung in guten Schutswaffen zur Verfügung steht, erkannt 
worden ist, wird es wohl mit den Vorschlägen von brüskierenden 
Angriffen sein Ende haben. Festgehalten werden muls aber die 
Tendenz der Offensive, des aktiven Angriffs vom ersten Augenblick 
an, nur dafs er mit anderen Mitteln, als mit einem Uberrennen des 
Vorfeldes ausgeführt werden muls. Als neue Hilfsmittel boten sich 
die allmählich bei allen Armeen eingeführten mobilen Belagernngs- 
batterien, welche als eine Avantgarde des schweren Belagerungs- 
trains der Einschliefsungsarmee folgen und bereits in den ersten 
Stadien der Belagerung ihre Offensivunternehmungen wirksam unter- 
stützen können. Die Artilleristen falsten allerdings eigentlich nur 
die Frage ins Auge, wie diese Batterien am geeignetsten für ihre 
Zwecke zu verwenden seien, und selbst darüber waren die Ansichten, 
wie Generalleutnant v. Müller (Die Entwickelung der deutschen 
Festungs- und Belagerungsartillerie von 1875 bis 1895, S. 518) er- 
klärt, noch im Jahre 1896 wenig geklärt: „Eine starke Fulsartillerie 
mit Bespannung — etwa 80 bis 100 Geschütze — kann, namentlich 
im Verein mit schweren Mörserbatterien, einen Uberraschenden An- 
griff einleiten, eine schwache hingegen tritt am besten nur als 
Reserve für den Hauptangriff auf." Da ist keine Rede von den 
Diensten, welche sie der Infanterie leisten kann, und wenngleich den 
Vertretern der abgekürzten Angriffe eingeräumt wird, dafs ihnen die 
bespannten Batterien von Vorteil sein könnten, so liegt es dem 
Artilleristen doch völlig fern, sich der „leichten Bombardements- 
batterien" des Kommisaions • Entwurfes von 1870 und ihrer die 
Basierung des Angriffs so wesentlich erleichternden Wirksamkeit in 
dessen Sinne zu erinnern. Am zusagendsten ist es ihm, sie „als 
Reserve" in seinen Schablonen -Angriff einzureiben. Er verbleibt 
hartnäckig bei seiner Ansicht, dafs der Artilleriekampf im Festungs- 
krieg entscheide, dafs seiner Vorbereitung, seiner Durchfuhrung und 
Erleichterung alles dienen müsse und alles andere als Nebensache 



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Der moderne Festangsangriff etc. 



263 



zu betrachten sei. Und das wird so lange so bleiben, bis die 
Truppenführung die Sache in die Hand nimmt und die Artillerie in 
den Gang des Angriffs dort und in der Weise einfügt, wo und wie 
sie dem ganzen Zweck am besten dienen kann und am nötigsten 
ist. Wenngleich sie ein unentbehrliches Mittel zur Bezwingung der 
Festung bildet, ist sie doch nicht das alleinige und auch nicht haupt- 
sächliche Mittel und wird deshalb von ihrer Verwendung nicht 
alles andere abhängig machen dürfen, sondern sich bereit halten, 
dort sich verwenden zu lassen und mit aller Umsicht und Energie 
einzutreten, wo es der Kampfzweck erfordert. Dieser steht immer 
Uber dem der Waffe, und er wird weder immer in derselben Weise 
zu erreichen sein noch gar sich einem Schema der Waffe unter- 
ordnen dürfen. 

Betrachtet man Einschliefsung, Vorbereitung des Artillerie-An- 
griffes und diesen selbst bis zur Erkämpfung der Überlegenheit Uber 
die Festung« -Artillerie als den ersten wichtigen Abschnitt der Be- 
lagerung, so mufs sich an diesen als zweiter die Heranführung der 
Infanterie bis in eine solche Nähe an die Verteidigungsstellung des 
Gegners, dafs ihre Feuerüberlegenheit erzwungen und durch den 
Sturmangriff jene durchbrochen werden kann, anschliefsen. Dafs in 
Zukunft die Herstellung der Annäherungswege nicht dem Pionier 
allein übertragen werden könne, war aus den Erfahrungen von 1870 
klar hervorgegangen. Taktische und technische Gründe wiesen 
darauf hin, dafs es unausführbar sei, durch technische Truppen ge- 
deckte Stellungen und ihre Verbindungen herstellen und diese dann 
durch die Infanterie besetzen zu lassen, letztere also sozusagen ver- 
lustlos und stete gedeckt an die Festungswerke heranzuführen. Die 
dem Verteidiger immerhin noch zur Verfügung stehenden Kampf- 
mittel und seine Bewegungsfreiheit im Gelände liefsen es notwendig 
erscheinen, dafs die Infanterie selbst mit Gewehr und Spaten sich 
an die feindliche Hauptstellung herankämpfe und heranarbeite. 

* Jedoch zeigte die Armee so wenig Neigung, sich mit dieser 
Aufgabe zu beschäftigen, dals sie dem Pionier allein Uberlassen 
blieb, und daraus erklärt es sich, dals der alte Sappenangriff nach 
Vaubans Muster mit geringen Veränderungen technischer Natur noch 
lange ein Scheinleben führte. Die Abneigung gegen Spatenarbeit 
spielte dabei keine geringe Rolle. Erst die deutsche Feldbefestigungs- 
Vorschrift brachte hierin einen Wandel im Jahre 1893, indem sie 
die Herstellung der Laufgräben der Infanterie übertrug und gleich- 
zeitig die Vanbansche Schablone zu durchbrechen sich bemühte. Viel 
Verständnis fand sie nicht bei der Waffe, welche nun sich der 
weiteren Ausbildung dieses Angriffsverfahrens hätte widmen sollen, 



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264 



Der moderne Festung^angriff etc. 



und so blieb der „Infanterieangriff" zanächst ohne Ergründung des 
ihm zu Grunde liegenden Gedankens nur eine ins Moderne über- 
tragene Form des „Ingenieurangriffs", er blieb auf dem Papier 
stehen, ward nicht ins Leben Ubertragen und weckte nur unklare 
Begriffe von einem Wirrsal von Infanteriestellungen und Annäherungs- 
wegen. 

Bei dieser Unklarheit ttber die zukünftige Führung des „Nab- 
angriffs u war man vielfach geneigt, diesen als eine so aufserordent- 
lich schwierige und verlustreiche Unternehmung anzusehen, dafs man 
jedes denkbare Mittel anwenden müsse, um ihn aus dem Angriffs- 
verfahren ganz zu eliminieren. Und wieder sollte die Artillerie auch 
hierzu die Mittel leihen. Man Uberbot sich geradezu in Uber- 
schätzungen ihrer Leistungsfähigkeit, um zu beweisen, dafs sie alle 
Streitmittel, alle Kräfte des Verteidigers bis zur vollständigen Ver- 
nichtung und Erlahmung zu beeinflussen vermöge, man ermüdete 
nicht, die furchtbare Zerstörungskraft der Sprenggranaten und den 
durch diese hervorgerufenen moralischen Zusammenbruch des Ver- 
teidigers zu schildern, um nur sich des blutigen und unausführbaren 
Nahangriffs entschlagen zu können. Man redete sich allen Ernstes 
in den Glauben hinein, dafs man von der Geschützstellung aus den 
Verteidiger nicht nur aus seinen Forts, sondern auch aus dem 
ganzen weiten Gelände seiner Stellung binausschiefsen könne. Und 
die Artillerie, anstatt sich dieser ihr aufgebürdeten Ubergrolsen Ver- 
antwortung zu erwehren, liefs diese Überschätzung ihres Rönnens 
sich stillschweigend gefallen und gefiel sich in dem Glanz der be- 
herrschenden Stellung, welche sie im Festungskrieg nicht nur als 
hauptsächliche, sondern auch als allein entscheidende Waffe er- 
scheinen liefs. 

Das alles waren aber nur Vorstellungen, nur Hypothesen, in 
welche man sich zu versenken liebte, da man keinen anderen Aus- 
weg kannte. Sie basierten lediglich auf den Schiefsversuchen gegen 
wohlbekannte tote Ziele, gegen Scheiben, welche sich, örtlich ge- 
bunden, zermalmen liefsen, und gegen Schafherden, welche unter 
dem Schreck zerstoben und tot zu Boden fielen. Die Erfahrungen, 
welche die englische Artillerie in Südafrika zur Zeit zu machen hin- 
reichend Gelegenheit hat, werden, wenn sie erst genauer bekannt 
und studiert werden können, zeigen, wie ungeheuer mau die 
Leistungsfähigkeit der Artillerie Uberschätzt hat. Die geradezu ver- 
blüffend geringen Verluste, welche die Buren durch tagelange Be- 
schiefsung — auch mit den schrecklichen Lydditgranaten — erlitten, 
das unerschütterte Ausharren in den — nur flüchtig befestigten — 
Stellungen beweisen schon jetzt hinreichend, dafs man sich in den 



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Der moderne Festungsangrifl etc. 



265 



Erwartungen von der materiellen und moralischen Wirkung der 
modernen Artillerie sehr übertriebenen Hoffnungen hingegeben hat. 

Ganz abgesehen hiervon verbieten sich alle derartige Versuche, 
die Wirkung der Artillerie als Vorwand zu benutzen, um der Frage 
des Nabangrifis aus dem Wege zu gehen, der Erwägung wegen, 
dafs man bei Vorbereitung des Festungskrieges nur mit durchaus 
zuverlässig erwiesenen Faktoren und nicht mit frommen Wünschen 
and Hypothesen rechnen darf. Er ist ein viel zu ernstes Ding, als 
dafs man nicht den Fall ins Auge fassen müfste, dals ein Faktor 
versagt, und dafs man die notwendigen Mittel vorbereitet und zur 
Stelle haben niuls, um ihn zu ersetzen. Es ist unzulässig zu be- 
haupten: „Die Artillerie schiefst den Verteidiger aus seiner Stellung 
heraus, wir braueben also den Nahangriff nicht weiter zu erörtern", 
denn, falls wir durch diese Stimmen uns in Sicherheit einwiegen 
lassen und im guten Vertrauen auf die grofse Wirksamkeit unserer 
Artillerie an den Angriff berangehen, ohne für den Nahangriff irgend 
welche Fürsorge getroffen, ohne unsere Infanterie hierfür vorbereitet 
zu haben, was geschieht dann, wenn die Artillerie das Erwartete 
Dicht za leisten vermag, wenn z. B. der Gegner nach kurzem Ge- 
schützkampf schweigt und den im guten Glauben seiner Rampf- 
unfähigkeit unternommenen über das freie Feld geführten Infanterie- 
Angriff blutig abweist, was geschieht dann? Verkriechen wir uns 
dann hinter unsere Artillerie und bitten sie, gütigst weiter zu 
schielsen, bis ein zweiter Versuch zum selben Resultat führt? Oder 
sollen wir dann einen Nahangriff improvisieren mit einer Infanterie, 
die im Gelände sich abmüht und unsägliche Verluste erleidet, ohne 
— weil dafür nicht vorbereitet — einen Schritt vorwärts zu kommen? 
Es kann der oft vorgetragene Satz: „Der Festungsangriff verträgt 
keine Improvisationen" nicht oft genug wiederholt werden. Deshalb 
ist jedweder Versuch, den Nahangriff als tiberflüssig zu Ubergehen, 
als ein unverantwortlicher Leichtsinn zu erachten, er ist im Gegen- 
teil auf das sorgsamste vorzubereiten. 

Nach dieser Skizzierung der wichtigsten Momente der geschicht- 
lichen Entwicklung des Festungsangriffs müssen wir nun den beutigen 
Standpunkt ins Auge fassen. 

Wie ersichtlich, hat die Armee im grofsen und gauzen dem 
vStudium des Festungskrieges auch in den Jahrzehnten nach 1870 
das Interesse, seiner Weiterentwickelung die Beteiligung versagt, 
und es ist hauptsächlich hierauf zurückzuführen, dafs der Festungs- 
artillerie ein ungebührliches Übergewicht eingeräumt und sie fast 
allein mit der Verantwortung für die erfolgreiche Durchführung des 
Angriffs belastet wurde; die Truppenführung erkannte die Aufgaben 



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266 Der moderne Festlingsangriff etc. 

nicht, welche ihr im Festangskrieg gestellt werden, und nahm seine 
Organisation nicht in der ihr zukommenden Weise in die Hand. 
Neuerdings ist nun das Interesse und die Beteiligung gar nicht 
mehr abzuweisen und auch bereits verschiedentlich hervorgetreten, 
und der Grund ist in der Annäherung zu suchen, welche den Feld- 
krieg — in Gestalt des Kampfes um vorbereitete Stellungen — dem 
Festungskrieg näher gebracht hat. so nahe, dals General von 
Schlichting den Kampf um grofse befestigte Stellungen als nichts 
anderes denn „eine bestimmte Gattung des Belagerungskrieges" be- 
zeichnet. Ferner aber sagt derselbe Schriftsteller: „Der Besitz einer 
das Gelände beherrschenden Stellung, welche Deckung schafft und 
freies Schufsfeld gewährt, macht Gefechtsfronten zweifellos sehr 
stark und nötigt den Angriff zu Mitteln besonderer Art, um sich die 
Feuerüberlegenheit zuzueignen, ohne die an ein Gelingen des 
Sturmes nicht zu denken ist, und diese Mittel sind dem Belagerungs- 
verfahren vor einer Festung entlehnt" (taktische und strategische 
Grundsätze der Gegenwart III, 158), und auf die Erkenntnis dieser 
Entlehnung kann man die zuversichtliche Erwartung gründen, dafs 
die Armee und die Armeeleitung sich in Zukunft der Beteiligung 
an der Entwickelung des Festungskrieges nicht mehr entschlagen, 
dafs letztere sie mit dem Bewulstsein ihrer Pflicht in die Hand 
nehmen wird. Das Gebiet des Feldkrieges, weichem bisher allein 
das Interesse geschenkt wurde, hat sich so erweitert, dafs es mit 
einem nicht unwichtigen Teil auf das des Festangskrieges Übergreift, 
sich mit ihm deckt, und die Entwickelung des Festangskrieges wird 
mithin auch ftlr diesen Teil des Feldkrieges von entschiedener Be- 
deutung. 

Auch weisen nicht nur die Mittel, welche General von Schlichting 
dem Festungskriege entlehnt, wie schwere Artillerie und Vorgehen 
mit Deckungen, sondern auch die taktischen Grundsätze, nach denen 
er den Angriff leitet, in einem so hohen Grade auf den Festungs- 
angriff hin, dafs die Weiterentwickelung des einen von beiden stets 
dem anderen ohne weiteres zu gute kommen, für ihn verwendbar 
werden mufs. Es ergiebt sich hieraus eine Erleichterung des Ver- 
ständnisses für den Festungskrieg, welche unschätzbare Vorteile 
bringen muls, da die Armee ihre Thätigkeit in diesem nicht mehr 
als etwas ihr ganz Fernliegendes, Ungeübtes milstrauisch betrachten 
wird, sondern nur das im Stellungskriege Gelernte und Gewohnte 
sinngemäfs zur Anwendung zu bringen braucht 

Als leitenden Grundsatz für die ganze Anlage und Durchführung 
des Festungsangriffes wird man jetzt den Satz an die Spitze stellen 
dürfen, welchen die französische Instruktion vom 4. Februar 1899 



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Der moderne FestungsaiiKrift eto. 



aasspricht: „On devra y consacrer le roaxlmum des forces et recourir 
aux proc&ies les plas energiques et les plus violents. 14 Und dies 
mafs sich bereits bei dem ersten Erscheinen vor der Fortfestung 
bewahrheiten. Nicht mit kleinen Beobachtungs- Abteilungen, welche 
ängstlich jedem Zusammenstoß mit der Besatzung aus dem Wege 
geben müssen und mit ihren ringsum verzettelten Schwadronen und 
Kompagnien weder die Festung zu isolieren noch die Besatzung an 
jeder beliebigen Thätigkeit hindern können, wird man die Belagerung 
einleiten können, sondern mit starken Kräften, welche durch ge- 
schickt geleitete Operationen allseitig gleichzeitig vor der Festung 
erscheinen und, jeden Widerstand brechend, vom ersten Tage der 
Einschliefsung an der Besatzung ihre Handlungen vorschreiben, ihr 
nicht Zeit und Raum gönnen, um die Absichten des Angreifers zu 
durchkreuzen, sondern sie zwingen, seinen Mafsnahmen die ihrigen 
anzupassen. 

Was sagt in dieser Beziehung der Komraissions-EntwurfV stimmt 
er der schwächlichen, mit unzureichenden Kräften unternommenen 
Einleitung der Belagerung zu, wie sie 1870 in den Uberwiegend 
meisten Fällen stattfand? Er sagt: „Zur gleichmäßigen Einschliefsung 
der Festung auf allen Seiten würde ein der Besatzung etwa doppelt 
überlegenes Korps erforderlich sein." Die Ausführung der Ein- 
schliefsung (die Berennung) denkt er sich in der Weise, dafs 
Kavallerie-Korps, mit Detachements von Infanterie, Pionieren und 
Eisenbahn-Abteilungen auf Wagen ausgestattet, den Armeekolonnen 
voran eilen, um überraschend zu erscheinen und die gleichzeitige 
Unterbrechung aller, namentlich der Eisenbahn- und Telegraphen- 
Verbindungen auszuführen, „während das Berennungskorps selbst in 
möglichster Eile heranmarschiert, die Festung von Hause aus auf 
allen Seiten umfassend. Gleichzeitiges, möglichst überraschendes 
Eintreffen der Teten aller Kolonnen auf allen zur Festung führenden 
Hauptstraisen und möglichst nahes Herangehen an die Werke, 
eventuell der Versuch zur Überrumpelung vorgeschobener Werke, 
Wegnahme von Vorstädten, werden sich auch wie in früherer Zeit 
empfehlen, wenn die Gelegenheit dazu günstig erscheint." 

Da ist keine Rede von ängstlicher Rücksichtnahme auf die 
Tragweite der Festungsgeschütze, von Verbleiben aufserhalb ihrer 
Wirkungssphäre, denn es wird damit gerechnet, dafs das Gelände 
auch noch in näherem Bereich der Festungswerke Verhältnisse dar- 
bietet, welche das Vorrücken begünstigen und einer kräftigen Ein- 
wirkung des Festungsgeschützes hinderlich sind. Aber es soll kein 
wildes und planloses an die Festung Heranlaufen um jeden Preis 
sein, sondern dieses Vorgehen soll nach ganz genau zuvor fest- 
gelegten Gesichtspunkten und Direktiven erfolgen. 



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•208 



Der moderne Festtrogsangriff etc. 



Der Entwurf hebt mit Recht den Vorteil hervor, welchen der 
Angreifer einer Festung gegenüber, verglichen mit einer vorbereiteten 
Feldstellung hat. Er bedarf nicht der vorhergehenden, häufig aufser- 
ordentlich schwierigen Erkundung in dem gleichen Mafse. Vieles, 
ja das Hauptsächliche, dessen er bedarf, um den Plan des Angriffs 
im grofsen und ganzen, vorzüglich den ins Auge zu fassenden An- 
griffspunkt, festzustellen, ist ihm bei der Festung im voraus bekannt. 
Die unverrückbaren Werke, welche im Frieden entstanden, geben 
das Gerippe, in welches die Kriegsarbeit doch nur ergänzend und 
erweiternd, aber doch nicht verändernd eingreifen kann; vor allem 
festliegend sind die Eisenbahnen und die Gestaltung des Geländes, 
damit konnte der Führer schon vorher rechnen und den Plan ent- 
werfen, wo er den Einbruch in die feindliche Stellung gemäfs der 
strategischen und taktischen Vorteile ( Transportlinien und Vorfeld) 
am günstigsten durchführen könne, und weiter ins Auge fassen, 
welche Geländevorteile er sich von Anfang an sichern mufe. Dar- 
aus ergeben sich ganz von selbst die Geländeteile, welche beim 
ersten Anlauf zu gewinnen von Vorteil ist, und die Grenzen des 
Vordringens gegen die Festungswerke auf den Fronten, wo diese 
sich befinden. 

Das bei diesem ersten Vorgehen gewonnene Gelände wird — wo 
es für den Zweck des weiteren Angriffsverfahrens notwendig oder 
günstig erscheint — festgehalten und zur energischen Verteidigung 
eingerichtet, also stückweise zur Kampfstellung der Einschüefsung, 
während im übrigen diese mit Rücksicht auf geringere Gefährdung 
durch das Gescbützfeuer weiter zurückgezogen wird. Der Entwurf 
nimmt — mit der Trag- und Wirkungsweite der damaligen Geschütze 
rechnend — im allgemeinen den Abstand von den Forts auf etwa 
2250 m, den der vorspringenden Teile auf 1500 bis 1600 m an. 
Der erstere wird mit Rücksicht auf die seit 1870 so bedeutend ge- 
steigerte Wirkungsweite der schweren Geschütze sinngemäfs auf 
4 bis öOOO m zu steigern sein; dagegeu bleibt für letztere der 
Zweck mafsgebend, zu welchem man dieser Geländeteile bedarf. 
Der Kommissions - Entwurf spricht auch diesen deutlich aus; es 
handelt sich darum, die Positionen im ersten Anlauf zu gewinnen 
und festzuhalten, deren der Angreifer bedarf, um seine „Bom- 
bardementsbatterien u aufzustellen. 

Dies führt uns zur Verwendung der Artillerie. Während beim 
ersten Vorgehen die Angriffskolonnen zunächst auf die mobilen 
Truppen der Besatzung stofsen und diese mit ihren eigenen Mitteln 
zurückzuwerfen imstande sein müssen, während sie sich der vom 
Gegner nicht befestigten Teile des Vorfeldes ohne weitere Beihilfe, 



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Der moderne Feettingsangriff etc. 



209 



als die ihrer Feldartillerie bemächtigen können, ist es etwas anderes 
mit solchen fttr den Angriff unentbehrlichen Geländeteilen, welche 
der Verteidiger etwa, in Erkenntnis ihrer hervorragenden Bedeutung, 
befestigt hat und energisch zu verteidigen unternimmt (die vor- 
geschobenen Stellungen französischer Festungen), und ist es vor 
allem etwas anderes mit dem Festhalten solcher Stellungen gegen- 
über dem Festungsfeuer. Gegen ersten wird zwar in den meisten 
Fällen ein umfassender Angriff möglich sein und zum Ziele führen, 
die Unterstützung durch schwerere Geschütze wird aber doch häutig 
wünschenswert sein. Für die Festhaltung solcher — eroberten — 
Stellungen wird sie sogar meist unentbehrlich sein, um die Infanterie 
zu entlasten. Für diese Zwecke wird die bespannte Festungs- 
artillerie, welche den Armeekolonnen unmittelbar zu folgen imstande 
ist, zu verwenden sein und hier genau dieselbe Rolle spielen, welche 
sie im Feldkriege einer befestigten Stellung gegenüber durchzuführen 
hat. Der TruppenfUhrung ist demnach das Zusammenarbeiten mit 
der schweren Artillerie bekannt und vertraut, sie wird diese be- 
spannten Batterien demnach nicht der artilleristischen Oberleitung 
überlassen, sondern im Interesse der durch die Infanterie im Vor- 
felde durchzuführenden Kämpte verwenden. In der Zuteilung der 
mobilen Belagerungs-Batterien zur Feldarmee liegt der grofse Vorteil, 
dafe die Truppenführung dadurch veranlalst wird, sich mit der 
Wirkung und Verwendung der schweren Waffe eingehend zu be- 
schäftigen, dafs sie es lernt, mit ihr zu rechnen und ihre Thätigkeit 
in die der anderen Waffengattungen zweckentsprechend einzureihen. 

Die Kommission konnte im Jahre 1870 über schwere Geschütze 
im ersten Stadium der Belagerung nicht verfügen; aber obgleich sie 
sich mit Feldgeschützen begnügen mufste, entging ihr nicht die Not- 
wendigkeit einer kräftigen Unterstützung der Infanterie in ihren 
der Festung näher gerückten Stellungen, und sie stellte deshalb 
Emplacement8 her, in denen auch die Feldartillerie immerhin 
leistungsfähiger war, und riet an, sie ihre Aufstellung in mehreren 
solchen Deckungen wechseln zu lassen, um sie dem Festungsfeuer 
mehr zu entziehen. Sie falste aber daneben als eigentlich notwendig 
die Einstellung von Festungsgeschützen (12 cm Kanonen) in diese 
Emplacements ins Auge und gab hiermit die erste Anregung zur Ab- 
lösung einer besonderen, möglichst schnell der Berennungsarmee 
folgenden Staffel des Artillerie-Belagerungsparkes, einer Avantgarde 
des Trains, als welche thatsächlich die bespannten Batterien auf- 
zufassen sind. Dies ist die Bedeutung der „leichten Bombarde- 
mentsbatterien", welche, zeitgemäfs ausgestattet, sich durchaus in 
das moderne Angriffsverfahren einreihen. Sie dienen, wie früher 



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270 



Der moderne Festungsangriff etc. 



erläutert und hervorgehoben wurde, dem offensiven Verhalten der 
Angriffs-Infanterie, welches die Besatzung nicht zu Atem kommen 
lassen soll. 

Im Besitz und eingenistet in diesen Stellungen, welche von 
Wichtigkeit für die Angriffsbatterien sind, weil aus ihnen eine 
Wirkung auf die Festungswerke möglich ist, wird der Angreifer 
nicht zögern, hier Vorbereitungen für den Geschützkampf zu treffen, 
während die Infanterie, unterstützt durch die „leichten Bombardements- 
batterien 14 oder richtiger Einleitungsbatterien in deren Vorfeld durch 
nächtliches Vorschieben der Vortruppen und deren sachgemäßes 
Eingraben den weiteren Angriff in die Wege leitet Die Lage dieser 
Stellungen nimmt der Entwurf" auf 1200—1300 m an, der Entfernung 
entsprechend, welche die damalige Artillerie ftlr ihre Wirkung be- 
durfte. Man würde jetzt diese Entfernung wesentlich grölser, 
zwischen 2 und 3000 m, annehmen können, nnd die erweiterte 
Wirkungssphäre der Geschütze bietet demnach dem Angreifer den 
grofsen Vorteil, bei der Bestimmung der sofort zu gewinnenden 
Geländeteile und bei der Etablierung seiner Batterien einen viel 
grölseren Spielraum zu haben. 

Ist man nun nicht genötigt, behufs Inbesitznahme des für die 
Batterien erforderlichen Terrains aus der — durchweg weiter ent- 
fernt gehaltenen — Einschliefsungslinie vorzubrechen, eine Schutz- 
stellung zu erbauen und dann mit möglichster Beschleunigung und 
Benötigung ungeheurer Kräfte an die Herstellung der Batterien, 
ihrer Verbindungen und Schienenwege zu gehen, sondern kann man, 
bereits im Besitz dieses Geländes, mit Mulse und Ruhe den Auf- 
marsch der schweren Artillerie in die Wege leiten, so wird das 
ganze Stadium der Vorbereitung des Artillerie-Angriffs wesentlich 
erleichtert. Es liegt kein Hindernis mehr vor, überall, wo das 
Gelände Gelegenheit giebt, Batterien unbemerkt vom Verteidiger zu 
erbauen und seiner Wahrnehmung auch bis zum Tage der Eröffnung 
des Geschützkampfes zu entziehen, diese Arbeit sofort, der Heran- 
kunft des Belagerungsparks eventuell vorauseilend, in Angriff zu 
nehmen. Sobald die nötigen Materialien eingetroffen, können die 
Bettongen gestreckt, die Schienenwege hergestellt, kurz alles zur 
Armierung und Munitionsausrüstung der Batterien erforderliche vor- 
bereitet werden. 

Soweit die Batterien in verdeckter Lage nicht zu erbauen, der 
Wahrnehmung des Verteidigers nicht zu entziehen sind, wird ein 
anderes Verfahren Platz greifen können, nämlich die Herstellung von 
Schützengräben, deren Aufseres und deren Verhalten den Gegner 
betreffs ihrer Bestimmung täuscht, und deren nachträgliches Ver- 



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Der moderne Festungsangrift etc. 



271 



wandeln in Batterien. Dieses Verfahren schlägt v. Brunner vor. 
Es ist im wesentlichen dasselbe, was der Kommissions- Entwurf — 
wie früher erwähnt — in Anregung bringt, indem er den Feld- 
wachen den Auftrag erteilt, „wiederholt neue Deckungen an solchen 
Terrainpunkten herzustellen, an welchen eventuell die ersten Batterien 
bei Eröffnung des förmlichen Angriffs zu erbauen wären/" 

Ob der Angreifer auf diese Weise die Aufstellung der gesamten 
Geschütze, deren er zur Eröffnung des Geschützkampies mit Aussicht 
auf Erfolg zn bedürfen meint, nach und nach vorbereiten und *cbüefs- 
Jicb auch durch Armierung der Batterien zum Abschlufs bringen, also 
mit sämtlichen Geschützen gleichzeitig das Feuer eröffnen kann, oder 
ob er durch die Verhältnisse gezwungen wird, zunächst nur die 
schweren, weiter tragenden Kaliber aufzustellen, da er das Vorfeld 
noch nicht so weit in Besitz nehmen konnte, um den ganzen Ar- 
tillerie-Aufmarsch zu vollenden, ob er also in diesem Falle zwei 
Artillerie-Aufstellungen nötig hat, welche er nur nacheinander aus- 
fuhren und ins Feuer bringen kann, das hängt von so vielen nicht 
vorauszusehenden Umständen ab, dafs es nicht angemessen ist, sich 
über die Ausführbarkeit und Zweckmäßigkeit dieses oder jenes Vor- 
gehens den Kopf zu zerbrechen. So wenig für die Einschliefsung, 
so wenig kann für den Artillerie-Aufmarsch ein bestimmtes Schema 
gegeben werden, da man stets genötigt sein wird, mit den Maß- 
nahmen des Gegners zu rechnen und diese nicht schematisieren 
kann. Man mnfs sich mit dem Festhalten des Grundsatzes begnügen, 
die Artillerie-Aufstellung muls möglichst vollständig, möglichst in 
wirksamster Entfernung ausgeführt werden, die Feuereröffnung mög- 
lichst gleichzeitig und Uberraschend erfolgen. Kann man nur einen 
Teil der Geschütze gleichzeitig ins Feuer bringen, bedarf man ihrer, 
um das weitere Terrain zu gewinnen, so wird man 2, ja 3 und 
mehr Artillerie-Aufstellungen benötigen, und das wird ganz gleich- 
gültig sein, wenn man nur der Erreichung des Zweckes, der Über- 
windung des Gegners dadurch näher rückt. 

Es kann niemand entgehen, dafs solche für den Autmarsch der 
Artillerie heutigen Tages gültigen Prinzipien von denen der 
Kommission von 1870 nur insoweit abweichen, als die Ausdehnung 
der Wirkungssphäre der Geschütze eine Modifikation bedingt. Speziell 
ist in den „schweren Bombardementsbatterien ,i eine Mal'sregel vor- 
geschlagen, welche durchaus dem Prinzip der allmählichen Her- 
stellung der Batterien und der gemeinsamen Feuereröffnung nach 
hinreichender Vervollständigung der Aulstellung entspricht. 

Am wenigsten geklärt sind bisher die Vorstellungen über den 
Nahangriff, darunter das Herantragen des Gewehrfeners an die feind- 



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272 



Der moderne Festungsangriff etc. 



liehe Hauptverteidigungsstellung — im allgemeinen also die Fort- 
linie — verstanden. Man wird hierbei nicht anfser Angen lassen 
dürfen, dals die permanenten Werke durchaus nicht die allein zu 
bekämpfenden und im Sturm zu nehmenden Objekte sind, wenngleich 
von ihrer Eroberung, als der widerstandsfähigsten Stützpunkte der 
Stellung meist recht viel abhängt. Der Verteidiger ist aber wohl 
imstande, seiner Stellung auch aufserhalb und abgesehen von den 
Stützpunkten mittelst Heranziehung seiner technischen Hilfsmittel und 
Einsetzen einer starken Zahl von Gewehren und Sturmgescbützen 
eine Widerstandsfähigkeit und eine Feuerkraft zu verleiben, welche 
es dem Angreifer sehr schwer machen werden, die Feuerüberlegen- 
heit des Gewehrs zu erreichen. Es ist ratsam, auf die Wirkung der 
Artillerie gegen diese — Intervall-Stellung nicht allzuviel Gewicht 
zu legen, da bei einer geschickten, dem Gelände gut angepalsten 
Anordnung der Verstärkungen die Lage nicht anders ist, als bei 
einer gut vorbereiteten Feldstellung. Die Artillerie besitzt eine er- 
staunliche TreÖsicherheit und alle Ziele, welche sie sehen, gegen 
welche sie mit Beobachtung ihrer Wirkung schiefsen kann, wird sie 
zweifellos, falls Munition und Zeit genug zur Verfügung stehen, ver- 
nichten können. Wo sie aber nichts sehen, sondern nur vermuten 
kann, dort ist sie auf Streufeuer angewiesen und, so viel Wirkung 
man auch durch Kalkulation für dieses kombiniert hat, sie ist sehr 
mälsig und völlig vom Zufall abhängig. Es hängt also durchaus 
von der Geschicklichkeit des Verteidigers ab, welche Anhaltepunkte 
er der Artillerie geben rauls und — inwieweit er ihn durch seine 
Anordnungen täuschen und zur Vergeudung seiner Munition veran- 
lassen kann. 

Es ist immer besser, dem Gegner — theoretisch — zu viel als 
zu wenig zuzutrauen, und dieses würde uns zu dem Schluls führen, 
dals bei dem Kampf mit der Hauptverteidigungsstellung schliefslich 
im Festungskrieg ebenso wie im Feldkrieg der Infanterie die 
schwierigste und verlustreichste Aufgabe zufällt, sich an diese heran- 
zuarbeiten, die Feuerüberlegenheit zu gewinnen und sie zu durch- 
brechen. Das V erfahren wird also von dem des Feldkrieges auch 
nur dadurch im wesentlichen sich zu unterscheiden haben, dafs mit 
einer längeren Zeitdauer des ganzen Verfahrens, deshalb mit dem 
Ablösen der Truppen und mit einer nur sehr allmählich eintretenden 
Verstärkung der in erster Linie Stehenden zu rechnen ist. Im 
übrigen sind die Prinzipien dieselben. Die Schutzstellungen, welche 
vor den Batterien eingenommen wurden, als erste Feuerstellung an- 
genommen, wird man hier mit einer schwachen Besetzung der 
Feuerlinie auskommen und stärkere Reserven in besser geschützter 



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Der moderne Festungsangriff etc. 



273 



Lage bereit halten können. Auch ist eine zusammenhängende 
Stellung hier nicht notwendig. Von einem günstig erscheinenden 
Geländeteil zum andern, sei es eine Terrainwelle, ein Straßengraben, 
ein mit Buschwerk bewachsener Ackerrain, wird die Infanterie sich 
sprungweise heranarbeiten, je näher dem Gegner, desto mehr zu- 
sammengeschlossen und desto dichter besetzt, bis sich die Linie der 
Gewehre auf wenige hundert Meter Entfernung von ihm zur stärksten 
Wirkungsfähigkeit verdichtet. 

Da diese Thätigkeit, durch den aufmerksamen und nur Abschnitt 
für Abschnitt das Vorfeld räumenden Gegner erschwert und nach 
Kräften verzögert wird, da es sich häufig darum handeln wird, bei 
dem ins Auge gefafsten Sprung erst den Gegner zu verteiben, da 
hierbei Kämpfe, Verteidigung der eingenommenen Stellungen zur 
Sprache kommen und die andauernde Gefahrdung durch das feind- 
liche — nie ganz zu unterdrückende — GeschUtzfeuer zur Anlage 
starker Deckungen und Unterkünfte zwingt, so sind längere Auf- 
enthalte zwischen den einzelnen Sprüngen notwendig und Tage, 
selbst Wochen, um das ganze Vorfeld allmählich zu Uberwinden. 
Die einzelnen Stellungen nehmen also einen anderen Charakter an, 
als im Feld kriege, und sie werden der gedeckten Verbindungen nicht 
entbehren können, da Ablösung und Unterstützung ihrer bedarf. Dafs 
der Pionier dem Infanteristen hier zur Seite stehen mufs, um mit 
seiner grölseren Geschicklichkeit in technischen Gebieten ihn zu 
unterstützen, ist ebenso selbstverständlich, wie die Leitung des 
ganzen Verfahrens durch einen Stab von technischen Offizieren, um 
die Uber viele Quadratkilometer sich erstreckenden Angritfsarbeiten 
nicht zu einem wirren Netz von Laufgräben werden zu lassen, in 
denen niemand sich zurecht findet, und die deshalb mehr Schaden 
als Vorteil bringen würden. 

Für die Mafsnahmen aber, welche dies Vorgehen wesentlich 
erleichtern können, finden wir wiederum in dem Kommissions-Ent- 
wurf den entsprechenden Vorschlag. Die nächtlich vorgeschobenen, 
am Tage zurückgezogenen Vorposten sollen Schützenlöcher ausheben, 
diese zu kurzen Stücken von Schützengräben erweitern und damit 
die Anfange der Infanteriestellungen bezeichnen. Es steht nichts im 
Wege, den Vorposten in der ersten Nacht einige Arbeiter beizugeben, 
in der nächsten Nacht diese zu verstärken, um für die dritte Nacht 
die neue Stellung so weit vorbereitet zu haben, dafs die Vervoll- 
ständigung ausgeführt werden kann, während die Vorposten, schon 
wieder weiter vorgeschoben, die Sicherung übernehmen. Natürlich 
hängt auch die Anwendung dieses Verfahrens vom Verteidiger ab. 
den man häufig erst mit stärkeren Kräften verdrängen mufs, bevor 

Jahrbnefcar für die d»u lache Anns« and Marin«. Bd. 11« %. 19 



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274 



Auf dem theBs&lischeo Kriegsschauplätze. 



man es zur Ausführung bringen kann. Eine Regel ist anch hieraus 
nicht zn konstruieren, und zur Ausgestaltung einer Schablone dürfen 
derartige Vorschläge nicht milsbraucbt werden. Er liefert aber einen 
neuen Beweis, dals die Kommission von 1870 mit ihren Mafsnahmen 
den richtigen Weg gewiesen hat, auf welchem der Festungsangriff 
sich zu entwickeln hatte. 

Vergegenwärtigen wir uns, dafs demnach der Kommissions-Ent- 
wurf für die Berennung und Einschließung, für die Vorbereitung des 
Angriffs, für den Aufmarsch der Artillerie und das Überschreiten 
des Vorfeldes durchweg Mafsnahmen in Vorschlag gebracht hat, 
welche nach einem 30 Jahre währenden Suchen und Uberlegen als 
richtig und anwendbar erachtet werden müssen, sehen wir vor allem, 
wie aus dem ganzen Entwurf die Forderung einer steten Offensive, 
die dem Endzweck entsprechende Verwertung aller Kräfte und Mittel 
hervortritt, so müssen wir mit dem Generalleutnant von Müller voll 
anerkennen, dals die Kommission mit bemerkenswerter, ja erstaun- 
licher Voraussicht der kommenden Entwickelung des Festungsangriffs 
ihren Entwurf bearbeitet hat. Wir können es jetzt aber nicht nur 
glauben, sondern auch verstehen, wozu die Mitteilungen des Generals 
uns bisher keine Anhalte punkte gaben. Wir können aber endlich 
nur herzlich bedauern, dals dieser Kommissions-Entwurf in dem 
Archiv vergraben lag, während man sich Jahrzehnte abmühte, dem 
Angriff ein neues Schema zu entwerfen, um endlich nach Beseitigung 
aller Schablone zu Ergebnissen zu kommen, welche man, den durch 
die Kommission gewiesenen Weg fortschreitend, sofort und mühelos 
gefunden haben würde. 



XIX. 

Auf dem thessalischen Kriegsschauplatze. 

Von 

J. Baumann, k. bayer. Hauptmann. 



Zur Einleitung. 

Vergebens sucht das Auge in Thessalien nach Tempelsäulen; 
keine Mamiorgebilde von Künstlerhand decken die fruchtbare Erd- 
scholle; nirgends haften sichtbare Erinnerungen an Hellas glück- 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



275 



liebere Tage: Thessalien war von jeher das Kampffeld, auf dem 
die fremden Eroberer ihre Schlachten schlagen, und auf dem die 
Hellenen um ihre Freiheit kämpften. Dnrcb Thessalien zogen die 
gewaltigen Perserheere; hier erlag die makedonische Phalanx 
den Legionen Korns; und als sich später die wilden Barbarenhorden 
aus unfruchtbaren Berglanden Uber die reiche Landschaft ergossen, 
mulste Thessalien immer wieder als Vorland von Hellas die ersten 
und härtesten Stöfse aushalten. Es blieb Jahrhunderte lang der 
Tummelplatz für die Kriegsheere der Barbaren, Franken, Griechen 
und Türken, bis es die Osmanen ihrem Reiche einverleibten 
(1460 — 1881). Noch vor wenigen Jahren (1897) wurde Thessalien 
neuerdings der Schauplatz, auf dem Türken und Griechen ihre Kräfte 
malsen. An der Landesgrenze im Norden, auf den Hängen des 
Olymps, begannen die Feindseligkeiten, im Süden von Thessalien, 
auf den Höhen des Othrysgebirges fand der Krieg sein Ende. 

Da Griechenland auf drei Seiten von Meeren umschlossen ist 
und eine reich gegliederte Küste besitzt, deren Buchten und Häfen 
gegen eine feindliche Landung leicht zu versperren sind, wird ein 
feindliches Landheer immer von Norden heranmarschieren. Hier 
liegt auf der Westseite Epirus, das von wilden unwirtlichen Gebirgen 
durchzogen ist und darum die Entwickelung grösserer Truppenmassen 
nicht gestattet. Auf der Ostseite des Pindus-Gebirges beginnt die 
grofse, thessalische Ebene, offenbar ein altes Seebecken, geschaffen 
zum Kampffeld grölsten Stiles. Die fruchtbare Landschaft gibt die 
besten Bedingungen für die Ernährung von Heeren; grofse und zahl- 
reiche Ortschaften sind der Unterbringung und Verpflegung günstig; 
der Boden ist tiberall gangbar; die Flul'släufe bieten wenig Schwierig- 
keiten, nur der Salaravrias (Peneios) und sein grolser Ncbenfluls 
Xerias (Titaresios) kommen als gröfsere Hindernisse in Betracht. 
Ein Gegner ist gezwungen, mit seinen Truppen, Pferden, Kanonen 
und mit allem Nachschub an Mannschaften, Munition und Verpflegung 
ein rauhes Gebirgsland auf wenigen zur Verfügung stehenden Wegen 
in mindestens drei Tagmärsehen zu durchschreiten und dann aus 
Defileen hervorzubrechen oder Über hohe Bergketten niederzusteigen, 
denn Thessalien ist ringsum von bedeutenden Bergen umschlossen. 

Da ist im Norden der gewaltige Olymp, das Wahrzeichen der 
Landschaft. Daran schliefsen sich im Westen die kambunischen 
Berge und das Pindus- Gebirge, an dieses im Süden der Othrys 
mit den Bergen des Kalidroraos. An diese stbfst im Osten, das 
Land vom Meere trennend, das Pelion- Gebirge, das an das Ossa- 
Gebirge grenzt, welches nur durch den tiefen Durchbruch des Peueios- 
Flusses, das Thal Tempe, vom Olymp getrennt ist. Mitten aus der 

19* 



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276 



Auf dem thessaliscben Kriegsschauplatze. 



Ebene, dieselbe in zwei ungleiche Teile trennend, erhebt sich ein 
etwa 25 km langer und schwer zugänglicher Hügelzug: der Kara 
Dag, auch Mavro Vuni genannt, die Kynoskephalä der Alten. 

Den Griechen kommt für den Aufmarsch der Seeweg zu statten, 
denn Volo, an der Ostküste Thessaliens, ist ein vollkommen ge- 
schützter Hafen. Eine Bahnlinie stellt die Verbindung mit der grolsen 
Stadt Larissa, eine andere mit Phersala, Karditza und Trikkala her. 
Beim Knotenpunkt Velestinon (18 km von Volo) gehen die Bahn- 
linien auseinander. Mufs Thessalien von den Griechen aufgegeben 
werden, so finden sich weitere Stellungen bei Dhomokos und auf 
den Otbrysbergen und dann nochmals eine mauergleiche bei den 
Thermopylen. Weit ungünstiger liegen die Verhältnisse bei den 
Türken. Aufser den in Makedonien dislozierten Truppen des III. Armee- 
bezirkes, waren die Truppen weither zu führen. 

Der Krieg, welcher 1897 zum Austrage kam, drohte schon 
1885/86. Die Türkei sah sich damals gezwungen, die Heraus- 
forderung anzunehmen und mobil zu inachen. Griechenland erreichte 
aber durch Säbelgerassel vollkommen seinen Zweck, hatte es ja schon 
1881 lediglich durch Waffenlärm eine Provinz (Thessalien) gewonnen. 
Diesmal blieb es gegen Erwarten ohne Unterstützung der Groß- 
mächte und mufste nun ohne jede Kriegsbereitschaft den Krieg auf- 
nehmen. Die Türkei hatte nach der Mobilmachung im Jahre 1886 
die Schwierigkeiten der Anmarschwege erkannt und seit dem mit 
Geschick und zäher Ausdauer an deren Verbesserung gearbeitet, auch 
den An8chluls mit den vorhandenen Bahnlinien hergestellt. 

Als Sammelplatz für eine türkische Angriffsarmee giebt es keinen 
geeigneteren als den grofsen Thalkessel von Elassona, der dicht 
hinter den Grenzbergen liegt. Hier laufen die von verschiedenen 
Stationen der Eisenbahn abzweigenden Anmarschwege alle zusammen. 

Von der dicht hinter den Grenzhergen liegenden Linie Leftokary a 
(an der Meeresküste) — Elassona kommen zum Vormarsch in die 
thessalische Ebene folgende Wege in Betracht: 

1. an der Küste entlang Uber Platamona und durch das Thal 
Tempe; 

2. die Stralse von Elassona Uber den Meluna-Pafs; 

3. ev. noch der am weitesten westwärts gelegene Weg, welcher 
dem Xeraghis folgend Uber Damasi hei Beydermen Thessalien 
betritt. 

Die Stärke der türkischen Armee unter Kommando des Mar- 
schalls Edhem Pascha wird verschieden stark angegeben. Es waren 
bald nach dem Einmarsch in Thessalien 7 Infanterie-Divisionen, 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



277 



1 Kavallerie-Division und eine Artillerie-Reserve zur Stelle. Die 
Infanterie bestand grösstenteils aus Redif(Landwehr-)Baonen. 

Die Griechen hatten unter Kronprinz Constantin anfangs April 
in Thessalien aufgestellt: 32 Baone, 9 Eskadrons (darunter 4 un- 
berittene), 16 Batterien, 4 Geniekompagnien oder 42200 Mann, 
730 Reiter und 96 Geschütze. 1 ) 

Da es in folgendem nicht beabsichtigt ist. die Kriegsereignisse 
der Reihe nach zu schildern und zu besprechen, — hierzu diene 
hauptsächlich das oben bezeichnete Werk des Generals v. der Goltz, 
das auch eine reiche Auswahl der zugehörige u Karten enthält — sei 
der Übersicht halber der Verlauf des Krieges kurz angegeben. 

Übersicht über den Verlauf des Krieges. Ein nationaler 
Verband: „Ethnike Hetairia" arbeitete seit langem an der Erhebung 
des gesamten hellenischen Volkes in Makedonien, auf Kreta und 
anderen Inseln gegen das türkische Joch. Mit der Besetzung 
Kretas 1897 begann Griechenland die Feindseligkeiten. Das Ein- 
greifen der Großmächte war nicht kräftig genug. Dadurch fühlte 
sich die griechische Regierung zu kühnerem Vorgehen ermutigt und 
zog nun in Thessalien ihre auf Kriegsfafs gesetzte Armee zusammen. 
Von den verschiedensten Ländern, namentlich aus Italien, kamen grofse 
Haufen von Freischaaren nach Griechenland, die von der Ethnike 
Hetairia organisiert und dann bis dicht an die Grenze vorgeschoben 
wurden, um sofort die in Makedonien erwartete Erhebung zu unter- 
stützen. Bei der Zuchtlosigkeit dieser irregulären Banden kam es. 
obwohl noch kein Krieg erklärt war, zu wiederholten Grenzüber- 
schreitungeu und zu Scharmützeln mit den türkischen Vorposten, denn 
die Türkei hatte bereits ganz beträchtliche Streitkräfte an der Grenze 
zusammengezogen, zunächst die Nizams-Baone der makedonischen 
Garnisonen. Durch diese wiederholten Verletzungen des Völker- 
rechtes und durch einen Angriff auf die Grenzposten im 
grösseren Stil und auf der ganzen Linie herausgefordert, erklärte die 
Türkei am 17. April 1897 an Griechenland den Krieg. Es gelang 
den Türken, die nun überall die Offensive ergriffen, die erste grie- 
chische Stellung auf den Grenzbergen und am Meluna-Passe weg- 
zunehmen. 

Nach den für die Türken erfolgreichen Gefechten bei Turnavos 
gingen die Griechen in panikartiger Flucht zurück, worauf die Türken 
Larissa besetzten (25. April |. Die Griechen nahmen dann bei 
Phersala (Pharsalos) eine neue Stellung, räumten sie aber nach 
zwei unglücklichen Gefechtstagen (5. u. 6. Mai). Nachdem auch ihr 

"i I v. d. Goltz, Der thess. Krieg u. die türk. Armee, S. 72. 
I^ibells Jahresberichte 1897. 



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Auf dem thessal lachen Kriegsschauplätze. 



rechter Flügel bei Ve lest iuon von den Türken zurückgedrängt worden 
war (6. Mai), besetzten die Türken den günstigen Hafenort Volo 
(8. Mai). Die griechische Hauptarmee zog sich nach Dhomokos 
zurück, wurde hier wieder angegriffen (18. Mai) und zur Preisgabe dieser 
trefflichen Stellung gezwungen. Diesmal artete der Rückzug Uber den 
Furka-Paf8 nach Laraia und zu den Thermopylen teilweise wieder 
in eine wilde Flucht aus, die nur durch das Eingreifen des Generals 
Smolenski von der Meerseite her zum Stehen gebracht wurde. 

Die Nachhut stand noch auf den südlichen Hängen des Othrys- 
gebirges, als der Abschluls eines Waffenstillstandes bekannt wurde 
(19. Mai l. Den Waffenstillstand benutzten die Griechen, um die 
steilen Bergwände bei den Thermopylen zur hartnäckigen Ver- 
teidigung einzurichten. Es kam aber nicht mehr zu weiteren Feind- 
seligkeiten. Durch den Frieden von Konstantinopel (4. Dezember) er- 
hielt die Türkei 75 Millionen Kriegsentschädigung, aber keinen Gebiets- 
zuwachs, sondern nur das Zugeständnis einer Grenzberichtigung an 
der thessalisch-makedoniscben Grenze. 

Das Reisen in Makedonien und Thessalien. Wer auf tür- 
kischem Boden abseits der Eisenbahnen zu reisen gedenkt, braucht 
hierzu die Erlaubnis der türkischen Behörden. In unsicheren Gregenden 
wird diese Erlaubnis versagt. Handelt es sich aber um eine wich- 
tige oder besonders gut empfohlene Persönlichkeit, so kann diese Er- 
laubnis wohl erteilt werden, die Behörden Ubernehmen damit aber 
auch die Pflicht, durch entsprechend bewaffnete Begleitung die Sicher- 
heit des Reisenden zu garantieren. Wehe dem türkischen Beamten, 
sei es Wali, Mutesarrif oder Kaimakam, wenn eiuero Reisenden, dem 
er die Weiterreise gestattet hat, ein Unfall durch Briganten zustofsen 
würde. Es handelt sich hierbei beinahe niemals um gewöhnliche 
Wegelagerer, sondern beinahe immer um Banden, welche sich das 
Wegfangen bestimmter Persönlichkeiten zur Aufgabe setzen, um da- 
durch ein ausgiebiges Lösegeld zu erpressen. So wurden 1899 Kauf- 
mann Symonta und Direktor Lechevalier in der weiteren Umgebung 
von Saloniki aufgehoben. Es ist daher sehr erklärlich, wenn bisher 
den Reisenden in Makedonien und namentlich am Olymp die Er- 
laubnis und Unterstützung zu Exkursionen beinahe grundsätzlich ver- 
sagt worden ist. Man scheint nun im Sommer 1899 in den in Be- 
tracht kommenden Gegenden mit dem Räuberunwesen gründlich auf- 
geräumt zu haben, wenigstens entnahm ich den Blättern, dals eine 
Reihe von Persönlichkeiten grofse Orden „für die völlige Ausrottung 
aller Briganten in der Provinz Saloniki" erhalten haben. Man zeigte 
mir im Hofe des Konaks von Karaferia die Stelle, an der noch kurz 
vor meinem Eintreffen die Köpfe der zuletzt erschossenen Räuber 



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Auf dem thematischen Kriegsschauplätze 



•279 



ausgestellt waren, eine photographische Aufnahme derselben gab man 
mir mit. 

Ich mufs nun feststellen, dals alle türkischen Behörden, von der 
ersten türkischen Eisenbahnstation Zibeftsche (an der serbischen 
Grenze) an, bis zum Militärposten auf dem Melnna-Passe, wo ich die 
türkisch-griechische Grenze überschritt, eine ausgesuchte Höflichkeit 
und ein Uberaus artiges Entgegenkommen an den Tag legten. Ich 
werde auf Einzelheiten noch zu sprechen kommen. Diese Liebens- 
würdigkeit galt zumeist dem deutschen Offiziere, denn noch im 
Frühjahre des gleichen Jahres wurde einem aulserordentlich gut em- 
pfohlenen Berliner Professor die Erlaubnis zur Reise nach dem Olymp 
trotz aller Bemühung versagt. Ich erhielt sie ohne jede Schwierig- 
keit Wo ich mit Offizieren zufällig, dienstlich oder bei Gelegenheit 
von Einladungen zusammen kam, überboten sich dieselben in Auf- 
merksamkeiten, denn „der deutsche Kaiser ist ja der Freund des Pa- 
dischah, seine Offiziere sind unsere Instrukteure und alle deutschen 
Offiziere unsere Freunde. u Überall hat man das Gefühl, dafs die 
türkischen Offiziere die seltene Gelegenheit benutzen wollen, um 
einem deutschen Offiziere ihre Dankbarkeit zu beweisen. In Üsküb 
und bei Konsul Dr. Mordtmann in Saloniki lernte ich mehrere Offi- 
ziere aus der Schule unseres von der Goltz kennen, die von ihrem 
ehemaligen Lehrer schwärmen, während des Feldzuges als General- 
stabsoffiziere eingeteilt waren (wie Oberst Hamdy Bey) und mir 
manches lehrreiche Detail erzählen konnten. 

Nicht ohne ein kleines Bangen bin ich von den aufmerksamen 
Türken weg über die griechische Grenze gegangen, war mir ja 
bekannt, dafs sich zur Zeit der Deutsche bei den Griechen recht 
weniger Sympathie erfreut. Unmittelbar nach dem Kriege mufste 
man sogar unseren Offizieren wegen der möglicherweise eintretenden 
Unannehmlichkeiten die Erlaubnis zu einem Besuche Griechenlands 
versagen. Hier ist nun, trotzdem nur kurze Zeit darüber vergangen 
ist, ein grotser Umschwung der Anschauungen eingetreten. Ich er- 
fuhr als Deutscher überall Achtung und Aufmerksamkeit Und als ich, 
hierüber verwundert, einsichtsvolle Leute fragte, ob es denn nicht 
wahr wäre, dafs man hier zu Lande den Deutschen hasse, sagten 
diese: „Ja früher sei dies der Fall gewesen, heute denke kein ver- 
nünftiger Grieche mehr daran. Ja, hätten die Großmächte damals, wie es 
der deutsche Kaiser beantragt hat, die Blockade des Piräus durch- 
geführt, so wäre uns die grofee Schande erspart geblieben. Kaiser 
Wilhelm bat allein das richtige gewollt, alle anderen unseren Schaden." 
Immer wieder erzählten mir die Griechen (Oktober 1899), dals Kaiser 
Wilhelm zugestanden habe, dafs deutsche Offiziere als Instrukteure 



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280 



Auf dem thematischen Kriegsschauplatze. 



nach Griechenland kommen dürften, und dafs von der Goltz die 
Armee neu organisieren würde. So stehe es in allen Blättern. Ich 
schüttelte ungläubig den Kopt, da ich es ja für unmöglich hielt. 
Schon in Saloniki hatte ich davon erfahren und wahrgenommen, dafs 
diese Nachricht auf die Türken einen niederschmetternden Eindruck 
machte. Wenn ich recht orientiert bin, wurde dem griechischen 
Kronprinzen auf Ansuchen nur zugestanden, dafs einige griechische 
Offiziere die preufsische Kriegsakademie besuchen dürfen. Wenn ich 
sage, dals ich auch in Griechenland durchwegs gut, stellenweise 
mit grofser Gastfreundschaft aufgenommrn worden bin, muls ich die 
Wirte in den meist ganz erbärmlichen Xenodochien und Han's aus- 
nehmen. Sie tragen freilich ebenfalls eine recht unterwürfige Freundlich- 
keit zur Schau, versäumten aber selten, den Reisenden zu prellen. 
Es handelte sich übrigens nur am geringe Beträge, gilt ja die 
Drachme uur etwa 50 Pfg.; um einen Napoleondor erwechselt man 
heute 30 — 33 Papier-Drachmen; Silber gibt es nicht. Man reist 
also überall sehr billig. Für ein Pferd einschlielsl. Agogiaten zahlte 
ich 5—7 Mk.; für den Retourweg und Futter wird nichts gegeben. 

Aus vorstehendem ist zu entnehmen, dafs man sich von den 
türkischen Behörden auf Grund des mitgebrachten Passes ein Geleit- 
schrei beu zu erwirken hat. In Saloniki vermittelt es unser Konsul 
Dr. Mordtmann beim Muschir (Kommandierenden oder Marschall). In 
Garnisonsorten ist der Besuch beim Garnisonsältesten, in anderen 
Orten beim Mutesarrif oder Kaimakam unerläfslich. (Alle Generäle 
führen den Pascha-Titel; Divisions- Gen eral= Ferik ; Brigade-General = 
Liwa; Oberst = MirAlaY; Oberstleutnant = Kaimakam; Major = Bin- 
baschy ; Hauptmann = Jüzbaschy ; Leutnant — Mülasim). Man reitet am 
besten, bevor man Quartier nimmt, an den Konak. ßesuchsanzug 
ist nicht notwendig, wäre auch meist nicht möglich; man kann sich 
ja entschuldigen. Würdenträger sprechen in der Regel französisch, 
aber nicht immer. Uberall erfolgen die üblichen Aufmerksamkeiten 
bei Cigarretten und dem unvermeidlichen schwarzen Kaffee. Die Be- 
hörden werden in den meisten Fällen für Quartiere sorgen und auch 
Reittiere vermitteln. 

Wenn ich Air eine andere Reise 1 ) vornehmlich Schlafsack und 
Konserven empfohlen habe, so muls ich dies hier wiederholen. In 
Salonik giebt es nur Fischkonserven. An weiteren, wenig umfang- 
reichen Ausrüstungsstücken nahm ich noch mit: einen kl. Koch- 
apparat zum Kochen der Konserven und Suppen („Blitzspiritus" d. i. 
Spiritus in fester Form ist sehr geeignet). Teller, Besteck, Trink- 



» In Bulgarion; Jahrbücher f. d. A. u. M. 1699. 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplatze. 



281 



beeher, Salz, Handtuch und Insektenpulver. Ein Reitstock ist nicht 
überflüssig. Das Gepäck in Packtaschen, Säcken u. dergl. ist leichter 
an den Pferden zu befestigen. Sowohl in Makedonien als in 
Griechenland zahlt man am besten mit 20 Fr.-StUck en in Gold, doch 
ist ein reichlicher Vorrat an Silbermünzen vor Beginn der Land- 
Reise einzuwechseln. Sehr lästig ist, dafs man trotz der geringe q 
Sprachkenntnisse beinahe täglich Pferde mieten muls. Diese tragen- 
in der Kegel keinen Sattel, sondern das landesübliche Holzgestell. 
Man sehe darauf, dafs es wenigstens reichlich mit Decken belegt ist. 
Es könnte der Gedanke aufsteigen, sich ein billiges Pferd zu kaufen 
nnd dann dasselbe am Schlufs der Reise, wenn auch mit Verlust, 
wieder zu veräufsern. Es ist davon abzuraten, weil die Verköstigung 
des Pferdes, namentlich auf griechischem Boden sehr teuer berechnet 
wird. Der eingeborene Eigentümer verpflegt sein Pferd billiger und 
sorgfältiger; man hat auch kein Risiko; an der griechischen Grenze 
wäre überdies ein sehr hoher Zoll zu zahlen. 

Als Karten kommen die vom k. k. österr. Militär - Institut in 
1 : 300000 herausgegebenen Blätter in Betracht, sie sind aber recht 
mangelhaft. Von den Reisebüchern enthält Meyers Türkei nur weniges 
über Makedonien; Bädeckers Griechenland ist sehr ausführlich, 
Thessalien leider kürzer behandelt. Kaum zu entbehren ist Meyers 
neugr. und türk. Sprachführer. 

Im Aufmarschgebiete (Makedonien). 
Salonik. Salonik, ein grofser, verkehrsreicher Ort mit etwa 
100 000 Einwohnern, darunter mehr als die Hälfte spanischer Juden, 
breitet sich am Hafen aus und zieht sich mit vielen Kuppeln und 
Minarets in Form eines Dreiecks empor zu einer Höhe, die von einem 
grolsen, mittelalterlichen Kastelle gekrönt wird. Konsul Dr. Mordt- 
inann und die Herren im deutschen Klube (Sekt.-lng. Jolas, Direktor 
der d. Schule Siegmund) sind gerne bereit, mit Rat und That zu 
helfen. 

Salonik bildete während des Krieges den Haupt-Etappenort 
Alle Truppen, welche nach dem Aufmarschgebiete und später nach 
dem Kriegsschauplatze unterwegs waren, mulsten diesen Eisenbahn- 
knotenpunkt berühren. Die in Asien mobil gemachten Bataillone 
brachte die anatolische Eisenbahn an das Marraara-Meer. Von hier 
aus war nur die kurze Überfahrt nach Rodosto und dann ein ein- 
ziger Fulsmarsch (30 km) zur Eisenbahnstation Muradly an der 
Orientlinie notwendig. Von der Orientlinie führte eine Zweigbahn 
(Jonctionl gegen Dedeagatsch und von der Station Feredjik weg die 
zu Militärzwecken gebaute (189(5 vollendete) Linie nach Salonik. 



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232 



Auf dem thessaliachen Krietfsschauplatze. 



Von hier aus kam die Linie Salonik — Monastir in Verwendung. Die 
Stationen Karaferia und Sorowitsch dienten als Ausschiffungs- 
punkte. Für die makedonischen Truppen kamen auch die Orient- 
lioien Zibeftsche (bezw. Mitrowitza) — Usküb — Salonik in Betracht. 
Die Bahnen haben den grolsen Anforderungren genügt mit Ausnahme 
der Linie Dedeagatsch (Feredjik) — Saloniki. Personal und Loko- 
motiven entsprachen hier nicht. Es ist die einzige Strecke, die nicht 
von deutschen Unternehmern gebaut und nicht von deutschen Beamten 
in Betrieb gesetzt war. Hier machte sich ein Eingreifen notwendig. 1 ) 
Auf der Ionction wurden im ganzen transportiert 3300 Offiziere, 
154 000 Mann und 34 000 Pferde. 

Alle ankommenden Truppen unterzog man in Salonik einer 
Musterung. Wo es an Kleidung und Ausrüstung fehlte, ergänzte 
man aus den hierher gesandten Beständen des Kriegs-Miuisteriums; 
es wurden nach Salonik und Bodosto je 17 000 Garnituren verschickt 
Es sollten allerdings alle Redif-Baone die gesamte Ausrüstung in 
ihren Baons-Depots vorfinden, doch sind daselbst die Vorräte nur 
unvollständig vorhanden. Die Beschuhung ist das Stiefkind in der 
türkischen Armee. Einzelne Bataillone hätten thatsächlich ohne Be- 
schuhung ausmarschieren müssen, wenn nicht der Patriotismus der 
Bevölkerung in letzter Stunde das allernötigste geliefert hätte. Auch 
die Offiziere bis einschl. Hauptmann erhalten Bekleidung und Be- 
schuhung von der Kriegsverwaltung. Von den 170 000 Wäsche- 
stücken, welche der Sultan aus eigenen Mitteln der Feldarmee 
schenkte, waren 10000 Stücke im kais. Harem gefertigt worden. Munition 
gab es reichlich, denn, da eigentliche Friedens-Schiefsübungen nicht 
stattfinden, häuften sich die Vorräte an. Die Artillerie hatte meist 
noch alte Geschosse: Granaten ('/») und Schrapnels. Rauchschwaches 
Pulver fehlte, da man es im eigenen Lande fabrizieren wollte, was 
aber nicht gelungen war. Erst neuerdings (1900) hat man die Lie- 
ferung auswärtigen Fabriken übergeben. 

Es ist erstaunlich, mit welch geringen Mitteln die Türkei mobil 
machen kann. Der Krieg begann zu einer Zeit, als in der Türkei 
alle Geldquellen erschöpft waren und kein Kredit mehr gegeben 
wurde. Man nahm aus den Kassen, die anderen Bestimmungen 
dienten, wie die Pensionskasse und die landwirtschaftliche Hilfskasse. 
Dann griff man zur sogenannten „freiwilligen Nationalanleihe", d. h. 
man machte den Offizieren und Soldaten Abzüge. Dies mögen zu- 
sammen 20 Millionen gewesen sein. Mit dieser unglaublich geringen 



•) Vergl. Engels, Hauptmann, Reisestudien Uber den Eisenbahn- Aufmarsch 
des türkischen Heeres. M.W.B1. 1839. Beih 2 



Auf dem tliessaliBchen Kriegsschauplätze. 



283 



Summe, welche, wie von der Goltz sagt, etwa der einmalige Tages- 
bedarf für die mobile Streitmacht Deutschlands ist, bestritt die Türkei 
ihre Mobilmachung. Sie zahlte damit zunächst, was gezahlt werden 
mufste: die Armeelieferanten und die Transportschiffe. Für die 
kleineren laufenden Ausgaben hatten die Provinz-Gouverneure zu 
sorgen, und diese konnten sich wieder die Steuern voraus zahleu 
lassen. Die zurückbleibenden Familien vertraute man dem Schutze 
des Himmels und der Freigebigkeit wohlhabender Freunde und Nach- 
barn. Gegen Erwarten eilten die anatolischen Landwehr-Bataillone, 
die im Laufe der letzten bewegten Jahre wiederholt aufgeboten worden 
waren, gehorsam zu den Waffen. Pferde und Mannschatten entnahm 
man vielfach den nicht mobilen Truppenteilen. Überdies hatte jedes 
Redil-Baon in seinem Bezirke 200 Pterde aufzutreiben. Ankäufe 
machte man ferner im Innern des Reiches, in Ungarn und in Süd- 
rufsland (hier hauptsächlich Artilleriepferde). 

Die Türken vermieden den Fehler der Österreicher im bosnischen 
Kriege, der Hussen im russ.-türk. Kriege und der Engländer in Süd- 
afrika und machten nicht unzulängliche Streitmächte mobil, obwohl 
sie entschieden nur einen schwachen Gegner zu erwarten hatten. 
Zu den im Bereich des 3. Ordu (Armeebezirks) stehenden 68 Nisams- 
Baonen boten sie sofort noch 116 Redif-Baone auf. Man mufste 
allerdings auch mit einem Aufstand in Makedonien und mit den un- 
sicheren Nachbarländern rechnen. 

Über die höchst eigenartigen Verhältnisse der albanesischen 
Monavene (Hilfstruppen), welche in Bairaks (etwa Baone) zusammen- 
gestellt wurden, vergleiche man zunächst von der Goltz. 1 ) Die 
Unterstützung durch die wilden, unbotmäfsigen Albanesen, die zur 
Türkei nur in sehr lockerem Verhältnisse stehen, mufs für zweifel- 
haft und für bedenklich erachtet werden. Die Pforte sträubte sich, 
soweit sie konnte. Als man aber von der grofsen Anzahl der griechi- 
schen Freiwilligen hörte, und inzwischen die Aufregung und Kriegs- 
lust der beutelustigen Albanesen so hoch gestiegen war, dafs man 
sie überhaupt nicht mehr hätte beruhigen können, und sie damit der 
Pforte selber gefährlich geworden wären, nahm man sie an, indem 
man auf die meisten der von ihnen gestellten Bedingungen, einging. 
Man war später gezwungen, völlig unbotmäfsige Führer einzuziehen, 
dann meuterten aber ganze Baone. Bis Mai waren 150 Albanesen 
als Sträflinge nach Üsküb gebracht worden, da sie im eigenen Lande 
geplündert und sich anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten. 
Die 2. Hälfte des albanesischen Autgebotes wurde darum gar nicht 

i) Seite 22. 



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2*4 



Ant dem thessalisohen Kriegsschauplatae. 



mehr aufgestellt, and Mitte Mai begann man mit dem Rücktransport 
der albanesiscben Bataillone, da man auf dem Kriegsschauplatze mit 
den disziplinlosen Banden sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatte. 
Das 3. und 4. Baon des 40. Regiments (Prizrend in Albanien) hat 
der Einberufungs- Ordre Uberhaupt nicht Folge geleistet. 1 ) 

Aufser den Albanesen boten noch andere Stämme, Landschaften 
und Notabein Freiwillige an, man lehnte aber dankbar ab, weil man 
schon an den Albanesen genug hatte. So verzichtete man auch auf 
das Angebot der kutzowalachischen (röm.-kath.) Grenzbevölkerung, 
welche ein Freiwilligen-Korps von 8 — 10000 Mann aufstellen wollte. 
Diese Kutzo - Walachen haben aber trotzdem gute Dienste geleistet 
und zwar anfangs als Kundschafter und Führer, dann als Lebens- 
mittel-Lieferanten und bei den Train-Kolonnen. Beinahe als Kuriosum 
ist beizufügen, dafs sich 80 spanische Juden aus Salonik und 
Smyrna meldeten und auch genommen wurden. 

Die griechische Flotte, die sich in keinem schlechten Zu- 
stande befand und als geschult galt, hätte, wenn sie Mut und Unter- 
nehmungsgeist besessen hätte, grofsen Schaden thun können, zumal 
von der türkischen Flotte nicht das geringste zu befürchten war. 
Leicht hätte man die Überfahrt der vollgepfropften Transportdampfer 
im Marmara - Meere stören und durch Einlaufen in den Golf von 
Salonik grofse Verwirrung herbeirufen können. Hier konnte man 
die einzige Etappenstralse au ihrer empfindlichsten Stelle stören. 
Man denke sich einen unvermuteten Handstreich auf Salonik mit all 
seinen Magazinen und Vorräten. In Salonik hat man bei jedem 
Wölkchen, das draufsen auf der See sichtbar wurde, eine ähnliche 
Unternehmung gefürchtet. Nur einmal — Ende März — zeigten 
sich wirklich 2 griechische Kreuzer und 1 Torpedoboot, unternahmen 
aber nichts. Da bei Salonik alle ankommenden und abgehenden 
Züge dicht am Meere hinfuhren, hätte man durch kühne Angriffe zum 
mindesten Unruhe, Unordnung und grolse Aufenthalte hervorrufen 
können. Die Sprengung der nahen, wichtigen Brücke Uber den 
Wardar wäre ein kühner Handstreich, aber durchaus keine Unmög- 
keit gewesen. Die Türken verstärkten dann die Werke, welche die 
Einfahrt in den Hafen sperren sollten, besonders Kara burnu, d. l 
das schwarze Kap, und warfen auch in der Wardar-Ebene einige 
Schanzen auf. Die Westküste wurde durch fliegende Kolonnen über- 
wacht. Im Golfe versenkte man ferner am hellen Tage und so auf- 
fällig als möglich 30 Torpedo-Minen. Man erzählte mir aber in 
Salonik, dafs an den Minen die Zünder gefehlt hätten. In Salonik 



'l Vergl. Lübells Jahresberichte 1897. 



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Auf dem thesaaüsohen Kriegsschauplätze. 



285 



wurde auch ein Hauptlazarett mit 800 Betten errichtet und die Be- 
stimmung getroffen, dafs die christlichen Arzte in den Depots und 
Hauptlazarets verbleiben sollten, während die inohamedanischen Arzte 
mit den fechtenden Truppen gingen, eine Malsregel, die sich in der 
Folge als nicht glücklich erwies. Augenzeugen 1 ) lobten die grofse 
Ordnung und die Mannszucht der zu kurzem Aufenthalte in Salonik 
befindlichen Truppen. Die Leute machten mit gesittetem Betragen 
ihre Einkäufe. Die Ztlge pflegten bei Absingung der Sultanshymne 
wegzufahren. Ich war 1885 Zeuge gewesen, mit welcher Ruhe und 
Ordnung mobil gemachte Bataillone an der asiatischen Küste (in 
Mudania) eingeschifft wurden, um in das Aufmarschgebiet verbracht 
zu werden. Man sah und hörte da nichts von der lärmenden Be- 
geisterung, die der Alkohol zu entfachen pflegt, und deren Auswüchse 
ich später in Athen beobachten konnte. 

Karaferia. Die Bahnstrecke Salonik — Monastir (219 km) 
folgt namentlich in ihrer zweiten Hälfte einem uralten Wege (Via 
Eguatia), welcher ehedem Italien mit Byzanz, zunächst Durazzo mit 
Thessaloniki, verband. Die Bahn führt erst durch sandiges Küsten- 
gebiet, die Mündungsebene des Galliko, des Wardar und der Vistriza 
(Indze Karaso, früher Haliakmon), welche in der Regenzeit und wenn 
die ungeregelten Flufsbette ihre vom geschmolzenen Bergschnee an- 
geschwollenen Wassermassen dem Meere zuwälzen, einen schlammigen 
und beinahe unpassierbaren Sumpf bilden. 1886, als die erwähnte 
Eisenbahnlinie noch nicht existierte (sie wurde 1894 vollendet), hatte 
man an diesem Übelstande stark zu leiden. Bei allen Eisenbahn- 
brucken, z. B. an der wichtigen Wardar- Brücke, bemerkt man 
Schuppen. Sie enthalten Material, um nötigenfalls die Eisenbahn- 
brücken mit Bohlen u. dergl. zu belegen und dieselben so für mar- 
schierende Truppen mit ihren Fuhrwerken benutzbar zu machen. Es 
ist dies eine vorteilhafte Einrichtung in einem Lande, in dem gute 
Brücken selten sind. 

Würde man hier von einer Uberhöhten Stelle aus, wie ich es 
bei einem Ausfluge gemacht hatte, das Land Uberschauen, so sähe 
man ungefähr jene nicht eben ausgedehnte Landschaft vor sich, 
welche König Philipp von Makedonien bei seiner Thronbesteigung 
vorgefunden hat. Etwa 25 km von der Gallikobrücke entfernt liegen 
die wenigen Überreste von Pella, der altmakedonischeu Königsburg, 
in der Alexander der Grofse residiert hat. 2 ) Zwischen Galliko und 
Wardar sollen die Amazonen gehaust haben. 

1 ) Dr. Fetzer: Aus dem Thesaalischen Feldzug der Türken 1897. Major 
Falkner von Sonnenburg in den Münchner Neuest. Nachr. Nr. 169. 

2) Vergl. von der Goltz, Ein Ausflug nach Makedonien. 



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286 



Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



Hat die Bahn Karaferia passiert, so steigt sie bald in kunst- 
vollen Schleifen mehrere 100 m an, nm bei Vodena das Gebirge 
zn betreten; dann geht sie nach Sorowitsch weiter. Das wasser- 
reiche, hoch auf einem Bergrücken gelegene Vodena (Sekt.-lng. Lösch) 
ist durch seine landschaftliche Schönheit berühmt. Von hier fuhr 
ich nach Karaferia zurück. 

Karaferia( 75km von Salonik; BahnmeisterKleibl, österreichischer 
Offizier-Stellvertreter) bildete den wichtigsten Ausschiffungspunkt der 
türkischen Truppen. Von hier führte dann eine leidlich gute Strafse 
in das Aufmarschgebiet Elassona. 1886 war dies noch ein schlechter 
Bergweg. Er nimmt von Karaferia die Richtung südwärts in das 
Gebirge Karatasch (Bermius), Uberschreitet dieses in einer Pafshöhe 
von 1150 m, iälst das Städtchen Kosana rechts liegen, geht Uber die 
Vistriza, erreicht Serfidsche und durch den Kirketschid-Pafs den 
Thalkessel von Elassona. Weglänge etwa 100 km. 

Vom zweiten Ausschiffungspunkt Sorowitsch (Excisu, 160 km 
von Salonik) führt ebenfalls ein leidlicher Weg Uber Kajalar, Kosaua 
und Serfidsche nach Elassona. Weglänge etwa 115 km. 

Kareferia liegt aut Hügelausläufern in herrlicher Gegend zwischen 
Obstbäumen und Weinbergen. Ein Dutzend Minarets und einige 
Kuppeln Uberragen aus dem Grünen den Ort; dahinter steigen tief- 
blaue Bergwände empor. Eine Schlucht, in der ein Flüfschen rauscht, 
mit einer wunderbaren Üppigkeit der Vegetation, mit Mühlen und 
Kaffeeschenken ist das malerischste, was man sich denken kann. 
Beim Kaimakam (Djamal Bey) wurde ich auf das liebenswürdigste 
empfangen; man hatte ihm bereits durch Telegraph meine bevor- 
stehende Ankunft und meine Absicht mitgeteilt. Ich hatte überdies 
noch ein an ihn gerichtetes besonderes Schreiben des Muschirs bei 
mir. Der Hof des Konaks bot ein Uberaus seltsames, romantisches 
Bild. In der Mitte stand ein uralter, ungewöhnlich fester Turm mit 
Zinnen; rings waren verfallene, mit Schlingwerk bedeckte Mauern, 
Uber welche man den Blick in die schöne Schlucht und darüber 
hinweg auf die Berge genols; hinter den vergitterten Feustern blickten 
neugierige Gefangene auf uusere Gruppe, die im Schatten einer 
mächtigen Platane Platz genommen hatte. Neben nns machte 
ein anderer, mit einer schweren Kette belasteter Gefangener eben eine 
Arbeitspause. Es war ein Soldat, der sein Gewehr „verloren", d. i. 
verkauft hatte. Er erhielt als Strafe 1 Jahr und sollte 4 t. Pfund be- 
zahlen, die er abarbeiten mufs. Inmitten des Hofes wareu vor 
wenigen Tagen noch abgeschnittene Käuberktfpfe ausgestellt gewesen. 
Der Kaimakam frug auch, ob ich Begleitung zu Fufs oder zu Pferd 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



287 



wünschte, und ich bat in Anbetracht des sehr weiten Weges um 
Souvari, d. i. Berittene. 

Während des Krieges sah das Städtchen aus wie eine einzige 
Schneider-, Schuster- und Sattler-Werkstätte. In der Kaserne hatte 
man ein Lazarett eingerichtet. Überdies waren, wie auch in Soro- 
witsch für die ankommenden Truppen Depots mit Lebensmitteln und 
Kriegsmaterial angelegt worden. Über die Genügsamkeit der von 
hier nach Elassona abmarschierenden Truppen erzählte mir mein 
Gewährsmann manches Beispiel. Jeder Soldat falste ein grolses 
Stück Brot; Zwiebel hatte er schon mitgebracht, wenn nicht, so ver- 
schaffte er sich diese notwendige Zukost auf irgend eine Weise, und 
dann zogen sie zufrieden in drei Märschen über die Berge nach 
Elassona. Die ersten Bataillone hatten nicht einmal Kochgeschirre 
und erhielteu dieselben erst nach 14 Tagen nachgeschickt. — An 
der Bahn befindet sich ein ganz unbedeutendes Einkehrhaus, in dem 
man übernachten kann. 

Katerini. Bahnmeister Kleibl hatte mir beim Zinzaren Nikola 
2 Pferde gemietet, die mit dem Knechte bis zur griechischen Grenze 
mitgehen sollten. Das eine derselben war für mich als Reitpferd be- 
stimmt; auf dem anderen wurde mein Gepäck festgemacht; es war 
dann nach Landesgepflogenheit auch noch Platz für den Burscheu 
vorbanden. Zu meinen Konserven nahm ich als weiteren Vorrat mit: 
Brot, Eier, Wein und Traubeu; ferner eine reichliche Anzahl von 
Cigaretten für die Begleitung. Der Knecht, ein schmutziger Mensch, 
sollte, wie man mir sagte, alle Wege weitum gut kennen. Als Nacht- 
quartier war mir, da ich auch den Olymp besteigen wollte, Katerini 
angegeben worden, 55 km von Karaferia, 3 km vom Meere entfernt. 

Seit Tagesgrauen wartete ich auf meine Bedeckung, welche sich 
dann verspätet einfand: 4 Reiter (3 Zaptiehs mit Gewehren und 
1 Polizei-Kawals, welcher mutmalslich ein Schreiben des Kaimakams 
bei sich trug;. Ich will hier bemerken, dals es mir während der 
ganzen Reise nicht einmal gelungen ist, zu der von mir festgesetzten 
Zeit fortzukommen. Ich wollte mir später in Thessalien dadurch 
helfen, dals ich den Abmarsch beträchtlich früher, als beabsichtigt, 
ansetzte; ich konnte aber meinen Zweck doch nicht erreichen. Da 
mich die Zaptiehs gebeten haben, ihre Namen aufzuschreiben, so 
will ich diese hier anfuhren; sie Meisen: Ahmed, Izete und Salime; 
der Kawafs: Mehemed Efi'endi (also ein Beamter!. Ich sollte auch 
beifügen, sagten sie, dals sie „souvari" d. i. Berittene wären. Für die 
Begleitung ist nichts zu entrichten. Die Behörden fassen die Ab- 
stellung als Ehrensache auf. Ich erkundigte mich, was ich ihnen 
für eine Zuwendung machen sollte, und gab dann jedem das Doppelte 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



von dem. was man mir genannt hatte; fUr unsere Verhältnisse eine 
Kleinigkeit. Mein Pferd war unglaublich klein und überdies ganz 
leicht gebaut, so dafs ich es für unmöglich hielt, damit auf den 
schlechten und langen Gebirgswegen an das Ziel zu kommen. Der 
Knecht versicherte, er wolle im nächsten Quartiere ein anderes mieten, 
und die Zaptiehs fugten bei, sie wurden mich nicht im Stiche lassen 
und nötigenfalls eines der ihrigen abtreten. Gegen Erwarten brachte 
mich das Pferdcben bis zur griechischen Grenze nie in Verlegenheit 
und blieb hinter den anderen Pferden nicht zurück. Es trug einen 
Ledersattel mit türkischen Bügeln. 

Erst waren wir durch eine mit vielen Büschen bewachsene 
Ebene geritten, dann kamen wir an die Indze Karasu, wo ein 
Fährmann die Kavalkade von 6 Reitern in einer primitiven Fähre 
übersetzte. Als ich drüben die Börse zog, um den Fergen abzu- 
lohnen, rief diesem der Führer der Zaptiehs zu: ,,Gast des Padischah!" 
und der andere hielt es für selbstverständlich, dafs er nichts 
bekam. 

Der Weg führte in ungefähr südöstlicher Richtung durch eine 
bergige Landschaft, die auf den Karten „Flamburion" (höchste Er- 
hebung 1878 in) eingetragen und dem Olymp nördlich vorgelagert 
ist. Ein eigentlicher Weg war aber beinahe nie vorhanden, nur 
mehr oder weniger ausgetretene Fufepfade; es ging auf- und ab- 
wärts, oft neben oder in den Rinnsalen von Bächen, mehrmals über 
angebauten Ackerboden, dann wieder stundenlang durch Platanen- 
wälder. Zweimal, nachdem wir jedesmal mehrere Stunden geritten 
waren, kehrten die Zaptiehs in einem Tschiftlik (Meierhof) zu, wo 
wir freundlich aufgenommen, bewirtet und die Pferde gefüttert 
wurden. Eine Rast machten wir an der Kafteeschenke in Tokova, 
dem einzigen Orte, den wir zu Gesicht bekamen. In der letzten 
Stunde ritten wir gegen Abendzeit über eine steppenartige Küsten- 
ebene, angesichts des Meeres und der gegenüberliegenden Halbinsel 
Chalkidike. 

Katerini ist ein grofser Ort mit einem stattlichen Konak. Der 
Kaimakam Ahmed Faik Bey erwies sich überaus höflich und geleitete 
mich in einen Han, den man beinahe ein Gasthaus nennen konnte. 
Ich erfuhr nun durch den Kaimakam. der meinen Führer examiniert 
hatte, dals dieser Uber die Wegverhältnisse im Olympgebirge sehr un- 
wissend und daher mit ihm eine Besteigung unmöglich wäre, uud 
dals diese Uberhaupt von einer ganz anderen Seite, von Westen aus, 
unternommen werden müsse. Er fügte bei. dafs am andern Tage 
zufällig ein Mülasim (Leutnant) und ein Militärarzt sich mit ent- 
sprechender Bedeckung um den Olymp herum und an der griechischen 



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Auf dem thesnalischeo Kriegsschauplätze. 



289 



Grenze entlang nach Karya and Elassona begeben würden, was für 
mich eine günstige Gelegenheit wäre. Ich war hierzu bereit. Der 
Kaimakam schickte noch einen jungen Menschen, einen Juden, der 
schlecht französisch sprach, mir Gesellschaft leisten sollte und mich 
nicht verlassen durfte, bis ich im Bette lag. Es war dies für mich 
eine lästige Aufmerksamkeit. 

Auf dieser Küstenebene, nordwärts von Katerini, beim heutigen 
Kitros (damals Pydna) hatte der letzte Makedonierkönig Perseus 
168 v. Chr. die Römer unter Amilius Paullus erwartet und dann ge- 
schlagen. 1886 mutete, da durch das Gebirge damals noch kein 
besserer Weg hergestellt war, die Mehrzahl der Truppen erst Uber 
die Campagna von Salonik marschieren und dann den schmalen Weg 
benutzen, der an der Küste entlang über Katerini nach Lefto-Karya 
und von hier aus Uber die südlichen Hänge des Olymps empor nach 
Karya (türk. Koskioj) und nach Elassona führt. Einen geringen 
Teil der Armee hatte man von Salonik auf Schilfen direkt nach dem 
Hafen bei Katerini übergesetzt, um eine gröTsere Strecke des müh- 
seligen Landraarsches zu sparen. Der erwähnte Landweg war je- 
doch nicht für Geschütze und Fuhrwerke passierbar, und so mulste 
die gesamte Artillerie den ungeheuren Umweg bis zur Ebene von 
Monastir machen, um von da aus in südlicher Richtung das Auf- 
marschgebiet zu erreichen. Diesmal (1897) waren die oben er- 
wähnten Wege, von Karaferia und Sarowitsch aus, vorhanden, und 
der Kttstenweg, der leicht von der griechischen Flotte gestört werden 
konnte, nicht notwendig. 

Bei Katerini sammelte sich bei der Mobilmachung als erste 
Schutzmalsregel am äuisersten, und darum von der Seeseite her 
gefährdeten linken Flügel eine Brigade, welche den Linientruppen 
entnommen wurde und darum im immobilen Zustande war. Die 
Bataillone in Makedonien und Epirus halten jedoch auch in Friedens- 
zeiten ihre Tragtiere vollzählig, besitzen Zelte und sind zur Not in 
kürzester Zeit marschbereit In Katerini befand sich ein Lazarett 
mit 150 Betten. 

Als dritter Weg in das Aufmarschgebiet bei Elassona wäre zu 
erwähnen jene, nach Herstellung einer Brücke sogar gute Stralse, 
welche von Katerini über den Petra-Pafis und Hagios Diraitrios nach 
Elassona führt. Der Olymp bleibt hierbei links (d. i. im Osten) 
liegen. 

Karya (türk. Koskioj). Ziemlich verspätet erschien Leutnant 
Izete, begleitet von 6 sehr gut gekleideten Infanteristen auf Saum- 
tieren. Mir hatte der Kaimakam überdies noch zwei Zaptiehs ab- 
gestellt. Wir nahmen den bereits früher angedeuteten (also vierten) 

Jahrbücher für die deoUohe Arm«, und Marine. Bd. 116. 3. 20 



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290 



Auf dem theasalischen Kriegsschauplätze. 



Weg nach Elassona, der bis Lefto-Karya der Küste folgt and dann 
' nach Westen abbiegend, auf den Höben und steilen Hängen des 
Olymps emporgeht. Wir ritten zunächst zwischen Meer und Olymp 
auf ebenem, dürren Steppenboden dahin; Heideland, Dünenwellen 
nnd Gestrüpp wechselten mit sumpfigen Stellen. Letztere passiert 
man anf den soliden, gründlichen, mit Steinen gepflasterten Strafsen, 
die jedem Heiter ein Greuel sind. Der Olymp zeigt sich in un- 
mittelbarer Nähe und als ein gewaltiges, graues Kalkmassiv. — Die 
Infanteristen waren sehr aufmerksam und stets rasch bereit, mein 
Pferd abzunehmen, da ich vielfach absals. Sie gaben mir einmal 
von ihrem Kommiisbrote, einem weilsen, vorzüglichen Brote, das 
nicht wohlschmeckender 6ein konnte. 

Litochorion hatten wir passiert und stiegen nun zu dem, auf 
den Ausläufern und mitten in Weinbergen gelegenen Lefto-Karya 
empor, wo wir im Schatten einer Mauer auf den von Bewohnern 
ausgebreiteten Decken ruhten und die Pferde tränken Helsen. Der 
Bürgermeister des Ortes erschien und brachte Trauben, Käse, Wasser 
und für mich auch Wein. Erst bei dieser gröberen Rast und be- 
reits 30 km von Katerini holte uns der Militärarzt ein; sie 
scheinen hier zu Lande keine Frühaufsteher zu sein. Wenige 
Kilometer entfernt, dicht am Meere und auf einem Hügel, in der 
Nähe der griechischen Grenze, liegt die ausgedehnte, alte Festung 
Platamona, welche einem Feinde, der von der Küstenebene durch 
das Tempethal in Thessalien eindringen wollte, das Vordringen ver- 
sperren sollte. Seit Thessalien griechisch geworden, soll Platamona 
ein Hervorbrechen der Griechen verhindern. 

Bei Lefto-Karya stand während des türkischen Aufmarsches die 
Hälfte der 6. Division, die andere Hälfte bei Karya-Koskioj; be- 
trächtliche Vorpostentrupps waren auf die Grenzberge vorgeschoben. 
Hier bei Lefto-Karya, dem äu bersten linken Flügel der Türken 
fanden gleichzeitig, wie am rechten Flügel, am 9. April 1897 von 
Seite der Griechen die ersten Grenzverletzungen statt. Die Ver- 
suche mifslangen, und wurden die griechischen Freischaren zurück- 
geworfen. Hätte hier die griechische Flotte oder wenigstens einige 
Schiffe mit eingegriffen, hätte sich entschieden mehr erreichen 
lassen. 

Nach der Rast brachen wir auf und ritten nun steil empor in 
das Gebirge. Olymp und Ossa stolsen nicht direkt aneinander. 
Ein flüchtiger Beobachter könnte sich die Ansicht bilden, dals die 
beiden Gebirgsstöcke nur durch den tiefen Durchbruch des Salara- 
vrias ( Peneios) von einander getrennt werden. Zwischen den beiden 
massiven Gebirgen liegt jedoch noch eine weitere Gebirgskette (die 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



291 



wohl dem Olymp zugerechnet wird), bei Platamona am Meere be- 
ginnt und nach beiden Seiten in tiefeingeschnittene Thäler abfällt. 
Auf der Nordseite ist es zunächst die Schlucht des zum Meere ab- 
fliefsenden Kanalia-Baches. Diese lange, eben berührte Bergkette 
bildet die Höhen von Pnakia, Analipsis (1367 m) Taburia, Godaman 
(1420 m) und Davagetschid; keine gerade verlaufende, sondern 
öfters stark gebrochene Linie, die vom Meere bis zum Meluna-Passe 
etwa 40 km Ausdehnung hat. Auf den Höhen stehen Uberall, 
2—3 km von einander entfernt, deutlich sichtbare Blockhäuser, die 
aus Stein gebaut, mit Schiefsscharten versehen und oft noch mit 
Steinumwallungen umgeben sind. Zu der Einsenkung zwischen den 
Grenzbergen und Olymp stiegen wir empor. Der Sauraweg war 
erst steil und machte viele Windungen. Wenn man eine Höhe 
von 1100 m erreicht hat, wird der Weg besserund senkt sich auch 
wieder ein weniges. Er führt nun in genügender Breite bequem 
dahin zwischen den ziemlich steil aufsteigenden Felswänden und 
dem tiefen Einschnitt des Kanaliabaches. Die meisten Berge sind 
hier oben mit dichten Beständen von Nadelholz bedeckt. Mitunter 
erinnerte es mich an die heimatlichen Alpen. Dieser Sauraweg 
mufste 1886 in der ersten Zeit des Aufmarsches beinahe aus- 
schliefslich für die Truppentransporte und die Verpflegungs - Kolonnen 
dienen. Unter den gröfsten Anstrengungen gelang es damals, die 
langen Kolonnen von Tragtieren mit ihren Lasten Uber das Gebirge 
zu bringen. 40 stürzten im Winter von den glatten Steinen in 
die Tiefe hinab, und auch Verluste an Menschenleben waren nicht 
selten. Demjenigen, der jetzt diesen Bergweg bereist, erscheint es 
wie ein Wunder, dafs der Verkehr bei Eis und Schnee möglich 
gemacht werden konnte. 1 ) Man hat den Saumweg seit 1886 wohl 
stark verbessert, so dafs er beinahe Uberall eine genügende Breite 
hat, doch ist er stellenweise sehr steil und darum für Infanterie und 
Reiter sehr mühsam, für Feldgeschütze aber nicht passierbar. Da- 
durch, dafs die von der Monastir-Linie in ziemlich gerader Richtung 
das Gebirge durchschneidenden Wege erbaut worden sind, hat dieser 
Saumweg seine frühere Bedeutung verloren. — Zur Linken, dicht 
an der Schlucht, sah man das niedergebrannte, einsam gelegene 
Kloster Kanalia. Uber die Schlucht hinweg, nur um ein geringes 
höher gelegen als unser Weg, schaut man die erwähnten Höhen, 
darunter den Analipsis mit einer auffallenden Gipfelbildung. Es 
ist noch daran zu erinnern, dafs 20 km entfernt und 1000 m tiefer 
der Tempe-Pafs mit dem Militär -Wege hier oben parallel läuft. 



i) Von der Goltz S. 36. 

-0* 



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292 



Auf dem thessalischen Kriegsschauplatze. 



Den ersten Angriffen auf die türkischen Grenzposten waren an 
den folgenden Tagen andere gefolgt und diesmal auf der ganzen 
Linie. Am 16. April abends erfolgte ein Einbruch im grösseren 
Stile und zwar auf den Bergen, die wir eben zu unserer Linken 
haben. Die Höhen von Pnakia, Analipsis, Taburia und Godaman 
wurden von den Griechen mit Übermacht angegiffen und genommen. 
Die Türken wichen in das Thal zurück, das die Grenzberge von 
den Abhängen des Olymps trennt und in dem wir eben reiten. Am 
Morgen des 17. standen auf dem Analypsis sogar griechische Berg- 
geschutze. Der Kommandeur der 6. Division in Lefto-Karya eilte 
zur Stelle, übernahm das Kommando, schaffte 12 Bataillone und 
4 Geschütze heran und hielt sich damit den ganzen Tag in hin- 
haltendem Gefechte. Auch Edhem Pascha schickte von der anderen 
Seite her, von Elassona, 4 Bataillone und 4 Batterien. 1 ) Was von 
den Griechen im Gefechte stand, waren wahrscheinlich 4 Bataillone 
und 5—6000 Mann Freischaren, die man vom Thal Terape auf die 
Hänge des Gebirges vorgeschoben hatte. Ihren Vormarsch vermittelte 
ein Saumpfad, der vom Thal Tempe nach dem grösseren Orte Rap- 
sani, zum See Nezero und zwischen Godaman und Analipsis hin- 
durch nach Karya-Koskioj führt. Der griechische Angriff gelang, 
und am 17. abends waren die Griechen im Besitze der ganzen 
Grenzkette und noch eines guten Stückes Uber den Meluna-Pafs 
hinaus, im ganzen auf einer Strecke von 70 km. Der Plan war, 
wenn man die früheren Verhältnisse berücksichtigt, gut, denn gelang 
er, so war die Verkehrslinie von der Küste her — 1886 die Haupt- 
verbindung — durchschnitten. Wir wissen aber, dafs dieser Weg 
diesmal nicht mehr die gleiche Bedeutung hatte. Erst auf diese, 
von den Griechen unternommene Vergewaltigung hin erfolgte am 
17. April abends die türkische Kriegserklärung. Edhem 
Pascha alarmierte unverzüglich alle bei Elassona stehenden Truppen. 

Am 18. dauerte aut den Bergen von Karya-Koskioj das Feuer- 
gefecht fort, man wollte den Gegner wenigstens wieder bis zur 
Grenze zurückdrängen. Am 19. änderte sich hier die Sachlage nicht 
wesentlich, während der Meluna-Pafs schon am 18. wieder in tür- 
kische Hände gekommen war. Am 20. hatte man ebenfalls keinen 
Erfolg; 2 Bataillone raulsten sogar zurück. Am 21. begann der 
Feind zurückzuweichen, und am 22. abends waren alle Stellungen 
bis hinunter zum Tempethale geräumt, wohl weil die Türken bereits 
am 20. den Melnna-Pals Uberschritten hatten. Die Türken folgten 
bis zum Flusse. Da nun durch das Tempethal keine griechische 



») Von der Goltz S. 84. 



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Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



293 



Offensive mehr zu befürchten war, konnte und mufste man mit 
diesen Teilen der linken Flügel-Division den besseren Anschloß mit 
der Armee suchen. 

Bei solchen Betrachtungen und Rückerinoerungen über die 
ersten Grenzgefechte, die hier in nächster Nähe stattfanden, ist es 
Dämmerung geworden. Das Thal hat sich erweitert. Die grauen 
Wände des Olymps treten wie eine Einbuchtung zurück und dort 
bemerken wir die wenigen Baracken von Karya-Koskioj. 
2 Kompagnien liegen hier in Garnison; die beiden anderen des 
Bataillons sind auf die Grenzhöhen vorgeschoben. Vor einer niederen 
alten Baracke, der Wohnung des Binbaschy (Majors) steigen wir 
von den Pferden, um uns zu melden. In einem schmalen, rauch- 
geschwärzten, gangartigen Gemache kniete der Major Halit Effendi 
in einem blumigen Schlafrocke auf seinem Gebetsteppiche. Er liefs 
sich nicht im geringsten stören. Schweigend standen wir daneben 
und warteten, bis er alle Suren gesprochen hatte. Ich beneidete ihn 
um seinen Gleichmut Dann stand er, ohne irgend ein Zeichen von 
Überraschung zu geben, auf, warf den kleinen Gebetsteppich in 
einen anstoisenden Kaum und nahm nun die Meldung des Mülasim 
and mein Schreiben entgegen. Letzteres gab er mir gleich darauf 
wieder zurück. Unmöglich konnte er das Schreiben seines höchsten 
Vorgesetzten, das bisher noch jeden Leser elektrisiert hatte, ganz 
gelesen haben. Ich glaube nicht fehl zu greifen, wenn ich die Ver- 
mutung ausspreche, dafs Halit Effendi zu den 25°/ 0 Analphabeten 
gehört, welche das türkische Offizier-Korps heute noch besitzt (1895 
waren es noch 6100 = 30°/.). Es folgten die üblichen Höflichkeiten 
bei Cigaretten und schwarzem Kaffee, wobei ich auf einem niedrigen 
Diwane safs. Der Adjutant und die beiden Jüsbascbys (Hauptleute } 
fanden sich ein. Alle gaben sich mir gegenüber sehr höflich und 
respektvoll; dienstliche Geschäfte erledigten sie sehr ruhig; sie ver- 
kehren unter einander anscheinend sehr patriarchalisch, denn Rang 
und Alter genieist offenkundig Ansehen. Später gingen wir 
in dem anstoisenden, gröfseren Räume, dem Wohngemacbe des Majors, 
zu Tische. Es war für 4 Personen gedeckt: ftlr den Hausherrn, 
meine beiden Reisebegleiter und mich. Alle Speisen kamen in 
gleichmälsigen, blechernen, mit Deckeln versehenen Kochgeschirren 
und wurden sehr rasch nach einander serviert. Man afs mit Be- 
stecken gemeinschaftlich aus der Schüssel. Mir hatte man auch eine 
halbe Karafte mit Wein hingestellt. Es war augenscheinlich, so weit 
es die ganz kurze Zeit erlaubt hatte, mir zu Ehren ein Festessen 
bereitet worden (wenn die Gerichte interessieren sollten, will ich sie 
nennen: 1. Eier in Ol; 2. ein Gericht, das ich nicht kannte; 



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294 



Auf dem thessalischen Kriegsschauplatze. 



3. kleine Stückchen Lammfleisch; 4. Maccaroni in Milch gesotten; 
5. warme Schafmilch; 6. kleine StUcke eines Salzhärings; 7. Trauben). 
Nach Tische gingen wir wieder in den langen Kanzleiraum, um die 
Unterhaltung fortzusetzen. Leutnant Jzete empfahl sich sehr bald 
als „tres fatigeux," dann folgte der Doktor dem Beispiele. Ich will 
nicht sagen, dafs die 55 km, die wir teilweise auf schlechtem Wege 
durchwegs im Schritt zurückgelegt hatten, an mir spurlos vorUber 
gegangen sind, aber ich hielt es nicht für notwendig, dies den 
Türken auszusprechen, und leistete meinem gefälligen Wirte noch 
eine Stunde Gesellschaft. Zwischen 8 und 9 Uhr abends spielt in 
allen türkischen Kasernen die Musik ; hier waren es nur langgezogene 
Weisen auf den Infanterie -Hörnern (eigentlich Trompeten). Die 
Signale werden Uberall sehr gut geblasen. Mein Nachtlager war 
der Diwan im Wohnraum des Majors, offenbar dessen eigene Schlaf- 
gelegenheit. Die Stube war beinahe leer, man sah nur die Feld- 
ausrüstung, mehrere Packtaschen und noch einige Decken. 

Als ich morgens rasch meine ThUre öffnete, hatte ich beinahe 
einen Posten, der mit aufgepflanztem Bajonette an derselben lehnte, 
umgestolsen. Im gleichen Räume, in dem der Posten stand, schlief 
der Binbaschy auf dem Diwane noch den Schlaf, den Allah seinen 
Gerechten zu verleihen pflegt. Nachdem auf landesübliche Weise 
Toilette gemacht worden, fanden sich allmählich wieder die wenigen 
Herreu der Garnison ein, auch der Armee-Lieferant und der hoch- 
betagte Bataillons-lmam. Sie begleiteten mich dann auf einen freien 
Platz, wo die Pferde standen. Ich empfahl mich, nachdem ich 
meinen Dank ausgesprochen hatte, mit dem üblichen: Padischahim 
tschok jacha! von den braven Leuten und ritt mit dem Leutnant und 
seinen Infanteristen weiter. 

Karya-Koskioj ist trefflich geeignet für eine gröfsere Truppen- 
versammlung: von den Höhen des Olymps kommt gutes Wasser, die 
hohe Lage ist Uberaus gesund, so dafs Rekonvaleszenten hierher 
geschickt werden; der mit Gras bewachsene Boden kann sogar als 
Weide dienen. Auf freiem Felde bemerkte ich noch 10 Feldöfen 
zum Backen von Rommifs-Broten. — Das durch den Friedensschluß 
gewonnene Gebiet (eigentlich nur eine Grenzregulierung) ist bei 
Karya noch am beträchtlichsten, indem hier die Grenze um 8 km, 
nämlich bis zum Fufse des Godamanberges vorgeschoben worden ist. 

Elassona. Wir nahmen nicht den „Kanonweg", welcher weiter 
ausholt und zu Umwegen gezwungen ist, sondern folgten in einer 
tief eingerissenen Schlucht einem Gebirgsbache, ich glaube dem 
Davadere. Bald ritten wir auf dem einen, bald auf dem anderen 
Ufer. Oft wurde der Pfad so eng, dafs der Bügelschuh an den 



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Auf dem theasalisoben Kriegssobauplatze. 



295 



Felsen anstiels, und man die Füfse hoch ziehen mufste. Meist ging 
man besser zu Kufe, doch entschlossen sich die Türken immer 
schwer, vom Pferde zo steigen. Auf den zackigen Graten siebt man 
dann und wann ein weilses Blockhaus. Einmal hielten wir an 
einem kleinen Militärposten, wo der Befehlshaber, ein Unteroffizier, 
uns rasch einen Kaffee kochte. Nachdem wir eine Höhe Uber- 
schritten hatten, bekamen wir einen grofsen, freien Ausblick in eine 
merkwürdige Landschaft: Steine und Felsen scheinen hier zu fehlen. 
Weitbin Uberblickt man ein Land mit vielen flachen Kuppen und 
Schluchten, alles in einförmigem Braun; Uberall Lehm, Erde und 
Sand, durchzogen von zahllosen Rissen. Gras wächst hier nur aus- 
nahmsweise, ebenso selten gewahrt man einen Strauch. Auf weithin 
sieht man jene wichtigen Wege, welche in 3—4 Tagmärschen von 
Karaferia und Sorowitsch hierher führen. Unser Bergweg mündete 
in eine dieser Strafsen, und bald sahen wir hinunter in den grünen, 
grofsen Thalkessel von Elassona, welcher etwa 6 km lang und 
deren 4 breit ist Elassona selber, ein grofser Ort, liegt am Nord- 
ende der fruchtbaren Ebene, zu beiden Seiten des breiten, zur Zeit 
aber beinahe wasserlosen Bettes des Xerias, der einen Hauptzufluf9 
in den Salamvrias (Peneios) bildet. Der grofoe Thalkessel, auf drei 
Seiten durch schwer zu passierende Gebirgsketten abgeschlossen, auf 
der vierten durch einen Bergzug von Thessalien getrennt, eignet 
sich vorzüglich zur Versammlung bei Unternehmungen gegen das 
nördliche Griechenland. Wasser giebt es in Fülle, auch Unterkunft und 
einen bebauten Boden; die Stralsen aus Makedonien laufen hier zu- 
sammen. In Elassona und in der Umgebung waren vor Ausbruch 
des Krieges 5 Infanterie-Divisionen, 1 Kavallerie- Division und die 
Artillerie-Reserve versammelt worden. 

Blickt man von der Höhe, ehe sich die Strafse senkt, in die 
Tiefe, so bemerkt man deutlich am Flusse grofise Kasernenbauten; 
in der langen Kette blauer Berge aber, in der Richtung gegen Süd- 
osten, eine Einsenkung, den Meluna-Pals. In nächster Nähe Uber- 
ragt das ganze Gelände der massige Olymp. Wir ritten in Elassona 
vor ein unansehnliches Haus, in dem der Kommandeur der 6. Division 
wohnte: Ibrahim Pascha, der dann auf unsere Anmeldung im Haus- 
flure erschien. Er beauftragte einen Offizier, mich in das zur Zeit 
leer stehende Haus des Seifullah Pascha zu geleiten, welcher eben 
abwesend war, um den Bau der 53 an der Grenze zu errichtenden 
Blockhäuser zu kontrollieren. Am Rande des Ortes, an erhöhter 
Stelle lag das alleinstehende, von einer Mauer umgebene, neue 
Haus, das ein Erdgeschofs für einen Wächter und darüber das Stock- 
werk für den Pascha enthielt Drei Unteroffiziere, die Diener des 



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290 



Auf dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



Paschas, standen zu meiner Verfügung. Das Arbeitszimmer hätte, 
auch wenn man Indiskretion vermeiden wollte, gewüs recht Inter- 
essantes geboten; ich konnte aber keines der vielen Schriftstücke 
lesen, kaum die anscheinend recht guten türkischen Karten, die an 
den Wänden angeschlagen waren. Die Registratur befand sich nicht 
in- Regalen, wie bei uns üblich ist, sondern in einigen Dutzend 
weifslinnenen Beuteln, die an der Decke hingen. Auf dem Schreib- 
tisch lag ein grofses Sprengstück einer Granate, welches dicht bei 
Seifallah niedergefallen sein soll. Es war ein Stück Eisenkern 
mit pyramidalen Erhöbungen, also das Stück einer ganz veralteten 
Granate, wie sie bei uns längst nicht mehr in Gebrauch sind. 

Seifullah Bey, ein Tscherkesse von Geburt, unterstützte von 
der Goltz beim Unterricht des Generalstabsdienstes. Später wurde 
er Militär-Attachee in Athen und leistete dann während des Krieges 
als vorzüglicher Kenner von Griechenland, der geriechiscben Armee 
und des griechischen Kriegsschauplatzes sehr gute Dienste. 

Natürlich mufste ich alsbald den Kaimakam besuchen. Er 
waltet seines Amtes in einem recht stattlichen Konak. Bald fand 
sich auch Ibrahim Pascha ein. Es gab viel Verkehr; die Erledigungen 
erfolgen rasch. Die Herren waren so liebenswürdig, sich sofort um 
eine Gelegenheit meiner Weiterreise zu bekümmern. Meine Absicht 
war, über den Meluna-Pafs Thessalien zu betreten, den Tempe-Pafs 
aufzusuchen und dann nach Larissa zu reisen. Das waren zwei 
Marschtage. Ich hätte am liebsten gleich Pferd und Knecht bei- 
behalten, da der Weg nunmehr keine Schwierigkeiten mehr bot, es 
ging aber nicht, da für das Pferd ein ungewöhnlich hoher Zoll, 
etwa 100 Drachmen, zu entrichten gewesen wäre. Sie schickten 
nach einem Agogiaten, in Thessalien „Keratzis" genannt, und bald 
erschien ein gut gekleideter, anscheinend recht manierlicher Mann, 
mit dem sie verhandelten. Sie fragten, ob ich mit dem geforderten 
Preise für 2 Pferde einverstanden wäre? was ich bejahte. So hatte 
ich wieder Pferde; diese Angelegenheit ist ftir den Reisenden immer 
die unangenehmste des ganzen Tages. 

Auf der Post, einem höchst primitiven Bauwerke, in dem aber 
viel Andrang war, gab ich einige Briefe auf; man schickte mir aber 
die aufgegebenen Sachen wieder zu mit dem Bemerken, dafs man 
die französisch geschriebenen Adressen nicht lesen könne, und ich 
mulste diese in türkischen Charakteren darauf setzen lassen. Auch 
den griechischen Konsul besuchte ich, um ihn um einige empfehlende 
Zeilen zu bitten. Er zeigte sich durch meine Visite sehr geehrt und 
darum zuvorkommend. 

Den Abend geuols ich auf dem Balkone meines hochgelegenen 



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Auf dem the8salisohen Kriegsschauplatze. 



297 



Hauses. Ich hatte vor mir die in der Abendbeleuchtung tiefblauen 
Berge, welche den Kessel abschlössen und die Grenze bildeten. Wie 
zufallig erschien der griechische Agogiate, und ich rekapitulierte mit 
ihm nach der Karte den für morgen beabsichtigten Weg. Der im Konak 
vor den hohen Behörden so freundlich und bescheiden aussehende 
Mensch erschien nun wie umgewandelt. Der Weg nach dem Tempe- 
thale ginge über ungeheure Berge und wäre entsetzlich weit. Ich 
wies ihm nach der Karte das Unwahre dieser Behauptung nach. 
Der Grieche ging aber auf meine Absicht nicht ein und verlangte 
nun das vierfache des auf dem Konak ausbedungenen Preises. So 
wurde ich gleich an der Grenze mit einem drastischen Beispiele an 
die griechische Unverlässigkeit und Unredlichkeit erinnert, die ich 
während des zweiten Teiles meiner Reise noch öfters kennen lernen 
sollte. Der Tag war schon zu weit vorgerückt, ich konnte und 
wollte die Behörden nicht nochmals in dieser Angelegenheit be- 
lästigen, Izet, der gekommen war, konnte auch nichts ausrichten und 
so beschlofs ich, mit dem Griechen zunächst nur bis Larissa zu 
reiten. Am Abend schickte der aufmerksame Pascha mir durch 
einen Unteroffizier eine Abendmahlzeit in das Haus, wozu auch 
Leutnant Izet als Gesellschafter geladen war. Die Reste der reich- 
lich bemessenen Mahlzeit reichten hin, noch den vier Ordonnanzen 
eine Abendkost zuzuwenden. Ich hatte auch wieder Wein erhalten. 
Izet nahm nicht davon, wohl wegen der umherstehenden Soldaten. 
Schnaps habe ich die Offiziere wiederholt reichlich trinken sehen; 
der wurde von Mohammed auch nicht verboten. Ich verabschiedete mich 
dann vom gefälligen Leutnant Izet, da ich ihn am frühen Morgen 
des anderen Tages doch kaum sehen würde, weil er ja kein Früh- 
aufsteher zu sein schien. Die Ordonnanzen schlugen mir später im 
Wohnzimmer ein gutes Feldbett auf. So anheimelnd das Lager aus- 
sah, so schlecht wurde die Nachtruhe, da die übliche Bettbelästigung 
dieser Länder auch hier in reichlichem Mafse vorhanden war. 

Am andern Tage waren die Zaptiehs rechtzeitig zur Stelle, 
aber erst beträchtlich später zog ein Knabe ein für mich bestimmtes, 
schlechtes Pferd die Höhe empor, ich hatte aber deren zwei ge- 
mietet. Die Diener und Zaptiehs gingen dann auf die Suche und 
brachten bald ein zweites Pferd; es war voll bepackt; oben safs ein 
alter Mann. Da dieser nicht freiwillig absteigen wollte, zogen sie 
ihn herunter, warfen seine Gepäckstücke auf die Seite und machten 
dann die meinigen fest. Das 6ah wie eine Gewaltthat aus. aber es 
handelte sich offenbar um mein zweites Pferd, mit dem der schlaue 
und verlogene Grieche noch ein weiteres Geschäft raachen wollte. 
Der Grieche selber stiels erst auf dem Melunapafs zu mir und zeigte 
sich nicht im geringsten erstaunt. 



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298 



Auf dem thematischen Kriegsschauplätze. 



Nachdem wir */ 4 Standen über eine gut angebaute Ebene ge- 
ritten waren, erreichten wir den Meluna-Pafs, den wichtigsten 
Übergang weitum, die nächste Verbindung zwischen Elassona und 
Larissa. Es führt eine schlechte alte, und eine bessere neue Stralse 
über die Einsattlung. Der Übergang ist nicht besonders steil und 
man braucht bis zur Palsböhe nur eine halbe Stunde. Da die neue 
Strafse mit dem allergröbsten Steinmaterial bedeckt ist, zweifle ich, 
ob unsere Feldbatterien den Pafs erklimmen wurden. Die türkischen 
Batterien, welche des Zuges ungewohnte Pferde besalsen, hatten die 
grölsten Schwierigkeiten zu Uberwinden. Oben steht ein türkisches 
Blockbaus, wo sich meine Zaptiebs verabschiedeten. Man fragte 
mich, wieviel ich griechische Gendarmen wollte? Da ich sie für 
überflüssig hielt, verzichtete ich fortab auf jede Begleitung. 

Von oben hat man einen Ausblick hinunter auf die weite tbessa- 
lische Ebene. Man sieht eine stattliche Anzahl von Ortschaften, die 
immer von Bäumen umgeben sind, wie : Karadere, Karadjaly, Deliler, 
Mussalar und andere Orte, die aus den Gefechten am Meluna-Passe 
bekannt geworden sind. Das gröfsere Tyrnavos ist durch den weit 
in die Ebene vorspringenden Kritiri-Berg verdeckt. Larissa, noch 
30 km entfernt, sieht wie ein kleines Wäldchen aus. Mitten durch 
die Ebene zieht, von Bäumen begleitet, das Flufsbett des Xerias 
(Titaresios). Die abwärts führende Strafse, d. i. der griechische 
Teil des Passes, ist ganz gut, aber beträchtlich länger als der Auf- 
stieg, da die thessalische Ebene um 200 m tiefer liegt als der 
Kessel von Elassona. (Nach einer Skizze von v. der Goltz hat 
Elassona 271 m, der Meluna-Pafs 518 m und Larissa 74 m absolute 
Höhe. Nach der Karte von Mittel-Europa läge der Pafs beträchtlich 
höher.) 

Auf dem Kriegsschauplatze (Thessalien). 
Der Meluna-PafS. Am 16. April hatten die Griechen bei 
Karya-Koskioj die Feindseligkeiten im grölseren Stile eröffnet Am 
17. griffen sie auch den Meluna-Pals und die südlich anstoßenden 
Grenzberge an und bekamen alle Höhen bis zum Kutriberge (22 km 
Luftlinie südlich von Meluna) in ihre Hände. Genau so hatten es 
die Griechen 1886 begonnen. (Damals hatte sich das 5. Evzonen- 
Bataillon unerhört feige benommen, dals man es auflöste und die 
Offiziere degradierte. Im patriotischen Zorne hat man das Bataillon 
bis heute nicht mehr wieder errichtet, und fehlt die Nummer 5.) 1 ) 
Von der türkischen Seite wurden sofort 4 Divisionen zur Rttck- 



») Vergl. v. Löbells Jahresberichte 1898. 



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Aul dem thessalischen Kriegsschauplätze. 



299 



eroberung dieser Stellungen eingesetzt, and bereits am Abende des 
18. war der Meluna-Pafs wieder in den Händen der Türken. Hier 
hatten sich hauptsächlich 4 Baone der 4. Division durch Tapferkeit 
hervorgethan ; sie waren 27 Stunden im Fener gestanden. Beinabe 
auf der ganzen Linie gingen die Griechen zurück und setzten sich 
in der Ebene fest ; nur auf ihrem linken Flügel, im Xeraghis-Defilee, 
hauptsächlich aber aut dem Kritiriberge hielten sie hartnäckig 
stand. Der Kritiriberg, auch Akrotirion, ist ein 12 km südlich des 
Melüua-Passes von der Höhe Losphaki weit in die Ebene vor- 
springender Bergrücken. Da die dort verwendeten türkischen 
Bataillone nichts ausrichteten, schickte man die eben erwähnten 
albanesischen Bataillone und einige weitere Batterien gegen die 
griechische Stellung am Kritiri. Der Gegner hatte auf den durch- 
wegs kahlen Bergen aus Geröll und Felsstücken Brustwehren her- 
gestellt, die sich nur wenig abhoben und gegen deren Besatzung die 
Türken während mehrerer Tage keinen Erfolg erzielten. 

Oberstleutnant Hamdy Bey, Generalstabschef bei der 4. Division, 
ein tüchtiger Schüler des von der Goltz, riet nun (wie er mir in 
Üsküb selbst erzählte), man solle mit allen verfügbaren Kräften 
1 3 1 /* Infanterie-Divisionen, der Kavallerie-Division und der Artillerie- 
Reserve) über den offen stehenden Meluna-Pafs in die Ebene nieder- 
steigen und die noch vom Gegner gehaltenen Defileen von rückwärts 
öffnen. Dies war um so leichter, als die Griechen vom Tempe- 
Thale bis zum Kritiriberge, d. i. auf 35 km auseinander gedehnt 
standen. Grumbckow Pascha (damals Instruktions-Offizier der 
Artillerie), der im Hauptquartiere eingetroffen war, vertrat dieselbe 
Ansicht. Das war aber nichts für einen türkischen Führer alter 
Schule, der die Verantwortung für den Fall des Mifslingens furchtet. 
Grumbckow äufserte sich hierüber bezeichnend: „Alles das ist hier 
anders in der Türkei als bei uns zu Lande. Wenn man bei uns in 
ein Zimmer mit drei verschlossenen Thüren will, so schlägt man 
eine von ihnen ein und riegelt, wenn nötig, die anderen von innen 
auf. Hier zu Lande aber schlägt man alle drei ein." 

Erst am 24. räumten die Griechen die bisher hartnäckig ge- 
haltene Stellung. Da die Türken schon am 20. den Vormarsch 
über den Meluna-Pafs begonnen hatten — allerdings nur recht vor- 
sichtig und langsam — , uud auch der rechte griechische Flügel bereits 
ein gutes Stück in die Ebene zurückgewichen war, so ordnete 
Kronprinz Constantin für die Nacht vom 23 /24. April den Rückzug 
nach Pharsala an. Dieser Rückmarsch artete in eine unerklärliche, 
panikartige Flucht aus. Es hatte sich in der dunklen Nacht das 
falsche Gerücht verbreitet, dafs türkische Kavallerie anreite. Dazu 



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300 



Auf dem thessalisohen Kriegsschauplätze. 



aber war diese nicht gewillt, wie wir sehen werden. Die Griechen 
schössen in der Aufregung gegen einander und es gab Hunderte von 
Toten. Der linke Flügel war mit dem Befehle vergessen worden 
and folgte darum erst später. So rasch vollzog sich dieser Rück- 
zug, dals die Türken die Fühlung völlig verloren. Der Schrecken 
der Griechen mnfs wirklich sehr grols gewesen sein. Ursprünglich 
wollte man nämlich Larissa noch verteidigen. Aber auf die Horn- 
signale, welche die Truppen sammeln sollten, kamen keine 20 
Mann, 1 ) und am 28. April vermifste man noch 10000 Mann, welche 
sich in die Berge zerstreut hatten. 2 ) 

Hört man, dafs die Fühlung mit dem Gegner verloren 
gegangen ist, wird man unwillkürlich an die Kavallerie erinnert. 
Wenn sich die türkische Kavallerie, entgegen der sonstigen Gepflogen- 
heit in Aufmarschgebieten, bisher nicht bemerklich machen konnte, 
darf man ihr dies nicht verübeln. Bis zum Meluna-Pals hatte sie 
Gelände um sich, das schlechterdings für Kavallerie ungeeignet ist, 
so dafs die Pferde auf den Gebirgs- und Saumwegen wohl meist 
am Zügel nachgeführt werden mufsten. Anders war es, sobald man 
die Grenzberge Uberschritt; nun hatte die Kavallerie idealen Boden 
unter den Füfsen ; war ja Thessalien schon im Altertum durch seinen 
Rossereichtum bekannt. Aber auch jetzt geschah noch nichts. Zag- 
haft und zögernd ritten sie vom Meluna-Passe in die Ebene her- 
unter. Vom Aufklärungsdienste im grölseren Stile hatten sie keine 
Ahnung; keine Patrouille tastete vorwärts oder über die Flügel hin- 
aus. Welches Feld hätte hier ein einigermafsen frischer Kavallerie- 
ftthrer gehabt, umsomehr, da die Griechen so weit standen, und da 
und dort vereinzelte, schlecht geschützte Batterien aufgefahren waren. 
Sie verstanden aber auch nicht Attacken zu reiten, wie wir an eine ; 
späteren Beispiele noch sehen werden. Eine hier von oben befohlene 
Attacke kam aus unbekannten Gründen nicht zur Ausführung. Es 
war nicht zu verwundern, wenn bei solcher Rat- und Tbatlosigkeit 
einem deutschen Offiziere, der hiervon Augenzeuge war, das Herz 
blutete. General von Grumbckow erwirkte sich nun vom Ober- 
kommando die Ermächtigung, mit der Kavallerie-Division, es waren 
nur 480 Reiter und 1 reitende Batterie, gegen Larissa vorausgehen 
zu dürfen. Man fand, wie Grumbckow vermutet hatte, bereits alles 
leer, auch Larissa, welches das Gerücht in eine wohlverschanzte 
Stadt umgewandelt hatte, aber in der Wirklichkeit eine offene Stadt 
ist. Nur mehrere freigelassene Sträflinge hatten einige Schüsse 
abgegeben. 

>) Kloer, der türkisch-griechische Krieg im Jahre 1897; S. 85. 
2> Kloer S. 39. 



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Auf dem thessaliachen Kriegsschauplätze. 



301 



Dafs Grumbckow bei Larissa über die Steinbrücke ritt, obwohl 
sie, wie man ihm sagte, unterminiert war, rechne ich ihm, ich glaube 
mit der Mehrzahl der Kameraden, nicht als besondere Heldenthat an; 
es mlifste ein schlechter Kavallerie-Leutnant gewesen sein, der nicht 
hinüber geritten wäre. Das ist aber sein grofses Verdienst, dafe 
er, obwohl es eigentlich nicht Aufgabe des Artilleristen war, der 
zaghaften türkischen Kavallerie an Ort und Stelle eine Ahnung von 
den allernotwendigsten Pflichten der Reiterei beizubringen versuchte, 
ferner davon, wie sie es beiläufig machen müsse, wenn der Feind 
vor der Front ausgerissen ist. Alles mufs gelernt werden. Ohne 
Felddienstübungen und Manöver lernt sich aber so was nicht, so 
wenig wie das Schiefsen ohne systematische Ausbildung und ohne 
Schieisübungen. Letzteres braucht ja nicht bewiesen zu werden. 
Die Gefechte der Griecheu und Türken würden aber als sprechende 
Beispiele dienen, wenn man beweisen sollte, wie ungeheuer wenig 
die Infanterie und Artillerie trifft, wenn sie im Schielsen nicht plan- 
mäfsig und sorgfältig ausgebildet sind. Der Türke ist, obwohl er 
wenig Bahn reitet, zum Reiter eigentlich gut beanlagt. Er sitzt 
nicht schön zu Pferde, aber fest und gut und beherrscht sein Pferd 
ausreichend; er ist eben von Jugend auf an die Pferde gewöhnt. 

leb will nun noch einige Einzelheiten, welche die Aufzählung 
der Ereignisse nicht stören sollten, nachtragen: Von der makedonischen 
Seite führte auf die Höhe des Meluna-Passes nur ein schlechter, 
ziemlich steiler Weg. Man legte sofort auf der anderen Seite der 
tiefsten Einsenkung mit Zuhilfenahme des in nächster Nähe reichlich 
vorhandenen Gesteines eine neue, weniger steil ansteigende Strafse 
an. Gleichwohl brachte man es nicht fertig, mit den allerdings 
gröfstenteils schlechten Pferden, die Geschütze Uber den Pafs zu 
bringen. Gilt es Geschütze über Höhen zu schleppen, so sind die 
türkischen Soldaten unermüdlich. Je 50 Infanteristen zogen an 
langen Tauen, welche man mit Querhölzern und Schleifen versehen 
hatte, die von einander getrennten Laffeten und Protzen. Im heilsen 
Sonnenbrande, ohne Murren und ohne zu ermüden, schleppten sie, 
während die Hauptleute auf der einen Seite auf und ab gingen und 
ständig mit erhobenen Stöcken anfeuerten. Die türkische Artillerie, 
der es ebenfalls an der nötigen Friedensausbildung fehlte, mufste 
sich erst einarbeiten und machte dann unter verständigen Offizieren 
von Gefecht zu Gefecht Fortschritte. Von der Elassona - Ebene 
schössen Batterien auf die Höben des Passes mit 4000 m Ent- 
fernung. Da ist wenig zu erhoffen. Bei Losphaki schofs man auf 
ähnliche Entfernungen gegen einen Gegner, der hinter Brustwehren 
lag, die aus festem Gestein und Geröll hergestellt waren. Auch in 



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302 Anf dem tbessalisoben Kriegsschauplatze. 

der Ebene, wo man weit günstigere Verhältnisse ftir die Auswahl 
der Stellungen hatte, standen sieb die Artillerien auf so grofse Ent- 
fernungen gegenüber. Von der Paishöhe aus wollte Edhem Pascha 
gegen die beim Mati-Hügel stehende griechische Artillerie schieisen 
lassen. Der durchweg sehr verständige Artillerie-Kommandeur Riza 
Pascha ') erklärte lächelnd die Entfernung als viel zu grols. Ver- 
suchsweise gab man einen Scbufs mit der gröTsten Entfernung ab, 
und das Geschult» schlug nun etwa 4000 m zu kurz ein. 

Am 21. April wurden in der Ebene 6 türkische Batterien, die 
nur teilweise gedeckt waren, von 5 griechischen fünf Stunden lang 
beschossen. Entfernung wahrscheinlich 3500 m. Die Türken ver- 
loren hierbei 3 Mann und 2 Pferde, also eigentlich nichts. Es ist 
dies durchaus nicht zu verwundern, wenn man bedenkt, mit welcher 
Sorgfalt und Mühe bei uns die Richtkanoniere und Batterien aus- 
gebildet werden, und wie mau keine pekuniären Opfer scheut, um 
Schiets- und Herbstübungen abzuhalten, und trotzdem noch manches 
mifsglückt. Wie soll nun eine Artillerie, die solch mühsame Aus- 
bildung nicht kennt, auf dem Schlachtfelde ihre Aufgabe lösen und 
den Gegner niederkämpfen? Das giebt, wie dieses Beispiel lehrt, 
Tausende von „Löchern in der Luft a . Die Griechen schössen über- 
dies meist noch mit Granaten und zwar mit Granaten veralteten 
Systems. Es ist nicht zu verwundern, wenn Photographen in der 
Gefechtslinie sorglos ihren Apparat aufstellten und Aufnahmen 
machten. Ich habe thatsächlich bei einem griechischen Photographen 
in Volo ein Gefechtsbild erworben, das er, beinahe in der Artillerie- 
linie bei Mati stehend, aufgenommen hat. 

Auf den Höhen von Kurtsiovali (4 km nördlich Kritiri) ent- 
springt der wasserreiche Bach Karatschioma, der in genau östlicher 
Richtung dem Xerias zuflielst und stellenweise sumpfige Ufer hat. 
Als die Kavallerie-Division gegen Larissa vorging, machte hier das 
Hinüberschaffen der reitenden Batterie sehr grofse Schwierigkeiten. 
Wo ich den breiten Bach durchfurtete (jedenfalls weiter westlich) 
waren die Ufer trocken und das Flufsbett fest und steinig, dafs man 
mit Leichtigkeit die schwersten Festungsgeschütze hätte Ubersetzen 
können. Es hätte sich also, meine ich, durch entsprechende Er- 
kundung Aufenthalt und Mühe vermeiden lassen. 

Es wird sich später Gelegenheit geben, mit Beispielen zu zeigen, 
dais die ineisten höheren Führer nicht die Fähigkeit besatsen, ihre 



') Brigade-General Riza Pascha, damals etwa 38 Jahre alt, hat seine 
praktische Ausbildung beim 27. Feldartillerie-Kegiinent (Wiesbaden) genossen. 
Von der Goltz stellt ihm (8. 70) das günstigste Zeugnis an»». 



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Auf dem thess&lischen Kriegsschauplätze. 



303 



Bataillone, Regimenter oder Brigaden richtig zu führen. Es fehlte 
auch hier die systematische Übung durch Manöver u. dergl. Sahen 
ja manche von ihnen zum erstenmal einen so grofsen Heereskörper, 
wie sie ihn nun kommandieren sollten. Pflichtgefühl ist bei den 
türkischen Führern in hohem Mafse vorhanden. Von der 2. Division 
fielen die beiden Brigadegeneräle an der Spitze ihrer Brigadeu bei 
Losphaki, darunter der 80jährige Ezel Pascha, ein kriegsgewohnter 
Veteran. Am Meluna-Passe fiel auch der ebenfalls 80jährige Hafiz 
Pascha. Er ritt barhäuptig an der Spitze der Mannschaften. Eine 
Kugel zerschmetterte seinen linken Arm und eine andere seine rechte 
Hand, er blieb aber ruhig zu Pferde, bis eine dritte Kugel seinen 
Hals durchbohrte, als er eben noch seine Mannschaft anfeuerte. 

Ganz von diesem Pflichtgefühl durchdrungen, verlieren die 
Führer nicht selten den Blick für das Wichtigere. Oberst Harady 
Bey erzählte mir, dafs sein Divisionskommandeur, wie er ihm den 
Befehl zur Schlacht von Larissa überbrachte, eben eigenhändig die 
Verteilung von Manition und Zwieback vornahm. Erst nachdem 
diese Arbeit vollendet war, nahm er den Befehl zur Hand. 

Um die Pflege der Verwundeten sah es schlecht aus. Bei 
einer Division befanden sich nur 1 Chefarzt, 1 Assistenzarzt, 1 Chirurg 
und ein Feldscherer, also nur 3 medizinisch gebildete Arzte, und da 
mag noch der eine und andere gefehlt haben. Vom Meluna-Passe 
trug man die Schwerverwundeten auf die primitivste Weise: auf 
Gewehren herunter. 

Als Beispiel, wie man auf türkischer Seite die ersten Erfolge 
ausnützte, um Stimmung zu machen, diene die Kundmachung, wie 
sie von Seite der Regierung eines Vilajets erfolgte: Nach- 
stehend werden die Details des heute mit göttlicher Hilfe vom 
Kaiserlichen Korps-Kommando im Schatten unseres mächtigen und 
wohlthätigsten Herrn erfochtenen glänzenden Sieges mitgeteilt. Die 
Division Neschat Pascha (2.) hat gestern den Feind stark umzingelt. 
Das Auge desselben wurde durch den Glanz der tapferen Schwerter 
der Krieger Sr. Kaiserlichen Majestät, welche die Bewahrer des 
Sieges sind, gänzlich geblendet. — — Die vorgeschobenen Reiter 
kamen bis in die Umgebung von Larissa und legten ein glänzendes 
Zeugnis für die osmanische Tapferkeit ab. — — 24./IV. 97." 

(Schlufe folgt.) 



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304 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



XX. 

Der Krieg in Südafrika 1899|1900. 



(Fortsetzung.) 

Vil. Die Ereignisse auf dem mittleren Kriegsschauplatz 

bis Ende 1899. 

Bei der Zerreifsung der Verbände und der planlosen \ erteilung 
der Kräfte war General Gatacre am schlechtesten weggekommen; 
diesem Divisionsgeneral waren von seiner eigenen Division (der 3.) 
nur ein einziges Bataillon und 3 Batterien verblieben; aufserdem 
waren ihm 1 Bataillon der 2. Division (Clery, Natal), dann 2 1 /, 
Bataillone Etappentruppen, Teile der Kavallerie -Division French und 
einige Detachements Polizeitruppen zugeteilt worden. — im ganzen 
etliche 7000 Mann. 

Dazu war sein Auftrag so diffus wie möglich: Ursprünglich 
sollte er mit dem zusammengewürfelten Häuflein den eigentlichen 
Operationsplan — Vormarsch auf Bloemfontein — durchführen; dann 
wurden die Ansprüche zurückgeschraubt: Bahnschutz, Niederhaltung 
der Aufstandsbewegung, Verbindung mit Methuen und Widerstand 
gegen die über Aliwal North— Bethulie— Colesberg vorgedrungenen 
Freistaatler (ca. 6000 Mann» waren schlielslich seine Aufgaben. 

Den Bahnschutz und die Verbindung mit Methuen übertrug er 
French mit seinen etwa 2000 Reitern. Dieser rührige und um- 
sichtige Reiterführer brachte es thatsächlich fertig, die Bahnknoten 
Naauwport und Rosmead zu gewinnen und zu halten und, obwohl 
von Buren-Streifkorps umschwärmt, jeder ernstlichen Schlappe aus 
dem Wege zu gehen. 

Nicht so der unglückliche Gatacre. Anfangs Dezember hatte 
er seine kleine Streitmacht in Queenstown versammelt; auf die Nach- 
richt von dem Vordringen stärkerer Burenkräfte gegen die Pässe 
der Stormberge, entschlofs er sich, denselben Uber das Gebirge ent- 
gegenzugehen. Er setzte die Fufstruppen und die Artillerie auf die 
Bahn; Kavallerie und berittene Infanterie wurden auf den Landweg 
verwiesen, wobei ein Teil infolge eines verloren gegangenen Tele- 
grammes ausblieb. Das Ziel war der Bahnknoten Molteno, südlich 
Stonnberg; bei letzterem Ort sollten die Buren stehen. 

Gefecht bei Storni berg, am 10. Dezember 99. 

Am 9. Dezember hatte Gatacre seine Truppen bei Molteno 
vereinigt und wollte in der Nacht zum 10. den Gegner Uberrascheu. 
Der Nachtmarsch wurde in ähnlicher Weise wie jener Methuens 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



305 



durchgeführt: keine Sicherung, keine Spitze, nicht einmal eine Pa- 
trouille voraus. 

Ein angeblich der Gegend durchaus kundiger Sergeant der Kap- 
Polizei diente als Fuhrer; er verfehlte den Weg und führte die Ab- 
teilung, natürlich unabsichtlich, in einen geschickt angelegten Hinter- 
halt der Buren; um 3 4B früh erhielt das vorderste Bataillon (Royal 
Irish Kifles) in Front und beiden Flanken gleichzeitig Feuer auf die 
nächsten Distanzen; dafs zunächst wieder eine Panik entstand, ist 
ebenso natürlich, als es rühmenswert ist, dafs die englischen Offiziere 
nach kurzer Zeit, nur entsprechend weiter rückwärts, ihre Leute 
zum Stehen bringen konnten. Sie scheinen sich damit aber den 
Dank des Feldmarschalls Roberts nicht verdient zu haben, denn in 
seinem Begleitbericht erwähnt er, dafs die Leute durch den langen 
Nachtmarsch (ca. 12 km!) ermüdet, nicht mehr imstande waren, 
„rasch genug zurückzueilen a , so dafs 2 Halbbataillone (700 Mann) in 
Gefangenschaft gerieten. 

Um so mehr Freude mufs Roberts die grofse Mehrzahl des De- 
tachements durch ihre Ausdauer im Laufen gemacht haben, denn 
thatsächlich fielen den Burenkugeln nur etwa 30 Mann zum Opfer. 

Die Buren begnügten sich leider auch hier mit dem leichten 
Erfolg, ohne denselben bis zur Vernichtung des Gegners auszunützen. 
Es ist ganz unglaublich, dafs eine so bewegliche Truppe es duldete, 
dafs der geschlagene Feind, kaum 12 km vom Schauplatz seiner 
Niederlage entfernt, die noch bereitstehenden Bahnzüge wieder be- 
steigen und ruhig Uber eine an empfindlichen Kunstbauten reiche 
Gebirgsstrecke abdampfen konnte. 

Bei dieser sträflichen Lethargie der Buren war es ein unver- 
dientes Kriegsglück, dafs auch diese Kräftegruppe der Engländer 
schon durch diesen ersten und leichten Zusammeustofs moralisch 
wertlos geworden war und auf Wochen hinaus brach lag; umsomehr 
mufs die Buren der Vorwurf treffen, dafs auch sie unthätig gegen- 
überstanden und zusahen, wie sich der niedergeworfene Gegner er- 
holte und wieder zu Kräften kam. 

VIIL Die Belagerung von Ladysmith und die Entsatz- 
versuche Bullers vor dem Eingreifen Lord Roberts. 

Wie schon erwähnt, hatten die Buren die Abschliefsung von 
Ladysmith bereits am 29. Oktober 1899 vollendet und schritten nach 
Abweisung der 3 Durchbruchsversuche Whites am 30. Oktober und 
am 2. und 3. November zur förmlichen Belagerung; die aus den 
Forts von Pretoria herangeschafften 5 schweren Geschütze (15 cm), 
dazu 15 Feldgeschütze wurden auf den Hügeln rings um die Stadt 

J»krbüoh«r für die d»uLch» Ann»» and Marin«. Bd. 116. 3 21 



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306 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 




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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



eingebaut. Am 7. November wurde die Beschiefsung der Stadt von 
allen Seiten aufgenommen, mit der Wirkung, dals die englischen 
Truppen die Stadt verlassen und aulserhalb derselben (nordwestlich) 
einen geschützten Lagerplatz wählen, und auch diesen später noch 
wechseln mulsten (Cesars Camp, südl. der Stadt). Den nicht waffen- 
fähigen Einwohnern gestattete Joubert ein gesondertes Lager auf- 
zuschlagen, welch' letzteres bei allen Beschiefsungen und Angriffen 
geschont wurde. 

Die kleine Stadt (4500 Einwohner) liegt am linken Ufer des 
Klipflusses in einer wannenfbrraigen Mulde, die von einem doppelten 
Kranz von Kuppen und Höhenzügen umgeben ist; nur nach Südosten 
hin war eine offene Niederung, durch welche sich in tief eingerisse- 
nem Bette der Flufs seinen Weg gebahnt hatte. 

Auf dem inneren Höhenkranze, der von dem äufseren durchweg 
Uberhöht und beherrscht wird, hatten die Engländer in einem Um- 
züge von Uber 20 km sich verschanzt und ihre Geschütze in Stellung 
gebracht; an Artillerie besals White 5 schwere und 40 Feldgeschütze, 
war also der Artillerie des Belagerers unbedingt Überlegen. Aus 
diesem Grunde glaubte Joubert den zu einer provisorischen Lager- 
festung umgeschaffenen Platz durch Beschiefsung oder gewaltsamen 
Angriff nicht bezwingen zu können ; entgegen den Vorschlägen euro- 
päischer Berater, liels er die Verzettelung seiner schwachen Artillerie 
auf dem ganzen Umkreise von nahezu 50 km bestehen, statt sie 
Uberraschend zu einer Gruppe gegenüber der gewählten Angriffs- 
front zu vereinigen. 

So kam es, dals die vereinzelten, mit schwachen Kräften unter- 
nommenen Angriffe auf englische Werke abgeschlagen wurden, und 
dafs es anderseits 2 nächtlichen Ausfällen der Engländer gelang, den 
Buren 3 ihrer kostbaren schweren Geschütze wegzunehmen. 

Indessen war die Entsatzarmee unter Buller von Durban 
her im Anmarsch begriffen. Die vordersten Marschstaflein standen 
am 20. November bei Estcourt (General Hildyard), am Mooi-Kiver 
(General Barton) und um Pieter-Maritzburg. Um dieselbe Zeit hatte 
Joubert den sehr richtigen Entschlufs gefalst, Uberraschend Uber 
diese vordersten isolierten Gruppen herzufallen. Nur die nötigsten 
Einschliefsungstruppen zurücklassend, war er in 3 Kolonnen nach 
dem Süden aufgebrochen. Nach wenigen Tagen und leichten Ge- 
fechten (bei Chieveley und Willow - Grange, dann am Mooi - River) 
waren die vordersten Gruppen der Engländer in Estcourt und am 
Mooi-River eingeschlossen und die Bahnbrücke bei Colenso ge- 
sprengt; am 22. November stand Joubert mit seiner Hauptmacht 
(etwa 17 000 Mann) einen kleinen Tagmarsch nördlich Pieter-Maritzburg. 



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Der Krieg in Südafrika 1699/1900. 



309 



Hätten die Buren in diesen Tagen energisch angegriffen, so 
w ären die bis dahin in Pieter - Maritzbnrg eingetroffenen Teile des 
Bullerschen Korps zweifellos auf Durban zurückgeworfen worden, 
und der Feldzug in Natal hätte an der Küste sein Ende gefunden. 

Da kam ein burischer „Kriegsrat" den Engländern zu Hilfe; 
der Beschluß desselben, an welchem auch die beiden Präsidenten 
Teil hatten, lautete ganz nach berühmten Mustern: Aufgabe der „ge- 
fährlichen Offensive*', Kückzug hinter den Tugela, Verschanzung dort- 
.selbst (bei Colenso), um hier in der den Buren am meisten zusagen- 
den Kampfweise, der reinen Abwehr, dem Entsatzkorps Bullers wirk- 
sam entgegenzutreten. 

Am 26. November begann der Kückzug und Ende des Monats 
waren die eingeschlossenen üetachements Barton und Hildgard 
ohne eigenes Zuthun oder Verdienst wieder frei und Buller atmete 
auf. — 

In den letzten November- und ersten Dezember - Tagen vollzog 
sich der Aufmarsch des Bullerschen 1 ) Korps (Kriegsgliederung siehe 
Seite 306/307) ungestört bei Estcourt. 

Am 5. Dezember rückte Buller mit dem Gros bis Frere (einer 
Bahnstation in der Mitte zwischen Estcourt und Colenso), mit Vor- 
truppen bis Chieveley (ca. 10 km südlich des Tugela) vor; damit 
waren die vordersten englischen Truppen schon auf einen Tag- 
inarsch an Ladysmith herangekommen, so dafs die Fernlichtverbin- 
dung '•') mit den Belagerten aufgenommen werden konnte und fortan 
ein gemeinsames Handeln der Eingeschlossenen und Entsatztruppen 
ermöglicht war. 

Über den Stand der Dinge in Ladysmith war denn Buller auch 
in Bälde unterrichtet, 3 ) um so weniger aber Uber die Lage und Aus- 
dehnung der Burenstellung bei Colenso und deren Kräfteverteilung. 

') Der , nominelle - Führer des Entsatzkorps in Natal war der Divisions- 
General Clery, da Buller selbst als General - Cowmanding — in Chief the 
forees in .South Africa fungierte ; thatsächlich befehligte Buller jedoch auch das 
Entsatz-Korps persönlich. 

2 ) Bei Tage dient als Lichtferasprecher der Sonnenspiegel (von 18,6 cm 
Durchmesser auf 50 km, oder von 2? cm Durchmesser auf 180 kmj, bei Nacht 
die Kalklichtlampe (auf 80 km). Als Sprachsystem gilt das Morse- Alphabet; 
die strich- imd punktartigen Lichterscheinungen (Blitze) werden durch schnell 
bewegliche Blenden bewirkt. 

s ) Die Nachrichten waren verhältnismäfsig günstig; der energische White 
hielt seine Leute in guter Zucht; trotz mancher Entbehrungen war auch der 
Gesundheitszustand damals noch nicht bedenklich. In moralischer Beziehung 
trat auf die Kunde von dem herannahenden Entsatz sogar ein gewisser Grad 
von Gehobenheit ein, welcher in der schon erwähnten erfolgreichen Ausfall- 
thätigkeit zum Ausdruck kam. 



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310 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900 



Kavallerie- nnd Ballon-Aufklärung und der Kundschafterdienst ver- 
sagten hier gleichmälsig; dafs die Kavallerie in einem so schwie- 
rigen und wegearmen Hochgebirgsgelände, gegenüber natürlichen 
Festungen von der Stärke des Spionkops und einem Fronthindernis 
von der Art des Tugela versagte, wird niemand verwundern. 

Der Ballon vollends ist, wie das Fahrrad, eine „Scbönwetter- 
Wafte", — ganz besonders der Kugelballon. — Ein Aufsteigen in 
solcher Nähe, dafs die Erkundung mit freiem Auge möglich wäre, 
wird kein mit modernen Feuerwaffen versehener Gegner dulden; es 
bleibt also nur die Beobachtung durchs Glas und diese ist sehr 
problematisch. — Kein Ballon, auch nicht der verbesserte Drachen- 
ballon, steht so unbedingt ruhig, dafs ein Punkt im Gelände durch 
das Glas genügend lang festgehalten werden kann, um ein sicheres 
Erkennen des Gegenstandes zu gewährleisten; ein Drehen, Pendeln 
oder Tauchen von wenigen Dezimetern genügt, um den in einer 
Entfernung von einigen Kilometern anvisierten Punkt auf Hunderte 
von Metern aus dem Gesichtsfelde zu entrücken; ein geübter Beob- 
achter wird ja seinen Gegenstand in kurzer Zeit wieder finden, doch 
wiederholt sich das grausame Spiel in so rascher Folge und in so 
ermüdender, nervenquälender Weise, dafs höchstens sehr auffällige, 
grolse, massierte Truppenversammlungeu, lange, besonders durch 
Staubwolken markierte Marschkolonnen, durch Rauch- oder Feuer- 
erscheinung gekennzeichnete Biwakplätze etc. mit Sicherheit erkundet 
und erkannt werden können, — niemals aber gut maskierte Feld- 
befestigungsanlagen, Postenlinien etc. — Es ist daher auch in den 
offiziellen englischen Gefechtsberichten nirgends 1 ) von wichtigen 
Ballon-Meldungen die Rede. 

Wider Erwarten versagte auch der Kundschafterdienst, ob- 
wohl doch in Natal, im Gegensatz zur Kapkolonie, das englische 
Element vorherrschte; es scheint doch, als ob das erfolgreiche Auf- 
treten der Buren eine allgemeine Einschüchterung zur Folge gehabt 
hätte. 

Auf jeden Fall mufste seitens der Engländer alles versucht 
werden, um die Erkundung durchzusetzen, bevor man einen so ge- 
fährlichen Gegner in einer durch Natur und Kunst starken Stellung 
angriÖ. 

Die Mittel hatten die Engländer zur Hand: 10 Komp. berittener 
Infanterie, darunter 5 einheimische und 4 Batl. Jäger und leichte 
Infanterie. — Ich möchte glauben, dafs mit diesen Truppen ein „ge- 

>) Eine Ausnahme bildet die Ballonmeldung, welche das rätselhafte Ver- 
schwinden der Truppen Cronje's in den Erdhöhlen bei Wolveltraal Drift auf- 
klärte; hiervon später. 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



311 



miscbtes Auf klärungssy stein" sehr wobl durchzuführen war, ich denke 
mir dieses System etwa, wie folgt: die 4. Brigade (leichte Infanterie 
und Jäger) schob Vorposten auf etwa 5 km an die vermutete Stel- 
lung heran ; die 5 englischen Komp. berittener Infanterie etablierten 
sich als Meldesammelstellen; die 5 einheimischen Komp. gingen als 
Aufklärungs-Eskadrons über die vorderste Sicherungslinie vor und 
tasteten mit Patrouillen und einzelnen Aufklärern die ganze Stellung 
ab, d. b. sie bewegten sich sprungweise von Aussichtspunkt zu Aus- 
sichtspunkt vor, solange, bis sie angeschossen wurden; auf diese 
Weise, durch elastisches Wegprallen und Wiederheranprallen mufste 
schliefe lieh, wenn auch mit dem Opfer von einigen Dutzend Reitern, 
die ganze Frontlinie einschliefslich der Flttgelpunkte festgelegt werden. 
— Nun erst begann die Arbeit der leichten Infanterie. — Patrouillen 
derselben, von abgesessenen Leuten der berittenen Infanterie geführt, 
m nisten sich nachts zwischen den Burenposten oder um die Flügel- 
punkte herumschleicben, um die Lage der Batterien und Befestigungs- 
gruppen, etwa vorhandene Annäberungshindernisse aufzufinden etc.; 
dals hierbei die eine oder andere Schleichpatrouille nicht wieder 
zurückkehren würde, damit mufste gerechnet werden; so kleine Ver- 
luste durften überhaupt nicht zählen, wenn es sich um die Vermeidung 
von Massenverlusten handelte. 

Ich habe diese Betrachtung hier eingeflochten, weil sie die 
Gesichtspunkte enthält, unter welchen die englische Gefechts-Ein- 
leitung und Führung in den Kämpfen von Tugela zu beurteilen 
ist - 

Am 12. Dezember hatte Buller das ganze Korps hinter den 
Vortruppen bei Chieveley aufschliefsen lassen. 

Über die Stellung der Buren am Tugela hatte Buller teils nur 
Vermutungen, teils nicht ganz richtige Meldungen. Man hatte durch 
das Glas auf den Kuppen nördlich und östlich des Flusses Ver- 
schanzungen entdeckt; diese hielt man für die Burenstelluug. Am 
13. und 14. Dezember wurden diese Verschanzungen aus 8 weit- 
tragenden Marinegeschützen mit einem grofsen Munitionsaufwande 
beschossen und auch getroffen, jedoch ohne jeden Schaden für die 
Buren, denn thatsäcblich waren die fraglichen Erdwerke jene brücken- 
kopfartigen Befestigungen, welche von den Etappentruppen Whites 
im Oktober angelegt worden waren. Die Buren selbst lagen während 
der Beschiefsung ruhig und unversehrt in ihren, weiter südlich gegen 
den Flufe, teilweise sogar auf das Südufer 1 ) vorgeschobenen, ver- 
stärkten Schützendeckungen, die in musterhafter Weise dem Gelände 



>) Wie am Modder-River. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



angepafst, durch Buschwerk verkleidet and mit Drahthindernissen 
versehen waren. 

In seinem Gefechtsbericht vom 17. Dezember 1899 *) beschreibt 
Buller im Anschlufs an ein leider nicht vervielfältigtes Kroki das 
Schlachtfeld wie folgt: „Die Colensobrücke') ist der Mittelpunkt 
eines von Hügeln umgebenen Halbkreises, deren Kämme sie (die 
Brücke) in einer Höhe von 1400 Fufs bei einem Abstand von etwa 
4 1 /» Meilen (7200 m) beherrschen. Nahe der Brücke sind vier 
kleine rautenförmige, steilrandige, rondrtickige (wörtlich: schweins- 
rückige = hogbacked) Hügel, um so höher und länger gestreckt, 
je weiter vom Flusse ab. Diese Hügel, deren erster als Fort Wylie 
bekannt ist, war sehr stark verschanzt mit wohlgebauten, rohen 
Steinwällen längs der Höhenlinien; teilweise waren sogar 3 Reihen 
vorhanden. Es war eine sehr formidable Stellung für einen Angriff, 
aber ich dachte, wenn ich mich einmal in den toten Winkel unter 
Fort Wylie eingenistet hätte, dann wurden die übrigen Hügel grofsen- 
teils einander maskieren." 

Dies waren die vermeintlichen Stellungen, gegen welche die 
Granaten der Marinegeschütze vergeudet worden ; dafs südlich, west- 
lich und östlich davon die wirklichen Stellungen der Buren waren, 
war Baller unbekannt. So ist denn der Angriffsbefehl auf einem 
durchaus irrtümlichen Erkundungsergebnis aufgebaut; derselbe ist 
von General Clery „unter der Anleitung Bullers" (issued by my 
direction, sagt Buller) verfafst und in seiner äufseren Form offenbar 
einem deutschen Operationsbefehl nachgebildet, nur hie und da „ver- 
sagt das Schema" und Form und Inhalt nähern sich wieder der 
„altösterreichischen Schule". Als ein Beispiel für viele möge der 
Befehl hier im vollen Wortlaut 3 ) Platz finden: 

Chieveley, 14. Dezember 1899 10° abends. 

1. Der Feind ist verschanzt auf den Kopjes nördlich der Co- 
lensobrücke. Ein grofses Lager ist gemeldet nahe der Strafse nach 
Ladysmith, ungefähr 5 Meilen nordwestlich von Colenso. Ein wei- 
teres grolses Lager ist gemeldet auf den Hügeln, welche nördlich 
des Tugela, in nördlicher Richtung von dem Hlangwane - Hügel 
liegen. 

2. Es ist die Absicht des Oberkommandierenden, morgen den 
Übergang Uber den Tagela zu erzwingen. 

3. Die 5. Brigade wird von ihrem gegenwärtigen Lagerplatz 

i) Siehe Off. üesp. I Seite 11. 

2; Diese eiserne Strafsenbriieke war gleich der Ei senbahnb rücke von den 
Buren gesprengt worden. 

<l Siehe Uff. Desp. I Seite 13. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



um 4 30 vormittags aufbrechen und gegen die Bridle Drift marschieren, 
welche dicht westlich des Zusammenflusses von Dornkop Spruit und 
Tugela liegt. Die Brigade wird an diesem Punkt Ubergehen und 
nach dem Übergang längs des linken Flulsufers gegen die Kopjes 
nördlich der eisernen Brücke vorrücken. 

4. Die 2. Brigade wird von ihrem gegenwärtigen Lagerplatz 
um 4° vormittags aufbrechen und südlich des gegenwärtigen Lager- 
platzes von Nr. 1 und 2 der Divisionstroppen (Artillerie) vorUber in 
Richtung auf die eiserne Brücke von Colenso vormarschieren. Die 
Brigade wird an diesem Punkt tibergehen und die Kopjes nördlich 
der eisernen Brücke in Besitz nehmen. 

5. Die 4. Brigade wird um 4 30 vormittags nach einem Punkte 
zwischen Bridle Drift und Eisenbahn vorrücken, derart, dafs sie ent- 
weder die 5. oder 2. Brigade unterstützen kann. 

6. Die 6. Brigade (ohne Bataillon Bagagenbedeckung) 
wird um 4° vormittags östlich der Bahn in Richtung Hlangwane- 
Hügel in eine Stellung vorrücken, in welcher sie die rechte Flanke 
der 2. Brigade decken und, wenn nötig, entweder diese oder die 
berittenen Truppen unterstützen kann, welche, wie später erwähnt 
werden wird, gegen Hlangwane-Hügel vorrücken sollen. 

7. Der Führer der berittenen Brigade wird um 4° vormittags 
mit einer Streitmacht von 1000 Mann und 1 Batterie der I. Ab- 
teilung in Richtung Hlaugwane-Hügel vorgehen; er wird die rechte 
Flanke des ganzen Vorgehens decken und auf dem Hlangwane-Hügel 
eine Stellung einzunehmen suchen, von welcher aus er die Kopjes 
nördlich der eisernen Brücke flankieren wird. Ferner wird er 2 Ab- 
teilungen von 300 und 500 Mann zur Deckung der rechten, bezw. 
linkeu Flanke und zum Schutz der Bagage 1 ) abzweigen. 

8. Die II. Feld-Artillerie-Abteilung wird um 4 30 vormittags 
aufbrechen, der 4. Brigade folgen und in eine Stellung gehen, von 
welcher aus sie die Kopjes nördlich der eisernen Brücke flankieren 
kann; sie ist an die Befehle des Generalmajors Hart gewiesen. 

Die 6 Marinegeschütze (zwei 4,7-zöllige und vier 12-PfUnder> 
gegenwärtig in Stellung nördlich der 4. Brigade werden rechts der 
2. Feldabteilung vorgeheu. 

Die I. Feld -Artillerie- Abteilung (ohne 1 Batterie, abge- 
zweigt zur berittenen Brigade) wird um 3 30 vormittags östlich der 
Bahn vorrücken und unter dem Schutz der 6. Brigade bis zu einem 
Punkt marschieren, von welchem aus sie den Übergang der 2. Bri- 
gade vorbereiten kann. 



i; Siehe unten Ziffer 12. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1 IHM) 



Die 6 Marinegeschütze, welche zur Zeit mit der II. Feld- 
abteilung lagern, werden die 1. Feldabteilung begleiten und mit 
dieser bandeln. 

9. Sobald die in den vorstehenden Ziffern erwähnten Truppen 
in ihre Stellungen abgerückt sind, werden die zurückbleibenden 
Verbände und die Bagagen in tiefer Formation. Front nach Norden, 
in 5 Treffen, im Kücken der heutigen Artillerie-Stellung parkieren, 
der rechte Flügel jeden Treffens an der Bahnlinie, jedoch mit einem 
Zwischenraum von 100 Yards zwischen Bahnlinie und rechtem Flügel. 
(Es folgt nun die Aufzählung der einzelnen Munitionskolonnen, Feld- 
lazarette, Bagagen und Proviantkolonnen.) 

10. Der Standpunkt des Oberkommandos wird nahe den 
4, 7 -zölligen Geschützen sein. 

Der Pionier-Cd r. wird 2 Züge der 17. Pionier - Kompagnie 
mit der 5. Brigade und 1 Zug und den Stab mit der 2. Brigade 
entsenden. 

11. Jeder Infanterist wird 150 Patronen auf dem Leibe tragen, 
nachdem die auf den Ocbsenwagen der Kegimentsbagage mitgefühlte 
Munition verteilt sein wird. Infanterie-Mäntel können nach Wunsch 
der Brigade - Kommandeure auf zwei Ochsenwagen der Kegiments- 
bagage mitgefahren werden. Weitere Bedürfnisse dürfen auf diesen 
Wagen nicht verladen werden. 

12. Der Brigade-Kdr. 6. Brigade wird Bataillon zum Schutz 
der Bagage abzweigen. Die 2 Marinegeschütze, welche gegen- 
wärtig dicht südlich des Divisions - Stabsquartieres in Stellung sind, 
werden um 5* vormittags in die Stellung vorgehen, welche jetzt von 
den 4,7-zölligen Geschützen eingenommen ist" 1 ) 

Aus dem Wortlaut der vorstehenden Ziffern 1—8 ergiebt sich, 
dafs Buller des Glaubens war. nur die mittelste der 5 Kolonnen 
würde auf einen Gegner treffen, — jenen Gregner, den er auf den 
4 Höhenrücken nördlich der Colensobrücke annahm und welchen er 
nach dem 2tägigen Bombardement, das mit keinem Schuls erwidert 
worden war, bereits für sehr erschüttert hielt Thatsächlich hatte 

>) Es ist geradezu bemitleidenswert, wie Baller die Befrhlsgebung sich 
unnötigerweise erschwerte; sein Korps war dooh in 8 Divisionen gegliedert, 
gleichwohl wendet er sich nicht nur an alle Brigaden einzeln, sondern sogar 
an die Feld- Artillerie- Abteilung und einzelne Gruppen von Marinegeschützen 
selbst die Parkplätze der verschiedenen Trains, Kolonnen und Bagagen machen 
ihm spezielle Sorge. Oft sind ganz heterogene Sachen unter einer Ziffer ver- 
einigt; bei Ziffer 12 fiel dem Redakteur des Befehles plötzlich ein, dafs er 
2 Marinegeschütze vergessen hatte; dieselben werden ohne weiteres mit dem 
Bagagenschutz in einer Ziffer untergebracht Ja, auch in der Befehlstechnik 
könnte der englische Generalstab noch sehr viel lernen! 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



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aber Schalk Burgher, der an Stelle des erkrankten Joubert das 
Oberkommaudo der Buren in Natal übernommen hatte, seine ea. 
17000 Mann iu einer Ausdehnung von etwa 10 km „eingegraben" 
und in mustergültiger Weise fllr rasche Verschiebung von Truppen 
und Geschützen hinter dieser langen Froot vorgesorgt; sogar Feld- 
bahnen waren in Betrieb gesetzt. So kam es, dals jede der 5 Ko- 
lonnen auf einen Gegner stiefs und auch die mittelste ihren Gegner 
an einer Stelle traf, wo sie ihn nicht vermutete. Und alle Kolonnen 
hatten unter dem verheerenden Feuer, in das sie gerieten, den Ein- 
druck, die Hauptmasse des Feindes, mindestens aber überlegene 
Kräfte gegenüber zu haben, — alles in allem die gleiche Erscheinung 
wie am Modder-River und bei Magersfontein. 

Buller hatte, wie er schreibt, 1 ) die Idee, die westlichste Furt, 
die Bridle-Drift, zuerst zu überschreiten; die hier Ubergegangenen 
Truppen sollten auf dem linken Ufer rechts schwenken und durch 
einen Flankenangriff den Übergang für die mittlere Kolonne er- 
zwingen. Dieser Grundgedanke ist richtig, es fehlt nur an der In- 
scenierung. 

Erstens war der zeitliche Vorsprung von 30' für diese Um- 
gehungskolonne viel zu karg bemessen, — 2 Stunden waren das 
Minimum. Und zweitens mufste der mittleren Kolonne der bestimmte 
Auftrag gegeben werden, so lange ein hinhaltendes Gefecht zu 
filhren, bis die Wirkung des Flankenangriffs sich geltend machte. 

Dies die Fehler der obersten Führung. — nun zu jenen der 
Unterführer. Die Bridle-Furt wird nicht gefunden, einfach deshalb, 
weil sie nicht mehr da ist: die Buren hatten durch einen Damm 
den an und für sich mit Hochwasser gehenden Tugela aufgestaut. 

Wieder war keine Patrouille, kein Erkundungsoffizier, nicht ein- 
mal eine Spitze vorausgesandt worden! 

Auf der Suche nach der verlorenen Furt geriet die Brigade 
Hart östlich Uber den Dornkop Spruit hinweg, obwohl der Befehl 
ausdrücklich sagte, dafs die Furt dicht westlich der Mündung dieses 
Seitenflnsses zu suchen sei. 3 ) Auf dem Wege, den die Brigade nun 
einschlug, macht der Tugela eine nach Norden ausbuchtende Schleife; 
Buller, der diese verhängnisvolle Marschrichtung sah, wollte Hart 
zurückrufen — zu spät, die Falle war bereits zugeklappt: von drei 
Seiten prasselte das Feuer der Buren in die — natürlich massierten 
— Kolonnen. 

Zu allem Überfluts warf Buller noch 2 Bataillone der Brigade 
Lyttelton (der 2. Kolonne) von links herein in den Hexenkessel. 

>) Siehe Ofl. Desp. I Seite 11. 

3) Siehe Ziffer 8 vorstehenden Betehla. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



ludessen hatte auch im Centrum das Gefecht begonnen. Um 
6 Ä vormittags hatten die Marinegeschütze wieder ihre Schiefsübungen 
gegen die alten leeren Schanzen aufgenommen, ohne von der Buren- 
seite Antwort zu erhalten. Die Brigade Hildyard entwickelte sich 
zum Angriff; die 1. Feld-Artillerie- Abteilung, welche östlich der Bahn 
in eine Stellung zu geheu hatte, von der aus sie den (j bergang der 
Brigade Hildvard vorbereiten konnte, fuhr ohne Aufklärer Uber die 
Infanterie hinaus 1 ) und kam plötzlich auf 300 m in ein so mörde- 
risches Infanterie-Feuer, dals binnen kurzem die gesamte Bedienung 
und Bespannung verloren war. Niemand auf englischer Seite hatte 
eine Ahnung, dafs die Schützengräbeu der Buren an dieser Stelle 
sich südlich des Flusses befanden. 

Gleichzeitig (6 26 vormittags) hatten auch die Buren -Artillerie 2 ) 
und die Burenschützen beiderseits der Bahnlinie ihr Feuer eröffnet, 
letztere auf Entfernungen von 800 — 1000 m. Die Angriffs bewegung 
der Engländer kam ins Stocken; 2 Bataillone Hildyards machten 
den Versuch, die verlorenen Geschütze herauszuhauen, auch die Bri- 
gade Barton (2. Kolonne von rechts) beteiligte sich hieran, ebenso 
vergeblich. Mit ihrem Rest hatte diese Brigade sich der rechten 
Flügelkolonue angeschlossen, welche gegen den auf dem Hlangwane- 
Hügel postierten linken Flügel der Buren fruchtlos kämpfte. 

Das Centrum war indessen durch die letzten Bataillone der 
Brigade Lyttelton (4. Brigade) von rechts verstärkt worden, gleich- 
zeitig mit dem Befehl r not to become too hotly engaged-'. 

So waren denn glücklich auf der ganzen Linie die letzten 
'tappen ausgegeben, nirgends eine Überlegenheit angestrebt und 
erzielt, dafür alle Verbände gründlich vermischt, alle Leute bei der 
furchtbaren Hitze und dem Wassermangel nahezu verschmachtet, 
kurz, überall das Bild völliger Aussichtslosigkeit. Acht Stunden 
schleppte sich der Kampf in gleicher Weise fort, verlustreich für die 
Engländer, obwohl sich dieselben durchweg auf die Kespekts- 
entfernung von 800—1000 m zurückgezogen hatten; auf diese Distanz 
waren die Linien der Buren kaum erkennbar, „die Leute wufsten 
nicht, wohin zielen 44 , und haben auch wohl infolge ihrer mangelhaften 
Schielsausbildung nicht getroffen. Dagegen schlugen die Geschosse 



1 ) Auch hier war eine Unstimmigkeit des Befehles mit Schuld; die Ar- 
tillerie sollte um 8 80 , die Brigade Barton, welche die Artillerie bedecken soUte, 
erst um 4° aufbrechen. 

2 ) Major Albrecht war mit 2 Schnellfeuer-Batterien, die noch in der Schlacht 
am Muddcr- River mitgekämpft hatten und Tags darauf auf den östlichen 
Kriegsschauplatz geworfen worden waren, gerade rechtzeitig eingetroflen. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



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der Baren mit unheimlicher Sicherheit in die Reihen der Engländer 
ein. Auch die Buren-Artillerie zeigte sich hier dem Kleingewehr- 
feuer nahezu ebenbürtig; sogar die Ochsengespanue der auf grolse 
Entfernung schielsenden Marinegeschütze, wurden getroffen und 
gingen durch, so dals es grolse Mühe kostete, die Geschütze mit 
Handkraft fortzubringen. 

In dieser trostlosen Lage gab Buller um 2° nachmittags den 
Befehl zum Rückzug. Auch hier baute der Bure dem geschlagenen 
Feind goldene Brücken, kaum dals er den abziehenden Kolonneu 
einige Schüsse nachsandte. Nur dafs Teile der Brigade Hildyard 
(11. Bataillon Devonshire), welche den Rückzugsbefehl nicht erhalten 
hatten, ganz allein vor der Front liegen blieben, erschien den Buren 
als zu herausfordernd; sie brachen vor und nahmen dieselben ge- 
langen. 

Der Tag hatte den Engländern nahezu 1200 Mann und 11 Ge- 
schütze gekostet, während die Buren kaum 100 Mann verloren. 

Buller sammelte seine Truppen wieder in den Lagern von Chie- 
veley und Frere. 

So waren denn auf allen 3 Kriegsschauplätzen die englischen 
Streitkräfte lahm gelegt. Obwohl nirgends eine Entscheidung ge- 
fallen war, obwohl Uberall die Buren zu phlegmatisch waren, um 
den mühelosen Erfolg ihrer Waffen zum vernichtenden Schlage aus- 
zugestalten, und obwohl endlich die Verluste der Engländer nirgends 
so erheblich waren, dafs sie die Wiederaufnahme der Offensive als 
unmöglich hätten erscheinen lassen, so war doch das eine grofse 
Element verloren, das die Massen vorwärts treibt, — der innere 
moralische Halt, das Vertrauen auf die Führer, auf das Glück der 
eigenen Waffen. Nicht einmal die Truppenoffiziere, die doch sicher- 
lich mit rücksichtsloser Schneid ihre Haut zu Markte getragen, um 
durch ihr Beispiel ihre Leute mit fortzureifsen, nicht einmal sie 
wurden von den Mannschaften mehr respektiert. Was an Manns- 
zucht im englischen Heere vorhanden gewesen, war bei den 3 im 
Felde stehenden Heeresgruppen fast völlig verschwunden. Den drei 
Führern: Gatacre, Methuen, Buller, war daher bis auf weiteres un- 
bedingte Unthätigkeit durch die Verhältnisse geboten. 

Um so energischer ging das englische Kriegsamt zu 
Werke: Schlag auf Schlag folgten die Erlasse, welche die gesamte 
Wehrmacht Englands und eine grolse Anzahl Freiwilliger mobilisierten 
und vor allem jene Männer an die Spitze stellten, mit deren Namen 
die öffentliche Meinung das leibhaftige Kriegsglück, den Nimbus der Un- 
besiegbarkeit verband, — Lord Roberts, der schon einmal, 1879/80 
in Afghanistan, einen unglücklichen Feldzug zu gutem Ende führte 



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'MB 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



nnd LordKitchener, den Eroberer des Sudan, den populärsten Mann 
der jüngsten Zeit. 1 ) 

Auf den Schutz der eigenen Übermacht zur See und nicht zum 
wenigsten auch auf die Friedensliebe der kontinentalen Mächte ver- 
trauend, schickte England auch sein, eigentlich nur für home defence 
vorgesehenes III. Armeekorps*) grösstenteils in den Krieg, so dafs 
schliefslich für die Landesverteidigung nur noch ein Kern von 
14 Bataillonen, 12 Kavallerie-Regimentern, 16 Bataillonen regulärer 
Truppen zurttckblieb (siehe stations of the British Army vom 
10. Februar 1900). 

Auch die Nation that ein Übriges. — Eine Anzahl Milizbataillone 
(schliefslich ca. 30), yeomen und volunteers verzichteten auf ihre 
Privilegien und liefsen sich aufser Landes verwenden. — Die Be- 
wegung im Lande schien manchmal nahe an die Einführung der 
allgemeinen Wehrpflicht heranzutreiben; seltsam, — was Regierungs- 
vertreter und Parlamentarier erfolglos seit Jahren empfahlen, das 
wäre im Lande der kühlen Köpfe beinahe einem Dichter gelungen: 
Rudyard Kipling und seinem berühmten Liede! 

Und doch, wenn man die Hochflut nationaler Begeisterung, wie 
sie sich in lärmenden Kundgebungen des Stra Isen pöbele der grofeen 
Städte und in patriotischen Ergüssen der ganzen Presse auslebte, 
mit ihren Ergebnissen vergleicht, — much ado! — Wenn wir heute 
das Land der 40 Millionen Briten nach einem Aufgebot von etwa 
250 000 Mann an der Grenze seiner militärischen Machtentfaltung 
erblicken, wenn von 10 Millionen wehrfähiger Männer kaum 50000 
Freiwillige sich stellen, wenn wir sehen, wie Englands Diplomaten 
sich vergeblich bemühen, ihre politische Lahmlegung in der chinesischen 
Frage zu verhüllen, so müssen wir uns fragen: Wo blieben die 
Millionen, die nicht müde wurden zu rufen: „rigbt or wrong — my 
country*'? — Waren alle diese Millionen feige Krämerseelen, die 
mit einer Kriegssteuer von 1 °f 99 ihrer nationalen Verpflichtung ge- 
nügt zu haben glauben? — Oder aber schien es der grofsen Mehr- 
zahl, dafs die Sache, für welche man in Südafrika kämpfte, keine 
nationale sei, dafs sie den Einsatz guten englischen Blutes nicht 
wert sei? — Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir letzteren Grund 
als den wahren annehmen und uns Uberzeugt halten, dafs zur Be- 
streitung einer nationalen Sache, zur Abwehr einer nationalen 
Gefahr — gleich den Russen von 1812, den Preufsen von 1813 
und deu Franzosen von 1870/71 — auch jene Millionen von Briten 

'» Siehe Jahrbücher 18!>9, Februarheft. 
2> Siehe Jahrbücher 1900, Juliheft S. 47. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



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sieb erbeben werden, denen ihre Knochen zo schade waren, um sie 
för den Börsengewinn eines Rhodes and Chamberlain einzusetzen. 

Am 11. November war der Mobilmachungsbefehl für die 5. Di- 
vision { Warren), am 2. Dezember für die 6. (Kelly-Kenny ), am 
14. Dezember für die 7. Division (Tucker) ausgegeben worden. 

Die Mobilmachungszeiten waren außerordentlich lang; die plan- 
mälsigen Abschlüsse verzögerten sich meist um 10 — 12 Tage. 

Die 5. Division hatte zunächst noch Buller za verstärken; die 
Verwendung der 6. nnd 7. Division behielt der am 17. Dezember 
ernannte neue Oberkommandierende, Lord Roberts sich vor. 

Angriff der Buren auf Ladysmith am 6. Januar 1900. 
Am 20. Dezember war die Division Warren in Durban aus- 
geschifft, aber erst am 9. Januar erreichte sie das Lager von 
Frere. — 

Inzwischen hatte nur ein kleines Gefecht vor Ladysmith — am 
6. Januar — die allgemeine Waffenruhe unterbrochen. — Die Buren 
hatten endlich — wohl unter dem Eindruck der nahenden englischen 
Verstärkungen — sieb zu einem Angriff auf Lad ysraitb entschlossen, 
aber in wie schwächlicher Weise kam dieser Entschlufs zur Durch- 
führung! Zwei schwache Sturmkolonnen, jede etwa '/« Bataillon 
stark, wurden in der Nacht zum 6. Januar gegen 2 Punkte der 
Südfront, Cesars Camp und Wagon-Hill, angesetzt; der ganze Rest 
des Belagerungskorps sah mtllsig zu, nicht einmal zu Demonstrationen 
schwang man sich auf. So hatten denn die Engländer Zeit und die 
Möglichkeit, an der bedrohten Front im Laufe des Vormittags eine 
grolse Überlegenheit anzusammeln und die tapferen Angreifer nach 
anfänglichen Erfolgen zurückzuweisen. Buller, durch den Fernlicht- 
sprecher am Morgen des 6. von dem bedrohlichen Angriff unter- 
richtet, wagte nicht mehr als eine Kanonade aus respektvoller Ent- 
fernung (bei Colenso). 

2. Entsatzversuch. 

Erst nach Eintreffen der Verstärkungen (9. Januar nunmehrige 
Kriegsgliederung des Entsatzkorps siehe S. 306/307) raffte er sich zu 
einem zweiten gröberen Entsatzversuche auf. Er wählte für denselben 
eine mehr westliche Angriffsrichtung, Uber Springfield auf Acton 
Homes, eine Richtung, welche die Rückzugslinie der Freistaatler 
senkrecht durchschnitt. Hätte er diesen Plan überraschend zur 
That umgesetzt, so war es nicht ausgeschlossen, dars wenigstens die 
Freistaatburen einen beschleunigten Abmarsch hinter ihre Grenzen 
in Erwägung zogen. Statt dessen wurde die englische Bewegung 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



auf das umständlichste vorbereitet und sehr früh den» Feinde ver- 
raten. Schon am 10. Dezember erschienen die Reiter Dundonalds 
an den Furten, welche für den Übergang in Aussicht genommen 
waren. Die Buren hatten ihre Posten hinter den noch immer hoch 
angeschwollenen Tugela zurückgezogen, der auf der fraglichen Strecke 
nur au zwei Stellen, der Potgieters- und Trichard's- (oder Wagon)- 
Drift, zu Uberschreiten war. und verschanzten sich, da der Südufer- 
rand die Niederungen und flachen Hänge des linken Ufers Uberhöhte, 
erst einige km nördlich des Tugela auf den beherrschenden Tafel- 
bergen, welche unter den Namen Dorn Kloof, Val Krans, Brakfontein 
und Spion Kop bekannt geworden sind. Diese Tafelberge scheinen 
in ihrem Auibau viele Ähnlichkeit mit den abessiniscbeu Ainbas 1 ) zu 
haben, — isolierte Kegelstümpfe, welche in ihrem obersten Teile 
einen Kranz von Steilrändern tragen, über die man nur durch ein- 
zelne Rinnen zu der leicht gewölbten Hochfläche des Gipfels ge- 
langen kann. Den auf diesen Aussichtswarten ersten Ranges 
stehenden Buren entging keine der englischen Bewegungen; tage- 
lang schauten sie dem Bau der Feldbahn Frere- Springfield zu. Sie 
sahen, wie zwischen dem 9. und 13. Januar lange Kolonnen an- 
rückten und bei Springfield und Spearmans Farm aufmarschierten 
und Lager bezogen, wie dann zwischen dem 13. und IG. Januar 
hinter den Truppen die StralVenlokomotiven herankeuchten und end- 
lose Kolonnen von mehreren 1000 Ochsen- und Maultiergespaunen 
mühsam folgten. Ruhig sahen sie ferner zu, wie zwischen dem 
13. und 19. Januar auf den tiefer liegenden Höhen, dem Zwarte 
Kop und Alice Kop schwere Geschütze in Stellung gebracht, wie 
Pontonsbrücken geschlagen wurden und Truppen aller Waffen auf 
Kriegsbrücken und Furten (bei der Potgieters-Drift) Ubergingen, 
und sich am Nordufer ausbreiteten und einnisteten, wie endlich am 
16. und 17. Januar grofse Massen des Gegners sich von Springfield 
aus abermals westlich verschoben und durch die Wagon-Drift auf 
das Nordufer übergriffen, — ich sage, „ruhig" sahen die Buren zu, 
aber nicht unthätig. Hinter den mächtigen Coulissen ihrer Berge, 
verschoben sie, den klar erkannten Bewegungen des Feindes sich 
stets anpassend, ihre Kräfte derart, dafs alle Umfassungsversuche 
der Engländer vereitelt wurden, und dals jeder vermeintliche 
Flankenangriff wieder auf eine wohlvorbereitete Burenfront treffen 
mulste. 

Die Kämpfe um den Spion-Kop vom 20. — 25. Januar 1900. 
In der nachstehenden Darstellung der Kämpfe um den Spion 

i) Siehe Jahrbücher 1896, Novemberheft, Seite 139. 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



Kop folge ich den erst am 17. April L Js. 1 ) veröffentlichten offiziellen 
Gefechtsberichten Warrens und Bullers, nebst den kritisierenden Be- 
gleitberichten des Letztgenannten und des Feldmarschalls Roberts, — 
Kritiken, deren Preisgabe von der englischen Tagespresse und im 
Parlamente auf das heftigste angegriffen wurden. 

Bullers ».geheimer" Plan war folgender: 1. Brigade (Barton) 
deckt das Lager bei Chieveley, die kombinierte Division Warren, 
aus den Brigaden Hart, Hildyard und Woodgate bestehend, soll Uber 
die Wagon-Drift in Richtung Acton Horaes vorstolsen und von dort 
auf der freien Hochfläche dem Feinde in den Rücken gehen, wäh- 
rend die Brigade Coke und Lyttelton gegenüber den Furten Skiets- 
Drift und Potgieters-Drift, unterstützt durch Marinegeschütze demon- 
strieren und den Feind festhalten sollten. Warren hatte Proviant 
und Futter für 3*/> Tage mit sich, während bei Spearmans Farm 
für alle Truppen Portionen und Rationen auf 17 Tage lagerten. 

Schon bei diesen Dispositionen fällt die unnötige Zerreilsung 
der Verbände aaf; dem General Warren ist seine Brigade Coke, dem 
General Clery (2. Div.) seine Brigade Hildyard genommen, und er 
selbst für seine Person dem Stabe Warrens attachiert, während die 
3. Division (Gatacre) Uberhaupt noch keinen Führer hat und gleich- 
falls auseinander gerissen ist. 

Warren hatte bis zum 19. abends seine Truppen samt Trains 
auf einer Kriegsbrücke und durch die Furt übergesetzt und in dem 
Seitenthale des Veuters Spruit aufsch Uelsen lassen. Am 19. abends 
hielt er Kriegsrat; er setzt diesem auseinander, dafs die ihm auf- 
getragene Vormarschrichtung Uber Acton Homes (er nennt dieselbe 
irrtümlich „the eastern one u statt „westera") zu verwerfen sei, weil 
auf diesem weiteren Wege die mitgefuhrten Vorräte (3'/» Tage) 
nicht ausreichen würden, und dafs er lieber die mehr nordöstlich 
(kürzere) Marschrichtung Uber Fair View und Rosalie 3 ) einschlagen 
würde; da die letztere jedoch anf 200 Yards (nach der Karte aber 
etwa 3*/i km) an dem von den Buren besetzten Spion Kop vorbei 
führe, so könne ein Flankenmarsch mit Trains nicht ausgeführt 
werden; es müsse also entweder auf die Trains verzichtet, oder 
zuerst der Spion Kop genommen werden. 

Das Ergebnis des Kriegsrats ist sonderbarerweise ein Telegramm 
an Buller, worin um mehr Proviant gebeten wird; bis dahin wolle 

') Also wohl nach Drucklegung der einschlägigen Lieferungen von 
v. Estorffs u. v. Müllers. 

3 ) Auf No. 1449 der engl. Gen.-Stabskarte 1 : 126 720 ist nur Koaalie 
(etwa 67t km nordüstl. des Spion Kops) angegeben. 

JihrbQcher für die deuUohe Armee und Marine. Bd. 116. 3. 22 



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322 



Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



Warren in Venters Laager verbleiben und „besondere Anstalten 
treffen". 

Am 20. Januar begann er gleiohwohl die Durchführung seines 
eigenen Planes: „Vormarsch auf Rosalie und vorherige Wegnahme 
des Spion Kops" einzuleiten. 

Im Laufe des Tages wurden einige Vorstufen des Spion Kops 
in leichten Plänkeleien weggenommen; am 21. Januar sah sich 
Warren bereits wieder von den Buren links überflügelt und tele- 
graphierte an Buller um Verstärkungen und Haubitzen. — Buller 
traf am Morgen des 23. mit den verlangten 4 Haubitzen persönlich 
auf dem Gefechtsfelde ein; auch hatte er 2 Bataillone der eigentlich 
zur Division Warren gehörigen Brigade Coke mit diesem selbst von 
der Skiet-Drift weggezogen und Warren wieder zur Verfügung ge- 
stellt; aafserdem wurden Portionen und Kationen für weitere 3 Tage 
übersendet. Buller war mit dem Stand der Dinge selbstredend nicht 
zufrieden; statt nun aber energisch darauf zu dringen, dafs Warren 
die ihm aufgetragene Vormarschrichtung Uber Acton Horn es unver- 
züglich aufnähme, begnügte sich Buller, seinem Divisions-Führer Vor- 
würfe zu macheu, dafs er nun 4 Tage lang in engster Gefechtsfühlung 
mit dem Gegner stünde, und in fruchtlosen und verlustreichen 
Kämpfen seine Truppen, ja sogar 6eine Reserven ständig ungedeckt 
dem Feuer der Buren aussetzte. 

Als Buller im Laufe des 23. Januar sah, dafs auch durch das 
Einsetzen der Verstärkungen sich die Gefechtslage nicht besserte, 
stellte er Warren die Alternative, entweder den Spion Kop zu 
nehmen, oder seine Truppen Uber den Tugela zurückzuziehen. 
Warren erwiderte, er habe schon Tags zuvor (am 22. abends), den 
General Coke mit der Wegnahme des Spion Kop beauftragt gehabt ; 
dieser habe jedoch mit dem Hinweis abgelehnt, dafs ein Angriff 
ohne vorgängige genaue Erkundung unthunlich sei. Buller legte 
Warren nahe, dafs Coke noch an den Folgen eines jüngst erlittenen 
Beinbruches leide und schlug ihm zur Durchführung des Angriffs den 
General Woodgate vor, „der 2 gesunde Beine habe". Woodgate 
wurde noch für denselben Abend (23.) zum Angriff befohlen; Buller 
teilte ihm einen Offizier seines eigenen Stabes zu. Mit 2 l f M Batl. 
seiner Brigade, verstärkt durch 2 Kompagnien berittener Infanterie 
und Vi Pionier-Kompagnie führte Woodgate seine Aufgabe durch; 
nach Ostündigem, nächtlichen Aufstieg war am Morgen des 24. die 
Höhe fast ohne Verluste (3 Verwundete) genommen. Dichter Nebel 
verhinderte jeden Ausblick. Als der Nebel sich verzog, lag die 
englische Brigade schutzlos zusammengedrängt auf der kahlen Höhe 
unter dem Feuer der auf dem höheren Nordgipfel des Spion Kops 



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Der Krieg in Südafrika 1 $99/1900. 



323 



liegenden Boren. Indessen war Bullers Nachrichtenoffizier am 
Morgen des 24., beruhigt Uber den leichten Erfolg Woodgates, wieder 
ins Thal herabgestiegen; kaum war er ins Hauptquartier abgeritten, 
so kam ein Heliogramm von oben: „Sofort Verstärkung oder alles 
verloren. Generat tot.* 4 Warren schickte sofort (10° vormittags) 
den General Coke mit 2 Bataillonen zu Hilfe. Auch Buller, der 
gleichfalls heliographisch benachrichtigt war, hatte von Osten her 
2 Bataillone der Brigade Lyttelton zur Unterstützung auf den Spion 
Kop entsendet, so dafs am Nachmittage des 24. sich 7 Bataillone, in 
Summa ca. 5000 Mann auf dem verhältnismässig kleinen Räume des 
Südgipfels drängten. Die Stärke der Buren auf dem Nordgipfel soll 
ca. 250 Mann und 6 Geschütze betragen haben. 

Mit der Ankündigung der Verstärkungen hatte Warren um 
10° vormittags dem Oberst Crofton, der als ältester Bataillons- 
Kommandeur nach der Verwundung Woodgates das Kommando über- 
nommen hatte, den Fernlicht-Befehl geschickt, bis zum Äufsersten 
auszuhalten. Gleich darauf erhielt Warren ein Telegramm Bullers 
mit dem ominösen Inhalt: „Wenn Sie nicht einen wirklich guten 
Haudegen („ some really good hard-fighting man %i ) als Befehlshaber 
auf dem Spion Kop einsetzen, werden Sie die Höhe verlieren; ich 
schlage Thorneycroft 1 ) vor." Schleunigst heliographierte Warren 
abermals an Crofton: „Mit der Zustimmung des Oberkommandierenden 
setze ich Oberstleutnant Thorneycroft als Befehlshaber auf dem 
Gipfel ein, mit dem örtlichen Rang eines Brigade-Kommandeurs." • 

Man denke sich nun diese Verwirrung der Befehlsverhältnisse 
der älteste Oberst (Crofton) hat im heftigsten Gefecht den Befehl 
von dem tödlich verwundeten Brigade-General (Woodgate) über- 
nommen; ein weiterer Brigade-General (Coke) ist unterwegs und soll 
nach Eintreffen das Gefecht zu Ende führen; und nun wird Uber die 
Köpfe des Obersten und des Generals hinweg ein Oberstleutnant als 
Gefechtsleiter eingesetzt. Gleichwohl fragt Warreu um l 10 nach- 
mittags nicht etwa bei Thorneycroft, sondern bei General Coke Uber 
den Stand der Dinge an und hört von diesem, dafs die Lage sehr 
kritisch sei und dals vor allem die feindliche Artillerie zum Schweigen 
gebracht werden müsse; hierzu seien Geschütze nötig. Warren 
zögerte den ganzen Nachmittag über, die erbetene Artillerie abzu- 
senden; bei der Wichtigkeit des Gefechtes war es zweifellos für ihn 
geboten, sich persönlich oder durch Organe seines Stabes von dem 
Stande desselben zu überzeugen; statt dessen hielt er es für aus- 
reichend, um 6 30 nachmittags nochmals heliographisch anzufragen, 

*) Thorneycroft war der Führer einer Woodgate zugeteilten Kompagnie 
berittener Infanterie; siehe Kriegsgüederung Seite 306/307. 

2<_>* 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



„ob man denn nicht einen Teil der Leute aus dem feindlichen 
GeschUtzfeuer zurückziehen könne?" Erst später am Abend traf er 
Anstalten, die verlangten Geschütze und weitere Pioniere, welche 
splittersichere Unterstände bauen sollten, hinanfzasenden. Den 
General Coke rief er um 9 S0 abends zur persönlichen Berichterstat- 
tung ab. Kaum war derselbe abgegangen, so gab Thorneycroft 
— etwa 10° abends — auf eigene Verantwortung und trotz 
des heftigen Widerspruches der übrigen, meist älteren 
Truppenkommandeure, deu Befehl, dieStellung zu räumen; 
unterwegs auf halber Höhe begegneten sich die abziehenden Truppen 
und die im Aufstieg begriffene Artillerie, welche selbstverständlich 
mit umkehrte. 

Warren beantragte standrechtliche Untersuchung gegen Thorney- 
croft; Buller dagegen war der Ansicht, dafs Thorneycroft durch 
seinen Rückzugsbefehl lediglich „eine weise Mälsigung an den Tag 
legte"; dafs die Artillerie nun endlich unterwegs war, habe der 
Oberstleutnaut nicht wissen können. Die Anordnungen zur Ver- 
stärkung seien viel zu spät getroffen worden; Uberhaupt habe die 
Thätigkeit Warrens an diesem Tage einen bedenklichen „Mangel an 
Organisation und System" gezeigt. Roberts bemerkt hierzu in seinem 
Berichte an das Kriegsamt u. a.: „Bei aller Achtung vor der per- 
sönlichen Tapferkeit Thorneycrofts könne er der Meinung Bullers 
uicht heistimraen. an der Festhaltung des Spion Kops sei der Ent- 
satz von Ladysmith gehangen; wenn auch Thorneycroft nicht wufste, 
dals Verstärkungen unterwegs waren, so mufste er wenigstens die 
Nacht über aushalten, denn während der Dunkelheit konnte das 
Feuer der Buren kaum „formidabel" sein. Aulserdem hätte 
Thorneycroft doch zweifellos mit Warren oder Buller wegen der 
Räumung der Stellung vorher korrespondieren müssen. Die Auf- 
gabe des Spion Kops ohne vorherige Anfrage, eine Malsnahme, die 
den ganzen Operationsplan umstürzte und die bisherigen schweren 
Opfer zu fruchtlosen machte, sei daher durchaus unentschuldbar." 
Sehr richtig fügt Roberts bei: „Es ist bedauerlich, dafs Warren 
nicht in eigener Person am Nachmittag oder Abend den Spion Kop 
besuchte, da er doch den Stand der Dinge als kritisch kannte, und 
wufste, dafs der Verlust der Stellung das Fehlschlagen der ganzen 
Operation bedeutete." Ferner bespricht Roberts die von Buller mit- 
verschuldete Unklarheit der Befehlsverhältnisse und die schwere 
Versäumnis Warreus, die Absendung der Artillerie Thorneycroft 
nicht mitgeteilt zu haben; nach alledem giebt er Buller recht, wenn 
dieser einen Mangel au Organisation und System bemerkte." 

Am Schlüsse seines Berichts macht Roberts jedoch eine scharfe 



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Der Krieg in Südafrika 1899/1900. 



325 



Wendung gegen Buller selbst: „Was auch Warren gefehlt haben 
mag, so mufs doch der unglückliche Ausgang auch der Abneigung 
des Höchstkommandierenden zugeschrieben werden, seine Autorität 
geltend zu machen und zuzusehen, dafs das, was er für das beste 
hielt, auch geschähe/ 4 Roberts meint hiermit offenbar die schon er- 
wähnte Thatsache, dafs Buller am 23. früh Warren nicht zur 
strikten Ausführung seiner Befehle (Vormarsch auf Acton Homes) 
anhielt, sondern nur mehr oder minder laut grollend zusah, wie sein 
Unterführer nach eigenen Heften arbeitete. Ob die Durchführung 
des ursprünglichen Befehls Bullers den Erfolg verbürgt hätte, bleibt 
freilich eine offene Frage, wahrscheinlich aber würden die Buren, 
in ihrer Abneigung gegen die Offensive, den Flankenmarsch bis 
Acton Homes kaum gestört, sondern sich lediglich gleichfalls seit- 
wärts verschoben und erst zwischen Acton Homes und Ladysmith 
wider defensiv vorgelegt haben. Ob sie jedoch dort, auf der freien 
Hochfläche, eine ebenso günstige, einer natürlichen Festung glei- 
chende Stellung, wie am Spion Kop gefunden haben würden, ist 
zum mindesten zweifelhaft. Und hierin lagen die Chancen des 
gescheiterten Bullerscben Planes beim 2. Entsatzversuch. 

Es ist nur noch in Kürze nachzuholen, was sich des weitereu 
am 24. Januar und den folgenden Tagen ereignete. Der schwache 
Rest der Brigade Lyttelton (2 Bataillone) hatte sich während des 
Kampfes am Spion Kop mit einem hinhaltenden Gefecht an der 
Potgieters-Drift begnügen müssen; ebenso war die Beschielsung der 
dortigen Burenstellungen durch die Marinegeschütze wie gewöhnlich 
wirkungslos. Am 25. früh begab sich Buller in das Lager Warrens 
und übernahm wieder den Befehl Uber dessen Truppen. Augesichts 
der grofsen Verluste in den letzten Tagen (nahezu 2000 Mann, 
wovon fast die Hälfte auf die 7 Bataillone am Spion Kop entfielen) 
befahl Buller den Rückzug hinter den Tugela. 

Und nun kommt von den Beweisen des Burenphlegmas der 
schlimmste — ein fllr den militärischen Beobachter geradezu 
empörendes Schauspiel ! Unter den Augen, ja direkt vor den Gewehr- 
läufen der Burenschützen vollzieht sich an einer einzigen Uber- 
gangsstelle der Rückzug von nahezu 2 Divisionen samt Trains 
und Kolonnen, volle 48 Stunden hindurch. Am 25. morgens begann 
der Ubergang 1 ) des Trains; 232 Ochsenfuhrwerke, jedes doppelt be- 
spannt, passierten die Furt, etwa 8 in jeder Stunde; da überdies 
Nachts die Furt nicht benutzt werden konnte, so dauerte der Über- 
gang des Ochsentrosses allein bis zum 26., nachmittags 2°. Gleich- 



V) Siehe Off. Desp. II. Seite 31. 



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32»i 



Der Krieg in Südafrika 1 899 i 1900. 



zeitig passierten 257 vier- bis zehnspännige Maultierfuhrwerke die 
Pontonsbrücke ; am 2(J. II 30 vormittags war endlich die Brücke frei 
und jetzt erst konnte derÜbergang derTruppen beginnen. 
Am 27. früh 4° hatten aach diese die Brücke überschritten; um 
8 • waren die Brücken abgefahren und die Pontons verladen. 

Zu dem ganzen, geradezu verzweifelten Manöver der Engländer 
rauchten die Buren auf den Höhen 2 mal 24 Stunden lang ihre Pfeifeu ; 
eine einzige Granate auf die Brücke geworfen, eine Lage Maxim 
oder einige Minuten Schnellfeuer hätten unzweifelhaft zu einer 
vollen Katastrophe führen müssen. Eine solche Gleichgültigkeit 
gegenüber dem eigenen Vorteil ist beispiellos in der Kriegsgeschichte ! 
Kein Wunder, wenn Buller sich das unbegreifliche Verhalten der 
Buren damit erklärte, dafs er sie infolge der englischen Angriffe 
für „thoroughly disheartened" hielt, kein Wunder ferner, wenn die 
englischen Führer sich des gelungenen Kunststücks rühmten und das 
moralische Element im englischen Lager sich, dank der wunder- 
baren Rettung aus höchster Not, rasch wieder hob. 

3. Entsatzversuch. 

Thatsächlich sehen wir Buller schon nach etwa 1 0 tägiger Ruhe 
im Lager bei Spearmans Farm zu einem weiteren (3.) Entsatz- 
versuch bereit. Er hatte inzwischen Verstärkungen an Artillerie 
(18 Marine-Schnellfeuergeschütze und 8 15 cm Haubitzen) aus Dur- 
ban erhalten. Mit den schweren Geschützen verstärkte er sogleich 
die Artillerie-Stellung auf dem Zwarte Kop, der alle die Zeit her 
besetzt geblieben war. Bullers Plan war dieses Mal, die 
Stellung der Buren, welche mit dem rechten Flügel am Spion 
Kop, mit dem linken auf dem Groblerekloof erkundet war, also eine 
Ausdehnung von ca. 30 km hatte, in der Mitte zu durch- 
brechen. Als Angriffspunkt wählte er den Val Krans, eine zwischen 
den beiden Strafsen Skiet-Drift-Ladysniith und Potgieters- Drift- 
Ladysmith gelegene Höhe. 1 ) 

Gefecht am Val Krans am 5. und 6. Februar 1900. 
Die Gefechtsführung Bullers ist wieder eine höchst eigenartige. 
Zunächst giebt er das Moment der Überraschung abermals voll- 

i) Die Nomenolatur der englischen Gen.-St.-Karte ist hier offenbar eine 
unrichtige; In derselben ist mit „Val Krans" eine, anscheinend zu den Brak- 
fontain-Bergen gehörige, zwisohen den beiden grofsen nach Norden aussprin- 
genden Tugela-Bögen gelegene Höhe bezeichnet, während nach den Gefechts- 
berichten Bullers zweifellos mit „Val Krans" eine Höhe gemeint ist, welche 
dicht östlich der Östlichen Tugela-Sohleife Uegt, und sich als südlicher Ausläufer 
des Krans Kloof darstellt. 



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Der Krieg In Südafrika 1899/1900. 



:5i>7 



kommen preis; schon am 3. Februar zieht er sämtliche Troppen aus 
dem Lager vor, nnd stellt sie gegenüber dem beabsichtigten An- 
griffspunkt in enger Versammlung bereit. Dann läfst er den Buren 
2 Tage Zeit, ihre Gegenmaßnahmen zu treffen, d. h. von den 
Flügeln herein die nötigen Kräfte an dem bedrohten Punkte zu- 
sammenzuziehen. Am 5. morgens lälst er zunächst demonstrieren. 
Die 11. Brigade (früher Woodgate, jetzt Wyone) geht um 9° vor- 
mittags mit starker Artillerie (6 Batterien) durch die Potgieters- 
Drift gegen die Brakfontein-Höhen vor, verrät aber zu deutlich ihre 
demonstrative Rolle, indem sie nur auf 1500 m herangeht und hier 
ein natürlich wirkungsloses Fernfeuer eröffnet. Die Artillerie hatte 
auf etwa 2000 ra das Feuer gegen die Brakfontein-Höhen aufge- 
nommen. 

Indessen gelaug es der zum Hauptangriff bestimmten Brigade 
Lyttelton am Ostfufse der nördl. Ausläufer des Zwarte Kops, längs 
des tief eingeschnittenen Flufslaufes — also in einem vollständigen 
Engnis und im Flankenmarsch an der Burenstellung vorUber — bis 
nahezu an den Scheitelpunkt des östl. Tngela-Bogens vorzurücken, 
dort nach Vertreibung einiger schwachen Burenposten eine Brücke 
zu schlagen und ungefährdet überzugehen. 

Bis hierher stimmt alles genau nach dem taktischen Rezept; 
nun kommt das Unglaubliche: Die an den Hängeu des Val Krans 
mit dem Rücken dicht am Fluls bereitgestellte Brigade Lyttelton 
darf ohne Artillerie-Vorbereitung nicht angreifen; fast die gesamte 
Artillerie ist aber bei der Brigade Wynne; Lyttelton mufs daher in 
dieser fatalen Lage stundenlang warten, bis die Brigade Wynne hinter 
den Tugela zurückgegangen und die 6 Batterien iu eine Stellung 
auf den Osthängen des Zwarte Kops mit Wirkung gegen den Val 
Krans neuerdings aufgefahren sind. Die Buren auf dem Val Krans 
lassen sich, in ihrer unseligen Unlust, anzugreifen, die günstige Ge- 
legenheit entgehen, Lyttelton durch einen Vorstols in den Flufs zu 
werfen; dagegen lassen die Buren- Artilleristen ausnahmsweise die 
Brigade Wynne und die 6 Batterien nicht ohne weiteres abziehen; 
besonders die letzteren geraten beim Abfahren in ein recht unan- 
genehmes Kreuzfeuer vom Spion Kop und den Brakfontein-Bergen 
her. Immerhin gelingt es der englischen Artillerie, wenn auch 
einigermaßen zerzaust, um Mittag die neue Stellung zu erreichen. 
Während die schweren Geschütze auf dem Alice- und Zwarte Kop 
die Buren-Artillerie auf dem Spion-Kop und den Brakfontein-Höhen 
niederhielten, deckten gleichzeitig die 6 Feld-Batterien den Val Krans 
mit so guter Wirkung ein, dafs es der Brigade Lyttelton im ersten 
Anlauf und ohne grolse Verluste gelang, die Stellung zu nehmen. 



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IV2H 



Das Offizierkorps und der Lnxus. 



Auch ein Gegenstofs der Boren wird, dank der Mitwirkung der 
Artillerie, mühelos zurückgeschlagen. 

Was thut nan Baller, nachdem für den Durebbruch der Weg 
gebahnt ist? Obwohl er sein ganzes Korps (5 Brigaden) gedeckt 
am Sudhange des Zwarte Kops bereitgestellt hat, unternimmt er 
nichts, um seiner siegreichen Avantgarde mit der Masse naebzu- 
stofsen. Der Tag vergeht und die völlig isolierte Brigade Lyttelton 
leidet auch während der Nacht unter dem heftigen Feuer der Buren, 
da ein Prairiebrand ihre Stellung hell beleuchtet Auch der ganze 
nächste Tag wird lediglich mit einer Kanonade ausgefüllt; indessen 
haben die Buren ein schweres Geschütz auf den Dorn Kloof ge- 
bracht und starke Schützenketten im Halbkreis auf den Höhen nördl. 
und östl. des Val Krans zusammengezogen. Und was thut Buller? 
Er lälst die völlig erschöpfte, seit 24 Stunden allein fechtende Bri- 
gade Lyttelton gegen Abend des 6. durch die Brigade Hildyard 
ablösen, — etwa wie man bei loser Fühlung mit dem Feinde 
eine Feldwache ablöst!! Da die Buren sich auch durch dieses 
schöne und gewifs verblüffende Manöver nicht imponieren Uelsen, 
sondern fortfuhren, den Val Krans mit ihrem Feuer zu belästigen, 
so zog Buller in der Nacht zum 7. Februar auch die Brigade Hildy- 
ard wieder zu den übrigen 5 zurück. 

Und damit endete der 3. Entsatzversuch, mit etwa 400 Mann 
Verlust, der natürlich fast ganz auf die Brigade Lyttelton entfiel. 

Leider ist die Kritik Roberts Uber diesen glorreichsten Tag 
Bullerscher Taktik nicht bekannt geworden. Nach solchen Leistungen 
des englischen Oberfeldherrn wird es wohl niemals einem Zweifel 
unterliegen können, dals er, ohne den Umschwung in der allgemeinen 
Kriegslage, welchen das Eingreiien Roberts herbeiführte, nie und 
nimmer Ladysmith entsetzt haben würde. 

(Fortsetzung folgt.) 



XXI. 

Das Offizisrkorps und der Luxus. 

Das Militärwochenblatt brachte vor einiger Zeit einen Artikel, 
der sich in gewifs wohlmeinender Weise gegen den zn grolsen 
Aufwand in der Geselligkeit des Offizierkorps wandte. So wohl- 
meinend die Absicht des Verfassers unstreitig gewesen ist, so viel 
Richtiges auch in seinen Ausführungen enthalten ist, so trifft er 
dennoch die Sache nicht völlig. 



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Das Offizierkorps und der Luxus. 



32» 



Einmal behaupte ich mit Bestimmtheit, dass „die Erfüllung der 
sogenannten geselligen Verpflichtungen" (ein recht bezeich- 
nendes, die traurige Art unserer Geselligkeit charakterisierendes 
Wort) in den sozial dem Offizierkorps nahestehenden Kreisen wie 
der Regierung, der Juristen, der Professoren, Arzte u. s. w., ganz 
zu geschweigen von dem besseren Handelsstande, eine weniger 
kostspielige ist, wie im Offizierkorps, sondern im Gegenteil nach 
meiner langjährigen Beobachtung diese teilweise noch übertrifft. 
Dann aber behaupte ich ganz entschieden, dafs vier Fünftel, ja 
vielleicht neun Zehntel der Familien des Offizierkorps sich glück- 
lich schätzen würden, dem Zwange dieser Geselligkeit entzogen zu 
sein, dafs diese Mehrheit nur mit Schmerz sich dem Drucke der Ver- 
pflichtungen unterwirft. 

Vom Allerhöchsten Kriegsherrn ist wiederholt zur Einfachheit 
ermahnt, mit Ernst darauf hingewiesen worden, dafs nur der kom- 
mandierende General mit Rücksicht auf die ihm überwiesenen 
Dienstaufwandsgelder zu „repräsentieren" habe. 

Woher kommt es nun — fragen wir uns — dals immer wieder 
und wieder die Klagen auftauchen über den zunehmenden Luxus in 
dem Offizierkorps. Wir finden nur eine Antwort, nämlich die, dafs 
die mit der Leitung der Offizierkorps betrauten Kommandeure nicht 
durchweg in dem Sinne wirken, dals sie stets mit dem Beispiel 
grölster Einfachheit und mit der treuen Sorge für die ökonomische 
Lage ihrer Offiziere dem Luxus entgegenarbeiten. Irren wir uns, 
so würden wir uns freuen; denn dann könnten wir weniger 
pessimistisch der Zukunft entgegensehen ! 

Sie allein sind imstande, dem Offizier, der eine vortreffliche, 
aber nicht vermögende Frau aus einer nach allen Richtungen den 
Verhältnissen des Offizierstandes entsprechenden Familie geheiratet 
hat, den Vorwurf zu ersparen, dafs er sich aus dem Kreise des 
Offizierkorps fern hält, oder das drückende Gefühl, dafs er — wenn 
er dies nicht thut — sich in eine schiefe Lage setzt, indem er die 
ihm erwiesene luxuriöse Gastfreiheit nicht zu erwidern vermag. 
Wir wissen wohl, dafs man uns einwerfen wird: „Niemand zwingt 
den Offizier hierzu!" Jeder Offizier, ja jeder gebildete Mensch wird 
aber die Haltlosigkeit dieses Einwurfes zugeben. 

Hierdurch ergiebt sich mit Notwendigkeit, dals entweder die 
unbemittelten Offizierfamilien oft in finanzielle Verlegenheiten oder 
in eine peinliche gesellschaftliche Stellung, auch zu den unver- 
heirateten, jüngeren Offizieren geraten, die naturgemkfse Parallelen 
ziehen zwischen der Aufnahrae in den reicheren Familien und den. 
unbemittelten. 



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Das Otfizierkorps und der Luxus. 



Da nun heute die Familien des Landes, die bisher die besten 
Elemente für das Offfzierkorps, aber auch für die Offizier- Frauen 
lieferten, die Offiziere, Beamten, die Gutsbesitzer u. s. w. durch die 
Entwertung des Oeldes, den Niedergang der Landwirtschaft u. s. w. 
meist ihren Söhnen und Töchtern nur bescheidene Mittel zur Ver- 
fügung stellen können, so sucht sich der Offizier — wahrlich zum 
Nachteile des Standes und der Armee — oft seine Gattin aus 
Kreisen, die in der Lage sind, ihm finanziell die Mittel zu gewähren, 
welche zum „standesgemäßen Auftreten", zu der leichten „Erfüllung 
der geselligen Verpflichtungen" erforderlich sind. So nehmen leicht 
Damen und Familien die gesellige Führung im Offfzierkorps, denen 
jede Vorbedingung der Tradition und Erziehung bierfür fehlt, die 
einer Wertschätzung der materiellen Seite des Lebens huldigen, 
welche geradeswegs dem wahren Geiste des Offizierstandes ent- 
gegensteht. 

Dieser Geist leidet aber unbedingt, je mehr solcher Elemente 
in die Offizierfamilien eindringen, je mehr so verheiratete Offiziere 
in die höheren Stellen gelangen. 

Das Mittel, hier Abhilfe zu schaffen, erscheint mir gegeben, 
wenn man in den malsgebenden Stellen unnachsichtlich der Aller- 
höchsten Willensmeinung gerecht wird. Man verbanne zunächst den 
Begriff der „geselligen Verpflichtung" aus dem Leben des Offizier- 
korps. Nicht etwa, dals ich dem Aufhören jeder edlen Geselligkeit 
das Wort reden will. Im Gegenteil, ich verspreche mir durch meinen 
Vorschlag eine Hebung derselben, indem die allgemein gefürchteten 
und verhöhnten „Kommis-Peccos" durch ihn begraben würden. 

Das Offizierkorps mit seinen Damen vereinige sich in zwang- 
loser Weise recht oft am dritten Orte, meist wohl in dem hierfür 
ausgestatteten Kasino. Hierdurch hat niemand ein gröfseres Opfer 
zu bringen, vor allem keiner einer „gesellschaftlichen Lüge" zu 
huldigen. Hierdurch würde aber auch all den Elementen, die etwa 
hierzu versucht wären, die Gelegenheit genommen sein, den Luxus 
in das Otfizierkorps einzuführen. Keiner der unverheirateten Offiziere 
kann einen Anspruch darauf erheben, von den verheirateten 
Kameraden eingeladen werden zu müssen. Der böse Begriff der 
„Abfütterung", und wie die geschmackvollen Bezeichnungen lauten, 
mit denen der betreffende Witz diese Seite moderner Geselligkeit 
beehrt, wäre verschwunden, das Budget des Offiziers mit einem 
Schlage entlastet 

Wer nun in zwangloser Weise mit anderen, ihm besondere 
nahestehenden Familien verkehren will, mag dies thun, wie es bis- 
her ja auch neben „den Verpflichtungen" geschah. 



Da» Offizierkorps und der Lnxas. 



In ganz ähnlicher Weise hat aber auch der Kommandeur die Pflicht, 
den „geselligen Verpflichtungen" unter den unverheirateten Offizieren 
zu steuern. Wer weifs, wie sich die Gelegenheiten zu Abschieds- und 
Bewillkommnungsfesten jagen, wieviel Gelegenheiten zu Hochzeits- 
und anderen Geschenken sich finden, der allein kann beurteilen, in 
welche schwere Lage der arme Offizier gebracht wird, der, aus bestem 
Soldatenholze geschnitzt, ohne Zulage als Sohn einer armen Ofh'/.iers- 
wittwe aus dem Kadettenkorps in die Armee tritt, wenn ihm am 
Ersten des Monats sein Gehaltsbuch ohne Geld Ubergeben wird, da 
die „notwendigen Abzüge 4 ' auch den letzten Pfennig verzehrten. Hier 
ist das Mittel sehr einfach und von mir dereinst als Regiments- 
kommandeur mit Erfolg und vor allem unter dankbarer Anerkennung 
nicht nur meiner unbemittelten Offiziere, sondern auch deren Familien 
angewandt. 

Der Kommandeur sei bei allen gemeinsamen Veranstaltungen, 
die auf das notwendigste Mals einzuschränken sind, daraut bedacht, 
die Mittel des finanziell am ungunstigsten gestellten Offiziers als 
Mafsstab anzulegen. Vor allem vermeide er die Tendenz, sein 
Offizierkorps „repräsentieren* 4 zu lassen, er vergesse niemals, dals 
die beste Art zu „repräsentieren" die vornehme Gesinnung, gute 
gesellschaftliche Erziehung und die soldatische Einfachheit des 
Offiziers ist. Wer mit dem oft in zweifelhafter Weise erworbenen 
Reichtum unserer Börsenspekulanten und ähnlicher Vertreter des 
Geldprotzentums unserer Zeit konkurrieren will, verläfst die rechte 
Bahn, auf der allein die Stellung unseres Offizierkorps gewahrt 
bleiben kann. 

Die ganz uuverhältnismäfsig hohen Zulagen, die viele Komman- 
deure trotz der Allerhöchsten Vorschriften im Interesse der not- 
wendigen „Repräsentation" fordern zu mUssen glauben, haben eine 
sehr verderbliche Folge fttr die Zukunft unseres Volkes und der 
Armee. Gerade die Stände, welche z. B. den für viele zum Teil 
unerschwinglichen Anforderungen der Zulagen in berittenen und 
bevorzugten Truppenteilen Rechnung tragen mUssen, werden bald 
nicht mehr in der Lage sein, ihre Söhne, die bisher das beste 
Material fttr unsere Reiteroffiziere lieferten, der Armee anzuvertrauen. 
Die an ihre Stelle tretenden Elemente der „Haute finance" und ähn- 
licher Kreise, ersetzen sie soldatisch schwerlich, schrauben aber den 
„Standard of life" noch immer höher. 

So manche Familie legt sich die schwersten Entbehrungen auf, 
nur um den Anforderungen der Zulagen gerecht zu werden, so 
manche ruiniert sich finanziell. Gerade die loyalsten, königstreuesten 
Kreise haben diesem Gedanken in Wort und Schrift Ausdruck 
gegeben. 



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Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



Sprechen wir es offen ans, unser herrlicher Stand, unser treff- 
liches deutsches Offizierkorps, soll dem Zeitgeiste einen Damm ent- 
gegensetzen, nicht ihm nachgehen. Auch hier gilt es zu sein der 
„Rocher de bronce", auf dem unser Vaterland sicher ruht. 

Es ist keine Schande, nicht bemittelt zu sein, denn nicht nach 
Geld, sondern nach Mannes- und Soldatenehre stehe allein der Sinn 
des deutschen Offiziers. Eine Schande aber ist es, in widerlichem 
Sybaritentum das zu verschwenden, was der Fleifs und die Spar- 
samkeit der Väter erworben hat. 

Wir glauben entwickelt zu haben, dals die Kommandeure der 
Oftizierkorps allein in der Lage sind, hier Wandel zu schaffen. 

Wer dies nicht kann oder nicht will, wer sich gar selbst dem 
„Gott Mammon" beugt, der gehört nicht an seinen Platz. Wer aber 
von den höchsten Vorgesetzten nicht in diesem Sinne wirkt and 
urteilt, unterstützt die edlen Absichten, die bestimmt ausgesprochene 
Willensmeinung unseres Allerhöchsten Kriegsherrn nicht, erfüllt seine 
Pflicht keineswegs. 

Wie ein Alb drückt der Luxus auf unsere Zeit. Die Jagd nach 
dem materiellen Genufs, die Unzufriedenheit mit dem von Gott zu- 
gewiesenen Geschick, verbreitet sich mehr und mehr in allen Ständen. 
Lassen wir dies Strebertum ebensowenig Eingang finden in unserem 
Offizierkorps, dem Kleinode unseres Vaterlandes, um das uns alle 
anderen Nationen beneiden, wie das andere ebenso verwerfliche 
Strebertum, das nur das eigene Ich und das Hinaufklimmen auf der 
Staffel des Ehrgeizes, nicht aber die Erfüllung der Pflicht als das 
Ziel soldatischen Strebens kennt ! Stets sei die Parole des deutschen 
Offiziers: „Mehr Sein als Schein!" Dann wird unser Heer bleiben, 
was es war, der Stolz seines Kriegsherrn und seines Volkes, der 
Schrecken seiner Feinde. 

Ein alter Offizier. 



XXII. 

Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 

Französische „Siegesberichte" aus dem Kriege 1870/71. In 

welcher Weise das französische Volk Uber die Ereignisse des Krieges 
getäuscht worden ist, dürfte zur Genüge bekannt sein. Dennoch 
wird der nachfolgende Beitrag zur „Lügen-Chronik" dieses Kriegs- 
jahres, den wir einem interessanten Aufsätze der r Revue militaire 



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Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 333 



universelle" (1. Januar 1900, Nr. 94), „Le siege de Phalsbourg en 
1870" (Saite S. 336) entnehmen, unseren Lesern willkommen sein. 

Am 4. September liefen in der, von preulsischen Truppen be- 
lagerten Festung Pfalzburg folgende „Siegesdepeschen" ein: 

27. August. Das Armeekorps des General von Goeben, etwa 
140 000 Mann stark, ist vollständig aufgelöst und vernichtet. — 
28. Angust. Zwischen Reims und Vitry 60000 Preulsen und 10000 
Franzosen getötet. — 29. August. Bei Grand Mourmelon er- 
bitterter Kampf, 130000 Preufsen und 30 000 Franzosen getötet, 
120 Geschütze und alles Material in Händen der Franzosen. 

Ferner am 8. September: I. Sieg bei Chaumont, 8500 Preulsen 
tot, 25000 verwundet, 15 000 gefangen, darunter Prinz Friedrich 
Karl, der an der linken Schulter und am Schenkel verwundet ist. 

— II. Zwischen Epernay und Mourmelon-le-Petit grofse, von uns 
gewonnene Schlacht (s. oben); Bismarcks beide Söhne verwundet, 
der eine an seiner Wunde gestorben. — III. Vitry, 2. und 3. Sep- 
tember. 80000 getötete und verwundete Preulsen, die Rhein- 
Armee vernichtet, der Feind geht auf unsere Pläne ein ; Schlacht auf 
der ganzen Linie bevorstehend (Bazaine). — IV. 30. August Chau- 
mont. Grofser Sieg Mac Mahons, 80 000 getötet, 20 000 verwundet. 

— 3. September. Mourmelon. Blutige Entscheidungsschlacht, 
120000 Preulsen getötet, verwundet oder gefaugen, 18 000 Fran- 
zosen aufser Gefecht gesetzt. Die Armee des Prinzen Friedrich 
Wilhelm nebst dem Prinzen Wilhelm gefangen genommen. Man 
spricht vom Tode des Prinzen Friedrich Karl infolge der Ampu- 
tation eines Armes. 

Ferner folgende (angeblich preulsische) Depesche: 

Blutige Schlacht, grofse Trauer in ganz Deutschland. — 1. Sep- 
tember (Mac Mahon an die Kammer). Blutiger aber entscheidender 
Sieg; der Kronprinz verwundet und gefangen; die preufsische Armee 
auf der Flucht. — { Bazaine an die Kammer) : Der feindliche Feld- 
zugsplan kommt unseren Manövern zu gute, beruhigen Sie sich, ich 
stehe für alles ein. — 24. August Chaumont 5 Uhr abends (Depesche 
Mac Mahons). Entscheidender Sieg, ich habe den Feind zurück- 
geschlagen, der unberechenbare Verluste hat, ich habe keine Zeit, 
dieselben hier zu erwähnen. Unsere Soldaten zeigten ein bewun- 
derungswürdige Kaltblütigkeit, sie machten sich einen Wall mit 
preofsiscben Leichen." 

Diese Proben werden genügen als Beweis dafür, was man dem 
leichtgläubigen französischen Volke zu bieten wagte. Schbg. 

Seeschlacht bei Lissa — wird meist schlichtweg und ohne 
weitere Bezeichnung der Kampf genannt, welchen am 20. Juli 186<> 



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334 



Kleine heeresgesohichtliche Mitteilungen. 



die österreichische Flotte unter Tegethoff siegreich gegen die italienische 
anter Persano bestand. Dabei wird Ubersehen, dals in den nämlichen 
Gewässern dieselbe Flagge schon einmal eine schwere Niederlage 
erlitten hat, dals es mithin zwei Seeschlachten bei Lissa giebt. Die 
erste ward am 13. März 1811 ansgefochten. Napoleon, welchem 
darum zu thun war, sich den ungestörten Besitz des 1809 durch 
den Schönbrunner Friedenschlufs erworbenen Dalmatiens zu sichern, 
erkannte, dals er zu diesem Ziele nicht gelangen werde, solange die 
Engländer das adriatische Meer beherrschten. Er wies daher den 
Vizekönig Eugen an, ihre Schiffe durch das im Hafen von Aneona 
lagernde italienisch-illyrische Geschwader vertreiben zu lassen. Am 
12. jenes Monats lief dieses unter dem Befehle des Kapitän Dubuur- 
dieu aus. Es waren 4 Fregatten, 7 Korvetten und 3 Briggs. Aber 
sie waren der englischen Flottille unter dem Commodore Hoste, 
welches kampfbereit im Kanäle von Lissa kreuzte, nicht gewachsen. 
Die Mehrzahl bestand aus alten venetianischen und russischen Schiffen, 
welche weder an Zahl und Geschützen, noch an Seetüchtigkeit sich 
mit den gegnerischen messen konnten. Südwestlich der Isola Spal- 
madori erlitten sie eine schwere Niederlage. Die Engländer setzten 
sich darauf in den Besitz sämtlicher Inseln und befestigten Lissa, 
welches sie zum Stutzpunkte ihrer ferneren Unternehmungen machten. 
(Organ der militärwissenschaftlichen Vereine, LX. Band, 2. Heft 
S. 102, Wien 1900.) 14. 

Eine Beihilfe zum Türkenkriege, wozu fast alle Mächte Europas 
beisteuerten, leistete dem Kaiser Leopold I. der König von Schweden 
Karl XI, indem er durch ein Schreiben vom 27. Februar 1664 zu 
liefern versprach: Kugelin zu 1000, 1500, 2000 und 3000 Cent (?), 
Pullver 200 Cent, Lunten 200 grose Bundt, Bley zu 1 000000 St. 
Musqueten-Kugellu 27 Schiffpfundt. (Militär-Zeitung, Wien 1899 Nr. 12. 

14. 

Das älteste Beispiel der Verleihung eines Schützenabzeichens 

weist die Geschichte der k. k. Feldjäger- Bataillone auf. Bei diesen 
verehrte seit dem Jahre 1831 das Offizierkorps eines jeden Bataillons 
dem besten Schützen ein für diese Bestimmung hergestelltes, mit 
Messing montiertes und entsprechend graviertes Pulverhorn, welches 
der Empfänger an Stelle des einfachen ärarischen in Keih und Glied 
tragen durfte. (Streffleurs österreichische militärische Zeitschrift, 
Mai 1899, S. 109.) 14. 

Ein Urlaubsgesuch „um eine kurze reyse nacher Wienn in 
einer unvermuthet vorgefallenen angelegenheit bewürken zu können" 
richtete vor 170 Jahren in Gemälsheit des damals vorgeschriebenen 
Dienstganges aus Siebenbürgen an den Hocblöblichen Kayserlichen 



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Die berittenen Maximgewebr- Kompagnien der schweizerischen Armee. 335 



Hof-Kriegs-Rath der 0 brist Leopold von Harlingen, im Graf Heiste- 
rischen Regiment zu Fufs bestellter Commandant Das Gesuch 
ging durch das Landesgubernium, von Hermannstadt aas, an seine 
Bestimmung in Wien und kehrte von dort zur Erledigung durch den 
kommandierenden General von Siebenbürgen und Wallachei, den 
General Graf Tige, nach Hermannstadt zurück. Um den Weg von 
dort bis Wien mit der Post zurückzulegen, waren etwa 14 Tage 
erforderlich. Die Heise führte über Szerdahely, Szasz-Sebes, Karls- 
burg, Klausenburg, Ziloh, Debreczin, Hakan und Ofen. Mithin hatte 
der Obrist länger als einen Monat zu warten bis er eine Antwort 
aof sein Gesuch erhalten konnte. Jetzt legt der Eilzug die Strecke 
in einmal zwanzig Stunden zurück. (Neue Armee-Zeitung Nr. 139, 
Wien 1899.) 14. 



XXIII. 

Die Organisation der berittenen Maximgewehr-Kompagnien 

der schweizerischen Armee. 

Ein Beschlufs des eidgenössischen Bundesrates vom 15. April 1898 
ordnete die Errichtung von 4 berittenen Maximgewehr-Kompagnien 
an. indem die Notwendigkeit betont wurde, der schweizerischen 
Kavallerie, die einer feindlichen an Zahl kaum je gewachsen sein 
werde, einen Rückhalt zu geben, der sie befähige, ihrer Aufklärungs- 
and Verschleierungsaufgabe in Front und Flanken der Armee ge- 
recht zu werden. Früher habe man zu diesem Zwecke kleinere 
Infanterie-Abteilungen — sei es auf Wagen, sei es als berittene In- 
fanterie — ins Auge gefafst, jetzt erscheine die Lösung der Aufgabe 
wesentlich leichter durch Beigabe von berittenen Maschinengewehr- 
geschUtzcn. Die Feuerkraft eines Maschinengewehres könne man der- 
jenigen eines Zugs Infanterie gleichstellen, während das Kavallerie- 
feuer eines ganzen Kavallerie-Regiments nicht die Feuerkraft einer 
einzigen berittenen Maschinengewehrschützen- Kompagnie ersetzen 
könne. Auch zur Artilleriebedeckung, zur Besetzung von Defilees etc. 
werde man solche Kompagnien mit grofscm Nutzen verwenden 
können, ohne die kavalleristische Verwendung der Reiter-Regimenter 
beeinträchtigen zu müssen. 

Der oben erwähnte Bundesbeschluls bestimmte, dafe jede dieser 
4 Kompagnien aus 4 Offizieren (1 Hauptmann, 1 Oberleutnant, 
2 Leutnants), 16 Unteroffizieren (davon 4 Büchsenmacher), 40 Reitern, 



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336 Die berittenen Maximgewehr-Kompagnien der schweizerischen Armee. 



1 Trompeter, 2 Schmieden, 1 Sattler, l Train-Unteroffizier und 
7 Trainsoldaten, im ganzen also aus 72 Köpfen bestehe. Der Etat 
an Reitpferden wurde auf 67 festgesetzt. Jede Kompagnie sollte 

2 Züge (Gewehrbatterien) zu 4 Gewebren haben und 16 Pack- 
pferde — 8 für die 8 Gewehre und 8 zum Transport der MuDition 
(je 2000 Patronen), 14 Zugpferde, 4 zweispännige Munitionswagen, 
1 Proviant- und Bagagewagen und 1 vierspännige Feldschmiede mit 
Fahrküche zählen 

Artikel 5 dieses Beschlusses lautete aber: „Der Bundesrat er- 
lälst die weiteren Vorschriften Uber Organisation und Dienste der 
berittenen Maximgewehr-Kompagnien." Erst jetzt sind diese Vor- 
schriften durch eine vom 6. April d. J. datierte „Verordnung Uber 
Organisation, Unterricht und Ausrüstung der beritteneu Maximgewehr- 
Kompagnien' 4 erlassen worden. 

Hiernach erhalten die 4 Kompagnien die Nummern 1 bis 4 
und werden den Armeekorps 1 bis 4 zugeteilt. Unteroffiziere und Mann- 
schaften unterliegen der gleichen Dienstpflicht wie die Kavalleristen. 
Die an die Rekruten zu stellenden Anforderungen sind: Körperlänge 
158 m im Minimum (wie die Kavallerie); Sehschärfe 1 (wie die 
Artillerie); Ausweis Uber die Möglichkeit ein Pferd zu halten; 
kräftiger Körperbau; Geschick für mechauische Arbeiten; Neigung 
zum Schieiswesen. Für die Ausbildung gelten im allgemeinen die 
„Vorschriften für den Dienst und die Ausbildung der Reiterei" und 
„für Dienst und Ausbildung der Maximgewehrtruppen". 

Die Rekruten erhalten ihre erste Ausbildung in einer Rekruten- 
schule von 80 Tagen Dauer, während alljährlich ein Wiederholungs- 
kurs von lOtägiger Dauer abgehalten wird. Die Ausbildung und 
Beförderung zum Unteroffizier und Offizier geschieht entsprechend 
den für die Kavallerie gültigen Bestimmungen. Die Offiziere können 
aus der Maximgewehrtruppe selbst oder aus der Kavallerie hervor- 
gehen und erhalten ihre erste Ausbildung in der Offizierbildungs- 
schule der Kavallerie. Jeder neu ernannte, zur Maximgewehrtruppe 
eingeteilte Offiziere hat entweder eine ganze Maximgewehr-Rekruten- 
schule oder die ersten 60 Tage einer gewöhnlichen Kavallerie- 
Rekrutenschule und die letzten 35 Tage einer Maximgewehr-Re- 
krutenschule zu bestehen. Die Offiziere können in eine Schiels- 
schulc einberufen werden und nehmen aufserdem, wie die Kavallerie- 
offiziere, an Centralschule und taktischen Kursen teil. Die zu 
Kompagnie-Kommandanten vorgeschlagenen Oberleutnants müssen 
sich nach absolvierter Kavallerie- Cadreschule ihr Fähigkeitszeugnis 
entweder in einer Kavallerie- oder in einer Maximgewehr-Rekruteu- 
schule erwerben. Zu Stabsoffizieren vorgeschlagene Kompagnie- 
Kommandanten der Maximgewehr-Truppe müssen vor ihrer Be- 



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Ueber Entfernungsmesser. 



337 



förderang auch in der Stellung eines Schwadrons-Kommandanten ihre 
Befähigung dargelegt haben. 

Die Ausrüstung der Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten ent- 
spricht der der Kavallerie. Sie tragen am Käppi weilse Pinsel 
und karmoisinrote Auszeichnung an den Ämielaufschlägen. Die 
Pferdeausrüstung ist die gleiche wie die der Kavallerie. 

v. W. 



XXIV. 

Ueber Entfernungsmesser. 

In der Felddienstordnung von 1900 befindet sich unter dem 
Kapitel „Schiedsgerichte" die Bemerkung: „die Schiedsrichter 
müssen zur Beurteilung des Schätzens der Entfernungen 
die vorhandenen Entfernungsmesser verwenden", wobei 
selbstverständlich vorausgesetzt wird, dals diese Entfernungsmesser 
auch richtige Resultate geben. Wenn nun aber die erhaltenen Re- 
sultate keine verlässigen sind, so ist auch der Urteilsspruch auf 
schwankem Boden aufgebaut und kann ebensogut richtig, als wie 
verfehlt sein. 

Schon mehrmals habe ich die Gesichtspunkte aufgestellt, nach 
welchen derartige Instrumente zu konstruieren sowie zu beurteilen 
sind 1 ) und nachdem nun die Telemeterfrage durch obige Bemerkung, 
die mit dem Studium des südafrikanischen Krieges im Zusammen- 
hange zu stehen scheint, in offizieller Weise neu angeregt worden 
ist, so dürfte eine kurzgedrängte Rekapitulation der Telemeter- 
Systeme gestattet sein. 

Wenn man von den rein optischen und den akustischen 
Systemen {Bildweiten- und Zeitmesser) als schon oft genug versucht, 
aber trotz ihrer Einfachheit immer wieder aufgegeben, absieht, so 
bleibt nur noch das geometrische Prinzip übrig: mittelst einer 
Basis und den anliegenden Winkeln die Distanz zu bestimmen. 

Bei vielen der hierhergehörigen Konstruktionen ist nun die 
Basis ins Instrument selbst verlegt, allein wegen des grofsen 
Mißverhältnisses zwischen Basis und Distanz treten infolge moleku- 

l ) Jahrbttoher für die deutsche Armee und Marine 1892, Bd. 85, Seite 
830 u. s. w.: Konstruktions-Bedingungen für Artillerie-Distanzmesser v. E. v. P. 
Ibidem: 1896, Bd. 95, Seite 814: Die Telemeter-Systeme v. E. v. P. Separat- 
Abdrnok ans der Zeitschrift „der Mechaniker" v. F. n. M. Harrwitz. Berlin, 
Potadamer-Str. 41a: „Die Miütär-Distanzraesser u. d. Telemeter Paschwitz. » 
Preis bei Frankozusendung 75 Pfg. 

Jahrbücher für die deateche Armee und Marine. Bd. 110. 3. 28 



Ueber Entfernungsmesser. 



larer Veränderungen and Verschiebungen im Material so grolse 
Kollimation8fehler auf, dafs die Konstruktion eines derartigen brauch- 
baren Instrumentes ebenso zu den Unmöglichkeiten gehört, wie die 
des perpetnnm mobile. 

Es bleibt somit kein anderer Ausweg übrig, als im Terrain 
eine Standlinie abzustecken und mit derselben und den beiden 
anliegenden Winkeln die Distanz zu ermitteln. Aber diese Stand- 
linie mufs der allgemeinen Verwendbarkeit und anderer Gründe 
wegen kurz sein und dürfte man mit einer Basis von 20 m Länge, 
selbst iür die Artillerie-Scbofsdistanzen, schon bei der zulässigen 
Ausdehnung angelangt sein. Da aber auch in diesem Falle noch 
eine grofse Disproportion zwischen Basis und Distanz stattfindet, so 
ist auch hier eine grolse Genauigkeit im Winkel-Messen ev. Ab- 
stecken erforderlich, weshalb die Verwendung von Frei ha nd- 
instrumenteo, mögen dieselben nun auf dem Prinzip des Distanz- 
Winkelspiegels oder Spiegelsextanten beruhen, ausgeschlossen ist. 
Hundert Tausende von Versuchen, welche mit derartigen Instru- 
menten in aller Herren Länder angestellt wurden, haben dies be- 
stätigt; das schwanke menschliche Gestell eignet sich nun einmal 
nicht zum Stativ für Vermeesungs-Instrumente, bei deren Verwendung 
ein grofse Genauigkeit erfordert wird. 

Nachdem ich nun in einer langen Reihe von Jahren alle 
Systeme durchprobiert hatte, habe ich meinen Telemeter auf zwei 
leichte Stative gelegt, an jeden Endpunkt der Basis eines, und da- 
bei zugleich den grofsen Vorteil der Verwendbarkeit optischer Ver- 
größerung mit Fadenkreuz-Visur erhalten, welcher für Freihand- 
Instrumente ausgeschlossen ist. Wie nun aus den Eingangs citierten 
Veröffentlichungen zu ersehen ist, besteht in Frage stehender Tele- 
meter Paschwitz aus einem kleineu terrestrischen Fernrohre mit 
Fadenkreuz und dem vor dem Objektive befindlichen, dasselbe zur 
Hälfte verdeckenden Winkelspiegel, zwei Stativen und dem Mefsstab, 
auf welchem die 36 cm lange Distanzskala aufgetragen ist, von 
welcher die Entfernungen von 1000 bis 10000 ra ohne weiteres ab- 
gelesen werden. 

Am Schlüsse oben zitierter Beschreibungen stellte ich die Be- 
hauptung auf, dats mein Entfernungsmesser die er- 
schöpfende Lösung des viel versuchten Problems darstellt 
und erkläre ich mich hiermit bereit, diese Behauptung durch Vor- 
führung des Instrumentes vor Interessenten an einem ge- 
eigneten Platz bei Berlin zu bestätigen. Nachdem ich je- 
doch dort unbekannt bin, so wäre es eine grofse Förderuug meines 
Vorhabens, wenn mir ein geneigter Leser vorliegenden Aufsatzes 
einen geeigneten Platz hierzu bezeichnen wollte. Auf demselben 



Umschau anf inilitärteohnischem Gebiet. 



müfste sich eine Basis von 15 m (das zu benutzende Instrument er- 
fordert nur eine solche) abstecken lassen und an den beiden End- 
punkten derselben eine in einer Entfernung von 1 bis 3 km be- 
findliche Turmspitze sichtbar sein, um die erhaltenen Resultate mit 
einem Plane vergleichen zu können; auch müfste der Platz mit der 
Bahn leicht erreichbar sein und zur Hintanhaltung von Unberufenen 
etwas abseits liegen. Sollte ein ortskundiger Leser dieser Zeilen 
mir einen solchen Platz bei Berlin bezeichnen wollen, so wäre ich 
demselben hierfür sehr dankbar und bitte um gefällige diesbezügliche 
Zuschrift. 

Weilheim bei München. E. v. Pa schwitz. 



XXV. 

Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 

Von 

Joseph Schott, Major a. D. 



1. Deutschland. 

Über „Das Feldhaubitz-Material 98" ist unter gleichem 
Titel eine kleine Schrift des Hauptmann beim Stabe des Feldartillerie- 
Regiments von Clausewitz (Oberschlesiscbes) Nr. 21 Z wenger er- 
schienen (Berlin 1900, Verlag der Liebeischen Buchhandlung), die 
mit 14 Abbildungen versehen ist. Dieselbe ist ein Nachtrag zu dem 
vom selben Verfasser bearbeiteten „Batsch' Leitfaden für den Unter- 
richt der Kanoniere und Fahrer der Feldartillerie u und bildet den ar- 
tilleristischen Teil des Unterrichts bei der Haubitz-Batterie. Es ist 
ein Auszug aus der dem Dienstgebrauch vorbehaltenen Schrift: „Das 
Feldhaubitz-Material 98- und enthält sich so gat wie aller Mals- 
und Gewichts-Angaben. Es handelt sich um Material-Beschreibung 
und Angaben Uber Untersuchung, Behandlung, Gebrauch, Aufbe- 
wahrung und Handhabung. 

Auf Grund dieser Schrift und anderer Veröffentlichungen ') geben 
wir im folgenden eine Ergänzung unserer früheren Mitteilungen Uber 
die Feldhaubitze 98. 

Das Rohr aus sprengsicherem Nickelstahl hat ein Kaliber von 
10,5 cm und eine Länge von nahezu 12 Kalibern (1,25 m); es ist 
wie bei der Kanone ein Mantelrohr. Zur Verbindung mit der Laßen* 

*) Insbesondere Mitteilungen Uber Gegenstände etc. VI. Heft. 

28* 



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340 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



bat es die gewöhnlichen seitwärts angesetzten, aulsen trichterförmig 
aasgehöhlten Schildzapfen. Das Rohr hat Hintergewicht. Das Ge- 
wicht wird zu 490 kg berechnet ( v. Mitt. VI. Heft), ist also 100 kg 
gröfser als das des Feldkanonenrohrs, was bei der geringeren ab- 
soluten Länge mit der gröfseren Weite nnd der Wandstärke zu- 
sammenhängt, bei welcher anf die zerstörende Wirkung von im Rohr 
krepierenden Granaten mit ihrer grofsen Sprengladung Rücksicht ge- 
nommen ist. Unterhalb zwischen den Schildzapfen ist ein zahnför- 
miger Ansatz zur Befestigung des Zahnbogens der Höhenricht- 
maschine. Die Züge, über deren Anzahl, Profil und Drall Angaben 
fehlen, sind rechtsläufig. Vermutlich haben sie Progressiv-Drall. 

Die Visiereinrichtung besteht aus dem Aufsatz mit Aufsatz- 
gehäuse und dem Korn. Der Aufsatz selber besteht aus der Aufsatz- 
stange, dem Aufsatzkopf und der Visiervorrichtung. Das Korn ist in 
den Kornträger eingeschraubt, der an der rechten Schildzapfenscheibe 
sich befindet. Der Aufsatz bat die gewöhnliche Führung, da die mit 
den Ladungen etc. verschiedenen Flugbahnen eine ScbrägfUhrung 
ausschliefsen. Zum Richten dient noch der Richtbogen 98 und die 
Richtfläche 98. Am Aufsatzgehäuse ist eine Libellen - Einrichtung, 
um auf grofsen Entfernungen den schiefen Räderstand auszugleichen. 
Zum feinen Einstellen des Aufsatzes ist ein Sehneckentrieb am Auf- 
satz und Aufsatzgehäuse angebracht, der bei grofsen Änderungen in 
der Erhöhung ausgeschaltet werden kann. Das Aufsatzgehäuse ist 
derart mit dem Rohr verbunden, dafs es um kleine Winkel in ver- 
tikalem Sinne gedreht werden kann. Zur Herbeiführung der Über- 
einstimmung zwischen Brennlänge und Aufsatzentfernung dient ebenso 
wie bei der Kanone die Aufsatzverschiebung. Über die jedenfalls 
verschiedenen Einteilungen am Aufsatz ist nichts bekannt. 

Der Schnellade-Keilverschlufs mit Spannabzug und Leitwelle, 
der sogenannte Leitwell verschlufs, ist eine wesentliche Ver- 
besserung des Flachkeilverschlusses, die man der Guisstahlfabrik 
Fried. Krupp verdankt. Die Handhabung dieses Verschlusses ist 
gegenüber dem bei der Feldkanone 96 angewandten Kurbel verscbluls 
(mit 2 Ladegriffen) wesentlich vereinfacht, indem das Öffnen bezw. 
Schliefsen lediglich die Drehung der im oberen Teil des Flachkeils 
gelagerten Leitwelle mittelst des Leitwellhebels erfordert. Der Ka- 
nonier, welcher beim Kurbel verschlufs von der Seitendrehung der 
Kurbel plötzlich zum Anziehen des Keils in der Richtung nach seinem 
Körper und umgekehrt Uberzugehen hatte, hat jetzt nur den Hebel 
in der Richtung eines Kreisbogens ununterbrochen zu drehen. Der 
Hebel, an der rechten Seite des Verschlufsstücks liegend, ist bei ge- 
schlossenem Rohr wagerecht und mit dem Griff nach vorne gerichtet 



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Umschau auf militärtechnischein Gebiet. 



34 1 



Zum Offnen wird er energisch soweit als möglich links herum ge- 
dreht (om etwa 190 Grad). Die entsprechende Drehung nach rechts 
herum bewirkt das Schliersen. Die Leitwelle, welche gleichsam eine 
Vereinigung der Verschlußschraube des gewöhnlichen Keilverschlusses 
mit der schon früher bei schweren Rohren angebrachten Transport- 
schraube des Keils vorstellt, hat sehr steile Gewinde, die am rechten 
Ende fortgeschnitten sind. Am Rohre ist die Leitwellmutter ange- 
bracht, die entsprechende halbe Gewinde hat. Infolge der hohen 
Steigung ist die Bewegung des Keils zum Offnen und Schliefsen 
eine so rasche. Das Lüften und Anpressen des Keils erfolgt durch 
das Gewinde des Leitwell bundes. 

Aulser der Bewegungsart hat der Leitwellverschluls noch andere 
Vorteile, wie das leichte Zerlegen und Zusammensetzen, die Ent- 
lastung der Schlagfeder, die erst durch das Abziehen gespannt wird, 
grolse Sicherheit, kräftiges Auswerfen der Hülsen etc. Der gasdichte 
Verechlufs wird auch hier durch die Metallhülse der Kartusche be- 
wirkt. 

Die Feldhaubit z-Laffete 98 besteht aus: 2 Wänden, 1 Riegel, 
der Protzöse, dem Laffetenkasten, der Richtmaschine, der Achse 98 
mit Zubehör, 2 Rädern 98, der Seilbrerase, dem Sporn, 2 Achssitzen, 
den Beschlägen. 

Die beiden Wände aus Stahlblech werden ebenso wie bei der 
Feldkanone von der Laffetenacbse durchsetzt, sie nehmen an Aus- 
einanderstellung und Höhe nach hinten ab. Durch den Riegel, den 
Lafletenkasten und die Protzöse stehen sie mit einander in Ver- 
bindung. Am Riegel ist der gabelförmige Rohrhalter drehbar ge- 
lagert; er soll das Rohr beim Fahren festhalten. Auf dem Deckel 
des Laffetenkastens ist als Sitz für den Richtkanonier ein Sattel an- 
gebracht. Die Höhenrichtmaschine ist eine Zahnbogenrichtmaschine 
mit Schneckenantrieb. Sie besteht aus der Richtwelle, der Lager- 
buchse zu dieser, dem Scbneckenrade mit Reibkegel, Plattenfeder und 
Stellrautter, dem unteren Schneckeuwellenlager, der Schneckenwelle, 
dem oberen Schueckenwellenlager, dem Kurbelrad 96 und der Schutz- 
kappe. Beim Drehen des Kurbelrades setzt die Schneckenwelle das 
Schneckenrad in Bewegung; dieses, durch Reibkegel und Platten- 
federn mit der Richtwelle fest verbunden, setzt die Richtwelle in 
Drehung. Diese greift mit dem Getriebe in den Zahnbogen des 
Rohrs ein, wodurch das Rohr seine Erhöhung (beim Rechtsdrehen) 
oder Senkung (beim Linksdrehen des Kurbelrades) erlangt. Eine 
Seitenrichtmaschine ist nicht vorhanden. Die Achse ist hohl und hat 
schwach gestürzte Achsschenkel. Das Rad besteht aus der Nabe, 
12 Speichen mit Speichenschuhen, dem aus 3 Felgen gebildeten 



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342 



Umschau auf uülitärtöchnisohem Gebiet. 



Kranze und dem Radreifen. Die lose Scheibe der Nabe hat die 
Seiltrommel, die Seilbremse ist ähnlich wie bei der Kanonenlaffete 
eingerichtet, ebenso der Sporn. 

Die Feuerhöhe der Laifete ist etwas gröfser als bei der Feld- 
kanone 96, etwa 1 m. Das Laffetengewicht ist nur unerheblich 
gröfser als bei jener. Das Gewicht des feuernden Geschützes wird 
zu 1090 kg berechnet (v. Mitt.), ist also noch gröfser als bei C/73 
(1055 kg), Ubertrifft das der Feldkanone (925 kg) bedeutend. 

Die Feldhaubitz-Protze 98 besteht aus Protzgestell und 
Protzkasten. Das Protzgestell besteht aus der leichten Achse 96 
(leichter als Laffetenachse), 2 leichten Rädern 96 (leichter als 98 
und ohne Seiltrommel), 2 Brackenstangen, 2 Protzarmen, 2 Achs- 
lagern, 2 Kastenträgern, Protzhaken, Deichsel mit Deichselstütze, 
2 Ortscheiten, Vorderbracke, 2 Fufsbrettern, den Beschlägen. 

Der Protzkasten ruht auf den Protzarmen und Kastenträgern 
und ist damit durch Bolzen und Niete verbunden. Er besteht aus: 
dem Gerippe, den Bekleidungsblechen, der Thür, der Lehne, den 
Beschlägen, der inneren Einrichtung. Der Kasten ist in ein Mittel- 
fach und zwei Seitenfächer geteilt. Die Thür kann nach hinten 
heruntergeklappt werden und stützt sich dann auf Hängescbienen. die 
sich gegen den Hinterrahmen legen. 

Im Mittelfach wird der Zubehörkasten untergebracht, die Seiten- 
fächer nehmen die Munition auf. Die Protze wird mit 24 Schufs 
beladen, je 2 Schüsse sind in einem Munitionskorb untergebracht. 
Die Patronen sind innerhalb der Körbe in Kartuschrahmen gelagert. 
Die Munitionskörbe sind mit Riemen im Protzkasten festgeschnallt. 

Das Gewicht des ausgerüsteten Geschützes wird mit 1950 kg 
berechnet, das Geschütz ist also 55 kg leichter als C/73 (20 kg 
schwerer als C/73. 88 reitende Artillerie), 230 kg schwerer als Feld- 
kanone 96. 

Der Feldhaubitz-Munitionswagen 98 hat dieselbe Protze 
wie das Geschütz. Der Hinterwagen ist ähnlich dem der Feld- 
kanone 96 und nimmt 32 Schuls, der ganze Munitionswagen also 
56 Schals auf. 

Die Verwaltungsfahrzeuge umfassen den dem Munitions- 
wagen analog gebauten ersten Vorratswagen 98, den als Kasten- 
wagen eingerichteten zweiten Vorratswagen 98 (der Hinterwagen läfst 
sich nicht abprotzen), den Lebensmittel- und den Futterwagen. Die Vor- 
ratswagen sind sechsspännig, der Futterwagen ist vierspännig, der 
Lebensmittelwagen ist zweispännig. 

Die Feldhaubitze bat zwei Arten von Geschossen: die Feld- 
haubitzgranate 98 als Hauptgeschols und das Feldhaubitz- 
schrapnel 98. 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



343 



Beide Geschosse sind von verschiedenem Gewicht. 

Das Schrapnel ist das leichtere Geschoüs mit nahezu 13 kg 
(nach Allg. Milit.-Zeitung 12,4 kg, genauer wohl 12,8 kg) (Gewicht. 
Es hat 500 Bleikugeln zo 10 g, ist gegen 3 Kaliber lang und als 
Bodenkammer-Schrapnel konstruiert Es wird nur mit der gröfoten 
Ladung von 0,37 kg verfeuert, was eine Geschwindigkeit von 330 m 
ergiebl Das Schrapnel hat also nur den Flachbahnschals. Auf den 
Hauptkampfentfernungen ergeben bei entsprechender Sprenghöhe 
mittlere Sprengweiten von 30 bis 150 m die beste Wirkung, unter 
1500 m ist eine ausreichende Wirkung noch bei Sprengweiteu bis 
zu 200 m zu erwarten. — Das Schrapnel hat Centrierwulst und 
kupfernes Führungsband. 

Die Granate ist äulserlich dem Schrapnel ganz ähnlich, aber 
länger. Sie ist mit Granatiullung 88 versehen, einer brisanten Masse. 
Das Gewicht ist infolge der grösseren Länge und Wandstärke gröfser 
als beim Schrapnel, nahezu 16 kg (genauer wohl 15,7 kg). Die 
Länge ist gegen 4 Kaliber, gegenüber dem Schrapnel 1 Kaliber mehr. 
Aniserlich ist die Granate durch einen gelben Anstrich gekennzeichnet. 
Die Granate hat entweder Zündladung 92 oder Zündladung 92 mit 
Verzögerung. Im letzteren Falle erhalten die Granaten vor dem 
Fertigmachen zwischen Centrierwulst und Führungsring einen Anstrich 
in schwarzer Farbe, darauf in weifs „m. V." (mit Verzögerung). Die 
Batterien scheinenin ihrer Protz-Ausrüstung beide Arten von Granaten 
fertig mitzufuhren. 

Beide Geschosse haben Doppelzünder, das Schrapnel Doppel- 
zttnder 98, die Granate Doppelzünder 92, letzterer weicht in der 
äufsern Form etwas ab, er hat geringem Durchmesser und gröfsere 
Höhe. Der Doppelzünder 92 wie 98 ist ein Doppelzünder mit 
2 Satzstücken. Um den Zünder wirksam zu machen, ist lediglich der 
Vorstecker zu entfernen. Die sichtbaren Hauptteile sind : Zünderteller, 
oberes und unteres Satzstück, Verechlufsschraube, Vorstecker. Auf 
dem Mantel des unteren Satzstückes ist die Einteilung fllr die Brenn- 
längen von 50 zu 50 m, Schrapnel 300—5600 m, Granate 500—5600 m. 
Zum Einstellen auf Aufschlagstellung ist auf dem Zünderteller ein 
Kreuz angebracht. 

Die Granate kann mit sieben verschiedenen Ladungen verfeuert 
werden. Für die Vollladung errechnet sich die Gescholsgeschwindig- 
keit zu nahe 300 m. Die kleinste Ladung entspricht der geringsten 
Entfernung von 2100 m, auf welcher der Fallwinkel noch die für 
eine ausreichende Wirkung erforderliche Grölse besitzt Der Fall- 
winkel ist hier 28 Grad. Auf 2400 m wird die nächstgröfsere 
Ladung bei 25 15 Grad Erhöhung benutzt. Auf 3800 m benutzt man 



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344 



Umschau auf militartechnisehem Gebiet 



die drittgrößte Ladung 30 5 Grad, auf 4200 die zweitgrbfste (6 Teil- 
ladungen) bei 27 Grad. Soviel ergiebt sich ans dem Reglement 
bezw. aus den Beispielen der Schiefsvorschrift. Es ist danach nicht 
anzunehmen, dals die Teilladungen eine annähernd gleiche Grbfse 
haben. Die erste Ladung ist bei der Entfernung von 2100 m jeden- 
falls die grölste der Teilladungen. Die zweite und dritte Teilladung 
sind jedenfalls sehr klein, dann ist eine allmähliche Zunahme zu er- 
warten. Die geringste Geschwindigkeit wird etwas über 150 m be- 
tragen. 

Die Feldhaubitz-Kartusche 98 besteht aus der Kartusch- 
hülse 98, dem Zündhütchen und den 7 Teilkartuschen, über denen 
ein herausnehmbarer Deckel aus Prefsspahn liegt. Zwischen der 
untersten Teilladung und dem Zündhütchen ist eine Beiladung von 
Schwarzpulver, die eigentliche Ladung ist Würfelpulver. Nach Mitt. 
Juni 1900 soll eine Herabsetzung der Teilladungen auf 5 statt 7 
beabsichtigt sein. 

Für Friedensübungeu giebt es die Übungs-Feldhaubitz- 
granate 98 mit Zündladung 92 und Doppelzünder. Ihr fehlt die 
eigentliche Geschofswirkung, doch ist die äulsere Erscheinung des 
Krepierens, soweit Beobachtung in Betracht kommt, dem scharfen 
Gescbols ähnlich. 

Nach verschiedenen Mitteilungen sind die bei der Schiefsschule 
in Spandau angestellten Versuche mit Entfernungsmessern beendet; 
im Laufe des Januar 1900 sind solche an Infanterie und Jäger aus- 
gegeben worden, vorläufig nur mit 1 Exemplar per Kompagnie, um 
weitere Erfahrungen zu sammeln. Von den 2 Arten, die gegenwärtig 
im Gebrauch sind, giebt man derjenigen des Major v. Zedlitz den 
Vorzug. Das Instrument des Oberst Bickel ist seines zu hohen 
Preises halber nur ausnahmsweise ausgegeben worden. 

n. Frankreich. 

Über die neue Feldkanone C/97 ist in letzter Zeit mancherlei 
in die Öffentlichkeit gedrungen, was einen Anspruch auf Glaubwürdig- 
keit machen kann. Wir erwähnen hier zunächst das 1., 2. Heft der 
schwedischen „Artillerie-Tidskrift", deren Artikel mit 2 Lichtdruck- 
bildern des aufgeprotzten Geschützes versehen ist. Das Geschütz System 
Deport vom Kaliber 7,5 cm hat danach ein Rohr von 40 Kaliber 
Länge und ist mit dem excentrischen Schraubenverschlufs von Norden- 
feit versehen. Die Konstruktion legt auf das Schnellfeuergeschütz 
den Hauptwert. Die Forderung der Feuergeschwindigkeit ist der 
Art in den Vordergrund gertickt, dafs die Wirkung des Einzelschusses 
und sogar die Einfachheit, Solidität und Feldmäfsigkeit darunter leidet. 



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L'iuschau auf militärtechnisohein Gebiet. 



345 



Die Beschränkung des Rücklaufs am Boden wird durch einen langen 
Rücklauf innerhalb der Laffete und durch einen Sporn am Laffeten- 
schwanz erreicht. Das Rohr ruht auf einer Oberlaffete, beweglich 
auf einem schlittenförraigen Gestell, vereinigt mit der Unterlaffete. 
Des Rohres Hemmung und folgender Vorlauf wird durch die hydro- 
pneumatische Bremse bewirkt, welche derjenigen der kurzen 120 mm 
Kanone gleicht. Diese Brems-Einrichtung gilt als besonders schwer 
im Stand zu halten, empfindlich und, soweit es den Vorlauf des 
Rohres betrifft, unzuverlässig. 

Die Laffete ist lang und schwer, das eretere zeigt auch deutlich 
die Abbildung. An der Laffete sind zwei Panzerechilde. Im linken 
Panzerschild ist eine Öffnung fUr das Richten. An dem rechten ist 
unterhalb eine Handhabe, welche die Zeitschrift als zu einer Brems- 
anordnung gehörig aunimmt (vermutet eine Nabenbremse, da keine 
Bremsschuhe am Rad entdeckt werden könnten). Hinter jedem 
Panzerschild befindet sich ein Sitz, auf welchem auch beim Feuern 
der Bedienungsmann sitzen bleibt, teils um besser gesichert zu sein, 
teils um den Druck des Laffetenschwanzes auf den Erdboden zu ver- 
mehren, wodurch auch die Sicherheit des Stillstehens der Laffete 
sich vergrößert. 

Der Geschosse sind zweierlei: das eine gegen feste Ziele, zum 
Wegräumen von Hindernissen bestimmt, ist mit Melinit gefüllt, das 
andere ist Hauptgeschofs, ein Schrapnel, bestehend aus einer Stahl- 
httlse, enthaltend Sprengladung und 300 kleine Kugeln, bestimmt 
gegen Truppen. Man wendet die Einheits-Patrone an. 

Das Ergebnis sowohl beim schul-, als beim feldmäfsigen 
Schiefsen wird als besonders gut angegeben, indem die Laffete beim 
Schiefsen sich nur unerheblich rührt. Die Feuergeschwindigkeit 
steigert sich bis 15 Schufs in der Minute. In quantitativer Hinsicht 
ist die Trefff&higkeit eine besonders günstige. In qualitativer Hin- 
sicht läfst sie indes sehr zu wünschen übrig. 

Um möglichst viel Kugeln in das Schrapnel aufzunehmen, hat man 
diese zu leicht gemacht, sodafs schon auf 3000 m die Durchschlags- 
kraft so gering ist, dals nur ein kleiner Teil das beschossene Ziel 
durchschlägt. Gegen Truppen auf dieser oder gröfserer Entfernung 
kann das französische Geschütz nicht mehr nennenswert wirken. 

Der Kasten der Protze öffnet sich nach aufwärts. 

Der Raddurcbmesser ist wie beim alten Material System de Bange 
1,45 m. Höhe und Gewicht unbedeutend geringer als bei diesem. 

Das Gewicht des abgeprotzten Geschützes dürfte 1230 kg be- 
tragen. 

Das 4. und 5. Heft der kriegstechnischen Zeitschrift enthält 



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346 



Umschau auf railitärtechnischem Gebiet. 



unter der Aufschrift: „Die französische Feidartillerie* eine Reihe von 
Angaben Uber das neue Material, die grofse Wahrscheinlichkeit, wenn 
nicht Sicherheit besitzen und in den Hauptsachen mit dem schwe- 
dischen Artikel harmonieren. Verfasser hat den geschichtlichen Weg 
eingeschlagen und die Angaben nach der Zeitfolge, wie sie bekannt 
geworden sind, aneinander gereiht. 

Es wird auch hier hervorgehoben, dafs ein hoher Wert auf 
die Beseitigung des Rücklaufs und die unveränderliche Stellung des 
Geschützes beim Schiersen gelegt ist. Als drittes Mittel zur Errich- 
tung des Zweckes ist ( aufser Rohrbremse und Sporn) der Gleitschub 
angegeben (vergl. Umschau von März 1900). Es wird hier eine 
grolse Kompliziertheit in Kauf genommen , um die nahezu unveränder- 
liche Stellung der Laffete zu erreichen. Ahnlich wie in Deutschland 
hat man die Seitenrichtmaschine. Als Totalgewicht des Geschützes 
wird nach einer französischen Quelle 1750 kg bei nur 24 Schuls in 
der Protze angenommen. Die Geschütze haben keine Acbssitze, da 
die Bedienungsmannschaften zum Teil auf den Munitionswagen unter- 
gebracht werden. Das Geschofsgewicht wird zu etwas Uber 6 kg, 
die Geschwindigkeit zu 500 m höchstens angenommen. Das Scbrapnel 
bat den DoppelzUnder. Man wendet verbundene Munition au. 

Im sechsten lieft der kriegstechnischen Zeitschrift stellt General 
H. Rohne auf Grund der annähernd bekannt gewordenen Werte von 
Geschofsgewicht (6,3 kg) und Geschofsgeschwindigkeit (500 m) eine 
Berechnung der Wirkungsverhältnisse in Form einer abgekürzten 
Schulstafel unter Vergleich mit dem deutschen Feldgeschütz 96 an. 
Ein nicht erheblicher Unterschied ist durchweg zu Gunsten des fran- 
zösischen Geschützes vorhanden. Rohne hält diese kleine ballistische 
Überlegenheit für praktisch ganz ohne Bedeutung, dagegen die Kon- 
struktion des Geschosses von viel grölserem Einflufs auf die Wirkung; 
erachtet es nicht für ausgeschlossen, dals die Verwertung des fran- 
zösischen Schrapnels in Bezug auf Kugelzahl noch günstiger ist 
als die des deutschen. Die angeblich geringe Durchschlagskraft 
der Schrapnelkugeln auf grolsen Entfernungen hält er lediglich für 
eine Folge des jetzt üblichen Streuverfahrens, bei dem man mit 
Sprengweiten bis 400 m und darüber rechnen mufs. 

Wir geben im Folgenden die abgekürzte Schufstafel wieder. 
Die eingeklammerten Zahlen sind für das deutsche Geschütz errechnet 

Gelegentlich der Entsendung von 4 Batterien der Marine-Artillerie 
nach China stellte sich heraus, dals die Marine-Feldbatterien noch 
nicht das Schnellfeuer-Feldgeschütz C/97 haben. Die entsandten 
Batterien sind als Gebirgsbatterien mit dem bisherigen Material von 
80 mm ausgerüstet. Im Marine- Ministerium wurde der „France 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



347 



Ent- 
er- 
ic 

i 

m 


Abgangs- 
winkel 

Grad Min. 


Kallwinkel 
| Grad Min. 


Flugzeit 

Sek. 


Bestriche- 
ner Raum 
für 1 m 
ZielbUbe 


Endge- 
schwindig- 
keit 

in 


Bewegungs- 
arbeit 

mt 


0 













600 
(466) 


80,3 

(iö) 


1000 


1 18 

[\ 82) 


1 82 
(1 48) 


2,3 
(2,4) 


88,1 
(81,3) 


899 

(869) 


51,1 
(47,2) 


2000 


8 6 

(3 87) 


4 7 
(4 43) 


6,0 
(5,4) 


14,0 
(12,2) 


829 
(810) 


84,8 

/ {%£% tü\ 

(38,8) 


sooo 


5 26 
(6 15) 


7 49 

(8 42) 


8,8 
(8,8) 


7,4 
(6,6) 


291 

(279) 


27.2 
(27) 


4000 


8 21 
(9 81) 


12 88 
(18 81) 


12,0 
(12,7) 


4,5 
(4,2) 


267 
(256) 


22,y 
(22,9) 


5000 


11 49 

(18 26) 


17 86 

(19 22) 


16,1 
(17,1) 


8,1 
(2,8) 


247 
(287) 


19,6 
(19,5) 


6000 


16 1 
(18 11) 


24 2 
26 80 


20.8 
(22,1) 


2.25 
(2,0) 


280 
(220) 


17,0 
(16.8) 



militaire" (v. Nr. 4902) die Ausknnft, es gebe io Frankreich noch 
gar kein Schuellfeuergescbütz fUr die Gebirgs- Artillerie. 
Man habe bis jetzt Uberhaupt noch kein Verfahren, Rohr und 
Laffete eines Schnellfeuergeschlitzes so zu trennen, dafs es mög- 
lich sei, beides auf verschiedenen Maultieren zu transportieren. Zahl- 
reiche Offiziere arbeiten an dem Problem, ohne bisher eine Lösung 
gefunden zu haben. Auf ein einziges Maultier kann man das ganze 
Geschütz nicht laden, wenn man nicht auf ein Kaliber von 40 mm 
herabgeht, oder auf ein noch kleineres. 

Es tritt hier wieder ein Nachteil der hydropneumatischen Bremse 
zu Tage, welche die Trennung von Rohr und Laffete ausschliefst. 
Man sieht aber zugleich, wie weit man in Frankreich mit der Neu- 
bewaffnung noch zurllck ist. 

Bei den in der Beauce bevorstehenden Manövern gedenkt man 
einen Automobil-Train zu versuchen, der vom Genie -Oberst 
Kenard, Kommandeur der Luftschiffer-Abteilung von Chalais, erfunden 
ist. Bisher war das Gewicht des bewegenden Mechanismus hierfür 
ein Hindernis. Um eine lange Reihe von Lastwagen zu ziehen, be- 
durfte es mächtiger Maschinen, welche eine grofse Adhäsion an die 
Stralsenbahn besitzen. Man mufste aulserdem dem Zuge einen festen 
Zusammenhalt geben, um Ablenkungen, heftige Stöfse und Fallen in 
die Seitengräben der Strafse zu vermeiden. Das Etablissement in 
Chalais versuchte, einen leichten Motor herzustellen für die Luftschiff- 
fahrt. Es gelang, eine leichte Maschine von gleichzeitig hoher Kraft her- 



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348 



Umsoban auf militärtechnischem Gebiet. 



zustellen und sie für ein Automobil zu verwenden, dabei dem Zag von 
30 Wagen die nötige Elastizität nnd Kobäsion zu geben, welche die 
U beistände vermeiden lassen. Eine ingeniöse und solide Verbindung 
mittelst einer Schraube bewirkt, dafs jeder einzelne Wagen des 
Zugs der von der Lokomotive angegebenen Richtung folgt, sowohl 
in gerader Linie als in der Kurve. (Riv. di artigl. e genio April 
nach France mil. 12. IX.) 

Der „Engineering" vom 16. und 23. Februar enthält die Be- 
schreibung der Haupt-Typen von Verschwindlaffeten der Finna 
Schneider-Canet Wir begnügen uns mit der Aufzählung und 
mit einigen Abmessungen. 

Laffete für die 9 cm Kanone, 

n n n 12 n n 

„ „ „ 15 „ Haubitze, 
„ „ den 15 n Mörser, 
„ „ die 15 „ Kanone, 

r> n n 24 „ „ 
97 

n n n - 1 n n 

„ „ r 12 und 15,5 cm Haubitze. 

Anfangs- Sektor des Schosses 
Benennung Gewicht in kg geschwindig- vertikal horiz. 

Rohr, Laflete, Gescboss keit in m Grade 

9 cm Kanone 530 1200 8 460 — — 

12 „ „ 1400 4000 21 500 + 360 

15 „ Haubitze 820 2200 32 300 0 bis 60 360 

15 „ Mörser 440 1800 32 200 0 bis 60 360 

12 „ Haubitze 520 2300 20 300 0 bis 60 360 

15,5 cm „ 1100 3000 40 300 0 bis 60 360 

15 cm Kanone 2750 6500 35 520 + N>Wa 360 

24 „ „ 22200 12400 150 820 + i 6 6 bi9 360 

27 „ r 21720 61300 216 580 + i_ 5 6 bi8 360 

(Rivista di artigl. e genio. März.) 
Die Bewaflnung sämtlicher Dragoner-Regimenter mit Lanzen 
scheint beschlossene Sache. Nach dem Vorgang von Deutschland 
hatte man zunächst die Dragoner-Regimenter der Kavallerie- Divi- 
sionen mit Lanzen bewaffnet Unterm 8. Februar wurde die Bewaffnung 
von acht weitem Regimentern angeordnet. Sieben Regimenter stehen 
noch aus, von denen man es demnächst erwartet. 

III. Österreich-Ungarn. 

Hinsichtlich der Annahme eines neuen Feldgeschützes ist 



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Umschau auf inilitärtechniächem Gebiet. 



849 



noch keine Entscheidung getroffen; es läfet sich anch noch nicht 
übersehen, ob die Rohre aus Stahlbronze oder aas Stahl hergestellt 
werden sollen. Die Versuche sollen indes schon ziemlich weit fort- 
geschritten sein. 

Nach dem Pester Lloyd hat dagegen die Frage einer Schnell- 
feuerkanone fiir die Gebirgs- Artillerie bereits ihre Lösung gefunden. 
Nach langen und mühevollen Versuchen ist das Modell der neuen 
Gebirgskanone festgestellt worden. Im Wiener Arsenal wird eifrig 
daran gearbeitet, um das Material noch bei den diesjährigen grofsen 
Manövern prüfen zu können. (Rivista di artigl. e genio, Mai 1900.) 

Vor einer Kommission unter dem Vorsitz des Kavallerie-Inspektors 
fand am 20. Juni in einem Donau-Arme eiue taktische Übung mit den 
aus Aluminium hergestellten Kavallerie-Flufs-Übersetzungs- 
Pontons nach dem System des Rittmeister Frhr. de Vaux und Haupt- 
mann de Vall statt. Die Erfindung wurde als äufserst praktisch und 
vielversprechend bezeichnet. Die Pontons lassen sich nicht nur zu 
einer fliegenden Brücke verbinden, sondern ebenso leicht zu einer 
Übergangsbrücke. Bei der grofsen Leichtigkeit der Pontons und der 
zu ihTem Transport eigens konstruierten, besonders praktischen Wagen 
geht auch bei schwierigen Geländeverhältnissen die Auffahrt im Galopp 
vor sich. Mau wird viel Zeit und Kraft ersparen und es ist mit Sicher- 
heit anzunehmen, dals mit der Zeit die schwerfälligen Eisenpontons 
ganz verschwinden werden. (Wiener „Militär-Zeitung" Nr. 55). 

IV. Italien. 

Nach der „Italia militare e marina" hat man in Turin Versuche 
mit einem neuen Explosivstoff Cosmos" angestellt, der vom Ar- 
tillerie-Oberst Cornara di Cannelli von Asti erfunden ist. Es 
gründet sich auf die Detonation des stark verdichteten Wassers in 
einem Recipienten, das durch Elektrizität zersetzt wird. Die Ex- 
plosivkraft soll 28 mal stärker als die des Dynamits und 56 mal 
stärker als die des Pulvers sein. Der Cosmos soll nur sehr wenig 
kosten und erlaubt angeblich Ergebnisse zu erlangen, welche den 
Bedürfhissen genau angepalst sind. Weiteres bleibt abzuwarteu. 

In den Artillerie-Belagerungs-Parks wurde ein Schlitten mit 
Rollrädern (voiture-traineau) eingeführt, welcher schon seit langer 
Zeit zum Transport der Gebirgs- und Marine-Geschütze dient. Der- 
selbe soll in der Belagern ngs- Artillerie zu Transporten auf Maultier- 
wagen angewandt werden. Die Rollräder dienen für gewöhnliche 
Wege und auf Feldbahnen. 

Der Schlitten ist 2,31 m lang, 1,05 ra breit, die Räder haben 
32 cm äufsern, 27 innern Durchmesser, das Geleise ist 73,6 cm breit. 

(Rev. d'artill. Mai 1900.) 



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Umschau auf militärtechnischem Hehiet. 



Das selbstthätige Gewehr des Hauptmann Cei vom 
3. Bersaglieri-Regiment wurde zuerst 1895 bekannt Gewicht (6 kg) 
und Länge der Waffe waren noch zu erheblich. Der selbstthätige 
Mechanismus zählte nicht weniger als 27 Teile und erlaubte nicht 
das Einzelfeuer. Ein neues Modell ist aus dem Italienischen M/91 
direkt abgeleitet. Das Gewicht ist 3,5 kg, der Mechanismus bat nur 
3 wenig empfindliche Teile und ist seitlich angebracht. Zerlegen 
und Zusammensetzen geht leicht und rasch vor. Einzelfeuer ist ebenso 
zulässig wie Repetierfeuer. Zum Umstellen dient ein Hebel an der 
linken Seite des Griffs. Schliefeen wie Abfeuern werden durch den 
Abzug bewirkt. Im Repetierfeuer verhält sich die Waffe wie ein 
Maschinengewehr. Die Feuergeschwindigkeit ist so grols, dafs man 
keine Bewegungen des Verschlusses mehr bemerkt. Die leeren 
Hülsen fallen 7 bis 8 m rechts seitwärts des Schützen nieder. 

Cei schlägt vor, Abteilongen von 50 Infanteristen mit seinem 
Gewehr zu bewaffnen, welche den entscheidenden Angriff unterstützen 
sollen. (Rev. d'art. Juni 1900, nach Esercito italiano.) 

Im Lager von San Maurizio fanden am 17. Juni Scbiefs- 
übungeu der Festungs- Artillerie aus verschiedenen Geschützkalibern 
gegen einen Fesselballon auf verschiedene Entfernungen statt. 

Bei der ersten Übung feuerte eine 9 cm Ausfall batterie gegen 
einen Ballon in 300 m Höhe auf 3000 m; mit einem einzigen 
Schrapnelschusse wurde der Ballon niedergelegt. 

Bei der zweiten Übung schofs eine Batterie von 12 cm Bronze- 
Positionskanonen gegen einen Ballon von 300 m Höhe auf 5000 m 
Entfernung; nach 7 Schufs war das Kabel durchschlagen und der 
Ballon nahm seinen freien Weg in den Lüften. 

Bei der letzten Übung mit 15 cm Kanonen war die Entfernung 
über 6000 m; nach wenigen Schüssen war dasselbe Ergebnis wie 
vorher. Der Versuch wurde als erfolgreich bezeichnet. (L'Italia 
militare e marina 20. Juni, Nr. 139.) 

V. Grofsbritannien. 

In Portsmouth haben interessante Schiefsversuche seitens des 
Schlachtpanzere „Majcstic" gegen ein ausrangiertes Panzerschiff 
,,Belleisle" stattgefunden. Belleisle ist 1 876 gebaut, hat ein Central- 
Reduit und einen Tonuengehalt von 4870. Er soll nie viel wert ge- 
wesen sein. Die Mannschaft verliefs das Schiff mit noch im Gang 
befindlicher Maschine und mälsiger Fahrgeschwindigkeit. Alles war 
klar zum Gefecht gemacht, die Mannschaften durch Scheiben angedeutet. 

Der „Majestic" ist ein Panzer von 15 140 t mit folgender Aus- 
rüstung : 



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Umschau auf rnilitärteohnisohem Gebiet. 



851 



4— 12zÖllige Kanonen (30,5 cm), 
12— 6zöllige Schnellfener-Kanonen (15,2 cm), 
16— 12- Pfänder (7,5 cm) Denen Modells, 
12—3 „ (4,7 cm); 
8 Maxim-Maschinengewehre von 12 mm, 
5 Torpedo-Lanzierrohre für Whitehead von 45,5 cm. 
Ausrüstung: 14 120 Schuls, davon 400 der grofsen Kaliber. 
In 5 Minuten lassen sich abgeben : 
Breitseite 1 141 Schufs, davon 16 von 30,5 cm, 
Längsrichtung 458 Schufs, davon 8 von 30,5 cm. 
Auf 1700 Yards (1650 m) wurde 8 1 /, Minute lang gefeuert, und 
zwar eine erhebliche Zahl von Geschossen jeglichen Kalibers. Dann 
löschte man die Feuer des Belleisle und schleppt ihn auf die Rhede. Die 
Schiffskörper und die Decke waren wie ein Sieb durchlöchert, doch 
ist das Schiff nicht gesunken. Die Panzerplatten des Turms waren 
nicht zertrümmert. Mau sollte lieber auf die alten Ideen zurück- 
kommen und die Schiffe mit Platten von regelmätsiger Stärke 
schützen, statt Uber der Wasserlinie sehr starke Platten anzubringen 
und das übrige so gut wie ohne Schutz zu lassen, schon einem Ge- 
schofs mittleren Kalibers zur Beute dienend. Nur ein Geschofs hat in 
die Nähe der Wasserlinie getroffen. Keinerlei Brand an Bord ist 
entstanden, zur grofsen Verwunderung der Zuschauer; nur in einer 
Zelle hatten Kleidungsstücke Feuer gefangen. Das Holz war aber 
unversehrt geblieben, wenn es auch an einzelnen Stellen zertrümmert 
war. Nach den Ergebnissen der Kämpfe von Santiago de Cuba, wo 
die spanischen Schiffe durch die amerikanischen Geschosse rasch in 
Brand gesteckt worden waren, ist das Ergebnis von besonderem 
Interesse. Nach einem Artikel der Times scheinen die Versuche nicht 
mit viel Methode ins Werk gesetzt worden zu sein, noch auch die 
Ergebnisse geliefert zu haben, welche man hätte erlangen können. 
Mit einem ähnlichen Schiff, wie der „Belleisle", dem „Orion" denkt 
man die Versuche fortzusetzen. (Revue du cercle milit. 16. Juni, 
Nr. 24.) 

Die englische Regierung hat eine grofse Anzahl von automo- 
bilen Transport-Fahrzeugen auf den Kriegsschauplatz in Süd- 
Afrika entsandt Die Wagen haben ein Gewicht von 15 t und 
können 30 bis 40 Meilen (50 bis 65 km) täglich machen, bei einer 
Belastung von 40 t und unter MitfUhrung des für einen Weg von 
27 km nötigen Wassers. Für eine Last von 40 t würde man sonst 
560 Maultiere auf 3 Tage bedürfen, mithin ist jedes mechanische 
Fahrzeug 1680 Maultiere wert, wobei noch die Nahrung für Tiere 
und Treiber unberücksichtigt bleiben. Man hat vorher sehr an- 



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352 



Umschau auf militärtechni.schem Gebiet 



greifende Proben mit den Fahrzeugen angestellt, auch im schwierigen 
Gelände. — In Neu-Seeland und in Australien benutzt man den 
mechanischen Zug mit Erfolg zum Transport der Wolle. (Rev. d'art. 
April 1900, nach Army and Navy Journal Nr. 1905.) 

Auf dem Schiefsplatz bei Shoeburyness wurde Ende v. J. und 
Anfangd. J. 6 Schnellfeuer-Feldgeschütze der Firma Vickers. 
Sons and Maxim., die als Material für eine reitende Batterie geliefert 
waren, Versuchen unterworfen. Der „Engineer" (v. Wiener Mil.-Z. 
Nr. 23, 28. Juni) beklagt die geringen Fortschritte der britischen 
Artillerie. Die Firma hat sich danach nicht bemüht, den Anforde- 
rungen der Armee nachzukommen. Die Batterie ist kaum besser als 
eine der gegenwärtig bei der Armee im Gebrauch stehenden, trotzdem 
man der Firma auch im Kaliber freie Hand gelassen, so dals andere 
Munition verwendet werden konnte als bei jenen. Es ist Vickers 
zwar gelungen, einige Verbesserungen einzuführen, wie die Rücklaut- 
hemmung, aber zu praktischen Zwecken thut das in der Armee ein- 
geführte Geschütz dieselben Dienste und es erscheint kaum fraglich, 
dals die Artillerie-Offiziere das eingeführte Geschütz dem von Vickers 
vorziehen werden. Der Engineer klagt dann Uber die zerstörende 
Wirkung des Cordit im Geschützrohr. Ein 15,2 cm und ein 7,6 ein 
Geschütz hätten aus Afrika zurückgesandt werden müssen behufs 
Wiederherstellung. Bei der 15,2 cm Kanone habe man Löcher von 
der Dicke und Länge eines Fingers in der Seele gefunden, bei der 
7,6 cm Kanone seien die Ausbrennungen nicht so tief, aber immerhin 
beträchtlich gewesen. 

VI. Belgien. 

Der Stand der Feldgeschützfrage ist in der Juni-Umschau 
kurz geschildert. Nachtolgendes der „Revue de 1'armee beige" (Januar, 
Februar 1900) Entnommene diene zur Ergänzung. 

Belgien hatte sich von Anfang an damit begnügt, die Kon- 
struktionen der Gesellschaft Nordenfeit (Paris), welche von Cockerill 
in Seraing vorgelegt wurden, zu prüfen und der Entwicklung der 
Frage aufmerksam zu folgen. 1896 wurde in Brasschaet ein Ge- 
schütz mit centraler Schraube versucht, die Laifete hatte hydraulische 
und Radbremse, Geschofsgewicht 5,85 kg, Geschofsgeschwindigkeit 
480 m. 1897 kam ein Geschütz mit excentrischer Schraube zur 
Prüfung, die Laffete von verbesserter Konstruktion, Geschofsgewicht 
6,25 kg, Geschofsgeschwindigkeit 500 m. Das Rohr war 33 Kaliber 
lang (C/96 nur 30). 

Keines der beiden Systeme genügte den belgischen Artilleristen. 
Man hielt es aber fUr angebracht, einen Wettbewerb zu eröffnen und 



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Umschau ani militärteehnischem Gebiet 



353 



die fremden Fabrikanten einzuladen. Bedingung war Abhaltung der 
Versuche in Belgien und eventuell die Herstellung im Lande. 

Drei fremde Bewerber hatten sich eingefunden, sie werden nicht 
genannt, doch ist Schneider (Creusot) und St Chamond darunter. 
Alle Laffeten waren mit Rücklauf innerhalb der Laffete (ä defor- 
mation), Kaiiber 7,5 cm, Geschofsgewicht 6,5 kg. 

C. Nordenfeit hatte kurzen Rohr-Röcklauf und einen kleinen 
Sporn unter dem Laffetenschwanz, um der Unterlaffete Halt zu ge- 
währen, zu dem noch die Radschuhe beitrugen. Das Bestreben von 
Nordenfeit ging dahin, sich vom Sporn ganz frei zu machen. Langer 
Rohr-Rücklauf und tiefeingreifender Sporn haben etwas bestechendes 
wegen der Stabilität bei gewöhnlichem Boden. Dies traf auch bei 
der Kommission zu, als Cockerill-Nordenfelt eine starre Laffete, ohne 
Sporn, ohne Flüssigkeitsbremse vorführten. Die Gescholsgesch windig- 
keit war auf 525 m gebracht Die neue Laffete läuft auf gewöhn- 
lichen) Boden 1 m zurück und geht dann wieder vor; im Sand, 
auf Sturzacker ist der Rücklauf viel geringer. Die an festgestellte 
Laffeten gewöhnte Kommission war zuerst verdutzt, sie war es 
aber noch mehr, als Feuergeschwindigkeiten vou 14 Schufs in der 
Minute erreicht wurden. Die komplizierten Konstruktionen, wie 
Flüssigkeitsbremsen, tief eingreifender Sporn werden entbehrt und die 
Abhängigkeit vom Boden nimmt ab. Seitendrehung der Laffete ist 
erleichtert. Die Frage, welchem der beiden Systeme der Vorzug ge- 
bührt: das eine weniger stabil, aber unabhängig vom Boden, das 
andere an diesen gebunden, aber fast unbeweglich, verdiente eine 
ernste Erwägung. Eine neue Kommission unter einem Artillerie- 
General wurde berufen, Mitglieder waren der bisherige Vorsitzende, 
ein Oberst der aktiven Armee und die Direktoren der Geschütz- 
gielserei, der Artillerie-Werkstatt und des Feuerwerks-Laboratoriums. 

Die erste Kommission hatte aulser Fahrversuchen Prüfung auf 
Sicherheit bei grofsem Gasdruck, Feststellung der Ladung, Präcisions- 
scbielsen und Prüfung der Feuergeschwindigkeit auf 1500 m, 3000 m, 
4500 m und in verschiedenem Gelände als Programm. 

Die zweite Kommission wollte hauptsächlich geteilte und starre 
Laffeten vergleichen, unter Zugrundelegung der Verhältnisse des 
Krieges. 

Man versuchte Schiessen am Hang, auf Pflaster und besonders 
Schnellfeuer gegen bewegliche Ziele oder mit Zielwechsel. 

Die Ergebnisse sind nicht offiziell bekannt gemacht, der Ver- 
such war aber entscheidend. Nur die starre Laffete ohne Sporn er- 
laubte den raschen Zielwechse). Der Verschluls Nordenfeit mit 
excentrischer Schraube ergab keine Anstände, weder Unreinigkeit 

J&hrbftcher für die deutsch« Armee und M&rine. Rd. 116. 3. 24 



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354 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



noch Feuchtigkeit beeinträchtigten den Gang, platzende Hülsen ver- 
ursachten keine Unterbrechung des Feuers. 

Auf Anlafa der zweiten Kommission ist eine Batterie von 6 Ge- 
schützen, 3 Munitions wagen bei Cockerill in Seraing bestellt, sie wird 
im September fertig sein. 

Der Bericht hebt hervor, wie Leichtigkeit, Präcision und Sicher- 
heit Grundbedingungen für alle Systeme sind, Solidität und Einfach- 
heit sichern lange Dauer und bilden einen Hauptvorzug der starren 
Laffeten, geteilte können die Standfestigkeit auf dem Boden nur durch 
komplizierte Organe erlangen. Die Feuergeschwindigkeit der starren 
Laifete beträgt im Mittel 10 bis 12 Schufs in der Minute mit genauem 
Richten. Zielwechsel, Feuer gegen bewegliche Ziele ist erleichtert. 
Wenn in besondern Fällen einmal 15 bis 20 Schuls vorteilhaft er- 
scheinen, so kann man daraufhin doch nicht die ganze Konstruktion 
basieren, wenn erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen sind. 

Aus der Beschreibung entnehmen wir noch folgendes, indem wir 
im übrigen auf die Umschau Dezember 1899 verweisen. 

Das Mantelrohr ist aus Nickelstahl. Visierlinie links. Der Auf- 
satz hat grobe und feine Bewegung, er ist mit Libelle versehen. 

Die excentrische Verschlutsschraube hat ihre Drehachse unter- 
halb der Rohrachse. Die Gewinde haben, bis auf eine schmale Stelle, 
die die Reinigung erleichtern soll, keine Unterbrechung. Die Schraube 
tritt nicht aus dem Gewinde oder dem Rohre heraus. Das Schlofs 
ist nur beim Abfeuern in gespannte